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Morte Obscura

von Hei66
CrossoverKrimi / P16 / Gen
1. DCI Tom Barnaby DC Ben Jones Joyce Barnaby
25.02.2016
18.06.2018
43
131.491
3
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30.10.2016 4.631
 
Seit der Bekanntgabe des gewaltsamen Todes von Professor Dr. Mason Ross wurde auf Initiative des britischen Konsuls auch in Venedig nach einem angemessenen Rahmen für eine Gedenkfeier gesucht. Schließlich war die Grundidee des vielfach bewunderten britischen Pavillons auf der Biennale maßgeblich vom Professor geprägt. Die Initiative stieß auf eine breite Resonanz und auch Francesca Mazzini und Tommaso Temperini unterstützen aktiv die Idee einer feierlichen Gedenkstunde. So kam es, dass die Stadtverwaltung Venedigs mit der Öffnung der berühmten Basilika Santa Maria della Salute einen wirklich würdigen Rahmen ermöglichte. „Und wieder ist da Canaletto. ...“ Nachdenklich rührte Francesca den Zucker in ihren Espresso um. Sie und Tommaso saßen gerade zusammen im Café der Accademia, als sie telefonisch von dieser großzügigen Geste der Stadtverwaltung erfuhren. Er spürte die Melancholie in ihrer Stimme, fasste zärtlich nach ihrer Hand und drückte sie. Die stille Geste verriet ihr, dass er wusste, wovon sie sprach: Auch diese wunderbare marmorne Barockbasilika hatte Canaletto in einer der berühmtesten Veduten verewigt. Die kirchliche Gedenkfeier zu Ehren des Professors war angesetzt für den nächsten Tag um Sieben Uhr abends. Anschließend sollten die Geladenen unter den Gästen per Boot zu einem Empfang zum britischen Konsulat gefahren werden. Die Liste der eingeladenen Gäste las sich über weite Strecken wie das ‚Who is Who’ der internationalen Kunstszene. Mit Argusaugen wurde darauf geachtet, niemanden aus den Kreisen der Familie, Freunden und Kollegen sowie anderer Wegbegleiter zu vergessen. Die Gefahr, jemanden bei einer schnell zusammen gestellten Gästeliste zu kompromittieren, war nicht gering. Und so geschah es doch trotz aller guten Vorsätze, dass man einen vergaß: Lord Crawford aus Midsomer, den immer noch bekannten, aber nicht unumstrittenen Canaletto-Experten und ewigen Kritiker des Professors.

Dieser knallte den Telefonhörer wütend auf die Gabel. Er hatte es kaum glauben wollen, aber er wurde tatsächlich nicht zur Leiterin der Accademia durchgestellt, sondern musste sich mit einer ihrer Sekretärinnen herumschlagen. Die war natürlich nicht bereit, ihm eine Einladung zur Gedenkfeier in Venedig zukommen zu lassen. „Es tut mir leid, Sir, aber Sie stehen nicht auf der Liste,“ hatte die junge Frau am anderen Ende der Leitung versucht, sich zu rechtfertigen. Offensichtlich hatte das junge Ding keine Ahnung, mit wem sie da sprach! Der Lord schäumte. Aber Francescas Sekretärin war stur geblieben und nun musste er, Lord Ashton Crawford, ergeben auf einen Rückruf warten. Wütend stand er von seinem Schreibtisch auf. „Das ist absolut inakzeptabel,“ schalt er laut gegen die stummen Wände. Grübelnd verharrte der Lord an einem der hohen Fenster mit der weiten Aussicht über das lieblich geschwungene Gelände, das ihm als privater Park diente. Sein Blick glitt über die prachtvollen Blumenarrangements, den alten Bäumen zwischen dem perfekt gestutzten englischen Rasen und den überaus großen Rhododendrenwäldern, aber erfreuen konnte er sich nicht daran. Die Jahre, wo er in seinem Fachgebiet Impulse setzten konnte, waren schon lange vorbei, das wusste er. Aber dass er nur zufällig im Internet von dieser Trauerfeier erfahren musste, war doch ein Tiefschlag. Es gab da aber noch einen anderen Grund, warum er unbedingt nach Venedig musste. Der junge Ferguson war dort und war wahrscheinlich einem großen Geheimnis auf der Spur. Die Geschichte mit der Masterthesis konnte einfach nicht alles sein, warum der Professor ihn dorthin geschickt hatte. Er dachte an die Pressekonferenz am heutigen Vormittag und über den Aufruf der Polizei. Wird Robin von diesem Aufruf erfahren und - wenn ja – wie wird er handeln? Er fuhr sich mit der Hand nervös durch seine Haare. Er musste hin, den Jungen finden und noch vor der Polizei erfahren, was er wusste. Eine Einladung zur Gedenkfeier war also nicht nur eine Frage der Ehre, sondern würde ihm auch als Vorwand nach Venedig zu kommen wunderbar entgegenkommen. Jetzt wieder ungeduldig werdend, starrte er auf das stille Telefon. Die Assistentin nahm sich ganz schön Zeit, dachte er gerade, als es endlich klingelte. Er nahm ab und war sofort etwas besänftigt, als er am anderen Ende der Leitung Francesca Mazzini persönlich am Apparat hatte. Als die Leiterin der Accademia erfahren hatte, wer da in der Gästeliste übergangen worden ist, wusste sie sofort, dass sie das persönlich übernehmen musste. Sie kannte des Lords Egozentrik und ahnte, was ihr nun bevorstand. Im Grunde hätte sie auf diesen schwierigen Engländer gut verzichten können. Er und der tote Professor hatten nicht gerade ein einfaches Verhältnis gehabt. Aber der Anstand gebot es natürlich, ihn einzuladen. Dennoch - für einen kurzen Moment fand sie den Gedanken, ihn einfach auflaufen zu lassen, als äußerst verführerisch. Sie scheute aber diesen Affront und entschied sich anders.

„Lord Crawford, ich muss mich entschuldigen!“ rief sie mit gespieltem Bedauern in den Hörer. Sie wusste natürlich, dass eine einfache Entschuldigung nicht reichte und der Lord quasi einen Kniefall von ihr abverlangen würde. Die verbale Ohrfeige kam dann auch sogleich retour: „Das ist unverzeihlich, Signora Mazzini. Was wollen Sie zu Ihrer Entschuldigung anbringen?“ Francesca Mazzini schüttelte den Kopf über den harschen Ton. Erneut drängte sich ihr der Wunsch auf, diesen Mann einmal ganz deutlich in seine Schranken zu weisen. Aber sie verzichtete auf ein Kräftemessen. Es ging um die Ehrung des toten Professors und da wollte sie keinen kleinkarierten Krach mit diesem selbstgerechten Kollegen, dessen wissenschaftlichen Sternstunden nun schon einige Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte zurücklagen. Also nahm sie sich zurück und versprach stattdessen, sich persönlich um seine Einladung zu kümmern. Endlich, nach vielen Worten, war er zufrieden. Er hatte am Ende ja auch das bekommen, was er seiner Meinung nach erwarteten durfte: Eine VIP Karte zur Gedenkfeier inklusive Einladung zum Empfang im britischen Konsulat. Noch einmal durfte sich der Lord dazugehörig fühlen zum Kreis der ganz großen seines Faches. Francesca war es recht. Hauptsache, sie hatte diesen quengelnden Engländer vom Tisch. Sie versprach ihm sogar einen Platz relativ weit vorne, unweit von ihr und ihren Leuten, wie sie sich ausdrückte. Der Lord war gespannt, ob auch Robin Ferguson schon zu ihren Leuten gehörte. Er würde es bald erfahren. „Sie haben immer noch Ihre eigene Wohnung in San Marco? Oder benötigen Sie ein Hotel?“ fragte sie zum Abschluss noch höflich nach, aber im Grunde wusste sie es. Lord Crawford brauchte kein Hotel. Seit langem schon besaß er einen besonders prächtigen Palazzo im San Marco Viertel, ganz in der Nähe zu jenem Ort, wo einst das Haus von Canaletto gestanden hatte. Lange Zeit nutzte seine Lordschaft diesen alten Prachtbau allein, bis er vor einigen Jahren beschlossen hatte, das Haus grundlegend zu modernisieren und in vier Wohnungen aufzuteilen, die er vermietete. Nur die größte behielt er für sich und verfügte damit immer noch über eine äußerst repräsentative Wohnstätte von knapp 200 Quadratmetern mit großem Balkon. Hier konnte er seinem Idol ganz nah sein, konnte auf den Wegen des alten Vedutenmalers wandeln und dessen Leben und Wirken nachspüren. Lord Crawford legte zufrieden auf und organisierte sich sofort das Flugticket. Er hatte Glück. Die Abendmaschine von London Gatwick war noch nicht ganz voll und er konnte noch am selben Abend in Venedig sein. Mit einem Lächeln im Gesicht griff er zu seinem kleinen Adressbuch und blätterte durch die Namen. Er suchte nach seinen venezianischen Kontakten. Beim Namen des Vorsitzenden des venezianischen Lion-Clubs zögerte er. Sollte er sich dort melden? Warum eigentlich nicht, fragte er sich und griff zum Telefon. Es dauerte nicht lange, da hörte er die vertraute, immer etwas nervös klingende Stimme am anderen Ende der Leitung: „Vice-Questore Patta...?“

Während Lord Crawford dabei war, sich seine Venedig-Reise zu organisieren, waren DCI Tom Barnaby und DS Ben Jones auf den Weg zurück zur CID. Es war still im Auto. „Was wollte denn ihr Freund, der Vollbart noch von Ihnen?“ fragte der DCI schließlich in das Schweigen hinein. Jones, der die kurze Fahrt etwas zum Ausruhen nutzte und seine Augen geschlossen hielt, wendete sich seinem Chef müde zu. „Nichts Besonderes, Sir.“ Seine Stimme verriet dem DCI seine Schläfrigkeit, die ihn, seitdem sie im Auto waren, übermannt hatte. „Er hatte sich entschuldigt für sein Auftreten. Und er will sich gegen seine Kündigung wehren. Ich frage mich bloß, wie er das anstellen mag.“ Tom Barnaby kommentierte nur mit einem mitleidigen Lächeln, da richtete sich der Sergeant in seinem Sitz wieder etwas auf. „Er hat mir erzählt, dass dieser Arthur Landsbury, der Vertriebsleiter, ebenfalls ein Lord ist.“ „Ach ja, Jones? Und was bedeutet das Ihrer Meinung nach? Ein weiterer Mensch, mit dem Sie sich bekriegen wollen?“ konterte der DCI etwas spöttisch. Ben grinste zur Antwort. „Ich wusste gar nicht, dass Sie mich so kriegerisch einschätzen, Sir.“ Aber schon wurde er wieder ernster. „Nein. ... Wahrscheinlich bedeutet es überhaupt nichts.“ Wieder füllte Schweigen den Innenraum des Autos, bis Jones erneut ansetzte. „Ich glaube nicht, dass Arthur Landsbury unser Mörder ist. Er sollte genug auf der hohen Kante haben. Eine drohende Kündigung durch Gallagher dürfte kaum eine existentielle Bedrohung für ihn dargestellt haben... “ Barnaby sagte nichts, wartete darauf, dass Jones mit seinen Gedanken fortfuhr. „... Und er hat offensichtlich keinerlei Verbindung zu Professor Ross.“ Wieder Schweigen. „Abgesehen von der Tatsache, dass sich unsere beiden Lords gerne während der mittäglichen Treffen im erlauchten Kreis des Lions Clubs über Canaletto unterhielten und offensichtlich den wissenschaftlichen Standpunkt unseres Professors nicht immer teilten,“ kommentierte Barnaby nun doch den Monolog seines Sergeants. „Mmh“ war alles, was Jones dazu sagen mochte. Es war ihm anzusehen, dass er über den letzten Einwand seines Chefs nachdachte. Barnaby beschloss, es abzukürzen: „Ich werde DC Stephens bitten, das Alibi unseres Arthur Landsbury zu überprüfen, nur damit wir komplett sind und diese Variante der Mordtheorie sicher ad acta legen können.“ Da unterbrach der Sergeant: „Sir – er hat kein Alibi.“ Barnaby schaute konsterniert zu seinem Beifahrer. „Er hat keines...?“ Jones schüttelte den Kopf. „Bei keinem der drei Morde?“ fragte sein Chef erstaunt. Jones legte etwas erschöpft den Kopf nach hinten gegen die Kopfstützen. „Sir, am Tag des Unwetters, als Professor Ross verschwand, will er nach einem Bankbesuch in Causton nachhause gefahren sein, was ihn mehr Zeit als üblich gekostet hatte. Er meinte, die Straßen waren überflutet und vieles gesperrt. In der Nacht, als Robinson starb, will er zuhause gewesen sein und noch lange gearbeitet haben. Leider haben wir in beiden Fällen keine Zeugen, wo er tatsächlich zu den Mordzeitpunkten gewesen ist. Er lebt alleine. Bei Gallagher wollte ich ihn gerade nach seinem Alibi fragen, als Sie in das Besprechungszimmer reingestürmt sind und mich unterbrachen.“ Barnaby ignorierte den versteckten Vorwurf. Er wusste, dass er Jones vorhin vor Lesley Simon und den Managern etwas harsch unterbrochen hatte. Er war einfach zu aufgebracht gewesen wegen der Vergeudung wertvoller Zeit durch eine Befragung, die seiner Meinung nach nicht wirklich zielführend war. Aber jetzt hatten Jones’ Ausführungen doch seinen detektivischen Instinkt geweckt. Kein Alibi für alle drei Morde bedeutete, dass hier vielleicht doch noch nicht das letzte Wort gesprochen worden ist. Die Augen nicht von der Straße nehmend, ergänzte er die Ausführungen seines Sergeants: „Das heißt, das Alibi während des dritten Mordes ist unklar geblieben?“ Jones nickte nur noch stumm, als Barnaby schon das Lenkrad herumriss und in einer überraschend sportlichen Manier den Wagen wendete.

„Was hat eigentlich das Gespräch mit Mrs. Ferguson ergeben?“ fragte Jones während sie zügig über die Landstraßen zurück zur Firma fuhren. „Dass Sie nach Venedig reisen, und zwar so schnell wie möglich, und Robin Ferguson überreden, zurückzukommen.“ Barnabys Antwort kam wie aus der Pistole geschossen, so als ob er nur auf diese Frage gewartet hätte. Ben war völlig überrumpelt und glaubte sich verhört zu haben, aber sein Chef bestätigte sehr ernst. „Das ist mein Ernst, Jones. Vorausgesetzt, Sie trauen sich eine solche Reise zu.“ Er nahm den irritierten Blick des Sergeants wahr und ergänzte: „Ich meine natürlich Ihre Kopfverletzung. Glauben Sie, Sie sind für eine Flugreise schon fit genug?“ Ben überlegte einen Moment, nickte aber dann. „Ich denke schon, Sir. Aber ich verstehe nicht, warum meine Reise notwendig ist. Ist er denn so uneinsichtig?“  Barnaby nickte. „Das ist noch etwas zu harmlos ausgedrückt, fürchte ich. Mrs. Ferguson ist überzeugt, dass Robins Reise nicht nur der Themensuche für seine Abschlussarbeit dient. Er verschweigt etwas vor ihr. Sie beklagt, dass er sich ihr zunehmend entzieht.“ Jones musste lachen. „Wer würde sich einer solchen Übermutter nicht entziehen wollen, und sei es nur durch eine Italienreise,“ warf er etwas spöttisch ein, aber sein Chef blieb ernst. „Da mögen Sie ja recht haben, Jones. Aber dass dies ganz und gar nicht eine normale Italienreise ist, wissen wir doch beide. ...“ Einen kurzen Seitenblick auf seinen jüngeren Partner werfend, fügte er an: „Und wenn der Mörder noch jemanden im Visier hat, wird es wahrscheinlich Robin sein. Wir sollten wissen, wo er ist, was er macht und ihn dann nicht mehr aus den Augen lassen.“ Jones verstand, er musste reisen. Aber in diesen Moment fiel ihm seine Verabredung für das kommende Wochenende ein: Jane Fairchild, inzwischen schon acht Jahre alt, wollte ihn besuchen. Er hatte den Kontakt zu dem Mädchen nie abbrechen lassen, das vor zwei Jahren ihre Mutter auf furchtbar brutale Weise verloren hatte und zur Waisen geworden ist. Er war es gewesen, der den Zugang zum völlig verstörten Mädchen als erster gefunden hatte und ihr Vertrauen erlangte. Heute lebte das Mädchen bei einer Pflegefamilie in Midsomer Parva, aber es war für beide immer ein besonderer Spaß, wenn sie ihn übers Wochenende besuchen kam. Er stöhnte leise - er würde sie wieder einmal enttäuschen müssen. Barnaby schaute fragend und Ben erklärte es ihm. „Jane ... Sie wissen schon. ... Erklären Sie es ihr?“ Tom Barnaby verstand natürlich, ignorierte aber die Bitte: „Das tut mir sehr leid, Jones, aber ich fürchte, dass Jane auf ein anderes Wochenende warten muss.“ Der Sergeant nickte seufzend. „Wann soll ich reisen?“ fragte er nun ganz direkt. Aber anstatt zu antworten, wählte der DCI wortlos die Nummer seiner Sekretärin. „Mandy, hier ist Tom Barnaby. Sergeant Jones muss dringend nach Venedig. Können Sie sich um Flugticket und Pension kümmern?“ Mandy versprach es. Nur zehn Minuten später wusste Ben, dass er am nächsten Morgen fliegen würde. Natürlich war für ihn nur Billigfluglinie von London-Stansted nach Venedig-Treviso drin. Er würde sehr früh aufstehen müssen.

Wieder in der Firma angekommen, mussten sie enttäuscht feststellen, dass Arthur Landsbury nicht mehr im Haus war. Sie standen zu dritt in Gallaghers Chefzimmer, das Lesley Simon inzwischen bezogen hatte. Sie war sichtlich genervt von diesen aufdringlichen Detectives, schließlich mussten hier und jetzt sehr wichtige Entscheidungen getroffen werden. Aber der DCI schien davon nicht sehr beeindruckt. Er hatte nicht vor, sich in seinen Fragen irgendwie hetzen zu lassen: „Warum haben Sie Mr. Landsbury freigestellt, Ms. Simon?“ Die Frage überraschte sie. War das nicht offensichtlich? Um nicht ausfallend zu werden, schaute sie kurz aus dem Fenster und atmete dreimal durch. Dann wandte sie sich wieder den beiden Besuchern zu. „Ausgerechnet Sie fragen das, Inspector? Ihr Sergeant war doch dabei, wie ein Mitglied der früheren Geschäftsleitung Arthur Landsbury ein Motiv für den Mord an Matthew Gallagher geäußert hatte! Soll ich etwa Mr. Landsbury in meinem Team halten, obwohl dieser Verdacht im Raum steht?“ Die zierliche, aber sehr energische Frau hatte sich einen Moment nicht mehr ganz unter Kontrolle. Ihre Stimme wurde etwas zu laut und schneidend. Sie aber bemerkte es, entsann sich ihrer Atemübung und fand kurz darauf wieder zu einem normalen Tonfall zurück. „Dabei hätte ich ihn gerne bei den kommenden Verhandlungen dabei, Mr. Barnaby. Er kennt die Firma, ist gefürchtet und hat sich nie an Gallaghers merkwürdigen Praktiken beteiligt. Vor allem aber scheint er über unternehmerischen Weitblick zu verfügen und war immer schon von der Idee der Übernahme durch ein größeres Unternehmen überzeugt. Sobald Sie diesen Verdacht ausgeräumt haben, Chief Inspector, wird Arthur Landsbury sofort in die Übernahmeverhandlungen mit dem österreichischen Konzern einsteigen.“ Die Detectives schauten sich an. Es schien tatsächlich so, als ob Arthur Landsbury derjenige sein könnte, der am meisten von Gallaghers Tod profitieren und im Fall einer geglückten Verhandlung den Chefposten hier in Midsomer übernehmen könnte. Sie erfuhren, dass sie den Vertriebsleiter wohl zuhause antreffen dürften. „Werden Sie mir Bescheid geben, wenn Sie Mr. Landsbury von Ihren Ermittlungen ausschließen können, Mr. Barnaby?“ Das konnte Tom Barnaby ihr zusichern. Schon im Gehen befindlich, wandte sich der DCI jedoch noch einmal um. „Wir hoffen, dass es für die hiesigen Angestellten eine Perspektive geben wird, Mrs. Simon.“ Doch offensichtlich wurde das von der neuen Chefin als eine unangemessene Einmischung in ihre Geschäftsangelegenheiten empfunden. Lesley Simons Gesichtsausdruck wurde hart und undurchdringlich und die Stimme gewann erneut an Schärfe. „Ich vertrete hier in erster Linie die Interessen meines Arbeitsgebers, der Bank of Midsomer, Mr. Barnaby. Aber falls sich die Interessen der Bank und die der Arbeitnehmer irgendwo treffen sollten, dann werde ich natürlich gerne etwas zum Erhalt von Arbeitsplätzen beitragen,“ war ihr kühler Kommentar. Weder DCI Barnaby noch Ben Jones hatten eine passende Antwort parat. Schweigend verließen sie den Raum.

Arthur Landsbury sah den schwarzen Jaguar schon vom Fenster aus vorfahren und beobachtete, wie die beiden Detectives ausstiegen und auf sein Haus zukamen. Ben Jones, der die Klingel betätigte, meinte zu seinem Chef: „Irgend etwas machen wir falsch, Sir. Egal, wo unser Fall uns auch hinführt: Wir stoßen auf Menschen, die in Villen oder sogar schlossähnlichen Anwesen leben. Mein Gehalt würde hier nicht mal für die Heizungsrechnung reichen,“ bemerkte er trocken und betrachtete nicht ohne Staunen das alte Herrenhaus vor dem sie standen.“ „Das stimmt nicht ganz, Jones, ...“ widersprach der DCI. „Denken Sie an Robert Johnson und seinem Plumpsklo.“ Jones rümpfte die Nase in Gedanken an diesen stinkenden Bretterverschlag. „Jetzt finden Sie ihr Häuschen doch wieder sehr schön, oder?“ grinste Barnaby und Jones musste lachen. In diesem Moment ging die Tür auf. Vor ihnen stand der hagere, hochgewachsene Vertriebsleiter. Obwohl wahrscheinlich allein zuhause, war er wie immer untadelig angezogen. Die braune Hose, kombiniert mit einer Tweedweste und Hemd sollten leger wirken, aber der teure Zwirn sowie die augenfällig edle Verarbeitung reichte dem typisch englischen Understatement der Wohlhabenden alle Ehre. „Detectives ...!“ rief er erstaunt. „... Was ist so amüsant, dass Sie so ausgelassen sind?“ Jones reagierte spontan: „Nichts von Belang, Sir. Wir haben in gewisser Weise nur die Relativitätstheorie bemüht.“ Barnaby quittierte Jones lockeren Spruch mit einem amüsierten Blick und auch der hagere Mann im Türrahmen hob eine Augenbraue. „In dem Sinne, Sergeant, wie weit Sie sich von der Auflösung dieser furchtbaren Mordfälle noch befinden?“ „Nein Sir,“ warf Barnaby nun ein. „Da lachen wir erst, wenn der Mörder gefasst ist. ... Dürfen wir kurz reinkommen?“

Der Mann zögerte, nickte aber schließlich und leitete sie durch das Haus in einen sehr großen Raum, eine Art Wohnzimmer, das aber auf beide Detectives zu steril und zu repräsentativ für einen wirklich genutzten Wohnbereich wirkte. Noch den Eindruck ihrer Umgebung in sich aufnehmend, kamen Ben Jones spontan die Worte des Vollbartes wieder in den Sinn und er begann die Befragung etwas überfallartig mit der Frage, warum Mr. Landsbury seine adlige Herkunft denn verschweigen würde. Barnaby schaute etwas überrascht zu Jones. Normalerweise war es seine Aufgabe, die Gespräche zu eröffnen. Der Hausherr aber lächelte entspannt: „Ah, ich sehe, Sie haben sich informiert! Dabei hatte ich heute den Eindruck, dass insbesondere Sie es nicht mögen, wenn man seine adlige Herkunft zu sehr betont, Sergeant. Und jetzt fragen ausgerechnet Sie mich, warum ich mich diesbezüglich zurückhalte?“ Aber auch Ben Jones blieb gelassen. „Ja, Sir. Unabhängig von dem, was ich vielleicht über das Benehmen einiger Vertreter des hiesigen Landadels denke, möchte ich das wirklich gerne wissen.“ Der Mann wurde nun ernst, überlegte seine Antwort. „Ich habe die Erfahrung gemacht, den Titel besser zurückzustellen, wenn man in einer Firma arbeitet. Egal wie die Menschen darauf reagieren, positiv oder negativ. Ein Adelstitel wird wahrgenommen und kann schnell zu einer Barriere werden, die den beruflichen Dingen schadet. ... Und mittlerweile habe ich diese Angewohnheit aus dem beruflichen Umfeld auch in meinen sonstigen Alltag übernommen. Ich lebe gut damit, denke ich.“ Der Sergeant nickte. Die Antwort, das musste er sich selbst eingestehen, gefiel ihm.

„Aber warum möchten Sie mich sprechen, meine Herren?“ Landsburys Frage brachte beide Detectives zu ihrem eigentlichen Anliegen zurück. Das war das Stichwort für den DCI, der sich jetzt ins Gespräch einschaltete: „Es geht wahrscheinlich sehr schnell, Sir. Wir müssen nur noch klären, was Sie am Samstagabend zum Todeszeitpunkt ihres Chefs Matthew Gallagher gemacht haben. Zwischen sieben und neun Uhr abends.“ Der Mann schaute erstaunt zu Ben Jones. „Aber das haben Sie mich doch schon gefragt, Sergeant.“ Ben nickte. „Aber die Antwort sind Sie mir schuldig geblieben, Mr. Landsbury,“ antwortete er. „Für zwei der Morde haben Sie kein Alibi. Sie waren allein zuhause. ...“ Der Hagere unterbrach ihn. „Ich lebe nun einmal alleine, Sergeant. Vielleicht wünsche ich mir etwas Anderes, aber so ist es nun einmal.“ Jones nickte besänftigend. „Ja Sir. Schon gut. Aber wir müssen leider auf eine Antwort bestehen. Nach den Anschuldigungen ihres Kollegen allemal.“ Die eben noch recht aufgeräumte Stimmung war verflogen, Stille machte sich für einen Moment breit. Beide Detectives behielten den Mann sehr genau im Auge. Zögerlich, so als ob er angestrengt in seinem Gedächtnis kramen müsste, berichtete Arthur: „Ich war an diesem Tag im Golfclub. Wir hofften, dass das Wetter etwas Golfen erlauben würde. Leider blieb es regnerisch und so saßen wir an der Bar und tranken Whisky, was mir aber nicht gut bekam. Ich hatte einen leichteren Migräneanfall und habe mir ein Taxi nach Hause bestellt.“ „Wann war das?“ fragte der DCI nach. Der Mann überlegte. „Gegen sechs Uhr, vielleicht etwas früher.“ „Das heißt, Sie sind gegen sechs hier angekommen und haben was dann gemacht?“ fragte der Sergeant nach. Der Mann lachte kurz. „Was meinen Sie, was man bei einem Migräneanfall macht, Sergeant? Ich habe alle Gardinen zugezogen und bin sofort ins Bett gegangen. Ich hatte eine furchtbare Nacht.“ Die beiden Detectives schauten sich an. Das bedeutete, dass auch bei diesen Mord niemand bezeugen konnte, wo Arthur Landsbury zum Tatzeitpunkt wirklich war. „War es das erste Mal, dass Sie Migräne bekommen haben?“ hakte der DCI nach. Arthur Landsbury verneinte. Nein, ich bin seit meiner Kindheit schon damit geschlagen. Fragen Sie meinen Arzt, Dr. Clark.“ Diesen Namen kannten die beiden Detectives bereits. Es war derselbe Arzt, den auch Lord Crawford wegen seiner Beinverletzung konsultiert hatte. Dr. Clarks schien im Kreis des Landadels einen guten Namen zu haben.  „Ok, Mr. Landsbury. Das war zunächst mal alles. Wir werden wahrscheinlich nochmal mit Ihnen reden müssen.“ Die Detectives fragten noch nach den Namen der Golffreunde und Jones notierte darüber hinaus die Angaben zur Taxifahrt. Das würde Stephens überprüfen können. „Muss ich mir Sorgen machen, Chief Inspector?“ fragte der hagere Mann nach, als sie schon wieder im großen Flur vor der schweren, mit gusseisernen Verschlägen versehenen Haustür standen. „Ich meine: Bin ich für Sie tatsächlich ein Verdächtiger?“ Barnaby seufzte leise. „Sie haben keine Alibis für keinen der drei Morde, Mr. Landsbury. Das ist leider ein Problem,“ erklärte der DCI. „Aber ich kannte den Professor doch gar nicht! Warum sollte ich ihn denn ermorden?“ widersprach der Mann heftig. „Daher stehen Sie auch nicht wirklich im Fokus, Sir,“ antwortete Barnaby und man konnte sogar eine gewisse Anteilnahme beim DCI heraushören. „Wir sind mit Mrs. Simon übereingekommen, sie beide sofort zu informieren sobald jegliche Verdachtsmomente sich verflüchtigen. Bis dahin aber werden Sie sich freie Tage machen können.“ Der Mann blieb stumm aber Jones glaubte, eine gewisse Erleichterung bei dem Mann wahrgenommen zu haben. Das irritierte ihn für einen Moment, aber er sagte nichts. Stattdessen verabschiedeten sie sich nun endgültig.

Endlich zurück im Büro der CID wählte Ben Jones die Telefonnummer von Janes Pflegefamilie. Als er das Freizeichen hörte, drückte er sein Handy wortlos seinem Chef in die Hand. „Bitte Sir, erklären Sie es ihr...“ „Jones ...! Sie können doch nicht ...!“ protestierte Tom Barnaby. Aber Ben Jones konnte sehr wohl und weigerte sich beharrlich, das Handy wieder zurückzunehmen. „Jane Morgan?“ hörten beide leise aus dem Handy tönen, das Tom Barnaby in der ausgestreckten Hand hielt. „... Hallo!?“ hörten sie erneut die Stimme der Achtjährigen am anderen Ende der Leitung. Tom blieb nichts weiter übrig, er ging ran: „Jane ... ähm ... hier ist Tom Barnaby ... Ben möchte Dich eigentlich sprechen, aber er kann eben nicht ... Es geht um Euer Wochenende...“  Die Achtjährige ahnte es bereits. Tatsächlich hatte sie eine Absage schon befürchtet. Sensibilisiert durch den erlebten gewaltsamen Verlust der Mutter, hatte sie die Berichte von den Morden, anders als andere Gleichaltrige vielleicht, sehr bewusst verfolgt und wusste, was das für Ben und für das gemeinsame Wochenende bedeuten konnte. Erstaunlich abgeklärt kam sie dem DCI zuvor. „Sie brauchen ihn, um diesen Mörder mit den Bildern zu fangen?“ fragte sie frei heraus, was den DCI einen Moment vor Erstaunen stocken ließ. Mit einem Blick zum besorgt blickenden Sergeant antwortete er ihr ernst: „So ist es, Jane. Wir müssen verhindern, dass noch mehr Schlimmes passiert. Ben muss nach Italien reisen, nach Venedig. Schon morgen. Und ich kann noch nicht sagen, wie lange er da bleiben muss.“ „Nach Venedig?!“ Janes Augen leuchteten auf. In der Schule hatten sie zur Karnevalszeit etwas über die Bräuche in verschiedenen Ländern gelernt und selber Masken nach Vorbildern gebastelt. Sie fand die venezianischen Masken am schönsten und träumte seitdem, einmal Venedig besuchen zu können und eine echte venezianische Maske zu sehen. „Kann er mich nicht mitnehmen?“ fragte sie prompt. Barnaby lachte auf. „Nein, Jane. Das wird wohl dieses Mal nicht gehen. Ich bin aber sicher, dass er das mit Dir nachholen wird.“ Jones’ eben noch besorgte Miene verschwand allmählich. Dem Chef still zuhörend, fragte er sich irritiert, was die beiden da eigentlich besprachen. Jane dagegen war begeistert. Die Enttäuschung über das abgesagte Wochenende war bereits verdrängt von einer viel aufregenderen Perspektive: Mit Ben nach Venedig, Karnevalsmasken schauen! „Wirklich!? Hat Ben das gesagt?“ fragte sie ganz aufgeregt. Tom Barnaby zögerte einen kleinen Moment, drehte sich auf seinem Stuhl zum Sergeant und schaute ihm direkt in die Augen. Und Ben Jones wusste sofort, dass er seine kleine Frechheit, dem DCI dieses Telefonat aufzunötigen, jetzt gleich bezahlen würde. Langsam, fast genüsslich erhob der DCI nun das Wort: „Gesagt hat er das nicht, meine liebe Jane. Aber ich bin mir sicher, dass er nichts lieber machen würde. Vielleicht fragst Du schon mal Deine Eltern. Ich werde dafür sorgen, dass Ben bestimmt Zeit haben wird.“ Jane war begeistert, ihre Augen leuchteten mit der Sonne um die Wette. „Sagen Sie Ben, dass ich ihm gar nicht böse bin und dass ich gleich Mum und Dad fragen werde ... und dass ich mich ganz doll freue!“ Barnaby lächelte breit. „Natürlich Jane. Ich richte es ihm aus.“ Und damit legte er auf.

„Was sollen Sie mir ausrichten, Sir?“ fragte Ben etwas nervös seinen breit grinsenden Chef. „Jane ist begeistert von Ihrer Idee, mit ihr für ein Wochenende nach Venedig zu reisen. Wenn dieser Fall hier überstanden ist, versteht sich.“ Jones glaubte, sich verhört zu haben. „Sie will jetzt gleich ihre Eltern fragen. .... Sie machen sich wirklich prima als Onkel, das muss man Ihnen schon lassen, Sergeant.“

Und noch jemand bereitete sich auf eine Venedigreise vor. Allein an seinem Schreibtisch im holzgetäfelten Arbeitszimmer sitzend, fluchte der Mann leise vor sich hin. Jetzt war er doch länger aufgehalten worden als gedacht und nun war kein Flugticket mehr für die Abendmaschine nach Venedig zu bekommen. Zu dumm. Er verlor dadurch kostbare Zeit, wusste er doch, dass er nur ein begrenztes Zeitfenster zur Verfügung hatte, bevor jemand in Midsomer seine Abwesenheit bemerken würde. Er musste dort sehr schnell und präzise handeln und dann zügig zurückkommen. Etwas missmutig prüfte er die Möglichkeiten am morgigen Vormittag. Es gingen immerhin zwei Flieger in Abstand von einer knappen Stunde, einer von Gatwick, der andere von Stansted. Er entschied sich für den Linienflug von London-Gatwick, der direkt den Hauptflughafen der Metropole Venedig-Marco Polo anflog. Er informierte seine venezianische Hausangestellte, die seine Villa im Dorsoduro-Viertel auch während seiner Abwesenheit versorgte. Sie versprach eifrig, alles wie gewohnt für seine Ankunft vorzubereiten. Er legte auf und schaute hoch zu der thronenden Schönheit über seinem Schreibtisch. Sein Blick aber verharrte dieses Mal nicht lange bei ihr, sondern wanderte weiter nach links zum dunkel gehaltenen Hintergrund, wo drei kleine Bilder sich nur zögerlich offenbaren wollten. Bald schon würde er wieder mit ihnen vereint sein. Zumindest darauf konnte er sich freuen.
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