Unausgesprochene Worte

GeschichteRomanze / P18 Slash
25.02.2016
05.03.2016
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Hallo zusammen,

so, wie angekündigt, geht es weiter mit Paul und Hack^^ Diesmal werden es vier Teile sein, die ich wieder in relativ kurzen Abständen innerhalb von ca. einer Woche posten werde. Wahrscheinlich ist es sinnvoll, die Vorgeschichte Unperfekte Weihnachten gelesen zu haben, da die beiden Geschichten aufeinander aufbauen.

Auf diesem Weg möchte ich mich noch mal bei allen lieben Menschen bedanken, die Unperfekte Weihnachten kommentiert, weiterempfohlen und favorisiert haben – ich bin überwältigt :)

Ein besonders großes Dankeschön auch an Honigklecks, die ganz spontan die Beta übernommen hat :)

Und nun wünsche ich euch viel Spaß beim Lesen!


*



„Sie sind wirklich ein so aufmerksamer junger Mann, Paul.“ Frau Schuck hatte ihre Geldbörse in ihrer umfangreichen Handtasche gefunden. Mit einer knorrigen Hand rückte sie ihre Brille zurecht und zog die Rechnung näher zu sich heran. Ihre beiden Freundinnen beugten sich ebenfalls vor, um die Endsumme zu erkennen.

„Vielen Dank, Frau Schuck. Das macht 81,80 Euro.“

Paul wandte diskret den Blick ab, als sich Frau Schuck im Flüsterton mit ihren Freundinnen beriet. Ein Pärchen saß zwei Tische weiter am Fenster und Stammgast Hubert hockte wie immer am Ende der Bar über einem Bier, ansonsten war Steffens Café leer. Im Hintergrund spielte ein lokaler Radiosender leise einen aktuellen Popsong aus den Charts. In der Küche hatte der Koch das Sagen über die Musikauswahl, im Gastraum regierte Steffen mit eiserner Hand über die Stereoanlage hinter dem Tresen. Beide ließen keine Abwechslung zu.

Frau Schuck war sich mit ihren Freundinnen einig geworden und legte Paul ein paar Scheine hin. „Das stimmt so, mein Lieber. Es war wirklich ein sehr schöner Abend.“

90 Euro. Paul hatte mit 85 Euro gerechnet, da es Frau Schuck war. Der gewöhnliche Café-Gast rundete nur auf oder quälte sich einen Euro zusätzlich ab.

„Danke schön. Es freut mich, dass es Ihnen gefallen hat.“

„Wie jedes Mal“, sagte Frau Schuck. „Deswegen komme ich so gerne her.“

„Auch wenn das Essen besser sein könnte“, bemerkte eine von Frau Schucks Freundinnen. „Es gibt da dieses neue Bistro im Lehel. Eine wunderbare Küche. Mediterran angehaucht und schön leicht.“

„Im Service sind sie noch unterbesetzt“, warf die zweite Freundin ein, ehe sie aus dem Fenster in die Dunkelheit sah, die nur schwach von den wenigen Straßenlaternen durchbrochen wurde. Auf der anderen Straßenseite stand eine Gruppe junger Männer um einen mattschwarzen Porsche Panamera herum, der hier so fehl am Platz wirkte wie das Märchenschloss von Walt Disney. „Und die Gegend ist … angenehmer.“

Frau Schuck beugte sich vor. „Haben Sie schon mal daran gedacht, zu wechseln, Paul? Ich finde, Sie würden hervorragend in dieses kleine Bistro passen. Wenn Sie möchten, lege ich ein gutes Wort für Sie ein.“

„Gute Servicekräfte werden immer gebraucht.“

„Und die Gäste sind … anders. Dadurch ist die Bezahlung wahrscheinlich besser.“

Paul verstaute sein Portemonnaie und lächelte die drei Frauen an. In gewisser Weise erinnerte ihn jede einzelne an Oma Biggi. Sie hatte damals versucht, ihn dazu zu überreden, in der Goldenen Krone zu bleiben, weil er so gut dorthin passte und die Bezahlung hervorragend war. Allerdings konnte er sich Hack wahrscheinlich abschminken, wenn er ging. Aus den Augen, aus dem Sinn.

„Vielen Dank für das Angebot, aber ich fühle mich hier ganz wohl.“ Er zwinkerte. „Und mit den Gästen habe ich auch keine Probleme.“

Damit trat er eine weitere Argumentationsrunde los, die ihn von einem Jobwechsel überzeugen sollte. Frau Schuck steckte ihm eine Visitenkarte zu. Bistro Pan. Sagte ihm nichts.

Als er aus dem Augenwinkel ein Handzeichen des Pärchens auffing, eiste er sich höflich von den Frauen los. Er kassierte ab, nahm die 0,65 Euro Trinkgeld dankend entgegen und kehrte zur Theke zurück, hinter der Steffen ein Bier für Hubert am Tresen zapfte.

„Ich glaube, Frau Schuck wollte mich gerade abwerben.“

Steffens Kopf ruckte hoch. „Was?“ Er schloss den Zapfhahn und tauschte Huberts geleertes Glas mit dem gefüllten aus. „Zum Wohl.“ Dann wandte er sich Paul zu. „Frau Schuck ist seit Ewigkeiten Stammgast bei mir. Ich habe nur ihretwegen die Leberterrine noch auf der Karte.“

„Und wegen der wird sie wahrscheinlich weiterhin kommen, bis man sie mit den Füßen voran aus deinem Laden trägt.“ Er zeigte Steffen die Visitenkarte. „Aber ihren Freundinnen gefällt es da wohl besser.“

Steffen stellte Huberts leeres Bierglas ab und studierte das Kärtchen. „Klar. Lehel“, murmelte er.

Paul wappnete sich gegen Steffens übliche Tirade über die schlechte Lage und seine Umzugspläne, doch stattdessen zog er sein Handy aus der Hosentasche und fotografierte die Visitenkarte von beiden Seiten ab. Paul nutzte den Moment, um sich im Café umzusehen.

Das Pärchen war bereits gegangen und Frau Schuck und ihre Freundinnen brachen soeben auf. Obwohl der Gastraum aufgeräumt war und die Tische ordentlich aussahen, wirkte das Café trostlos. Steffen besaß zwar einen grünen Daumen, den er in verschiedenen Pflanzen auslebte, die im Raum verteilt waren, doch das konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Einrichtung abgewohnt war und ersetzt werden musste.

Wahrscheinlich wäre es klug, sich dieses Bistro Pan doch einmal anzusehen.

Wenn Hack nur nicht …

Eine Bewegung aus dem Augenwinkel lenkte seine Aufmerksamkeit aufs Viereck nebenan. Zwei Männer stürmten die Stufen zum Eingang hinunter. Sie waren ungefähr gleich groß, hatten eine ähnlich muskulöse Statur mit breiten Schultern und beide dunkle Haare.

Paul hätte Hack auf mehrere hundert Meter Entfernung erkannt. Die Art, wie er in der Hosentasche nach seinen Zigaretten kramte, verriet ihn ebenso wie die gefährliche Aura, die die Luft um ihn herum vibrieren zu lassen schien. Doch Pauls Blick saugte sich an dem anderen fest. Sein Herz machte einen Satz.

Der Mann sah aus wie Hack. Nur dass Hack mit seiner schmutzigen Kochjacke, den zerzausten Haaren und der Zigarette zwischen den Lippen perfekt vor das blinkende OPEN-Schild im Fenster neben der Tür vom Viereck passte. Der irgendwie geleckt aussehende Mann, der ihm gegenüberstand, nicht.

Steffen stieß ihn an und gab ihm die Visitenkarte zurück. „Ist das sein Bruder?“

„Sieht so aus. Für seinen Vater wäre er ein bisschen jung.“

„Du weißt es nicht?“

Paul schwieg. Wenn er es wüsste, würde er den Kerl vermutlich nicht anstarren, als wäre er die Lösung zu einem besonders kniffligen Rätsel, an dem er sich festgebissen hatte. Fünf Minuten allein mit ihm und er wüsste wahrscheinlich mehr über Hack, als er in den vergangenen fünf Wochen aus ihm herausbekommen hatte.

„Ich dachte, auf dem Straßenfest … und dann Weihnachten … ich weiß nicht, irgendwie hatte ich das Gefühl, dass da was zwischen euch ist. Aber umso besser.“

Paul drehte den Kopf. „Umso besser?“

Steffen verzog die Mundwinkel. „Diese Sache zwischen dir und Hack hat mir von Anfang an nicht gefallen.“

„Scheiße. Das geht dich ja wohl überhaupt nichts an.“

Gab es nicht noch irgendwas zu tun? Abgesehen von Huberts Glas hatte Steffen die Bar so gut in Schuss gehalten, dass nicht mal irgendwo ein verdammtes Staubkorn herumschwirrte. Vielleicht sollte er schnell zum verlassenen Tisch von Frau Schuck flitzen und die leeren Gläser …

Draußen vor dem Fenster versuchte Hacks vermeintlicher Bruder, ihm mit einer herrischen Geste die Zigarette wegzunehmen.

Keine gute Idee.

Hack zog den Arm zurück und machte einen Schritt auf seinen Bruder zu. Auf die Entfernung sah es so aus, als wäre Hack unwesentlich kleiner, dennoch wich der andere zurück und hob ergeben die Hände, ehe er sie in die Taschen seines Mantels rammte.

Die Geste ähnelte Hack so sehr, dass es beinahe unheimlich war.

„Ich meine, was weißt du überhaupt über diesen Kerl?“

Abgesehen davon, dass er vögelt wie ein junger Gott? „Ich muss nichts über ihn wissen.“ Wenn er sich das oft genug vorsagte, glaubte er es irgendwann vielleicht selbst.

Steffen schüttelte den Kopf und schnappte sich das dreckige Bierglas, um es im Waschbecken abzuspülen. An den meisten Abenden der Woche lohnte es sich kaum, die Spülmaschine anzuwerfen.

„Solltest du aber, immerhin ist Hack auf Bewährung. Irgendwas muss er also angestellt haben.“

Ach. Sag bloß. Dummerweise war es leichter, eine Auster zu knacken, als mit Hack zu reden. Die Auster konnte auch beim dritten und vierten Versuch nicht wegrennen – Hack schon.

„Außerdem ist er von dir besessen.“

Paul zog eine Augenbraue hoch. „Was? Quatsch.“

„Doch. Er ist von dir besessen. Und du von ihm. Aber Besessenheit ist niemals eine gute Grundlage für eine Beziehung. Oder Sex. Oder irgendwas.“

„Klingt, als hättest du mit so was Erfahrung.“

Steffen schnaubte und widmete sich akribisch dem Abtrocknen des Glases, als hätte sich das Gesundheitsamt für eine Inspektion angemeldet. Für die Gäste, die er in seinem Café bediente, hatte er eindeutig zu hohe Standards. Vielleicht arbeiteten sie deshalb so gut zusammen.

Für einen kurzen Moment huschte ein Schatten über Steffens Gesicht wie bei einem Leuchtturm, dessen Licht gerade an einem vorbeigewandert war und der einem jetzt seine dunkle Seite zugewandt hatte. Der Spitzname, den ihm die Küchencrew verpasst hatte, hatte nie besser gepasst.

Dann hob er den Kopf und Paul befand sich wieder im Lichtkegel. „Wir reden hier nicht über mich.“

„Weil mich das nichts angeht?“, schlug er höflich vor. Mal sehen, ob Steffen den Wink verstand.

„Weil ich mir Sorgen um dich mache. Hack ist … gefährlich.“

Beinahe hätte Paul gelacht. Er wusste nicht, was Steffen gehört hatte, aber die Geschichten konnten nicht viel schlimmer sein als die, die er selbst kannte. Aus Erzählungen von Steffens Küchencrew, von Danil, der anderen Küchenhilfe aus dem Viereck, oder von Hack selbst. Ob da nun etwas Wahres dran war oder nicht, Hacks Hackfleischstory zog weite Kreise.

„Hast du schon mal was von Hunden gehört, die bellen, aber nicht beißen?“

Steffen knallte das Bierglas ins Regal. „Dieser Hund beißt, da bin ich sicher.“

Die Worte ließen Paul erschauern und er wandte sich wieder dem Fenster zu. Hacks Bruder redete hitzig und mit ausschweifenden Gesten auf ihn ein, während Hack beinahe reglos dastand und rauchte. Vermutlich seine zweite Zigarette. Paul hatte es aufgegeben, ihm die Dinger abzugewöhnen. Irgendwie würden sie sich Hacks Mund teilen müssen. Wenigstens vermied er es meistens, zu rauchen, wenn Paul dabei war oder wenn er wusste, dass er ihn gleich noch sehen würde.

Was wohl hieß, dass Hack heute wieder nicht warten würde.

Vielleicht sollte er ihm eine Nachricht aufs Handy schicken und darum bitten?

Toll, geht’s noch verzweifelter? Vielleicht hatte Steffen recht. Vielleicht war er besessen. Anders konnte er sich nicht erklären, warum er sich weiterhin von Hack flachlegen ließ – wenn es denn mal dazu kam –, anstatt einen Haken hinter die Sache zu setzen oder es ihm wenigstens schwerer zu machen.

Paul wandte den Blick ab und versuchte, seine Gedanken abzuwürgen. Er drehte sich sowieso nur im Kreis. „Hast du inzwischen eigentlich eine Aushilfe fürs Wochenende gefunden? Morgen sollte kein Problem sein, aber Freitag, Samstag und Sonntag wäre ein wenig Hilfe ganz nett.“ In der Hoffnung, dass dann mehr Gäste kamen, sonst würde die Aushilfe mehr kosten, als das Wochenende einbringen. Vielleicht hätten sie absichtlich das Risiko eingehen sollen, auch auf die Gefahr hin, dass er ohne Pause durcharbeiten musste. Er hatte schon andere Dinge gemeistert.

„Hältst du mich für einen Anfänger?“

„Ich mein ja nur. An Weihnachten war deine Planung ziemlich kurzfristig.“

„Weil du dich nicht festlegen konntest.“ Steffen nickte zum Fenster. „Seinetwegen.“

Da Paul nicht weiter über seine Nicht-Beziehung mit Hack sprechen wollte, hakte er zum wiederholten Mal nach: „Was hast du gleich noch mal vor?“

„Darf ich nicht auch mal ein paar Tage freinehmen?“

„Doch.“ Aber angesichts ihrer Situation wurde Paul immer nervös, wenn er das tat. „Ich hoffe, du sagst mir rechtzeitig, wenn ich mir was Neues suchen muss.“ Er schwenkte die Visitenkarte vom Bistro Pan wie den symbolischen Zaunpfahl.

Steffen schnaubte. „Ich hab nicht vor, dichtzumachen.“

„Nur weil du es nicht vorhast, heißt das nicht …“ Als Steffen einen finsteren Blick auf ihn abschoss, schluckte er den Rest herunter und fragte stattdessen: „Aushilfe?“

Steffen nickte. „Ist erledigt. Adrian kommt Freitagabend, Samstag und Sonntag.“

Pauls Herz setzte einen Schlag aus. „Adrian?“

Zufall. Der Name kommt bestimmt tausendmal in München vor. Millionenmal in Deutschland.

„Ja. Ziemlich fixer Kerl. Er hat mir auch an Weihnachten ausgeholfen. Kam fast so gut an wie du.“

Verdammt. „Wo hast du ihn her?“, fragte Paul so beiläufig wie möglich.

Steffen zuckte die Schultern. „Hat sich irgendwann mal hier beworben, aber da hatte ich dich schon. Er war auch in der Krone. Da ich mit dir einen Glücksgriff getan habe, dachte ich, dass ich mit ihm nicht viel falsch machen kann.“

Verdammte Scheiße. Das klang nicht mehr nach Zufall. Das klang beschissen.

Paul hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Gänsehaut lief seine Arme hoch und schloss sich zu einem unangenehmen Prickeln in seinem Nacken zusammen.

Reiß dich zusammen, du Weichei.

Er ballte die Hände zu Fäusten, bis sich seine Fingernägel in die Handflächen gruben. Der Schmerz half ihm, die Beklemmung abzuschütteln. Langsam und kontrolliert holte er Luft, bis er das Gefühl hatte, sich wieder zu entspannen.

„Alles okay, Paul? Du bist auf einmal so blass.“

„Alles bestens.“

„Sag bloß, du wirst krank? Das kann ich so kurz vor meinem freien Wochenende echt nicht gebrauchen.“

„Nein, keine Panik. Mir geht’s gut. Du kannst dir ruhig freinehmen.“

Er zwang sich, seine Fäuste zu lockern, was erstaunlich schwer war, schnappte sich das Tablett und ging zum Tisch von Frau Schuck, um die leeren Gläser abzuräumen.

Normalerweise neigte er nicht zu Gewaltausbrüchen, das überließ er anderen. Aber in München gab es verdammt noch mal Tausende Restaurants, Bars und Cafés. Hatte sich dieses Arschloch ausgerechnet bei Steffen bewerben müssen?

Vielleicht hat er nach dir gesucht, wisperte eine hinterhältige Stimme in seinem Kopf, der er am liebsten den Hals umgedreht hätte, wenn sie nicht körperlos gewesen wäre.

Wenn Adrian tatsächlich nach ihm gesucht hatte, dann sollte er ruhig kommen. Noch mal würde er sich nicht von ihm verprügeln lassen.



*




Kaum hatte Paul die Tür von Steffens Café aufgestoßen, schnitt eisige Kälte in sein Gesicht und seine nackten Finger. Laut Wetterbericht sollte der Winter in den nächsten Tagen doch noch kommen und einige Zentimeter Schnee mitbringen. Für Paul bedeutete das im schlimmsten Fall, dass die öffentlichen Verkehrsmittel lahmgelegt wurden und sich noch weniger Gäste ins Café verirrten.

Ganz besonders tolle Aussichten für ein Wochenende mit Adrian.

Zigarettenqualm wehte zu ihm herüber und ließ ihn den Kopf drehen. Hack stand im Schatten von Steffens Café und brachte Pauls Blut allein durch seinen Anblick in Wallung. In der Dunkelheit glomm die Glut seiner Zigarette so lange und intensiv auf, dass sie wie das starrende Auge eines blutrünstigen Monsters wirkte. Der Schein hob seine kantigen Gesichtszüge messerscharf hervor, bevor sie wieder in der Nacht verschwanden.

Paul konnte sich nur vorstellen, wie heftig Hack an dem Glimmstängel ziehen musste, um ihn so leuchten zu lassen. Als er noch vorgegeben hatte, Raucher zu sein, hatten die paar Male, die er das versucht hatte, stets in einem Hustenanfall geendet.

„Hi“, sagte Paul. „Du hast gewartet.“ Er konnte nicht verhindern, dass er überrascht klang. Gleichzeitig zuckte ein schmerzhaft heftiges Ziehen durch seinen Unterleib. Definitiv besessen. Oder konditioniert.

„Das hört sich an, als würde ich das nie machen.“

„Tust du auch nicht. Okay, neuerdings nur noch selten.“ Viel zu selten.

Mit jedem Schritt, den Paul näher an ihn herantrat, schien Hacks Präsenz stärker zu werden. Paul erschauerte. Am liebsten hätte er sich ihm an den Hals geworfen und sich einen Begrüßungskuss abgeholt, der die Taubheit in seinen Knochen in Flammen aufgehen ließ. Wenn Hack nur nicht Hack wäre. Und diese verdammte Zigarette nicht zwischen seinen Lippen stecken würde. An der er jetzt schon wieder zog, als würde sein Leben davon abhängen. Wie ihm dabei vor Kälte nicht die Finger abfallen konnten, war Paul schleierhaft.

„Stress?“

„Im Viereck?“ Hack schnaubte. „Nein.“ Dann schien ihm der Blick aufzufallen, mit dem Paul die Zigarette bedachte. Er schnipste sie zu Boden, wo bereits zwei Kippen lagen, und trat sie aus.

Wartete Hack etwa schon zweieinhalb Zigarettenlängen auf ihn? Er musste bestimmt eine Woche zurückdenken, bis ihm einfiel, wann er das zuletzt gemacht hatte.

„Dein Bruder weckt in dir offenbar wie ich das Bedürfnis nach einer Zigarette. Oder mehreren.“

Ohne die aufleuchtende Zigarettenglut lag Hacks Gesicht größtenteils wieder im Schatten. Dennoch konnte Paul beinahe hören, wie seine Kiefer mahlten.

„Du hast uns gesehen.“

„Ich glaube, die ganze Straße hat euch gesehen.“ Paul deutete die Straße hinunter, auf der wie so oft kein einziges Auto fuhr und sich kein Fußgänger blicken ließ. Auf der anderen Straßenseite flackerte eine Laterne. Die Gruppe junger Männer war genauso verschwunden wie der Porsche.

Zwei Männer, die so gefährlich wirkten wie Hack und sein Bruder und denen eine Frau Schuck bestimmt nicht allein in einer dunklen Gasse begegnen wollte, stachen wie zwei Tiger in einer Schafherde heraus.

„Ihr seht euch sehr ähnlich.“

Hack brummte und machte einen Schritt auf Paul zu, sodass er den Kopf in den Nacken legen musste. Verdammt. Hack wusste ganz genau, wie er seine Wirkung auf Paul auszuspielen hatte.

„Kommst du mit zu mir?“

Das Kratzen in Hacks Stimme rieb wie Sand über seine Haut. „Tu ich das nicht immer, wenn du auf mich wartest?“ Ein erbärmlicher Konter, der viel zu viel preisgab. Hack schien es zu überhören.

„Ich dachte, ich frag lieber.“

Als hätte Paul eine Wahl, als Hack sich vorbeugte. Er schloss die Augen, noch bevor Hacks Lippen auf seine trafen. Der Geschmack von Rauch breitete sich in seinem Mund aus, doch in diesem Moment hätte Paul nichts weniger interessieren können. Er legte eine Hand in Hacks Nacken und schmiegte sich an ihn, um den Kuss zu vertiefen.

Gott, es war Tage her, seit sie sich zuletzt geküsst hatten. Er hatte ganz vergessen, wie Hack sich anfühlte und was er in Paul auslöste. Die Hitze und Erregung kannte er. Sie breiteten sich wie ein Flächenbrand in ihm aus, den nur Hack löschen konnte. Was ihm jedoch zu schaffen machte, war dieses Gefühl, nach Hause zu kommen, diese Vertrautheit, von der er immer mehr wollte.

Als sie sich voneinander lösten, rangen sie beide nach Luft. Paul spürte Hacks Erektion an seinem Bein, die ihn gleichzeitig erregte, erleichterte und zur Verzweiflung brachte.

„Ist er älter oder jünger als du?“

„Was?“ Hack hob den Blick von Pauls Lippen, um ihm in die Augen zu sehen. Der Ausdruck darin war nicht schwer zu deuten. Hack war mit seinen Gedanken woanders.

„Dein Bruder.“

Bei dem Wort schien sich eine innere Schleuse in Hack zu schließen. Die Warnung hätte nicht deutlicher sein können. Paul hatte jedoch noch nie die Finger von etwas oder jemandem lassen können, nur weil er gewarnt worden war.

„Älter. Drei Jahre.“ Hack zog Pauls Hand aus seinem Nacken und verschränkte ihre Finger miteinander. Trotz der Kälte lagen Hacks warm und rau an Pauls, dessen Hand beinahe komplett in seiner verschwand. „Gehen wir? Es ist arschkalt.“

Paul ließ sich in Richtung U-Bahn mitziehen. „Drei Jahre heißt, er ist dreißig und du siebenundzwanzig? Oder er sechzig und du siebenundfünfzig? Dann hast du dich wirklich verdammt gut gehalten.“

Hack knurrte. Noch eine Warnung. Auch wenn er bei seinem aufbrausenden Chef Egon eine Engelsgeduld zu haben schien, schaffte Paul es jedes Mal, seinen Geduldsfaden auf die Probe zu stellen.

„Ich bin übrigens siebenundzwanzig. Und habe keine Geschwister. Was du natürlich schon weißt. Meine Mutter, meine einzige noch lebende Verwandte, kennst du ja auch schon. Und meine potentielle neue Verwandtschaft. Hast du –“

„Verdammt.“ Hack blieb stehen. Das blaue U der U-Bahnstation war noch gute zwanzig Meter entfernt. Er löste seine Hand aus Pauls und versenkte sie in seiner Jackentasche. „Ich bin neunundzwanzig, mein Bruder zweiunddreißig. Er heißt Clemens und ist Anwalt für Strafrecht.“

Paul starrte ihn an. Bisher hatte sich diese Wand aus Granit wie der Mount Everest vor ihm aufgetürmt und jetzt hatte Hack ihm gleich vier Informationen über sich auf einmal gegeben. Nicht, dass ihn sein Bruder wirklich interessierte. Höchstens ein bisschen. Weil er eben zu Hack gehörte. Und weil sein Einfluss auf ihn groß genug zu sein schien, dass Hack mit Infos herausplatzte, die er normalerweise hinter schlagfertigen Kontern versteckt hätte.

„War’s das jetzt? Können wir gehen und –“

„Ficken?“

Hacks Augen wurden schmal. „Ich hab gefragt, ob du mit zu mir willst.“

„Was eine höflichere Umschreibung für ficken ist. Weil du alles andere nicht willst.“ Wodurch ich mich zum Deppen mache.

Das war das falsche Thema. Er erkannte es an Hacks Blick und daran, wie seine Hand abermals zu seiner Hosentasche mit den Zigaretten zuckte. Dann zog er sie zurück und fuhr sich stattdessen durch die zerzausten Haare. Sah aus, als würde er das heute nicht zum ersten Mal machen.

„Nicht das wieder. Ich hab heute keinen Nerv für so was.“

Tatsächlich klang er erschöpft. Nicht auf körperliche Art, als hätte er gerade einen Triathlon absolviert oder die Nacht durchgemacht. Eher, als hätte ihn etwas seelisch zermürbt.

Oder jemand.

Aber Paul würde kein schlechtes Gewissen bekommen. Er konnte sehen, dass es Hack nicht nur ums Vögeln ging, auch wenn er Paul etwas anderes weismachen wollte und dafür sogar auf Abstand zu ihm ging. Wenn er sich davon abschrecken lassen würde, wäre es bei dem einen Quickie in Egons Küche geblieben.

„Aber du hast Nerven genug, meine Gesellschaft und Sex zu fordern.“

„Ich fordere überhaupt nichts. Ich habe gefragt. Du hättest verdammt noch mal Nein sagen können.“

Genau. Und er könnte sich auch einfach ein Bein ausreißen. War doch nichts dabei. „Kann ich nicht.“

„Gut. Dann tu so, als hätte ich nicht gefragt.“

Das konnte er noch viel weniger. Nicht wenn seine Lippen noch von ihrem Kuss prickelten und sein verdammter Schwanz nach der tagelangen Abstinenz strammstand wie eine ganze Armee.

„Aber du hast gefragt. Obwohl du weißt, dass ich mehr will als Sex.“

Hack schnaubte und wandte den Blick ab. Irgendwo über ihnen wurde ein Fenster zugeknallt und schnitt einen blechernen Fernsehton ab. In der Ferne war die Sirene eines Rettungswagens zu hören.

„Wir kriegen nicht immer das, was wir wollen.“

„Und weil du das glaubst, rennst du vor mir weg.“

Zu spät biss er sich auf die Zunge. Eigentlich wollte er dieses Fass nicht aufmachen, weil er noch genau wusste, wie Hack letzte Woche mitten in der Nacht aus seiner Wohnung gerauscht war, nur weil er es gewagt hatte, sich dem Thema Gefühle zu nähern – die Hack offensichtlich nicht für ihn haben wollte.

Hack schloss die Augen. „Paul. Nicht heute.“

„Sieh mich an.“

Paul wartete, bis Hack sich dazu durchgerungen hatte. Wenn ihm Paul so egal war, warum hatte er dann solche Schwierigkeiten mit dem Thema?

„Es ist mir scheißegal. Was du gemacht hast. Warum du verurteilt wurdest. Wer dein Bruder ist. Oder deine sonstige Familie. Ob du Leichen im Keller hast. Warum es kein einziges Scheißfoto in deiner Wohnung gibt. Ob dein Auto geklaut ist. Es ist mir egal. Ich frage zwar nach, aber eigentlich ist das Vorspiel. Ich rechne mit keiner Antwort. Ich will nur …“

Hervorragend. Da hatte sein Monolog so reibungslos begonnen und jetzt blieben ihm die Worte im Hals stecken. Dass Hack ihn mit diesem Blick ansah, machte es nicht besser. Ein getretener Hund war nichts dagegen.

„Mehr“, führte er den Satz lahm zu Ende. „Ich will nur etwas mehr.“

Einen furchtbaren Moment lang dachte er, Hack würde gar nicht darauf reagieren. Die Sekunden verstrichen. Jeder Atemzug holte eisige Kälte in seine Lungen, bis er das Gefühl hatte, husten zu müssen.

Dann trat Hack auf ihn zu und legte eine erstaunlich warme Hand an Pauls ausgekühlte Wange. In seinen Augen leuchtete ein Funke auf, nach dem sich Paul schon so lange gesehnt hatte. Er war jedoch so schnell wieder verschwunden, dass er nicht sicher war, ob er ihn sich nur eingebildet hatte.

„Mir ist es aber nicht egal.“

Paul legte eine eiskalte Hand über Hacks. „Hack …“ Paul verstummte, als Hack seine Hand zwischen seine nahm und wärmte. Gott, dieser Kerl machte ihn wahnsinnig. Hatte er überhaupt eine Ahnung, wie das aussah? Ganz bestimmt nicht nach nur Sex.

„Außerdem ist das Auto nicht geklaut.“

Beinahe gegen seinen Willen musste Paul lächeln. Klar, dass er sich aus allem, was er angeboten hatte, ausgerechnet das verdammte Auto herauspicken musste.

„Ich hab es von …“ Bei Hacks Zögern ließ Paul die Schultern sinken. Oder auch nicht. Offensichtlich gab es in seinem Leben nichts, das leicht war. „Von einem Bekannten.“

Paul versuchte zu ignorieren, dass Hack begonnen hatte, mit dem Daumen über seinen Handrücken zu streicheln. „Einem Autoschieberbekannten?“

Hacks Mundwinkel zuckten. „Einem ganz normalen Bekannten.“

Warum hatte er dann gezögert? Paul sprach die Frage nicht aus. Er hatte nicht gelogen. Manche Dinge bezüglich Hack waren ihm egal. Sollte Hack sie für sich behalten, wenn er glaubte, ihm was verschweigen zu müssen. Er würde sie bestimmt nicht aus ihm herausbekommen, indem er immer wieder nachbohrte. Andere Dinge hingegen …

Hack beugte sich zu ihm hinunter und streifte mit seinen Lippen über Pauls, ehe er zum Eingang der U-Bahnstation nickte. „Kommst du mit?“

Scheiße, wie sollte er da ablehnen?

Besessen, besessen, besessen, hämmerte es in Pauls Kopf. Und wenn schon. Ein bisschen Hack war besser als gar keiner. „Ja.“