Unausgesprochene Worte

GeschichteRomanze / P18 Slash
25.02.2016
05.03.2016
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Hallo zusammen,



vielen, vielen Dank für die lieben Reviews, Favoriteneinträge und Empfehlungen! Es freut mich sehr, dass ihr bei Paul und Hack wieder mit dabei seid :)

Ich wünsche euch einen schönen Sonntag und natürlich viel Spaß beim Lesen!



*




Oma Biggi war der Ansicht gewesen, dass es egal war, was ein Mann sagte, weil nur seine Taten zählten. „Die meisten Männer reden ohnehin nicht viel, und wenn doch, dann ist es Unsinn.“

Wahrscheinlich hatte sie damit gar nicht so unrecht – auch wenn sich Paul damals furchtbar beleidigt gefühlt hatte, weil er schließlich auch ein Mann war. Allerdings war er mit sechzehn und inmitten eines schweren Gefühlschaos wegen eines Mitschülers nicht in der Lage gewesen, zu begreifen, dass Oma Biggi diese Weisheit nur auf bestimmte Bereiche bezog.

Als Hack ihn in seine Wohnung zog, die Tür hinter ihm zuwarf und ihn dagegen zurückdrängte, dämmerte Paul, welche Bereiche sie gemeint hatte.

Hungrig landete Hacks Mund auf seinem, während seine Hände an Pauls Jacke und Schal zerrten, als hätte er Paul in den letzten Tagen genauso sehr vermisst wie Paul ihn. Das Gefühl war berauschend. Paul schloss die Augen und ließ sich treiben. Hacks Kuss war verzehrend, seine Bewegungen verzweifelt, als er Paul die Jacke über die Schultern schob.

Paul kam kaum hinterher, Hack von seinen Klamotten zu befreien, da stand er schon halbnackt an der Tür. Verlangen pulsierte durch seinen Körper und knipste ein Licht nach dem anderen in seinem Verstand aus, bis er außer Hack nichts anderes mehr wahrnahm.

„Zieh die Schuhe aus.“

Schuhe. Paul blinzelte und starrte Hacks Mund an, der nur fünf Zentimeter von seinem entfernt war und doch nicht weiter weg sein könnte.

„Paul“, sagte Hack, während er sich die Jacke von den Schultern riss und Pullover und T-Shirt zusammen über den Kopf zerrte. Der vertraute Geruch von Gebratenem und Fett wehte zu ihm herüber, untermalt von Hacks herrlichem Meeresduft. „Deine Schuhe.“ Er trat sich seine eigenen von den Füßen und fummelte am Gürtel seiner Jeans herum.

Bevor er sie öffnen konnte, hakte Paul einen Finger in den Bund und zog Hack an sich heran. Er presste seine Lippen auf Hacks, lockte seine Zunge in seinen Mund und umschmeichelte sie lange genug, dass sein Angriff überraschend kam, als er in Hacks Zunge biss. Nicht so fest, das Blut floss, aber fest genug, dass Hacks Stöhnen seine Nervenenden zum Vibrieren brachte.

Er spürte eine Hand auf seiner Schulter. Mit einem Ruck wurde Paul zurückgedrückt, bis er mit dem Rücken gegen die Eingangstür prallte. Das schäbige Türblatt klapperte im Rahmen. Das raue Holz fühlte sich erregend kühl an Pauls nackter Haut an und bot ihm Halt, als er Hacks Blick begegnete.

Hacks dunkle Augen brannten und verliehen seinem Gesicht zusammen mit der Narbe eine Wildheit, bei der sich Paul auf die Unterlippe biss. Er drängte gegen die Hand auf seiner Schulter, doch gegen die starken Muskeln in Hacks Arm hatte er keine Chance. Paul erschauerte. Hack war so viel stärker als er. Allein bei dem Gedanken zuckte sein steifer Schwanz in seiner Pants.

„Schlafzimmer“, presste Hack heiser hervor und grub seine Finger schmerzhaft in Pauls Schulter. Er sah zu Pauls Füßen, die immer noch in seinen Schuhen steckten und um deren Knöchel seine Stoffhose hing. „Wenn du die nicht ausziehst, trag ich dich.“

Paul schlang die Finger um Hacks angespannten Oberarm. Die Muskeln waren hart wie Stahl – obwohl Paul den Eindruck hatte, dass sie unter seiner Berührung zu zittern begannen. „Hier.“

Hack starrte ihn an und lockerte den Griff seiner Hand. In seinen Augen blitzte es auf, doch er zögerte. „Ich hab kein –“

„Ich schon. Im Geldbeutel.“

Falls Hack es komisch fand, dass er ein Kondom mit sich herumschleppte, sagte er es nicht. Er war gerne vorbereitet. Das war ihnen damals im Viereck entgegengekommen, genauso wie ihm und dem Koch bei seiner vorherigen Arbeitsstelle. Oder bei Adrian.

Beinahe wäre Paul zusammengezuckt. Du wirst jetzt nicht an Adrian denken!

Paul stieß Hacks Arm zur Seite, was ihm nicht bei jedem gelungen wäre. Hack hingegen schien genau zu wissen, wann er zupacken und wann er lockerlassen musste.

Als er sich bückte und das Kondom aus seinem Geldbeutel zog, knurrte Hack von oben: „Hast du da auch Gleitmittel drin?“

„Nein.“ Paul richtete sich wieder auf und drückte Hack das extrafeuchte Kondom in die Hand. „Ich will kein Gleitmittel. Ich will es hier. Und ich will es jetzt. So wie damals im Viereck.“

Erregung huschte über Hacks kantiges Gesicht. „Verdammt.“

Im nächsten Augenblick wurde er von Hacks muskulösem Körper gegen die Tür gedrängt. Im Gegensatz zu der Hitze, die Hack ausstrahlte, fühlte sich das Holz noch kälter an seinem Rücken an. Sein Herz hämmerte in seiner Brust, als Hack sein Gesicht dicht an seins heranbrachte. Obwohl Paul die Narbe, die sich nur knapp an Hacks linken Auge entlang zog, inzwischen aus allen möglichen Perspektiven kannte, wirkte sie neben der Glut in seinem Blick Furcht einflößend.

Bebend hob Paul Hack sein Gesicht entgegen. Er spürte bereits das Kribbeln auf seinen Lippen, als Hack ihn packte und umdrehte. Die Stoffhose wickelte sich weiter um seine Knöchel, aber bevor er das Gleichgewicht verlieren konnte, presste ihn Hacks Gewicht gegen die Tür.

Paul ächzte, als das Holz auf seine erhitzte Vorderseite traf. Er konnte Hacks körperliche Überlegenheit so deutlich spüren wie seine pochende Erektion, die zwischen ihm und der Tür eingeklemmt war. Sein Nacken prickelte, als Hacks Atem ihn streifte. Kurz darauf spürte er seine Zähne, die über die empfindliche Haut schabten. Gänsehaut schoss über seine Wirbelsäule direkt in seinen Unterleib.

Mit einem Wimmern zerrte Paul seine Pants ein Stück herunter und drängte seinen Hintern gegen Hacks harten Schwanz, der immer noch in der Jeans steckte. Er hob die Arme, um sich an der Tür abzustützen, die bei jeder Bewegung leise klapperte – was bei Weitem nicht so schlimm war wie Hacks quietschendes Bett.

Dann gruben sich Hacks Zähne in seinen Nacken und zwei feuchte Finger stießen in ihn.

Spucke, war ihm gerade noch klar, bevor der Ansturm die Verbindung zu seinem Hirn kappte. Zitternd ließ er den Kopf nach vorne sinken, als sich Lust explosionsartig in ihm ausbreitete. Er schob die Beine weiter auseinander, was mit der Stoffhose und den Schuhen nicht ganz einfach war. Ungeduldig kämpfte er seinen rechten Fuß frei.

Hack ließ von seinem Nacken ab und leckte über die malträtierte Stelle. Als er sich das Mal vorstellte – ein Bluterguss? Ein Zahnabdruck? Eine Bisswunde? –, bebte Paul. Er bewegte sich den Fingern entgegen, schloss die Augen und flüsterte: „Noch mal.“

Er wusste nicht, ob Hack ihn gehört hatte. Sein Mund und seine Zunge arbeiteten sich zur anderen Seite. Alles in ihm war bis zum Zerreißen gespannt wie ein überdehntes Gummiband.

Komm schon.

Das Blut rauschte in seinen Ohren, bis das Knistern der Kondomverpackung es durchschnitt. Hack zog seine Finger zurück und grub sie in Pauls Hüfte. Dann spürte er Hacks Schwanz an seinem Eingang und seine Zunge, die über seinen Nacken tanzte.

Als Hack sich in ihn schob, biss er wieder zu – in fast dieselbe Stelle wie beim ersten Mal. Paul schrie heiser auf, als der pochende Schmerz in seinem Hintern und Nacken zusammentrafen und sich gegenseitig hochschraubten. Er krümmte die Finger, als wollte er sich an der Tür festkrallen. Sein schwerer Atem hatte das Holz beschlagen und die Feuchtigkeit fiel auf sein Gesicht zurück.

Hack hatte seine Jeans nur geöffnet und ein Stück heruntergezogen. Als er sich zu bewegen begann, spürte Paul nicht nur seinen Schwanz in sich, sondern auch den rauen Stoff, der über die Rückseite seiner Oberschenkel rieb. Mit gefährlicher Präzision reizte Hack Pauls Prostata, bis Pauls Beine zitterten.

Jeder Stoß trieb Pauls Erektion gegen die lärmende Tür. Falls Nachtschwärmer im Treppenhaus vorbeigingen, hielten sie vermutlich irritiert inne. Vielleicht weckte das Geräusch auch den einen oder anderen von Hacks Nachbarn. Abgesehen von den letzten Tagen hatten sie in den vergangenen Wochen einiges mitmachen müssen.

Die Vorstellung befeuerte die unerträgliche Hitze in Pauls Unterleib. Seine Hand rutschte am Türblatt hinunter. Bevor er sie jedoch um seinen Schwanz legen konnte, landete Hacks Hand auf seiner und zog sie wieder hoch. Er hätte die andere Hand nehmen können, tat es aber nicht.

Mit einer Sanftheit, die im krassen Gegensatz zu den heftigen Bewegungen seiner Hüften oder den Bissen stand, küsste Hack seinen Nacken.

„Hack …“ Er konnte es nicht verhindern. Die Gefühle in seinem Inneren drängten an die Oberfläche.

Hacks Hand schob sich von seiner Hüfte in seinen Schritt. Als er Pauls Schwanz umfasste, zuckte er ihm hilflos entgegen. Hack folgte der Bewegung und nagelte Paul an die Tür, bis er kaum noch Bewegungsspielraum hatte. Und dann – endlich, endlich – kam er.

Der Orgasmus überrollte ihn so heftig, dass es ihn von den Füßen gefegt hätte, wenn Hacks Gewicht ihn nicht aufrecht gehalten hätte. Hack stöhnte, als er mitgerissen wurde. Er drückte seinen Mund gegen Pauls Hals, als wollte er den Laut dämpfen.  

Die Erinnerung an ihr erstes Mal im Viereck legte sich über dieses Mal, aber etwas war anders. Damals in der Küche des Vierecks hatte sich Hack nicht so schwer gegen ihn gelehnt. Er hatte seine Finger nicht mit Pauls verschränkt. Er war danach nicht so dicht bei ihm geblieben, dass er an seiner Haut spüren konnte, wie sich Hacks Atem wieder beruhigte.

Paul schloss die Augen und lehnte die Stirn gegen die Tür. Scheiße. Das würde ihn umbringen.

Er ächzte, als Hack sich schließlich aus ihm zurückzog und von ihm löste. Kühle Luft traf seinen verschwitzten Rücken. Er hörte, wie Hack sich entfernte, rührte sich jedoch nicht. Er traute seinen Beinen noch nicht.

„Hier.“ Paul nahm den warmen Waschlappen entgegen, den Hack ihm reichte. Seine Jeans war noch offen, sein nackter Oberkörper eine faszinierende Mischung aus groben Muskeln und glatter Haut, die Pauls Blick wie magnetisch festhielt. Bis Hack scharf die Luft einsog. „Verdammt.“

Pauls Kopf fuhr hoch. „Was?“ Eine federleichte Berührung an seinem Nacken, der noch immer pochte. Ach so. Er hob die Hand, um die Stelle vor Hacks entgeistertem Blick zu verstecken, und räusperte sich. „Schon okay.“

Scham kribbelte in seinen Wangen, während er sich mit einer Hand säuberte. Hoffentlich war sein Gesicht nicht so erhitzt, wie es sich anfühlte. Das Letzte, was er jetzt brauchte, war, dass Hack sich deswegen schlecht fühlte. Oder schuldig. Oder sonst was Beschissenes. Er hatte schon genug eingebildete Gründe, um sich von Paul fernzuhalten.

Okay?“ Hack knirschte mit den Zähnen. „Scheiße, das sieht aus … du bringst mich andauernd dazu …“ Fluchend fuhr er sich durch die Haare, als könnte er damit davon ablenken, dass der Satz noch nicht zu Ende war.

Mit hochgezogenen Augenbrauen drehte sich Paul ganz zu ihm um. „Ja?“

„Nichts.“

„Ich bringe dich wozu?“

„Scheiße.“ Hack deutete auf seinen Hals. „Dazu.“

„Wenn ich dich zu irgendetwas bringen könnte, käme mir so was als Letztes in den Sinn.“

„Dann solltest du mal einen Blick in den Spiegel werfen. Das sieht nämlich aus, als hätte dich ein verfluchter Vampir angefallen.“

Paul nahm die Hand von seinem Hals und warf einen Blick darauf. Kein Blut. Von wegen. „Heißt das, ich darf dich ab jetzt Dracula nennen?“ Der Gedanke war so absurd, dass Paul sich nur mühsam ein Grinsen verkneifen konnte. „Dürfte deinem Hackfleisch-Image doch entgegenkommen. Hey, wie wäre es mit Graf Hack?“

Hacks Miene verfinsterte sich. „Das ist nicht lustig.“

„Findest du?“

„Nein!“

Er riss Paul den Waschlappen aus der Hand, trat an ihm vorbei und hockte sich hin, um Pauls Sperma zu Leibe zu rücken, das in milchigen Bahnen die Tür hinunterlief. So, wie er darüber rubbelte, versuchte er allerdings eher, Rotweinflecken aus einem weißen Lammfellteppich zu entfernen. Eine Scheißarbeit. Das war ihm mal in der Goldenen Krone beim Aufräumen in einer der Suiten passiert. Zum Glück war in dem Glas nur noch ein Rest Rotwein gewesen.

„Du bringst mich dazu, die Kontrolle zu verlieren“, knurrte Hack. Inzwischen hatte er sich fast durch die Tür geschrubbt. „Und das ist gefährlich.“

Wahrscheinlich glaubte er das wirklich. „Hack.“ Behutsam legte Paul eine Hand auf Hacks Schulter. Als er damit nichts bewirkte, grub er seine Finger tiefer hinein, bis Hack innehielt. Er starrte allerdings weiterhin die Tür an, als könnte er Pauls Anblick nicht ertragen. „Alles gut. Ich hab’s gewollt.“

Eigentlich hätte Hack in einem Paralleluniversum gewesen sein müssen, um das nicht mitzubekommen. Dennoch brummte er wieder, als würde er Pauls Einverständnis als Entschuldigung nicht gelten lassen.

„Außerdem weiß ich …“ … dass du mir nichts tun wirst.

Das wäre gelogen gewesen. Das konnte er nicht wissen. Hack hätte sich nicht solche Mühe gemacht, seinen Ruf aufzubauen und Paul immer und immer wieder abzuschrecken, wenn er völlig harmlos gewesen wäre. Aber die Gefahr, die er ausstrahlte, war eine ganz andere als bei Adrian. Das hatte er vom ersten Moment an gewusst – gespürt – und diese Gewissheit hatte sich noch verstärkt, nachdem er mit Hack bei Walthers Weihnachtsessen gewesen war. Er war nicht so dumm, denselben Fehler zweimal zu machen.

Paul lockerte seinen Griff und strich mit den Fingern über Hacks Nacken in seine dichten, schwarzen Haare hinein. „Ich vertraue dir.“

Hack versteifte sich und sagte nichts.

„Und jetzt lass die Scheißtür in Ruhe und komm mit ins Bett.“



*




In Hacks Bett aufzuwachen, erinnerte ihn an einen Tag am Meer, den man dösend im Strandkorb verbrachte – und das dämliche Quietschen war das Kreischen der Möwen. Als Kind war er ein paar Mal mit Oma Biggi und seiner Mutter an der Nordsee gewesen und als Jugendlicher einmal in einem Ferienlager. Gott, war das ein Scheißsommer gewesen. Die meiste Zeit über hatte es geregnet wie zum Weltuntergang und der Typ, den er von Anfang an angeschmachtet hatte, war nach einer Woche nach Hause geschickt worden, weil er den obligatorischen Außenseiter verprügelt hatte, um der Ferienlagerschönheit zu imponieren.

Er hatte schon damals eine Schwäche für Idioten und böse Jungs gehabt.

Nur dass Hack weder ein Idiot noch ein böser Junge war. Okay, kein richtig böser Junge.

Paul schlug die Augen auf. Schwaches, graues Licht fiel durch den lückenhaften Rollladen ins Zimmer. Keine Sonne. Kein gutes Zeichen.

Auch ohne sich umzudrehen, wusste er, dass Hack nicht neben ihm im Bett lag. Das tat er nie, wenn Paul aufwachte. Als hätte er einen inneren Wecker eingebaut, der ihn immer vor Paul aus dem Bett trieb, damit es sich bloß niemand zu kuschelig machte. Paul hatte sich nie für einen Langschläfer gehalten, aber im Gegensatz zu Hack war er ein Komapatient.

Nur um wirklich ganz sicher zu gehen, drehte er sich unter protestierendem Quietschen auf den Rücken.

War ja klar. Der leise gestellte Ton des Fernsehers im Nebenzimmer hatte ihm eigentlich schon genug verraten.

Mit einer Hand strich er über die freie, kühle Fläche neben sich, die bei dem 1,40 Meter breitem Bett kaum groß genug für Hack zu sein schien. Wenigstens hatte er inzwischen ein zweites Kopfkissen gekauft. Ein winziges Zugeständnis, obwohl Hack es in letzter Zeit seltener gebraucht hatte.

Paul schlug die Decke zurück und rutschte an die Bettkante – begleitet von nervenaufreibendem Quietschen. Wie zum Teufel schaffte Hack es, sich so klammheimlich aus dem Bett zu schleichen, dass Paul nicht einmal wach wurde?

Während er zu dem schmalen Kleiderschrank ging, hörte er es aus dem Nebenzimmer klappern. Das verdammte Bett hatte Hack informiert, dass er aufgewacht war. Wahrscheinlich kaufte er sich deshalb kein neues oder benutzte Schmieröl. Die beiden steckten unter einer Decke.

Neben dem Kleiderschrank türmte sich wie immer ein Berg Wäsche, der schwach nach Essen roch. Da Hack keine eigene Waschmaschine in seiner Wohnung hatte, war es nicht immer einfach, eine der Gemeinschaftswaschmaschinen im Keller zu ergattern, wenn gerade Not an Klamotten war – zumal hier ungefähr Tausend Leute wohnten.

Paul hatte ihm schon mal angeboten, bei ihm zu Hause zu waschen. Hack hatte ihn angestarrt, schnaubend den Kopf geschüttelt und mit einer ironischen Bemerkung abgelehnt, als hätte er vorgeschlagen, zusammenzuziehen.

Er öffnete den Kleiderschrank, in dem es erstaunlich ordentlich aussah. Ein paar Jeans, T-Shirts und Pullover. Eine Handvoll Hemden. Ohne nachzuzählen, wusste Paul, dass er mehr Klamotten besaß.

Er zog einen Kapuzenpullover von Hack heraus, der ihm viel zu groß war. Normalerweise hätte er kein Problem damit, nackt durch die Wohnung zu spazieren, aber dafür war es nicht warm genug. Er vermutete, dass entweder Hacks Heizung nicht richtig funktionierte oder dass dieser Bau schlecht isoliert war.

Er sammelte seine Pants von gestern vom Boden auf und stieg hinein. Obwohl Hack nicht so sehr auf Kuscheln am Morgen stand, war es ihm abends umso lieber. Natürlich nackt. Dann zog er Paul fest an sich und wärmte ihn mit seinem großen, starken Körper.

Paul hatte keine Ahnung, wann in der Nacht der Punkt kam, an dem er von ihm abrückte und gefühlte Stunden vor ihm aufstand. Er würde einiges dafür geben, morgens einmal mit ihm zusammen aufzuwachen.

Er ging zur Tür und öffnete sie. Der Geruch nach gebratenem Speck und Rührei schlug ihm entgegen. Mit einem Pfannenwender bewaffnet, stand Hack in Jogginghose an seiner winzigen Küchenzeile und sah ihm entgegen. Feuchte Haarsträhnen fielen ihm in die Stirn.

„Morgen.“

„Morgen. Du musst nicht jedes Mal Rührei für mich machen.“

Hack zuckte die Schultern. „Die Eier mussten weg.“

Die Eier mussten jedes Mal weg. „Ich komm auch mit Toast klar.“

„Du kannst ja Toast essen, wenn du willst. Ich nehme das Rührei.“

Paul schnitt eine Grimasse und durchquerte den Wohnraum, um zum Bad auf der anderen Seite zu gelangen. Dabei blieb sein Blick an den Fenstern hängen, hinter denen es in dicken Flocken dicht an dicht schneite. Verdammt. Hoffentlich war die MVV ausnahmsweise auf den Winter vorbereitet.

Er verschwand ins Bad, in dem die Ersatz-Zahnbürste auf ihn wartete. Seit Weihnachten hatte weder Hack noch er sie weggeschmissen. Jetzt konnte er sie bald gegen eine neue austauschen. Und Hack hatte auch nicht aufgehört, ihm bei jedem seiner Besuche ein frisches Handtuch bereitzulegen. Der Kerl war besser als ein Hotel. Frühstück, frische Handtücher, Sex.

Als er aus der Dusche stieg und nackt vor den Spiegel trat, fiel ihm eine rote Stelle an seinem Hals auf. Das hätte er fast vergessen. Er beugte sich über das Waschbecken, drehte den Kopf ein wenig und musterte das wütende Mal. Gestern hatte es schlimmer ausgesehen. Da hatte er tatsächlich Zahnabdrücke erkennen können. Jetzt sah es eher aus wie ein verunglückter Knutschfleck. Viel zu harmlos. Scheiße.

Enttäuscht kehrte er in den Wohnraum zurück. Hack stellte gerade zwei Teller mit Rührei auf den kleinen quadratischen Tisch an der Wand neben der Kochnische. Darum standen zwei Plastikstühle, von denen der eine aussah, als gehörte er eher auf einen Campingplatz. Der andere war grün und kippelte.

Paul nahm den Campingstuhl. Hungrig sah er auf sein dampfendes Rührei hinunter und griff nach der Gabel.

Hack stellte seine rote I love SF-Tasse ab und nickte Paul zu. „Du warst an meinem Kleiderschrank.“

„Bei dir ist es kalt. Und es hat dich vorher auch nicht gestört.“ Einmal hatte er gewitzelt, dass Hack ihm ein Regalfach frei räumen könnte – ganz, ganz üble Idee.

Paul spießte ein Stück Tomate auf. Wenn Hack Rührei machte, war es nie einfaches Rührei. Wahrscheinlich hatten die Tomaten und der Schnittlauch auch weggemusst. „Du scheinst im Viereck doch ein bisschen mehr zu machen, als nur Teller zu spülen.“

„Ja, Gemüse schneiden.“

Paul zog die Augenbrauen hoch. „Egon hat Gemüse auf der Speisekarte?“

„Manchmal.“ Er trat neben Paul und zog den Kragen des Kapuzenpullovers herunter. Seine Finger strichen so zärtlich über Pauls Haut, dass er beinahe geseufzt hätte. „Sieht immer noch übel aus.“

„Quatsch.“ Paul zog die Schulter hoch und Hacks Finger verschwanden.

„Ich glaube, ich hab irgendwo noch eine Salbe.“

Als er sich umdrehen wollte, schüttelte Paul den Kopf. „Schon okay. Wirklich. Mach mir lieber auch einen Kaffee, wenn du mir was Gutes tun willst. Ich muss gleich schon ins Café. Steffen ist bis Sonntag weg.“

„Du bist vier Tage alleine? Übers Wochenende?“, fragte Hack, während er zur Küchenzeile ging und eine Tasse aus dem Schrank holte.

Perfektes Timing. „Er hat eine Aushilfe engagiert.“

Pauls Stimme klang ruhig und beiläufig und falls sich doch irgendein Unterton eingeschlichen hatte, war Hack zu beschäftigt damit, ihm Kaffee einzuschenken, um ihn zu hören. Das Letzte, was er brauchte, war, dass Hack und Adrian aufeinandertrafen. Er würde sein Geld zwar auf Hack setzen, aber unterm Strich würde es eine einzige Hackfleischorgie werden.

Hack kehrte mit der Tasse zurück und stellte sie vor ihm ab, ehe er sich ihm gegenübersetzte. Der grüne Stuhl ächzte unter seinem Gewicht. „Hast du deine Mutter eigentlich mal gefragt?“

Verdammt. Paul schaufelte Rührei auf seine Gabel und stellte sich dumm. „Was meinst du?“

„Wegen eines Termins“, sagte Hack langsam, als würde er mit einem begriffsstutzigen Erstklässler reden. „Für unser Treffen zu dritt.“

„Ach so. Nee. Vergessen. Mach ich beim nächsten Mal.“ Er konnte Hacks Unmut, der in Wellen über den Tisch zu strahlen schien, förmlich spüren. Er weigerte sich jedoch aufzusehen und schob sich stattdessen eine Ladung Rührei in den Mund.

„Vielleicht solltest du es dir aufschreiben. Oder einen Termin beim Facharzt machen. Du bist eigentlich noch zu jung für Alzheimer.“

Autsch. Jetzt hob er doch den Blick. Hack sah ihn mit einer durchdringenden Mischung aus Verärgerung und Verwirrung an, auf die er eigentlich kein Recht hatte. Wenigstens wusste er jetzt, wie es sich anfühlte, so in der Luft zu hängen.

„Man könnte meinen, du wärst ganz versessen darauf, meine Mutter wiederzusehen.“

„Und du sie von mir fernzuhalten.“

Paul legte die Gabel weg und griff nach seiner Kaffeetasse. „Ich hab dir gesagt, dass ich sie nicht gerne anlüge.“

„Und ich hab dir versprochen, mit dir hinzugehen. Ich halte meine Versprechen. Ich werde mich wie ein Vorzeigefreund benehmen.“

Und genau das war das verdammte Problem.

„Dein Rührei wird kalt.“

„Paul. Ich werde nichts sagen, das –“

„Scheiße. Das weiß ich doch.“ Er knallte die Tasse auf den Tisch und könnte sich im selben Moment für diese unbedachte Geste in den Hintern treten, denn Hack zuckte nicht mal mit der Wimper. Klar. Vielleicht sollte er nackt auf dem Tisch tanzen, damit bekam er bestimmt eine Reaktion aus ihm heraus. Paul raufte sich die Haare. „Ich weiß, dass du das kannst. Nichts sagen. Sonst wüsste ich mehr von dir. Dass du einen Bruder hast, zum Beispiel. Oder warum du –“

„Also geht es doch darum, dass –“

„Nein, verdammt, es geht nicht darum.“

Hack verzog die Mundwinkel, schob seinen vollen Teller ein Stück weg und beugte sich über den Tisch. „Worum geht es dann?“

Hervorragend. Paul zog einen nackten Fuß auf die Sitzfläche hoch. Selbst das billige Laminat ließ ihn frieren. Warum kam er sich eigentlich so scheißerbärmlich vor? „Ich will meiner Mutter keine Beziehung vorspielen.“

„An Weihnachten war dir das egal.“

„Das waren besondere Umstände. Und es war ja nicht so, als hätten wir so getan, demnächst zusammenziehen zu wollen. Du warst ein Date.“

„Dann bin ich jetzt wieder ein Date. Dasselbe wie beim letzten Mal.“

Paul seufzte. Wahrscheinlich konnte er es nicht verstehen. Und warum zum Teufel wollte er sich unbedingt als Pauls Freund ausgeben? Nicht, dass sie nicht sowieso schon die ganze Zeit einen auf schräge Beziehung machten. Mit regelmäßigem Sex, Frühstück, gegenseitigen Übernachtungen …

Gut, in letzter Zeit eher unregelmäßigem Sex. Und theoretisch konnte Hack von heute auf morgen einfallen, lieber jemand anderen vögeln zu wollen. Vielleicht neben Paul, vielleicht anstatt Paul. Nicht einmal das wollte er ihm versprechen. Keine Versprechungen, keine Verpflichtungen und erst recht keine Bekenntnisse. Kein gar nichts. Nur zwei Männer, die fickten.

„Okay. Ich will ihr keine Beziehung mit dir vorspielen.“ Ich will eine haben, verdammt noch mal.

Im ersten Moment befürchtete er, seinen Gedanken laut ausgesprochen zu haben. Hack starrte ihn an, als könnte er geradewegs in seinen Kopf hineinblicken. Scheiße. War die Vorstellung denn wirklich so schrecklich? Warum gab er sich dann überhaupt mit ihm ab? Nur wegen des Sex?

Paul biss die Zähne zusammen und würgte die Gedanken ab. „Ich liebe meine Mutter.“

Hack schnaubte, griff nach seiner Gabel und stocherte im Rührei herum.

„Ich weiß, dass du das nicht verstehst. Trotzdem ist es so. Mir bedeutet es was, dass sie meine Mutter ist und mich großgezogen hat. Na ja, so gut sie eben konnte.“

Hack verspannte sich, als hätte er ihm vorgeworfen, seiner eigenen Familie den Rücken gekehrt zu haben. Dabei wusste er das überhaupt nicht. Seine Eltern könnten genauso gut ein Stockwerk über ihm wohnen und gelegentlich zum Kaffee runterkommen.  

„Mein Bruder …“

Paul hob den Kopf. Was …?

Hack stieß einen Laut aus, der unterwegs zu einem höhnischen Lachen verhungerte. „Mein Bruder wollte, dass ich eine Wiederaufnahme des Verfahrens beantrage.“ Er schichtete so konzentriert das Rührei auf, als würde er am offenen Herzen operieren.

Pauls Puls schoss in die Höhe. „Deines Verfahrens?“

„Wessen sonst?“

„Aber … das ist doch gut, oder? Das heißt doch …“ Paul hatte keine Ahnung, was das hieß. Sein gesamtes Wissen über Rechtswissenschaften beschränkte sich auf das, was er aus dem Fernsehen mitbekam. Keine sehr zuverlässige Quelle. Aber es hörte sich gut an. Es hörte sich nach genau dem an, was er schon die ganze Zeit gewusst hatte.

„Nein, das ist nicht gut.“

„Warum nicht? Heißt das nicht, dass sich irgendetwas verändert haben muss? An der …“ Er zermarterte sich das Hirn. „… Beweislage? Dass du dich doch nur verteidigt –“

Hacks Kopf ruckte hoch. In seinen Augen blitzte es gefährlich und Pauls Schwanz reagierte sofort darauf. Verdammt. Zum Glück stand der Tisch zwischen ihnen.

„Nein, ich habe mich nicht verteidigt. Ich habe ihn angegriffen.“

Paul blieb ruhig, obwohl sein Schwanz ihn abzulenken drohte. Er verschob seinen Fuß auf der Sitzfläche, bis sein Bein im Weg war. Nur zur Sicherheit. „Das hast du schon gesagt. Aber dein Bruder scheint was anderes zu denken, wenn er das Verfahren wiederaufnehmen will.“

„Mein Bruder kann denken, was er will. Ich weiß, was passiert ist.“

„Aber als dein Anwalt –“

„Er ist nicht mein Anwalt.“

Verblüfft klappte Paul den Mund zu. Irgendwie war er seit gestern davon ausgegangen. Wieso hatte Hack darauf verzichtet, sich vor Gericht von seinem eigenen Bruder verteidigen zu lassen, der von Natur aus schon auf seiner Seite stehen müsste? Und es offensichtlich auch tat, sonst wäre er vermutlich nicht bei Hacks Arbeitsplatz aufgekreuzt. Spätabends. Als hätte er keine andere Gelegenheit gehabt.

Vielleicht hatte Hack seine Handynummer gewechselt? Paul sah sich in dem spärlich möblierten Wohnraum um. Da jegliche persönlichen Gegenstände fehlten, sah es aus, als wäre Hack erst vor Kurzem eingezogen. Vielleicht war er das ja. Und vielleicht hatte er seinem Bruder seine neue Adresse nicht mitgeteilt. Und vielleicht wusste er nur von dem Bewährungshelfer, wo Hack …

Paul schüttelte den Kopf. Verdammt. Er musste sofort damit aufhören.

Er zwang sich, sich aufs Gespräch zu konzentrieren. „Ist er so schlecht?“

Eine Sekunde lang starrte Hack ihn an, als hätte er ihn gefragt, warum das Viereck nicht mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet war. Dann wich die Anspannung aus seinem Gesicht und er lächelte matt. In Pauls Magengegend nistete sich ein Kribbeln ein. Hack lächelte viel zu selten.

„Er ist sogar ziemlich gut.“

Überrascht hörte Paul einen Hauch von Stolz aus seiner Stimme heraus. „Warum ist er dann nicht dein Anwalt?“

„Weil ich ihn nicht wollte. Und weil er mich eh nicht hätte vertreten können. Interessenskonflikt.“

„Was für ein Interessenskonflikt?“

Hack zuckte die Schultern. Dann stand er auf und kramte aus einer Schublade der Küchenzeile eine Packung Zigaretten und ein Feuerzeug hervor. Genauso gut hätte er ein Stopp-Schild zücken können.

„Märchenstunde für heute beendet?“

Hack schnaubte belustigt. „Ich dachte, dir ist das sowieso alles egal?“

„Irgendwie wäre es schon nett, zu wissen, was mir eigentlich egal ist.“ Und was Hack so sehr an die Nieren ging, dass er seit gestern Kette zu rauchen schien.

„Meine Familie.“ Hack pflückte eine Zigarette aus der Schachtel. „Deine ist unangenehm, meine ist schlimmer. Deshalb versuche ich, einen Bogen um sie zu machen.“ Er ließ die Zigarette zwischen seinen Fingern tanzen. „Dass Clemens zu mir gekommen ist, heißt, dass sie mir auf die Pelle rücken. Und das will ich nicht.“

Die unerwartete Offenheit machte Paul sprachlos, auch wenn er Hacks Worte nicht einordnen konnte. Wenn es jemand perfektioniert hatte, etwas zu sagen, ohne etwas zu sagen, dann Hack. „Wollen sie … Geld von dir?“ Nicht, dass bei Hack viel zu holen wäre, aber Geld war meistens ein starkes Motiv.

Hack rang sich ein mattes Lächeln ab. „Nein.“

Paul wartete, aber natürlich führte Hack das nicht aus. „Wie lange wohnst du schon hier?“

Ein nichtssagendes Schulterzucken. „Wieso, bist du nebenberuflich Immobilienmakler?“

„Hier sieht es nicht besonders wohnlich aus, das ist alles.“

„Du beschwerst dich über meine Einrichtung?“

„Ich mache mir nur Gedanken.“

„Weil du mit mir zu IKEA willst? Oder weil dir sowieso alles egal ist?“ Hack klemmte sich die Zigarette zwischen die Lippen.

Paul schnitt eine Grimasse. Diesen Satz würde er ihm ewig vorhalten. „Weil du ein verbohrter Sturkopf bist.“

Hack grinste, aber es wirkte nicht ganz echt, sondern eher fahrig. Er ging zum Balkon hinüber, zog die Tür auf und stellte sich in Socken, Langarmshirt und Jogginghose mit einem Bein auf den winzigen Vorsprung hinaus. Mit dem ganzen Schnee, der Kälte und der Feuchtigkeit da draußen war das bestimmt nicht der gemütlichste Ort der Welt. Dennoch zündete Hack sich die Zigarette an und pustete den Rauch von der Tür weg. Der Wind trug den Qualm trotzdem anteilig ins Zimmer, sodass Paul die Nase rümpfte.

Irgendwann vielleicht würde Hack statt nach einer Zigarette nach Paul greifen und sich ihm anvertrauen, anstatt alles in sich hineinzufressen. Paul wäre so gerne für ihn da, aber solange Hack nicht einmal anerkennen wollte, dass da mehr zwischen ihnen war als Sex, würde er sich auch nicht an ihn lehnen. Bis dahin blieb Paul nichts anderes übrig, als das Zupfen an seinem Herzen, das ihn zu Hack ziehen wollte, zu ignorieren.