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RFDS (heute) - Teil 1 - Das Team findet sich neu

von COHO
Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Familie / P12 / Gen
Dr. Geoff Standish Kate Wellings/Standish
05.03.2016
05.03.2016
4
17.001
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05.03.2016 6.345
 
Eine alte Geschichte



„Hey dahinten. Alles fertig machen zur Landung.“ Sue begann den Sinkflug einzuleiten.

„Okay Sue.“ bestätigte David. Kevin und Fran schlossen bereits ihre Gurte und begannen ihre Sachen zusammen zu packen.

„Ach David. Was würdest du heute Abend von einem kleinen Ausritt halten?“ Kevin sah seinen Neffen an.

„Klar, gerne.“

„Das ist immer das Schönste, wenn wir auf den Farmen übernachten. Ich liebe es durch die weite Landschaft zu reiten. Dann kann ich richtig abschalten.“

„Kommst du auch mit Fran?“ David wandte sich fragend nach der Krankenschwester um, die hinter ihm saß.

„Oh, nein danke. Ich kann nicht reiten.“

„Dann müssen wir es dir in der nächsten Zeit aber unbedingt beibringen. Hier draußen leben und nicht reiten können. Das kann nicht sein.“

Sie lächelte David nur ängstlich an. Kevin lachte vor sich hin und schaute aus dem Fenster. Er hatte auch schon versucht Fran auf ein Pferd zu setzen…

Das Flugzeug setzte auf der sandigen Piste auf. Sue bremste vorsichtig die leicht schlingernde King Air II ab und ließ sie, auf den wartenden Wagen am Ende der Piste hin, ausrollen.

Als sie standen öffneten die Passagiere die Gurte. Die Ärzte nahmen ihre Taschen auf und begaben sich nach vorne. Kevin öffnete die Flugzeugtür und stieg aus. David folgte ihm. Fran holte die Kisten hervor, die sie für die Sprechstunde benötigten und stellte sie in die Tür.

Kevin nahm sich die erste Beste und ging auf den wartenden Wagen zu.

„Hallo Bob.“

„Hey Kevin. Was für ein hoher Besuch in unserem bescheidenen Heim.“

Kevin lacht, stellte seine Taschen auf die Ladefläche ab und drücke seinem Freund herzlich die Hand.

„Ja. Es ist immer wieder eine Freude bei euch zu sein. Ich habe das Gefühl, dass Geoff mich immer für euch einteilt.“

„Er weiß eben, wie er seine Leute bei Laune halten kann.“ Bob Cadman lebte mit seiner Frau Marie auf Blue Kangaroo. Die Farm hatte ihren Namen von den vielen blau-grauen Kängurus, die sich in dieser Gegend gerne aufhielten. Der Hauptgrund dafür waren die kleinen Wasserlöcher, die es hier in großer Zahl gab.

„Wie geht es Felicitas?“

„Sehr gut. Sie wäre am liebsten mit herausgekommen. Aber sie hat Schule.“

„Dann kommt ihr halt einfach zwischendurch mal ein Wochenende heraus.“

„Keine schlechte Idee. Das würde Feli bestimmt gefallen.“

„Oh, da ist ja unser neuer Doktor.“ Bob hielt David seine Hand hin. „Hallo David. Schön, dass du wieder hier bist.“

„Danke Bob. Ich bin auch froh wieder hier zu sein. Ich habe das Outback vermisst.“

„Deine Eltern freuen sich sicher sehr. Gleich zwei ihrer Kinder sind wieder zurück. Wie geht es Scarlett?“

„Ihr geht es gut, danke.“

„Dann passt bloß auf. Ich sage es euch als guter Freund. Es wird viel gemunkelt, dass Geoff seine Finger mit im Spiel hatte und euch die Stellen besorgt hat.“

„Das ist völliger Blödsinn Bob. Geoff hat sich sogar dagegen gewehrt…“ Kevin konnte es nicht fassen. Die Menschen hier draußen hatten auch nichts Besseres zu tun, als sich über Andere das Maul zu zerreißen. „Und das Schlimmste ist, das Simon ab nächsten Monat auch offiziell zu unserem Team gehört.“

„Dann seit ihr ja ein richtiges Familienunternehmen.“ Bob lachte über die ernsten Gesichter seiner Gäste.

„Wir werden etwas unternehmen müssen David. Ich werde sofort versuchen Geoff zu erreichen. Vielleicht bringt es etwas, wenn wir den Menschen hier sofort Bescheid sagen, wie sich alles wirklich verhält.“

„Ist gut. Wir werden inzwischen den Wagen beladen.“ Die drei Männer gingen zurück zum Flugzeug. Während Kevin wieder in die King Air II einstieg und sich vorne neben Sue setzte, schleppten David, Bob und Fran die restlichen Sachen zum Wagen.



„Also…“ Kevin war aus dem Flugzeug gesprungen und gesellte sich nun wieder zu seinen Kollegen und Bob Cadman. „Geoff findet auch, dass wir mit der Wahrheit am Weitesten kommen werden. Während wir hier mit den Leuten reden, will er in Coopers Crossing für heute Abend eine Versammlung in der Gemeindehalle einberufen. Und zusätzlich für die Farmen eine Funksprechstunde Morgen Vormittag ansetzen. Scarlett soll heute immer wieder darauf hinweisen. Mehr können wir nicht machen.“

„Eigentlich kann es euch doch egal sein, was die Leute denken.“ Wandte Cadman ein.

„Nein Bob. Sie würden uns nicht mehr vertrauen.“

„Dann lasst uns fahren…“ Cadman ging um seinen Wagen herum. „Wann willst du mit den Leuten reden Kevin? Sofort am Anfang?“

„Ich denke, wir sollten es auf die Pause verschieben. Bis dahin werden alle gemeldeten Patienten von heute eingetroffen sein und die Anderen bitten wir bis zur Pause zu bleiben.“

„Okay. So machen wir es.“



Kevin nahm den letzten Schluck Kaffee aus seinem Becher, stellte ihn auf den Tisch und betrat die etwas höher gelegene Veranda.

„Wenn ich Sie jetzt mal für einen Augenblick um Ihre Aufmerksamkeit bitten dürfte!“

Rasch kehrte unter den Menschen Ruhe ein. Schon den ganzen Morgen wurde über die neue Personalbesetzung beim Ärztedienst geredet. Viele waren schon frühmorgens eingetroffen, um sich mit ihren Nachbarn über die Neuigkeiten beim RDFS auszutauschen.

„Vielen Dank, dass sie sich die Zeit genommen und gewartet haben.

Uns ist zu Ohren gekommen, dass man uns verdächtigt, für die Neubesetzung der Stellen beim RFDS mitverantwortlich zu sein. Nun, dem ist nicht so!

Wir werden die Entscheidungen, die Sydney für uns getroffen hat, akzeptieren müssen! Denn wir sind stolz auf die jungen Leute, die unser Team nun bereichern werden. Sie haben bereits sehr viel erreicht. Nichtsdestotrotz sind sie direkte Verwandte von Kate und Geoff, und auch von mir. Aus diesem Grund hat sich mein Bruder gegen die Entscheidung, David in unser Team aufzunehmen, gewährt. Wie sie vielleicht schon gehört haben, ist jetzt ein neuer Mann in Sydney für uns verantwortlich. Er will unsere Gründe anscheinend nicht verstehen und lehnt jede Einmischung oder Mitbestimmung grundsätzlich ab.“

Der Blick des Arztes wanderte von einem Gesicht zum Nächsten. Er konnte in den Meisten viel Verständnis sehen. Ermuntert fuhr er fort.

„Scarlett haben sie uns einfach geschickt. Wir wussten bis zu ihrer Ankunft nichts von unserem neuen Funker. Und um es komplett zu machen: Simon kommt einen Tag später als seine Geschwister in Coopers Crossing an und erklärt uns, dass er der zweite neue Arzt ist. Die meisten von Ihnen werden meinen Bruder als einen ruhigen, besonnenen Menschen kennengelernt haben. Ich habe es auch noch nicht oft erlebt, aber an diesem Tag ist Geoff die Galle übergelaufen.

Nun, das Telefongespräch mit Sydney möchte ich hier lieber nicht wiedergeben…

Wenn es noch weitere Fragen geben sollte, sind wir alle gerne bereit sie zu beantworten. Morgen Vormittag können diese auch über Funk gestellt werden.“

Kevin wartete. Leises Gemurmel war unter den Anwesenden zu vernehmen, aber keiner meldete sich.

„Nun, anscheinend haben Sie momentan keine Fragen. Sie können uns aber jederzeit noch darauf ansprechen. Vielen Dank für ihre Aufmerksamkeit!“ Kevin atmete tief durch. Reden vor so vielen Menschen halten, war nicht sein Ding. Seine Stimme senkend, wandte er sich seinem Neffen zu.

„Komm David. Weiter geht’s.“

Damit verschwanden die Ärzte wieder im Haus und Fran rief die beiden nächsten Patienten auf.



Früh am nächsten Morgen fanden sich Geoff und Kate in der Zentrale ein. Vor der täglichen Funksprechstunde hatten sie heute die Fragestunde am Funk angesetzt.

Der Abend in der Gemeindehalle war ruhig verlaufen. Geoff und Kate hatten mit mehr Angriffe gerechnet. Sie hatten den zahlreich erschienenen Einwohnern versucht die Situation zu erklärt. Die Einwohner kannten ihren Doc und Kate schon seit Jahrzehnten. Vielen waren die Gerüchte auch schon zu Ohren gekommen, doch kaum Einer hatte sie für wahr gehalten. Nun waren sie in ihren Meinungen bestätigt worden.

Die Beiden hatten sich in Geoffs Büro zurückgezogen und besprachen noch einmal die wichtigsten Details. Als das Notrufsignal am Funk erklang. Aufmerksam geworden unterbrachen sie ihr Gespräch und gingen in den Funkraum hinüber.

Scarlett hatte mittlerweile den Notrufmelder angefunkt. Sie hörten eine aufgeregte Frauenstimme über den Äther.

„Meine Tochter ist vom Dach gestürzt. Sie müssen ihr helfen.“

„Das machen wir. Beruhigen Sie sich bitte erst einmal.“ Sprach Scarlett ruhig in das Mikrophon. „Geben Sie mir bitte ihre Kennung und ihren Namen durch.“

„Ähm… Echo, Papa, Uniform. Von der Smith-Ranch. Claire Bains, ich bin hier angestellt. Meine Tochter Mia ist vom Dach gefallen.“

„Scarlett“, Geoff machte seiner Tochter ein Zeichen, dass er mit der Frau sprechen wollte und nahm neben ihr Platz. Er drückte den Funkschalter und sprach ins Mikrophon: „Hier ist Doctor Geoff Standish. Mrs. Bains, wie tief ist Mia ungefähr gefallen?“

„Ich… ich weiß nicht… Drei Meter?!“ Kam die wage Antwort.

„Ist sie ansprechbar?“

„Ja.“

„Hat sie sich erbrochen oder ist ihr übel?“

„Nein… Sie hat Schmerzen!“

„Können Sie mir sagen, wo sie Schmerzen hat?“

„In den Beinen. Und sie sagt, es kribbele in den Fingern.“

Geoff sah ernst zu Scarlett hinauf. „Wo ist diese Farm?“

„Ungefähr zwei Stunden Flug in nordöstliche Richtung.“

Geoff nickte verstehend vor sich hin und überlegte kurz. „Sag bitte Andrew Bescheid. Er soll die Maschine klar machen.“

„Was ist mit der Sonderstunde? Können wir nicht die Anderen schicken?“ Fragend sah die Funkerin ihren Vorgesetzten an.

„Das würde zu lange dauern. Die Farm liegt fast in der ganz anderen Richtung. Du musst die Sonderstunde auf heute Abend verschieben. Sie werden es alle interessiert verfolgt haben und werden verstehen, dass der Notfall Vorrang hat.“

Scarlett nickte verstehend und griff zum Telefonhörer.

„Hallo!... So antworten Sie doch… Doktor!?“

Geoff sah zu Kate hoch, diese nickte kurz und ging zum zweiten Telefon.

„Mrs. Bains, wir machen uns sofort auf den Weg. Lassen Sie Mia liegen. Versuchen Sie sie möglich wenig zu bewegen… Haben Sie verstanden?“

„Ja, Doktor.“ Die Stimme erklang ruhiger.

„Gut, Ende.“ Geoff stand auf und holte seinen Koffer aus seinem Büro.

„Julian kommt zum Flugplatz.“ Kate hatte den Hörer gerade aufgelegt.

„Gut, dann bis später.“ Geoff ergriff im Vorbeigehen kurz Kates Hand und schenkte ihr ein Lächeln. Dann eilte er durch den Windfang hinaus und ließ die Tür hinter sich scheppernd zufallen.



Kevin stand am Türrahmen des Farmhauses von Blue Kangaroo gelehnt und hatte dem Funk gelauscht. Jetzt drückte er sich ab und wandte sich zum Gehen. „Scarlett wird das Gespräch auf heute Abend verlegen. Wir können mit der Sprechstunde beginnen.“

Kurz darauf erklang Scarletts Stimme über Funk und verschob das angesetzte Gespräch auf später. Sie bat alle um Verständnis und ließ dann den täglichen Smalltalk beginnen.

Die Leute von der Farm verstreuten sich  und Kevin zog seinen Neffen zu sich heran. „Wir sollten uns etwas beeilen. Es könnte sein, dass Geoff unsere Hilfe benötig.“

David nickte verstehend.



Flugzeugmotoren waren zu hören, dann blitzte die Maschine in den gleisenden Lichtstrahlen der Sonne auf.

„Wir sind da. Schnallt euch an, wir gehen runter.“ Andrew sah kurz in den Fluggastraum und ging dann in den Sinkflug.

Die Maschine setzte auf der Grasfläche, die als Landebahn diente, auf und rollte aus. Ein roter Pickup fuhr auf sie zu und hielt in direkter Nähe zum Flugzeug.

Julian stieß die Tür auf und ergriff den Notfallkoffer.

„Andrew, wir nehmen die Trage sofort mit.“ Geoff folgte Julian hinaus.

„James Smith.“ Der Mann, der den Wagen herangefahren hatte, zog grüßend seinen Akubra und schaute die Neuankömmlinge hilfesuchend an.

„Doktor Geoffrey Standish.“ Stellte sich der ältere Mann vor. „Sie sind noch nicht lange in unserer Gegend, Mr. Smith?“

„Nein. Erst ein halbes Jahr.“

„Wie geht es Mia?“

„Ich weiß es nicht. Meine Frau hat mich auf den Feldern angefunkt und zur Rollbahn geschickt.“

„Dann lassen Sie uns schnell fahren.“ Geoff drehte sich zu seinen Kollegen um. „Haben wir alles?“

„Ja.“ Andrew verschloss gerade das Flugzeug. „Wir können.“

Geoff stieg zu Mr. Smith in das Führerhaus, während Julian und Andrew sich hinten auf die Ladefläche setzten.

Der Wagen rollte einen staubigen und holprigen Weg entlang. Bald konnte Geoff ein Haus in der Ferne ausmachen. Schnell kam es näher.

„Waren Sie schon auf einer unserer Sprechstunden auf Bakkuja oder bei den Stones?“

„Nein. Wir hatten so viel zu tun, dass wir noch keine Zeit erübrigen konnten.“

Geoff nickte verstehend. „Sie sollten eine der nächsten Treffen nutzen, um näher mit ihren Nachbarn bekannt zu werden. Es kommen immer viele, auch wenn sie gar nicht zum Arzt möchten. Der Austausch mit Gleichgesinnten ist ihnen sehr wichtig.“

„Ja, das wäre nicht schlecht.“

„Überlegen Sie es sich.“

Sie waren mittlerweile auf der Farm angekommen. Mr. Smith hielt den Wagen vor dem Haupthaus an. Geoff nahm seinen Koffer, öffnete die Tür und stieg aus.

Die Jungs sprangen von der Ladefläche und schauten sich neugierig um. Als eine Frau um die Hausecke herum kam und ihnen aufgeregt zuwinkte.

„Geoff, dort.“ Julian wies auf die fremde Frau und eilte los.

„Endlich sind Sie da!“ Die Frau war völlig aufgelöst.

„Mrs. Bains?“ Fragend wartete Geoff auf eine Antwort. Die Frau nickte nur kurz. „Ich bin Doktor Standish. Wir haben miteinander gesprochen. Wo ist ihre Tochter?“

Hinter der Gebäudeecke sahen sie ein gut zwölfjähriges Mädchen auf den Boden liegend, das leise vor sich hin wimmerte. Geoff eilte zu ihr und ließ sich neben ihr nieder. Beruhigend lächelte er sie an: „Hallo, ich bin Geoff. Ich bin Arzt bei den fliegenden Ärzten. Und du bist die Mia?“ Er öffnete seinen Koffer und holte sein Stethoskop heraus.

„Ja“, nickte das Mädchen verängstigt.

„Keine Sorge, das bekommen wir schon wieder hin.“ Er wechselte mit dem Krankenpfleger, der sich auf die andere Seite des Opfers niedergelassen hatte, einen kurzen Blick. Was machte ein Kind im Schlafanzug, mit bloßen Füßen auf einem Hausdach.

Julian legte die Blutdruckmanschette an.

„Als erstes werde ich mir dein Herz anhören.“ Geoff lauscht, auch die Lungen hörten sich sauber an. Er legte das Instrument zurück.

„Blutdruck 100 zu 60, Puls 120.“ Gab Julian seine Werte bekannt.

„Okay.“ Geoff nickte und wandte sich dann wieder an seine kleine Patientin. „Mia, tut dir der Kopf weh?“

„Nein.“

Er nahm seine kleine Taschenlampe zur Hand und leuchtete ihr in die Augen. „Ist dir schlecht oder hast du dich übergeben?“

„Nein.“

„Das ist schon einmal gut. Trotzdem werden wir deinen Hals stabilisieren… Julian, wir legen ihr den Stifneck an.“

Mit wenigen Handgriffen hatte Julian den Stabilisator für die Halswirbelsäule zur Hand und gemeinsam legten sie ihn Mia an.

„Brauchst du auch die Vakuummatratze?“ Andrew war herangetreten und stellte die Trage in etwas Abstand auf dem Rasen ab.

„Ja“, Geoff schaute hoch zum Dach, „wir können nicht ausschließen, dass nicht doch etwas an der Wirbelsäule beschädigt wurde.“

„Okay, ich hole alles.“ Andrew machte kehrt und ging zurück zum Wagen.

Der Arzt wandte sich wieder seiner Patientin zu: „Ich werde dich jetzt von oben bis unten vorsichtig abtasten. Wenn es irgendwo wehtut sagst du bitte Bescheid.“ Mia nickte kaum merklich, da sie die Stütze am Hals behinderte. Vorsichtig begann Geoff den Korpus abzutasten.

„Kannst du mal bitte deine Finger bewegen.“

Es waren keine Ausfallerscheinungen zu bemerken. „Gut, nun die Füße. Kannst du mit den Zehen wackeln?“

„Das tut im Bein weh.“ Aber sie ließen sich bewegen stellte Geoff fest.

„Im Linken?“ Mia nickte, langsam verließ eine Träne ihre Augen.

„Keine Sorge Mia, ich schaue mir das Bein sofort an.“ Dabei legte er seine Hand auf die beiden Beckenknochen, doch auch hier war alles stabil.

Geoff hatte schon auf den ersten Blick gesehen, dass das linke Bein gebrochen war. Es lag leicht verdreht auf dem Boden.

Vertrauensvoll lächelte er Mia an.

„Ich werde dir jetzt einen Zugang legen Mia, dann kann ich dir gleich etwas gegen die Schmerzen geben, okay?!“

Mia nickte mit großen Augen.

„Keine Angst, das pickst nur einmal kurz.“ Versuchte Julian Mia vorzubereiten.

„Mrs. Bains“, Geoff sah zu der Mutter hoch, die zusammen mit den Smiths zwei Meter entfernt stand. Beruhigend hatte Mrs. Smith der Mutter den Arm um die Schultern gelegt.

„Ja“, Mrs. Bains trat vorsichtig zwei kleine Schritte näher.

„Reagiert Mia auf irgendetwas allergisch?“

„Nein“, die Mutter schüttelte den Kopf.

„Gut. Ich werde Mia jetzt ein Schmerzmittel geben, damit ich mir den Bruch besser ansehen kann. Eventuell muss ich ihn jetzt gleich noch richten.“

„Aber es geht ihr gut?“ Fragte Mrs. Bains ängstlich.

„Es sieht nicht ganz so schlimm aus.“ Beruhigte Geoff sie. „Das sind alles nur Vorsichtsmaßnahmen, bis wir sie im Krankenhaus geröntgt haben.“

Claire Bains nickte. Doch Geoff war sich nicht sicher, ob sie wirklich verstanden hatte, was er ihr sagen wollte.

„Sie könnten ein paar Sachen zusammenpacken. Selbst wenn nichts mit der Wirbelsäule sein sollte, werden wir sie doch einige Tage im Krankenhaus behalten müssen.“

Mrs. Bains schien nicht zu reagieren. Erst, als Mrs. Smith sie leicht am Arm wegführte, schien wieder Leben in sie zu kommen.

Geoff spritze dem Mädchen unterdessen ein Schmerzmittel: „Mia, es kann sein, dass du jetzt etwas müde wirst. Das kommt von dem Schmerzmittel. Es ist alles in Ordnung.“

Geoff wartete kurz, dann begann er sich den geschlossenen Bruch des linken Beines genauer anzusehen. Die Knochen von Schien- und Wadenbein standen nicht mehr direkt voreinander. Das zeigte auch die erheblich Verkürzung des Beines zum Rechten.

„Das können wir so nicht lassen. Julian, wir werden es richten müssen. Und dann legen wir das Bein in die Luftschiene. Dann bleibt es während des Fluges stabil.“

„Okay.“ Julian stand sofort auf und ging hinter den Füßen des Mädchens wieder auf die Knie. Während er den Fuß des Mädchens ergriff und auf Geoffs Nicken hin die Knochen auseinanderzog, versuchte Geoff die Knochen wieder an die richtige Stelle zu bringen.

„Du kannst langsam nachlassen.“ Geoff beobachtete genau die Lage der Knochen. Sie schienen nicht wieder zu verrutschen. „Das war erfolgreich.“

Geoff warf einen Blick in das Gesicht des Mädchens. Es lag friedlich da, mit geschlossenen Augen.

„Dann machen wir Mia jetzt transportfertig. Wahrscheinlich werden wir den Bruch operieren müssen.“



Kevin saß mit geschlossenen Augen hinten im Flugzeug. Während er hörte, wie sich David und Fran weiter vorne unterhielten, genoss er einige Minuten der Ruhe.

Er versuchte sich an den gestrigen Abend zu erinnern. Erst erschienen nur einzelne Bilder vor seinem inneren Auge. Dann sah er David, wie er versuchte Fran von einem Ausritt zu überzeugen. Doch Fran hatte Angst vor den ‚großen Tieren‘. Er hingegen konnte noch das weiche Fell seiner Stute spüren.

Endlich waren sie aufgesessen. Zusammen mit Bob verließen sie zu dritt die Farm. Kevin erinnerte sich an eine erleichterte Fran, die ihnen zum Abschied lächelnd gewunken hatte.

Die Stunde im Outback hatte er genossen. Er spürte noch die Wärme der untergehenden Sonne auf seiner Haut und konnte das Lichtspiel der vielen bunten Farben sehen. Manchmal fragte sich Kevin, ob er wirklich den richtigen Beruf gewählt hatte…

Doch, hatte er. Eindeutig. Er liebte seinen Beruf! Und er hatte unbändiges Glück, hier sein zu dürfen und nicht in der Großstadt. Hier konnte er schließlich solche Momente erleben. Auch wenn sie viel zu selten waren…

Vielleicht sollte er Bobs Angebot mal annehmen und mit Feli ein Wochenende herauskommen. Sie würden beide viel Spaß haben.



„Mrs. Bains“, Geoff ließ sich auf den Sitz vor der Mutter seiner Patientin nieder. Mia war soweit stabil und Julian würde ihn sofort verständigen, wenn es Komplikationen geben sollte.

Claire Bains schien jeden Handgriff, der ihrer Tochter galt, beobachtet zu haben, denn sie sah augenblicklich zu Geoff hinüber.

„Was ist mit Mia passiert?“ Geoff lächelte sie entspannt an. Sie sollte spüren, dass er sich keine allzu großen Sorgen machte.

„Ich weiß es nicht. Ich war bei den Hühnern draußen. Als ich zum Haus zurück kam, sah ich Mia auf dem Dachfirst. Ich dachte, sie macht mal wieder Unsinn. Sie kommt in letzter Zeit nur auf dumme Gedanken.

Doch sie reagierte erst, nachdem ich sie bestimmt fünf Mal gerufen hatte. Sie schien erschrocken, verlor das Gleichgewicht und rutschte die Dachpfannen hinunter.“

Geoff nickte verstehend. „Es scheint mir, als hätte Mia schlafgewandelt. Haben sie das bei ihrer Tochter schon mal eher beobachtet?“

„Schlafwandler? … Nein.“ Mrs. Bains warf einen entsetzten Blick auf ihre Tochter.

„Machen sie sich keine Sorgen. Sobald wir im Krankenhaus sind, werde ich Mia untersuchen. Danach sehen wir weiter.“

Geoff drückte lächelnd leicht die Hand von Mrs. Bains, bevor er sich wieder seiner Patientin zuwandte.



„Hey Geoff“, Kevin war in den Röntgenraum getreten, wo sich sein Bruder gerade Bilder von Mia Bains anschaute. „Wie sieht es aus? Schwere Verletzungen?“ Ohne eine wirkliche Antwort zu erwarten trat er neben ihm und warf ebenfalls einen Blick auf die Aufnahmen.

„Sie hat Glück gehabt, sie ist ziemlich weich gefallen.“

„Ein Bruch des linken Schien- und Wadenbeines. Das Rückgrat ist stark geprellt.“ Gab Kevin seine Diagnose zu den Bildern.

Geoff nickte bestätigend. „Daher kommt auch das leichte Kribbeln in den Armen und Beinen.“

„Und die Unfallursache?“

„Mia scheint wirklich vom Dach gefallen zu sein. Sie weiß nur nicht, wie sie dort oben hingekommen ist.“

Verwundert zog Kevin seine Stirn in Falten und folgte seinem Bruder hinaus. „Amnesie?“

„Nun, da sie im Schlafanzug war, vermute ich eher, dass Mia schlafwandelt. Mrs. Bains hat das allerdings noch nie vorher bei Mia erlebt.“

„Dann hat sie es bisher nie mitbekommen, oder es gibt einen Grund, warum Mia plötzlich damit anfängt. Psychische Probleme!?“

„Möglich.“ Geoff nahm die Bilder von der Wand. „Simon bereitet schon den OP vor. Er übernimmt die Anästhesie. Assistierst du mir?“

„Klar. Gib mir fünf Minuten.“ Damit verschwand Kevin in Richtung Umkleide.



Am Abend saßen Kate und Geoff zusammen mit Scarlett und Kevin vor dem Funkgerät. Scarlett hatte formvollendet die Übertragung gestartet und leitete während der Befragung den Funkverkehr.

„Hier ist Golf, Lima, Uniform.“

„Bitte sprechen sie Golf, Lima, Uniform.“

„Doc, ich habe, und ich glaube ich kann für die meisten Bewohner in unserem Bezirk sprechen, kein Problem mit dem neuen Team des RFDS. Wir haben euch alle immer als sehr nette und hilfsbereite Menschen kennen gelernt. Ihr setzt euer Leben ein, um uns im Notfall zu helfen. Das konnte ich während meiner vielen Jahre hier mehrmals erleben.

Aber Doc, eines müssten sie mir bitte noch erklären: Warum ist es ein Problem, wenn sie als Familie zusammenarbeiten. Wir machen das täglich. Man erzählt sich, sie hätten den Leuten in Sydney deswegen die Hölle heiß gemacht.“

Geoff schmunzelte, sah Kate an und versuchte seine Gedanken zu sortieren.

„Nun, Laurie, ich werde versuchen es Ihnen zu erklären.“ Geoff kam eine Idee: „Können Sie sich noch an den Unfall von Joseph erinnern. Er hatte sich in den Oberschenkel gesägt.“

„Ja.“

„Gut. Erinnern Sie sich noch, wie Sie sich gefühlt haben? Zum Zeitpunkt des Unfalls,… während der Zeit als sie auf uns gewartet haben. Der Flug, die Operation. Bis sie endlich wussten, dass alles wieder gut werden würde?“

„Ja. Ich… ich“ Stille. „Ich war erst völlig aufgeregt, versuchte die Erste-Hilfe-Anweisungen von Ihnen so gut ich konnte durchzuführen. Dann bekam ich fürchterliche Angst. Die langen Wartezeiten waren das Schlimmste. Ich konnte kaum einen klaren Gedanken fassen.“

Geoff grinste vor sich hin. „Genau das sind die Gründe warum ich dagegen bin. Wir sind doch auch nur Menschen, Laurie. Jetzt stellen sie sich mal vor, sie hätten das Bein ihres Mannes wieder zusammenflicken müssen.“

„Das hätte ich nicht gekonnt. Meine Hände haben zu sehr gezittert. Ich habe sogar meinen Kaffee vor Aufregung verschüttet.“

„Dann können Sie jetzt meine Reaktion vielleicht nachvollziehen.“

„Ja… Ja, ich glaube schon.“

„Gut.“

„Golf, Lima, Uniform. Ende.“

„Ende.“

„Noch jemand Scarlett?“

„Ich weiß nicht. Momentan meldet sich niemand.“

„Dann frage nochmals nach. Und sag ihnen, dass sie sich auch in den nächsten Tagen noch melden können.“

„Okay Dad.“

Geoff stand auf und streckte sich.

„Das war eine gute Idee mit dem Beispiel. Ich denke, damit konntest du vielen deine Gefühle verständlich machen.“ Kate hatte sich an Geoffs Arm geschmiegt.

Erleichtert sah er seine Frau an und zog sie in seine Arme.

„Ja, ich denke, das war es.“ Geoff unterdrückte ein Gähnen. „Es ist doch gut, dass die Jungs hier sind. Endlich können wir mal richtig ausschlafen!“

Der Tag war lang gewesen. Doch bevor er sich mit Kate auf den Heimweg machte, wollte er nochmal kurz bei seiner kleinen Patientin vorbeischauen.



Die Nacht lag über Coopers Crossing. Selbst im Krankenhaus war es friedlich. Nur vereinzelt erklang leichtes Stöhnen oder Schnarchen durch die Flure.

Joseph Carmichael lag wach in seinem Bett und versuchte in der Schwüle der Nacht endlich in den Schlaf zu finden. Aber seine Gedanken wanderten immerfort in die Zukunft. Wie würde seine Verletzung heilen? Konnte er wieder normal auf seiner Farm arbeiten?

Leichtes Metallgeklapper auf dem Flur ließ ihn aufhorchen. Lauschend setzte er sich in seinem Bett auf. Der Vorhang zu seinem Zimmer bewegte sich leicht. War jemand vom Krankenhauspersonal dafür verantwortlich? Er wollte sich schon wieder zurücklegen, als er eine kleine dunkle Gestalt erkannte. Sie schien an Krücken zu laufen. Warum hatte diese Person kein Licht gemacht, wenn es schon zu dieser späten Stunde durch die Flure wandern musste? War das etwa ein Geist?

Ein vereinzelter Lichtstrahl des Mondes fiel durch ein Flurfenster auf die kleine Gestalt. Jetzt konnte Carmichael das kleine Mädchen erkennen. Sie versuchte sich auf Krücken fortzubewegen. Instinktiv stand er sofort auf und ging auf sie zu. Leise sprach er sie an: „Hallo! Hallo, Kleine?“

Doch sie reagierte nicht auf seine Worte.

Carmichael eilte humpelnd zurück zu seinem Bett und drückte auf die Ruftaste. Schon Sekunden später konnte er heraneilende Schritte hören.

Aufmerksam wartete er am Eingang zu seinem Zimmer.

„Mr. Carmichael, können Sie nicht schlafen? Sie sollen ihr Bein doch noch so wenig wie möglich belasten. Haben sie Schmerzen?“ Julian Patterson war mit einer Taschenlampe bewaffnet zu ihm getreten.

Joseph Carmichael schüttelte seinen Kopf. „Ich habe ein kleines Mädchen gesehen. Sie lief an Krücken.

Julian horchte auf. Konnte Mia aufgestanden sein, obwohl sie frisch operiert war? Vielleicht schlafwandelte sie wieder?

„Wo ist sie lang?“ Julian ahnte, dass er sich jetzt beeilen musste. Carmichael deutete die Richtung an und schon war der Lichtstrahl, der Julian umgab verschwunden.

Julian eilte leise den Flur entlang und konnte schon bald eine dunkle Gestalt am Ende des Flures ausmachen. Sie stand vor einem Fenster und sah hinaus. Der Mond schien ihr diesmal direkt ins Gesicht.

Es war Mia. Ihre Augen schienen starr auf einen Punkt draußen gerichtet. Sie blinzelte nicht ein einziges Mal.

Vorsichtig ging Julian auf die kleine Patientin zu. „Mia, komm.“ Er legte ihr leicht seine Hände auf die Oberarme und versuchte das Mädchen zurück ins Bett zu lenken. Doch Mia reagierte nicht.

Julian Patterson überlegte, ob er Simon, der Nachtschicht hatte, rufen sollte. Plötzlich drehte sich Mia um und hüpfte auf den Krücken wieder zurück in den Schlafbereich. Julian hielt sich in ihrer Nähe, um im Notfall schnell zu helfen.

Erleichtert deckte er Mia zu, als sie sich wieder in ihr Bett gelegt und die Augen geschlossen hatte. Sie lag da wie ein kleiner Engel. Kopfschüttelnd verließ er den Raum und zog den Vorhang fest zu. Er würde heute Nacht eine besonderes Auge auf die Kleine haben müssen…



Zum Wochenende hatten sich Chris Randall und Tom Callaghan angesagt. Sie waren alte Freund der Stadt und besonders von Kate und Geoff. Sie hatten vor 30 Jahren zusammen für den RFDS in Coopers Crossing gearbeitet und so einiges erlebt. Dann hatten sich ihre Wege getrennt. Erst war Chris gegangen, dann Tom.

Seit vier Jahren führten Chris und Tom zusammen Yuti-Station, eine kleine private Krankenstation mitten im Busch und versorgten hauptsächlich Aborigines.

Immer wenn es ihre Zeit erlaubte, trafen sie sich in regelmäßigen Abständen.

Den Freitagabend verbrachten sie bei den Standish zu Hause. Geoff, ein leidenschaftlicher Hobbykoch, verwöhnte ihre Gaumen. Anschließend setzten sie sich gemütlich draußen an den Pool und redeten.

Am nächsten Morgen wollten die Männer früh zum Fischen hinausfahren. Sie waren fest entschlossen mit einer großen Ausbeute an Fischen nach Hause zu kommen und scherzten, wer den größten an der Angel haben würde. Die Frauen lachten nur über das kindliche Gehabe der beiden Männer. Sie selbst wollten sich einen ruhigen Tag im Garten gönnen.

Die Ausbeute der Angler war dann doch nicht so groß wie gehofft. Nun, da sie am Abend sowieso in den Pub einkehren wollten, entschieden sie sich schnell dafür, den Fisch im Kühlfach verschwinden zu lassen und stattdessen das Abendessen in das kleine Bistro zu verlegen.



„Guten Abend Vic. Wie geht es dir?“ Tom trat auf den alten Wirt zu und gab ihm zur Begrüßung die Hand.

„Danke. Alles in bester Ordnung. Und bei euch da draußen?“ Er reichte Chris ebenfalls die Hand.

„So weit ja. Halt viel zu tun. Aber es macht uns Spaß. Und solange werden wir nicht müde zu helfen.“

Sie bestellten eine Runde Bier und setzten sich dann an einen der kleinen Tische. Schon bald waren sie in die neusten Patientengeschichten der beiden Stationen vertieft, mit ihren jeweiligen guten oder auch weniger guten Ausgängen.

„Noch mal das gleiche?“ Geoff sah die anderen an.

„Wie immer.“ Kam es ihm dreistimmig entgegen.

Geoff machte lachend eine Kopfbewegung, dass er verstanden hatte. Er stand auf, ging zum Tresen und bestellte vier Bier.

Die Tür öffnete sich und Sam und Emma betrat den Pub. Sie sahen sich um und entdeckten die alten Freunde.

„Hallo, seid ihr auch mal wieder in der Stadt?“ Emma begrüßte die zwei Missionsärzte.

„Hey ihr zwei. Schön euch zu sehen. Kommt setzt euch zu uns.“ Lud Chris sie ein.

„Wir wollen euch nicht stören. Nur mal eben hallo sagen.“

„Quatsch. Los, holt euch zwei Stühle.“ Die anderen am Tisch rutschten weiter zusammen und Sam holte vom Nebentisch zwei Stühle herüber.

„Geoff!“ Tom lehnte sich hinüber zum Tresen.

„Ja?“

„Wir brauchen noch zwei Bier mehr.“

„Schon bestellt Tom.“ Geoff nahm das Tablett und kam zum Tisch zurück.

Inzwischen füllte sich der Pub. Viele wollten mit einem Bier den Feierabend und das anstehende Wochenende begrüßen. Auch am Tisch neben den Freunden aus alten Tagen hatte sich eine Gruppe niedergelassen. Es war die jung Generation des RFDS und Julians Bruder Patrick.

„Aber, wieso wollte er euch dann bei diesem Rätsel nicht die Antwort verraten?“ Patrick sah Simon und David fragend an.

„Wir haben keine Ahnung.“

„Und wenn ihr euren Dad fragt? Vielleicht weiß er die Lösung.“

„Nein Julian. Dad hat in Melbourne studiert.“ Scarlett sah ihn entschuldigend an.

„Ach. Ich dachte immer er wäre aus Sydney hierhergekommen.“

„Das ist er ja auch. Er hatte dort eine eigene Praxis.“

„Na dann. Ich dachte schon, ich hätte etwas an den Ohren.“ Julian lachte Scarlett erleichtert an.

„Aber Tom könntet ihr fragen. Er hat in Sydney studiert. Wer weiß, vielleicht kennt er euren Professor sogar noch.“

„Gute Idee, Scarlett.“ David wandte sich an den Nachbartisch und sprach Tom an. „Entschuldigt, wenn ich euch unterbreche, aber sag mal Tom: Kennst du noch Professor Sheldon?“

Geoff und Tom, die gerade in einem Gespräch vertieft waren, sahen David an.

„Ja, sicher. Sag bloß der unterrichtet noch immer. Der war doch zu meiner Zeit schon kurz vorm Rentenalter.“

„Oh, der wird weitermachen, bis er Tod umfällt.“

„Ganz bestimmt. Schließlich ist er bei allen Studenten sehr beliebt. Wer würde da schon gerne seinen Abschied nehmen.“ Simon brachte sich in das Gespräch mit ein.

„Was hat der alte Herr angestellt?“ Tom lehnte sich entspannt zurück und sah die Zwillinge fragend an. Langsam wurde es still an den zwei Tischen. Eine neue, vielleicht spannende Geschichte hörten sie alle immer wieder gerne.

„Wie wir schon sagten, ist er eine Seele von einem Menschen. Nur er hat die Eigenart in oder am Ende seiner Erzählungen seltsame Rätsel anzubringen.“ Wie so oft, wechselten sich die Zwillinge mit dem Erzählen ab. Wenn sie auch äußerlich nicht viel gemeinsam hatten, verstanden und ergänzten sie sich doch sehr gut. So erzählte Simon jetzt weiter:

„Bis auf eine konnten wir alle lösen. Die einen schneller, die anderen mit Hilfe von älteren Studenten… Wir waren schon sehr erfinderisch. Besonders, weil er in der nächsten Stunde nach der Lösung fragte.“ Tom nickte verstehend. Er fühlte sich in seine Studienzeit zurückversetzt.

„Nur einmal, zu Beginn des Studiums, da haben wir eines seiner Rätsel nicht lösen können.“ Übernahm David wieder. „Keiner der Studenten weiß bis heute genau, was er damit bezwecken wollte. Aber ich kann euch noch jedes Wort wiedergeben,… die Atmosphäre regelrecht spüren.“

„So, was hat er den für eine Geschichte erzählt?“ Geoff sah seine Söhne gespannt an.

„Es war diesmal nicht die Geschichte selber, sondern seine Andeutungen danach…“ Versuchte Simon zu erklären. Und David begann zu erzählen:

„Professor Sheldon hat uns von Ärzten erzählt, die sich selbst operiert haben. In ihrer Notsituation hatten sie keine andere Möglichkeit. Besonders beeindrucken fand er eine noch relativ junge Selbsthilfe, die damals vor gut fünfundzwanzig Jahre, nun mittlerweile sind es wohl dreißig, hier in Australien durchgeführt worden ist.“

Geoff runzelte die Stirn und spürte Toms Blick auf sich ruhen. Er sah in dessen Augen verwundertes Erstaunen und antwortete mit einem, wie er meinte nur für seinen alten Freund erkenntliches Kopfschütteln. Aber alle, bis auf die jungen Leute, hatte diese kurze Kommunikation verstanden. Das konnte ja noch ein lustiger Abend werden.

„Der Arzt hat versucht ohne Narkose sich selbst den Blinddarm zu entfernen. Bis zur Bauchdecke soll er gekommen sein, dann verlor er das Bewusstsein. Eine Krankenschwester hat die OP beendet. Das hat mir einen großen Respekt für unseren Beruf eingeflößt und ich habe mir geschworen, stets mein Bestes für meine Patienten zu geben.“

„Und stets Anästhetika am Mann zu führen, für den Fall der Fälle!“ Warf Simon ein. Die ganze Runde lachte laut auf und die Umstehenden im Pub spitzten neugierig geworden die Ohren.

„Das ist sehr löblich, David. Aber vergiss nicht, was die Schwester geleistet hat. Für sie war es nicht einfach, alleine, nur über Funk mit einem Arzt verbunden, die OP zu beenden.“ Geoffs Blick war von seinem Sohn zu Kate gewandert. Sie konnte seine Liebe sehen, sein Dankeschön. Wie ausdrucksstark doch seine Augen waren. Kate war noch heute immer wieder aufs Neue beeindruckt.

„Ja, darauf hat uns Professor Sheldon auch hingewiesen. Der Arzt muss ein riesiges Vertrauen zu ihr gehabt haben. – Nun, das war die Geschichte.“ Führte Simon die Erlebnisse von damals weiter aus.

„Und woraus bestand nun das Rätsel?“ Tom lehnte entspannt auf seinem Stuhl.

„Nun, Professor Sheldon drehte sich zur Tafel, um endlich mit dem Unterricht zu beginnen und murmelte vor sich hin: Tja, was hätte uns das Leben geboten, wenn diese OP nicht erfolgreich beendet worden wäre!“ Dabei machte David originalgetreu die Stimme seines Professors nach.

Alle, die ihnen zugehört hatten lachten über das Schauspiel, das David ihnen bot. Als sie sich langsam wieder beruhigten hatten, fragte er die Anwesenden:

„Kann mir einer hier vielleicht diese Aussage erklären? Tom, du kennst den Professor doch auch. Was sagst du dazu?“

Tom, Chris, Emma und Sam begannen wieder zu Lachen. Geoff und Kate verständigten sich stumm. Jetzt war wohl der Moment für diese Geschichte gekommen.

Die jungen Leute schauten sich verständnislos an. Was sollte das bedeuten?! David und Simon spürten, dass sie endlich dieses merkwürdige Rätsel lösen würden.

„Warum habt ihr es ihnen denn nie erzählt?“ fragt Tom japsend, als er wieder Luft bekam. Er sah abwechselnd Kate und Geoff an.

„Was erzählt? Was haben Mum und Dad mit dieser Geschichte zu tun?“ Scarlett sah verwirrt die Menschen am Nachbartisch an. Chris erhob sich, ging zu ihr hinüber und legte ihr beruhigend die Hände auf die Schultern: „Okay, dann hört mal zu. Ich werde euch jetzt eine Kurzfassung der Geschichte erzählen. Wir waren nämlich alle dabei.“

„Was?“

„Nun, Geoff war der Arzt, der sich selbst operierte und Kate hat die OP beendet. Unter der Anleitung von Tom.“

„Du warst auch dabei und hättest mich verbessert, wenn ich was falsch gemacht hätte.“ Tom sah Chris bestimmt an.

„Okay. Tom und ich saßen vor dem Funkgerät. Emma, du warst doch damals mit beim großen Stammestreffen, nicht wahr?“

„Oh ja. Ich wusste von der Operation gar nichts. Ich habe die ganze Zeit nach dem Helikopter mit David Ausschau gehalten.“

„Meinen Namensgeber hätte ich gerne mal kennengelernt. Ihr erzählt immer so viel von der Zeit mit ihm. Ihr müsst alle sehr viel Spaß zusammen gehabt haben.“

Geoff wurde ernst. Es fiel ihm heute immer noch schwer an David zu denken, ohne ihn Tod am Fuß des Berges liegend zu sehen. Der junge Arzt hatte damals noch so viel vor.

„Ja, wir haben oft und viel zusammen gelacht, David. Aber, um auf die Geschichte zurückzukommen: Während der OP in der Höhle haben wir uns schreckliche Sorgen um euren Dad gemacht. David hätte es nie rechtzeitig zu ihm geschafft. Es war Geoffs einzig Chance, wenn er überleben wollte.“ Chris sah Tom an. „Erinnerst du dich noch an DJ?“

„Ja. Als er endlich verstanden hatte, wie ernst die Lage war… Ich habe ihn selten so still erlebt.“

„Und als Kate dann durchgab, dass sie die OP abgeschlossen hatte, machte er schon wieder seine Witze.“

„Wir waren alle sehr erleichtert.“

„War es sehr schwer Mum?“ Scarlett sah ihre Mutter über die Tische hinweg an.

„Scarlett, ich war bei hunderten von Operationen dabei, bei vielen Blinddarm-OP’s. Ich wusste was zu tun war.“ Kate sah Geoff an. „Euer Dad war ein guter Lehrmeister.“

„Kate!“ Chris sprach ihre Freundin bestimmt an. „Wie lange wart ihr zu diesem Zeitpunkt verheiratet? Nicht mal ein Jahr!?“

Kate nickt zustimmend.

„Das ist genau die Situation in der euch euer Vater nicht sehen will.

Ich habe Kate durch den Funk angeschrien, damit sie wieder zur Vernunft kam. Sie war die Einzige, die Geoff noch helfen konnte, als er das Bewusstsein verlor.

Eure Mum hatte es nach einigen Tagen gut verarbeitet. Aber niemand weiß im Voraus wie er in so einem Moment reagieren wird.“ Tom sah die jungen Leute nacheinander an. Sie nickten zustimmend. Sie hatten endgültig die Beweggründe ihres Vaters verstanden.

„Im Zusammenhang mit dieser Geschichte, fällt mir noch etwas ein Geoff: Ich wollte dich erwürgen, wenn du wieder gesund bist!“ Emma stand auf und ging mit drohender Gebärde auf Geoff zu.

„Och Emma, könnten wir das nicht vielleicht unter verjährt laufen lassen? Wo ich doch damals überlebt habe?“ Geoff hatte lächelnd seine Arme in abwehrender Haltung erhoben und sah sie mit großen, bittenden Augen an.

„Na schön.“ Emma zog sich wieder zurück. „Kate wie kannst du seinen Augen nur widerstehen?“

„Alles eine Frage der Übung, Emma! Ich habe gelernt in ihnen zu lesen, wie in einem Buch. Und das ist ein wunderbares Gefühl!“

„Wieso wolltest du Dad damals erwürgen Emma?“ Simon brachte das Thema wieder auf die Geschichte beim Stammestreffen zurück.

„David hatte Emma gesagt, dass sie beide noch für eine Woche in dem Camp festsitzen würden. Emma ist explodiert.“ Kate lacht.

„Und das alles nur, weil du sehen wolltest, was ich für ein Gesicht mache. Grrr…“ Emma knurrte Geoff an und sie schüttelten sich wieder vor Lachen.
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