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Morte Obscura

von Hei66
CrossoverKrimi / P16 / Gen
1. DCI Tom Barnaby DC Ben Jones Joyce Barnaby
25.02.2016
18.06.2018
43
131.491
3
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11 Reviews
Dieses Kapitel
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02.12.2016 2.165
 
Elena ging nicht zurück ins Archiv. Ihr Ziel war die Accademia. Auch wenn Robin kurzerhand entschieden hatte, seine einsamen Recherchen fortzuführen, spürte sie doch ein starkes Bedürfnis nach der musealen Ruhe, die dieses wunderbare Haus selbst bei starkem Besucherandrang auszuströmen vermochte. Sie wollte ihren Lieblingsraum aufsuchen. Den Raum, wo die wenigen, aber wunderbaren Veduten von Canaletto, die die Accademia ihr Eigen nennen durfte, präsentiert wurden. Ihr Vater war es gewesen, der ihr diesen besonderen Bezug zum alten Rokokomaler vermittelt hatte. Es war in der Zeit ihrer bisher wohl schwersten Lebenskrise. Ihre Gedanken kehrten zurück an jenem Tag, an dem sie als 13-jähriges Nachwuchstalent des italienischen Turnerverbandes endgültig ihre Träume und Hoffnungen aufgeben musste, Damals, bei einem Sturz vom Balken, zog sie sich einen komplizierten Unterschenkelbruch zu. Eine schmerzhafte und auch langwierige Verletzung, aber zunächst kein endgültiges Aus für den Leistungssport. Das änderte sich schlagartig, als sich eine Entzündung im Bein festsetzte und so ausuferte, dass nur noch eine Notamputation des linken Unterschenkels Schlimmeres verhindern konnte. Herausgerissen aus all dem, was sie liebte, hatte sie sich immer mehr zurückgezogen, Freundschaften zerbrachen. Sie suchte Zuflucht im Alleinsein, wandte sich von allem ab - und flüchtete sich in die Traumwelten ihrer Bücher.

Ihr Vater jedoch wollte das nicht so akzeptieren. Er zwang sie, unter Menschen zu kommen: Kino, Zoo, Theater, Museen, Konzerte. Er schleppte sie überall mit hin und sie ging ihm zuliebe, aber ohne wirkliche Freude mit. Und so besuchten sie an jenem Tag die Accademia, wo Elena sich im erstbesten Raum eine freie Bank suchte und stumm vor sich hinstarrte. Irgendwann setzte sich ihr Vater dazu. „Was gefällt Dir an diesem Bild denn so besonders?“ fragte er seine Tochter, die immer noch wie hypnotisiert auf eine alte Stadtansicht Venedigs starrte. Sie reagierte nur mit einem Schulterzucken - und blieb stumm. So saßen sie eine Weile still nebeneinander. Traurig beobachtete der Vater seine Tochter aus den Augenwinkel. Um keinen Preis würde er aufgeben, das wusste er, aber er war mit seinen Ideen auch langsam am Ende. Er hoffte einfach auf ein Wunder, das seine Tochter zu ihrer alten Lebensfreude zurückführen würde. Irgendwann. Und just an diesem Tag sollte sein Hoffen und Warten belohnt werden. Hier genau war es passiert, in diesem Ausstellungsraum der Accademia, auf dieser Bank. Es war kein kraftvoller, triumphaler Ausbruch mit Pauken und Trompeten. Die Veränderung kam leise, zaghaft und war zunächst gar nicht wahrnehmbar, selbst für sie nicht. Es war jenes Bild, auf das sie Vater eben noch angesprochen hatte. Genauer gesagt, war es ein kleines Detail, welches nach Monaten der Bitterkeit und inneren Abschottung Elenas Blick zu öffnen und zu fesseln vermochte. Das Bild zeigte eine dieser typischen Venedig-Ansichten, wie Canaletto sie so häufig gemalt hatte. Der breite Canale Grande, dahinter die Piazza San Marco mit Kirche und Dogenpalast. Im Vordergrund die Gondeln mit ihren Gondolieri. Doch dann war dort, ziemlich am Rand des Bildes, ein Mann, der seine offensichtlich gehbehinderte Frau zusammen mit ihren einfachen Holzkrücken auf seinen Armen trug und in eine dieser Gondeln hob. Es war nur eine kleine, unbedeutende Szene, die den berühmten, steinernen Hauptakteuren dieses Bildes in keinster Weise Konkurrenz machen konnte. Aber das, was die junge Elena damals an diesem Paar so berührte und ihren Blick auf sich selbst und ihrem Schicksal nachhaltig veränderte, war ein klitzekleines und dennoch vom Maler unglaublich ausdrucksvoll gemaltes Detail: Das Lachen auf beiden Gesichtern.

Auch heute hatte es sie wieder in diesen Raum gezogen. Kein Wunder, dachte sie sich. Die Auseinandersetzung mit Robin sowie seine Recherchen zur Nichte Canalettos mussten sie einfach hierherführen. Sie saß auf ihrer Bank, suchte und fand im Bild ihr Paar, so wie Canaletto es damals gesehen hatte. Ganz im Betrachten versunken, bemerkte sie den vornehmen Mann zunächst gar nicht, der sich leise neben sie gesetzt hatte. Bis er sie ansprach:

„Man könnte meinen, durch ein Fenster in eine Welt zu schauen, die vergangen erscheint. Aber man findet sich irgendwie dennoch wieder, nicht wahr Signorina?“ Er lächelte Elena freundlich an, die sich, etwas überrascht über diese direkte Ansprache, dem Unbekannten nun zuwandte. „Was finden Sie besonders faszinierend an diesem Bild?“ setze er nach, nur um sich gleich für seine Aufdringlichkeit zu entschuldigen. „Verzeihen Sie meinen kleinen Überfall. Aber Sie waren hinreißend versunken in der Betrachtung dieses Bildes, da musste ich einfach ...“ „Aber nein, Signore.  Sie müssen sich nicht entschuldigen.“ Elena entgegnete dem vornehmen Mann, den sie auf Ende Dreißig schätzte, mit zuvorkommender Freundlichkeit. „Sie dürfen fragen.“ Er lauschte aufmerksam ihren sehr eigenen Ausführungen über das berühmte Canaletto-Bild. Für einen Moment vergaß er sogar ganz, warum er ihr von der Accademia gefolgt war. „Sie sind sehr gut informiert, Signorina, und zeigen ein ungewöhnliches Verständnis für diesen Künstler,“ meinte er anerkennend, nachdem Elena fertig war. „Wie kommt es, dass Sie sich über Canaletto so hervorragend auskennen?“ Sie lächelte still, ihre Augen wurden weich, fast zärtlich. Nach kurzem Schweigen antwortete sie ihm, einem Fremden verblüffend offen. „Ich verehre ihn, weil er einen wunderbaren Blick auf das Wesentliche hatte. ... Es klingt vielleicht albern, aber ich verdanke ihm sehr viel.“ Die Augenbraue über seinem rechten Auge zog sich überrascht nach oben und noch während er ihr weiter zuhörte, kam ihm plötzlich ein unglaublicher Gedanke. War dies vielleicht die Chance, seinen Schwur am Sterbebett der Mutter zu erfüllen? Es wurde ihm abwechselnd heiß und kalt. Fasziniert lauschte er Elenas Stimme. ‚Was für eine Hingabe, was für eine wunderbare Sensibilität in ihren Worten!’ dachte er entzückt. Elena bemerkte die Wellen der Erregung nicht, die den Mann neben ihr erfassten. Sie war voll in ihrem Element und redete begeistert, denn auch sie spürte, dass hier jemand war, der ihre besondere Verehrung von Canaletto nicht nur teilte, sondern auch ähnlich zu empfinden schien. „Viele meinen, er hätte nur Stadtansichten, nur die repräsentativen Seiten Venedigs oder Londons darstellen wollen. Aber diese Leute haben ihn nie verstanden, haben nie richtig hingeschaut. Denn wenn man das tut, erkennt man sehr schnell, dass sein wirkliches Interesse den Menschen, ihrem Leben mit all den Freuden und Sorgen galt. Man findet in seinen Veduten hinter all dieser repräsentativen Pracht der großen Gebäude alles, was das Leben ausmacht. ... Und ja, es stimmt, was Sie sagten, Signore: Man kann sich selbst wiedererkennen, sogar heute noch. ... Er muss wirklich ein sehr leidenschaftlicher, lebensbejahender und weiser Mensch gewesen sein!“

Sie redete sich richtig in Schwung, bis er auf einmal unterbrach: „Und was genau ist es, was dieses Bild ...“ und er zeigte auf die berühmte Vedute an der Wand ihnen gegenüber „... Ihnen gezeigt hat, Signorina?“ Sie war einen Moment vor Überraschung stumm. Er schaute sie lange und ernst an. „Sie sind überrascht, dass ich das frage.“ stellte er etwas nüchtern fest, war aber sofort wieder neugierig zugewandt: „Darf ich raten?“ Da Elena immer noch nicht reagierte, fuhr er einfach fort: „Ich könnte mir vorstellen, dass es insbesondere diese Szene hier ist.“ Elena zuckte innerlich zusammen, als sie sah, wie sich seine Hand langsam hob und auf das lachende Pärchen bei den Gondeln zeigte. Schon senkte sich sein Arm wieder und sie konnte aus den Augenwinkeln beobachten, wie seine Hände mit bemerkenswerter Selbstsicherheit in seinem Schoß zur Ruhe kamen. Irgendetwas fand sie an diesen Mann beunruhigend und gleichzeitig äußerst anziehend. Sie konnte ihre Gefühle nicht wirklich benennen und war verwirrt. Er half ihr über den Moment hinweg, indem er ihr beipflichtete: „Sie haben absolut Recht in allem, was Sie gesagt haben.“ Seine Stimme war jetzt sehr weich und schmeichelnd. „Ich hätte es nicht besser beschreiben können und verstehe sehr genau, was Sie meinen. Mir sind seine Bilder genauso wertvoll.“ Elena hatte sich wieder etwas gefangen. Sie nutzte die sich jetzt bietende Möglichkeit, etwas von ihr abzulenken. „Ach ja? Gibt es an diesem Bild auch etwas, was Sie besonders anspricht?“ Aber der Mann schüttelte mit dem Kopf. „Obwohl dieses Bild wunderbar ist, muss ich ihre Frage verneinen, verehrte Signorina. Es gibt da aber andere Veduten. ... Sie sind jedoch nicht hier zu sehen.“ Auf einmal bückte er sich etwas zu ihr hin. Elena hielt den Atem an. „Wenn Sie mir eines Tages erklären, was dieses Paar dort für Sie wirklich bedeutet, werde ich Sie einladen, meine Bilder zu sehen. ...“ Elena zögerte. „Ihre Bilder, Signore?“ Sie konnte diese Formulierung nicht ganz ernst nehmen und verstand es eher symbolisch, so wie sie selbst das berühmte Werk hier an der Wand ebenso als ihr Bild titulierte. Er aber blieb ernst. „Signorina. Ich meine es so, wie ich es sagte.“ Sein Ton war auf einmal merkwürdig verändert. Elena wusste nicht, was sie davon halten sollte und schaute verlegen auf ihre Armbanduhr. Erschrocken stellte sie fest, dass sie die Mittagspause bereits sehr großzügig ausgedehnt hatte. „Entschuldigen Sie, aber ich muss dringend zurück zur Arbeit.“ Sie stand abrupt auf und er tat es ihr gleich. Sie gaben sich die Hand, er verbeugte sich übertrieben vornehm. „Es war mir ein besonderes Vergnügen, Sie kennengelernt zu haben. Signorina.“ Sein Tonfall hatte wieder zu der anfänglichen Unverfänglichkeit zurückgefunden. „Darf ich Sie noch ein Stück begleiten?“ Obwohl er den Ort ihrer Arbeitsstätte schon kannte, wollte er sie noch nicht entlassen. Sie aber lachte etwas nervös, entzog ihm die Hand. „Vielen Dank, Signore. Aber der Weg ist nicht sehr weit. ... Ich bin Archivarin und arbeite im Staatsarchiv.“ Er schien zu akzeptieren. Sie aber ahnte nicht, dass Sie dem Unbekannten gerade eine wichtige Information gegeben hatte. Es war nun klar, dass sie Robin Ferguson im Archiv unterstützte, vielleicht sogar in seine Recherchen eingebunden war. Sie war eine potentielle Mitwisserin.

Elena ahnte natürlich von all dem nichts. Auch, als er ihr zum Abschied noch eine bedenkenswerte Botschaft mitgab: „Wir werden uns bald wiedersehen, Signora. Ich freue mich jetzt schon auf unser nächstes Gespräch.“ Sie lächelte etwas verlegen und machte sich langsam auf. Sie ahnte, dass diese Begegnung keine alltägliche gewesen war. Auch wenn dieser Mann geheimnisvoll, ihr vielleicht sogar etwas unheimlich war, war sie dennoch von ihm fasziniert. Plötzlich hielt sie inne. Sie spürte seinen Blick in ihrem Rücken, drehte sich noch einmal um und ging die paar Schritte zu ihm zurück: „Wie können Sie sich da so sicher sein?“ hakte sie nach wurde erneut überrascht. Er schien diese Frage erwartet zu haben. „Auch ich werde wieder hier sein, Signorina. So wie heute. Immer um die Mittagszeit.“ Sie schaute nachdenklich in das lächelnde Gesicht des hageren Mannes. Natürlich hatte sie verstanden. Erstaunt über sich selbst bestätigte sie mit einem kurzen Nicken. Ja, sie würde wiederkommen, so wie heute. Genau zur Mittagszeit. Verwirrt, aber auch angenehm aufgeregt verließ sie endgültig das Museum.

Er aber ging zurück in den Ausstellungsraum und setzte sich wieder auf dieselbe Bank. Jetzt wo Elena nicht mehr da war, verschwand das Lächeln aus seinem Gesicht und tiefe Falten gruben sich in seine Stirn. Er musste sich eingestehen, dass die ganze Situation ihn mehr belastete als es ihm lieb sein konnte. Tatsächlich war es noch nie so kritisch gewesen wie dieses Mal. Zum ersten Mal empfand er das, was ihm mit in die Wiege gegeben worden ist, als Bürde. Er war das letzte Kettenglied einer langen Tradition und seine dringlichste Aufgabe war es, diese Tradition erfolgreich fortzuführen, das nächste Kettenglied sicher zu verankern. Alles nur, um einen alten Bund und ein rechtmäßiges Familienerbe vor dem Erzfeind und dessen Vasallen zu schützen. Er seufzte leise. Als Einzelkind und Sohn einer überaus dominanten Mutter, kannte er nur zu gut die besonderen Regeln in diesem Matriarchat, das seine Familie nun schon seit über 250 Jahren im Geheimen praktizierte. Egal aber ob Tochter oder doch Sohn: Einmal ausgewählt wurde man von Kindesbeinen an eingeschworen zur absoluten Pflichterfüllung. Das bedeutete bedingungslose Bereitschaft, das eigene Leben in den Dienst jenes Bundes zu stellen. Es war ihm aber bisher noch nicht einmal gelungen, eine Frau länger an sich zu binden, geschweige denn, für die nächste Generation zu sorgen. Und ausgerechnet jetzt holte der Erzfeind zum gnadenlosen Schlag aus, forderte die Pflichterfüllung ihren maximalen Tribut.

Dabei machte er sich schon seit langem Vorwürfe, seine Mutter ausgerechnet in der wichtigen Frage der Nachfolge enttäuscht zu haben. Gerade mal ein halbes Jahr war es her, als sie ihm auf dem Sterbebett liegend den Schwur abverlangte, das Problem endgültig zu regeln. Sie war es auch, die ihm quasi mit den letzten Atemzügen einen praktischen Ausweg aus seinem Dilemma aufzeigte: Wenn nicht schon eine leibliche Tochter, dann sollte es zumindest eine im Geiste sein. Eine Frau, die fähig und willens wäre, zu verstehen, zu bewahren und weiterzugeben. Eben eine würdige Erbin. Und jetzt saß er hier in der Accademia von Venedig, um seine Schlacht zu Ende zu bringen, aber plötzlich war da diese junge Italienerin. Er fühlte, wie seine Gedanken an Elena Pisani seinen Puls beschleunigte. Noch nie ist er einer Frau mit einer solch tiefen, emotionalen Bindung zu Canalettos Bildern begegnet. Würde sie sich als würdig erwiesen können? Jedoch unterstützte sie auch Robin Ferguson und gehörte damit der Gegenseite an. Er biss sich nervös auf die Lippen. Was würde werden, wenn er versagt?

Schweiß rann ihm die Stirn herab, seine Hände klammerten an der Bank, auf der er saß. Das erste Mal in seinem Leben hatte er Angst.
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