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Was es bedeutet kameradschaftlich zu sein

von RamonaXX
KurzgeschichteDrama, Freundschaft / P18 / Gen
Chris Taylor Elias Grodin Red O'Neill Robert Barnes
01.03.2016
01.05.2016
3
6.278
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01.03.2016 1.767
 
Vorbemerkung:
Vorweg sei noch einmal darauf hingewiesen, dass dieser Text keine leichte Kost ist. Die Einstufung auf P18 hat ihre volle Berechtigung, da es im zweiten Kapitel Beschreibung von körperlicher Gewalt und Schmerzen gibt. Wer das also nicht lesen möchte, kann jetzt wieder umdrehen.
Alle anderen sind gerne dazu eingeladen sich der Frage zu stellen: Ob Kameradschaft und Vertrauen wirklich so tief gehen können, dass man bereit ist, sich in einer ausweglosen Situation Schmerzen zufügen zu lassen, um so von noch größeren Schmerzen erlöst zu werden?


Kapitel 1 – Bestandsaufnahme

Staff Sergeant Robert Barnes gab einen halb unterdrückten Grunzlaut von sich. Er versuchte jetzt schon seit einer geschlagenen halben Minute sich eine Zigarette anzuzünden, was ihm einfach nicht gelingen wollte. Langsam war der Geduldsfaden des Unteroffiziers aus Tennessee überspannt. Ein weiteres Mal ließ er das Zippo zuschnappen und schüttelte es kurz und heftig in der Hand. Er wusste, dass es eigentlich nicht am Feuerzeug lag, sondern an der feuchten Zigarette, die zwischen seinen Lippen klemmte. Wenn es in diesem verfluchten Dschungel regnete, blieb rein gar nichts trocken, auch nicht die Zigaretten. Selbst wenn man sie in einer Plastikbox geschützt, in der tiefsten Tasche des Kampfanzuges vergrub.  

Schließlich gelang es dem Sergeant doch noch, den feuchten Tabak zum Glimmen zu bringen. Was wiederrum das Feuerzeug davor bewahrte, wütend in den Matsch gepfeffert zu werden. Die Bestandsaufnahme seines eigenen Körpers hatte ergeben, dass er so gut wie unverletzte war. Eine Schramme hier, ein Kratzer da – halt das Übliche, was man sich zuzog, wenn man sich im Gefecht in den Dreck warf. Abgesehen von dem nassen Arsch, den er hatte, weil er auf dem schlammigen Boden dieser Hütte hockte, fehlte ihm nichts. Verglichen damit war die Verfassung der Anderen weiteraus schlechter. Konzentriert saugte Barnes an der Zigarette und ließ seinen Blick durch den kleinen Verschlag kreisen.  
Ihm gegenüber hockte Sergeant O’Neill. Der Ire aus Boston war wie er Berufssoldat und Anführer der ersten Gruppe des Zuges. Barnes hatte Red trotz seiner Kampferfahrung nie für besonders nervenstark gehalten. Und auch jetzt offenbarte das sommersprossige und mit Dreck verschmierte Gesicht, dass ihm der Schock des zurückliegenden Kampfes tief in den Gliedern steckte.  
Neben O’Neill kauerte Bunny und klammerte sich schweigend an sein Maschinengewehr – dieser jung Kerl, noch keine zwanzig Jahre alt und mit dem Gesicht eines Wiesels. Wenn es jemanden gegeben hätte, den Barnes aus dem Zug hätte rauswerfen dürfen, dann diesen verrücken Spinner, für den Feuerdisziplin immer noch ein Fremdwort war. Schön, dass der Junge wenigstens jetzt die Füße still hielt.
Barnes’ Blick wanderte weiter zu Warren, der mit leeren Augen auf den Boden starrte. Das gewiefte Schlitzohr von Sergeant führte theoretisch die dritte Gruppe im Zug an. Doch auch davon war kaum Einer übrig. Obwohl Warren schwarz war, respektierte Barnes ihn. Er war der einzige Nigger in diesem verfluchten Zug, dem er über den Weg traute.
Und dann war da noch Junior. Warum ausgerechnet dieser faule, schwarze Hurensohn bis jetzt überlebt hatte, war Barnes ein Rätsel. Die wirklich guten Leute, wie Tex, Sal und Sanderson hatten dran glauben müssen, aber dieses Arschloch hatte es geschafft. Und jetzt hockte Junior genauso stumm und deprimiert in dieser kleinen Hütte, wie die anderen Drei.

Das war also der traurige Rest des zweiten Zuges, der Bravo-Kompanie. Sich selbst mit eingeschlossen, fünf aus dreißig. Verdammte Scheiße, dachte Barnes und zog ein weiteres Mal an seiner Zigarette.
Von fast allen anderen wusste er, dass sie da draußen draufgegangen waren.
Einer der Ersten, die es erwischt hatte, war Lieutenant Wolfe gewesen. Gott sei Dank, sagte Barnes sich in Gedanken. Dieser unfähige Armleuchter hatte alles vermasselt und den Zug mit seiner stümperhaften Taktik mehr als einmal in ernste Gefahr gebracht… Es war gut für Wolfe, dass er jetzt tot war. So konnte er zumindest keinen weiteren Schaden anrichten. Und es war gut für Barnes, weil er jetzt der ranghöchste Offizier im Zug war und offiziell das Kommando hatte.
Was im Gegensatz dazu überaus bedauernswert war, war der Tod von Tony Hoyt, seinem eigenen Funker. Es hatte nicht nur Tony erwischt, sondern auch das Funkgerät. Das gleiche Schicksal hatte Ace, den zweiten Funker ereilet. Und wo das dritte Funkgerät samt Träger abgeblieben war, konnte niemand sagen.
Ebenfalls unglücklich war die Tatsache, dass auch der Sanitäter, Paul Gomez sein Leben gelassen hatte. Barnes hatte keine zehn Meter entfernt hinter einem Baum gestanden als Doc über den Stolperdraht getreten war und die Mine ausgelöst hatte. Sofort nach der Explosion war er aus seinem Versteck gesprungen und zu dem Verletzten gelaufen. Für den Doc hatte er nichts mehr tun können. Aber geistesgewärtig hatte Barnes die Sanitätstasche mit dem Verbandszeug und den Medikamenten an sich genommen und sich zurück in den Kampf gestürzt.
Es hatte ihn für einen kurzen Moment in Atem gehalten als er in eines der Schützenlöcher gehüpft war und neben sich die Leiche von Lerner entdeck hatte – zwei Kugeln in der Brust, eine im Kopf. Der Übersetzer, der fließend Vietnamesisch sprach und für ihre Kommunikation mit den Dorftrotteln unerlässlich war, hatte Barnes immer als zuverlässige Informationsquelle gedient. In Zukunft würde er auch ohne diesen Mann auskommen müssen.

Es fiel Barnes nicht schwer sich einzugestehen, dass sie ziemlich in der Tinte saßen. Kein Funker, kein Arzt und auch kein Dolmetscher. Eine denkbar schlechte Ausgangssituation, wenn man irgendwo im Dschungel festsaß und zurück zur Kompanie finden wollte. Aber er würde das schaffen. Er würde seine übriggebliebenen Leute hier rausführen. Egal zu welchem Preis!
Unerwartet unterbrach die Stimme von O’Neill das gemeinschaftliche Schweigen. „Ich muss mal pissen.“, kündigte der Ire an und erhob sich vom Boden.
Ungläubig hob Warren den Kopf und sah aus dem Fenster der kleinen Hütte. „Bist Du irre, Mann?“, fragte er zu O’Neill gewandt, „Du kannst doch bei dem Scheißregen nicht wirklich rausgehen wollen, um zu pissen?“
O’Neills Antwort war nur ein unverständliches Knurren, begleitet von einer abfälligen Handbewegung. Sein M-16-Gewehr geschultert, trat er raus in den strömenden Regen und verschwand hinter der Hütte.
„Völlig übergeschnappt, der Typ.“, kommentierte Junior aus der Ecke und sah O’Neill hinterher.
Barnes hatte das kurze Gespräch genau verfolgt. Es waren die ersten Worte gewesen, die zwischen den Soldaten gewechselt worden waren, seit sie sich hierher zurückgezogen hatten. Er selbst enthielt sich eines Kommentars und spähte nun ebenfalls durch die kleine, quadratische Aussparrung in der Wand, die als Fenster diente. Hörte dieser monsunartige Regen nicht bald auf, würden sie wohl oder übel die Nacht in diesem modrigen Verschlag verbringen müssen.

*****

Atemlos kämpfte Chris Taylor sich mit der Machete einen Weg durch das wuchernde Grün des Dschungels. Die vielen Regentropfen, die ihm dabei über das Gesicht liefen, nahm er gar nicht richtig wahr. Genauso wenig, wie die Tatsache, dass seine Kleidung völlig durchweicht war und seinen Körper ein leichtes Zittern überfiel. Alles worauf er sich konzentrierte, war die Armlänge Abstand zwischen ihm und dem Dschungel vor seiner Nase.
Direkt hinter Taylor lief Crawford, der Surfer aus Kalifornien. Seine kurzen, blonden Locken klebten pitschnass an seinen Kopf. Genau wie Chris hatte er seinen Helm irgendwo im Gefecht verloren. Crawford gab ihm Rückendeckung und hielt sein Gewehr erhoben, bereit auf alles zu schießen, was sich ihnen in den Weg stellte.
Dahinter folgte Big Harold. Ein riesenhafter, schwarzer Typ und so stark, wie ein Pferd. Er hatte sich den gesunden Arm von Elias um die Schulter gelegt und stützt den verletzten Sergeant so gut es auf dem unwegsamen Untergrund eben ging.
Elias selbst versucht den anderen Arm mit der verwundeten Schulter so ruhig wie möglich zu halten, um nicht noch mehr Schmerzen aushalten zu müssen.
Schlusslicht der Gruppe war Rhah, der tätowierte Junkie, dem auf sonderbare Weise niemals das Gras ausging. Er bildete die Nachhut. Mit angelegter Waffe drehte er sich immer wieder um und achtete darauf, dass ihnen keiner folgte.  

Keiner der Männer wusste wie weit sie bisher gelaufen waren oder wo genau sie sich jetzt befanden. Wichtig war nur, weg aus der Kampfzone zu kommen, wo sie von einer Anzahl übermächtiger Gegner überrannt worden waren. Sie befolgten damit den letzten offiziellen Befehl. Und der hatte „Rückzug!“ gelautet.
Das unentwegte Stöhnen von Elias trieb Chris voran, auch wenn er wusste, dass der Sergeant sich Mühe gab wenige Laute von sich zu geben, um die Gruppe nicht zu verraten. Sie musste unbedingt einen Unterschlupf finden. Nicht nur um vor dem Regen sicher zu sein, sondern auch, um sich um Elias kümmer zu können…

Mit einem starken Hieb durchtrennte Chris eine Liane und zwängte sich durch das dichte Buschwerk. Nur drei Schritte später stand er auf einem schmalen Trampelpfad. Entkräftet machte Taylor eine Pause und wartete bis die Anderen zu ihm aufgeschlossen hatten.  
„Wohin jetzt?“, fragte er keuchend und sah zur Gruppe. In allen Augen konnte Chris die gleiche Orientierungslosigkeit und Verzweiflung erkennen, die auch ihn selbst im Griff hielt.
„Wir müssen aus dem Regen raus, Taylor.“, antworte Rhah scharf und wischte sich übers Gesicht.
„Ja“, erwiderte Chris, „aber in welche Richtung, verdammt?“ Sein Blick blieb an dem verwundeten Elias hängen. Er bot einen furchtbaren Anblick, in seinem zerfetzten Shirt, das wie ein nasser Lumpen an seinem Oberkörper hing und mit dem schmerzverzerrten Gesicht, dass seine Qual erahnen ließ. Wenn der Sergeant hier draußen starb, weil er, Chris, den falschen Weg gewählt hatte, würde er sich das nie verzeihen.
Ein tiefes Röcheln lenkte auch die Aufmerksamkeit der Anderen auf Elias. Wie ein hilfloses Kind klammerte er sich an seinen Beschützer. Es war ihm kaum noch möglich die Augen offen zu halten. Big Harold schwang seinen zweiten Arm um Elias und bewahrte den erschöpften Mann davor auf dem schlammigen Boden auszurutschen. Zu Chris gewandt sagte er: „Elias macht das nicht mehr lange mit, fürchte ich.“
Plötzlich schrie Crawford dazwischen: „IN DECKUNG!!“
Sofort duckten sich alle kampffähigen Männer, den Finger am Abzug ihrer Waffe. Hastig zog Big Harold Elias hinter einen Baum. Aus der Kehle des Verletzten drang unweigerlich ein leidvoller Schmerzensschrei. Chris fühlt mit dem Sergeant und kniff für einen Moment die Augen zusammen. Verdammt! Dann lauschte er angespannt in die Stille hinein. Keine Schüsse fielen. Was war hier los?
Er spähte zu Crawford, der sich an der anderen Seite des Pfades hatte ins hohe Gras fallen lassen. Ein ratloser Blick und ein leichtes Schulterzucken war alles, was er als Antwort bekam. Langsam lugte Chris aus seiner Deckung hervor und erkannte auf dem Weg eine einzelne Person. Er hielt die Waffe auf das Ziel gerichtet und riskierte einen genaueren Blick. Mit einem Mal war Chris sprachlos. Ohne weiter darüber nachzudenken, stütze er die Hände auf und kam aus seinem Versteck hervor. Chris Taylor stand mitten auf dem Pfad und blickte fassungslos in die weit aufgerissenen Augen von Sergeant O’Neill.
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