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RFDS (heute) - Teil 1 - Das Team findet sich neu

von COHO
Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Familie / P12 / Gen
Dr. Geoff Standish Kate Wellings/Standish
05.03.2016
05.03.2016
4
17.001
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Verzweifelter Hilferuf



Später am Tag saß Geoffrey Standish an seinem Schreibtisch in der Zentrale des RFDS und befasste sich mit dem anliegenden Papierkram, als plötzlich das Notfallsignal an der Funkanlage ansprang. Eine Schrecksekunde später stand er von seinem Schreibtisch auf und eilte in den Funkraum.

Es wurde wirklich langsam Zeit, dass diese Station wieder einen Funker bekam! Das konnte doch kein Dauerzustand bleiben.

Routiniert drückte er den Signalton aus und trat dann an die Funkanlage.

„Hier ist Victor, Charlie, Charlie. Wir haben Ihren Notruf empfangen, bitte sprechen Sie.“

Auch in der heutigen Zeit mit Handys und Internet, gab es hier draußen noch Menschen, die nicht über die modernen Kommunikationsmöglichkeiten verfügten, und Gegenden, die noch nicht erreichbar waren. Denn ein Sattelitentelefon war teuer.

Während der Arzt auf eine Antwort wartete, zog er sich einen Stuhl heran.

„Hier ist Golf Lima Uniform“, noch bevor die weibliche Stimme weiterreden konnte, erkannte Geoff die Stimme und die Panik, die in ihr mitklang, „Laurie Carmichael. Geoff, Sie müssen sofort kommen!“

„Bleiben Sie ruhig Laurie. Erzählen Sie mir erst einmal was genau passiert ist!“ Geoff sprach mit seiner ruhigen, routinierten Stimme. Es kam öfter vor, dass die Menschen in ihrer Panik einen Arzt anforderten, obwohl er nicht unbedingt erforderlich war. Daher brauchte er so viele Informationen wie möglich, um sich ein Bild von der Situation machen zu können und dann zu entscheiden.

Geoff sah auf, als er das Schlagen der Eingangstür zur Zentrale vernahm. Kate kam auf ihn zu und erfasste die Situation augenblicklich. Leise trat sie heran und verfolgte das weitere Gespräch.

„Joseph…“ Die Stimme der Frau war gehetzt. „Er hat sich mit der Motorsäge ins Bein geschnitten. Er blutet stark!“

„Carmichael“, Geoff wechselte einen kurzen Blick mit seiner Frau. Kate wusste Bescheid. Sie ging in den Flur zu ihrem Schreibtisch, öffnete die Patientendateien auf dem Computer und nahm schließlich den Telefonhörer zur Hand.

„Okay Laurie.“ Sprach der Arzt ins Mikrophon. „Wie tief die Wunde ist, können Sie mir wahrscheinlich nicht sagen?“

„Nein. Es blutet so stark!“

„Laurie, besorgen Sie sich einen Gürtel. Sie müssen das Bein abbinden, damit er nicht zu viel Blut verliert.“

„Okay“, kam jetzt eine zaghafte Stimme über Funk.

„Schauen Sie ins Handbuch. Dort steht alles beschrieben. Wir machen uns sofort auf dem Weg. Schicken Sie uns einen Wagen zur Landebahn. Ich melde mich wieder, wenn wir in der Luft sind… Over and out.“

Kate wartete bereits mit seiner Tasche in der Hand im Flur. Sie spürte die Energie, die Geoff durchströmte und ihn sich voll auf seinen Patienten fokussieren ließ.

„Na dann los.“ Geoff erhob sich und nahm seiner Frau die Tasche ab.

„Im Krankenhaus packen sie uns A negativ ein. Wir brauchen nur vorbeifahren.“ Kate wedelte mit einer Patientenakte durch die Luft.

Über Geoffs Gesicht legte sich ein leichtes Lächeln, als sie die Zentrale verließen. Die Blechtür schepperte, als sie hinter ihnen ins Schloss fiel.



Bereits kurz nach dem Start erhob sich Geoff von seinem Sitz und trat nach vorne zum Durchgang ins Cockpit. „Sue, stellst du bitte eine Verbindung zur Carmichael-Farm her!“

„Klar, Geoff.“ Sie griff gleich zum Mikrofon an ihrem Kopfhörer und legte es vor ihre Lippen. „Foxtrott Delta Zulu ruft Golf Lima Uniform… Mrs. Carmichael hören Sie mich?“

„Ja, hier Laurie Carmichael. Ich höre.“ Die Stimme schien leicht gehetzt.

„Doktor Standish möchte Sie sprechen.“ Geoff hatte bereits das Handfunkgerät, dass ihm Sue hingehalten hatte, ergriffen und übernahm nun das Gespräch.

„Geoffrey Standish.“ Begann er. „Wie geht es Ihrem Mann Laurie?“

„Ich habe sein Bein abgebunden, wie sie gesagt haben. Er blutet nicht mehr so stark.“

„Das ist gut. Trotzdem werden Sie den Gürtel alle zehn Minuten für eine Minute öffnen. Wir wollen nicht, dass das Bein gar nicht mehr durchblutet wird… Haben Sie das verstanden?“

„Ja, aber dann spritzt das Blut ja wieder!?“ Kam die verängstigte Stimme über dem Funk.

„Ich verstehe, dass es Ihnen schwerfällt. Aber Sie müssen mir vertrauen Laurie.“ Beschwor Geoff die Frau des Verletzten. „Es geht um das Leben von Joseph.“

Lange blieb es still am Funk. Geoff wollte schon nachsetzen, als Mrs. Carmichael mit leiser, dünner Stimme antwortete: „Okay.“

Erleichtert wechselte Geoff einen Blick mit seiner Frau, die sich während des Gespräches leise zu ihm gesetzt hatte. Sie saß nun auf der anderen Seite des Ganges und berührte ihn leicht am Oberschenkel.

„Wie lange brauchen wir noch Sue?“ Geoff war nach wenigen Sekunden wieder voll in seinem Element.

„Noch ungefähr 1 Stunde.“

„Laurie, wir werden in gut 60 Minuten landen.“ Gab Geoff die Information von seiner Pilotin weiter. Dabei änderte er mit Absicht die Stunde in Minuten. Seine Erfahrung sagte ihm, dass dies beruhigender wirkte.

Eigentlich hatten die Carmichaels Glück, dass sie nicht zu weit im Outback lebten. In ihrem Fall hatte der RFDS doch tatsächlich noch eine Chance zu einem Happyend zu verhelfen.

„Jim wird an der Landebahn stehen.“ Gab Laurie Carmichael durch.

Geoff nickte Sue zu und ließ die Pilotin das Funkgespräch zur Farm beenden.

„Wir werden erst bei Sonnenuntergang landen.“ Wandte sich Sue an den Arzt. „Ich schätze mal, dass uns dann noch gut eine Stunde Zeit bleibt, um noch auszufliegen.“

„Die Carmichaels haben ihre Landebahn noch immer nicht mit Landelichter ausgestattet, was?“ Mischte sich Kate in das Gespräch ein.

„Nein“, schüttelte Sue den Kopf. „Zumindest ist uns noch nichts gemeldet worden.“

„Wir müssen uns erst die Verletzung ansehen. Dann werden wir entscheiden.“ Bestimmte Geoff und schaute auffordernd zu seiner Frau hinüber: „Lass uns schon alles vorbereiten. Es kann sein, dass wir noch vor Ort operieren müssen.“

„Meinst du, Joseph hat noch eine Chance, wenn wir eintreffen?“ Fragte Kate besorgt, bevor sie alles für die Erstversorgung des Patienten vorbereitete.



Rotglühend ging die Sonne unter, als die Air King II landete und ausrollte. Mit sterbenden Motoren blieb sie vor dem Pickup, der auf sie wartete, stehen. Ein älterer Aborigine stieg aus, setzte seinen dunklen Akubra auf und ging langsam auf das Flugzeug zu.

Kate hatte unterdessen die Flugzeugtür geöffnet. Eilig stieg sie die steile Treppe hinunter.

„Hey, Kate.“ Wurde sie von dem Aborigine begrüßt.

„Hallo Jim.“ Kate schenkte dem älteren Mann ein freundliches Lächeln.

„Wie geht es Joseph?“ Geoff erschien in der Flugzeugtür und reichte Kate und Jim die Notfalltaschen hinunter.

„Er blutet stark. Die Misses hat Angst um ihn.“ Berichtete der Farmarbeiter ruhig.

Der Chefarzt schob als nächstes die Trage durch die Öffnung, ergriff schließlich seine Tasche und verließ das Flugzeug. Schwungvoll warf er die Tür ins Schloss und eilte mit schnellem Schritt auf den Pickup zu. Er sah, wie Jim zusammen mit Sue die Trage auf der Ladefläche befestigte und Kate die Fahrerkabine bestieg.

Während Sue es sich auf der Ladefläche bequem machte, nahm Geoff neben seiner Frau Platz.

Jim ließ den Motor an und dann ging es über den holprigen Weg in Richtung Farm.



Die Zeit schien nicht zu vergehen. Laurie Carmichael hockte neben ihrem Mann und hielt seine Hand. Es schien ihr endlos lange her, dass sie Jim zur Landebahn geschickt hatte und mindestens genauso lange war es her, dass sie den Motor eines Flugzeuges in der Ferne vernommen hatte.

Ihr Mann hatte mittlerweile das Bewusstsein verloren. Das ganze Blut, welches um sie beiden herum im Boden versickerte, schien unermesslich.

Die Zehn Minuten waren wieder um. Sie musste wieder den Gürtel öffnen. Mit blutverschmierten Fingern ergriff sie das Leder, als der Pickup mit lautem Hupen das Farmhaus erreichte.

Erleichtert sah Laurie Carmichael dem Wagen mit der nahenden Hilfe entgegen.

Geoff öffnete augenblicklich die Beifahrertür, sobald Jim den Wagen abbremste. Eilig ergriff er seinen Koffer von der Ladefläche und spurtete auf Laurie zu.

Mit schnellem Blick hatte er die Situation vor sich erfasst. Er ließ sich neben Joseph Carmichael nieder und suchte an seinem Hals nach dem Puls. Schwach, aber rhythmisch.

„Wie lange ist Joseph schon ohne Bewusstsein, Laurie?“ Geoff sah kurz zu der fünfzig jährigen Frau ihm gegenüber hoch.

„Ich muss den Gürtel wieder lösen.“ War das einzige, an das Laurie Carmichael denken konnte.

„Laurie, kommen Sie.“ Kate war ebenfalls zu dem Verletzten getreten, kümmerte sich nun als Erstes aber um dessen, unter Schock stehenden, Ehefrau. Sie umpackte die Schultern der Frau vor ihr mit festem Griff und half ihr beim Aufstehen.

„Wir sind jetzt da Laurie. Wir werden uns um Joseph kümmern.“ Kate schaute sich um und bat Jim zu sich. „Kümmere dich bitte um Laurie, Jim. Ich muss erst Geoff helfen.“

Als Kate sich neben Joseph auf die Knie niederließ, war Geoff bereits mit der Untersuchung der Schnittwunde des Verletzten beschäftigt. Vorsichtig öffnete er den Gürtel. Augenblicklich spritzte das Blut aus der Wunde. Entschieden zog er den Gürtel wieder fest.

„Kate, wir brauchen zwei Zugänge. Er hat viel Blut verloren.“ Geoff wandte seine Aufmerksamkeit wieder der Stabilisierung seines Patienten zu: „Er braucht dringend Flüssigkeit und eine Transfusion.“

Kate hatte bereits alles parat und wieder einmal bestätigte sich das Wissen in Geoff, dass er seiner Frau blind vertrauen konnte.

Während er die Zugänge legte, befestigte Kate Elektroden auf dem Brustkorb von Joseph Carmichael und stellte das EKG an. Nach kurzem Zögern, begann das Gerät einen kontinuierlichen, aber schwachen Rhythmus zu schlagen.

„Achtzig zu fünfzig.“ Gab Kate die Werte des Blutdrucks an den Arzt weiter.

Geoff nickte verstehend. Kate wusste, dass er nun im Kopf die Möglichkeiten, die ihnen blieben durchging.

„Jim, kommst du bitte her?“ Geoff hatte unterdessen die Beutel mit Kochsalzlösung und Plasma angeschlossen und reichte die beiden Beutel zu dem Farmangestellten hoch.

„Wir müssen erst die Blutungen stillen. So können wir nicht fliegen.“ Teilte Geoff seine Entscheidung den Umstehenden mit.

„Ist gut.“ Kate erhob sich bereits. „Ich bereite alles vor. – Sue. Kommen Sie Laurie. Wir brauche ihre Hilfe.“



Minuten später hörte Kate im Esszimmer der Carmichaels das Schlagen der Fliegengittertür. Sie kamen mit Joseph. Hier war alles vorbereitet. Der große Esstisch stand mittig im Raum, so dass die Lampe an der Decke ausreichend Licht spenden konnte. Ein grünes Operationstuch lag über der Tischplatte und die Instrumente für den Eingriff lagen ebenfalls bereit.

Laurie Carmichael stand in der Küche und machte Wasser heiß. Nicht, dass sie es heutzutage noch groß brauchten, aber es war eine Möglichkeit die Frau zu beschäftigen und von ihren Sorgen abzulenken.

„Kate“, Geoff und Jim kamen mit der Trage herein. Kate kam ihnen sofort zur Hilfe und gemeinsam legten sie den Patienten auf den Tisch.

Sie schlossen den Patienten wieder an das Überwachungsgerät an und Geoff setzte die Narkose.

„Sue“, Geoff deutete auf die Kopfseite, „du überwachst bitte die Werte. Wenn ich dich Frage, gibst du mir Blutdruck und Puls an.“

Kate zeigte auf die Werte am Monitor, die Geoff meinte.

„Okay“, nickte die Pilotin. Es war nicht das erste Mal, dass sie zu anderen Arbeiten als das Fliegen herangezogen wurde.

Kate half Geoff in die Handschuhe. Sie konnte seine Konzentration spüren. Jetzt gab es für ihren Mann nur noch seinen Patienten. Er bewegte seine Finger in den Handschuhen: „Gut, fangen wir an, Kate.“

Sie trat auf die andere Seite des Tisches und schlug das sterile Tuch über den Instrumenten auf. Noch bevor Geoff ein Wort sagen konnte, reichte Kate ihm eine Gefäßzange.

Geoff nickte ihr kurz lächelnd zu. Sie konnte zwar nur seine Augen sehen, doch sie wusste, dass er lächelte.

„Wir müssen uns beeilen. Wir versorgen die Blutung und müssen dann so schnell wie möglich zurück. Den Knochen hat er nur leicht angeritzt… Kate, Tücher, wir müssen das Blut hier entfernen. Ich sehe nichts…“

Kate hatte schon zu den sterilen Tüchern gegriffen, die sie vorsorglich bereit gelegt hatte.

„Ja, so ist es besser… Dort noch.“ Geoff hatte sich nun voll auf die Verletzung vor sich konzentriert.

„Jetzt schnell…“ Geoff packte sich die beiden Enden der durchtrennten Schlagader und versuchte das Ausbluten mittels Klammern zu stoppen.

„Hab ich es mir doch gedacht.“ Der Arzt schaute kurz zu seiner Frau hoch. „Die Nerven und Muskeln hat er auch durchtrennt…“

„Das kannst du hier nicht operieren.“ Entgegnete Kate.

Geoff nickte und sah dann zu Sue: „Was machen die Werte?“

„Sie steigen. 90 zu 60. Puls 100.“

„Gut.“ Geoff hatte mittlerweile eine Nadel mit Faden von Kate entgegengenommen. „Können wir heute noch starten, Sue. Was meinst du?“

„Ohne Lichter an der Piste? Nein… Nicht vor Morgen früh!“

Geoff überlegte, während er Stich für Stich setzte. „Jim!“ rief er in Richtung Flur.

Der Aborigine hatte im Flur gewartet und schaute nun neugierig ins Esszimmer.

„Habt ihr Landelichter für die Piste?“

„Ja“, nickte Jim.

„Fahr raus und verteile sie. Dann kommst du zurück und holst uns ab.“ Geoff sah zu seinen Kolleginnen auf. „Bis dahin sollten wir ihn reisefertig haben.“

„Ist gut.“ Jim ging gemächlichen Schrittes hinaus.

Die nächsten Handgriffe machten sie im ruhigen Einvernehmen. Durch Kates Erfahrung brauchte Geoff kaum Anweisungen zu geben.

„So“, Geoff sah hoch. „Ich entferne jetzt die Klammern.“

„Das hält.“ Kate war sich sicher, dass die Naht halten würde.

Geoff entfernte erst die Klammer an der unteren Hauptschlagader. Das zurücklaufende Blut füllte die Nahtstelle sofort. Sie schien zu halten. Nun folgte die Zweite. Das Blut begann in der Aorta wieder zu pulsieren. Der Blutkreislauf war wieder hergestellt.

„Das war das wichtigste.“ Geoff atmete erleichtert durch. Es war kein frisches Blut zu erkennen.

Sekundenlang starrte er noch auf die Ader. Nichts passierte. Entschieden zog er sich die blutverschmierten Handschuhe von den Fingern und ergriff sein Stethoskop. Nach einer eingehenden Untersuchung der Vitalwerte, nickte er zufrieden vor sich hin.

„Er stabilisiert sich. – Kate, ich brauche neu Handschuhe.“

Sie stand bereits nur wenige Schritte von ihm entfernt bereit. Lächelnd trat er näher und schlüpfte in die sauberen Handschuhe. Dann widmete er sich der Wunde und untersuchte genauer die weiteren Verletzungen.

„Kate, hier ist das Wasser.“ Laurie Carmichael kam mit einer dampfenden Schüssel in den Raum. Als sie ihren Mann dort auf den Tisch liegend sah, wurde sie blass. Das grüne Operationstuch unter ihm war im Beinbereich Blut getränkt.

„Danke Laurie.“ Kate nahm ihr schnell das heiße Wasser ab, bevor sie es noch verschütten konnte.

Besorgt ergriff Kate anschließend ihren Arm und führte sie zu einem Stuhl, den sie an die Seitenwand gestellt hatte. „Es geht Joseph gut. Wir fliegen ihn jetzt ins Krankenhaus, wo Geoff und Kevin ihn weiter versorgen.“

Laurie starrte nur auf ihren Mann, der da reglos auf dem Tisch lag. Die Maschine gab ein gleichmäßiges Piepen von sich. Es schien ihr das einzige Zeichen, das ihr Mann noch lebte.

„Laurie“, sprach Kate die Farmersfrau an. Als diese sich nicht rührte, legte sie ihr die Hand auf die Schulter. „Laurie!“

Endlich bewegten sich Kopf und Augen in Kates Richtung.

„Könntest du einige Sachen für Joseph zusammenpacken und für dich auch. Dann können wir gleich los.“

„Ja, sicher.“ Laurie erhob sich. Endlich schien sie verstanden zu haben, dass das schlimmste überstanden war. Im Türrahmen zum Flur drehte sie sich nochmal zu Kate um: „Er wird es aber doch schaffen Kate, oder?“

„Das schlimmste haben wir, Laurie.“ Geoff sah zu ihr hinüber. Er hatte wohl gemerkt, dass sich bei Laurie nun doch der Schock bemerkbar machte. Vor ihrer Ankunft hatte sie nur funktioniert. Jetzt begann sie wieder eigenständig zu leben. „Wir müssen uns aber beeilen.“

Laurie nickte erschlagen. Sie fühlte sich plötzlich tot müde. Aber sie musste weiter machen.

Eilig verschwand sie.

Geoff und Kate klammerten die Wunde und verbanden sie für den Transport.

„Ich gehe zum Funk. Kevin soll schon alles vorbereiten.“

Kate nickte verstehend. „Wir packen derweil alles zusammen.“



Der Flug verlief ruhig. Nach gut anderthalb Stunden landeten sie bereit auf den erleuchteten Flughafen von Coopers Crossing.

Kevin hatte ihnen einen Krankenwagen geschickt, der schon neben der Rollbahn auf die Insassen des Flugzeuges wartete.

Laurie war endlich etwas eingeschlafen. Nach dem Start war sie nervös gewesen. Sie verstand nicht sofort, warum ihr Joseph nicht aus der Narkose erwachte.

Geoff hatte ihr ruhig erklärt, dass er ihn mit voller Absicht nicht aufwachen ließ, um ihn den Transport zu erleichtern.

Nun waren sie endlich wieder auf der Erde und betteten den Patienten mit Julians Hilfe in den Krankenwagen um.

Mit aufheulender Sirene machte sich Geoff schließlich auf den Weg. Kate und Laurie sahen ihnen hinterher.

„Wir besorgen dir als erstes ein Zimmer bei Luke. Dann bringe ich dich zu Joseph.“ Kate hatte der Frau neben sich fürsorglich den Arm um die Schultern gelegt.

„Hätte ich nicht sofort mit Joseph mitfahren können?!“ Laurie schien sich nicht wohl zu fühlen.

„Hab keine Angst. Du kannst im Moment sowieso nichts tun. Sie werden Joseph jetzt genau untersuchen und dann sofort wieder in den OP schieben.“

„Aber Geoff hat ihn doch schon operiert?!“

„Wir haben nur die Blutung gestillt, Laurie. Es schien Geoff aber, als ob noch mehr im Bein beschädigt ist. Das werden sie jetzt sehen.“

„Okay.“ Laurie schien sich nur langsam in ihr Schicksal zu ergeben. „Aber später bringst du mich ins Krankenhaus!?“

„Ja, mach ich… Versprochen!“ Kate führte Laurie zu dem Wagen mit dem Geoff und sie vor fast sechs Stunden zum Flughafen gefahren waren.

Sie verstauten ihre Taschen und dann folgten sie dem Krankenwagen in die Stadt.



Die Dunkelheit hatte sich über das weite rote Land gelegt. Nur noch vereinzeltes Rascheln im Gebüsch drang an das Ohr des Mannes, der im Eingang zum Krankenhaus stand. Auch sonst schien es still im Umfeld. Kein Motor war zu hören.

Diese Stille!

Geoffrey Standish lehnte sich in seinem weißen Kittel an die Eingangssäule und starrte in die Dunkelheit. Hoch über ihm schien der Sternenhimmel klar und deutlich. Auch wenn in der näheren Umgebung Licht brannte, so intensiv konnte man den Himmel wohl nur hier draußen sehen. Er liebte diesen Anblick. Er bedeutete ihm Ruhe, Frieden und Freiheit. Unendlichkeit.

Entspannt durchatmend fuhr er sich mit der Hand durch das blonde mit grauen Strähnen durchwirkte Haar.

Die Tür hinter ihm öffnete sich und Geoff konnte aus den Augenwinkeln seinen Bruder erkenne, der neben ihm trat.

„Das war gute Arbeit.“ Unterbrach Kevin leise die Stille.

„Dank deiner Hilfe.“ Geoff lächelte zu ihm hinüber. „Wir sind ein gutes Team.“

Kevin nickte.

„Wir haben Carmichael auf die Intensivstation gebracht. Wenn alles gut läuft, kann er dann Morgen auf die Station.“

„Gut.“ Geoff war müde. Ihm war jetzt nach ein paar Minuten Ruhe. „Geh nach Hause, Kevin. Deine Schicht ist längst um.“

Kevin wagte einen Blick auf seine Uhr. Es war wirklich spät.

„Gut, ich verschwinde dann jetzt. Du weißt, wo du mich erreichen kannst.“

„Keine Sorgen. Ich rechne eigentlich mit keinen weiteren Komplikationen bei Joseph.“

„Gute Nacht.“ Kevin schlug seinem Bruder leicht auf die Schulter und ging dann davon.

Es war ein gutes Gefühl Leben zu retten. Auch wenn es ihn oft an die Grenzen seiner Leistungskraft brachte. Geoff wollte nie etwas anderes machen.

Langsam drehte er sich um und betrat wieder das Krankenhaus.

Es wurde Zeit sich etwas aufs Ohr zu legen. Niemand konnte vorausschauend sagen, wie anstrengend die Nachtschicht noch werden würde.
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