RFDS (heute) - Teil 1 - Das Team findet sich neu

von COHO
GeschichteAbenteuer, Familie / P12
Dr. Geoff Standish Kate Wellings/Standish
05.03.2016
05.03.2016
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Das ich überhaupt zum FanFiktion-Schreiben gekommen bin, habe ich einer Geschichte über den RFDS zu verdanken, die ich vor vielen Jahren im Netz gelesen habe. Aus dieser (http://the-flying-doctors.de/html/scarlett_1.html , „Scarlett Standish - Ein Leben beim RFDS“, von Ute) habe ich die Idee von Scarlett in Charleville übernommen. Auch die Besatzung des RFDS-Teams aus Charleville wurde dieser Geschichte entnommen. Genauso fand ich den Gedanke, dass Chris und Tom zusammen Yuti-Station leiten, sehr interessant und inspirierend…

Meine Geschichten haben ihre Basis aber althergebracht in Coopers Crossing und handeln vom Leben und Arbeiten der Stadtbewohner. Aber seht selbst…



Sorry, wenn ich in dem ersten Kapitel etwas zu weit aushole. Aber schließlich sind Jahrzehnte vergangen, die etwas Zeit in Anspruch nehmen:



Jahre der Vergangenheit



Ein ausgerissener trockener Strauch wurde von dem abflauenden Wind der letzten Nacht über die Hauptstraße, der noch in morgendlicher Stille liegenden Stadt Coopers Crossing, getrieben. Eine Frau ging über den Bürgersteig und wickelte ihre Jacke fester um ihren schlanken Körper. Es war ungewöhnlich frisch heute Morgen. Kate Standish war auf dem Weg ins hiesige Krankenhaus, indem sie nun schon seit über 35 Jahren Dienst leistete. Nachdem sie 22 Jahren lang nur noch halbtags gearbeitet und sich um die Kinder gekümmert hatte, war sie wieder voll eingestiegen. Das war nun auch schon wieder über acht Jahre her. Wie die Zeit verging. Aber sie liebte ihren Beruf als Krankenschwester des Royal Flying Doctor Services, kurz RFDS. Sie hatte schon als Kind keinen anderen Beruf ausüben wollen. Und sie liebte ihren Mann Geoff. Er war der Chefarzt der Klinik und des dazugehörigen fliegenden Ärztedienstes.

Trotz der unnatürlichen Kühle schlenderte sie die noch stille Hauptstraße entlang. Was war in den vielen Jahren alles hier geschehen?! Sie konnte schon von weitem die Werkstatt mit der Tankstelle sehen. Patrick Patterson hatte die beiden Torflügel zur Werkstatt schon geöffnet und Kate konnte ihn drinnen rumoren hören.

Patrick hatte die Liebe zu Maschinen von seiner Mutter Emma geerbt und unterstützte Steve schon seit Jahren in der Werkstatt. Vor etwa einem Vierteljahr hatte Patrick dann die alte Werkstatt seiner Mutter wieder in Familienbesitz gebracht.

Steve war über die plötzliche Veränderung in seinem Leben nicht glücklich gewesen und es war ihm total schwer gefallen, sein Reich herzugeben. Aber seiner Mutter Clare zu liebe war er mit nach Melbourne gezogen. –

Kate betrat die Veranda des örtlichen Pubs. Er lag der Werkstatt direkt gegenüber. Dem Pub waren das Hotel und das geliebte Bistro angeschlossen. Nachdenklich lehnte sie sich an einen der Pfeiler, die den Balkon stützten. Leicht glitten ihre Finger über das weiß gestrichene Holz, während ihre Gedanken wieder in die Vergangenheit wanderten. –

Clare Bryant hatte den Funk des RFDS geleitet. Bis sie vor vier Monaten plötzlich während einer Funksprechstunde zusammen-gebrochen war. Jim Sheldon hatte sofort gehandelt. Doch die Diagnose des Ärzteteams war erschütternd. Schlaganfall!

Clare ging es mittlerweile wieder gut. Doch sie litt noch immer an Lähmungen ihrer rechten Körperhälfte und hatte daher ihren Job beim RFDS aufgeben müssen. Nun war sie in Melbourne und versuchte dort ihren Körper wieder zu aktivieren. –

Kate schüttelte leicht ihren Kopf, als sie aus ihren Gedanken wieder auftauchte. Es war so viel geschehen…

Emma Patterson, die mit ihrem Mann Sam ihren großen Traum verwirklicht hatte und heute auf einer florierenden Farm im Outback lebte. Dazu bot Sam Flugstunden an. Er konnte das Fliegen einfach nicht lassen… Über Kates Gesicht legte sich ein glückliches Lächeln.

Sie hatte Sam als Pilot beim RFDS kennengelernt. Ein sehr geschätzter Kollege. Die ganze Familie bestand nur aus Freunden.

Zu Patrick gesellten sich Christy, die Älteste, die die Farm übernehmen wollte. Der Zweite war Pilot beim Militär geworden. Grand kam nach seinem Vater. Je Höher und gewagter, desto besser.

Julian, der Jüngst, lebten zusammen mit Patrick in dem alten Haus von Violett Carnegie hier in Coopers Crossing.

Violett Carnegie. Kate konnte das Haus sehen, das Emma und Sam nach Violetts Tod geerbt hatten. Violett… die gute alte Perle der Stadt. Sie war einige Jahre zuvor mit ihrer Enkelin Claire und deren Familie nach England gezogen. Alle waren sehr traurig, als Claire den Tod ihrer geliebten Großmutter übermittelte. Oder besser gesagt, Geoff musste es den anderen sagen. Kate sah noch genau seinen starren Gesichtsausdruck vor sich, als er die Nachricht am Telefon erhielt…

Das war nun schon fast dreißig Jahre her! –

Die Tür des Pubs öffnete sich. Ein älterer Mann, beleibt und fast kahlköpfig, trat mit einem Besen bewaffnet heraus. Er atmete tief die frische, klare Luft des neuen Morgen ein. Überrascht hielt er inne, als er Kate an dem Pfeiler lehnend erkannte.

„Kate?!“, sprach er sie leise an. Doch sie reagierte nicht. Väterlich legte er ihr seine Hand auf die Schulter: „Kate!“

Zusammenfahrend sah Kate sich um. „Oh, Vic. Hast du mich erschreckt.“

„Du mich auch. Was machst du hier?“

„Ich bin auf den Weg ins Krankenhaus. Ich wollte Geoff abholen, er hat Nachtschicht.“

„Und dann stehst du hier und träumst vor dich hin?“ Besorgt sah Victor Buckley Kate an.

„Ich habe in Erinnerungen gekramt. Ich habe gerade an Violett gedacht und an den Tag, da wir von ihrem Tod erfahren haben.“

„Das hat uns damals alle sehr getroffen. Besonders Nancy. Sie hat lange gebraucht, bis sie den Tod ihrer Freundin überwunden hatte. Sie legt heute noch jede Woche Blumen vor das große Kreuz auf dem Friedhof…“ Vic stockte einen Moment. „Aber das ist schon so viele Jahre her. Wie kommst du ausgerechnet jetzt darauf, Kate?“

„Keine Ahnung… Ich habe an die Werkstatt gedacht. Dann an Emma und Sam,… und dann bin ich bei Violett gelandet. Dabei ist mir aufgegangen wie schnell die Jahre vergangen sind.“

„Nun, das merken wir alle. Jeder auf seine Art.

Ich bin froh, dass Luke das Hotel und den Pub übernommen hat. Die Idee von Geoff Luke im Preis entgegenzukommen, gegen Wohnrecht auf Lebenszeit, war Gold wert. Ich weiß nicht, wie ich euch dafür danken soll. Nancy und ich können ohne Sorgen unseren Lebensabend hier verbringen, bei unseren Freunden und Bekannten. Wir sind noch mitten in der Gemeinschaft und können Luke so viel helfen, wie wir noch können und wollen.“

„Vic, wir sind froh, dass ihr hier seid! Wie oft haben wir alle hier in Coopers Crossing eure Hilfe in Anspruch genommen?! Ich glaube da gibt es nicht einen, den Nancy oder du nicht hilfreich unter die Arme gegriffen habt. Wie oft habt ihr Babygesittet!“

„Ja, das stimmt schon.“

„Siehst du. Und nun haben wir alle die Chance uns ein wenig zu revanchieren. Besonders Geoff und ich. Wir haben eure Hilfe oft in Anspruch genommen.“

„Auf eure Drei haben wir gerne aufgepasst. Sie waren sehr pflegeleicht.“ Verschmitzt lächelnd starrte Vic einen Moment vor sich hin. „Sehr wissbegierig, alle drei. Manchmal wussten wir keine Antworten mehr, dann haben wir sie auf eure Rückkehr vertröstet.“

Kate lachte: „Und wir habe uns gewundert, wie die Kinder überhaupt auf diese seltsamen Fragen kamen. Geoff und ich haben manche Nacht wach gelegen und uns Gedanken über die Drei gemacht. Einige Abende hat Geoff sogar vor Büchern verbracht, um sich das Wissen zu ihren Fragen anzueignen. Sie wollten ja auch immer alles bis ins Detail wissen.“

„Aber sie sind alle zu wirklich guten Menschen herangewachsen. Pflichtbewusst, hilfsbereit und freundlich. –

Wann kommt David denn nun zurück?“

„Oh, der kommt morgen. Andy bringt ihn aus Sydney mit.“

„Seid ihr froh, dass nun wenigstens Einer wiederkommt?“

„Wir waren uns immer einig, dass jeder das lernen sollte, woran er Spaß hat. Wo es sie dann hin verschlägt, können wir nicht beeinflussen.“ Kate starrte in die Ferne, ein Lächeln legte sich über ihr Gesicht.

Scarlett war zwei gewesen, als Kate erneut schwanger wurde. Geoff und Kate hatten die Neuigkeit so lange wie möglich für sich behalten wollen. Doch die zweieiigen Zwillinge hatten Platz gebraucht. David und Simon… Sie sahen sich wirklich von Geburt an überhaupt nicht ähnlich. Der eine blond mit blauen Augen, der Andere ganz in braun gehalten. Aber nur Scarlett hatte diese aussagekräftigen Augen ihres Vaters geerbt. Vater wie Tochter spiegelten ihre Stimmungen und Gedanken in ihren Augen wieder...

Leise begann Kate wieder zu reden: „Geoff hat es nie offen gezeigt, aber insgeheim hat er sich immer gewünscht, dass wenigstens eines unserer Kinder in seine Fußstapfen tritt. Und dann haben sich gleich zwei für den Beruf des Arztes entschieden. Das hat ihn sehr gefreut. Besonders als Scarlett sich dagegen entschieden hatte. Ich glaube, dass hat ihn schon geschmerzt, dass gerade sein kleines Mädchen nicht wollte. Aber in dieser Beziehung kommt Scarlett ausnahmsweise mal nach mir. Ihr reichte die Ausbildung zur Funkerin. Obwohl ich bis heute noch nicht weiß, woher sie dieses Verständnis für den ganzen technischen Kram hat. Von mir nicht! Und Geoff ist in solchen Dingen auch nicht gerade ein Genie.“

„Niemand kann auf allen Gebieten perfekt sein.“

„Ja, das ist wohl so.“ Stimmte Kate ihm leise zu. Irgendwie erschien sie Victor heute Morgen ziemlich melancholisch.

„Wie geht es Scarlett?“ Versuchte er Kates Gedanken in eine andere Bahn zu lenken.

„Ich habe mit ihr gestern noch kurz telefoniert. Ihr ging es anscheinend gut.“

„Ist sie es in der Ferne noch nicht leid? Sie könnte doch eure offene Funkerstelle hier übernehmen.“

Kates Stimme wurde wieder lebendiger: „Ich habe auch schon überlegt, ob ich ihr den Vorschlag machen soll. Aber sie hat sich in Charleville das Vertrauen aller erarbeitet. Ich kann verstehen, wenn sie das nicht wieder aufgeben möchte… Und Ben ist ja auch in Charleville. Ich frage mich manchmal, ob da nicht etwas im Busche ist.“

„Sie weiß was sie will, Kate. Man konnte sie noch nie wirklich in ihren Meinungen und Ansichten beeinflussen. Sie passt schon auf sich auf.“

„Ach“, entfuhr es Kate aus tiefstem Herzen, „das Loslassen ist manchmal doch nicht so einfach, wie ich immer gedacht habe. Nun, wenn etwas aus den Beiden werden sollte: Wir könnten uns keinen besseren Partner für unsere Tochter wünschen.“

„Bestellst du ihr bitte das nächste Mal liebe Grüße von Nancy und mir, wenn du wieder mit ihr sprichst?“

„Ja Vic, das werde ich tun… Scarlett hat sich schon lange nicht mehr bei euch gemeldet, oder?“

„Da irrst du dich Kate. Wir haben erst vor zwei Wochen mit ihr telefoniert. Ich habe doch gesagt, dass ihr eure Kinder pflichtbewusst erzogen habt.“

„Dann ist ja gut. Aber an der Erziehung waren mehrere Menschen beteiligt. Nicht umsonst haben Geoff und ich uns so viele Gedanken über die richtigen Paten für unsere Kinder gemacht. Nancy und du wart für Scarlett immer da. Natürlich auch für die beiden anderen. Aber ihr habt doch ein besonderes Verhältnis zu ihr.“

„Stimmt, irgendetwas verbindet uns.“

„Und mit Chris, Tom, Kevin und Colin haben wir bei David und Simon auch die richtige Wahl getroffen. Auch wenn während ihrer Kindheit keiner persönlich schnell zu greifen war, waren sie doch alle über Funk und Telefon stets für die Jungs da. Auch heute noch.“

Victor Buckley stützte sich auf seinen Besenstiel und grinste breit: „Jetzt weiß ich auch warum die Beiden Medizin studiert haben, Kate!“

Die Frau Ende Fünfzig sah ihren väterlichen Freund interessiert an. „Warum?“

„Nun bei vier Paten, die selber alle Ärzte sind, dazu noch der Vater. Und die Mutter zu guter Letzt noch Krankenschwester. Die Beiden hatten ja keine andere Chance!“

Kate lachte befreit auf.

„Aus diesem Blickwinkel habe ich das noch nie betrachtet. Aber du könntest Recht haben… Dann hat Scarlett das technische Verständnis bestimmt von Nancy und dir geerbt!“

„Ja sicher! Ich habe ihr alles beigebracht, was ich wusste.“

„Na dann wäre das Rätsel ja auch endlich gelöst… Geoff wird sich ausschütteln vor Lachen, wenn ich ihm davon erzähle.“

„Das mach mal. Geoff ist in der letzten Zeit sehr still und ernst. Vielleicht muntert ihn das mal wieder etwas auf.“

„Da bin ich mir ganz sicher Vic. –

Ich muss jetzt weiter, sonst verpasse ich Geoff noch. Bestellst du Nancy liebe Grüße von mir? ... Ach, sehen wir uns später noch im Pub? Um Davids Rückkehr vorzubereiten?“

„Ich denke, dass wir hier sein werden.“

„Schön Vic.“ Kate drückte ihm einen Kuss auf die Wange. „Dann bis später.“

Kates Weg führte weiter entlang der Hauptstraße. Sie kam an dem kleinen Lebensmittelgeschäft der Stadt vorbei. Den gab es auch schon lange vor ihrer Zeit und barg viele Erinnerungen an die alten Zeiten. Direkt gegenüber, auf der anderen Straßenseite stand der eingeschossige Flachdachbau des RFDS. Die Zentrale für die medizinische Versorgung des Outbacks.

Kate ging eilig weiter die Straße entlang und bog an der großen Kreuzung links ab. Eigentlich auch die einzige ‚große‘ Kreuzung der ganzen Stadt, ging es Kate durch den Kopf. In Nord-Süd Richtung durchkreuzte die 87 die Stadt, die fast geradewegs aus dem über 700 Kilometer entfernten Melbourne kam und weit in den Norden hochführte. An Charleville vorbei. Im Norden der nächstliegende RFDS-Standort. Immerhin über 700 Kilometer entfernt. Coopers Crossing lag irgendwo im Nichts. Selbst nach Sydney waren es 650 Kilometer. Gut das es Flugverbindungen gab und Langstreckenbusse, die zweimal die Woche fuhren.

Kate erreichte nach gut vierhundert Metern das Krankenhaus. Durch die vielen Neu- und Anbauten sah die Front nicht gerade einladend aus, aber innen war die Aufteilung sehr zweckmäßig gestaltet worden.

Sie betrat das Krankenhaus durch den Nebeneingang und ging den langen Flur entlang bis zum Empfangstresen.

„Guten Morgen Fran.“ Begrüßte sie die Krankenschwester, die hinter dem Tresen an einem Schreibtisch saß und ihren Bericht der letzten Nacht verfasste. Diese schaute auf und als sie Kate erkannte, legte sich ein Lächeln über ihr Gesicht.

„Guten Morgen.“

„Wie war die Nacht?“

„Ausnahmsweise sehr ruhig.“

„Das ist gut. Hast du eine Ahnung wo ich Geoff finden kann?“

„Er müsste eigentlich in seinem Büro sein.“

„Gut, dann weiß ich Bescheid.“ Kate schrak leicht zusammen, als sich zwei Arme von hinten um ihre Hüften legten. Sie spürte einen sanften Kuss in ihrem Nacken.

An den Händen hatte sie ihn schon erkannt. Diese feingliedrigen Hände konnten nur einem Chirurgen gehören, der mit sehr viel Geschick sein Handwerk ausübte. Zärtlich berührte sie seine Hände.

„Hallo meine Schöne. Wie war die Nacht so ganz allein?“ Verführerisch erklang seine Stimme an ihrem Ohr.

„Einsam.“ Kate lachte.

„Nun, ich habe dich auch sehr vermisst.“

Langsam drehte der Mann in Weiß Kate in seinen Armen zu sich herum. Er strich ihr liebevoll eine Strähne ihres dunklen Haares aus der Stirn. Ließ seine Hand über die Wange in ihren Nacken gleiten und zog sie zu einem Kuss feste an sich.

„Wenn man es nicht wüsste, könnte man meinen ihr wärt gerade erst frisch verheiratet!“ Ein Mann lehnte amüsiert in der Eingangstür und beobachtete das Paar schmunzelnd. Auch Franziska Blum war über die Liebe dieser beiden Personen immer wieder fasziniert.

„Nun Fran. Was gibt es schönes. Von denen scheine ich noch keine Reaktionen in der nächsten Zeit erwarten zu dürfen.“ Dabei deutete Doktor Kevin Standish mit einer Kopfbewegung in die Richtung seines Bruders und seiner Schwägerin. Fran schmunzelte. So einen Mann wie ihren Chef hätte sie auch gerne gefunden.

„Nichts Besonderes. Die Nacht war ruhig.“

Kevin war hinter den Tresen getreten und verschwand in dem Umkleideraum neben der Aufnahme. Seinen Kittel überziehend trat er kurz darauf wieder heraus.

„Gut. Dann können wir ja heute ausnahmsweise mal pünktlich mit der Visite beginnen.“

Geoff mischte sich in das Gespräch ein. Er hatte Kate um die Hüfte gepackt und sich an den Tresen gelehnt: „Was heißt hier ausnahmsweise? So oft hängen wir auch nicht hinterher!“

„Hey, reg dich ab. Meistens sind ja die Notfälle schuld. Wenn wir hier für alles verantwortlich sind, können wir den Tagesablauf nun mal nicht besser einhalten.

Aber das wird sich ja ab Morgen endlich wieder ändern. Wann rechnet ihr mit David?“

„Am Nachmittag. Ich habe gestern Abend noch mit Andy gesprochen. Die Wartungen an der King I werden noch heute abgeschlossen. Morgen früh hat David noch das Gespräch mit Mr. Franklin und dann werden sie sich auf den Weg machen.“

„Wie findest du den Neuen Geoff?“

„Mr. Franklin?“ Fragend sah Geoff Standish seinen Bruder an. „Ich weiß nicht recht. Als Kate und ich in Sydney waren und Ray seinen Nachfolger vorstellte, habe ich ihn als arrangierten, pflichtbewussten Menschen kennengelernt. Aber ehrlich gesagt bin ich nicht so ganz einverstanden mit seiner Entscheidung David unserem Team zu zuweisen.“

„Hey! Warum nicht?“ Kate sah ihn verwundert an.

„Kate, alle Ärzte dieser Basis sind miteinander verwandt. Was ist, wenn irgendwann einem von uns etwas zustößt? Wir wären gezwungen die OP selber vorzunehmen. Und du weißt aus eigener Erfahrung, dass man sich in diesen Momenten nicht normal verhält und wie die Gefühle einen verändern.“

„Ja, aber es ist machbar.“

„Sicher. Nur jeder geht damit anders um. Du hast einige Tage gebraucht, dann hattest du es überwunden. Andere schmeißen alles hin.“ Geoffs Blick wanderte zu seinem Bruder. „Damals als Kevin kam, da habe wir lange über diese Problematik gesprochen und wir haben, zusammen mit Jim, eine Vereinbarung getroffen, wie wir uns verhalten wollten. Für den Ausnahmefall! Für den Fall, das Jim nicht zu greifen sein würde und die Zeit keinen weiteren Aufschub duldet.“ Der Chefarzt hatte sich mittlerweile in Rage gesprochen. „Da Jim uns jetzt verlassen hat, ist dieser Ausnahmefall immer präsent und mit David können wir ihn auch nicht umgehen.“

Fran war erstaunt. Geoff hatte völlig Recht. Das war das Erste, was man während seiner Ausbildung lernte. Wenn einem der Patient zu nahe stand, konnte man zu falschen Handlungen oder Verzögerungen in der Behandlung verleitet werden und damit ein Leben ungewollt gefährden.

Kevin war zu seinem Bruder getreten und legte ihm beruhigend eine Hand auf die Schulter: „Ich habe mir schon gedacht, dass du deshalb die ganzen letzten Tage gedanklich so abwesend warst. Wir werden mit David reden. Wir werden eine Lösung finden Geoff.“

„Ehrlich gesagt, mache ich mir um uns nicht so viele Sorgen. Nur David ist noch jung. Wird er seine Gefühle verdrängen können? Er hat noch so wenig Erfahrung.“

„Was ist mit dem vierten Arzt. Wir waren schon mit Jim unterbesetzt. Hat Mr. Franklin dir dazu etwas gesagt?“ Kate sah ihren Mann hoffnungsvoll an.

„Das ist auch noch so eine Sache! Dieser Mann treibt mich noch irgendwann in den Wahnsinn. Der vierte Arzt soll in zwei Wochen kommen. Immerhin. Aber anscheinend ist er auch nicht viel erfahrener als David.

Ich verstehe einfach nicht, warum die Zentrale in Sydney so eine Geheimniskrämerei mit dem neuen Personal veranstaltet! Sonst hatten wir immer ein Mitspracherecht und konnten uns die Bewerbungen ansehen. Dadurch konnten wir uns schon ein erstes Bild über den Menschen machen. Heute schicken sie uns einfach jemanden her und wir können sehen, wie wir mit ihnen fertig werden. Weiß ich denn, ob sie in unser Team passen?

Wer der neue Funker ist, weiß ich auch noch nicht. Mr. Franklin war gestern Nachmittag, als ich ihn sprechen wollte, in einem Meeting.“

„Geoff, beruhige dich. Ich denke, die Zentrale kann froh sein, wenn sie die Stellen heute überhaupt noch besetzen können. Nachdem, was ich letztens in Sydney von den Verwaltungsleuten gehört habe, melden sich nicht mehr viele für den Dienst beim RFDS.“ Kate schaute ihn beruhigend an.

„Dann ist es jetzt also soweit…“ Ergeben atmete Geoff tief durch. Langsam wurde er ruhiger. „Darüber wurde schon vor einigen Jahren während einer Tagung gesprochen. Die meisten jungen Leute wollen in den Großstädten bleiben, da ist mehr los und sie können ein angenehmeres Leben führen.“

„Es bringt nichts, wenn wir hier weiter diskutieren. Lass uns mit der Visite beginnen, das bringt dich wieder auf andere Gedanken.“ Kevin boxte seinen Bruder in die Seite und lachte.

„Okay.“ Geoff wandte seine Aufmerksamkeit seiner Frau zu. „Wartest du? Oder fährst du schon wieder nach Hause?“

„Ich warte. Du musst mich nämlich mitnehmen. Ich bin zu Fuß gekommen.“ Verwundert schaute Geoff seine Frau an. „Den ganzen Weg?“

„Ja. Es war herrlich. Und so still auf den leeren Straßen. – Ich werde die Zentrale übernehmen, dann könnt ihr in aller Ruhe eure Runde machen.“

„Oh, das wäre wirklich super von dir Kate.“ Fran sah sie dankbar an. Sie hasste diese Tage, wenn Morgens nur eine Krankenschwester für die Visite und dem Empfang eingeteilt war. Aber genauso wie sich immer weniger Ärzte für den Dienst beim RFDS verpflichteten, sank auch die Zahl des Pflegepersonals. Es fehlte Geoff das Personal, um einen anderen Dienstplan erstellen zu können.

„Dann bis gleich.“ Geoff drückte Kate einen Kuss auf die Stirn und ging mit Fran und Kevin davon.

Kate nahm hinter dem Tresen Platz. Nachdenklich stützte sie ihren Kopf mit beiden Händen auf der Tischplatte ab. Und wieder wanderten ihre Gedanken zurück in die Vergangenheit…



„Wir werden Mrs. Hanson gleich nochmal Blut abnehmen, Fran.“

„Ist gut.“ Die Krankenschwester nickte zu Geoff hinüber, nahm die Krankenakte zur Hand und machte sich eine Notiz.

„Wie kommt es, dass Kate und du nach fast 30 Jahren noch immer so glücklich seid? Wenn ich euch Zwei so sehe, kann ich noch an die große Liebe glauben.“ Kevin war Geoff auf den Flur gefolgt und zusammen warteten sie, bis Fran fürs nächste Zimmer bereit war.

Kevin Standish hatte im Gegensatz zu seinem älteren Bruder dunkelbraune Haare und überragte ihn um eine halbe Kopflänge. Ansonsten waren beide muskulös gebaut. Denn beide versuchten den aufkommenden Stress durch Sport auszugleichen.

„Ich verliebe mich jeden Tag aufs Neue in Kate. Sie überrascht mich selbst heute noch.“ Geoff schwieg einen Moment. „Aber es gibt auch schlechte Tage. Dann vermisse ich sie schrecklich. Weißt du, es ist, als ob sie zu einem Teil von mir geworden ist, der furchtbare Schmerzen verursacht, wenn sie nicht da ist… Und außerdem habe ich damals viel zu lange um sie kämpfen müssen, als dass ich sie je wieder laufen lassen würde.“

„Wieso?“

Geoff sprach nicht gerne über diese Zeit. Sie bedrückte ihn. Doch, warum sollte er es Kevin nicht endlich erzählen? Er war sein Bruder. Und er hatte Kate und ihm alles über sein Leben mit Pamela erzählt.

„Du brauchst nicht.“ Kevin wusste wie schwer es Geoff manchmal fiel sich zu öffnen.

„Kate wollte Coopers Crossing verlassen. Wegen mir. Sie konnte nicht mehr mit mir zusammen arbeiten. Ich… hatte sie zu sehr verletzt… Nicht die richtigen Worte gefunden.“

„Nun, irgendwann müssen sie aber richtig gewesen sein, wenn sie doch geblieben ist.“

„Ja, bei meiner dritten Chance.“ Geoff schmunzelte vor sich hin.

„Na siehst du. Alle guten Dinge sind drei! Kein Wunder!“ –

Ihr Lachen schallte laut über die Flure des Krankenhauses. Kate hörte sie von weiten und fühlte ein starkes Glücksgefühl in sich aufsteigen. Es war doch die richtige Entscheidung gewesen, dass Kevin mit Felicitas nach Coopers Crossing gezogen war.

Es hatte Geoff und Kate vor fünf Jahren sehr viel Überredungskunst gekostet, Kevin von dem Umzug zu überzeugen. Ein Neuanfang war das Beste für die Zwei. Dazu war immer jemand da, der einem helfen konnte und sei es nur, um stundenweise ein kleines Kind zu hüten.

Wie hatte sich ihr Schwager seit dem Umzug verändert. Er konnte wieder unbeschwert lachen und war Felicitas ein liebevoller Vater. Meistens war er ihr gegenüber viel zu nachsichtig. Aber Felicitas mit ihren nunmehr sechs Jahren war ein pfiffiges kleines Mädchen, das man einfach lieben musste. Auch wenn sie mit ihren vielen Fragen manchmal nerven konnte. Doch ein Blick in ihre neugierigen und aufgeweckten Augen machte das alles wieder wett. In solchen Momenten musste Kate oft an ihre eigenen Kinder denken. Sie waren in dem Alter ähnlich gewesen. Daher versuchte sie ihrer Nichte genauso geduldig zu begegnen.

Felicitas schien ihre Mutter nicht zu vermissen. Sie war noch zu jung gewesen. Ihr Vater hingegen hatte einige Zeit gebraucht, bis er das Verschwinden von Pamela akzeptieren konnte.
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