Der Clurichaun

von WillyR
GeschichteKrimi, Horror / P12
John Sinclair OC (Own Character)
03.03.2016
03.03.2016
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Seamus O’Leary war etwas außer Atem, konnte jedoch ein triumphierendes Lachen nicht unterdrücken. Endlich hatte er den rothaarigen, bärtigen Kobold in die Enge getrieben. Aus der Ecke zwischen Haus und Werkstatt gab es kein Entrinnen mehr.
„Jetzt hab’ ich dich, Leprechaun“, höhnte O’Leary spöttisch und packte das Geschöpf fest an den Schultern. „Gib mir deinen Topf mit Gold!“
Der Zwerg funkelte ihn aus bösartigen Augen finster an. O’Leary ahnte es noch nicht, aber er würde an diesem Abend sterben.
Wie viele Iren war Seamus O’Leary nicht nur ein praktizierender Katholik, sondern auch zutiefst abergläubisch und von der Existenz der unzähligen Gestalten der irischen Mythologie überzeugt. Er glaubte an Feen, Elfen und Naturgeister, Banshees, Pookas und Revenants aus der Anderswelt.
Und dazu gehörten auch die Leprechauns, jene Wächter des Goldes am Ende des Regenbogens. Jedes Kind in Irland wusste, wer einen Leprechaun fing, dem musste der Kobold er seinen Goldschatz vermachen.
Als O’Leary daher die gut einen Meter große, grün gekleidete Gestalt mit dem ebenfalls grünen Hut und den spitzen Ohren durch seinen Garten huschen sah, wusste er sofort, was zu tun war. Draußen dämmerte es schon. Er hatte sich gerade sein Abendessen vorbereitet, als der Kobold über die niedrige Natursteinmauer hüpfte, die sein kleines Grundstück umgab.
O’Leary sprang trotz seines Alters von 73 Jahren behände auf und stürzte hastig zur Hintertür seines weiß gestrichenen Hauses, das ein wenig abseits am Rand von Lower Kilronan auf der Insel Inishmore lag.
Da war er: Das uralte Männlein kauerte hinter dem gemauerten Ziehbrunnen, der älter war als das Haus, und hatte anscheinend etwas aus der steinigen Erde ausgegraben. In seiner rechten Hand blinkte ein runder, metallischer Gegenstand kurz auf.
Der alte Fischer rieb sich zufrieden die Hände. Das musste ein wertvoller Schatz sein, der in seinem Garten verborgen gewesen war. Also gehörte er rechtmäßig sowieso ihm.
O’Leary schlich sich so leise er konnte an. Doch als er die Stelle fast erreicht hatte, schaute der bärtige Zwerg auf und entdeckte ihn. Das faltige kleine Gesicht verzog sich zu einer wütenden Grimasse. Ein heiseres Stöhnen entwich seinem Mund. Dann drehte es er sich blitzschnell auf der Stelle und hastete davon in Richtung Gartenmauer.
Aber damit hatte O’Leary gerechnet und schnitt ihm mit langen Schritten den Weg ab. Noch bevor er den vermeintlichen Leprechaun greifen konnte, schlug dieser jedoch einen Haken und rannte nach rechts auf das niedrige, aus Natursteinen gemauerte Gebäude der Werkstatt zu, die an das Wohnhaus grenzte.
Das war ein Fehler.
O’Leary hastete sofort hinterher. An der Werkstatt holte er das Elfenwesen ein und trieb es in den Winkel, wo sich die beiden Gebäude trafen, so dass es nicht mehr ausweichen konnte.
Siegessicher baute sich der Mann vor dem Kobold auf und lachte. Er war ein wenig außer Puste, doch die Aussicht auf seinen Preis ließ ihn die Schmerzen, die nun, da er zur Ruhe kam, in seinen arthrotischen Knien aufflammten vergessen. Schließlich würde er bald reich sein.
Als er jedoch das Männlein grob festhielt und aufforderte, ihm sein Gold auszuhändigen, fletschte dieses nur wütend die Zähne. Seine unheimlichen, pechschwarzen Augen bohrten sich in O’Learys. Seamus O’Leary wollte dem stechenden Blick ausweichen, konnte den Kopf jedoch nicht abwenden.
„Du irrst dich, alter Mann“, zischte der Kobold. Seine Stimme war dunkel und heiser. „Ich habe keinen Schatz zu verschenken.“
„Natürlich hast du das“, widersprach ehemalige Fischer vehement, obwohl in seinem Inneren bereits Zweifel keimten. Kalte Angst ließ seine Stimme erzittern. „Du bist ein Leprechaun.“
Jetzt lachte das Männlein. Es war ein boshaftes, triumphierendes Gelächter. Dann spuckte der Kobold verächtlich aus. Es zischte, als der Speichel das Gras traf und eine schmale, gräuliche Rauchwolke stieg auf. An der Stelle bildete sich ein pechschwarzer Brandfleck.
„Nein“, kreischte der Kobold. „Du solltest die Wesen der Anderswelt besser kennen, alter Mann. Ich bin kein Leprechaun, ich bin ein Clurichaun!“
Noch bevor O’Leary begreifen konnte, was geschah, oder reagieren konnte, griff die Hand des Fabelwesens blitzschnell nach seiner linken Brust und krallte sich durch den dicken Wollpullover in die Haut. O’Leary spürte, wie sich eine eiskalte Klammer um seinen Brustkorb legte und sich unerbittlich enger zog. Ein stechender Schmerz raste in seinen Hals und den linken Arm.
Der Clurichaun ließ ihn los und sah seinem Opfer mit eiskaltem Interesse zu. Sein Gesicht verzog sich zu einem spöttischen Grinsen.
O’Learys Agonie blieb. Er schnappte nach Luft. Ein letztes Röcheln quälte sich aus seinem qualvoll verzerrten Mund und seine Augen quollen hervor, bevor ihn tiefste Dunkelheit und Leere umfing und er tot zusammenbrach...



„Plötzlicher Herztod, würde ich sagen“, erklärte Dr. Ryan Kennedy sachlich, nachdem er die Leiche gründlich untersucht hatte. „Seamus war immerhin schon 73 und hat bis vor ein paar Jahren geraucht wie ein Schlot. Er muss die ganze Nacht hier gelegen haben. Die Totenstarre ist schon voll ausgeprägt.“
Dr. Kennedy war kein Einheimischer, sondern stammte aus Lifford in der Grafschaft Donegal an der Grenze zu Nordirland und hatte in Dublin Medizin studiert. Obwohl seit fast fünfzehn Jahren auf Inishmore niedergelassen war, betrachteten ihn viele Insulaner immer noch als den neu Zugezogenen.
Er war ein hoch gewachsener, drahtiger Mann von 47 Jahren, der regelmäßig Joggen ging und sogar schon erfolgreich an mehreren Marathons teilgenommen hatte. Sein langes, ergrauendes Haar hatte er zu einem Pferdeschwanz gebunden. Dieses unkonventionelle Aussehen hatte anfangs für Ressentiments unter den im Allgemeinen eher konservativen Inselbewohnern gesorgt. Doch inzwischen nahm man seine Marotten hin. Es blieb ihnen auch nichts anderes übrig. Kennedy war schließlich der einzige Arzt auf Inishmore.
Father Logan de Burgh, der junge Gemeindepfarrer von Inishmore, hatte Seamus O’Leary die Sterbesakramente verabreicht und den Arzt angerufen, nachdem Sarah Colobert, die Schwester des Toten, ihren alleinstehenden, jüngeren Bruder am Morgen im Garten seines Hauses aufgefunden und ihn als Ersten verständigt hatte. Er hatte den alten Fischer gut gekannt.
Jetzt schüttelte er nachdenklich den Kopf.
Die beiden standen draußen im Garten von O’Learys Haus. Es war Vormittag. Ein kühler Wind fegte über die Insel und ließ der blassen Oktobersonne keine Chance ihre Wärme zu entfalten.
„Sind sie sicher, Doc?“, fragte er. „Er hat meines Wissens nie über Herzprobleme geklagt. Nahm er irgendwelche Medikamente regelmäßig ein?“
„Ich habe ihm zumindest keine verordnet“, gab der Allgemeinmediziner zu. „Wenn ich’s recht überlege, war Seamus zuletzt vor über zwei Jahren in meiner Praxis, weil eine Bronchitis mit seinen Hausmittelchen nicht besser wurde. Ich habe ihm damals auch geraten, mit den Zigaretten aufzuhören. Hätte nie gedacht, dass der Alte es tatsächlich macht. Ansonsten schien er mir kerngesund, abgesehen von verschlissenen Knochen. War ja auch Zeit seines Lebens viel an der frischen Luft und hat hart gearbeitet.“
Der Geistliche kratzte sich am Kopf.
„Finden Sie es dann nicht merkwürdig, dass so jemand einfach tot umfällt?“
Father de Burgh betrachtete noch einmal das Gesicht des Verstorbenen. Es war zu einer Grimasse erstarrt, die ihm nicht nur körperlichen Schmerz, sondern auch unendliche Angst auszudrücken schien.
Dr. Kennedy zuckte gleichgültig mit den Achseln. Für ihn schien die Sache erledigt.
„So etwas gibt es häufiger. Die Patienten haben eine asymptomatische Verengung der Herzkranzgefäße und bekommen irgendwann einen akuten Infarkt, der dann tödliche Herzrhythmusstörungen auslöst. Sie würden sich wundern, wie häufig so etwas vorkommt.“
Das klang einleuchtend.
„Trotzdem...“, zweifelte der Priester.
„Was soll es sonst gewesen sein?“, fragte der Arzt verwundert. „Es gibt keine Hinweise auf einen nicht natürlichen Tod oder Fremdverschulden. Ansonsten müssten wir die Polizei hinzuziehen. Ist es das, was Sie wollen?“
Er zog sein Mobiltelefon aus der Hosentasche.
Father de Burgh hob abwehrend die Hände.
„Nein, nein“, sagte er schnell. „Ich zweifle ja nicht an Ihrem medizinischen Urteil.“
„Kein Problem, Father“, erwiderte Ryan Kennedy freundlich und unterschrieb den Totenschein. „Dann kann das Beerdigungsinstitut ihn jetzt ja mitnehmen.“
Die beiden Männer mit dem Transportsarg warteten schon dezent im Hintergrund. Ihr schwarzer Kastenwagen parkte in der Einfahrt. Sarah Colobert musste sie angerufen haben.
Auf einen Wink des Arztes kamen sie langsam herbei und machten sich an die Arbeit. Sie würden den Verstorbenen zur Einbalsamierung ins Institut bringen, bevor er zur traditionellen Totenwache in seinem Haus aufgebahrt wieder aufgebahrt wurde.
Der Pfarrer kannte die zwei und nickte ihnen freundlich grüßend zu.
„Selbstverständlich“, stimmte de Burgh zögernd zu, verabschiedete sich von Dr. Kennedy und ging dann zu O’Learys Schwester ins Haus, um ihr Trost und Beistand zu spenden. Sie hatte sehr an ihrem Bruder gehangen.
Auf dem Weg zu ihr sah er, dass jemand neben dem Brunnen im Garten, ein frisches Loch gegraben hatte, und fragte sich flüchtig, welche Bewandtnis es damit wohl haben mochte. Doch dann hatte er es schon wieder vergessen. Es erschien in diesem Moment nicht wichtig.
Die rüstige alte Dame saß mit von Tränen verquollenen Augen am Küchentisch bei einer Tasse Tee, die sie noch nicht angerührt hatte und die inzwischen kalt geworden war.
„Trotzdem...“, murmelte der Geistliche nochmals skeptisch mit Gedanken an O’Learys unerwarteten Tod und bekreuzigte sich. Dann setzte er sich neben Sarah Colobert und legte ihr die Hand beruhigend auf die Schulter.
„Seamus ist jetzt bei unserem Schöpfer, Sarah.“



Padraig McDonald ärgerte sich über sich selbst. Und in solchen Situationen grummelte er häufig in wütenden Selbstgesprächen vor sich hin.
„Ich Idiot, Trottel, Versager...“
Warum hatte er die alte Timex Armbanduhr einfach in seine Hosentasche gesteckt, als er am Vortag das Grab für Seamus O’Leary ausgehoben hatte? Sie musste dann unbemerkt herausgefallen sein, als er sein Stofftaschentuch hervorgeholt hatte, um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen. Padraig McDonald war Totengräber auf Inishmore und arbeitete für den Bestattungsunternehmer Sean O’Neill, dem einzigen seiner Zunft auf den Araninseln mit Hauptsitz in Kilronan.
Die Uhr war Padraig wichtig. Sie war zwar nicht besonders wertvoll, aber sein kurz darauf an Blasenkrebs verstorbener Vater hatte sie ihm seinerzeit zur Erstkommunion geschenkt, was sie zu etwas Besonderem machte. Er wollte sie unbedingt wiederhaben.
Leider hatte er es am Nachmittag nicht geschafft, hierher zu kommen, da sein Boss ihn verpflichtet hatte, die Lieferung neuer Särge abzuholen, die mit der Morgenfähre aus Galway eingetroffen waren, sie ins Lager zu bringen und zu katalogisieren. Padraig war so etwas wie Mädchen-für-Alles im Beerdigungsinstitut: Totengräber, Lagerist, Sargträger, Friedhofsgärtner, Leichenwagenfahrer und was sonst noch so anfiel.
Hoffentlich hatte noch kein anderer die Uhr gefunden und mitgenommen.
Padraig umrundete die Ecke der aus Natursteinen errichteten, kleinen Kirche St. Brigid & St. Oliver Plunkett und betrat hinter dem Eingang zur Sakristei durch das schmiedeeiserne Tor den kleinen Friedhof von Kilronan. Drinnen lief noch die Abendmesse. Padraig hörte gedämpft, wie die Orgel gerade zu einem Choral ansetzte, dem die versammelte Gemeinde einstimmte.
Padraig war ein kleiner, übergewichtiger Mann mittleren Alters. Auf seinem Kopf verbarg eine dunkelblaue Fischermütze den kurz geschnittenen, langsam grau werdenden Haarkranz, der seine Stirnglatze umgab. Seine Hakennase zierte eine runde Nickelbrille.
Er beeilte sich, da es schon dämmerte. Andere mochten diesen Ort im abendlichen Zwielicht unheimlich finden. Doch ihm machte es schon berufsbedingt nichts aus, sich zwischen Toten zu bewegen.
Seamus O’Learys Grabstätte lag am Rand des neuen Gräberfelds am anderen Ende des Friedhofs. Hier im alten Teil ragten hohe, teils verwitterte und mit Flechten überwucherte Keltenkreuze mit dem typischen Ring um den Schnittpunkt der Balken als Grabsteine in den Himmel. Die Gräber waren mit Gras bedeckt, dessen Halme sich im Wind wiegten.
Auf einem der steinernen Kreuze saß ein großer Rabe und begrüßte den Mann mit einem Krächzen, während er aus schwarzen Augen misstrauisch beobachtete, wie er seinen Weg zwischen den Grabmalen verfolgte.
Die letzte Ruhestätte des alten O’Leary war leicht zu finden. Es war derzeit das einzige frische Grab und noch nicht eingeebnet. Das wollte Padraig erst in einigen Tagen erledigen und dabei auch die zahlreichen Kränze wegräumen, die noch darauf lagen und bis dahin sicher verwelkt sein würden.
Auch dieses Mal hatte Padraig nicht nur den Leichenwagen, den er zuvor mit Blumen geschmückt hatte, von O’Learys Haus, wo der Tote nach der Einsargung wieder aufgebahrt gewesen war, durch das Dorf zur Kirche kutschiert, sondern auch geholfen den Sarg zu tragen und in die Erde herabzulassen.
Es war eine große Beerdigung gewesen, nachdem es bei der traditionellen Totenwache im Haus des Verstorbenen in der Nacht zuvor reichlich irischen Whiskey und Bier gegeben hatte. Auch Padraig war dort gewesen. Es waren irische Volkslieder gesungen worden, und man hatte Geschichten und Erinnerungen über Seamus O’Leary ausgetauscht.
Bei der Beisetzung hatte es geregnet.
Das halbe Dorf hatte Seamus O’Leary heute die letzte Ehre erwiesen, und Father de Burgh hatte eine stimmungsvolle Messe gelesen und auch am offenen Grab die richtigen Worte gefunden.
Als dann der Sarg in die Erde herabgelassen wurde, war Sarah Colobert unter Tränen zusammengebrochen und hatte von ihrem Mann Ben, der auch ein ehemaliger Fischer war und mit ihrem Bruder auf einem Boot gefahren war, gestützt werden müssen.
Nachdem die Trauergemeinde nach der Beisetzung abgezogen war, hatte Padraig den schwarzen Anzug gegen seinen Arbeitsoverall eingetauscht und sich an die Arbeit gemacht. Das Grab zuzuschaufeln war wieder eine schweißtreibende Tätigkeit gewesen. Anschließend hatte er die abgegebenen Trauerkränze kunstvoll auf dem Grabhügel drapiert. Zum Schluss hatte er noch ein schlichtes Holzkreuz aufgestellt.
Als er damit fertig war, ging es schon auf Mittag zu. Zeit für eine Pause blieb jedoch nicht, sondern er musste sich sofort mit dem Lieferwagen des Beerdigungsinstituts auf den Weg zum Hafen machen, um die gelieferten Holzsärge einzuladen. Auf dem Weg dorthin war ihm dann aufgefallen, dass seine geliebte Armbanduhr nicht mehr in der Hosentasche steckte.
Den Rest des Weges hatte Padraig daher heftig und laufstark geschimpft und auf das Lenkrad eingeschlagen. Die Leute, die ihm begegneten, mussten gedacht haben, er habe den Verstand verloren.
Er hatte krampfhaft überlegt, wo die Uhr sein könnte. Doch erst nachdem er sie nach Feierabend auch in seiner kleinen Wohnung nicht gefunden hatte, war ihm eingefallen, wie sie ihm wahrscheinlich aus der Tasche gerutscht war. Also hatte er sich schleunigst zum Friedhof aufgemacht, um sie zu suchen.
Als er sich nun O’Learys Grab näherte, kam ihm plötzlich ein anderer Gedanke: Was, wenn er die Armbanduhr beim Zuschütten aus Versehen mit eingegraben hatte? Nicht auszudenken!
„Scheiße, Scheiße!“, zischte Padraig verzweifelt.
Er bemerkte, dass der Rabe ihm gefolgt war und sich mit den Flügeln flatternd auf dem Grabstein neben Seamus O’Learys letzter Ruhestätte niederließ. Das Tier beäugte den Mann interessiert und krächzte noch einmal.
„Verschwinde!“, herrschte Padraig den pechschwarzen Vogel an. Doch dieser ließ sich nicht beeindrucken.
Endlich hatte Padraig das Grab erreicht und umrundete den geschmückten Erdhügel, während seine Augen fieberhaft den Boden absuchten. Nichts zu entdecken.
„Mist.“
Der Rabe stieß einen spöttischen Schrei aus.
„Halt’s Maul, du Drecksvieh!“, brüllte Padraig.
Er wurde immer verzweifelter, suchte weiter, bis er letztlich niederkniete und auf allen vieren über den Boden kroch. Immer noch nichts. Er wollte schon aufgeben, als er trotz des schwächer werdenden Lichts im Augenwinkel etwas im feuchten Lehm unter einem Blumenkranz silbern schimmern sah. Padraig griff sofort danach und zog das Ding aus der feuchten Erde.
Es war tatsächlich seine Uhr. Dreckverschmiert, aber ansonsten in Ordnung. Vielleicht hatte das Deckglas einen zusätzlichen Kratzer abbekommen, doch das war ihm egal. Hauptsache die wertvollste Erinnerung an seinen Vater war wieder da.
„Gott sei Dank!“, sagte Padraig laut.
Der Rabe krächzte wie zur Bestätigung seiner Worte.
Padraig rappelte sich überglücklich auf, säuberte die Uhr grob an seinem Hosenbein, band sie wieder um sein Handgelenk und machte sich mit beschwingtem Schritt auf den Rückweg.
In der Mitte des Kirchhofes, an der Grenze zwischen dem alten und dem neuen Teil stand eine gewaltige, knorrige Stieleiche, deren mächtige Zweige sich hoch in den Himmel reckten. Seit Jahrhunderten trotzte sie Wind und Wetter, welche den Baum nicht hatten gerade wachsen lassen, sondern sein Stamm neigte sich zur Seite und auch die Äste bogen sich in Windrichtung.
Der örtlichen Legende nach stammte die Eiche noch aus vorchristlicher Zeit, denn auf der Nordseite des Stammes war eine verwitterte dreifache Spirale, auch Triskele genannt, in die Rinde geschnitzt. Ein antikes Symbol keltischen Glaubens.
Wie ganz Irland hatte auch Inishmore starke keltische Wurzeln. Es gehörte sogar zum sogenannten Gaeltacht, also jener Gegenden des Landes, in denen noch die gälische Sprache weit verbreitet war. Für die meisten Bewohner war es sogar die Muttersprache, obwohl alle zweisprachig waren und auch das Englische beherrschten.
Padraig stutzte.
Unter der Eiche, neben dem breiten Stamm kauerte zwischen den Wurzeln eine kleine Gestalt. Es war inzwischen so dunkel, dass er zunächst nicht erkennen konnte, ob es ein Tier oder ein Kind war. Doch er würde es herausfinden. Zum einen war er neugierig geworden, zum anderen fühlte er sich ein Stück weit für die Totenruhe des Friedhofs verantwortlich.
Er beschleunigte seine Schritte und eilte auf den Baum zu.
„Heh!“, rief er. „Was treibst du da?“
Als er näher kam, sah er, dass dort ein ganz in Grün gekleidetes Männlein hockte und unbeirrt im Boden wühlte. Padraig kniff die Augen zusammen. War das möglich oder fantasierte er? Ein Leprechaun. Er hatte sich nicht getäuscht, denn als er die Augen wieder öffnete, war die Erscheinung immer noch da.
Ein Grinsen erschien auf seinem Gesicht.
Der rothaarige Kobold schien so beschäftigt zu sein, dass er den Mann noch nicht bemerkt hatte. Jetzt stieß er ein triumphierendes Grunzen aus und zog etwas aus dem Loch, das er gegraben hatte. Nach einem kurzen, prüfenden Blick steckte er es in einen Lederbeutel, der am Gürtel seiner Jacke hing.
Der Rabe flog unterdessen krächzend von seinem Sitzplatz in die Krone der Eiche.
Padraig beeilte sich.
Mit einem Satz stand er hinter dem Zwerg, bückte sich und packte ihn fest an den Schultern.
„Erwischt!“, stieß er hervor.
Was dann geschah, ging so schnell, dass Padraig es kaum begreifen konnte. Der Wicht schrie wütend auf, und ehe sich Padraig versah hatte er ihn so in seine linke Hand gebissen, dass Blut hervorquoll. Der Schmerz war so heftig, dass er reflexartig losließ.
In diesem Moment wand sich der Gnom vollends aus der Umklammerung, wirbelte herum und starrte Padraig mit funkelnden Augen an. Sein faltiges Gesicht war hasserfüllt, seine Lippen blutverschmiert.
Sein rechter Arm fuhr blitzschnell nach vorne, so dass er Padraigs Stirn kurz mit der Hand berühren konnte. Ein vernichtender Kopfschmerz füllte wie ein Donnerschlag seinen Schädel aus.
„Warum glaubt ihr alle, dass ihr mich fangen könnt?“, knurrte das Männlein und betrachtete sein Opfer mitleidslos. „Das steht nicht in eurer Macht.“
Padraig hatte das Gefühl, dass er keine Gewalt mehr über seine Beine hatte. Er sackte wie gelähmt in sich zusammen. Der pulsierende Schmerz in seinem Schädel wurde immer schlimmer und trübte seinen Blick.
Eine schreckliche Furcht machte sich in seinen Gedanken breit.
Der Clurichaun würdigte den Sterbenden keines weiteren Blickes, rannte auf die Friedhofsmauer zu, hüpfte geschickt darüber und war verschwunden.
Padraig spürte, dass eine tiefe Bewusstlosigkeit nahte. Doch er wollte die anderen warnen. Mühsam versuchte er mit den Fingern ein Wort in den Boden zu kratzen, wobei seine Fingernägel abbrachen. Doch den Schmerz spürte er schon gar nicht mehr.
Es fiel ihm schwer, sich zu konzentrieren. Seine gesamte linke Körperhälfte war wie betäubt. Er kam daher nicht weiter als vier Buchstaben, bevor ihn seine Kräfte endgültig verließen.
Das letzte, das Padraig McDonald in seinem Leben spürte, war wie der Rabe krächzend auf seinem Rücken landete und ihn mit seinem scharfen Schnabel in den Nacken pickte...



Father de Burgh stutzte, als er nach der Abendmesse aus dem Fenster seiner Sakristei blickte. Neben der uralten Eiche, die in die Mitte des Friedhofs stand und deren Blätter sich bereits herbstlich braun verfärbt hatten, lag ein unförmiger, länglicher Schatten. Er konnte nicht genau erkennen, was es war, da es draußen schon zu dunkel wurde. Aber er war sich sicher, dass dort etwas lag.
Er beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen.
Er hatte sein Messgewand bereits abgelegt und gegen die Soutane eingetauscht. Die Ministranten, zwei elfjährige Jungs aus Kilronan, waren schon vor etwa fünf Minuten abgezogen. De Burgh löschte das Licht im Nebenraum der Kirche und trat durch die schwere, beschlagene Holztür ins Freie.
Nachdem er die Tür sorgfältig verschlossen hatte, marschierte er auf den angrenzenden Totenacker. Je näher er kam, umso sicherer wurde seine dunkle Ahnung, dass dort ein Mensch lag.
„Hallo!“, rief de Burgh mit lauter Stimme. „Brauchen Sie Hilfe? Ich bin’s, Father Logan.“
Der Schatten rührte sich nicht.
Ohne bestimmten Grund beschlich ihn ein ungutes Gefühl, das sich wie ein Stein in seinem Magen breit machte. Lag dort ein Mensch?
De Burgh holte sein Mobiltelefon aus der Hosentasche und aktivierte die Taschenlampenfunktion. Das grelle, weiße LED-Licht malte einen hellen Kreis auf den Boden. Tatsächlich, dort lag ein Mann auf dem Gesicht, der einen grünen Overall und schmutzige Gartenschuhe trug. Der linke Handrücken war blutverschmiert. Auf seinem Rücken saß ein Rabe der verärgert aufschrie, als de Burgh näher kam, und davon flatterte.
Für einen kurzen Moment hielt der Priester erschrocken seinen Atem an. Das trockene Laub raschelte unter seinen Füßen. Dann beugte er sich über den reglosen Körper nieder und rüttelte an der Schulter des Mannes.
„Hören Sie mich?“
Als keine Reaktion erfolgte, drehte er ihn mit einiger Mühe um. Er kannte den Mann gut. Es war Padraig McDonald, der Totengräber. Sein Körper war noch warm, aber er war tot. Seine starren Augen waren rot unterlaufen und sein Gesicht entsetzlich verzerrt.
De Burgh erschrak. Er musste sofort an Seamus O’Leary denken. „Großer Gott.“
Er segnete rasch den Toten, bevor er sich aufrichtete und mit seinem Handy Dr. Kennedy und die Polizei verständigte. Danach kniete er nieder und begann zu beten. Dabei streifte sein Blick den Boden neben Padraigs Leiche. Neben dem Stamm der Stieleiche hatte wieder jemand ein etwa 50 Zentimeter tiefes Loch gegraben. Eine weitere Parallele zum Tod des alten Fischers.
Und noch etwas fiel ihm auf. Anscheinend mit letzter Kraft hatte der Mann mit den Fingern der rechten Hand versucht, ein Wort in die Erde zu kratzen:
L-E-P-R...



Ich fluchte innerlich. Das Display meines Smartphones zeigte den zweiten Tag stur „kein Netz“. Okay, ich war auf die Araninseln gereist, um ungestört Urlaub zu machen, einmal vollständig abschalten zu können. Aber quasi komplett von der Außenwelt abgeschnitten zu sein, damit hatte ich nicht gerechnet.
Am ersten Tag hatte ich noch schwachen Empfang gehabt. Für mobiles Internet hatte es nicht wirklich gereicht, aber zumindest hatte ich telefonieren und SMS senden können. Seit gestern streikte das Mobilfunknetz jedoch. Meine Wirtin Abigal Ahern, eine freundliche ältere Dame, die eine Bed & Breakfast Pension betrieb, versicherte mir zwar, dass dies auf Inishmore nicht ungewöhnlich war, da der Sendemast 20 km entfernt auf dem Festland stand. Daran musste ich als Londoner mich allerdings erst gewöhnen, war es schließlich in der Großstadt selbstverständlich, überall online sein zu können und ständig erreichbar zu sein.
Zum Glück hatte mir meine Sekretärin Glenda Perkins zuletzt von meinem Chef Sir James Powell telefonisch ausrichten lassen, dass derzeit in unserer Sonderabteilung für Übersinnliches bei Scotland Yard alles ruhig war. Aber das konnte sich bekanntlich schnell ändern. Das Böse schläft nie.
Ansonsten war mein langjähriger Freund und Partner Suko in London geblieben, falls Arbeit für unsere kleine Spezialeinheit auftauchen sollte, so dass ich mir nicht wirklich Sorgen machte. Mit normalen Problemen würde er auch einmal alleine zurechtkommen. An Erfahrung mangelte es ihm schließlich nicht.
Wenn mich jemand gefragt hätte, warum ich ausgerechnet jetzt in diesem entlegenen Teil Europas Urlaub machte, statt in den sonnigen Süden zu verreisen, so wäre meine Antwort, dass ich meine Ruhe wollte und möglichst wenige andere Touristen. Die letzten Fälle waren so zermürbend gewesen, dass ich die Entspannung einfach brauchte.
Hier auf der Insel gab es kein Kino und keine Diskotheken. Erst seit 1975 gab es hier Elektrizität. Wer ausgehen wollte, musste auf Festland und dort übernachten, denn die letzte Fähre nach Inishmore legte um 18:30 Uhr ab. Dafür gab es auch so gut wie keine Kriminalität. Dennoch führte es dazu, dass viele junge Menschen die Araninseln verließen; das Durchschnittsalter der Bevölkerung lag bei 50 Jahren.
Doch um auszuspannen, war es die ideale Umgebung. Zumal die irische Gastfreundschaft legendär ist.
Nachdem ich den Vorabend in Tí Joe Watty’s Bar bei einem hausgemachten Steakburger und dem einen oder anderen Pint Guinness verbracht hatte und danach wie ein Stein geschlafen hatte, genoss ich jetzt Mrs. Aherns Full Irish Breakfast. Es gab vorweg Orangensaft, danach wurden süßer Porridge und im Anschluss noch Spiegeleiern mit gebratenem Schinkenspeck, gebackenen weißen Bohnen in Tomatensoße, würzigen kleinen Schweinswürstchen sowie gegrillter Tomate, Toast, Konfitüre und gesalzener Butter gereicht. Dazu jede Menge Tee.
Mit anderen Worten, ich war nach dem Frühstück pappsatt. Aber irgendwie hatte sich Mrs. Ahern wohl vorgenommen, mich ordentlich zu mästen.
„Hat es geschmeckt, Mr. Sinclair?“, fragte sie heiter aus der Küche und musterte mich über den Rand ihrer Brille.
Zurzeit war ich ihr einziger Gast. Aber Mitte Oktober fanden eben nur wenige Reisende den Weg auf die kargen Atlantikinseln vor der Westküste Irlands, allein schon wegen des Klimas. Sogar im Hochsommer lag die Durchschnittstemperatur bei gerade 15°C. Jetzt war es trotz des an der Küste entlang fließenden Golfstroms deutlich kälter, nicht zuletzt durch den konstanten Wind, der von der See über die Inseln wehte. Aber ich hatte mir schon als Mitbringsel einer der berühmten, handgestrickten Aran Pullover mit dem typischen Zopfmuster gekauft, um mich zu wärmen.
„Hervorragend, Mrs. Ahern“, antwortete ich und unterdrückte mit Mühe einen Rülpser. „Wie immer zu viel.“
„Ein Baum von einem Mann wie Sie, kann es doch vertragen“, erwiderte die kleine Witwe mit einem verschwörerischen Grinsen. Sie hatte ein freundliches Gesicht mit zahllosen Lachfalten, graues Haar, welches zu einem Dutt hochgebunden war, und reichte mir gerade bis zur Brust. „Das Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit des Tages.“
„Das hat meine Mutter auch immer gesagt.“
„Sehen Sie, Mr. Sinclair, dann stimmt es auch.“
Ich musste lachen.
„Was haben Sie heute vor?“, erkundigte sie sich.
„Ich wollte mich erst einmal am Hafen auf eine Bank setzen und einfach nur aufs Meer hinaus schauen“, erklärte ich, „und am Nachmittag vielleicht Dún Aengus besichtigen.“
Die Ruinen dieses bronzezeitlichen Forts lagen am Rand einer fast 100 Meter hohen Klippe im Südwesten der Insel und gehörten zu den bekanntesten Sehenswürdigkeiten der Araninseln. Laut Reiseführer gab es dort ein Besucherzentrum mit einem kleinen Museum.
„Oh ja, da sollten Sie unbedingt hin“, sagte Mrs. Ahern bestimmt. „Der Besuch lohnt sich allein schon wegen der Aussicht, die man von dort hat. Bei guter Sicht kann man bis zum Mount Brandon auf der Halbinsel Dingle sehen.“ Sie machte eine verschwörerische kurze Pause. „Aber wenn Sie wüssten, was man sich von dem Ort alles erzählt“, fuhr sie fort, „Sie würden staunen. Direkt unheimlich.“
Ich wurde berufsbedingt sofort hellhörig.
„Was Sie nicht sagen, Mrs. Ahern.“
Meine Neugier wurde jedoch nicht befriedigt, denn in diesem Moment klingelte schrill Mrs. Aherns Telefon im Wohnzimmer, ein fast schon antiker Wählscheibenapparat aus schwarzem Bakelite.
„Ich erzähle Ihnen, wenn Sie wollen, heute Abend mehr. Einen schönen Tag, wünsche ich.“ Mit diesem Worten verschwand die Pensionswirtin aus dem Frühstücksraum, der im Wintergarten lag. Wenig später hörte ich sie angeregt und lautstark telefonieren. Es klang, als spräche sie mit einer Freundin über den neusten Klatsch aus dem Ort.
Ich aber holte die wetterfeste Jacke aus meinem Zimmer und machte mich zu Fuß auf den Weg zum Hafen...



„Mr. Sinclair?“, fragte eine männliche Stimme mit schwerem irischem Akzent.
Ich saß mit geschlossenen Augen zurückgelehnt auf einer Holzbank am Pier des Fischerhafens und ließ mir die Oktobersonne ins Gesicht scheinen. Trotz des guten Wetters war es recht kühl. Eine kräftige Briese wehte vom Atlantik her über die Insel und zerzauste mein Haar. Über mir kreisten Möwen auf der Suche nach etwas Fressbaren und übertönten immer wieder mit ihren heiseren Schreien die Brandung, die an die Kaimauer klatschte.
„Ja?“
Ich öffnete die Augen. Vor mir stand ein junger katholischer Priester in schwarzer Soutane mit weißem Stehkragen, violetten Knöpfen und breitem Gürtel gleicher Farbe und musterte mich mit erstem Blick irgendwie erwartungsvoll. Das geistliche Gewand wies ihn als päpstlichen Ehrenkaplan aus. Er mochte vielleicht Mitte Dreißig sein, war groß — aber kleiner als ich —, hatte einen erstaunlich athletischen Körperbau und kurz geschnittene, feuerrote Haare. Unzählige Sommersprossen waren über sein Gesicht verteilt, insbesondere auf beiden Wangenknochen und der Nase. Ein schlichter Rosenkranz baumelte um seinen Hals.
Er lächelte erwartungsvoll.
„Oberinspektor John Sinclair von Scotland Yard?“, hakte er nach.
Etwas in seiner Stimme ließ in mir die Alarmglocken schellen. Ich antwortete: „Das bin ich.“
Der Geistliche atmete sichtbar auf und bekreuzigte sich.
„Dank sei Gott dem Herrn!“ Ohne auf eine Einladung zu warten, setzte er sich neben mich. „Ich bin so froh, Sie gefunden zu haben und dass Sie tatsächlich der sind, auf den ich gehofft hatte.“
Ich runzelte die Stirn.
„Ich würde ja gerne sagen, die Freude ist ganz meinerseits“, erwiderte ich, „aber Sie sind mir gegenüber im Vorteil. Sie wissen anscheinend, wer ich bin. Ich hingegen habe keine Ahnung, wer Sie sind, außer dass sie offensichtlich ein Mann Gottes sind.“
Der Priester kratzte sich verlegen am Kopf.
„Sie haben Recht“, gab er zu. „Ich habe mich nicht vorgestellt. Sorry. Mein Name ist Monsignore Logan de Burgh, ich bin der Pfarrer von Inishmore.“
Ich schüttelte die dargebotene Hand. Sein Händedruck war männlich fest und ließ die Energie erahnen, die in dem Geistlichen steckte.
„Freut mich Sie kennenzulernen, Father. Was kann ich für Sie tun?“
Er schien einen kurzen Moment zu zögern, dann sprudelte es aus ihm heraus: „Wenn Sie der Geisterjäger John Sinclair sind – und ich vermute, dass es bei Scotland Yard in London keine zwei Oberinspektoren mit diesem Namen gibt, also müssen Sie es einfach sein –, dann können Sie mir vielleicht bei der Aufklärung zweier mysteriöser Todesfälle helfen, die es in den letzten Tagen hier auf der Insel gab. Der Arzt hat in beiden Fällen einen natürlichen Tod festgestellt. Doch das glaube ich nicht. Nach dem ersten vielleicht noch, aber jetzt der zweite. Ich denke, dass hier dunkle Mächte am Werk sind. Ich fürchte um das Heil meiner Gemeinde. Sie sind meine letzte Hoffnung, Inspektor!“
„Nun einmal langsam, Father“, bremste ich de Burgh. „Eins nach dem anderen. Ich bin im Urlaub hier.“
„Aber...“
Ich hob beschwichtigend die Hände. Es war nicht das erste Mal, dass mich ein neuer Fall an eigentlich dienstfreien Tagen einholte.
„Das heißt nicht, dass ich Ihnen nicht helfen werde, wenn ich kann. Allerdings brauche ich ein paar Informationen mehr. Worum es geht und was Sie vermuten.“
„Natürlich.“
„Woher wissen Sie eigentlich, womit ich mich befasse?“, erkundigte ich mich. „Dass sich meine Abteilung mit übersinnlichen Phänomenen beschäftigt, ist nicht allgemein bekannt und steht auch nicht bei Wikipedia.“
Auf dem Gesicht des Priesters machte sich ein hintergründiges Lächeln breit.
„Ich habe an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom promoviert und nach meiner Priesterweihe eine Zeit lang für die Glaubenskongregation gearbeitet“, erklärte er. „Im Vatikan sind Sie kein Unbekannter, Mr. Sinclair. Sie sind der Sohn des Lichts, Kämpfer auf der Seite des Guten. Sie haben schon oft die Mächte der Finsternis besiegt.“
Ich hatte es also mit einem ehemaligen Inquisitor zu tun.
„Klingt, als hätten Sie innerhalb der Kurie Karriere machen können“, stellte ich fest. „Was hat Sie dann auf diese einsame Insel verschlagen.“
„Ich wollte zurück in die Seelsorge. An die Basis sozusagen. Außerdem bin ich, wie man unschwer hören kann, auf den Araninseln geboren. Ich hatte Heimweh nach Irland, verstehen Sie?“
„Sehr gut“, nickte ich. „Es ist wunderschön hier.“
„Man kann zwar einen Iren aus Irland heraus holen“, erklärte de Burgh feierlich, „aber Irland nicht aus einem Iren.“
Die starke Heimatverbundenheit und der Stolz dieser Menschen überraschten mich immer wieder.
„Woher wussten Sie, dass ich hier bin?“
„Ihre Wirtin hat mir verraten, dass Sie zum Hafen wollten.“
„Okay“, entgegnete ich. „Mag sein. Aber was ich eigentlich meinte, ist, woher Sie wussten, dass gerade meine Wenigkeit zurzeit auf Inishmore ist?“
Der Priester schüttelte den Kopf, als hätte ich etwas Dummes geäußert.
„Mr. Sinclair, dies ist eine kleine Insel. Neuigkeiten sprechen sich schnell herum. Als Mrs. Ahern mir vor einigen Tagen nach dem Gottesdienst beiläufig erzählte, dass sie einen Beamten von Scotland Yard, einen gewissen John Sinclair außerhalb der Saison als Feriengast hat, habe ich eins und eins zusammengezählt.“
Das ergab Sinn.
„Nun zur Sache, Father“, sagte ich. „Was genau ist vorgefallen und warum haben Sie den Verdacht, dass es dabei nicht mit rechten Dingen zugeht?“
In knappen, sachlichen Worten berichtete Logan de Burgh vom Tod von Seamus O’Leary und Padraig McDonald, betonte dabei auch, dass der Arzt jeweils eine natürliche Ursache festgestellt hatte. Im Fall des alten Fischer Herzinfarkt und bei dem jüngeren Totengräber eine Hirnblutung, obwohl beide zuvor kerngesund erschienen hatten. Beide Diagnosen machten wohl einen plausiblen Eindruck. Er erzählte jedoch auch von den frisch ausgehobenen Löchern in der Nähe der Leichen und von der Bisswunde an McDonalds Hand.
Ich hörte aufmerksam zu, stellte Zwischenfragen zu Details, die mir wichtig erschienen, konnte jedoch bis dahin seine Sorge nicht wirklich nachvollziehen.
„Aber was lässt Sie vermuten, dass hier die Mächte der Finsternis am Werk sind?“, erkundigte ich mich schließlich.
„Wäre es nur ein Todesfall gewesen, vielleicht gar nichts“, gab de Burgh zu. „Zwei so kurz hintereinander und die näheren Umstände finde ich schon seltsam. Aber da ist noch mehr.“
„Und was?“
„Irland ist von alters her ein magisches Land, Mr. Sinclair“, holte der Priester zu einer Erklärung aus. „Als Katholik sollte ich eigentlich nicht abergläubisch sein. Doch aus meiner Arbeit für die Glaubenskongregation weiß ich, dass es zwischen Himmel und Erde mehr Dinge gibt als unser Verstand ermessen kann. Sie wissen das besser als jeder andere, Mr. Sinclair!“
Ich nickte zustimmend.
„Es gibt hier die Anderswelt“, fuhr er fort. „Sie  ist der – auf einer anderen Realitätsebene existierende – Wohnort verschiedenster übernatürlicher Gestalten. Die Anderswelt ist in Hügeln, auf Inseln und am Grunde von Seen und des Meeres angesiedelt. Sie überschneidet sich mit der Welt der Menschen. Wir Normalsterblichen haben aber nur selten Zugang zu diesen geheimen Orten.“
„Sie meinen Feen und Kobolde.“ Ich hatte meine Hausaufgaben in keltischer Mystik gemacht.
„Ja, aber auch niederträchtige Wesen wie der Dullahan, Pookas, Wechselbälge oder Banshees.“
Mit einer Banshee hatte ich vor einiger Zeit schon einmal in Wales zu tun gehabt. Ich erinnerte mich lebhaft an den Fall. Ihr Name war Imelda gewesen, und sie stammte aus Aibon. Suko hatte sie letztlich mit der Dämonenpeitsche vernichtet.* Ich fragte mich, ob die irische Anderswelt mit der Zwischenwelt der Druiden in Verbindung stand. Der Gedanke klang nicht abwegig.
„Reden Sie weiter, Father!“, forderte ich de Burgh auf, denn was er sagte, machte durchaus Sinn. Ich wusste schon lange, dass es zahllose durch magische Tore, Spalten und Risse im Raum-Zeit-Kontinuum miteinander verbundene Dimensionen wie zum Beispiel die Dämonenwelten gab, selbst wenn die meisten Menschen dies als Hirngespinste abtun würden. Ich hingegen hatte keine Zweifel. Schließlich hatte ich sie schon oft genug bereist.
„Padraig McDonald hat versucht, etwas in den Boden zu kratzen, bevor er starb. Ein Wort, leider unvollständig: L-E-P-R...“, buchstabierte er und machte eine kurze Pause. Da ich ihn verständnislos ansah, fuhr er fort: „Ich bin sicher, er wollte Leprechaun schreiben.“
Jetzt war es heraus.
„Sie glauben, ein Leprechaun hat die beiden Männer ermordet?“, rief ich überrascht aus.
Vor meinem geistigen Auge tauchten lustige Bilder von zwergenhaften, älteren Herrschaften mit rundlicher Gestalt, vierblättrigen Kleeblättern am Hut und grün-bunter Kleidung auf. Irgendwie passte diese Geschichte nicht zu dem Bild, das die irische Tourismusindustrie von diesen Kobolden zeichnete.
„Nicht ganz“, sagte de Burgh ernsthaft. „Leprechauns sind die Hüter verborgener Schätze. Sie treiben manchmal derbe Scherze, sind aber sehr scheue Wesen und nicht gefährlich. Sie können sehr großzügig sein, wenn man ihnen einmal geholfen hat. –  Es gibt jedoch auch eine böse Variante dieser Feen, den Clurichaun. Sie sehen Leprechauns zum Verwechseln ähnlich, sind aber gefährlich, heimtückisch und verfolgen finstere Pläne.“
„Und so ein, äh...“
Ich zögerte.
„Clurichaun“, half der Monsignore nach.
„...Clurichaun“, bestätigte ich, „könnte für die Todesfälle verantwortlich sein?“
„Davon bin ich überzeugt. Vielleicht steht dieser hier mit dem Teufel im Bunde. Werden Sie mir helfen?“
Ich überlegte eine Weile, während Father de Burgh geduldig abwartete. Der Pfarrer machte nicht den Eindruck eines Spinners, sondern schien mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen zu stehen. Außerdem hatte er als ehemaliger Inquisitor sicherlich Kenntnisse, wenn nicht sogar Erfahrung mit den Mächten der Hölle.
Auch wenn sein Argwohn weither geholt erschien, konnte ich nicht ausschließen, dass er Recht hatte. Auf keinen Fall wollte sich die Geschichte auf die leichte Schulter nehmen. Ich ahnte noch nicht, wie zutreffend de Burghs Verdacht war.
„Also gut, Father“, sagte ich schließlich. „Ich werde mir die Sache einmal näher ansehen. Eine scheinbar natürliche Todesursache schließt Dämonen nicht aus. Wenn ich zu dem Schluss komme, dass etwas daran ist, helfe ich Ihnen natürlich.“
Man sah förmlich, wie dem rothaarigen Iren ein Stein vom Herzen fiel. Er nahm wieder meine Hand und schüttelte Sie lachend.
„Vielen Dank, Mr. Sinclair. Gott wird es Ihnen vergelten. Wo sollen wir beginnen?“
Nachdem ich kurz nachgedachte hatte, antwortete ich: „Nun, wenn ich es richtig sehe, ist der erste Tote bereits beerdigt. Was ist mit dem zweiten, dem Totengräber?“
„Padraig McDonalds Beisetzung ist für übermorgen angesetzt.“
Mein Entschluss stand fest.
„Dann möchte ich mir vorher seine Leiche ansehen.“
Ich hatte es im Gefühl, dass ich wieder einen haarsträubenden Fall aufgegabelt hatte. Ich sollte mich leider nicht getäuscht haben...



Monsignore Logan de Burgh ging mit mir zur Leichenhalle, die sich im Hinterhof des Beerdigungsinstituts von Sean O’Neill befand. Der Eingang zum Geschäft war verschlossen, so dass wir klingeln mussten.
Es war inzwischen Mittag geworden, und es war offensichtlich, dass wir Mr. O’Neill, der mit seiner Familie in einer Wohnung über den Büros seines Unternehmens lebte, beim Essen gestört hatten. Er hatte sich eine große Stoffserviette in den Kragen seines Hemdes gestopft und hielt noch eine angebissene, gebackene Hähnchenkeule in der linken Hand.
Der Mann war mittelgroß und schob einen gewaltigen Bauch vor sich her, der die Knöpfe seiner Anzugweste zu sprengen drohte. Er hatte schütteres braunes Haar und trug eine randlose Brille sowie seinem Beruf angemessen einen schwarzen Anzug, dessen Jacke er wohl zum Mittagessen abgelegt hatte. Sein Gesicht war gerötet, und er war vom Treppensteigen leicht aus der Puste.
Er musterte mich kurz, wandte sich aber dann sofort an meinen Begleiter.
„Guten Tag, Father“, sagte er freundlich und mit einem kurzen Blick zu mir, „Sir! – Was führt Sie zu mir? Ist jemand verstorben?“
Er schlug rasch ein Kreuzzeichen.
„Hallo, Sean“, grüßte de Burgh herzlich. „Nein, das ist es nicht. Ich hoffe, es geht Ihnen gut.“
Er wollte anscheinend nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen.
„Danke der Nachfrage. Ich kann nicht klagen“, antwortete O’Neill und meinte ein wenig verlegen: „Das Geschäft läuft zur Zeit sehr gut.“
„Und bei Ihrer Familie auch alles in Ordnung? Der kleine Liam hat ja nächstes Jahr Ostern seine Heilige Erstkommunion. Er macht sich gut im Religionsunterricht.“
„Alles bestens.“
„Das freut mich.“ Dann kam der Priester endlich zur Sache. Er deutete auf mich. „Das ist Inspektor John Sinclair von Scotland Yard.“
„Angenehm“, brummte O’Neill plötzlich mürrisch.
„Wir möchten gerne Padraigs Leiche untersuchen“, fuhr de Burgh fort.
„Ihr wollt was?“
„Es sind Zweifel an einem natürlichen Tod aufgetaucht“, erklärte ich sachlich.
„Padraig wurde ermordet?“, rief O’Neill erstaunt aus. „Das glaube ich nicht.“
„Bisher ist es auch nur ein vager Anfangsverdacht“, wiegelte de Burgh ab.
O’Neill runzelte die Stirn.
„Aber was hat Scotland Yard damit zu tun? Wir sind hier schließlich nicht in England.“
Da waren sie, der irische Nationalstolz und die alten Ressentiments gegenüber den ehemaligen Kolonialherren. Der Beerdigungsunternehmer war nun sichtlich erbost.
Ich hob beschwichtigend die Hände.
„Eigentlich bin ich Schotte.“
„Naja“, grummelte O’Neill, „wenigsten etwas.“
„Inspektor Sinclair ist ein guter Bekannter von mir“, erläuterte de Burgh, was die Wahrheit ein wenig überspannte. Er schaffte es jedoch, ohne zu erröten. „Er ist zufällig auf Inishmore zu Besuch, und ich habe ihn gebeten, einen Blick auf die Angelegenheit zu werfen, bevor wir die Behörden einschalten. Es ist, wie gesagt, nur ein wager Verdacht.“
„Wir möchten ja auch nicht unnötig die Pferde scheu machen“, fügte ich hinzu.
Der Mann verarbeitete die Informationen einen Moment, bevor er nachgab.
„Also gut“, sagte er, „weil Sie es sind, Father. – Warten Sie einen Augenblick. Ich muss die Schlüssel holen.“
Er verschwand in seinem Büro. Man hörte eine Schublade klappern. Kurze Zeit später tauchte er mit einem großen Schlüsselbund wieder auf. Ich bemerkte, dass er in der linken Hand immer noch den Hähnchenschenkel hielt. Seine Augen folgten meinem Blick. Dann lächelte er verlegen und versteckte die Keule hinter dem Rücken.
„Folge Sie mir!“
Wir gingen durch einen fensterlosen langen Gang, dessen Wände mit stimmungsvollen Fotos von einsamen irischen Landschaften geschmückt waren und der an einer verschlossenen Doppelflügeltür aus Holz endete. Zielsicher wählte O’Neill einen Sicherheitsschlüssel und öffnete die Tür.
Dahinter lag ein mit dunkelroten Vorhängen verkleideter Verabschiedungsraum. An einer Wand stand ein hölzernes Kruzifix, das von zwei Kerzenständern flankiert wurde. Davor ein hölzernes Gestell, auf dem ein Sarg angestellt werden konnte.
An der gegenüberliegenden Wand versteckte sich hinter dem Vorhang eine weitere stabile Tür, diesmal aus Stahl. Auch diese schloss O’Neill zielsicher auf und ließ uns vorgehen.
Wir betraten die Leichenhalle, einen weiß gekachelten, kühlen Raum. In der Mitte stand ein Sektionstisch aus Edelstahl, wie ich ihn aus der Gerichtsmedizin kannte. Hier wurden die Toten für die Einsargung vorbereitet: gewaschen, angezogen und frisiert. Die Stirnwand aber wurde von sechs Leichenkühlzellen eingenommen.
Ich fröstelte.
Der Beerdigungsunternehmer deutete auf ein Fach in der oberen Reihe.
„Padraig liegt dort“, sagte er mit gedämpfter Stimme und öffnete die Schnapptüre.
Er zog die flache Wanne heraus, in der der Verstorbene ruhte, und schlug das Leichentuch zurück.
Mir schauderte. Der Anblick einer Leiche ließ mich auch nach all den Jahren nicht gleichgültig. Manche Kollegen von der Mordkommission stumpfen im Lauf ihrer Dienstzeit ab. Ich konnte das von mir nicht behaupten.
„Würden Sie uns bitte allein lassen?“, bat ich.
O’Neill runzelte misstrauisch die Stirn. „Also, ich weiß nicht.“
Wahrscheinlich war er auch nur neugierig.
„Bitte, Sean!“, sagte de Burgh eindringlich.
„Einverstanden, Father“, knurrte er schließlich und zog sich zurück. Die Enttäuschung war ihm anzumerken.
Logan de Burgh sah mich fragend an.
„Was haben Sie jetzt vor?“
„Ich werde den Toten testen“, erwiderte ich.
„Und wie?“
Statt einer Antwort knöpfte ich mein Hemd auf und holte das silberne Kreuz hervor, das darunter an seiner Kette um meinen Hals baumelte.
Als de Burgh es erblickte, bekam er leuchtende Augen wie ein kleines Kind an Weihnachten.
„Darf ich einmal sehen?“, fragte der Geistliche begierig. „Ich habe im Vatikan schon viel vom Kreuz des Propheten Hesekiel gehört. Er soll es in babylonischer Gefangenschaft geschmiedet haben.“
Ich reichte es ihm bereitwillig. De Burgh nahm es ehrfürchtig in die Hand und studierte aufmerksam die eingravierten Zeichen mit den Initialen der Erzengel. Fast zärtlich strich er mit den Fingerspitzen der anderen Hand über das Auge des Horus, das Ankhkreuz und das Symbol des Allsehenden Auges. Dann gab er es mir zurück.
„Es ist einzigartig“, erklärte er. „Ich habe in den Archiven der Glaubenskongregation eine Abhandlung über seine Geschichte gelesen. Sie liest sich wie eine Legende.“
„Ich wusste gar nicht, dass es so eine Aufzeichnung gibt“, sagte ich verblüfft. „Ich habe lange gebraucht, bis ich auch nur einen Teil seiner Geheimnisse erforscht hatte.“
„Der Artikel ist relativ neu, zumindest gemessen an kirchengeschichtlichen Maßstäben und am Alter des Kreuzes. Er entstand im Pontifikat von Leo XIII. – Ende des 19. Jahrhunderts – und beschreibt den Weg des Kreuzes von Hesekiel über König Salomon, Richard Löwenherz und dem Großmeister des Templerordens Hector de Valois zur Familie Marek in Rumänien. Dort verliert sich seine Spur, bis Sie es erhielten.“
Ich nickte zustimmend. Soviel war mir auch bekannt.
„Ich habe es vor Jahren von einer alten Frau namens Vera Monössy erhalten, die ich vor ein paar Einbrechern bewahrt habe“, erklärte ich*. „Ich weiß aber nicht, woher sie es hatte. Angeblich war es schon lange im Besitz ihrer Familie. Aber sie berichtete mir, dass es aus Transsylvanien käme und erwähnte auch den Namen Marek.“
„Eine mächtige Waffe!“
„Allerdings.“
Das Kreuz hatte mir schon oft das Leben gerettet.
Jetzt nahm ich es und näherte es dem toten Padraig McDonald. Er sah nunmehr friedlich aus, als würde er schlafen. Gespannt wartete ich auf eine Reaktion. Wenn dunkle Kräfte diesen Mann ermordet hatten, dann hatten sie eine Spur hinterlassen. Die Aura des Bösen.
Zunächst passierte nichts.
Doch als ich die Stirn der Leiche mit der Spitze des Kreuzes berührte, spürte ich, wie es sich schlagartig erwärmte. Es war, als ob ein elektrischer Strom von dem Toten durch das Kreuz in meinen Arm floss. Das Gefühl ließ mich erschaudern und die Härchen auf meinem Unterarm senkrecht stehen. In dem Moment, in dem ich es wieder anhob, war der Eindruck vorbei, doch die Gänsehaut blieb noch eine Weile.
„Und?“, drängte de Burgh.
„Sehen Sie selbst, Father“, sagte ich und drückte ihm das Silberkreuz in die Hand.
Er zögerte kurz, dann tat er es mir gleich. Kaum hatte er Padraig McDonald damit berührt, zuckte sein Arm erschrocken zurück, als hätte er eine heiße Herdplatte angefasst. Er wurde blass.
„Großer Gott“, entfuhr es ihm. „Was hat das zu bedeuten?“
Ich sah ihn resigniert an. Mir war klar, dass mein Erholungsurlaub in Irland jetzt und hier vorbei war.
„Dass bei diesem Todesfall zweifellos schwarze Magie im Spiel war“, entgegnete ich. „Sie hatten also leider Recht mit Ihrer Vermutung...“



Der Clurichaun kauerte in seinem Versteck und schmiedete Pläne für die kommende Nacht. Er hoffte, dann endlich am Ziel seiner finsteren Absichten zu sein.
Allerdings ärgerte er sich, dass er bereits zweimal bei seiner Suche erwischt worden war. Zwar störte es ihn nicht, die Morde begangen zu haben. Die beiden Menschenleben bedeuteten ihm nichts. Doch er wollte vorerst so wenig Aufmerksamkeit wie möglich erregen.
Erst wenn sich alles zum Bösen gefügt hatte, sollte die Welt der Menschen und die Anderswelt sehen, wozu er fähig war. Dann würden alle vor ihm erzittern.
Vorerst hatte jedoch auch sein Auftraggeber ihn wegen seiner Ungeschicktheit gescholten.
„Vielleicht habe ich mir doch den falschen für diese Aufgabe ausgesucht, du Wurm“, hatte Asmodis gepoltert. Er war ihm wie immer in seiner Gestalt als Gehörnter mit Ziegenfuß erschienen war, umgeben von einem feinen Kranz aus Höllenfeuer. „Ich hätte besser einen mächtigeren und schlaueren Diener gewählt. Ich sollte dich einfach zerquetschen.“
Der Kobold hatte vor Angst erzittert.
„Nein, Meister, ich bin der Richtige!“, hatte er händeringend beteuert. „Ihr werdet sehen, ich schaffe es. — Schon bald.“
Der Höllenfürst hatte verächtlich seine wie Stifte aus seinem Maul ragenden Zähne gefletscht und mit dem Ziegenfuß gestampft. Der Gestank von Schwefel lag noch immer in der Luft.
„Das hast du vorher auch gesagt. Es steht zu viel auf dem Spiel.“
„Wir sind fast am Ziel. Heute Nacht.“
Asmodis hatte drohend den Zeigefinger erhoben.
„Dann gebe ich dir also eine letzte Chance, Wurm. Nutze sie!“, knurrte Asmodis und funkelte ihn aus seinen eng beieinander stehenden, unmenschlichen Augen drohend an. „Sonst werde ich dich deiner magischen Kräfte wieder berauben.“
„Ja, mein Gebieter.“
„Noch ein Fehler...“
Die Drohung war klar.
„Ich werde Euch nicht enttäuschen, Herr. Keiner kann uns aufhalten.“
Doch den letzten Satz hatte der Satan schon nicht mehr gehört. Mit einem Donnerhall war er verschwunden. Ansonsten hätte Asmodis seinem Diener vielleicht erklären können, dass es zumindest einen gab, der ihre Pläne durchkreuzen konnte. Doch den wähnte der Teufel weit weg: John Sinclair.
Nun wartete der Clurichaun auf die Nacht. Im Schutz der Dunkelheit wollte er die letzte Reliquie, die ihm noch fehlte, in seinen Besitz bringen. Bis dahin versteckte er sich im Inneren eines Clochán, jener aus Trockenmauerwerk gebauten Steinhütten, die wie ein Bienenkorb aussahen. Sie stammte noch aus keltischer Zeit, und in ihr verbarg sich ein geheimer Zugang zur Anderswelt.
Dieser Eingang in die Welt der irischen Elfen und Feen war jedoch vor den Augen der Menschen verborgen. Wenn ein neugieriger Tourist die Hütte betreten hätte, wäre sie ihm leer erschienen. Daher war der Kobold dort sicher.
In der Feenwelt stand das Ebenbild der Hütte, welche ebenso verlassen war und ihm zurzeit als Behausung diente. Denn auch seine Artgenossen sollten ihn möglichst nicht finden. Doch schon bald würde er in einem Palast wohnen.
Er wäre zuversichtlich, dass diesmal alles nach Plan laufen würde. Er ahnte nicht, dass es wieder anders kommen sollte...



Den Rest des Nachmittages verbrachten wir damit, die Tatorte zu besichtigen. Wir begannen mit dem Friedhof. Father de Burgh zeigte mir die Stelle, an der er Padraig McDonalds Leiche gefunden hatte, welches jedoch bereits wieder zugeschüttet worden war. Wahrscheinlich, damit niemand darüber stolperte.
„Und dort war das Loch“, sagte er und deutete auf eine Stelle neben dem Stamm der Eiche.
„Irgendeine Ahnung, was hier versteckt gewesen sein könnte?“, erkundigte ich mich.
„Nein, aber der Baum ist sehr alt. Er muss schon zu vorchristlichen Zeiten hier gestanden haben. Sehen das Symbol?“
Er zeigte mir die Triskele.
„Ein keltisches Zeichen“, bestätigte ich mit einem Blick auf die Dreifachspirale. „Druiden.“
„Genau. Die Araninseln wurden bereits im 5. Jahrhundert vom Heiligen Enda christianisiert. Früher war die Insel ein wichtiger Wallfahrtsort für irische Mönche. Doch unsere keltischen Wurzeln sind stark. Inishmore ist seit über 4000 Jahren bewohnt.“
„Ich habe schon bemerkt, dass es hier auf der Insel von keltischen und frühchristlichen Relikten nur so wimmelt. Menhire, Keltenkreuze, Bienenkorbhütten, Heiligengräber und mehr.“
„Das Keltenkreuz ist eine Verschmelzung des christlichen Kruzifix mit der heidnischen Sonne“, erklärte de Burgh.
Ich testete die Stelle, an der sich das Loch befunden hatte mit meinem Silberkreuz. Es geschah jedoch nichts, außer dass de Burgh ein wenig enttäuscht wirkte.
Danach liefen wir zu Fuß zu Seamus O’Learys Haus am Ortsrand von Lower Kilronan. Hier hatte sich noch niemand die Mühe gemacht, das Loch neben dem Brunnen zuzuschaufeln. Es war etwa einen halben Meter tief und hatte einen Durchmesser von 30 Zentimetern. Auch hier reagierte mein Kreuz nicht, als ich es in die Grube legte.
De Burgh machte wieder ein unzufriedenes Gesicht, während ich das Kreuz wieder um meinen Hals hing und unter dem Pullover verstaute.
„Gefrustet?“, fragte ich.
Der Priester zuckte mit den Schultern.
„Ein wenig“, gab er zu.
„Was haben Sie erwartet?“
„Irgendetwas nach der eindeutigen Reaktion bei Padraigs Leiche.“
„Nun, es bedeutet nur, dass bei diesem Loch keine schwarze Magie gewirkt hat, es wurde einfach gebuddelt. Nicht mehr und nicht weniger“, erklärte ich und schaute mich um. „Wie alt ist dieses Haus?“
„Vielleicht hundertfünfzig oder zweihundert Jahre“, schätzte de Burgh.
„Nicht älter?“
„Nein, aber der Brunnen stammt angeblich noch aus dem frühen Mittelalter. An dieser Stelle soll früher die Hütte eines Eremiten gestanden haben.“
Das passte. Möglicherweise war es die Aufgable des einzelnen Mönchs gewesen, etwas Wichtiges zu bewachen.
„Haben sie eine Idee, was hier oder auf dem Friedhof vergraben gewesen sein könnte?“
Der Monsignore dachte kurz nach.
„Nicht die geringste“, gab er dann zerknirscht zu.
Auch ich war vorerst mit meinem Latein am Ende. Es gab keine weitere Spur, die wir noch verfolgen konnten. Das Ganze war rätselhaft.
„Hmmm“, brummte ich schließlich. „Dann bleibt uns nichts anderes übrig, als Augen und Ohren offen zu halten und auf den nächsten Schritt des Clurichaun zu warten. – Unbefriedigend, ich weiß.“
„Und wenn es weitere Tote gibt?“
„Mit Ihrer Hilfe werde ich versuchen, dem zuvor zu kommen.“
„Ihr Wort in Gottes Ohr, Mr. Sinclair!“
Wie sich schon bald herausstellen sollte, war mein Zweckoptimismus unbegründet.
Wir verabschiedeten uns, und Logan de Burgh versprach in den alten Geschichten und Legenden der Insel nach einem Hinweis zu forschen, was hinter den unheimlichen Ereignissen stecken könnte.
Ich setzte mich trotz der kühlen Temperaturen auf die Terrasse des Restaurants Pier House, deren Tische den Hafen überblickten, trank einen Cappuccino und dachte nach. Außer dem Gekreische der Möwen war es still. Kein Mensch war weit und breit zu sehen.
Am Abend hatte mein Handy dann endlich wieder Empfang. Ich nutzte die Gelegenheit, im Büro anzurufen. Nach dem dritten Klingeln hatte ich Glenda Perkins an der Strippe, die sich hörbar freute, meine Stimme zu hören. Es war kurz vor Feierabend. Also hatte ich Glück, sie noch zu erreichen.
„John, wie geht es dir?“, erkundigte sie sich. „Gefällt es dir in Irland?“
„Ausgezeichnet“, antwortete ich wahrheitsgemäß. „Nicht zuletzt das Guinness. Inishmore ist auch im Herbst wunderschön, wenn auch etwas kühl.“
„Du hättest mich ja mitnehmen können.“ Da ich nicht auf die Bemerkung einging, fuhr sie fort: „Ich weiß, du hast Urlaub, aber warum hast du dich nicht früher gemeldet?“
„Das Mobilfunknetz hier ist eine Katastrophe. – Ist bei euch weiterhin alles ruhig?“
„Keine besonderen Vorkommnisse. Ich glaube, Suko langweilt sich schon.“
Ich musste ungewollt grinsen. „Das sieht ihm ähnlich.“
„Er nutzt die Zeit, um Berichte zu schreiben, die liegen geblieben sind. Du weißt, wie er Papierkram hasst.“
„Allerdings. Aber damit steht er nicht allein.“
„Erholst du dich gut?“, wollte Glenda wissen.
„Nun“, zögerte ich, „es könnte sein, dass ich da zufällig auf etwas gestoßen bin.“
Ich berichtete ihr kurz, womit ich den Tag verbracht hatte.
„Oh, John!“, stöhnte sie. „Dass du aber auch nirgendwo deine Ruhe hast. Musst du dich überall einmischen?“
„Immer im Dienst“, erklärte ich pflichtbewusst und salutierte am Telefon, obwohl Glenda das natürlich nicht sehen konnte. „Das Böse schläft nie.“
„Sollen Suko oder Bill als Unterstützung kommen?“
Ich überlegte kurz, dann erwiderte ich: „Vorerst nicht. Bislang weiß ich ja noch nicht einmal, womit wir es hier zu tun haben. Ich denke ich komme zurzeit allein klar.“
Eine Entscheidung, die ich noch bereuen sollte.
„Wie du meinst, John“, sagte Glenda, doch es klang nicht sehr überzeugt.
„Ja“, bekräftigte ich.
„Aber sag rechtzeitig Bescheid, wenn du Hilfe brauchst. Suko könnte, wenn nötig, in ein paar Stunden bei dir sein.“
Sie klang nach wie vor besorgt.
„Geht klar.“
„Willst du Suko oder Sir James kurz sprechen? Ich kann dich verbinden.“
Die beiden arbeiteten also auch noch.
„Nicht nötig. Also bis dann.“
„Bis bald“, verabschiedete ich Glenda. „Pass auf dich auf!“
„Mach ich“, versprach ich und legte auf.
Meine Sekretärin war ein echter Schatz.
Nach einem üppigen Dinner, das ich wieder in Tí Joe Watty’s Bar eingenommen hatte – cremige Meeresfrüchtesuppe als Vorspeise, traditionellen Irish Stew zum Hauptgang und Früchte Crumble als Dessert –, kehrte ich gegen 21:00 Uhr in meine Bed & Breakfast Pension zurück. Meine Wirtin saß in ihrem Wohnzimmer und schaute sich eine Gameshow im Fernsehen an. Als sie mich kommen hörte, stand sie auf und kam in den Flur.
„Hatten Sie einen schönen Tag, Mr. Sinclair?“, erkundigte sich Mrs. Ahern.
„In der Tat“, log ich. Aber warum hätte ich sie beunruhigen sollen. „Ich habe Ihren Gemeindepfarrer kennen gelernt. Monsignore de Burgh.“
Abigal Ahern strahlte. „Ein feiner Mensch, nicht wahr? Er stammt wie ich von Inishmaan. Seine Eltern leben noch dort. Ich kenne die de Burghs gut.“
„Ja“, bestätigte ich. „Ein netter Mann.“
„Kommen Sie, Mr. Sinclair, leisten Sie einer einsamen alten Witwe ein wenig Gesellschaft. Ich gebe Ihnen einen Whiskey aus.“
Es war klar, dass sie ein Nein nicht akzeptieren würde. Also folgte ich ihr bereitwillig in den Living Room. Außerdem klang die Aussicht auf ein Glas irischen Whiskey nicht schlecht.
Ich machte es mir in einem der ledernen Chesterfield Sessel bequem, und sie schenkte mir und sich großzügig einen doppelstöckigen, 12 Jahre alten Tullamore Dew ein.
„Ein besonderer Tropfen“, erkläre sie. „Der hat die sechs Monate in einem Sherryfass gelagert.“
Wir prosteten uns zu.
„Cheers“, sagte ich.
„Sláinte“, antwortete Mrs. Ahern auf Gälisch.
Ich nahm einen kräftigen Schluck des bernsteinfarbenen Getränks und nickte anerkennend. Es schmeckte weich und würzig mit süßlichen, fruchtigen Noten.
„Köstlich!“, sagte ich, was dazu führte, dass sie mein Glas sofort auffüllte.
„Nicht wahr?“, strahlte sie. „Das war zuletzt der Lieblingswhiskey meines seligen Mannes. Jeden Abend vor dem Schlafengehen hat er sich ein Glas genehmigt.“
Ihre Augen schimmerten feucht.
„Wann ist er gestorben?“, erkundigte ich mich sanft.
„Am Heiligen Abend vor drei Jahren.“
„Mein Beileid.“
Mrs. Ahern versuchte zu lächeln und wrang ihre Hände. In dem Moment wirkte sie auf einmal zehn Jahre älter und zerbrechlich.
„Danke, Mr. Sinclair“, seufzte sie. „Er hatte Bauchspeicheldrüsenkrebs. Inoperabel, wissen Sie. Er hat schrecklich gelitten. Der Tod war eigentlich eine Erlösung.“
Ich hob mein Glas und sagte feierlich: „Auf Ihren Mann!“
„Auf Paddy!“, stimmte die alte Dame erfreut ein.
Wir leerten unsere Gläser, welche sie sofort nachfüllte. Ein paar Minuten schwiegen wir. Die Wirtin schien ihren Erinnerungen nachzuhängen. Im Hintergrund schien die Fernsehshow ihrem Höhepunkt zuzustreben. Ich nippte an meinem Whiskey.
Schließlich schüttelte Mrs. Ahern den Kopf und zuckte mit den Schultern.
„Genug der Vergangenheit“, sagte sie bestimmt. „Ich hatte heute Morgen versprochen, Ihnen etwas über Dún Aengus zu erzählen.“
„Stimmt.“
„Waren Sie heute dort?“
„Nein, das habe ich leider nicht geschafft“, erklärte ich. „Aber bestimmt werde ich den Besuch nachholen.“
„Das sollten Sie unbedingt. Sie müssen wissen, dieser Ort ist schon mehrere tausend Jahre alt. Das Fort ist eine Verteidigungsanlage, die die Inseln, aber auch das Festland gegen Feinde beschützen sollte, die über das Meer kamen. Von der Klippe aus konnte man ihre Schiffe frühzeitig erkennen und sich auf den Angriff vorbereiten. Zum Beispiel gegen die Wikinger.“
Ich nickte zustimmend. So ungefähr hatte es auch im Reiseführer gestanden.
„Aber man munkelt, Dún Aengus war mehr als nur eine militärische Anlage“, fuhr Mrs. Ahern fort. „Es war auch eine druidische Kultstätte. Die keltischen Priester traten dort in Verbindung mit ihren Göttern. Man sagt, es wurden dort Menschen geopfert.“
Davon hatte ich bis dahin noch nichts gehört.
„Sind Sie sicher?“, hakte ich daher nach.
„Ich weiß nicht, ob es eine geschichtliche Tatsache ist, aber man hat es uns als Kinder erzählt. Die Legende besagt, dass die Druiden dadurch verhindern wollten, dass das Böse nach Inishmore gelangt.“
„Wie das?“
Die alte Dame senkte verschwörerisch die Stimme. „Es heißt, das Fort sollte auch vor Feinden schützen, die von Innen kamen.“
„Wie meinen Sie das?“
„Geister, Wiedergänger, Pookas, Banshees und so weiter.“ Sie lächelte spitzbübisch. „Aber vielleicht sind das auch nur Ammenmärchen.“
Irgendwie glaubte ich das nicht so ganz. Andererseits konnte es sein, dass man diese Gruselgeschichten nur Touristen erzählte, um die Besichtigung von Dún Aengus interessanter zu machen.
Ich beschloss, bei Gelegenheit Father de Burgh danach zu fragen. Wenn einer Näheres über die Geschichte der Insel und deren Legenden wusste, dann bestimmt er.
Wir plauderten noch eine Weile über alles Mögliche, während wir langsam unsere Gläser austranken, bevor ich müde wurde und mich von Mrs. Ahern verabschiedete, um zu Bett zu gehen.
Es sollte nur ein kurzer Schlaf werden...



Siobhán Murphy schreckte aus dem Schlaf hoch. Sie warf einen Blick auf ihren Ehemann Douglas, der friedlich neben ihr schlummerte, und drückte kurz auf die Schlummertaste ihres Weckers, so dass das Display aufleuchtete.
Es war gerade 01:49 Uhr.
Durch die Ritzen der Jalousien des Schlafzimmerfensters schien fahles Mondlicht.
Was hatte sie geweckt?
In diesem Moment gab Douglas ein lautstarkes, röchelndes Schnarchen von sich und da wusste sie es. Siobhán seufzte und wartete eine Weile. Das Sägen hörte jedoch nicht auf, sondern schien sogar noch lauter zu werden.
Ohne große Hoffnung knuffte sie ihren Mann in die Rippen.
„Douglas!“, zischte sie genervt.
Der brummte nur kurz. Dann drehte er sich auf die Seite mit dem Rücken zu ihr. Einen kurzen Moment war es still, so dass Siobhán ihre Augen wieder schloss. Doch dann schnarchte Douglas unvermindert weiter. An Schlafen war nicht mehr zu denken.
Sie kannte das schon. Er war am Abend zuvor mit seinen Kumpels im Pub gewesen. Und immer wenn er Alkohol getrunken hatte, war in der folgenden Nacht das Schnarchen besonders schlimm.
Bisher hatte Douglas sich geweigert, zur Untersuchung ins Schlaflabor zu gehen. Denn dafür hätte er extra nach Galway reisen müssen.
Schicksalsergeben kletterte Siobhán aus dem Bett und klemmte sich ihr Kopfkissen und die Decke unter dem Arm. Sie würde die Nacht auf dem Wohnzimmersofa fortsetzen. Das war zwar nicht besonders bequem, aber sonst würde sie überhaupt keine Ruhe mehr bekommen.
Siobhán Murphy war eine Frau in den besten Jahren und hatte sich auch mit 43 Jahren ihre jugendliche Figur bewahrt, was zum Teil sicherlich auch daran lag, dass sie und Douglas keine Kinder hatten bekommen können. Sie hatte schulterlanges, blondes, gelocktes Haar und ein hübsches, rundes Gesicht mir zahlreichen Sommersprossen über der Nase und den Wangen. Wenn sie auf der Straße ging, drehten sich gelegentlich auch jüngere Männer neugierig nach ihr um.
Als sie die steile Holztreppe zum Erdgeschoss hinunter gestiegen war, blickte sie aus dem Fenster des Wohnzimmers, welches den kleinen Garten und dahinter die Seven Churches überblickte.
Eigentlich waren es nur die Ruinen von zwei frühchristlichen Kirchen. Doch zusammen mit den Gräbern von drei Heiligen und zwei Hochkreuzen ergab sich die Zahl Sieben. Außerdem standen dort noch die Überreste einiger Wirtschaftsgebäude. Denn dies war einmal eine Klosteranlage gewesen. Und so nannte man die Anlage auf Gälisch Na Seacht Teampall, eben die sieben Kirchen. Noch immer gab es dort einen sogar heutzutage genutzten Friedhof.
Es war neben Dún Aengus eine der Hauptsehenswürdigkeiten von Inishmore. Immer Sommer kamen täglich über 3000 Touristen auf die Insel, die meisten allerdings nur als Tagesgäste.
Siobhán erstarrte. Ein flackerndes Licht bewegte sich bodennah zwischen den alten Grabsteinen hin und her. Trotz des Mondlichts konnte sie nicht erkennen, was es war. Doch ihre Neugierde war geweckt.
Sie vermutete, dass Jugendliche aus dem Dorf auf dem geweihten Boden Schabernack trieben. Wahrscheinlich wieder einmal irgendeine dämliche Mutprobe. Denen würde sie gehörig die Leviten lesen.
Sie warf ihr Bettzeug auf das Sofa, zog ihre Daunenjacke und die Gartenclogs über, öffnete die Terrassentür und trat in den Garten hinaus. Draußen war es kalt. Der Seewind trieb dunkle Wolken vor sich her, welche in diesem Moment den Mond verdeckten, so dass es schlagartig dunkler wurde.
Das Licht auf dem alten Kirchhof war stehen geblieben.
Leise schlich sich Siobhán durch ihren Garten und kletterte über die niedrige Natursteinmauer, die ihr Grundstück vom Friedhof trennte. Dahinter lagen die neueren Gräber. Der Lichtschein kam jedoch vom älteren Teil des Areals, dort wo die Heiligengruften und Ruinen lagen. Im Zickzackkurs hinter den Grabsteinen Deckung suchend näherte sie sich der Stelle.
Das Leuchten kam von einer Sturmlaterne, deren mit unruhiger Flamme brennender Docht einen gelben Lichtkreis warf. Aus der Nähe erkannte Siobhán, dass der Störenfried die Lampe neben einem alten Steinkreuz abgestellt hatte, an dessen Fuß er sich zu schaffen machte. Es schien tatsächlich nur einer zu sein. Doch merkwürdigerweise war die Person klein wie ein Kind von vielleicht zehn Jahren.
Sie zögerte einen Moment, da sie mit irgendwelchen Teenagern gerechnet hatte, die auf dem Friedhof heimlich Alkohol trinken oder eine Mutprobe bestehen wollten. Schlimmstenfalls einen Akt von Vandalismus begingen.
Aber was machte ein Kind um diese Zeit hier?
Die Person kniete am Fuß des Hochkreuzes und schien mit den Händen in der Erde zu graben, als ob sie etwas suchen würde.
Einen kurzen Augenblick erwog Siobhán, in ihr Haus zurückzukehren und die Polizei zu rufen. Doch dann verwarf sie den Gedanken wieder. Schließlich würde sie mit der Situation auch allein fertig werden. Es war ja nur ein dummer Junge.
Also richtete sie sich auf, trat in den Lichtschein und räusperte sich hörbar.
„Darf ich mal fragen, was du hier treibst, mein Kleiner?“, fragte sie mit fester Stimme.
Die Gestalt erstarrte. Dann richtete sie sich auf und drehte sich langsam um. Nun erkannte Siobhán Murphy ihren Irrtum, denn es war kein Kind, das sich ihr zuwandte, sondern ein altes Männlein, das sie aus hasserfüllten Augen anstarrte.
„Was ist los mit euch verdammten Insulanern?“, knurrte der Clurichaun. „Kann man hier nie ungestört seinen Geschäften nachgehen?“
Siobhán kniff kurz die Augen zusammen und schüttelte fassungslos den Kopf. Doch die seltsame Erscheinung blieb, sie hatte sich den Kobold nicht eingebildet.
„Wer bist du?“, flüsterte sie. „Und was machst du hier?“
Der Gnom verzog sein runzliges Gesicht zu einem spöttischen Grinsen. Seine Stimme klang düster und bedrohlich.
„Das geht dich gar nichts an. Sieh zu, dass du fort kommst, und vergiss, dass du mich jemals gesehen hast. Glaub mir, es ist besser für dich.“
Langsam dämmerte es ihr.
„Du bist ein Leprechaun.“
Der Clurichaun verdrehte genervt die Augen und spuckte angewidert aus.
„Wieso verwechselt mich ständig jeder mit diesen langweiligen Schatzwächtern?“
Doch Siobhán Murphy ließ sich nicht beirren.
„Natürlich bist du das“, beharrte sie und machte einen Schritt auf das Männlein zu. „Du bist ein Leprechaun, und ich habe dich erwischt. Hast du hier deinen Topf mit Gold vergraben?“
„Sieht das hier aus wie das Ende des Regenbogens?“ spottete der Clurichaun. „Und jetzt verzieh dich!“
„Oh nein, erst wenn du mir dein Gold gibst.“
„Also in einem haben die Leprechauns Recht: Ihr Menschen seid närrische, geldgierige Wesen.“
Siobhán kam noch einen Schritt näher, so dass sie nur noch anderthalb Meter von dem Kobold entfernt stand, der sie misstrauisch beäugte. Er machte jedoch keine Anstalten, zu fliehen.
„Letzte Chance, Weib, verschwinde! Oder du wirst es bereuen.“
Sie schüttelte bestimmt den Kopf. Plötzlich streckte sie den rechten Arm aus, um das Geschöpf der Anderswelt zu packen, und machte einen Satz nach vorne. Doch der Clurichaun hatte anscheinend mit dem Angriff gerechnet. Er machte einen raschen Schritt zur Seite, so dass Siobháns Hand ins Leere fasste und sie mit der Oberarm schmerzhaft gegen die Kante des Hochkreuzes stieß.
Ein Schmerzensschrei entwich ihrem Mund.
„Lass das“, herrschte der Clurichaun sie wütend an und fletschte die Zähne.
Aber die Frau gab nicht so schnell auf. Sie wirbelte herum und versuchte erneut, den Kobold an der Schulter zu erwischen. Doch dieser wich ihrem Griff erneut geschickt aus. Diesmal wischte der Clurichaun dabei mit seiner Hand sanft über ihre Stirn. Die Berührung wirkte fast zärtlich, hatte nichtsdestotrotz fatale Folgen.
Der Gnom lachte höhnisch und frohlockte: „Ich hatte dich gewarnt.“
In Siobhán Kopf drehte sich alles wie auf einem Karussell. Die Welt um sie herum schien zu schwanken. Sie konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten. Unkontrolliert kippte sie vorne über. Sie sah noch, wie ein Findling auf sie zu raste, bevor sie mit der linken Schläfe hart aufschlug und das Bewusstsein verlor...



Douglas Murphy erwachte, weil seine Harnblase ihn drückte. In letzter Zeit musste er regelmäßig nachts mindestens einmal zur Toilette, insbesondere wenn er am Abend mehr getrunken hatte so wie tags zuvor. Das war wohl eine der Freuden des Alters.
Ein Blick auf den Wecker zeigte ihm, dass es 02:27 Uhr war.
Seine Frau Siobhán lag nicht mehr in ihrem Bett. Wahrscheinlich war sie ausgezogen, weil er wieder einmal zu sehr geschnarcht hatte. Da konnte er sich auf eine gehörige Standpauke am Frühstückstisch einrichten.
Er schälte sich aus seiner Bettdecke und stand auf, wobei seine rechte Hand automatisch nach seiner Brille tastete. Eigentlich bräuchte er sie in erster Linie zum Lesen, doch es war inzwischen zur Gewohnheit geworden, sie stets aufzusetzen. Seit ein paar Monaten war es sogar eine Gleitsichtbrille.
Douglas taperte auf Pantoffeln ins Badezimmer. Er verzichtete darauf Licht zu machen, während er breitbeinig über der Toilette stand. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis er die Blase entleert hatte. Der Harnstrahl war eben auch nicht mehr, was er früher einmal gewesen war. Doc Kennedy meinte, es läge an der Prostata, und hatte ihm schon einen Besuch beim Urologen angedroht. Dabei war Douglas gerade einmal fünfzig.
Er war groß und kräftig, wobei er in den letzten Jahren einen kleinen Bauchansatz entwickelt hatte. Seine Frau zog  ihn in diesem Zusammenhang gerne damit auf, dass ein Fässchen Bier doch schließlich besser sei als nur ein Sixpack. Seine an den Schläfen inzwischen ergrauten Haare waren kurz geschnitten und mittelbraun. Lachfältchen umspielten seine Augenwinkel.
Als Douglas Murphy aus dem Bad trat, fror er plötzlich. Der Flur kam ihm kühler vor als sonst. Er beschloss, seine Frau ins Ehebett zurück zu holen.
Unten angekommen wusste Douglas, warum es so kalt war. Die Tür zur Terrasse stand auf, so dass die eisige Nachtluft ins Haus drang. Von Siobhán fehlte jede Spur. Ihr Bettzeug lag zusammengeknüllt auf dem Sofa.
„Merkwürdig“, murmelte er und rief: „Darling?“
Aber er bekam keine Antwort.
Douglas ging nach draußen und fröstelte noch mehr. Der Mond schien silbern durch eine Lücke zwischen den Wolken. Er musterte den Garten. Einzelne Nebelfetzen hingen wie halb durchsichtige Schleier über dem Boden und wurden vom leichten Wind, der vom Meer her über die Insel wehte, über das feuchte Gras getrieben. Von seiner Frau war nichts zu sehen.
„Darling?“, rief er noch einmal, diesmal lauter.
Keine Reaktion. Nur eine Eule ließ in der Ferne ihren dumpfen Ruf ertönen. Douglas schauderte. Sagte man nicht, dass dies Unheil bedeutete?
Da sah er plötzlich einen Lichtschein auf dem Friedhof der Seven Churches. War das Siobhán? Was machte sie dort?
Mit schnellen Schritten durchquerte er den kleinen Gemüsegarten und sprang über die niedrige Einfassung. Das flackernde Licht war etwa zwanzig Meter von ihm entfernt. Er eilte darauf zu. Als er näher kam, konnte er erkennen, dass es eine Petroleumlampe war.
Neben einem steinernen Hochkreuz kauerte im Schein der Laterne auf der einen Seite ein Kind. Und auf der anderen Seite lag regungslos seine Frau. Die kleine Gestalt hatte ein Loch gegraben und zog gerade etwas heraus.
Douglas schlug das Herz bis zum Hals.
„Siobhán!“
Er begann zu rennen und sprang keuchend über einige Gräber hinweg. Sein Atem dampfte.
Die Gestalt wirbelte durch den Aufschrei aufgeschreckt herum. Jetzt konnte Douglas erkennen, dass es kein Kind, sondern ein zwergenhafter alter Mann war, der ihn wütend anfunkelte.
„Nicht schon wieder“, keifte der Kobold und stampfte wütend mit dem Fuß auf.
Als er näher kam, sah Douglas, dass Siobhán mit dem Kopf wohl auf einem Stein aufgeschlagen war. Neben ihr breitete sich eine dunkelrote Blutlache langsam aus.
„Nein!“, schrie Douglas verzweifelt.
Der Gnom sprang hastig auf und rannte davon, ohne sich um seine Laterne zu kümmern. Wieselflink hetzte er zwischen den Steinkreuzen und Grabplatten auf die St. Breacán’s Church zu, das am besten erhaltene Gebäude der Seven Churches.
Douglas reflexartig hinterher. Da er fast doppelt so groß war wie der Clurichaun, holte er schnell auf.
„Bleib stehen!“, schnaufte er.
Er war nur noch etwa fünf Meter hinter dem Wicht, als dieser durch das steinerne Portal in die Überreste der Kirche rannte. Douglas folgte ihm, ohne zu zögern. Wenn diese Gestalt Siobhán das angetan hatte, würde er es ihm heimzahlen.
„Jetzt krieg ich dich.“
Sein Triumph verrauchte in dem Moment, in dem er den kahlen, deckenlosen Raum der Kirchenruine betrat. Denn der Raum war leer. Von dem Kobold fehlte jede Spur. Es war hätte er sich in Luft aufgelöst.
„Verdammt!“, stöhnte Douglas und drehte sich verzweifelt im Kreis.
Nichts.
„Siobhán“, fiel es ihm siedend heiß ein und schlug sich mit der flachen Hand an die Stirn.
Douglas Murphy eilte zu seiner Frau zurück und fiel bei ihrem leblosen Körper auf die Knie. Der Blutfleck neben ihrem Kopf fing schon an zu gerinnen. Scheinbar vorwurfsvoll starrte sie ihn aus leblosen Augen an.
Sobald ihm klar wurde, dass sie tot war, brach er in Tränen aus, so dass sein ganzer Leib bebte. Es war, als bräche eine Welt zusammen.
Irgendwo in der Nähe erklang nochmals der düstere Schrei der Eule.
Weder Douglas, noch der Clurichaun hatten bemerkt, dass der Kobold bei der überhasteten Flucht etwas verloren hatte.
Einen goldglänzenden, runden Gegenstand...



Asmodis tobte vor Wut. Die Flammen des Feuerkranzes, der ihn umgab, züngelten höher und verfärbten sich düster rot. In seinen Augen blitzte die Mordlust.
„Du nichtsnutziger Wurm!“, herrschte der Höllenfürst den Clurichaun an. „Ich sollte dich auf der Stelle töten.“
Der Kobold hatte sich schlotternd vor Angst auf den Boden geworfen und die Hände schützend hinter seinem Kopf verschränkt. Tränen rannen über sein runzliges Gesicht.
„Bitte nicht, Meister!“, flehte er mit bebender Stimme. „Ich bringe es wieder in Ordnung.“
„Hatte ich dich nicht gewarnt, umsichtiger zu sein? Nicht noch mehr Aufmerksamkeit zu erregen?“
„Doch, Meister.“
Asmodis machte eine herrische Bewegung mit der rechten Hand. Ein violetter Blitz fuhr aus seinen Fingerspitzen und traf seinen kauernden Diener in den Rücken. Dieser zuckte zusammen, schrie schmerzerfüllt auf und krümmte sich gepeinigt.
„Kein Aufsehen, bis unser Werk vollbracht ist“, donnerte der Satan. „Das heißt auch keine weiteren Toten. Was ist, wenn jemand Verdacht schöpft?“
„Es war ein Unglück“, jammerte der Clurichaun unterwürfig. „Ich kann nichts dafür. Was sollte ich tun? Wie sollte sich damit rechnen, mitten in der Nacht auf einem Friedhof überrascht zu werden?“
„Du bist zu unvorsichtig.“
„Außerdem wollte ich die Frau gar nicht töten, sondern nur außer Gefecht setzen. Es war ein Unfall. Bei keinem der Toten gibt es einen Hinweis auf schwarze Magie. Das müsst Ihr mir glauben, Meister!“
„Willst du mir befehlen?“, schrie Asmodis und schleuderte noch einmal einen Blitz auf den Gnom. „Mir, dem mächtigsten aller Dämonen?“
Der Gefolterte kreischte, wand sich vor Schmerzen auf dem Boden und blieb schließlich stöhnend liegen.
„Niemals, mein Gebieter“, ächzte er. „Ich bin dein ergebenster Untertan.“
Asmodis grinste spöttisch.
„Das will ich dir auch geraten haben. Nicht genug, dass du es vermasselt hast, sondern dir kommt auch noch die dritte Münze abhanden, du Idiot.“
Ein weiterer magischer Energiestrahl traf den Clurichaun. Es dauerte eine Weile, bis dieser sich von den Qualen soweit erholt hatte, dass er wieder sprechen konnte. Seit Atem ging schwer und keuchend. Schweißperlen glitzerten auf seiner Stirn.
„Bitte, Herr, verschont mich! Ich bringe es wieder in Ordnung.“
„Das rate ich dir“, zischte Asmodis drohend. „Nichts und niemand darf meine Pläne durchkreuzen. Hol sie zurück und zwar schnell.“
„Das werde ich.“
„Und lass sich diesmal nicht wieder erwischen, du Wurm. Kein Aufsehen, insbesondere keine weiteren Opfer, bis mein Werk enthüllt wird. Dann wird die ganze Welt meine Macht erkennen.“
„Ich verspreche es.“
„Gut, denn es ist deine allerletzte Chance. Nutze sie weise!“
„Ich schwöre es bei meinem Leben“, jammerte der Kobold.
Asmodis lachte höhnisch.
„Ich sehe, du hast mich verstanden. Und jetzt beeil dich! Du hast schon viel zu viel Zeit verloren.“
Es donnerte, und Asmodis hatte sich in Luft aufgelöst. Zurück blieb der Gestank nach Schwefel und Rauch. Der Clurichaun blieb noch einen Moment liegen, um sich zu erholen. Jede Faser seines geschundenen Leibes schien zu brennen. Nur langsam ließen die Schmerzen in seinem Körper nach.
Er stöhnte.
Worauf hatte er sich nur eingelassen? Für einen Rückzieher war es jedoch zu spät.
Mühsam rappelte er sich auf und machte sich zurück auf den Weg in die Menschenwelt...



BUMM, BUMM...
Jemand klopfte donnernd an meine Zimmertür.
„Mr. Sinclair?“
BUMM, BUMM...
Ich gähnte und rieb mir den Schlaf aus den Augen. Es dauerte einen Moment, bis ich mich orientiert hatte. Ein Blick auf die Uhr zeigte mir, dass es erst fünf Uhr in der Früh war.
„Was gibt’s, Mrs. Ahern?“, erkundigte ich mich.
„Father de Burgh ist hier“, antwortete meine Wirtin durch die Tür. „Er sagt, er muss Sie in einer dringenden Angelegenheit sprechen.“
Jetzt war ich mit einem Schlag hellwach. Es musste etwas passiert sein.
„Ich komme sofort“, rief ich und sprang aus dem Bett. Eilig streifte ich meine Jeans und einen Pullover über. Dann spurtete ich in Mrs. Aherns Living Room.
Monsignore de Burgh stand neben dem offenen Kamin und sah mir erwartungsvoll entgegen. Statt der Sutane trug er nur eine schwarze Hose und ein schwarzes Hemd mit weißem Stehkragen sowie darüber eine ebenfalls schwarze Wachsjacke mit braunem Cordkragen.
„Guten Morgen, Inspektor“, grüßte er. „Entschuldigen Sie bitte die Störung zu dieser unchristlichen Zeit. Aber es gibt möglicherweise eine weitere Tote. Ich bin auf dem Weg dorthin. Wollen Sie mitkommen?“
„Natürlich“, stimmte ich ohne zu zögern zu.
„Dann los!“
Ich schnappte mir meine Allwetterjacke und wir gingen zum Auto des Priesters, welches unverschlossen vor der Pension parkte.
Logan de Burgh fuhr einen alten, dunkelgrünen Mini Cooper mit weißem Dach und zwei breiten weißen Streifen auf der Motorhaube. Behände kletterte er hinter das Steuer, während ich mich auf den Beifahrersitz faltete. Dazu musste ich den Sitz weit nach hinten schieben.
Man saß in dem bestimmt fünfzig Jahre alten Oldtimer sehr tief, fast wie in einem Sportwagen. Kopfstützen gab es nicht, dafür aber – wahrscheinlich nachträglich eingebaute – Vier-Punkt-Sicherheitsgurte, die wie Hosenträger saßen. Trotz seines Alters sprang das Fahrzeug sofort mit brummendem Motor an.
Ich wusste, dass diese Autos zum Rosten neigten. Schließlich hatte ich in Studienzeiten einmal selbst einen Mini besessen. Doch dieser schien in einem einwandfreien Zustand zu sein. Ein echtes Liebhaberstück.
„Wir müssen nach Onaght im Westen der Insel“, erklärte de Burgh und gab Gas.
Mit sicherer Hand lenkte der Geistliche den Mini über die engen Landstraßen, welche teils von den typischen Natursteinmauern gesäumt waren, welche die Felder und Weiden der Insel wie ein Schachbrettmuster umgaben. Er machte ordentlich Tempo, während die Lichtkegel der Scheinwerfer die Dunkelheit durchbohrten. Die Tachonadel kletterte zeitweise bis auf 110 km/h, und ich war froh, dass uns kein anderes Auto entgegen kam.
„Waren Sie in einem früheren Leben Rennfahrer?“ erkundigte ich mich scherzhaft. Zwischendurch versuchte mein rechter Fuß immer wieder auf die nicht vorhandene Bremse zu treten.
Ich musste laut sprechen, um das Dröhnen des Motors zu übertönen.
Es hatte begonnen zu nieseln, und die Straßen waren feucht und rutschig geworden. Der Wind blies Nebelfetzen über die Felder, welche im Scheinwerferlicht geisterhaft aufleuchteten.
„Wieso?“, lachte de Burgh, während er gekonnt den Wagen durch eine Biegung driften ließ. „Tatsächlich bin ich während meines Theologiestudiums in Dublin ein paar Rallyecross Rennen gefahren.“
Dieser Monsignore war wirklich in jeglicher Hinsicht ein ungewöhnlicher Geistlicher, musste ich gestehen.
„Also, wo fahren wir eigentlich hin?“
„Zu den Seven Churches, eine der bekanntesten historischen Sehenswürdigkeiten auf Inishmore, aber auch ein Friedhof.“
Ich nickte. Davon hatte ich in meinem Reiseführer gelesen.
„Siobhán Murphy, ein Mitglied meiner Gemeinde, ist dort heute Nacht zu Tode gekommen“, fuhr de Burgh fort. „Angeblich verunglückt, meint Dr. Kennedy. Aber ihr Ehemann Douglas, der sie gefunden hat, hat wahrscheinlich den Clurichaun flüchten sehen.“
Ich war elektrisiert.
„Sind Sie scher?“, fragte ich.
Der Priester zuckte mit den Schultern. „Dr. Kennedy hat mich gerufen. Er sagte, Douglas sei völlig durch den Wind. Fasele etwas von einem Troll oder so, der bei Siobhán gewesen und vor ihm davon gelaufen sei. Außerdem, was macht die Frau mitten in der Nacht auf dem Friedhof?“
„Keine Ahnung.“
Weiter ging die rasende Fahrt über die sogenannte Cottage Road, vorbei an Gehöften und kleinen Siedlungen, die im Dunklen lagen. Nur wenige Fenster waren so früh am Morgen erleuchtet. Einmal zeigte an einer Kreuzung ein Straßenschild nach Dún Aengus.
„Haben Sie eigentlich in den Annalen der Insel einen Hinweis darauf gefunden, was unser Clurichaun suchen könnte?“ erkundigte ich mich.
„Bisher noch nicht“ antwortete der Geistliche. „Aber ich forsche weiter.“
Onaght lag im Westen auf der anderen Seite der Insel, knapp elf Kilometer von Kilronan entfernt. Inishmore selbst war etwa zwölf Kilometer lang, aber nur drei Kilometer breit und damit die größte der drei Araninseln.
Irgendwann bog de Burgh rechts ab, und kurze Zeit später tauchte der Ort vor uns auf. Normalerweise braucht man für die Strecke wohl zwanzig Minuten. Der Priester hatte es in der halben Zeit geschafft.
„Wir sind da“, stellte er fest.
De Burgh parkte seinen Mini auf dem Besucherparkplatz der Seven Churches. Zwei Streifenwagen der Garda Síochána, der irischen Polizei, und ein Rettungswagen waren auch da. Auf den Dächern der Einsatzfahrzeuge drehte sich noch das Blaulicht.
Wir stiegen aus und liefen im Nieselregen zum Friedhof. Ich war froh, dass meine Jacke eine Kapuze hatte. Irgendwo erklang der Ruf einer Eule. Es war kühl.
Der Tatort war leicht zu finden, da die Polizisten ihn mit tragbaren Halogenscheinwerfen ausgeleuchtet und mit einem gelben Absperrband gesichert hatten. Neben einem großen Steinkreuz lag der mit einer Plastikplane abgedeckte Körper des Opfers. Auf der anderen Seite stand eine erloschene Petroleumlampe auf dem Boden. Ich fragte mich, ob sie dem Opfer oder dem Täter gehört hatte.
Überall standen zur Spurensicherung kleine Plastikschilder mit Zahlen darauf. Einer der Beamten fotografierte fleißig mit einer professionell wirkenden digitalen Spiegelreflexkamera mit einem Stabblitzgerät. Zwei weitere uniformierte Polizisten sahen ihrem Kollegen entspannt zu. Das musste Inishmores versammelte Gardatruppe sein.
Außerhalb der Absperrung stand ein hochgewachsener, schlanker Mann, der einen hellgrauen Trenchcoat mit hochgeschlagenem Kragen trug und eine lederne Arzttasche in der Hand hielt. Als er uns sah, winkte er uns zu.
„Gut, dass Sie da sind, Father“, sagte er statt einer Begrüßung, während er mich beiläufig musterte. „Douglas Murphy ist völlig aufgelöst. Fix und fertig. Der Schock. Ich musste ihm ein Beruhigungsmittel spritzen.“
„Ich werde gleich nach ihm sehen“, erklärte de Burgh und stellte mich vor: „Das ist Oberinspektor John Sinclair von Scotland Yard.“
„Angenehm“, murmelte der Mann und drückte meine dargebotene Hand. „Ich bin Dr. Kennedy, Arzt hier auf Inishmore.“
„Freut mich, Sie kennen zu lernen“, sagte ich freundlich. „Was meinen Sie zu der Toten?“
„Sieht nach einem Unfall aus“, antwortete Kennedy sachlich. „Mrs. Murphy ist anscheinend schwer auf den Kopf gestürzt und hat sich dabei ein Schädel-Hirn-Trauma zugezogen.“
„Aber was hat Siobhán mitten in der Nacht auf dem Friedhof getrieben?“, warf de Burgh ein.
„Woher soll ich das wissen, Father?“ erwiderte der Arzt ratlos.
„Zeichen von Fremdverschulden?“, erkundigte ich mich.
„Ich habe keine entdecken können. Aber in diesem Fall wird es wohl eine Obduktion geben. Schließlich ist es eindeutig ein nicht-natürlicher Tod. Aber darüber entscheidet die Staatsanwaltschaft.“
Ich nickte.
Der Allgemeinmediziner trat fröstelnd von einem Bein auf das andere und sah erst den Monsignore, dann mich fragend an.
„Brauchen Sie mich noch?“, wollte er wissen. „Mein Job hier ist erledigt, und mir ist saukalt.“
„Ich denke nicht, Doc“, antwortete ich und warf de Burgh einen Blick zu. „Father?“
„Nein, nein“, bekräftigte dieser. „Fahren Sie nach Hause und ruhen Sie sich noch etwas aus. Ihre Nacht war kurz, und Ihre Sprechstunde beginnt schon in wenigen Stunden.“
„Stimmt. Aber ich werde vorher noch einmal nach Mr. Murphy sehen. Außerdem muss ich noch den Totenschein ausfüllen.“
„Ich komme mit“, sagte de Burgh.
Kennedy verabschiedete sich von uns und von den anwesenden Polizisten und machte sich auf den Weg. De Burgh folgte ihm zum Haus der Toten, um sich ebenfalls um den Ehemann zu kümmern. Fast zur selben Zeit fuhr der Rettungswagen ohne Blaulicht davon. Für die Sanitäter gab es hier nichts mehr zu tun.
Ich blieb zurück am Tatort. Meine Absicht war, die Leiche daraufhin zu untersuchen, ob auch hier schwarze Magie im Spiel gewesen war. Daher wandte ich mich an den ranghöchsten der umstehenden Beamten.
„Guten Morgen, Sir“, grüßte ich den uniformierten, mittelgroßen, untersetzten Mann Mitte Fünfzig mit den Insignien eines Superintendents auf den Epauletten seiner Uniform und zückte meine Legitimation. „Mein Name ist John Sinclair, ein britischer Kollege von Ihnen. Ich bin Oberinspektor bei Scotland Yard.“
Der Beamte der Garda musterte mich und grinste, nachdem er einen flüchtigen Blick auf den Ausweis geworfen hatte. Um seine stahlblauen Augen bildeten sich kleine Lachfältchen. „Ich habe schon von Ihnen gehört, Sinclair. Ihr Chef hat wohl meine Chefin in Dublin angerufen und Sie angekündigt. Und Commissioner O’Sullivan hat dann mich angerufen. Ich habe noch nie zuvor mit der obersten Polizistin von ganz Irland gesprochen. Sie scheinen ein hohes Tier zu sein.“
„Nicht wirklich“, entgegnete ich. Die Situation war mir ein wenig peinlich. Anscheinend hatte Glenda über meinen gestörten Urlaub mit Sir James gesprochen, der dann sofort vorsorglich reagiert und seine internationalen Kontakte ausgenutzt hatte.
„Jedenfalls sollen wir Sie bei Ihren Ermittlungen tatkräftig unterstützen. – Übrigens, ich bin Martin Doherty.“
Ich schüttelte seine Hand. Der Mann machte einen sympathischen Eindruck.
„Sehr erfreut und nichts für ungut. Ich wusste absolut nichts von diesem Telefonat.“
Doherty lachte schallend.
„Sein Sie froh. Ohne diese Info würde ich Sie nicht an den Tatort lassen. Polizeiausweis oder nicht.“ Superintendant Doherty zwinkerte mir zu und fügte an: „Immerhin sind Sie Engländer, nicht wahr?“
„Schotte“, korrigierte ich zum zweiten Mal innerhalb von 24 Stunden. Irgendwie wünschte ich mir, ich würde die schottisch-gälische Sprache beherrschen, die dem Irischen sehr ähnlich ist. Doch leider gehörte ich nicht zu den etwa 1% Sprechern. Gleichzeitig machte ich mir eine geistige Notiz, mich bei Gelegenheit bei Glenda und James Powell zu bedanken.
„Schotte ist besser!“
„Das höre ich immer wieder.“
„Damit sind wir fast verwand, Mr. Sinclair. Die Skoten sind im frühen Mittelalter aus Irland nach Schottland gezogen. Außerdem wollen doch viele Schotten die Unabhängigkeit von Groß Britannien. Aber das nur nebenbei. Man sagte mir, Sie seien irgendein hoch qualifizierter Spezialist. Womit beschäftigen Sie sich?“
Ich räusperte mich.
„Mit Übersinnlichem, also beispielsweise Vampiren und Dämonen“, gab ich zu und erwartete ungläubige Skepsis. Doch Doherty überraschte mich. Er zuckte nicht einmal mit der Wimper, sondern machte im Gegenteil ein besorgtes Gesicht. Anscheinend waren die Iren diesbezüglich weltoffener als andere.
„Man könnte also sagen, Sie sind Geisterjäger“, stellte er fest.
„Genauso nennt man mich.“
„Interessant. Da müssen Sie mir bei Gelegenheit mehr davon erzählen. – Und Sie und Father de Burgh vermuten hier ein übernatürliches Verbrechen?“
„Möglicherweise. Monsignore de Burgh hat mich auf ein paar kürzliche Todesfälle aufmerksam gemacht, die ihm merkwürdig vorkamen.“
„Todesfälle?“, staunte Doherty. „Mehrzahl?“
„Dies wäre der dritte auf Inishmore, von dem wir wissen.“
Doherty kratzte sich nachdenklich über die grau melierten Bartstoppeln am Kinn. Anscheinend hatte man ihn auch aus dem Bett geholt, ohne dass er sich noch rasieren konnte.
„Dr. Kennedy meinte, Siobhán Murphy sei verunglückt. Und wer sind die anderen?“
„Seamus O’Leary und Padraig McDonald.“
„Ich dachte, Seamus hatte einen Herzinfarkt und Padraig einen Schlaganfall. Die Garda hat in keinem der Fälle ermittelt.“
Hier schien wirklich fast jeder jeden zu kennen, was bei nur rund 850 Einwohnern auf der Insel nicht wirklich verwunderlich war.
„Ich weiß“, sagte ich. „Aber das Eine schließt das Andere nicht aus. Und zumindest bei Mr. McDonald gibt es klare Hinweise. In solchen Fällen versagt die normale menschliche Logik leider. Die Spuren und Motive passen nicht in das übliche Schema einer Mordermittlung.“
„Und Sie glauben, es gibt einen Zusammenhang zwischen den Toten?“
„Höchst wahrscheinlich.“
„Welchen?“
„Keine Ahnung“, gab ich unumwunden zu. „Bisher jedenfalls.“
„Ich habe gehört, dass Sie gestern McDonalds Leichnam überprüft haben“, stellte der Superintendent fest. „Sean O’Neill hat es mir im Pub erzählt. Aber er wusste nicht, was Sie und Father de Burgh gemacht haben.“
Anscheinend sprach sich hier wirklich alles schnell herum.
„Das ist richtig.“
Doherty machte ein gedankenversunkenes Gesicht und schob seine Uniformmütze in den Nacken. Man sah ihm an, dass er über diese ungewöhnlichen Informationen kurz zu grübeln hatte.
„Was haben Sie jetzt vor?“, fragte er schließlich.
„Ich werde Ihre Ermittlungen nicht stören. Ich würde bei der Toten nur gerne einen kurzen, einfachen Test machen. Danach kann ich mehr sagen.“
Statt einer Antwort hob Doherty das Absperrband an, um mich durchzulassen. Soviel Glück hatte ich bei der Zusammenarbeit mit normalen Polizisten nur selten. Meist stieß ich Zurückhaltung oder sogar offene Ablehnung und musste meine Sondervollmachten ausspielen, was aber auch nur in Groß Britannien zuverlässig funktionierte. Wer es nicht besser wusste, hielt mich eben für einen Spinner.
„Dann los!“, brummte Doherty, aber nicht unfreundlich.
„Danke, Sir“, erwiderte ich erleichtert.
Ich schlüpfte unter der Absperrung hindurch und holte mein silbernes Kruzifix hervor. Gleichzeitig machte ich mir eine geistige Notiz, mich bei meinem Chef bei nächster Gelegenheit für seine Weitsicht zu revanchieren.
„Jungs“, rief der Superintendent seinen Kollegen zu. „Das ist Inspektor Sinclair von Scotland Yard, ihr wisst schon. Lasst ihn einmal durch. Er muss bei der Leiche etwas überprüfen.“
„Klar, Chef“, bestätigte einer der Sergeanten, der anscheinend unserem Gespräch gelauscht hatte.
Der Fotograph unterbrach seine Arbeit. Gespannt beobachteten die Polizisten, wie ich zu der Toten ging, wobei ich darauf achtete, keine Spuren zu verwischen. Ich zog die Plane zurück, mit der der leblose Körper abgedeckt worden war, und kniete nieder. Eine lange Platzwunde klaffte an der linken Schläfe der Frau, aus der es heftig geblutet hatte.
Es war ein trauriger und schrecklicher Anblick, der mir einen Kloß im Hals verursachte. Doch mein Job verlangte Härte.
Langsam berührte ich Siobhán Murphy mit dem silbernen Kreuz. Die Reaktion auf die Reste der schwarzen Magie, welche die Frau ermordet hatte, kam sofort und viel heftiger als bei Padraig McDonald, da das Ereignis nur kurze Zeit zurück lag. Es war, als ob eine glutheiße Flamme von meiner Hand bis zum Oberarm loderte. Reflexartig riss ich das Kreuz mit einem erschrockenen Aufschrei zurück. Sofort war das Gefühl vorbei. Doch es bestand keine Ungewissheit mehr: Kein normaler Unfall hatte die Frau getötet, sondern ein böser Zauber.
„Alles in Ordnung, Sinclair?“ fragte Doherty besorgt. „Sie sind mit einem Schlag blass geworden.“
Ich richtete mich auf.
„Ich bin okay“, antwortete ich, doch meine Stimme war belegt. „Und ich weiß jetzt, was ich wissen wollte.“
„Ein übernatürlicher Tod?“
„Da bin ich mir sicher. Auch wenn die Obduktion wahrscheinlich ergeben wird, dass Dr. Kennedy scheinbar Recht hatte: Die direkte Todesursache kann der Sturz gewesen sein. Aber schwarze Magie hat ihn ausgelöst.“
„Wenn Sie es sagen“, meinte Doherty, doch es klang nicht abwertend, sondern mehr wie eine sachliche Feststellung.
Ich kletterte wieder aus der Absperrzone heraus. Logan de Burgh war inzwischen mit dem Arzt zurückgekehrt und stand am Rand der Absperrung. Ich ging zu ihnen.
„Und?“, erkundigte der Priester sich.
„Zweifelsfrei schwarze Magie wie bei Ihrem Totengräber.“
De Burgh nickte, als hätte er nichts anderes erwartet, während Dr. Kennedy ungläubig die Augen verdrehte und den Kopf schüttelte. Er hielt uns offensichtlich für total durchgeknallt.
„Mr. Murphy schläft jetzt“, sagte der Allgemeinmediziner in die Runde. „Ich bin dann gleich weg. Muss nur noch den Totenschein für Mrs. Murphy unterschreiben.“
„Schade“, sagte ich. „Ich hätte den Mann gerne noch verhört.“
„Das müssen Sie verschieben.“
„Douglas hat mir vorher noch erzählt, was passiert ist“, erklärte de Burgh. „Ich denke, er hat wirklich einen Clurichaun gesehen. Der Kobold ist vor ihm geflohen. Er glaubt auch, dass er Siobhán ermordet hat.“
„Wohin ist er geflüchtet?“, wollte ich wissen.
„In die St. Breacán’s Church.“
Ich blickte mich auf dem unübersichtlichen Gelände um.
„Welche ist das?“
De Burgh deutete auf ein teilweise zerfallenes Gebäude am anderen Ende des Friedhofes: „Dort hinten.“
„Hmmm, ich werde das überprüfen.“
„Sein Sie vorsichtig!“ Dann wandte er sich an Doherty: „Darf ich Siobhán Murphy die Sterbesakramente spenden, Michael?“
„Natürlich, Father“, antwortete der Stationschef der örtlichen Garda und ließ den Priester passieren.
Ich ließ die beiden zurück und ging zur Ruine der St. Breacán’s Church und schaute hinein. Ich holte eine lichtstarke LED-Taschenlampe, die kaum größer als ein Kugelschreiber war, aus der Innentasche meiner Jacke hervor und leuchtete den Raum ab. Das kahle Kirchenschiff erschien vollkommen verlassen, doch meine Kopfhaut prickelte.
Es war unheimlich. Ein eiskalter Schauer lief mir den Rücken hinunter. Irgendetwas stimmte hier nicht. Daher betrat ich die ehemalige Kirche und schritt den Raum methodisch ab, konnte jedoch nichts Verdächtiges entdecken.
Der Schein der Lampe wanderte über den mit Kies bedeckten Boden, das aus Natursteinblöcken bestehende Gemäuer und die schmalen, wie Schießscharten wirkenden Fensteröffnungen. Ich zuckte überrascht zusammen. In einem der Fenster saß eine Waldohreule und flatterte vom Schein der Taschenlampe aufgeschreckt nahezu lautlos davon.
Im hinteren Teil lagen eine Reihe flacher, quaderförmiger Steinplatten, die möglicherweise Gräber markierten. Obwohl es nichts Auffälliges gab, blieb ein ungutes Gefühl in meiner Magengrube.
Ich hatte in all den Jahren ein Gespür für Gefahr entwickelt, welches mich nur selten täuschte, ahnte jedoch nicht, dass ich in diesem Moment aus der Anderswelt argwöhnisch beobachtet wurde.
Schon wollte ich wieder gehen, als ich etwas in der Nähe der Türschwelle entdeckte. Irgendwas blinkte im Licht meiner Taschenlampe metallisch zwischen den Grashalmen auf. Ich bückte mich und hob den Gegenstand auf. Es war eine große, schwere Goldmünze, auf der das Gesicht eines Dämons prangte, den ich gut kannte.
Baphomet.
Ich schauderte. Hatte der Höllenfürst etwas mit diesem Fall zu tun?
„Das gehört mir“, sagte in diesem Moment eine raue, eiskalte Männerstimme. „Gib sie her oder du wirst es bereuen.“
Ich zuckte zusammen und blickte überrascht auf. Vor mir stand der Clurichaun wie aus dem Nichts aufgetaucht. Seine dunklen Augen funkelten so bösartig, dass mir eine eiskalte Gänsehaut den Rücken herunter lief.
Zum ersten Mal sah ich meinen Gegner vor mir. Er wirkte uralt, denn sein Gesicht war von unzähligen Falten und Runzeln zerfurcht. Er hatte feuerrotes, zerzaustes Haar und einen ebenfalls roten Kinnbart, der zu zwei kleinen Zöpfen geflochten war. Der Gnom reichte mir gerade bis zum Bauchnabel. Wenn er sprach, blitzten spitz gefeilte Zähne in seinem Mund auf, was ihm etwas gefährlich Raubtierhaftes verlieh.
Ich fragte mich, ob er selbst ein Dämon war, ein Besessener oder nur ein verblendeter Diener der Hölle. Ein Untoter schien er jedenfalls nicht zu sein. Seine Augen waren nicht stumpf, er atmete und verströmte auch keinen Modergeruch.
Ich richtete mich auf und schloss meine Hand um die merkwürdige Münze.
„So einfach nicht“, sagte ich mit fester Stimme. „Wer bist du und was willst du damit?“
„Das geht dich gar nichts an“, fauchte der Kobold sichtlich wütend. Wahrscheinlich hatte er nicht mit Widerstand gerechnet. „Gib sie mir!“
„Nein, auf keinen Fall. Ist dies so ein magisches Geldstück, das nach dem Bezahlen immer wieder zu seinem Besitzer zurückkehrt?“
Der Clurichaun lachte höhnisch. „Solchen Firlefanz machen nur Leprechauns.“
Wir belauerten uns einen Moment lang. Meine Nerven und Muskeln waren angespannt, da ich wusste, dass dieses Männlein gefährlich war. Mindestens drei Menschen hatte er schon getötet. Jetzt schien er fieberhaft zu überlegen. Ich wünschte mir, ich hätte meine Beretta dabei, wobei ich gar nicht wusste, ob gegen diesen Kobold geweihte Silberkugeln erforderlich waren. Doch damit hätte ich den Clurichaun wenigstens in Schach halten können.
Plötzlich fuhr sein rechter Arm nach oben, und er versuchte mich zu packen. Doch dank meiner trainierten Reflexe wich ich seinem Griff geschickt aus.
„Verdammt!“, entfuhr es dem Kobold wutentbrannt.
Er senkte den Kopf und rannte gebückt auf mich zu. Ich drehte mich zu Seite und machte einen schnellen Ausfallschritt, so dass der Clurichaun an mir vorbei rannte, statt mir, wie beabsichtigt, seinen Schädel in den Bauch zu rammen.
Als er an mir vorbei rauschte, streckte ich mein rechtes Bein aus und versuchte, seine Füße mit einem Judotrick unter ihm wegzuhebeln. Er strauchelte, ruderte mit den Armen und wäre fast gestürzt. Im letzten Moment konnte er sich fangen, richtete sich auf und wirbelte auf dem Absatz herum.
„Gib mir meine Münze“, kreischte er. „Sonst geht es dir an den Kragen.“
Der Kobold fletschte vor Wut kochend die Zähne.
Im Augenwinken sah ich, dass Superintendent Doherty und Monsignore de Burgh durch sein Schreien auf unsere Auseinandersetzung aufmerksam geworden waren und auf uns zu kamen.
„Bleiben Sie zurück!“, rief ich. „Ich werde allein mit ihm fertig.“
Die beiden gehorchten.
Ich wusste nicht genau, über welche übernatürlichen Kräfte dieses merkwürdige Wesen verfügte, und wollte niemanden gefährden. Denn eines war klar: Es ging über Leichen.
Wir starrten uns an. Die Augen des Clurichauns funkelten hasserfüllt. Ich hob die rechte Hand in die Höhe, in der ich die Goldmünze hielt, außerhalb seiner Reichweite. Der Kobold fixierte sie mit gierigem Blick.
Bei meinen letzten Worten verzog sich sein Gesicht zu einem spöttischen Grinsen, wobei er wieder seine spitz gefeilten Zähne entblößte, was ihm etwas Wölfisches verlieh.
„Nur weil ich klein bin“, zischte er, „solltest du mich nicht unterschätzen.“
Statt einer Antwort sprang ich vor und holte mit der Absicht, ihn niederzustrecken, mit meiner linken Faust zu einem Kinnhaken aus. Doch diesmal duckte sich der Gnom unter meinem Schwinger weg. Gleichzeitig schnellte seine Hand hoch und er versetzte mir einen leichten Schubs gegen meine Brust, der mich noch nicht einmal taumeln ließ.
Trotzdem war es, als hätte er mir einen Hieb mit dem Vorschlaghammer versetzt.
Ich spürte plötzlich ein vernichtendes Druckgefühl hinter meinem Brustbein. Kalter Schweiß brach auf meiner Stirn aus, ich bekam keine Luft mehr. Übelkeit und Todesangst machten sich breit. Mein Herz raste wild. Gleichzeitig merkte ich noch, wie sich das silberne Kreuz auf meiner Brust erwärmte. Dann brach ich zusammen.
Ich bekam noch mit, wie mir der Clurichaun die Goldmünze aus der Hand riss, bevor mich tiefe Schwärze umfing. Eine gnadenlose Macht zerrte an mir, riss mich los, bis ich schwerelos in einem endlosen leeren Raum schwebte. Kurz darauf sah ich weit entfernt ein warmes, helles Licht wie am Ende eines langen Tunnels, das angenehm und verlockend wirkte.
Ich ging darauf zu.
Als ich mich umdrehte, war es, als würde ich auf mich selbst herabblicken. Ich lag auf dem Boden des Friedhofs und wusste in dem Moment, dass ich tot war. Trotzdem fühlte ich mich unsagbar wohl.
Ich konnte jede Einzelheit klar und deutlich erkennen: die rauen Grabsteine aus Granit, deren verwitterte Inschriften auf einmal klar und deutlich wurden, die grünen Grashalme, die sich im Wind bogen.
Dr. Kennedy kniete über meinem Körper und machte Herzdruckmassage. Neben ihm standen Logan de Burgh und Superintendent Doherty mit entsetzten Gesichtern. Etwas unter meinem Pullover schien strahlend hell zu leuchten.
Es war mir egal.
Ich wollte ihnen zurufen, dass es mir gut ging, dass sie sich keine Sorgen machen sollten. In dem Moment konnte und wollte ich nicht dorthin zurück. Was mich am anderen Ende des Tunnels erwartete, war wunderschön, machte mich unendlich neugierig. Aber ich bekam keinen Ton hervor.
Da war mir, als würde mich weit entfernt jemand rufen. Menschen, die ich gekannt und auf tragische Weise verloren hatte. Sie warteten jetzt auf mich.
Ich fühlte mich schwerelos und spürte plötzlich eine eisige Kälte, die rasch in mir aufstieg, welche das warme Leuchten noch verlockender machte. Ich wandte mich wieder dem weißen Licht zu und schwebte unaufhaltsam darauf zu...



Der Clurichaun war zurück in seinem Versteck. Mit gierigen Augen betrachtete er die drei goldenen Münzen, die er endlich in seinen Besitz gebracht hatte.
Jede war etwa doppelt so groß wie ein 2-Euro-Stück. Auf der Vorderseite war jeweils ein fünfzackiger Stern, ein Pentagramm eingeprägt, in dessen Innerem ein Kopf prangte. Auf der ersten Goldmünze war es Asmodis in seiner Gestalt mit drei Gesichtern: dem eines Bullen, eines Menschen und eines Widders. Die zweite zeigte den gehörnten Ziegenkopf Baphomets und die dritte den Fliegendämon Beelzebub. Zusammen ergaben sie Luzifers teuflische Dreifaltigkeit. Auf der Kehrseite jeder der Münzen fand sich die Ziffer Sechs, vereinigt also die Zahl des Antichristen.
„Cé agá tuiscint measann uimhir an ainmhithe; le haghaidh tá sé roinnt daonna, agus tá a n-uimhir sé chéad seasca is sé.“ rezitierte der Clurichaun auf Gälisch und lächelte diabolisch.
Es war ein Zitat aus dem Neuen Testament, genauer gesagt der Offenbarung des Johannes. Kapitel 13, Vers 18: Wer Verstand hat, der überlege die Zahl des Tieres; denn es ist eines Menschen Zahl, und seine Zahl ist 666.
Der Legende nach waren die magischen Münzen vor langer Zeit in der Hölle entstanden. Der Teufel selbst sollte sie einst geprägt haben. Wer im Besitz der drei Goldstücke war, konnte mit Hilfe eines geheimen, schwarzmagischen Rituals ein Tor in eine andere Dimension öffnen, durch das dann Dämonen ungehindert auf die Erde eindringen konnten.
Nur, dass es keine Legende war, sondern eine wahre Geschichte.
Asmodis würde endlich einmal zufrieden mit ihm sein. Jetzt galt es, die nächsten Schritte sorgfältig zu planen.
Nur kurz fragte sich der Clurichaun, wer der Mann gewesen war, der versucht hatte, ihn aufzuhalten. Doch dann schob er den Gedanken als nebensächlich bei Seite. Die Sache war erledigt, und der Kerl hatte seinen unverschämten Leichtsinn mit dem Leben bezahlt.
Der Kobold beschloss, den Zwischenfall Asmodis gegenüber nicht zu erwähnen, bevor dieser wieder in Wut geriet und ihn bestrafte. Vielleicht sogar mit dem Tod. Doch so kurz vor dem Ziel wollte er nicht mehr scheitern.
Der Teufel hatte ihm für seine Dienste die Herrschaft über die Anderswelt versprochen. Er würde mächtiger und reicher sein als alle anderen Feen.
Bei dem Gedanken daran, konnte er es kaum erwarten. Kommende Nacht würde es endlich soweit sein. Er würde das Höllentor aufstoßen, das so viele Jahrhunderte geschlossen gewesen war.
Seit die Christen die Münzen geraubt hatten, hatte Asmodis nach Ihnen gesucht. Doch die Kirche hatte sie gut verstecken lassen und lange Zeit unauffällig bewacht. Irgendwann waren sie dann in Vergessenheit geraten. Nur deshalb hatte der Teufel die Orte, an denen sie vergraben waren, letztlich herausgefunden. Alle drei hatten sich auf Inishmore befunden.
Aber er konnte sie nicht selbst aus ihren Verstecken holen, denn sie waren durch starke Bannsprüche vor dem Zugriff von Dämonen geschützt. Also musste ein Mensch oder eine Fee sie ausgraben. Außerdem brauchte er einen Helfer, der mit den Münzen das Ritual ausführte.
Also hatte Asmodis sich an den Clurichaun gewendet, der schon lange nach Einfluss hungerte und dem jedes Mittel dazu recht war. Er hatte das Gefühl, auf der untersten Stufe der Feengesellschaft zu stehen. Insbesondere hasste er seine Verwandten, die Leprechauns mit ihren Reichtümern, die sie geizig hüteten. Trotzdem wurden sie von den Menschen verniedlicht und geliebt, während die Clurichauns von allen gemieden wurden.
Und so waren sich er und Asmodis schnell handelseinig geworden. Im Austausch gegen Zauberkräfte und mit der Aussicht, Herrscher der irischen Feen zu werden, hatte der Kobold die Aufgabe übernommen.
Doch der Teufel war ein strenger und grausamer Verbündeter, den er fürchtete. Ein Teil von ihm hätte sogar den Handel gerne rückgängig gemacht. Aber dafür war es längst zu spät. Außerdem war sein Machthunger größer als alle Bedenken.
„Kommende Nacht!“, flüsterte der Clurichaun.
Einen flüchtigen Moment erwog er, sein Vorhaben abzublasen, die Münzen wieder zu verstecken oder — besser noch — zu zerstören. Er wusste, dass es richtig wäre. Doch dann verwarf er die Idee rasch wieder. Asmodis würde ihn erbarmungslos verfolgen und ermorden. Außerdem war sein Machthunger größer. Und so siegte die Gier über sein schlechtes Gewissen.
Es gab noch einiges vorzubereiten, bevor er um Mitternacht seine Pläne umsetzen konnte. Dann war er endlich am Ziel seiner Träume.
Er ahnte nicht, dass es ein Alptraum werden würde...



Ich schlug die Augen auf, weil jemand meine Wange tätschelte und immer wieder meinen Namen rief. Um meinen Arm lag die Manschette eines Blutdruckmessgerätes. Mein Schädel brummte, als hätte ich den gewaltigsten Kater aller Zeiten. Doch das schmerzhafte Engegefühl in meinem Brustkorb war verschwunden.
Ich blickte in das ernste Gesicht des Landarztes.
„Gott sei Dank, Mr. Sinclair“, sagte Ryan Kennedy und richtete sich auf. „Das war knapp.“
Neben dem Arzt stand Logan de Burgh mit blassem Gesicht und bekreuzigte sich. Er lächelte mir schwach zu. Hinter ihm machte Superintendent Doherty mit der rechten Hand ein Daumen-Hoch-Zeichen und zwinkerte mir aufmunternd zu. Auch ihm stand die Erleichterung ins blasse Gesicht geschrieben.
„Bin froh, dass Sie noch leben, Sinclair“, grummelte der Polizist. „Nicht auszudenken, was das für ein Papierkrieg geworden wäre, wenn Sie gestorben wären.“
Er meinte es nicht so. Kennedy warf ihm trotzdem einen strafenden Blick zu.
„Was ist passiert?“, fragte ich heiser. In meinem Kopf spukten noch immer die Bilder jenes Lichts am Ende schwarzen Tunnels herum.
„Sie waren etwa fünfzehn Minuten klinisch tot“, antwortete Dr. Kennedy sachlich. „Herzinfarkt nehme ich an. Ich musste Sie reanimieren. Eigentlich dachte ich schon, wir hätten Sie verloren. Doch dann haben Sie sich plötzlich erholt. Fast, als wäre nichts gewesen. – Erstaunlich!“
„Danke, Doc!“, sagte ich und richtete mich vorsichtig auf. „Ich schulde Ihnen mein Leben.“
„Da ist etwas dran“, mischte sich de Burgh ein. „Aber ich glaube, Hesekiels Kreuz hat einen entscheidenden Anteil an Ihrer Rettung.“
Der Mediziner runzelte ungläubig die Stirn. „Also ich weiß nicht. Sie hatten jedenfalls Glück, dass ich noch nicht weggefahren war.“
„Als sie bewusstlos waren“, fuhr der Monsignore ungerührt fort, „begann es zu leuchten.“
Meine Hand griff automatisch nach meinem silbernen Kreuz. Durch den Pullover hindurch spürte ich, dass es immer noch angenehm warm war. Anscheinen hatte seine weiße Magie den schwarzmagischen Zauber des Clurichauns besiegt, der mich töten wollte.
„Ich denke, Sie haben Recht, Father.“, entgegnete ich.
Dr. Kennedy schüttelte verständnislos den Kopf. Seine naturwissenschaftliche Ausbildung ließ ihn derartige übersinnliche Theorien als Spinnerei abtun.
„Wenn Sie meinen“, grummelte er. Er überprüfte meinen Blutdruck und Puls sowie die Pupillenreflexe und stellte fest: „Alles normal.“
Mit noch leicht wackeligen Beinen rappelte ich mich auf und bedankte mich nochmals bei ihm.
„Keine Ursache. Aber sie sollten mit in meine Praxis kommen, damit ich durchchecken kann. EKG, Blutwerte und so weiter. Eigentlich gehören Sie ins Krankenhaus.“
Tief sog ich die kühle, feuchte Morgenluft in meine Lungen und spürte, dass meine Kopfschmerzen langsam nachließen. Dafür dass ich dem Tod gerade von der Schippe gesprungen war, fühlte ich mich eigentlich ganz gut. Ich dürstete nur nach einer guten Tasse Kaffee.
„Ich fürchte, daraus wird nichts, Doc“, sagte ich. „Ich muss zunächst etwas Dringenderes erledigen.“
„Wie Sie meinen“, erwiderte Dr. Kennedy. „Das Ambulanzfahrzeug ist sowieso schon weg. Aber auf Ihre eigene Verantwortung und gegen meinen ärztlichen Rat!“
„Geht klar.“
Er zuckte mir den Schultern, verabschiedete sich und ging, um endlich den Totenschein für Siobhán Murphy auszustellen, damit ihre Leiche endlich abtransportiert werden konnte. Doherty folgte ihm, nachdem er mir noch kräftig auf die Schulter geklopft hatte.
De Burgh sah mich erwartungsvoll an.
„Geht es Ihnen wirklich gut?“, erkundigte er sich.
„So gut es einem eben geht, wenn man gerade gestorben und wieder auferstanden ist“, antwortete ich.
„Was haben Sie jetzt vor?“
„Wir müssen versuchen, herauszufinden, was es mit der Goldmünze auf sich hat, die der Clurichaun hier ausgegraben hat. Ich bin mir sicher, dass es an den anderen Tatorten genauso war und darin der Schlüssel zur Lösung dieses Falls zu finden ist.“
„Ich hätte da eine Idee“, sagte der Geistliche, nachdem er kurz nachgedacht hatte.
„Welche?“
„Das Archivum Secretum Apostolicum Vaticanum.“
Ich staunte: „Das Vatikanische Geheimarchiv in Rom?“
„Genau“, bestätigte de Burgh und grinste geheimnisvoll. „Aber keine Sorge, wir müssen nicht verreisen...“



Kurze Zeit später waren wir in Logan de Burghs privatem Büro im Pfarrhaus.
Die Rückfahrt von Onaght war zum Glück gemächlicher abgelaufen als die rasante Hinfahrt. Unterwegs hatte sich der ehemalige Inquisitor die Münze von mir so genau wie möglich beschreiben lassen. Ansonsten hatte er sehr geheimnisvoll getan.
Ich hätte ihm auch erzählt, was mir Mrs. Ahern über Dún Aengus berichtet hatte, und er hatte ihre Angaben im Grunde bestätigt.
Mir ging es mit jeder Minute, die verging, besser.
An den Wänden des Arbeitszimmers waren wie in einer Bibliothek ringsum deckenhohe Holzregale aufgestellt, die mit allerlei Büchern vollgestopft waren. Es gab sogar eine Leiter, die man oben an einer Schiene einhaken konnte, um an die obersten Fächer zu gelangen.
Ein Blick auf die Buchrücken zeigte mir, dass es sich überwiegend um theologische Werke, Bibeln und Katechismen, aber auch naturwissenschaftliche Wälzer und klassische Literatur handelte. Darunter auch einige Erstausgaben und Folianten, die wahrscheinlich schon hunderte Jahre alt waren und teils neben modernen Taschenbüchern standen.
Ein Ordnungssystem war nicht zu erkennen. Lediglich ein Fach war anscheinend reserviert für eine beachtliche Sammlung Kriminalromane.
Zusätzlich gab es zwei bequeme lederne Chesterfield Ohrensessel mit einem kleinen runden Tischchen, auf dem eine zerlesene Bibel und ein Notizblock lagen. Anscheinend bereitete de Burgh hier seine Predigten vor.
Vor dem Fenster stand ein großer, rustikaler Eichenschreibtisch, dessen Arbeitsplatte mit dunkelrotem Leder bezogen war. Darauf stand unter anderem neben einem signierten Foto des amtierenden Papstes ein aktueller Desktop-Computer mit einem hochauflösenden 27-Zoll-Monitor, welcher hier wie ein Anachronismus wirkte.
„Und Ihnen geht’s wirklich wieder gut?“ erkundigte sich der Priester besorgt. „Sie haben uns einen ganz schönen Schrecken eingejagt.“
„Bestens“, antwortete ich wahrheitsgemäß. „Aber ich denke, dass genauso die anderen ermordet wurden. Der Clurichaun hat sie berührt und durch Hexerei einen tödlichen Herzinfarkt oder eine Hirnblutung ausgelöst. Mit dem Unterschied, dass ich Glück hatte, mein Kreuz dabei zu haben und dass ein Arzt in der Nähe war.“
„Das war Ihre Rettung“, bestätigte de Burgh.
Er nahm an seinem Schreibtisch Platz und schaltete den Computer ein. Nachdem der Desktop hochgefahren war, startete er den Internetbrowser und wählte sich auf einer Seite des Vatikans ein. Er musste mehrere Passwörter eingeben, bevor er schließlich auf der gewünschten Seite landete.
„Bitte sehr“, verkündete er mit Stolz in der Stimme, „das Vatikanische Geheimarchiv.“
„Krass!“ Mir klappte die Kinnlade herunter.
Auf dem Bildschirm erkannte ich das Wappen des Heiligen Stuhls sowie eine Suchmaske.
„Es wird einen Moment dauern, bis ich die gewünschten Informationen gefunden habe. Soll Ihnen meine Haushälterin in der Zwischenzeit eine Tasse Tee machen?“
„Klingt äußerst verlockend“, sagte ich.
„Frühstück?“
Erst jetzt merkte ich, dass mein Bauch grummelte. Es war inzwischen gegen acht Uhr morgens, und zu Sterben machte anscheinend Hunger.
„Wenn es keine Umstände macht.“
„Keineswegs.“
De Burgh erhob sich und verließ das Arbeitszimmer. Kurze Zeit später hörte ich, wie in einem anderen Teil des Pfarrhauses Teller klapperten und ein Teekessel pfiff. Wenig später kam der Pfarrer mit einem großen Silbertablett zurück, auf dem eine Porzellankanne, zwei Tassen und mehrere Scheiben Toast mit Butter und Marmelade standen.
Während ich hungrig über das Essen herfiel, machte sich der Monsignore an die Arbeit. In schneller Folgte tippte er mit flinken Fingern eine Suchanfrage nach der anderen ein, rief zahlreiche Dokumente auf, überflog sie, um sie letztlich wieder zu verwerfen. Die Teetasse, die er sich auf den Schreibtisch gestellt hatte, blieb zunächst unberührt, so dass er missmutig das Gesicht verzog, als er nach einer Weile den ersten Schluck nahm.
„Bäh“, knurrte er. „Ich hassen kalten Tee.“
Ich hatte inzwischen sämtlichen Toast verdrückt und beobachtete gespannt, wie er seine Nachforschungen fortsetzte. Immer mehr Seiten flackerten auf dem Computerbildschirm auf. Fotos, Texte, PDF-Dateien von eingescannten Buchseiten. Alle aus den Tiefen des Vatikans. Etwa eine halbe Stunde später stieß er schließlich einen triumphierenden Laut aus.
„Ist die Münze, die Sie gesehen haben, eine von diesen hier?“, fragte de Burgh und deutete auf seinen Monitor.
Ich blickte auf. Auf dem Bildschirm war eine Seite aus einem reich verzierten, mittelalterlichen Manuskript zu sehen. Am Unterrand der Handschrift war eine farbige Illustration zu sehen, welche die Vorderseite von drei Goldstücken zeigte. Auf jeder war ein Pentagramm geprägt, in dessen Mitte eines der Gesichter des Satans zu erkennen war. Asmodis, Baphomet und Beelzebub. Eine vierte Abbildung zeigte die Rückseite der Münzen, die bei allen gleich war und in indisch-arabischer Schrift die Ziffer 6 zeigte.
Ich deutete auf die Goldmünze in der Mitte, auf welcher der Kopf Baphomets dargestellt war.
„Diese hat der Clurichaun mir wieder abgenommen.“
„Das sind die sogenannten Diabolonen von Sevilla“, erklärte der Priester. „Das Wort setzt sich zusammen aus diabolisch und Dublonen. Angeblich hat der Teufel höchst persönlich diese Münzen erschaffen. Leider steht hier nicht, welche Funktion sie haben. Aber es scheint, dass sie die spanischen Inquisitoren, die sie einer mächtigen Hexe abgenommen hatten, für sehr gefährlich hielten. Hier steht, dass sie um das Jahr 600 nach Christus auf eine weite Reise geschickt wurden, um sie von Mönchen bewacht sicher zu verstecken.“
„Und Sie glauben, dass sie so nach Inishmore gelangt sind?“
„Die Araninseln waren im frühen Mittelalter quasi das Ende der damals bekannten Welt, wurden aber bereits im 5. Jahrhundert christianisiert.“
„Aber warum wurden alle drei Münzen an einen Ort gebracht und nicht verstreut?“
„Vielleicht, weil es genau das war, was die Dunkle Seite erwartet hätte, dass man sie an drei verschiedenen, weit entfernten Orten versteckt“, überlegte de Burgh. „Somit würde man hier selbst dann nicht so rasch weiter suchen, wenn eine Diabolone entdeckt würde. Sie waren ja offensichtlich auch in drei unterschiedlichen Verstecken.“
Das ergab Sinn.
„Ich wünschte mir, ich hätte noch Zugang zum Buch der grausamen Träume“, sagte ich nachdenklich*. „Ich bin sicher, darin könnten wir wertvolle Hinweise finden.“
De Burgh horchte interessiert auf: „Was ist das für ein Buch?“
„Angeblich hat es einer der Urdämonen des alten Atlantis verfasst. In ihm sind die Geheimnisse der Hölle festgehalten. Somit stellt es eine große Gefahr für das Böse dar, denn darin steht unter anderem auch, wie man Dämonen besiegen kann. Es hat mir geholfen, den Schwarzen Tod das erste Mal zu vernichten.“
„Und Sie meinen, es könnte auch Informationen über diese Münzen enthalten.“
„Sehr wahrscheinlich. Nur leider hilft uns das nicht weiter, da wir das Buch nicht haben.“
„Schade. Was ist damit geschehen?“
„Mein Freund Abbé Bloch, der damalige Anführer des Templerordens von Alet-les-Bain, hat es zu meinem Schutz ins Tor des Jenseits geschleudert, bevor er dieses wieder verschlossen hat.“
„Aha. Ich habe schon von Abbé Bloch gehört, ein großer Mann“, meinte der Priester. „Er war der Vorgänger von Godwin de Salier, nicht wahr?“
„Richtig.“
„Es war zu meiner Zeit bei der Glaubenskongregation, als er starb. Die Nachricht von seinem Tod hat uns damals sehr betroffen gemacht.“
„Er wurde von Vincent van Akkeren ermordet“, sagte ich und merkte, dass meine Stimme dabei leicht zitterte. Der Gedanke an die damaligen Geschehnisse war immer noch schmerzhaft.
De Burgh starrte nachdenklich auf den Monitor und Stütze den Kopf auf seine Hand. Obwohl wir ein wichtiges Puzzleteil entdeckt hatten, tappten wir noch immer im Dunklen, was die Lösung des Falls anging. Was hatte der Clurichaun mit den satanischen Münzen vor?
„Und nun?“, fragte ich.
„Ich werde hier versuchen, mehr herauszufinden“, entgegnete der Pfarrer. „Haben Sie schon einen Plan?“
Ich überlegte kurz.
„Ich denke, ich werde noch einmal zu den Seven Churches fahren. Vielleicht gibt es eine Spur, wohin der Kobold verschwunden ist.“
„Sein Sie vorsichtig!“, warnte de Burgh. „Mit der Anderswelt ist nicht zu spaßen. Ansonsten melde ich mich, sobald ich mehr Informationen habe.“
Ich beschloss, seinen Rat zu beherzigen...



Ich hatte mir Logan de Burghs Mini Cooper ausgeliehen.
Bevor ich jedoch zu den Seven Churches zurückfuhr, machte ich mich jedoch frisch und holte ich noch meine mit Silberkugeln geladene Beretta aus meinem Zimmer in Mrs. Aherns Pension.
Dank meines vom britischen Innenminister persönlich ausgestellten Sonderausweises, der mich mit zahlreichen Vollmachten ausstattete, hatte ich sie mitnehmen können, obwohl die Beamten bei der Sicherheitskontrolle am Flughafen Heathrow ziemlich kritisch geguckt hatten. Aber ganz unbewaffnet wollte ich auch auf eine Urlaubsreise nicht gehen. Sogar ein Fläschchen mit Weihwasser und ein Stück magische Kreide hatte ich für alle Fälle sicherheitshalber auch dabei. Auch diese beiden Waffen steckte ich vorsichtshalber ein.
Die Pistole samt Schulterhalfter und die anderen Sachen waren in einem separaten Fach meines verschlossenen Koffers versteckt gewesen, da ich nicht wollte, dass sich meine Wirtin erschreckt, falls sie sich zufällig finden würde.
Ich schnallte das Halfter um, überprüfte das Magazin der Beretta, lud die Waffe durch, sicherte sie und steckte sie zurück. Sicherheitshalber nahm ich auch noch ein Ersatzmagazin mit. Dann zog ich meine Allwetterjacke über und warf einen kurzen Blick in den Spiegel, ob die Pistole zu sehen war.
Zufrieden machte ich dann geduscht und rasiert auf den Weg. Es hatte gut getan, das heiße Wasser über meinen Körper laufen zu lassen. So gewappnet fühlte ich mich besser.
„Und, Mr. Sinclair?“, fragte Mrs. Ahern freundlich, als sie mich aus meinem Zimmer kommen sah. „Was haben Sie sich heute vorgenommen?“
„Ich fahre zu den Seven Churches“, antwortete ich wahrheitsgemäß.
„Oh ja, das lohnt sich auf jeden Fall.“ Dann senkte sie die Stimme und flüsterte: „Ich will ja nicht neugierig sein, aber was war eigentlich heute Nacht los, als Father de Burgh sie geholt hat?“
Ich musste grinsen, sah ihr tief in die Augen und sagte dann mit ernstem Tonfall: „Ich bin sehr froh, dass Sie nicht neugierig sind, Mrs. Ahern. Das schätze ich an einer Pensionswirtin.“
Sie sah mich erwartungsvoll an. Als keine weitere Erklärung folgte, lächelte sie verlegen. Eine leichte Schamröte schoss ihr ins Gesicht.
„Genau“, sagte sie hastig. „Ist ja auch nicht so wichtig. Vielleicht ein anderes Mal.“
Mir war klar, dass dies nur bedeutete, sie würde ihre anderen Informationskanäle auf der Insel nutzen, um es in Erfahrung zu bringen. Wahrscheinlich blieb hier nur selten etwas wirklich geheim. Aber das war mir egal.
„Vielleicht.“
„Dann wünsche ich Ihnen heute viel Spaß, Mr. Sinclair.“
„Danke, Mrs. Ahern.“
Aber ich bezweifelte, dass es das werden würde. Der Anlass war zu finster.
Wir verabschiedeten uns, und ich stieg in de Burghs grünen Mini ein. Der Motor startete sofort, doch das Fahren war im Vergleich zu modernen Autos anstrengender, da der Oldtimer noch nicht über einer Servolenkung verfügte. Trotzdem machte es Spaß, diesen Klassiker zu steuern.
Die Fahrt nach Onaght dauerte länger als in der Nacht, da ich mich an die Geschwindigkeitsbegrenzungen hielt und die engen Landstraßen nicht so gut kannte wie der Priester. Außerdem war jetzt mehr Verkehr, was so viel bedeutete wie, dass mir gelegentlich ein anderes Fahrzeug entgegen kam. Meistens ein Fahrradfahrer und einmal sogar eine alte Kutsche, die aussah wie eine mittelalterliche hölzerne Badewanne und von einem hellbraunen Pferd gezogen wurde.
Der Kutscher, ein älterer Bauer mir sonnengegerbtem Gesicht und einer Schiebermütze aus grau kariertem Tweed auf dem Kopf, winkte mir im Vorbeifahren herzlich zu. Wahrscheinlich hatte er den Gemeindepfarrer erwartet.
Einmal musste ich Anhalten und warten, bis eine Schafherde auf dem Weg zu einer frischen Weide die Straße überquert hatte. Auch der Schäfer grüßte mich freundlich, während seine beiden Bordercollies aufpassten, dass keines der Tiere ausbrach.
„Go raibh míle maith agat!“, rief mir der Mann zu, nachdem die Herde passiert hatte. Das war Gälisch und hieß ganz einfach „vielen Dank“.
Schließlich tauchten die Seven Churches vor mir auf. Ich stellte den Wagen ab, stieg aus und ließ den Blick über die historische Anlage schweifen.
Bei Tageslicht wirkten die Ruinen und Gräber noch beeindruckender als in der Nacht. Einige waren mit einer Moosschicht bedeckt. In meinem Reiseführer hatte ich nachgelesen, dass die altertümliche Klosteranlage im 6. Jahrhundert vom Heiligen Breacán gegründet worden war und im Mittelalter ein bedeutender Pilgerort gewesen war.
Außer mir war nur ein einsames Touristenpärchen unterwegs und durchstreiften die Überreste des Klosters. Dabei blieben sie immer wieder stehen, um mit ihrer kleinen Digitalkamera Fotos zu machen. Beide trugen teure Designerkleidung. Die Frau einen langen Pelzmantel, und am Handgelenk des Mannes, der eine schwarze Lederjacke an hatte, blinkte zwischendurch eine goldene Rolex-Armbanduhr auf. Sie unterhielten sich lautstark auf Russisch.
Von dem schrecklichen Verbrechen der letzten Nacht war praktisch nichts mehr zu erkennen.
Ich ignorierte die beiden und ging direkt zur Kirchenruine von St. Breacán, wo mir der Clurichaun begegnet war. Nachdem ich das leere Kirchenschiff betreten hatte, begann meine Kopfhaut wieder zu prickeln und ein dumpfer Druck machte sich in meiner Magengegend breit.
Wie in der Nacht zuvor konnte ich nichts Verdächtiges entdecken. Trotzdem wich das unbestimmte Gefühl nicht, dass hier etwas nicht stimmte, und in der Regel konnte ich mich auf meinen sechsten Sinn verlassen.
Als ich dann durch das steinerne Tor nach draußen treten wollte, geschah es plötzlich. Es war als liefe ich gegen eine Wand aus Watte. Ein heftiger Windzug schien mir ins Gesicht zu wehen. Einen kurzen Augenblick lang sah ich meine Umgebung verschwommen, so als würde ich mich mit rasender Geschwindigkeit bewegen. Seltsame Lichter in allen nur erdenklichen Farben strömten auf mich ein. Dann stand ich am Rand einer hohen Klippe.
Ich blieb abrupt stehen, sonst wäre ich etwa zwanzig Meter in die Tiefe gestürzt. Unter mir toste das Meer gegen die Felsen, so dass die Gischt mit feinsten Tropften bis zu mir spritzte. Über mir schien die Sonne.
Verwirrt blickte ich mich um. Um mich herum war soweit das Auge reichte eine hügelige Landschaft mit saftigen grünen Wiesen, die fremdartig war und doch stark an Irland erinnerte. Zeichen menschlicher Zivilisation sah ich nirgendwo.
Wo war ich? Irgendwie musste ich in einer anderen Dimension gelandet sein. Das erklärte auch das merkwürdige Gefühl, das ich gehabt hatte. Ich hatte gespürt, dass sich in der Ruine unsere Welt mit einer weiteren überschnitt.
„Willkommen in der Anderswelt“, beantwortete in diesem Augenblick eine weiblich klingende Stimme in meinem Rücken die nicht laut gestellte Frage.
Ich wirbelte herum. Hinter mir stand eine seltsame Gestalt und lächelte mir zu.
Das Wesen war ausgesprochen schön. Das fein geschnittene Gesicht mit den hohen Wangenknochen und vollen Lippen wirkte edel, doch seine olivgrüne Haut war mit kleinsten, schimmernden Schuppen bedeckt, die im Sonnenlicht wie tausende Diamantsplitter glitzerten. Es hatte sich in eine Art bodenlangen Mantel aus dunkelbraunem Seehundfell gehüllt, unter deren Rand breite Füße hervorlugten, die an die Schwimmflossen eines Tauchers erinnerten. Auf dem Kopf trug es eine kleine, spitze Kappe aus roten Federn. Die Hände hatten lange Finger mit Schwimmhäuten in den Zwischenräumen.
Als es sich bewegte, klaffte die Bekleidung kurz, so dass ich einen kurzen Blick auf ebenfalls schuppenbedeckte, üppige Brüste erhaschen konnte, denn das Wesen schien darunter nackt zu sein. Vor mir stand also eine Merrow, eine irische Meeresfee, die das Land unter den Wellen bewohnte.
„Mein Name ist Aoibheann“, sagte sie mit leiser, melodischer Stimme, die klang, als würde sie ein trauriges Lied singen.
„Sei gegrüßt“, entgegnete ich freundlich. „Ich bin John Sinclair. Hast du etwa auf mich gewartet?“
Ich war ein wenig auf der Hut, denn Merrows standen in dem Ruf, Menschen nicht besonders gut gesonnen zu sein, weshalb sie in manchen Gegenden Irlands als Unglücksboten galten. Gleichzeitig kam es der Sage nach jedoch auch vor, dass sie sich Menschen als Liebhaber wählten. Einige bekannte irische Familienclans wie die O’Flahertys oder O’Sullivans aus der Grafschaft Kerry nahmen für sich in Anspruch, auf eine solche Verbindung zurückzuführen zu sein.
„Ich war es, die dir den Zutritt in die Anderswelt ermöglicht hat“, erklärte Aoibheann und lächelte, was ihre Schönheit noch unterstrich.
„Warum?“
„Ich habe dich heute Nacht zufällig beobachtet, als Darragh Gérasaí versucht hat, dich zu töten. Du hast dich ihm widersetzt. Ich glaube, du möchtest und könntest ihn aufhalten.“
Ich runzelte die Stirn. Der Name sagte mir nichts.
„Meinst du den Clurichaun?“, forschte ich.
Die Meeresfrau nickte.
„Darragh ist ein Clurichaun, stimmt. Aber er steht mit dem Teufel im Bund. Und was er vorhat, bedroht das Gleichgewicht der Welten. Sein finsterer Plan muss verhindert werden, sonst wird Schreckliches geschehen. Das Leben vieler steht auf dem Spiel.“
Ihr Gesicht verfinsterte sich bei diesen Worten.
„Ist er selbst ein Dämon?“
„Nein, nur eine verirrte Seele. Aber er ist eine irische Fee. Und der Satan hat ihm gefährliche magische Kräfte verliehen. Darragh zögert nicht sie einzusetzen.“
Wie gefährlich diese waren hatte ich schon am eigenen Leib erfahren.
„Also steht er mit dem Teufel im Bunde?“ Es war mehr eine Feststellung als eine Frage.
„Genau.“
„Was hat er vor?“
„Er will ein Tor zu Hölle öffnen“, antwortete Aoibheann, „so dass Dämonen und andere Geschöpfe der Finsternis in deine und unsere Welt eindringen können.“
Ich staunte immer wieder, wo die Mächte der Finsternis überall Verbündete fanden, um Chaos und Schrecken zu verbreiten. Sie köderten ihre Helfer mit der Aussicht auf Macht und Reichtum.
„Und wie will der Clurichaun das anstellen?“
„Darragh hat drei magische Goldmünzen in seinen Besitz gebracht. Diese hat vor langer Zeit der Satan erschaffen.“
„Die Diabolonen von Sevilla“, murmelte ich.
„Du weißt davon?“
„Nichts Genaues. Ich habe bisher keine Ahnung, was es mit diesen Münzen auf sich hat.“
Ich begann allerdings eine düstere Ahnung zu entwickeln. Und was ich vermutete, war nicht gut.
„Dann hör mir jetzt gut zu, Sterblicher!“, sagte die Merrow mit Nachdruck. Sie ergriff meine Hände, bevor sie weiter sprach. Ihre Haut war kühl und feucht. „Darragh wird mit den Goldmünzen um Mitternacht in Dún Aengus ein schwarzmagisches Ritual vollziehen. Wenn er Erfolg hat, wird sich das Tor öffnen. Dann ist alles zu spät.“
„Kommende Nacht?“
„Wahrscheinlich. Er wird keine Zeit verlieren wollen.“
„Und wie kann ich das verhindern?“
„Indem du ihm zuvorkommst. Wenn nötig, musst du ihn töten. Aber bedenke: Auch, wenn er große Schuld auf sich geladen hat, ist er nicht vollkommen böse. Er hat sich aus Hunger nach Macht auf etwas eingelassen, das er nicht mehr beherrschen kann.“
So war das immer, wenn man mit der Hölle paktiert. Ich hatte keine Ahnung, wie oft ich dies schon im Rahmen meiner Fälle miterlebt hatte.
„Der Teufel betrügt immer“, stellte ich fest. „Doch leider gibt es genügend Dumme, die auf seine Versprechen hereinfallen. Wenn ihnen dann die Rechnung präsentiert wird, ist es meist zu spät. Dann hat er ihre Seelen fest in seinen Krallen.“
„So ist es“, bekräftigte Aoibheann.
Ich überlegte, was ich die Meeresfee noch fragen könnte.
„Was mache ich, wenn er bereits mit der Beschwörung begonnen hat?“
„Dann musst du den Kreis durchbrechen. Vielleicht gelingt es dir ja die Münzen zu zerstören. Das wäre das Beste, damit auch zukünftig keine Gefahr mehr von ihnen ausgeht.“
„Und wie kann man sie vernichten?“
„Das weiß ich auch nicht.“
„Bedauerlich.“
Aoibheann ließ meine Hände los. „Du musst jetzt in deine Welt zurückkehren.“
„Eine Frage hätte ich aber noch“, sagte ich. „Ist diese Welt ein Teil von Aibon, dem Land der grünen Magie?“
„Aibon mit seinen drei Teilen liegt auf der anderen Seite des großen Meeres“, antwortete die Merrow und blickte gedankenverloren zum Horizont. Schließlich ergänzte sie: „Das Feenvolk der Anderswelt hat keinen Anteil am Krieg der Druiden. – Lebe wohl.“
Mit diesen Worten sprang sie leichtfüßig von der Klippe und tauchte kopfüber in die schäumende See ein.
Ich fragte mich, ob ich sie eines Tages wiedersehen würde.
Gleichzeitig hatte ich erneut das Gefühl, als ob mich ein Windstoß mit rasender Geschwindigkeit davon trug. Wieder reiste ich auf magische Weise durch Raum und Zeit. Nur einen Wimpernschlag später stand ich wieder im Eingang zur St. Breacán-Kirche bei den Seven Churches. Das russische Pärchen kam gerade auf mich zu und blieb abrupt stehen. Sie starrten mich an wie eine Erscheinung. Aus ihrem Blickwinkel musste ich förmlich aus dem Nichts materialisiert sein. Die Überraschung darüber stand ihnen ins Gesicht geschrieben.
„Woher du kommen?“, fragte der Mann mit nicht überhörbarem slawischem Akzent. Er war fast so groß wie ich, aber deutlich schwerer.
„Aus dem Reich der Feen“, antwortete ich lapidar. „Do Svidaniya.“
Damit marschierte ich schnurstracks an den beiden vorbei in Richtung Parkplatz, ohne sie eines weiteren Blickes zu würdigen. Ich hörte jedoch, wie sie aufgeregt in ihrer Muttersprache diskutierten.
Doch das interessierte mich nicht. Ich wusste, was zu tun war. Nur leider noch nicht wie...



Logan de Burgh starrte mich aufgeregt an, nachdem ich ihm von meiner Begegnung mit Aoibheann erzählt hatte. Es war inzwischen Nachmittag, und wir saßen wieder in seinem Arbeitszimmer. Der Computer war immer noch eingeschaltet.
Seine Haushälterin hatte mich herein gelassen. Eine ältere, hagere Dame, die ihre grauen Haare zum Dutt zusammengebunden hatte und sich als Mrs. Kavanagh vorstellte.
„Sie waren wirklich in der Anderswelt und haben mit einer Merrow gesprochen?“, rief er aus. „Wissen Sie wie außergewöhnlich das ist? Es ist eine große Ehre, wenn Feen einem Zutritt zu ihrem Reich gestatten. Ich wünschte, ich wäre dabei gewesen.“
„Wenigstens wissen wir jetzt, was der Clurichaun mit den Diabolonen vorhat“, sagte ich. „Und ich werde versuchen, es zu verhindern.“
Der Priester nickte heftig.
„Ihre Informationen von der Meeresfee decken sich mit dem, was ich inzwischen im Geheimarchiv in Erfahrung bringen konnte. Die Münzen können ein transzendentales Portal in die Welt der Dämonen öffnen.“
Er deutete mit der Hand auf ein in Lateinisch verfasstes Dokument auf dem Computermonitor, das er wohl zuletzt studiert hatte.
„Werden Sie mir helfen?“, wollte ich wissen.
„Ich werde alles tun, was in meiner Macht steht“, sagte de Burgh feierlich. „Haben Sie schon einen Plan?“
Ich hob ratlos die Schultern. Einen konkreten Schlachtplan hatte ich nämlich noch nicht ausgearbeitet. Nur die Richtung war klar.
„Zunächst einmal werde ich versuchen, von Scotland Yard Verstärkung anzufordern“, erklärte ich ihm letztlich. „Die örtliche Polizei dürfte leider keine wirkliche Hilfe sein. Ansonsten denke ich, sollten wir vor dem Clurichaun in Dún Aengus sein. Ich schätze, die Öffnung des Dimensionentors wird ein kompliziertes, schwarzmagisches Ritual beinhalten. Am besten würden wir ihm zuvor kommen.“
„Wann soll die Beschwörung stattfinden?“
„Aoibheann sagte, um Mitternacht.“
„Dann sollten wir spätestens gegen 23:00 Uhr beim Fort sein. Wir wissen nicht, wie der Kobold dorthin gelangt, aber ich vermute, dass es auch dort eine Verbindung zur Anderswelt gibt, durch die er kommen wird.“
„Da könnten Sie Recht haben.“
„Leider gibt es dort kaum Verstecke. Wir können nur hoffen, dass wir nicht entdeckt werden.“
„Wir wissen jetzt, dass der Clurichaun Darragh Gérasaí heißt. Meinen Sie, dass uns das weiter hilft?“
„Es ist immer von Vorteil, den Namen seines Feindes zu kennen“, erklärte de Burgh. „Denken Sie nur an das Märchen Rumpelstilzchen. Mit dem Namen hat man ein Stück Macht über eine Person.“
Da stimmte ich ihm zu.
„Wenn der Satan hier seine Hände im Spiel hat, dann haben wir einen übermächtigen Gegner“, grübelte ich.
„Aber Sie haben ihm schon oft ein Schnäppchen geschlagen“, meinte de Burgh zuversichtlich. „Und es ist fraglich, ob er persönlich eingreifen wird.“
Da hatte der Priester natürlich Recht.
„Kann ich Ihr Telefon benutzen?“, fragte ich schließlich.
„Natürlich.“
Neben dem Desktop-Computer stand ein moderner Festnetzapparat mit integriertem Anrufbeantworter. Ich hob den Hörer ab, lauschte dem Freizeichen und wähle die Nummer meines Büros. Es klingelte eine kleine Ewigkeit, bis Glenda Perkins abnahm. Sie schien ein wenig außer Atem zu sein.
„Entschuldigung, John“, hauchte sie. „Ich war kurz zum Rapport beim Chef.“
„Gibt es etwas Besonderes?“, erkundigte ich mich.
„Suko und Bill sind auf dem Weg nach Wales. Auf einem Friedhof in Cardiff gibt es Hinweise auf Ghoulaktivitäten. Sie wollen der Sache auf den Grund gehen.“
„Okay. Dann hat sich mein Anruf erübrigt.“
„Wieso?“
„Eigentlich wollte ich Suko bitten, möglichst schnell hierher zu kommen. Ich könnte ihn wahrscheinlich gut brauchen.“
Ich berichtete ihr kurz über die neusten Entwicklungen in meinem Urlaubsfall.
„Das klingt gar nicht gut. Soll ich Suko und Bill zurückbeordern?“, fragte Glenda besorgt.
Ich überlegte kurz, entschied mich jedoch spontan dagegen.
„Nein. Die Sache mit den Ghouls geht vor.“
„Bist du sicher?“
„Ja, bin ich. Ich denke, ich komme hier auch allein zurecht.“
„Na gut.“
Man merkte, dass Glenda nicht überzeugt war.
Hätte ich zu dem Zeitpunkt geahnt, dass sich der Waliser Fall im Nachhinein als falscher Alarm herausstellen würde, dann wäre meine Entscheidung sicherlich anders ausgefallen. Aber so verabschiedete ich mich von Glenda, legte auf und sagte an de Burgh gewandt: „Aus unserer Verstärkung wird leider nichts. Meine Kollegen sind anderweitig beschäftigt.“
Also verabredeten Logan de Burgh und ich uns für 22:00 Uhr am Pfarrhaus. Ich empfahl dem Priester, eine Bibel, ein Kruzifix und Weihwasser als Waffen mitzunehmen. Er war sofort einverstanden.
„Ich werde mir von einem meiner Messdiener so eine Wasserpistole ausleihen, die mit Hochdruck schießt“, grinste er. „Damit kann ich das Weihwasser bestimmt zwanzig Meter weit spritzen.“
Ich musste lachen, obwohl die Situation ernst war. Aber die Vorstellung war einfach zu komisch. Mit einer Super Soaker zum Showdown gegen die Mächte der Finsternis...



Dún Aengus.
Das bronzezeitliche Fort war fast 3000 Jahre alt und lag auf der Südwestseite von Inishmore direkt am Rand der Steilküste. Es war einer der höchsten Punkte der Insel. Fast 100 Meter ging es von der Kante der Klippe nahezu senkrecht hinab. Unten brandete das Meer mit einem monotonen Rauschen unablässig gegen die Felsen, welche die anrollenden Wellen brachen, so dass das Wasser weiß schäumte und feinste Gischt hoch in die Luft geschleudert wurde.
Von der Anhöhe, auf der das Fort lag, hatte man einen spektakulären Blick über die gesamte Insel und auf den Atlantik.
Die steinerne Festung hatte beeindruckende Ausmaße. Insgesamt vier aus Naturstein zusammengefügte Wälle bildeten konzentrische, terrassenförmig ansteigende Halbkreise, deren Mauern bis zu vier Meter dick und sechs Meter hoch waren. Zwischen dem dritten und vierten Ring hatte man als zusätzliche Barriere tausende spitze Steine eng nebeneinander in den Boden gerammt, das sogenannte Chevaux de Frise. Die äußerste Mauer umschloss ein Gelände von sechs Hektaren.
Es war die die Menschen vorchristlicher Zeit eine enorme Leistung gewesen, das Bauwerk aus tausenden Steinquadern zu errichten. Erst im Mittelalter war die Anlage von den Herrschern der Insel aufgegeben worden.
Ursprünglich war das Fort einmal oval oder D-förmig gewesen. Doch ein Teil war über die Jahrhunderte durch Erosion in die tosende See gestürzt. Auch die Mauern waren unterschiedlich gut erhalten.
Der Kern der Anlage, die sogenannte Zitadelle, hatte einen Durchmesser von 45 Metern. In seiner Mitte, unmittelbar vor dem Abgrund befand sich eine rechteckige steinerne Plattform, welche zur Zeit der Druiden als Kultstätte gedient hatte. Denn obwohl Dún Aengus eine Verteidigungsanlage gewesen war, hatte seine Funktion vor allem einen religiösen Hintergrund gehabt.
Sein Name stammte vom keltischen Gott der Liebe und Jugend Aonghus.
Tagsüber wimmelte es hier von Touristen — vor allem im Sommer. Nicht alle wagten sich an den ungesicherten Rand der Klippe, was auch nicht ganz ungefährlich war. Man müsste schon schwindelfrei sein. Manche robbten bäuchlings an den Abgrund heran, um in der Tiefe die Brandung zu beobachten.
Vom höchsten Punkt der Festung hatte man zudem eine herrliche Aussicht über die Insel mit ihren tausenden Steinwällen, welche die Felder teilten und vor Erosion schützen sollten. Wie eine Steinwüste lag Inishmore dann unter einem. Bäume gab es nur wenige. Dazu war der Boden zu karg und die Seeluft zu salzig.
Abends leerte sich dann der Ort und war spätestens nach Sonnenuntergang verlassen und gespenstisch.
Hier sollte sich das Drama abspielen.
Es war eine düstere Nacht. Der Himmel war wolkenverhangen. Nur ab und zu schaffte es der Wind eine kleine Lücke in die dichte Wolkendecke zu reißen, durch die dann kurz der Mond schimmerte und die raue Landschaft für einen Augenblick in fahles Licht tauchte.
Der Clurichaun hatte Dún Aengus aus mehreren Gründen für sein Vorhaben gewählt. Zum einen kam ihm die keltische Geschichte des Forts mit seinen von Druiden verübten Menschenopfern entgegen. Sie verliehen der steinernen Plattform in der Mitte der Zitadelle eine düstere Aura.
Zum anderen war Grenze zwischen der Anderswelt und der Dimension der Menschen an diesem Ort nur dünn. Trotzdem konnten nur Eingeweihte oder Feen sie überschreiten. Mitten in der Zitadelle tauchte also scheinbar aus dem Nichts seine kleine Gestalt auf. Er trug einen ledernen Rucksack auf dem Rücken, aus dem mehrere Pechfackeln lugten, und hatte zusätzlich einen leinenen Sack geschultert, in dem es sich bewegte und aufgeregt gackerte.
Der Clurichaun schaute sich vorsichtig um. Nichts rührte sich im Fort. Ein zufriedenes Grinsen huschte über sein zerfurchtes Gesicht. Er konnte mit der Umsetzung seines finsteren Plans beginnen.
Aus dem Jutesack zog er ein lebendes Huhn, das ängstlich erregt flatterte. Doch der Kobold hielt das Tier an seinen Flügeln fest im Griff. Dann nahm er einen scharfen Dolch von seinem Gürtel und durchtrennte dem Vogel, ohne mit der Wimper zu zucken, mit einem gezielten Schnitt die Kehle.
Das tote Huhn zuckte und flatterte noch, während er das ausströmende Blut in einer tönernen Schale auffing. Sobald es ausgeblutet war, warf er den leblosen Körper achtlos bei Seite. Danach holte er ein zweites Huhn aus dem Sack und wiederholte den Vorgang.
Nun konnte es bald losgehen.
Nachdem er an den Ecken jeweils eine der mit Pech getränkten Fackeln aufgestellt und entzündet hatte, kletterte der Clurichaun behände auf das rechteckige Steinpodium und begann mit seinen Vorbereitungen.
Er zeichnete mit dem Blut der getöteten Hühner zwei konzentrische Kreise auf den steinernen Boden des Podestes und in deren Inneres ein Pentagramm. Drumherum schrieb er ebenfalls mit Blut an jede Spitze des fünfzackigen Sterns in geheimnisvollen Runen jeweils einen der vielen Namen des Teufels: Asmodis, Luzifer, Baphomet, Mephistopheles und Beelzebub.
Hinzu kamen noch die astrologischen Symbole der zwölf Tierkreises, welche in den Raum zwischen den beiden Kreisen ringsum verteilt wurden. Zum dazu gehörigen Namen legte er sodann jeweils die passende Diabolone mit der Zahl 6 nach oben, so dass die Goldmünzen ein Dreieck bildeten.
Zufrieden begutachte sein Werk. Nichts fehlte mehr für das bevorstehende Ritual.
Dann entkleidete er sich. Auch sein Körper war über und über mit magischen Runen bedeckt. In der kalten Oktobernacht bildete sich sofort Gänsehaut auf seinen Armen und Beinen.
Als er mit diesen Vorkehrungen fertig war, betrat der Kobold nackt die Mitte des Kreises, breitete die Arme mit den Handflächen gegen den Himmel gerichtet aus und begann zu murmeln.
Kehlige, abgehackt klingende Laute in einer Sprache, die normalerweise kein Mensch auf der Erde redete, drangen heiser aus seinem Mund. Es hörte sich an, als würde ein Raubtier versuchen zu sprechen. Doch es waren finstere Beschwörungen im uralten Idiom der schwarzen Magie.
Nur wenige Eingeweihte konnten die Worte verstehen, doch sie drangen vor bis in dunkle Dimensionen, wo sie Dämonen bis ins Mark trafen und anlockten.
Minuten verstrichen. Der Clurichaun konzentrierte sich voll auf sein unheilvolles Werk und hatte seine Umgebung vollkommen vergessen. Noch immer rezitierte er seine magischen Beschwörungsformeln, immer und immer wieder.
Mitternacht rückte näher, die Zeit der Hexen, Dämonen und Untoten.
Die Zaubersprüche kosteten ihn enorm viel Kraft. Der Kobold war trotz der Kälte schon bald in Schweiß gebadet. Er spürte, dass der Moment nahte, in dem sich das Tor zur Hölle öffnen würde. Eine ungeheure Erregung packte ihn.
Es hatte zu regnen begonnen, aber das bemerkte der Kobold nicht einmal.
Nur noch wenige Augenblicke bis zur Geisterstunde.
Zuerst begannen die drei Diabolonen zu glühen. Dann flammte der blutrote Kreis plötzlich auf. Kaltes, grünes Feuer umgab den Clurichaun und ließ unheimliche Schatten auf seinem blassen, schweißglitzernden Gesicht und nackten Körper tanzen.
Jetzt war es endlich soweit. Auf diesen Moment hatte er all die Zeit zu gearbeitet.
Wie von einem Stromstoß getroffen zuckte es durch seinen kleinen Körper. Er riss die Augen auf, welche nun unnatürlich rot leuchteten. Seine Haare hatten sich wie statisch aufgeladen aufgerichtet. Die ganze Szene war gespenstisch und unheimlich.
„Asmodis, mein Gebieter!“, brüllte er. „Komm herbei!“
Mit diesen Worten brach der Kobold wie vom Schlag getroffen zusammen und wand sich schlotternd am Boden.
Ein Flimmern erschien über ihm in der Luft, darin ein leuchtend heller, grüner Punkt, aus dem plötzlich wie bei einer elektrischen Entladung Blitze in alle Richtungen zuckten. Die Luft knisterte.
Kurz darauf begannen sich die Blitzstrahlen erst langsam, dann immer schneller gegen den Uhrzeigersinn zu drehen, bis eine helle Spirale entstand.
Das Strahlen wurde innerhalb von Sekunden stärker. Sein Schein spiegelte sich auf dem verzerrten Gesicht des Kobolds wieder. Dann begann die leuchtende Spirale sich auszudehnen.
Ein eiskalter Windhauch fegte über die Plattform und löschte fast die Fackeln.
Der Clurichaun schrie schmerzerfüllt auf, als die Lichtblitze ihn berührten.
„Nein“, kreischte er. „Aaaarrrgh...“
Es war ein Schrei, der durch Mark und Bein fuhr und in einem Gurgeln unterging.
Der grüne Lichtpunkt begann sich in dem Maß zu weiten, wie der Flammenkreis kleiner wurde, bis zum Schluss nur noch die Goldmünzen glommen. In seiner Mitte entstand ein finsteres Loch, das dunkler und tiefer war als alles andere.
Eine Öffnung in Raum und Zeit...



Wir kamen zu spät.
Wie geplant hatten wir uns gegen 22:00 Uhr am Pfarrhaus getroffen und waren kurze Zeit später in Richtung Dún Aengus aufgebrochen.
Draußen trieb der Wind dunkle, wie bedrohliche Ungeheuer wirkende Wolke am samtschwarzen Himmel zusammen.
Auf halber Strecke zwischen Kilronan und Dún Aengus begann der Motor von Logan de Burghs Mini Cooper dann plötzlich zu stottern, und das Auto verlor rasch an Geschwindigkeit. Nach einer laut krachenden Fehlzündung quoll plötzlich schwarzer Rauch unter der Motorhaube hervor, so dass de Burgh sofort vom Gas ging. Er ließ den Wagen ausrollen und stellte ihn auf dem schmalen, mit Gras bewachsenen Seitenstreifen der Landstraße ab und löschte den Motor.
„Scheiße!“, platzte es dem Priester heraus. Er war wieder in Zivil gekleidet wie schon die Nacht zuvor. „Oh, entschuldigen Sie bitte meine Ausdrucksweise.“
„Kein Problem“, grinste ich. „Was wahr ist, muss wahr bleiben.“
Wir befanden uns auf der Cottage Road und hatten vor etwa einer Minute einen kleinen Ort mit dem Namen Oatquarter passiert, der in völliger Dunkelheit gelegen hatte. Draußen trieb der Seewind wieder graue Herbstnebelschwaden vor sich her.
Nachdem er die Warnblinkanlage angeschaltet hatte, lieh de Burgh sich meine kleine Taschenlampe, stieg aus und öffnete die Motorhaube und leuchtete hinein.
Ich kurbelte das Seitenfenster hinunter und fragte: „Was ist los?“
Der Monsignore starrte im Schein der Taschenlampe entnervt in den Motorraum. Überall war Öl und es qualmte immer noch so stark, dass er husten musste.
„Ich fürchte, da ist die Zylinderkopfdichtung geplatzt“, antwortete er frustriert. „Ausgerechnet jetzt. Damit kommen wir nicht weiter. Der Wagen muss in die Werkstatt.“
Ich warf einen Blick auf meine Armbanduhr. Es war kurz vor 23:00 Uhr.
„Wie weit ist es noch bis Dún Aengus?“
„Noch gut drei Kilometer bis zum Besucherzentrum“, schätzte de Burgh. „Und von dort ist ein Fußmarsch von einem Kilometer über ziemlich unwegsames, steiniges Gelände bis zum Fort.“
„Mist. – Dann sollten wir uns beeilen.“
Ich holte mein Smartphone aus der Jackentasche und aktivierte das Display. In der linken oberen Ecke standen einmal mehr die Worte „kein Netz“. Verärgert warf ich das nutzlose Ding auf den Rücksitz.
„Haben Sie Empfang?“, erkundigte ich mich. „Damit wir vielleicht jemanden anrufen können, der uns rasch einsammelt und nach Dún Aengus bringt?“
De Burgh überprüfte sein Handy.
„Nein, keine Chance.“
„Dann haben wir wohl keine andere Wahl, als zu laufen.“
Ich kletterte aus dem kleinen Auto, während der Monsignore einen Rucksack aus dem Kofferraum holte. Darin befanden sich die Bibel und eine futuristisch aussehende Wasserpistole, die mit Weihwasser gefüllt war und die man aufpumpen könnte, so dass sie unter Druck stand.
Dann machten wir uns auf den Weg. Mit zügigen Schritten marschierten wir die verlassene Landstraße entlang, bis wir nach etwa einem Kilometer kurz vor der Küste rechts abbogen. Nur etwa dreihundert Meter weiter gabelte sich die Straße. De Burgh nahm ohne zu zögern die linke Abzweigung, ich folgte ihm.
In Höhe des Örtchens Meenabool zeigte dann ein Wegweiser links nach Dún Aengus. Ich erinnerte mich an die Stelle von der Fahrt nach Onaght. Von dort waren es noch etwa 800 Meter.
Kurz hinter dem Weiler Kilmurvey, das eine Ansammlung von Souvenirläden und kleinen Geschäften mit irischer Handwerkskunst mehr oder weniger ausschließlich für Touristen zu sein schien, tauchte schließlich auf der rechten Seite der Straße das Dún Aengus Besucherzentrum auf.
Ich warf einen Blick auf die Leuchtziffern meiner Armbanduhr. Die Autopanne hatte uns etwa eine dreiviertel Stunde Zeit gekostet.
Wir überquerten den Parkplatz und umrundeten das Museum. Dahinter begann der Fußweg zum Fort. Mit einem Geländewagen hätte man die Strecke vielleicht befahren können. Doch den hatten wir leider nicht.
Es hatte einmal mehr angefangen zu nieseln, so dass wir langsam nass wurden.
An Natursteinmauern vorbei ging es einen felsigen, unebenen Weg steil hinauf zur Festung. Ich war froh, festes Schuhwerk angezogen zu haben. Ich hielt den schmalen Strahl meiner Taschenlampe zur Orientierung auf den Boden gerichtet und hoffte, dass uns das Licht nicht verraten würde. Doch die Nacht war bei bedecktem Himmel so dunkel, dass wir sonst keine Chance gehabt hätten, uns zu orientieren.
Trotzdem wäre ich einmal fast auf einem aus der Erde ragenden Steinbrocken ausgerutscht. Im letzten Moment konnte ich mich fangen, knickte aber schmerzhaft mit dem linken Sprunggelenk um, weshalb ich die nächsten fünfzig Meter humpelte. Dann ging es glücklicherweise wieder besser.
Der Aufstieg zur Steilküste war mühselig. Je näher wir kamen, umso deutlicher wurde das Rauschen des Meeren, das sich an den Klippen brach. Da wir unser strammes Marschtempo beibehielten, gerieten wir beide leicht außer Atem. Zum Glück hatten wir beide eine gute Kondition.
„Wie weit ist es noch?“, fragte ich.
„Noch etwa 500 Meter“, antwortete mein Begleiter.
„Na, dann...“
Als wir uns Dún Aengus weiter näherten, sahen wir plötzlich ein flackerndes grünes Licht, das aus der Zitadelle zu kommen schien und den Himmel über dem steinernen Fort unnatürlich erleuchtete.
Meine innere Anspannung stieg.
Offensichtlich hatte das Ritual bereits begonnen. Nun war Eile geboten. Wir beschleunigten sofort unsere Schritte. Im Laufschritt nahmen wir die letzten hundert Meter.
„Hoffentlich kommen wir nicht zu spät“, keuchte ich im Rennen.
„Gott wird uns unterstützen“, entgegnete de Burgh zuversichtlich. Er war genauso außer Puste wie ich.
Schon hatten wir den äußeren Ringwall erreicht, eine hohe und breite Mauer aus grauen Steinquadern. Dahinter begann das unübersichtliche Feld mit dem etwa zwanzig Meter breiten Chevaux de Frise. Wir mussten unser Tempo drosseln. Während wir uns in der Dämmerung zwischen den als Barriere in den Boden eingelassenen Blöcken hindurchschlängelten, mussten wie höllisch aufpassen, nicht wieder zu stolpern.
Das Positive daran war, dass wir wieder zu Atem kamen.
Dann hatten wir den nächsten Wall erreicht, welcher ähnlich beeindruckende Ausmaße hatte wie der äußere vierte.
Von dort führte durch eine breite Lücke in der Mauer ein gerader Weg direkt zum Tor des zweiten Ringwalls auf die Zitadelle zu. Leider konnten wir noch nicht erkennen, was sich im Inneren abspielte.
Nachdem wir auch diesen passiert hatten, zückten wir unsere Waffen. Seinen Rucksack ließ de Burgh zurück, da er ihn nur behindert hätte. Der Priester bewegte sich mit der Geschmeidigkeit einer Katze.
In der rechten Hand hielt ich meine entsicherte Beretta, welche sich kühl und beruhigend anfühlte, in der linken das silberne Kreuz. Die Taschenlampe hatte ich weggesteckt. Wir brauchten sie jetzt nicht mehr.
De Burgh hatte seinen Rosenkranz so um seine linke Faust gewickelt, dass das kleine Kruzifix daran gut sichtbar war, und hielt mit beiden Händen die aufgepumpte, schussbereite Wasserkanone. So pirschten wir uns weiter heran.
„Gleich haben wir es geschafft“, flüsterte de Burgh.
Aus der Zitadelle fiel ein flackernder Lichtschein wie von einem Feuer, der sich mit einem unheimlichen grünen Leuchten vermischte. Die Luft wirkte auf einmal wie elektrisch geladen.
Jemand brüllte inbrünstig: „Asmodis, mein Gebieter, komm herbei!“
Wir mussten uns beeilen.
Als wir uns dem Eingang zum Inneren des Forts rasch näherten, machte ich dem ehemaligen Inquisitor ein Zeichen, dass er den Durchgang von rechts durchqueren sollte, während ich von der linken Seite kommen wollte.
De Burgh nickte und machte stumm ein Okay-Zeichen. Er hatte verstanden, was ich von ihm erwartete. Mit dem Rücken pressten wir uns jeweils seitlich neben dem Tor gegen die kühle, raue Steinmauer. Ich versuchte vorsichtig einen Blick in das Innere zu werfen.
Doch in diesem Augenblick ertönte ein markerschütternder Schmerzensschrei.
„Aaaarrrgh...!“
Ich warf alle Vorsicht über Bord.
„Jetzt!“, befahl ich laut.
Wir wirbelten herum und sprangen mit zwei Sätzen ins Zentrum des Forts. Was wir sahen, ließ uns den Atem stocken...



In einer anderen Dimension triumphierte Asmodis. Es war vollbracht.
Nicht nur, dass die Diabolonen endlich wieder in seinem Besitz sein würden, sondern das Tor zur Hölle war bereits geöffnet worden. Bald würde die Verbindung zwischen den Dimensionen so stabil und groß sein, dass er seine dämonischen Heerscharen in die Welt der Menschen schicken konnte, um sie zu unterjochen. Ein weiterer Baustein in seinem ausgeklügelten Schlachtplan.
Ein höllisches Gelächter entrann seiner Kehle.
Er beschloss, als erster einen Blick durch das wiedererstandene Loch zu werfen.
Er sprach eine magische Formel. Direkt vor ihm flimmerte die Luft. Wie durch ein Fenster könnte er nun durch das Höllentor sehen.
Doch was er dort sah, ließ die Wut in ihm hochkochen. Sein ärgster Feind war da, der ihm schon so viele Niederlagen beigebracht und zahllose seiner Untertanen vernichtet hatte.
John Sinclair.
Aber heute nicht. Der Geisterjäger durfte das Projekt nicht gefährden. Deshalb würde er ihn persönlich töten.
Asmodis machte sich auf, durch das Tor zu treten...



Die steinerne Plattform, welche in der Mitte der Zitadelle direkt am Rand der Klippe lag, wurde von vier im Wind flackernden Pechfackeln erleuchtet. Dort lag im Inneren eines magischen Kreises zusammengekrümmt die scheinbar leblose, unbekleidete Gestalt des Clurichauns.
Direkt über dem Kobold klaffte ein tiefschwarzes Loch von vielleicht einem Metern Durchmesser in der Luft, welches von einem rotierenden Kranz aus grünlichen Energieblitzen umgeben war. Ich hatte den Eindruck, dass es sich langsam ausdehnte und somit größer wurde.
Das Loch war jedoch nicht flach wie eine Scheibe, sondern dreidimensional wie eine Kugel. Nur, dass dieses sphärische Objekt nicht solide war. Da klaffte einfach ein Nichts, das alles Licht zu verschlucken schien und mit dem menschlichen Verstand nicht begreifbar war.
„Ach du Scheiße!“, entfuhr es mir.
De Burgh bekreuzigte sich wie in Trance und begann leise zu beten. Mechanisch murmelte er das Vaterunser. Er hielt seine Super Soaker Kanone so fest umklammert, dass die Knöchel weiß hervortraten.
Der Clurichaun hatte es also tatsächlich geschafft, das Dimensionentor zu öffnen.
Ich merkte, wie sich das Kreuz in meiner linken Hand langsam erwärmte. Es spürte die Nähe der schwarzen Magie und reagierte sofort. Mir war klar, dass ich irgendwie versuchen musste, das Tor wieder zu schließen, bevor die Kreaturen der Hölle in unsere Welt eindrangen. Koste es, was es wolle.
Mir war eiskalt.
Eine Aura des Bösen ging von dem Objekt aus, die fast greifbar war und ein Gefühl unsäglicher Angst in meiner Magengegend verursachte. Ich war wie gelähmt.
Ich musste mich förmlich zwingen, weiter zu gehen. Jede kleinste Bewegung kostete eine enorme Willens- und Kraftanstrengung. Denn mit jedem Schritt wurde der körperlich spürbare Horror größer.
De Burgh hingegen blieb wie angewurzelt stehen. Starr vor Schreck, scheinbar unfähig sich zu rühren stand er da.
Ich wandte ihm mein Gesicht zu und rief: „Father, kommen Sie!“
Der Monsignore sah mich einen Moment lang verständnislos an. Dann schüttelte er sich, nickte langsam und setzte sich schleichend in Gang.
Als ich schließlich näher kam, erkannte ich das mit Blut auf den steinigen Boden gezeichnete Pentagramm. An drei Spitzen des fünfzackigen Sterns blinkte etwas im Fackelschein auf. Die Diabolonen, von welchen ein eigenes schwaches Glimmen auszugehen schien. Ab und zu zuckten grüne Blitze wie eine elektrische Entladung vom Rand des Höllentors zu den teuflischen Goldmünzen. Jedes Mal wenn dies geschah, schien mir das schwebende Loch im Raum-Zeit-Kontinuum weiter zu expandieren.
Nun verlor Logan de Burgh die Nerven.
„Nimm das im Namen der Heiligen Römisch-katholischen Kirche!“, rief er und riss die Wasserpistole hoch. Er zielte kurz und drückte ab.
Ein kleinfingerdicker Strahl Weihwasser schoss durch die Luft und auf das magische Tor zu. Noch bevor das Wasser es erreichte, verdampfte es scheinbar wirkungslos zu einem Wölkchen, das sich rasch auflöste.
Der Geistliche schrie verärgert auf und jagte einen zweiten Strahl hinterher, welcher jedoch genauso verpuffte.
„Lassen Sie’s gut sein!“, versuchte ich meinen Begleiter zu beruhigen. „Das bringt nichts. Vielleicht werden wir das Weihwasser noch brauchen.“
De Burgh stimmte widerwillig zu. Doch irgendetwas hatte sich auch getan. Wir könnten uns wieder frei bewegen, als wäre ein Bann gebrochen.
In diesem Moment begann der nackte Clurichaun sich zu regen. Er stützte sich auf seine Arme, brachte die Füße unter seinen Körper und rappelte sich hoch. Als er sich noch etwas unsicher auf den Beinen gemächlich zu uns umdrehte, sah ich seine Augen unnatürlich rot schimmern. Anders als bei unserer ersten Begegnung war er nun ein von dunklen Mächten Besessener.
Ich richtete sofort meine Pistole auf ihn. Wir standen jetzt kurz vor der Steinplattform.
Der Kobold erkannte mich und verzog verächtlich das Gesicht. Er schien auch vor unseren Kruzifixen keine Furcht zu haben.
„Du schon wieder“, fauchte er. „Ich dachte, ich hätte dich getötet. Steck deine lächerliche Waffe weg. Damit kannst du mich jetzt nicht mehr verletzen. Dank Asmodis bin ich unsterblich geworden.“
Der Name dieses mächtigen Erzfeindes verursachte bei mir schlagartig eine Gänsehaut. Doch ich ließ mir nichts anmerken.
„Schon viele haben geglaubt, sie hätten mich erledigt“, entgegnete ich äußerlich ruhig. „Doch bisher hat es noch keiner geschafft. Aber diese Waffe ist mit geweihten Silberkugeln geladen. Damit kann ich auch Dämonen und Untote vernichten.“
Durch meinen Kopf rasten Gedanken, Fragen und Vermutungen. Was hatte es zu bedeuten, dass Asmodis seine Finger im Spiel hatte? Was hatte er vor? Wie wollte er das Höllentor nutzen? Ging der Angriff gegen mich? War es etwa kein Zufall, dass dies alles zu einem Zeitpunkt geschah, wo ich auf Inishmore war? Also eine Falle? Oder wollte Asmodis auch die Anderswelt unterjochen?
Fragen über Fragen. Ich hätte sie gerne dem Kobold gestellt, sofern ich dazu die Gelegenheit bekam. Die Zeit drängte.
Auch de Burgh zielte nun mit seiner Super Soaker auf den Clurichaun.
Einen Augenblick lang glaubte ich, dass bei meinen letzten Worten sein Blick ängstlich flackerte. Doch dann grinste er überheblich und spuckte vor uns aus.
„Ihr kommt sowieso zu spät“, brüllte er. „Es ist vollbracht. Nun werde ich der Mächtigste im Feenreich sein. Und eure Welt, so wie ihr sie kennt, wird zerstört.“
„Das werde ich nicht zulassen“, sagte ich bestimmt.
Da mischte sich der Monsignore ein. Beschwichtigend versuchte er, auf den Gnom einzureden.
„Darragh“, sprach er ihn direkt an. „Darragh Gérasaí, kehre um! Für deine Seele ist es noch nicht zu spät. Du kannst sie dem Teufel noch entreißen. Aber du musst bereuen. Gott verzeiht.“
Der Clurichaun sah verblüfft abwechselnd zu de Burgh und mir. Seine Gesichtszüge entspannten sich. Seine Schultern waren zusammengesunken. Das rote Leuchten in seinen Augen wurde schwächer. Er wirkte fast bemitleidenswert.
„Wo...woher wisst ihr, wer ich bin?“, stammelte er.
„Eine Merrow hat es uns verraten“, antwortete ich. „Du siehst, dein Handeln ist auch in der Anderswelt nicht unbemerkt geblieben.“
„Wie war Ihr Name?“
„Aoibheann.“
„Aoibheann“, wiederholte Darragh Gérasaí leise und fast ehrfürchtig.
Kannte er die Meeresfee?
„Sie hat mir auch geraten, dich nicht zu töten, wenn es möglich ist.“
„Bereue!“, wiederholte de Burgh eindringlich. „Sprich dich frei vom Einfluss des Satans!“
Ich konnte sehen, welcher Kampf im Inneren des Kobolds tobte. Das Gute in ihm rang verzweifelt mit dem Bösen. Tränen liefen plötzlich über sein gepeinigtes Gesicht. Ich ließ den Lauf meiner immer noch auf ihn gerichtete Beretta automatisch leicht sinken.
Möglicherweise war dies ein Fehler gewesen. Denn als der Clurichaun sah, dass er nicht mehr direkt bedroht wurde, straffte sich sein Körper und das rötliche Leuchten in seinen Augen nahm wieder zu. Hass kehrte in seine Gesichtszüge zurück.
Dann ging alles ganz schnell.
„Niemals!“, brüllte der Clurichaun, bleckte die Zähne und sprintete los. So kam er auf mich zu gehastet.
An der Kante des Podestes wollte er sich mit einem Satz auf mich stürzen. Wie eine Raubkatze flog er mit vorgestreckten Krallen durch die Luft. Doch ich riss blitzschnell die Pistole hoch. Zielen und Abdrücken war durch tausendfaches Training eine Bewegung. Der Schuss löste sich krachend.
Die Silberkugel traf den Kobold im Sprung. Sein Gesicht bekam einen überraschten Ausdruck. Die Wucht des Einschlags riss ihn herum. Er schrie auf und prallte dumpf auf den harten Steinboden, wo er liegen blieb. Seine Füße zuckten noch kurz krampfhaft. Dann rührte er sich nicht mehr.
Jetzt tat er mir sogar leid. Er hatte sich mit dem Satan eingelassen und dafür bezahlen müssen. Es hätte nicht so enden müssen, wenn er sich nicht für die Seite des Bösen entschieden hätte.
Ein lauter Zuruf riss mich aus meinen Gedanken.
„Mr. Sinclair!“, warnte Logan de Burgh erregt. „Da tut sich was.“
Ich blickte auf.
Durch die Auseinandersetzung mit dem Clurichaun hatten wir das Dimensionentor kurz vernachlässigt. Es war inzwischen fast doppelt so groß geworden.
In der Schwärze des Lochs flimmerte es. Bunte Schlieren zeichneten sich ab. Dann schälte sich eine Gestalt aus der den Naturgesetzen widersprechenden Öffnung. Erst undeutlich, dann immer klarer. Ein gehörnter Kopf mit einem brutalen, dreieckigen Gesicht und hervorstehenden Hauern, umrahmt von einem Flammenkranz. Es roch penetrant nach Schwefel.
„Heilige Maria, Mutter Gottes“, flehte der Priester mit vor Schreck geweiteten Augen, „hilf uns in der Not!“
Meine schlimmsten Befürchtungen wurden wahr. Asmodis, der Höllenfürst persönlich kam.
„John Sinclair!“, dröhnte seine Stimme in meinen Ohren. „Das ist dein Ende.“
Geistesgegenwärtig hüpfte ich auf die Plattform, so dass ich direkt unter dem Tor stand, und hob mein Kreuz, das bereits in meiner Hand zu glühen schien, über meinen Kopf und stieß die magischen Worte verzweifelt aus: „Im Namen Michaels, Gabriels, Raphaels und Uriels: Terra pestem teneto — salus hic maneto!“
Ich weiß nicht, warum ich in meiner Not auch die Namen der Erzengel anrief. Vielleicht, weil ich dem leibhaftigen Teufel persönlich gegenüber stand.
Gleißend weißes Licht erfüllte sofort die Luft. Die Spirale aus Grünen Blitzen um das Höllentor drehte sich immer rasender. Doch das Loch begann zu schrumpfen. Trotzdem versuchte Asmodis, sich mit seinem Oberkörper voran durchzuquetschen. Er kämpfte wie ein Berserker.
„Oh nein!“, brüllte er. „Diesmal kriege ich dich. — Endgültig.“
Seine Hand grapschte nach mir. Doch noch konnte er mich nicht erreichen. Es konnte jedoch nur noch wenige Sekunden dauern, bis er aus seiner Dimension in unsere Welt eingedrungen war.
Mein Gehirn arbeitete fieberhaft. Was hatte die Meeresfee noch gesagt? Ich müsse den Kreis durchbrechen. Aber wie?
Ein violetter Blitzstrahl, den der Überdämon geschleudert hatte, schlug dich neben mir in den Boden ein. Ich bin sicher, er hätte mich sonst getötet.
Einer Eingebung folgend kickte ich die drei Diabolonen von ihrem Platz und stellte mich in die Mitte des Pentagramms.
Ein weiterer Blitz verfehlte mich nur knapp.
Das Leuchten meines Kreuzes wurde stärker, und mit ihm das Zusammenfallen des Tors schneller. Es war inzwischen so heiß, dass ich es kaum noch festhalten konnte. Doch ich umklammerte es mit eisernem Willen. Die Mächte des Lichts und der Finsternis rangen miteinander: weiße gegen schwarze Magie.
Für einige Sekunden, die mir jedoch wie eine kleine Ewigkeit vorkamen, toste ein Orkan um mich herum, der mich zum Wanken brachte. Ich strauchelte und wäre um ein Haar wäre dabei über die äußere Kante der Plattform die Klippe hinunter gestürzt.
Ich blickte schon in den Abgrund und sah in der Tiefe schwach die weiß schäumende Gischt. Verzweifelt ruderte ich mit den Armen und bog den Oberkörper soweit ich konnte zurück, bis ich mein Gleichgewicht wieder hatte. Ich fiel auf die Knie und klammerte mich eisern am Rand der Klippe fest.
Noch einmal hörte ich über das Brausen des Sturms hinweg Asmodis’ wütendes Schreien und Toben. Ein ohrenbetäubender Donnerschlag wie ein Überschallknall ertönte, als das Tor kollabierte. Dann war es vorbei.
Nur das Rauschen der Brandung am Fuß der Steilküste war noch zu hören.
Das silberne Kreuz lag wieder kühl und unscheinbar in meiner Hand. Nur noch die fast heruntergebrannten Fackeln erhellten noch die gespenstische Szenerie.
Ich stand auf und schaute mich gespannt um.
Es hatte aufgehört zu regnen.
Das transzendentale Tor hatte sich geschlossen. Nichts erinnerte mehr daran. Father de Burgh hatte die Wasserpistole fallen gelassen und kniete betend auf dem Boden. Die Diabolonen waren zu kleinen, harmlosen Goldklumpen geschmolzenen. Ich ging hin, sammelte sie ein und ließ sie in meine Hosentasche gleiten.
Die Beretta steckte ich zurück in ihr Schulterhalfter. Das Kreuz, das mich einmal mehr gerettet hatte, hing ich wieder um meinen Hals und verstaute es unter dem Pullover.
Dann kümmerte ich mich um den Clurichaun.
Ich drehte den regungslosen Körper um und untersuchte ihn kurz. Die Kugel hatte ihn mitten ins Herz getroffen und den Rücken durchschlagen. Das von Schmauchspuren umgebene Einschussloch war nur klein und unscheinbar, aber die Austrittswunde ein hässlicher Krater. Er musste sofort tot gewesen sein, denn es war nur wenig Blut aus den Wunden ausgetreten. Sein Gesicht sah gelöst und friedlich aus. Ich drückte ihm die Augenlider zu.
„Lassen Sie uns nach Hause gehen“ sagte ich mit belegter Stimme an de Burgh gewandt.
Der ehemalige Inquisitor nickte zustimmend, bekreuzigte sich noch einmal hastig und stand auf.
Das Gute hatte noch einmal gesiegt. Doch ich wusste, dass ich nur eine Schlacht, aber nicht den Krieg gewonnen hatte. Und eins war klar: Asmodis würde diese Schlappe sicher nicht lange auf sich sitzen lassen.



Einige Tage später begleiteten mich Monsignore de Burgh und Superintendent Doherty am Vormittag zum Fähranleger im Hafen von Kilronan.
Ich hatte zuvor noch die Beerdigungen von Padraig McDonald und Siobhán Murphy besucht. Die anderen Trauergäste hatten mich überaus freundlich gegrüßt, mir zwischendurch immer wieder verstohlene Blicke zugeworfen und miteinander getuschelt. Anscheinend hatte sich meine Aktion schon auf der Insel herumgesprochen. Ob es die meisten glaubten oder als Schauermärchen abtaten, wusste ich natürlich nicht. Jedenfalls war ich zu einer kleinen Berühmtheit gelangt.
Vor allen Dingen war die mit magischen Runen tätowierte Leiche des Clurichauns eine kleine Sensation gewesen. Im offiziellen Polizeibericht tauchte er jedoch als kleinwüchsiger Mensch auf, um weiteres Aufsehen zu vermeiden. Dafür hatte Doherty gesorgt, der unsere Zeugenaussagen persönlich protokolliert hatte.
Von ihm wusste ich, dass es einige erregte Telefonate zwischen Scotland Yard und dem Innenministerium in Dublin gegeben hatte, in denen Sir James Powell die Wogen geglättet und auf Geheimhaltung bestanden hatte.
Um die Überreste der Diabolonen hatte sich de Burgh gekümmert. Er hatte sie in einen Behälter mit Weihwasser gelegt und wollte sie so bald wie möglich zur weiteren Aufbewahrung in den Vatikan schicken. Das war mir nur recht. Denn ich hoffte, dass von ihnen keine Gefahr mehr ausgehen würde.
Es waren allem zum Trotz noch schöne restliche Urlaubstage gewesen.
Doch jetzt hieß es Abschied nehmen. Es war mein letzter Urlaubstag. Morgen würde ich wieder im Büro erwartet. Auch ich hatte bereits mit meinem Chef telefoniert. Er erwartete bei meiner Rückkehr einen ausführlichen schriftlichen Bericht über mein Abenteuer.
Um diese Jahreszeit verkehrte das Schiff zwischen Inishmore und Rossaveal nur noch zweimal pro Tag. Die Überfahrt dauerte etwa 40 Minuten. Von dem kleinen Küstenort war es dann noch etwa eine Stunde Fahrt bis Galway City, wo ich umsteigen musste und es noch weitere 90 Kilometer mit dem Bus bis zum Flughafen Shannon hatte. Dort startete am späten Nachmittag meine Aer-Lingus-Maschine zurück nach London.
Nur wenige Passagiere fuhren mit mir aufs Festland. Die Sonne schien, und der Seewind zerzauste meine Haare, während die Wellen an die Kaimauer klatschten. Über uns umkreisten schreiende Möwen den Anleger.
Am Fuß der Gangway verabschiedete ich mich zuerst von Doherty, bevor ich herzlich die Hand des Priesters schüttelte. Der umarmte mich kurzerhand.
„Möge die Straße Ihnen entgegen eilen“, sprach Logan de Burgh zum Abschied einen alten irischen Segenswunsch. „Möge der Wind immer in Ihrem Rücken sein. Möge die Sonne warm auf Ihr Gesicht scheinen und der Regen sanft auf Ihre Felder fallen. Und bis wir uns wiedersehen, möge Gott Sie im Frieden seiner Hand halten.“
Ich warf einen letzten Blick auf die felsige und trotzdem grüne Insel.
Das klang irgendwie gut.

ENDE
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