Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Was es bedeutet kameradschaftlich zu sein

von RamonaXX
KurzgeschichteDrama, Freundschaft / P18 / Gen
Chris Taylor Elias Grodin Red O'Neill Robert Barnes
01.03.2016
01.05.2016
3
6.278
1
Alle Kapitel
3 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
01.05.2016 1.744
 
Kapitel 3 – Trostpflaster

Nur mit Taylors Hilfe war es Elias gelungen sich aufzusetzen. Chris hatte ihm diesen Unsinn noch ausreden und ihn vom Liegenbleiben überzeugen wollen, doch davon hatte der Sergeant nichts wissen wollen.
Jetzt lehnte Elias vollkommen entkräftet mit seinem Kopf und der gesunden Schulter an einer der Lehmwände, der modrigen Hütte und ließ sich von Chris versorgen. Er konnte den jungen Soldaten in seinem Rücken nicht sehen, aber er wusste, dass er da war. Und er war dankbar dafür.

Chris hatte etwas von dem Desinfektionsmittel, das er in der Tasche vom Doc gefunden hatte, auf ein Stück Stoff geträufelt und näherte sich nun langsam damit dem Rand von Elias’ Wunde.
In einem scharfen Ton sog der Sergeant die Luft zwischen den Zähnen ein. Auch wenn das Brennen auf seiner Haut weitaus weniger schlimm war als das Rumgestocher von Barnes’ Bajonett – Elias war zu abgekämpft, um sich darum zu bemühen seine Schmerzen zu verstecken.
„Sorry, Sarge.“, kam es sogleich von Chris und er nahm den Lappen von der Wunde.
„Du machst das gut, Chris.“, erwiderte Elias matt. Bei der nächsten Berührung würde er doch versuchen sich nichts anmerken zu lassen… Elias tat noch immer der Kiefer weh. Erst jetzt, wo der Schmerz in seiner Schulter auf ein erträgliches Maß abgeklungen war, merkte er, wie fest er in das Halstuch gebissen haben musste. Seufzend schloss Elias die Augen und machte ein paar leichte Kaubewegungen, um die Muskeln zu lockern.
„Wie kann Barnes nur sowas brutales tun?“, fragte Chris und ließ eine gewisse Empörung durchklingen. Jetzt, wo er neben Elias auf der Strohmatte saß und das Werk des Staff Sergeants aus der Nähe betrachtete, kam es ihm noch wahnsinniger vor, was sie da getan hatten.
Mit scherzhaftem Unterton antwortete Elias: „Oh, für seine Verhältnisse war Barnes sehr zärtlich.“ Er war zu erleichtert den fürchterlichen Splitter los zu sein, als das er ein schlechtes Wort auf seinen Retter hätte kommen lassen. Barnes hatte das Stück Metall dagelassen als er die Hütte verlassen hatte. Und nun hielt Elias das Ding wie eine Trophäe in der Hand. Nicht zu glauben, dass dieses Riesenteil noch vor einer halben Stunde in seiner Schulter gesteckt hatte.
„Aber hätte es nicht auch einen anderen Weg gegeben?“, Chris’ Stimme war weiter von Unverständnis gefärbt.  
„Ohne Funkgerät? Mitten im Dschungel?“, gab Elias als Antwort.
Chris musste sich eingestehen, dass der Sergeant recht hatte. Unter den genannten Umständen, hatte es keine andere Möglichkeit gegeben Elias von seinen Schmerzen zu befreien. Und dennoch verstand Chris nicht, warum Elias gerade Barnes für diese Aufgabe ausgewählt hatte.

Eine Weile schwiegen die beiden. Chris widmete sich seiner Arbeit und Elias hing seinen Gedanken nach. Ruhig und gelassen atmete er durch den Bauch, wobei ihm immer wieder vor Erschöpfung die Augen zufielen. Der Kampf gegen das Messer in seiner Schulter und die vier Soldaten, die ihn festgehalten hatten, hatte Elias’ Energiereserven vollständig aufgezehrt. Doch jedes Mal, wenn er glaubte einzunicken, spürte er deutlich diese warme Hand auf seinem Rücken und blinzelte. Er konnte sich nicht erklären wie oder warum, aber es hatte etwas angenehmes hier mit Taylor zu sitzen. Auf seltsame Weise fühlte Elias sich sicher.
Chris war so in sein Tun vertieft, dass ihm gar nicht bewusst war, wie umsichtig er mit Elias umging. Sorgsam tupfte er mit dem Lappen über die wunde Fläche und wischte Reste von getrocknetem Blut und Wundflüssigkeit ab. Dann und wann nahm er die zweite Hand zu Hilfe und stützte sich an Elias’ Rücken ab, um besser arbeiten zu können. So oft hatte der Sergeant etwas für ihn getan und wie ein großer Bruder auf ihn aufgepasst. Nun hatte Chris die Chance sich zu revanchieren und etwas für Elias zu tun.

Als er fertig war und sich wieder der Tasche vom Doc zuwandte, um darin nach einem Verband zu kramen, fragte Chris neugierig: „Und Du sagst, Barnes hat sowas schon mal gemacht?“
Elias nahm den Kopf von der Wand und warf einen kurzen Blick über die Schulter. „Nun, es ist eine der vielen Geschichten, die man sich über ihn erzählt.“
„Und wer war das arme Schwein beim ersten Mal?“, wollte Chris wissen, der spürte, dass sein Kamerad die Antwort kannte.
Elias grinste unauffällig: „Er selbst.“
„Was?“, kommentierte Chris entsetzt und sah vom Inhalt der Tasche auf. Er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass ein Mann die Disziplin besaß sich selbst mit ruhiger Hand einen Metallsplitter aus dem Fleisch zu schneiden und gleichzeitig die höllischen Schmerz zu erdulden, die das Messer in der offenen Wunde verursachte.
„Keine Ahnung, ob das wirklich stimmt.“, erwiderte Elias, „Ich hab’ die Narbe an seinem Bein nie gesehen. Aber man erzählt sich halt davon.“
Chris hatte gefunden, wonach er gesucht hatte und kam wieder zu Elias zurück. Vorsichtig entpackte er das Verbandspäckchen und achtete darauf die Wundauflage nicht zu berühren.
Ein letztes unangenehmes Knurren entwich dem Sergeant als Chris’ Hand sorgsam die Wundkompresse an seine verletzte Schulter andrückte.
„Weißt Du Chris“, begann Elias seufzend und spürte, dass er sich etwas von der Seele reden musste, „wenn ich dich oder Rhah, oder sonst irgendwen darum gebeten hätte – ihr hättet es getan. Ihr hätte es zumindest versucht.“ Elias machte eine Pause und konnte hören, wie Chris zwei Streifen Gewebeklebeband abriss, um den Verband damit zu fixieren. Dann fuhr er fort: „Aber keiner von euch hätte es ausgehalten, mich so leiden zu sehen. Außer Barnes gibt es niemanden, der abgebrüht genug ist, solche Sachen durchzuziehen. Auch wenn wir oft nicht die gleiche Meinung haben – er bleibt ein ehrlicher Kamerad. Denn er weiß nur zu gut, wie beschissen sich das anfühlt, verwundet zu sein.“
Jetzt verstand Chris, warum Elias sich dem bärbeißigen Staff Sergeant anvertraut hatte. Auch in diesem Punkt schätzte Elias die Lage richtig ein. Chris konnte sich bei Leibe nicht vorstellen, dass er oder einer der anderen das fertiggebracht hätte, was Barnes getan hatte.
„Trotz allem bleibt Barnes für mich ein Schwein!“, sagte Chris bestimmt und klebte den ersten Streifen über Elias’ Schulter.
„Sag sowas nich’.“, korrigierte ihn der Sergeant, „Barnes ist kein schlechter Mensch.“
„Kein schlechter Mensch?“, wiederholte Chris stutzig und glaubte sich verhört zu haben. Offensichtlich hatten die Schmerzen Elias’ Gedanken doch mehr durcheinander gebracht als zuerst angenommen.
„Kein so schlechter Mensch.“, verbesserte Elias sich und sprach weiter, „Er ist wie alle, die schon zu lange hier draußen sind. Er hat kein Zuhause mehr.“
Chris hatte gespürt, wie Elias’ Stimme bei den letzten Worten eingebrochen war. Verständnisvoll erkundigte er sich: „Und was ist mir dir?“ Mittlerweile hatte er auch den zweiten Streifen Klebeband angebracht.
„Ich?“, fragte Elias überrascht und seine Antwort verlief sich in einem Seufzen, „Ja…“
Chris ließ die halbherzigen Worte auf sich beruhen. Er wusste, dass Elias nicht gerne über seine Vergangenheit sprach. Zufrieden begutachtete Chris das Gesamtergebnis seiner Arbeit und fand, dass sein Trostpflaster an der richtigen Stelle saß. Die offene Wunde des Sergeants war fürs erste versorgt und Elias selbst in einem stabilen Zustand.
Chris war gerade im Begriff sich aufzurichten als die Worte des Sergeants ihn zurück auf die Strohmatte sinken ließen.
„Ich werde aus diesem Dschungel nicht lebend wieder rauskommen.“, sagte Elias traurig und starrte ins Leere, „Aber Du“ – er drehte sich zu Taylor um – „Du schaffst das.“
Chris zwang sich zu einem Lächeln. „Hey, erzähl nicht so einen Mist, Elias.“, brachte er mit unsicherer Stimme hervor, „Wir werden gemeinsam hier verschwinden, wenn es so weit ist!“
Murmelnd schüttelte Elias den Kopf. Der Junge hatte scheinbar nicht bemerkt, welche schlafenden Hunde er mit der Frage nach Zuhause geweckt hatte. „Die Schulter war nur der erste Kratzer.“, erklärte Elias schwermütig, „Wer weiß, vielleicht ist das nächste Gefecht schon mein letztes?“
Noch nie hatten die Augen des Sergeants so wehmütig und trostlos ausgesehen.  
„Wie kannst Du das sagen?“, fragte Chris entrüste und konnte nicht verstehen woher die plötzliche Resignation rührte.
„Weil es so ist, Taylor!“, antworte Elias scharf und fügte in ruhigerem Ton hinzu, „Und jetzt lass mich allein.“ Der Junge hatte mehr als das Nötigste für ihn getan, da sollte er nicht auch noch seine persönlichen Probleme mit sich rumschleppen.
„Was?“, fragte Chris erstaunt und machte nicht die Anstalten gehen zu wollen. Er war zu verwirrt von der Reaktion des Sergeants.
„Du hast mich schon verstanden.“, meinte Elias eindringlich, „Zieh Leine, Kleiner.“ Er lächelte den verdutzten Taylor an: „Ich komm schon klar.“
Chris wartete weiter auf eine Erklärung, doch Elias fuhr sich nur mit der Hand durch seine dunkelblonden Haare und nickte dann mit dem Kopf in Richtung Tür: „Geh rüber und halt bei der Lagebesprechung die Ohren für mich offen. Ich will wissen, was diesem Teufelskerl, Barnes, eingefallen ist, damit die Kompanie uns hier findet.“
Chris nickte, stand auf und verließ mit gemischten Gefühlen die Hütte.

Später hatte Elias sich wieder auf dem Bauch gelegt. Es war die angenehmste Position, um seine Schulter soweit zu entlasten, dass die Wundschmerzen ein erträgliches Niveau annahmen. Irgendwann war es draußen dunkel geworden und der Regen hatte aufgehört. Die anderen Soldaten hockten weiter zusammen und berieten sich. Hin und wieder hatte Elias die kräftige Stimme von Barnes vernommen, aber außer ein paar Gesprächsfetzen hatte er nichts verstanden…
Hoffnungsvoll reckte Elias den Kopf und spähte durch das Fenster der Baracke, raus in die Dunkelheit.
Durch ein Loch in der dichten Baumkrone konnte er den Nachthimmel erkennen. Sehnsüchtig blieb sein Blick an den wenigen Sternen hängen. Es erinnerte ihn an Zuhause, an seine Wurzeln. Als Enkel eines waschechten Apachen, hatte er Indianerblut und war als Kind oft draußen unterwegs gewesen. Jede freie Minute hatte er an der frischen Luft verbracht, war durch Felder und Wiesen getobt und hatte im Wald jagt auf Hasen und kleine Vögel gemacht. Elias hatte es geliebt in heißen Sommern, nachts unter dem offenen Himmel zu schlafen und in die abertausende von Sternen zu blicken. Es hatte ihn dann immer ein Gefühl von unendlicher Freiheit gepackt und sanft in den Schlaf gewogen.
Wenn ihm die Sterne dieses friedliche Gefühl doch nur jetzt noch einmal schenken könnten…


A.N.
Zum Schluss noch ein kleines Statement. Diese kurze Geschichte greift ein Thema auf, das mich selbst gleichermaßen fasziniert, wie berührt. Es ist nämlich gar nicht immer so leicht sich kameradschaftlich zu verhalten! Manchmal bedeutet das auch, dass man jemanden verletzten muss (im direkte, wie im übertragenen Sinne), um ihm zu helfen. Genau diesen Widerspruch wollte ich mit dieser kleinen Geschichte einfangen.
Der Fall von Elias und Barnes (beziehungsweise von Elias und Taylor) ist sicher ein extremes Beispiel. Aber es zeigt dennoch, dass Menschen in der Lage sind unmögliches zu ertragen, um einander zu helfen.
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast