Unausgesprochene Worte

GeschichteRomanze / P18 Slash
25.02.2016
05.03.2016
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Hallo zusammen!



Vielen, vielen Dank für die lieben Kommentare! Das ist Motivation pur und kaum in Worte zu fassen :)
Hier kommt nun der vorletzte – und längste XD – Teil. Das Ende gibt es dann passend zum Wochenende am Samstag :)

Viel Spaß beim Lesen!



*




Adrian war überpünktlich. Etwas anderes hatte Paul auch nicht erwartet. Einerseits war er froh, weil er endlich aufhören konnte, nervös aus dem Fenster zu sehen oder die Tür anzustarren. Gestern hatte er keine Probleme damit gehabt, Steffens Café alleine am Laufen zu halten. Heute war er den ganzen Tag schon fahrig und angespannt, was er hasste, weil Adrian erst am späten Nachmittag eintraf.

Außer Stammgast Hubert an der Bar war das Café leer, als die Tür aufging und Adrian schneebedeckt eintrat.

In der ersten Sekunde wusste Paul, dass Adrian nicht überrascht war, ihn hier zu sehen. Er hat es also gewusst. Als er merkte, dass er das Glas, das er gerade abtrocknete, zu fest umklammerte, zwang er sich lockerzulassen. Ganz ruhig. Er stellte das Glas ins Regal, legte das Handtuch beiseite und sah Adrian entgegen. Nur dass er jetzt nicht mehr wusste, was er mit seinen Händen anstellen sollte. Scheiße. Er stützte sie gegen den Tresen. Das musste reichen.

„Paul.“ Adrian lächelte, als er sich die Mütze vom schwarzen Haarschopf zog und auf ihn zukam. „Lange nicht gesehen.“

„Nicht lange genug.“

Adrian lachte, als hätte Paul als Eisbrecher einen höflichen Witz gerissen. Die eisblauen Augen, die Paul damals so faszinierend gefunden hatte und deren stechender Blick ihm jetzt unangenehm war, blitzten.

Mit jedem Schritt zur Bar wurde Adrian größer, wie Paul beunruhigt feststellte. Nicht so groß wie Hack, aber größer als Paul. Er bewegte sich geschmeidig, fast wie ein Raubtier, mit fließenden Bewegungen und einem Selbstbewusstsein, als würde ihm der Laden gehören. Gefahr sickerte aus jeder seiner Poren und machte die Luft im Raum zu schwer zum Atmen. Er war Hack in so vieler Hinsicht ähnlich und hatte doch überhaupt nichts von ihm. Vielleicht war Paul inzwischen auch einfach nur klüger.

Als Adrian die Theke erreichte, hatte Paul die Zähne so fest aufeinandergebissen, dass sein Kiefer pochte.

Adrian stopfte seine Mütze in die Tasche seines Parkas und klopfte nachlässig den Schnee ab, bevor er die Jacke auszog. „Entspann dich. Ich hab nicht gewusst, dass du hier arbeitest, bis Moreau es erwähnt hat.“

Paul war einen Moment von dem kräftigen Oberkörper abgelenkt, der sich unter dem weißen Hemd abzeichnete, um darauf zu achten, ob das gelogen war oder nicht.

Wieder ließ Adrian seine Zähne aufblitzen. Das Lächeln erinnerte Paul an einen Hai, kurz bevor er zuschnappte. Er konnte sich nicht daran erinnern, ob er das früher auch gedacht und ob es ihn aufgegeilt hatte. Unwahrscheinlich war es nicht.

Verschwörerisch beugte sich Adrian über den Tresen zu ihm. „Ich geh jetzt öfter trainieren.“

Als wäre er nicht schon vorher beschissen stark gewesen. „Sieht man.“ Hatte er das gerade wirklich gesagt?

Adrian grinste. „Danke. Bringt mir irgendwie noch mehr Trinkgeld ein. Und jetzt mach dich mal locker. Ist damals dumm gelaufen.“

Paul schnaubte. „Superdumm.“

Falls er auf eine Entschuldigung oder einen Funken Reue gewartet hatte, konnte er das offensichtlich bis in alle Ewigkeit tun. Adrian hob seine Jacke hoch und raschelte damit. „Kann ich die irgendwo loswerden? Wieder hinten?“

Paul zwang sich, die Starre, die ihn überkommen hatte, abzuschütteln. „Klar. Du warst ja Weihnachten schon mal hier. Soll ich dir trotzdem noch mal schnell alles zeigen?“ Er nickte in den Raum hinein. „Bevor es voller wird.“ Hoffentlich.

Adrian sah sich um. Sein Blick blieb kurz an Hubert hängen, den er mit deutlicher Verachtung musterte. „Moreau hat mich schon vorgewarnt, dass der Alltagsbetrieb im Gegensatz zu Weihnachten anders ist. Aber ganz ehrlich, gibt’s hier überhaupt so was wie Trinkgeld? Oder wird alles auf Bierdeckeln angeschrieben?“

„Wenn es dir hier nicht gefällt, wieso bist du dann nicht in der Krone geblieben?“

Adrian zuckte die Schultern. „War ohne dich nicht mehr dasselbe.“

Das war Schwachsinn. Das Gehalt und das Trinkgeld waren nichts, worüber man als Kellner einfach so hinwegsehen konnte. Nicht, dass es ihn interessierte, warum Adrian weggegangen war. Vielleicht wollte er nicht zugeben, dass er rausgeschmissen worden war, vielleicht hatte es ihm tatsächlich nicht mehr gefallen. War ihm scheißegal.

„Komm mit.“ Paul zwang sich, die Theke loszulassen. „Wir sagen der Küchencrew schnell Hallo, bevor der Abendbetrieb losgeht.“ Mit einem Blick zu Hubert vergewisserte er sich, dass sein Bierglas noch zu zwei Dritteln voll war. „Wir sind gleich wieder da, Hubert.“

Hubert hob sein Glas und nickte ihm huldvoll zu, als würde er über einen Königssaal voller treuer Untergebener herrschen und nicht über eine leere Bar mit vier Hockern.

Ohne den Tresen als Schutzwall wirkte Adrian noch größer und auf erschreckende Weise noch gefährlicher. Als könnte er jeden Moment seine Klauen ausfahren und in Pauls Fleisch schlagen, da es kein Hindernis mehr gab, das sie voneinander trennte. Seine körperliche Präsenz war erdrückend. Pauls Nacken kribbelte, als er ihm voraus in den schmalen Gang neben der Bar verschwand. Obwohl er gegen den Drang anzukämpfen versuchte, musste er einfach einen Blick über die Schulter werfen.

Adrian hielt Abstand. Aber er starrte auf Pauls Arsch. Als er dabei ertappt wurde, sah er Paul ins Gesicht und grinste. „Sorry, aber Gucken ist ja wohl noch erlaubt, oder?“

Paul unterdrückte ein Schaudern. „Solange es beim Gucken bleibt.“ Er blieb vor einem unauffälligen Wandschrank stehen und öffnete ihn, damit Adrian seine Jacke zu denen der anderen hängen konnte. Am Ende des Gangs befand sich die Tür zum Hinterhof, schräg gegenüber die zur Küche.

„Ist es okay, den Säufer allein im Gastraum zurückzulassen? Nicht, dass der sich an der Bar bedient und über den teuren Schnaps hermacht“, meinte Adrian, als er den Bügel mit seiner Jacke im Schrank verstaut hatte.

„Hubert trinkt nur Bier.“

„Dann sollte er vielleicht besser in das Loch nebenan gehen.“

Adrian machte eine ausschweifende Armbewegung, bei der er Paul in dem engen Flur beinahe berührt hätte. Der Windzug reichte aus, um ihm sein dezentes Parfüm entgegenzuwehen. Ein anderes als damals. Nicht aufdringlich, aber trotzdem unangenehm, weil er ihm nicht entkommen konnte. Paul wollte aus diesem Scheißflur raus.

„Ich meine, das Café ist ja ganz süß, aber die Gesellschaft ist scheiße. Der Säufer passt drüben viel besser rein. Sollte ihm mal einer sagen.“

Paul knirschte mit den Zähnen. „Hubert ist Stammgast. Und er tut keiner Fliege was. Er mag den Geruch im Viereck nicht.“

Was nicht verwunderlich war, da sich der Geruch nach altem Fett in sämtlichen Stoffen festgesetzt hatte. Selbst Hack roch manchmal wie eine ganze Pommesbude, je nach dem, wie viel Betrieb tagsüber gewesen war. Meistens duschte er als Erstes, wenn er in seiner Wohnung war – wenn er nicht gerade über Paul herfiel. Im Moment war Paul alles lieber als Adrians Parfüm, das er gar nicht mehr aus der Nase zu bekommen schien, nachdem es sich einmal dort festgesetzt hatte.

„Shit. Steht es so schlecht um den Laden, dass ihr selbst auf solche Leute angewiesen seid?“

„Du bist nur die Aushilfe. Solche Fragen müssen dich nicht kümmern.“

Wieder dieses Grinsen. Langsam wurde der Wunsch, es ihm aus dem Gesicht zu schlagen, stärker.

„Ich hab ganz vergessen, wie kratzbürstig du sein kannst.“

„Ich erinnere dich gern dran.“ Ruckartig nickte er zur Küchentür, hinter der Gerätschaften klapperten und Helene Fischer aus voller Kehle sang. Ihr Koch war ein glühender Fan und hatte mit seiner Begeisterung den Rest der Crew infiziert – oder zumindest fügten sie sich kommentarlos in ihr Schicksal. „Gehen wir in –“

„Fuck!“

Bevor Paul reagieren konnte, hatte Adrian lachend einen Arm hochgerissen und nach ihm ausgestreckt. Als seine Fingerspitzen Pauls Hals streiften, explodierte eine Gänsehaut in seinem Nacken, die ihn automatisch zurückweichen ließ. Er spürte die Wand in seinem Rücken. Mit einer Hand rieb er über die Stelle, die Adrian eben für eine, maximal zwei Sekunden berührt hatte, aber das unangenehme Gefühl blieb.

„Fass mich nicht an!“

„Hey, ganz locker.“ Adrian hob die Hände, als würde Paul ihn mit einer Waffe bedrohen. Sein Blick klebte allerdings an seinem Hals, dort, wo der Kragen seines Hemds Hacks Bissspuren inzwischen wieder verdecken musste. „Konnt mich grad nicht zurückhalten. Was zum Teufel ist das?“

„Auch das geht dich einen Scheiß an.“

„Sieht aus, als hätte jemand versucht, dich zu fressen. Was ich verstehen kann, ehrlich.“ Er kam noch einen Schritt näher. Die Härchen auf Pauls Armen stellten sich auf, als wäre die Luft um sie herum elektrisch aufgeladen. „Bist ja auch zum Anbeißen.“

„Halt die Klappe. Und bleib verdammt noch mal stehen.“

„Ich mach doch gar nichts.“ Wieder streckte er den Arm aus. „Darf ich noch mal sehen?“

Bleib stehen.“

Adrian grinste spöttisch, aber wenigstens blieb er tatsächlich stehen – keine dreißig Zentimeter vor Paul. Er musste den Kopf in den Nacken legen, um den Blickkontakt nicht zu unterbrechen, wobei er sich seltsam schutzlos fühlte. Sein Puls hämmerte, was Adrian sicher an seinem Hals sehen konnte. Bei Hack fühlte er sich nie so hilflos.

„Hast einen Neuen, was? Na ja, wär ja auch zu schön gewesen, wenn das hier unser großes Wiedersehen geworden wäre.“ Er zwinkerte Paul zu, als würden sie ein schlüpfriges Geheimnis teilen. Paul ballte die Hand zur Faust. Plötzlich machte ihn die Wand in seinem Rücken, die er eben noch als beruhigende Stütze empfunden hatte, wütend. Warum zum Teufel hatte er sich in die Ecke drängen lassen? „Aber offensichtlich magst du manche Sachen immer noch.“

„Ich mochte es nie, geschlagen zu werden!“

„Du hast das völlig falsch verstanden. Ich bin sicher –“

„So sicher wie damals? Ich konnte zwei Wochen lang nicht arbeiten gehen!“

„Jetzt übertreibst du aber. So schlimm –“

Paul schoss vor und prallte gegen Adrians breite Brust. Er war Adrian so nah, dass er sehen konnte, wie sich seine Augen überrascht weiteten. „Doch“, sagte er und untermauerte den Nachdruck in seiner Stimme, indem er Adrian noch mal vor die Brust stieß. Adrian taumelte nicht mal einen Schritt zurück, aber die Geste war trotzdem verdammt befriedigend. „Genau so schlimm war es.“

Blinzelnd schaute Adrian zu ihm hinunter. „Ich –“

„Nein. Thema durch.“ Paul sprach schnell und entschlossen, damit sich kein zittriger Unterton in seiner Stimme festsetzen konnte. „Du hilfst mir bis Sonntag aus und danach hoffe ich, dass ich dich nie wieder sehen muss.“

Adrian legte den Kopf schief und schien einen Moment über die Worte nachzudenken, als hätte er ihren Sinn nicht ganz verstanden. Dann nickte er. „Okay, ja, meinetwegen. Wobei es wirklich nur Zufall ist, dass ich hier bin.“

Das war Paul scheißegal. Hauptsache war, dass derselbe Zufall sie nicht wieder irgendwo zusammenführte.

Paul wartete einen Augenblick länger, als notwendig gewesen wäre, um zurückzuweichen. Adrians Präsenz kribbelte auf seiner Haut wie eine Horde Ameisen und Blut rauschte in seinen Ohren. Sein Parfüm löste eine kleine Welle der Übelkeit in ihm aus.

„Und noch was“, fügte Paul hinzu, als er sich schon halb der Küchentür zugewandt hatte, „wenn du mich noch einmal anfasst, brech ich dir jeden Finger einzeln. Verstanden?“



*




Als sich der Feierabend näherte, war Paul fertig mit den Nerven. Die ganze Zeit fühlte er sich wie unter Strom. Er musste Adrian ständig im Blick behalten oder zumindest wissen, wo er sich gerade aufhielt, obwohl er sich seit seiner Ansage tadellos verhielt und einen wunderbaren Job machte. Wenig überraschend kam er gut bei den Gästen an. Er ließ sich sogar zu einem albernen Selfie mit der Teenagertochter eines Stammgastpärchens herab, das dafür beim Bezahlen ein beachtliches Trinkgeld springen ließ. Wenn Paul etwas mehr bei der Sache gewesen wäre, hätten sie doppelt so viel Trinkgeld wie sonst machen können.

Die Küchencrew mochte ihn und freute sich, dass er wieder als Aushilfe eingesprungen war. Sie blödelten mit ihm herum, als wäre er schon seit Ewigkeiten Teil des Teams. Hinter vorgehaltener Hand tuschelten sie miteinander, dass Adrian gerne öfter einspringen könnte, woraufhin sich Pauls Magen zusammenzog.

Er ärgerte sich, dass er sich den Albereien nicht anschließen konnte. Und dass er überhaupt nicht lockerer zu werden schien, obwohl Adrian ihn in Ruhe ließ und professionell mit ihm umging.

Vielleicht hat er’s jetzt kapiert. Entspann dich endlich, sagte ihm sein Kopf in der einen Sekunde, während er ihn in der nächsten auslachte. Lass dich doch nicht verarschen.

Zweimal sah er Hack durch ein Fenster draußen im verschneiten Hinterhof rauchen. Zweimal riss er sich zusammen, nicht zu ihm zu gehen, um eine Portion Mut, Selbstbewusstsein oder Beruhigung zu tanken. Er wollte nicht riskieren, dass Adrian ihn bei Hack sah und die richtigen Schlüsse zog. Ein Unbekannter, der Male auf seinem Körper hinterließ, war effektiver als jemand, den Adrian kennenlernte.

Und außerdem war Adrian sein verdammtes Problem.

Kurz vor halb eins verabschiedeten sich die letzten Gäste. Adrian räumte den Tisch ab und brachte das volle Tablett zurück zur Theke, wo Paul es ihm abnahm.

„Danke. Du kannst Feierabend machen. Ich übernehme das Aufräumen.“

„Bist du verrückt? Wo gibt’s denn so was? Ich helfe dir natürlich.“

„Nein, wirklich. Ist okay. Geh nach Hause.“

Warme Küche gab es bis 22:00 Uhr, weshalb ihr cholerischer Koch zusammen mit einer der beiden Küchenhilfen schon gegangen war. Die andere Hilfe, Yvette, hatte sich eben aus dem Staub gemacht, als sich abgezeichnet hatte, dass die letzten Gäste auch keine kalten Kleinigkeiten mehr essen wollten. Vor dem Viereck war Hack zu ihr gestoßen und zusammen waren sie zur U-Bahnstation gegangen.

Paul hatte nicht damit gerechnet, dass er warten würde. Nicht wirklich. Hatte er gestern schließlich auch nicht gemacht. Trotzdem hatte er den beiden mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend hinterhergesehen.

Adrian lehnte sich über den Tresen und ließ seine Zähne aufblitzen. „Angst, ich könnte über dich herfallen? Wo wir zwei hier so ganz allein sind?“

Scheiße. Er musste seine Mimik besser kontrollieren. „Witzig. Ich will dir bloß was Gutes tun.“

„Wie wär’s, wenn ich stattdessen dir was Gutes tue und beim Aufräumen helfe? Dann geht’s schneller.“

Paul stieß ein unwilliges Geräusch aus. „Wenn du unbedingt willst.“

Wenn er sich weiter sträubte, würde es nur länger dauern. Verdammt, wenn sie sich beeilten, waren sie in zwanzig Minuten fertig. Das meiste hatte er schon während der ruhigen letzten Stunde erledigt. Und es war ja nicht so, als könnte er Adrian einfach packen und zur Tür hinausbefördern, wenn er sich weiterhin weigerte, zu gehen.

„Super, wie in alten Zeiten.“

Grinsend kam Adrian um den Tresen herum und fummelte an der Stereoanlage herum, bis er einen Sender mit Clubmusik gefunden hatte, eine Mischung aus House, Elektro und Pop. Er fand den Lautstärkeregler und drehte ihn schwungvoll nach rechts, bis die schnellen Beats tief in Pauls Magengrube hämmerten.

„Übertreib’s nicht!“, rief Paul über die Musik hinweg und streckte eine Hand aus, doch bevor er auch nur in die Nähe der Stereoanlage kam, hatte Adrian ihn gepackt und zog ihn hüftschwingend hinter dem Tresen hervor. Sofort stemmte Paul sich gegen den Zug. Ihm kam der beunruhigende Gedanke, dass die Musik ihn übertönen würde, falls er nach Hilfe schreien musste. Scheiße. Bevor sich Panik in ihm festsetzen konnte, ließ Adrian ihn bereits los.

„Komm schon. Sei kein Spielverderber!“ Adrian beugte sich über den Tresen, schnappte sich den Lappen aus der Spüle und wackelte im Takt der Musik zu dem Tisch hinüber, den er gerade abgeräumt hatte.

Paul atmete tief durch und widmete sich den letzten dreckigen Gläsern. Langsam wurde er paranoid. Er rollte die verspannten Schultern und zwang sich zur Ruhe. Aus dem Augenwinkel behielt er Adrian im Blick, der selbstvergessen von einem Tisch zum nächsten tanzte. Gerade sah er so gefährlich aus wie ein swingender King Louie aus dem Dschungelbuch.

Trotz seiner Statur hatte er sich schon immer gut bewegen können – in einer stinknormalen Wohnung ebenso wie auf der Tanzfläche oder im Bett. Paul bezweifelte, dass er Hack dazu überreden könnte, eine spontane Tanzeinlage aufs Parkett zu legen – falls er überhaupt tanzen konnte. Bei Adrian gehörte das genauso zum ansprechenden Gesamtpaket wie die Gefahr, die er ausströmte. Paul hatte eine Schwäche für diese Mischung. Besonders, da Adrian gerade auf irritierende Weise albern und sexy aussah.

Nein. Nicht sexy. Er ist nicht sexy. Er ist Adrian. A-dri-an!

„Das hab ich gesehen!“, rief Adrian und warf ihm einen koketten Blick über die Schulter zu. Sein knackiger Hintern zeigte genau in Pauls Richtung und wippte aufreizend von links nach rechts.

Paul schnaubte. „Was hast du gesehen?“

„Das Grinsen auf deinem Gesicht. Nur zu, lass es raus. Ich verrat’s keinem.“

„Idiot.“ Er unterdrückte den Impuls, ein Handtuch nach ihm zu werfen, wie er es früher wahrscheinlich getan hätte. Aber inzwischen war er ein anderer und er kannte Adrian. Er würde sich nicht von ihm einlullen lassen!

Und wenn es wirklich nur so was wie ein Missverständnis war …?

Paul schüttelte den Kopf und räumte die sauberen und abgetrockneten Gläser ins Regal, ehe er mit einem zweiten Lappen über den Tresen wischte.

„Woohoo!“, grölte Adrian und tänzelte zurück zur Bar. Schwungvoll warf er den Lappen in die Spüle, bevor er sich auf dem Tresen räkelte wie ein Gogo-Tänzer und Paul verführerische Blicke zuwarf. Wenn er jetzt noch sein Hemd auszog und sich die Muskeln darunter als genauso verlockend entpuppten, wie sie unter dem Stoff wirkten, wäre die Show durchaus einen Blick wert.

Was zum Teufel?

Jetzt warf Paul doch etwas nach ihm – allerdings den feuchten Lappen. Er traf Adrian an der Schulter. „Lass den Scheiß.“

„Mann. Wann ist dir bloß dein Humor abhandengekommen?“

Paul konnte ihm den Zeitpunkt ziemlich genau benennen, aber Adrian hatte es damals nicht verstanden und würde es heute auch nicht tun, also verkniff er sich eine Antwort. Er hatte keine Lust auf eine Diskussion, die von vornherein ins Nirgendwo führen würde und Adrian im schlimmsten Fall auf dumme Gedanken bringen könnte.

Adrian löste sich von der Theke und warf den Lappen zu dem anderen. „Hast du vergessen, wie oft wir das früher gemacht haben?“

Möglicherweise. Und er wollte sich auch nicht erinnern, weil es schmerzliche Erinnerungen wachrief. Aber da Adrian es einmal angesprochen hatte, fiel es ihm gegen seinen Willen wieder ein. Er verbiss sich ein Lächeln. „Frank hat dir in der Krone mal einen Fünf-Euro-Schein in den Gürtel gesteckt.“

„Und Susi hätte fünfzig springen lassen, wenn wir uns an der Dirty Dancing-Hebefigur versucht hätten.“ Adrian breitete die Arme aus und warf den Kopf filmreif in den Nacken.

Paul biss sich auf die Unterlippe, damit sich das Lächeln nicht doch noch Bahn brach. Adrian kannte ihn jedoch zu gut, um es nicht zu sehen. Grinsend zwinkerte er ihm zu.

„Und noch ein Lächeln. Gib’s ruhig zu. Wir hatten auch Spaß.“ Sein Blick wurde hitzig und so intensiv, dass Pauls Mund trocken wurde. „Auf mehreren Gebieten.“

Paul durchzuckte ein träges Kribbeln, für das er sich regelrecht schämte. „Das ist lange her.“

„Aber du weißt es noch.“ Die eisblauen Augen funkelten, als wüsste Adrian ganz genau, was ihm gerade durch den Kopf gegangen war. Er streckte Paul eine Hand entgegen, als wäre er eine verschüchterte Jungfrau, die er zum Tanz aufforderte.

Gott, das war so lächerlich.

Und er musste den Verstand verloren haben, denn er legte seine Hand in Adrians und ließ sich diesmal freiwillig von ihm hinter der Bar hervorziehen.

Adrian lachte. „Der Wahnsinn! Kurz hab ich echt gedacht, du kannst es gar nicht mehr.“

„Was? Tanzen?“ Paul vollführte eine alberne kleine Drehung. In seinem Magen erwachte eine kribbelige Freude. „Das ist wie Sex. Das verlernt man nicht.“

Adrians Augen blitzten. „Das hast du jetzt gesagt.“

Sie bewegten sich im Rhythmus der Musik und mit jedem Takt wurden Endorphine durch Pauls Venen gepumpt. Der Bass wummerte durch Steffens Café wie durch ihre eigene kleine Privatdisko und fand sein Echo tief in Pauls Knochen. Sie umtanzten einander und berührten sich flüchtig, bis sie sich immer länger anfassten und schließlich gar nicht mehr losließen.

Paul konnte nicht in Worte fassen, wie sehr er das vermisst hatte. Er fühlte sich in der Zeit zurückversetzt, als er mit Adrian die Clubs unsicher gemacht und neidische Blicke geerntet hatte, wenn er mit Adrian in den Darkroom oder nach Hause verschwunden war. Zum ersten Mal an diesem Abend entspannte er sich. Er fühlte sich fast wie im Rausch und grinste jetzt so breit, dass seine Wangen schmerzten.

Plötzlich ließ Adrian Paul los und warf jubelnd die Arme in die Luft. „Geiler Song!“ Er lehnte sich zur Stereoanlage rüber, um die Musik lauter zu drehen, bevor er Paul wieder an sich zog.

Lachend schüttelte Paul den Kopf. „Das ist viel zu laut!“

„Das ist mir scheißegal!“

„Aber die Nachbarn –“

„Scheiß auf die Nachbarn!“

Das schwache Kribbeln breitete sich wie Fieber in Pauls Unterleib aus. Er versuchte, sich dagegen zu wehren, aber er konnte nicht anders, als Adrians Scheißegal-Haltung anziehend zu finden. Das war sein verdammter Fluch.

Scheiße, was waren schon zehn Minuten? Oder fünfzehn? Er hatte hier in der Gegend nach Feierabend schon aus Dutzenden Fenstern viel zu laute Musik gehört. Einmal hatte ein getunter BMW auf der anderen Straßenseite geparkt, der im Kofferraum eine Anlage herumkutschierte, die jeden DJ neidisch gemacht hätte. Keine fünf Minuten später hatte sich eine Gruppe junger Leute um das Auto versammelt und eine kleine Privatparty auf der Straße geschmissen. Es hatte beinahe eine Stunde gedauert, bis die Polizei das Ganze aufgelöst hatte.

So weit würde er es natürlich nicht kommen lassen. Steffen würde ihm die Ohren langziehen, wenn die Polizei hier wegen Ruhestörung aufkreuzte. Er würde das Ganze gleich abbrechen. Quasi sofort. Jede Sekunde.

Er schloss die Augen, ließ sich von der Musik mitreißen und schmiegte sich an Adrian. Der breite Brustkorb fühlte sich sensationell unter seinen Fingern und an seinem Körper an, stark und kräftig. Bedrohlich. Er spürte Adrians halbsteifen Schwanz an seinem Oberschenkel und genoss es einen Moment zu lange.

Dann beugte sich Adrian zu ihm herunter und küsste ihn.

Wahrscheinlich hing er irgendwo in einem Paralleluniversum zwischen den Zeiten fest, weil er für ungefähr drei Sekunden darauf einging. Adrians Parfüm stieg ihm in die Nase. Hier im offenen Gastraum war es zwar nicht mehr erdrückend, aber immer noch nicht angenehm. Paul zuckte zurück und unterbrach den Kuss.

„Ich glaube, das reicht jetzt.“

Adrians Lächeln wirkte gefährlich. „Was reicht? Vorspiel?“ Obwohl er schrie, um die Musik zu übertönen, lag ein Unterton in seiner Stimme, bei dem sich Paul die Nackenhaare aufstellten. Auf einmal fühlten sich Adrians Hände auf seinem Hintern wie Brandzeichen an.

Wann zum Teufel waren die auf seinem Hintern gelandet?

„Nein. Das hier. Ich hab mich mitreißen lassen.“

„Oh, und wie du das hast. Von wegen, ich brech dir die Finger. Alles nur Show.“

Er verstärkte den Griff auf Pauls Hintern und lehnte sich gleichzeitig vor, als würde er ihn wieder küssen wollen. Paul stemmte die Hände gegen seine Brust. Adrian lachte. Der Klang brachte Pauls Herzschlag ins Stolpern.

„Was denn? Willst du dich weiter zieren?“

„Nein. Das war ein Fehler.“ Mit einem Ruck machte er sich los, aber als er zur Stereoanlage gehen wollte, packte Adrian ihn am Arm und hielt ihn fest. „Adrian –“

„Weißt du, eigentlich darfst du dich nicht wundern.“

„Worüber wundern?“ Als Paul ihm seinen Arm entwinden wollte, verstärkte Adrian den Griff.

„So, wie du dich verhältst, bettelst du ja förmlich drum. Ein Teil von dir weiß das.“

Pauls Herz hatte seinen Rhythmus wiedergefunden und galoppierte in seiner Brust. Er zerrte an seinem Arm. „Lass los. Sofort.“

„Komm schon. Erst bringst du mich mit deiner bockigen Art auf Touren, dann geilst du mich auf und jetzt zierst du dich. Du willst es auch. Das muss dir nicht peinlich sein.“

„Ich ziere mich nicht. Und ganz bestimmt will ich nichts von dir. Lass los.“

Stattdessen umfasste Adrian auch seinen zweiten Arm und brachte sein Gesicht dicht an Pauls heran. „Du kannst mir nichts vormachen. Du hast es damals gewollt und willst es immer noch. Ich hab gesehen, wie geil es dich gemacht hat. Wie sehr es dir gefallen hat.“

„Es hat mir nicht –“

Wieder presste Adrian seinen Mund auf Pauls, nur dass er diesmal seine Unterlippe zwischen die Zähne zog und zubiss. Der Geschmack von Blut breitete sich auf seiner Zunge aus. Bevor er überhaupt darüber nachdenken konnte, holte er mit dem Fuß aus und trat Adrian gegen das Schienbein. Adrian jaulte auf, krümmte sich und lockerte seinen Griff lange genug, dass Paul sich losreißen konnte.

Weg hier!

Nach zwei Schritten erwischte Adrian ihn am Hemd und riss ihn zurück. Paul wurde gegen die Bar geschleudert, deren Tresen sich hart in seinen Rücken bohrte und ihm die Luft aus den Lungen presste. Einer der Barhocker fiel polternd um, was im Krach der Musik kaum zu hören war.

Scheiße, Scheiße, Scheiße. Er war so ein Idiot.

Pauls Herz raste, als er Adrian ins Gesicht sah, dass vor Wut und Erregung verzerrt war. Sein Mund zierte ein verschmierter Streifen Blut. Paul wischte sich an seiner blutenden Lippe entlang, die dumpf pochte. Gott, und das hier erregte dieses Arschloch tatsächlich, egal, was Paul dazu sagte. Wie beim letzten Mal.

„Und jetzt sag mir, dass dich das nicht scharf macht!“, brüllte Adrian ihn an. „Auf so was stehst du doch, du dreckiges, geiles –!“

„Du hast überhaupt keine Ahnung, worauf ich stehe. Und jetzt verpiss dich!“

Adrian lachte verächtlich, als hätte er ihm gerade gedroht, ihn mit einem Strohhalm zu durchbohren, und kam auf ihn zu.

Paul brach der Schweiß aus. Verdammt. Er tastete sich am Tresen entlang und achtete darauf, die Hocker zwischen sich und Adrian zu schieben. Ein lächerliches Hindernis, bei dem er sich obendrein wie in der Falle vorkam. Sie waren allein. Auf ihn wartete niemand. Und Adrian interpretierte in diesen kurzen, selbstvergessenen Moment sonst was hinein.

Was, wenn er dich schnappt?

Pauls Fingerspitzen streiften einen Flaschenhals. Plötzlich musste er an Hack denken, an die Narbe in seinem Gesicht.

Eine Flasche … hat geblutet wie Sau … der andere hat sich verteidigt …

Er umschloss den Flaschenhals und riss die Flasche hinter dem Tresen hervor. Eine fast volle Flasche Rum. Steffen würde wahrscheinlich denken, dass er sich hier mit der Küchencrew einen feuchtfröhlichen Abend gemacht hatte.

Er zögerte nur eine Sekunde, bevor er die Flasche gegen den Tresen schlug, ohne den Blick von Adrian zu nehmen. In der dröhnenden Musik hörte sich das Klirren wie ein schlecht reingemixter Song an. Rum spritzte über seine Hand und durchnässte den Saum seiner Hose. Er betete, dass die Flasche einigermaßen brauchbar zerbrochen war, ließ Adrian jedoch nicht aus den Augen.

Weniger als zwei Meter entfernt, blieb Adrian stehen. Jetzt bloß nicht kleinbeigeben. Paul riss den Arm nach vorne und zielte auf Adrian. Die Flasche war knapp unterhalb des Halses zerbrochen, wahrscheinlich viel zu kurz, um sie als richtige Waffe einzusetzen. Aber die Glaskanten sahen stabil und sehr scharf aus. Blut lief zwischen Pauls Fingern entlang. Zwischen Zeige- und Mittelfinger brannte der Rum in einer Schnittwunde. Hoffentlich war das der einzige Grund, warum seine Scheißhand zitterte.

„Und was jetzt?“, rief Adrian über die Musik hinweg. „Willst du mich abstechen?“ Jegliche Belustigung war aus seiner Stimme verschwunden. Er schien sich tatsächlich nicht sicher zu sein.

„Nicht unbedingt. Aber wenn du mich nicht in Ruhe lässt, vielleicht.“

„Komm schon, Paul. Du weißt –“

Mit der Flasche durchschnitt Paul die Luft vor Adrian, der sich wieder in Bewegung gesetzt hatte. „Bleib stehen.“

Adrian hielt inne. „Scheiße. Du meinst das echt ernst.“

Paul sagte nichts. Er konnte kaum seine eigenen Gedanken hören. Hatte Adrian bisher wirklich angenommen, er würde Witze machen? Hoffentlich würde das Rauschen in seinen Ohren irgendwann wieder abklingen. Ihm wurde jetzt schon schlecht davon.

Mit wild hämmerndem Herzen beobachtete er, wie Adrian ihn in einem weiten Bogen umrundete und zur Stereoanlage ging, und folgte der Bewegung mit der zerbrochenen Flasche. Mit einem einzigen Knopfdruck war es totenstill in Steffens Café. Zu dem Rauschen in Pauls Ohren gesellte sich ein durchdringendes Piepen.

„Gut, weißt du was?“ Adrian zeigte auf den schmalen Gang neben der Bar. „Ich hole jetzt meine Jacke und lass dich den Mist hier alleine aufräumen, okay? Und morgen sprechen wir noch mal in Ruhe –“

„Nein. Hol deine Jacke und verschwinde. Ich will dich hier morgen nicht mehr sehen. Ich will dich hier nie wieder sehen.“

Adrian entfuhr ein überraschtes Auflachen. „Ich glaube nicht, dass du das zu entscheiden hast, oder? Moreau hat mich fürs ganze Wochenende engagiert. Du brauchst mich.“

„Nein.“ Wahrscheinlich hatte Adrian die Einnahmen bereits fest verplant. Paul wusste, wie unangenehm es war, sich mit Aushilfsjobs hier und da über Wasser zu halten. Zwischen seinen Festanstellungen war er immer wieder in dieser Situation gewesen. Aber in diesem Augenblick hätte ihm nichts gleichgültiger sein können. „Verschwinde und bleib weg.“

„Jetzt mach mal halblang.“

„Geh.“

„Aber –“

Geh!“

Er hoffte, dass er nicht so verzweifelt klang, wie er sich anhörte, aber letztendlich war er derjenige mit der improvisierten Waffe in der Hand. Er konnte verzweifelt, hysterisch oder psychopathisch klingen, er hatte hier das Sagen.

„Okay, okay, meinetwegen.“ Brummend verschwand Adrian in den Gang und kehrte nur wenige Sekunden später mit seiner Jacke zurück. Skeptisch musterte er Paul, der sich keinen Millimeter gerührt hatte. „Denkst du nicht, du kannst das Ding jetzt runternehmen?“

Paul sparte sich eine Antwort. Für einen verrückten Moment glaubte er, dass jetzt doch noch eine Entschuldigung kommen würde – für heute, für damals, generell – oder dass Adrian vielleicht einen Funken Reue über das zeigte, was sie verloren hatten, aber nicht mal das bekam er hin. Schnaubend zuckte er die Schultern, schlüpfte unter Rascheln in seine Jacke und umrundete Paul erneut in einem Bogen – dieses Mal in einem demonstrativ größeren und mit spöttisch erhobenen Händen. An der Tür angekommen, machte er eine abfällige Handbewegung, ehe er kopfschüttelnd das Café verließ.

So einfach, so unspektakulär. Nur dass die verdammte Flasche in seiner Hand noch immer zitterte.

Er ist weg. Du hast ihn in die Flucht geschlagen. Nichts passiert.

Paul stieß die Luft aus, die er irgendwann angehalten hatte. Seine Beine fühlten sich an wie weichgekochte Spaghetti und für eine Sekunde befürchtete er, einfach wegzusacken. Der verschüttete Rum brannte in seiner Nase und löste eine späte Welle der Übelkeit aus. Mit einem Mal fühlte er sich völlig kraftlos. Erschöpft lehnte er sich gegen den Tresen in seinem Rücken, sodass zumindest ein Teil seines Gewichts gestützt wurde.

Langsam nahm er die Flasche runter, ohne seinen Griff zu lockern – der einzige Körperteil, der noch vollkommen verkrampft war und von der Anspannung schmerzte. Die Schnittwunde zwischen seinen Fingern pochte, genau wie seine Lippe und eine Stelle an seinem Rücken, wo Adrian ihn gegen die Theke geschleudert hatte.

So weit, so gut. Beim letzten Mal war er in weitaus schlechterem Zustand gewesen.

Als die Eingangstür aufgerissen wurde, fuhr Paul zusammen und riss den Arm wieder hoch. Sein Herz sprang in seine Kehle und schnürte ihm die Luft ab. Sein Verstand gaukelte ihm die verrücktesten Bilder vor, angefangen mit Adrian, der mit einer gefährlicheren Waffe als einer zerbrochenen Flasche zurückgekehrt war.

Dann erkannte er Hack und hätte beinahe erleichtert aufgestöhnt.

„Was zum Teufel …?!“ Hack blieb an der Tür stehen, als wäre er vor eine unsichtbare Wand gelaufen. Mit einem Blick erfasste er den Raum und die Situation. Als er niemanden sonst entdecken konnte, lief er auf Paul zu. „Paul, was –“

„Alles gut. Nichts passiert. Alles gut.“ Er wich Hacks brennendem Blick aus, sog allerdings gierig die frische Meeresbrise ein, die er mitbrachte. Sein Herzschlag normalisierte sich langsam wieder. Als er jedoch versuchte, den Arm sinken zu lassen, fühlte es sich an, als wäre er mit einem Riegel festgestellt worden. Er zitterte, aber aus irgendeinem Grund konnte er nicht lockerlassen.

Hack legte eine schwere Hand auf seinen Unterarm. Als wäre das alles, was es an Druck benötigte, sackte sein Arm nach unten. Der Flaschenhals entglitt seinen Fingern und zerbrach klirrend am Boden. Ha. Hieß es nicht, Scherben bringen Glück? Ihm auf jeden Fall.

Bis auf die Tatsache, dass Hack vor ihm stand und eine Million unausgesprochener Fragen zwischen ihnen hingen. Sein großer Körper strahlte eine Hitze aus, die sich angenehm auf Pauls Haut anfühlte. Plötzlich wurde ihm bewusst, wie kalt ihm war.

Hack umfasste sein Kinn und hob es sachte an. „Was zum Teufel ist hier passiert?“ Sein knurriger Tonfall stand im krassen Gegensatz zu seiner sanften Berührung. Vorsichtig strich er mit dem Daumen an Pauls Lippe entlang, hielt jedoch inne, als Paul zusammenzuckte. „War das dieser Kerl, der eben gegangen ist? Die Aushilfe?“ Hack klang, als würde er nur auf Pauls Stichwort warten, damit er loshetzen und Adrian jagen konnte, um ihn zu zerfetzen.

Paul riskierte einen Blick zu Hack. Auf seiner Jacke und in seinen Haaren glitzerte Schnee, was ihm eigentlich etwas Komisches hätte geben müssen. Stattdessen ragte er über Paul auf wie der Yeti, dem man sein Futter geklaut hatte. Wenn er sich nicht so ausgelaugt gefühlt hätte, hätte er den Anblick vermutlich erregend gefunden.

„Paul“, sagte Hack drängend und beinahe klang es, als würde Sorge in seiner Stimme mitschwingen.

Paul holte tief Luft und befreite sein Kinn aus Hacks Griff. „Alles gut.“

„Das hast du schon gesagt.“

„Dann meine ich es wohl so.“ Er hob eine zitterige Hand, um sich vielleicht übers Gesicht oder durch die Haare zu fahren, aber so weit kam er nicht. Hack fing seine Hand ein und inspizierte seine Finger.

„Du blutest.“

„Muss mich geschnitten haben.“

Hack sog so tief und langsam Luft ein, dass sich sein Oberkörper unter der Jacke raschelnd aufblähte. Unter seiner Oberfläche brodelte eine Wut, die in Wellen von ihm abzustrahlen und den Boden zum Vibrieren zu bringen schien. Trotzdem fühlte Paul sich sicherer, als er es mit Adrian in einem Raum je gekonnt hätte.

Abgesehen von deinen dummen zehn Minuten gerade.

Hätte Adrian ihn in Ruhe gelassen, wenn er sich nicht hätte hinreißen lassen? Wenn er weiterhin auf Abstand und bockig geblieben wäre, anstatt Adrian Hoffnungen zu machen?

Beinahe hätte Paul gelacht. Hoffnungen?

Hack musterte ihn immer noch, als könnte er direkt in seinen Kopf hineingucken. Pauls Herzschlag beschleunigte sich wieder. Er entwand ihm seine Hand und nickte zu den Toiletten auf der anderen Seite des Gastraums.

„Ich geh mal schnell. Das Blut abspülen.“

Hack sagte nichts, ließ ihn aber gehen. Wahrscheinlich sah er auch, dass seine Schritte alles andere als selbstbewusst oder sicher waren. Er war noch nie so froh gewesen, dass Steffens Café so überschaubar war. Verdammt. Wenn Hack nicht da gewesen wäre, hätte er sich vermutlich an der Wand abgestützt.

Die Toiletten bestanden aus jeweils einem einzigen abschließbaren Raum mit Toilette, Waschbecken und Spiegel und waren nahezu identisch eingerichtet. Es roch schwach nach Lavendel und in der Herrentoilette war es zudem arschkalt. Jemand hatte das schmale Fenster oberhalb der Toilette geöffnet und seitdem hatte es niemand mehr geschlossen.

Als Paul sich nach dem Fenstergriff streckte, durchzuckte ein pochender Schmerz seinen Rücken. Nicht so schlimm, dass er befürchtete, sich etwas gebrochen zu haben, aber schlimm genug, um unangenehm zu sein. Jetzt, da das Adrenalin allmählich absank, kam er sich doch ein wenig verprügelt vor.

Er ging zum Waschbecken und ließ lauwarmes Wasser laufen, wobei er anfangs den Blick in den Spiegel vermied. Dann siegte seine Neugier und er sah doch hinein.

Er sah aus wie ausgekotzt. Und wie ein Gespenst. Wie ein ausgekotztes Gespenst. Kein Wunder, dass Hack ihn eben so angesehen hatte.

Wieso ist er überhaupt zurückgekommen? Unwahrscheinlich, dass es vor Sehnsucht nach ihm war.

Der Schnitt an seiner Hand war nichts Weltbewegendes und seine Lippe wäre morgen wahrscheinlich bereits abgeschwollen. Damit konnte er problemlos arbeiten – was er auch musste. Wie er Steffen erklären wollte, dass er Adrian kurzerhand gefeuert hatte, wusste er noch nicht.

Paul spritzte sich eine Ladung kaltes Wasser ins Gesicht, wobei der Riss in seiner Lippe unangenehm ziepte. Wenigstens hatte er jetzt etwas Farbe auf den Wangen.  

Als er in den Gastraum zurückkehrte, fegte Hack mit einem Kehrblech die Scherben der Flasche zusammen. Seine Jacke hing über einem Stuhl und die beiden Lappen aus der Spüle lagen auf dem Boden ausgebreitet und saugten den Rum auf.

„Danke“, sagte er, als Hack die Scherben in den Mülleimer kippte.

Hack brummte und stellte Kehrblech und Handfeger zurück unter den Tresen. „Sonst noch was?“

„Nein. Wir … wir waren eigentlich fertig.“

„Du meinst, bevor das hier außer Kontrolle geraten ist.“

„Sozusagen.“ Paul verschwand in den schmalen Gang, um seine Jacke aus dem Wandschrank zu holen.

„Was genau ist denn außer Kontrolle geraten?“, fragte Hack vom Ende des Gangs aus.

Umständlich zog Paul seine Jacke an, aber als er zurückging, stand Hack noch immer da und wartete auf eine Antwort. „Wieso bist du eigentlich noch da? Ich hab dich vorhin weggehen sehen.“

„Die U-Bahn fährt nicht. Betriebsstörung.“

Scheiße. Und wie zum Teufel kam er jetzt nach Hause? Er wollte nur noch ins Bett. „Und Yvette?“

„Hat den Bus genommen.“ Hack ging zu seiner Jacke und schlüpfte hinein. „Wenn du mir nicht sagen willst, was passiert ist, dann verrat mir wenigstens, ob dieses Arschloch morgen wieder hier auftauchen wird.“ Seine Miene verfinsterte sich. „Dann frage ich nämlich ihn, was hier los war.“

Paul schüttelte den Kopf. „Nein.“

„Nein, ich soll ihn mir nicht schnappen und höflich fragen?“

Paul konnte sich gut vorstellen, wie höflich bei Hack aussah. „Nein, er kommt morgen nicht wieder.“ Hoffentlich. Vielleicht sollte er Steffen anrufen und ihm zumindest teilweise erzählen, was passiert war. Falls Adrian morgen wiederkommen und das Café auch nach Aufforderung nicht verlassen würde, könnte er ihm androhen, die Polizei zu rufen.

„Und da bist du so sicher, weil der Kuss zwischen euch so abstoßend war oder weil du mit einer abgebrochenen Flasche auf ihn losgegangen bist?“

Was? Wie lange …? Paul versuchte, die zeitliche Abfolge auf die Reihe zu bekommen, aber sein Hirn blockierte.

„Ich habe euch durchs Fenster gesehen.“ Oh Scheiße. „War ‘ne ziemliche Show, dazu die laute Musik …“

Paul räusperte sich. „Wenn du uns gesehen hast, wieso bist du dann nicht reingekommen?“

„Ich wollte nichts unterbrechen.“ Irgendwie klang Hack hölzern. Oder lag das an dem blöden Geraschel seiner Jacke? „Konnte ja keiner ahnen, dass die Stimmung so umschlägt. Ich war schon wieder auf dem Weg zur U-Bahn, als die Musik plötzlich ausging und der Kerl gegangen ist.“

Also hatte Hack nicht alles gesehen. Vermutlich sollte er froh darüber sein. Wenn Hack wie die Kavallerie durch die Tür gebrochen wäre, als Adrian handgreiflich geworden war, wäre wahrscheinlich mehr Blut geflossen. Bestimmt nicht gut für seine Bewährung, wenn er wieder in eine Schlägerei verwickelt wurde.

Als Paul nichts sagte, begann Hack, seine Jackentaschen nach seinen Zigaretten abzuklopfen. „Ich hätte dich nicht für einen Tänzer gehalten.“

Paul zog seinen Schal höher. „Ist lange her.“

„Du bist siebenundzwanzig. Wie lange kann das her sein?“

Scheiße. Fühlte sich Hack jedes Mal so, wenn er ihm eine Frage stellte, die er nicht beantworten wollte? Oder einem Thema zu nahe kam, über das er nicht reden wollte?

„Sah jedenfalls aus, als hätte es dir Spaß gemacht.“ Hack hatte seine Zigaretten gefunden, schüttelte eine aus der Packung und zog sie mit den Lippen heraus. „Mich bekommst du nicht in einen Club.“

Schwach zupfte es an Pauls Mundwinkeln. „Hätte ich auch nicht gedacht.“

Hack gehörte in dunkle Straßenecken und kleine, verwinkelte Bars, in denen die Rauchschwaden von zig Zigaretten unter der Decke hingen und verschiedene Whiskeys in urigen Holzregalen aufgereiht waren – und nicht in einen weitläufigen Club mit Darkroom und Laser-Lichtkonzept, in dem halbnackte Männer auf der Tanzfläche zappelten, bunte Cocktails serviert wurden und Glitter von der Decke fiel.

Hack fischte ein Feuerzeug aus seiner Hosentasche und nickte zur Tür. „Gehen wir. Ich hab ein Taxi bestellt. Müsste gleich da sein.“

Paul zog die Augenbrauen hoch. „Ein Taxi? Und damit willst du zuerst mich nach Hause fahren und anschließend weiter zu dir? Bist du mit Dagobert Duck verwandt?“

Hack nahm die Zigarette aus dem Mund. „Eigentlich hab ich gehofft, du kommst mit zu mir.“

Womit sie immer noch viel zu viel zahlen würden. „Ich weiß nicht …“

„Ich würde dich ungern allein lassen.“ Der Unterton in Hacks Stimme klang seltsam, obwohl Paul nicht genau sagen konnte, woran das lag.

„Ich bin schon groß, keine Sorge.“

„Ich weiß. Trotzdem. Du hast immer noch diesen Ausdruck in den Augen.“

Paul schluckte. „Welchen Ausdruck?“

„Der, der dich eine Flasche hat zerschlagen lassen, damit du dich mit irgendwas verteidigen kannst.“

Paul wandte den Kopf ab. Vermutlich kannte Hack sich mit solchen Blicken aus. Schließlich hatte er genau wie Adrian mal auf der anderen Seite einer zerbrochenen Flasche gestanden.

„Du musst nicht drüber reden, wenn du nicht willst“, sagte Hack leise. „Aber bitte komm mit zu mir.“

Die Einladung klang anders als noch am Mittwoch. Da hatte er Paul gebraucht, um sich nicht zu viele Gedanken zu machen. Jetzt schien er ihm anbieten zu wollen, genauso für ihn da zu sein.

Pauls Puls schoss in die Höhe. War das nicht genau das, was eine Beziehung ausmachte? Für den anderen da zu sein, wenn er ihn brauchte?

„Da ist das Taxi“, sagte Hack. Seine Jacke raschelte leise, als er zur Tür ging, sie aufzog und dem Fahrer ein Handzeichen gab. Er schob die Zigarette samt Feuerzeug zurück in seine Jackentasche und drehte sich um. „Paul?“

Paul fuhr sich durch die Haare und vergaß dabei die Schnittwunde zwischen seinen Fingern. Er zuckte zusammen und starrte auf den kleinen Riss in seiner Haut, in dem sich erneut ein Blutstropfen sammelte und der wieder dumpf zu pochen begonnen hatte.

Wenn er sich früher als Kind wehgetan hatte, hatte ihn sein erster Weg immer zu Oma Biggi geführt. Nicht nur, um sich verarzten zu lassen, sondern auch um Trost bei ihr zu suchen. Als Teenager war es komplizierter geworden. Die Wunden waren andere und als Heranwachsender ließ man sich natürlich nicht mehr von seiner Oma trösten. Oma Biggi hatte sich jedoch nur schwer abschütteln lassen.

„Sei nicht albern, Paulchen. Niemand ist mit seinem Schmerz gern allein. Ich stelle auch keine Fragen, versprochen. Ich setze mich einfach nur hierhin und leiste dir Gesellschaft, in Ordnung? Und können wir die Musik vielleicht etwas leiser machen?“

Paul ging zu Hack, um ihm einen kurzen Kuss auf den Mund zu drücken. „Danke.“ Er zückte den Schlüssel, um Steffens Café abzuschließen. Als Hack nicht zur Seite trat, hob er den Kopf.

Hack sah aus, als wollte er etwas sagen. Sekundenlang schauten sie sich in die Augen. Pauls Nacken kribbelte. Dann beugte Hack sich vor und küsste ihn erneut, wobei er anfangs nur vorsichtig über Pauls Unterlippe strich. Als Paul nicht zurückwich, vertiefte er den Kuss, der einen seltsam verzweifelten Beigeschmack hatte. Dennoch wurde Paul so schwindelig, dass er sich an Hack festhalten musste, damit seine Knie nicht doch noch einknickten.

Als hätte er damit einen Bann gebrochen, löste sich Hack von ihm und räusperte sich. „Gehen wir.“ Behutsam löste er Pauls Griff von seinem Arm und ging zum Taxi.