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Morte Obscura

von Hei66
CrossoverKrimi / P16 / Gen
1. DCI Tom Barnaby DC Ben Jones Joyce Barnaby
25.02.2016
18.06.2018
43
131.491
3
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08.10.2016 2.010
 
Die Archivarin führte Robin durch das verwirrende Labyrinth von stillen Gängen und Treppen im nicht öffentlichen Bereich des Staatsarchivs, bis sie einen größeren Raum erreichten. Auf dem ersten Blick sah man nur Tische, auf denen sich beachtliche Büchertürme stapelten. Aber dann entdeckte Robin auch Menschen dahinter, von denen sich kaum einer von den Hereinkommenden stören ließ. Absolut konzentrierte Stille lag in diesem Raum. Jetzt wo er endlich hier war, konnte er es kaum noch abwarten, seine Suche zu beginnen. Zwei oder drei Tische schienen unbesetzt und Elena deutete auf einen schönen Platz direkt am Fenster mit Blick auf die Calle dietro l´archivio. „Hier kannst Du Dich hinsetzen, Robin. Ich zeige Dir jetzt noch, wo Dokumente zu Canalettos Familie gelagert sind.“ Die Einführung in die für Robin relevanten Bereiche dauerte eine gute Stunde und dennoch würde er sich ohne Elenas Unterstützung nicht wirklich zurechtfinden. „Mein Arbeitsplatz ist dort drüben,“ sagte sie lächelnd als er seine Bedenken äußerte. „Sei unbesorgt. Du bist nicht der einzige, der ohne Hilfe der Archivare hier verloren ginge. Die Leute, die mit Dir zusammen in diesem Raum arbeiten, sind in der Mehrzahl Wissenschaftler aus anderen Ländern, die auch nur für eine begrenzte Zeit hier sind. Wir helfen einem jeden von Euch. ... Also, wie willst Du anfangen?“ Robin überlegte einen Moment. „Mich interessiert vor allem alles über Sofia Frattini, die Nichte Canalettos, und ihre Freundschaft zu Liliana Pommeroy, der jüngsten Tochter des Duke of Lochmond.“ Elenas schöne Augen weiteten sich und für einen kleinen Moment erkannte er den Schelm in ihr. „Ich habe schon länger darauf gewartet, dass sich jemand für diese Frauenfreundschaft interessiert. Ehrlich gesagt hätte ich Interesse eher aus der feministischen Geschichtsforschung erwartet. ... Aber ich lasse mich gerne überraschen!“

Robin durchforstete bereits fast zwei Stunden die Hinterlassenschaft von Canalettos Nichte Sofia, als Elena in Begleitung von Francesca Mazzini und Andrea Di Rossi zu ihm eilte. „Robin, wir müssen uns unterhalten.“ sagte Francesca ohne weitere Erklärung. Ihr Ton verriet die Dringlichkeit und Robin wurde augenblicklich nervös. Auf Bitten der Mazzini zeigte Elena ihnen ein kleines Zimmer, das eher als Abstellkammer genutzt wurde als für Besprechungen. Aber es sollte für ihren Zweck ausreichen. Aus Mangel an geeigneten Stühlen blieben sie stehen. Als Elena sich leise verabschiedet und die Tür hinter sich geschlossen hatte, kam Francesca Mazzini direkt zur Sache. „Ich hatte gerade einen Anruf von Mary Barker.“ Sie als auch Andrea Di Rossi nahmen Robins fragenden Blick wahr. Die Mazzini zögerte. „Sagen Sie jetzt bitte nicht, Sie wissen nicht, wer das ist, Robin.“ Aber Robin verneinte stumm. Francesca und Andrea tauschten einen erstaunten Blick. Was für ein merkwürdiges Spiel hat Professor Ross da eigentlich gespielt? Francesca war es schließlich, die Robin aufklärte. „Mary Barker war Professor Ross’ Assistentin. Diese Bezeichnung darf aber nicht missverstanden werden. Sie war damit nicht seine Sekretärin, sondern weit mehr. Als studierte Kunstwissenschaftlerin und mit einer, dem Professor sehr ähnlichen Arbeitseinstellung ist sie innerhalb sehr kurzer Zeit zu seiner engsten Vertrauten aufgestiegen - und ist dies auch bis heute geblieben. Manche im Umfeld der Royal Collection nennen sie bereits Graue Eminenz, obwohl sie mit Ende Dreißig dem Ergrauen noch recht fern sein dürfte. Vieles, was Professor Ross zu entscheiden hatte, soll er zuerst ausschließlich mit ihr diskutiert haben.“ Robin war sichtbar verblüfft. Den Namen hatte der Professor ihm gegenüber nie erwähnt. Auf einmal erinnerte er sich aber an sein verschmitztes Lächeln, als er ihm gegenüber andeutete, dass er auch außerhalb Midsomers aktiv gewesen wäre. Das war nach den beängstigenden Gesprächen mit den Detectives Barnaby und Jones gewesen, wo die Möglichkeit einer Verbindung zwischen dem Mord an Matthew Gallagher und ihren Aktivitäten das erste Mal im Raum gestanden hatte. Jetzt erst erkannte Robin, wie naiv er gewesen war zu glauben, er wäre der alleinige Vertraute des Professors. „Wie ich schon sagte, Signora Mazzini. Ich hatte gerade mal zwei oder drei Tage mit ihm,“ erklärte er sich sehr bescheiden, konnte aber eine gewisse Ernüchterung nicht verbergen.

Francesca Mazzini atmete tief durch und berichtete ernst, was sie von Mary Barker eben erfahren hatte. „Die Polizei bei Ihnen hat heute Vormittag eine Pressekonferenz gegeben und einen direkten Bezug gezogen zwischen den dortigen Morden und einer vom Professor aktiv angetriebenen Suche nach Canalettos verschollen geglaubten Veduten. Der Grund, dass Professor Ross zu Ihnen in die Provinz kam, war die angebliche Entdeckung von Beweisen, die in dem Archiv dieser Konsul-Smith-Foundation liegen sollten.“ Hier unterbrach Andrea, sein Ton war etwas bitter: „Wenn das stimmte, ist ohnehin alles verloren. Die Smith’sche Villa ist abgebrannt. Das haben Sie mir heute morgen ja selber gesagt, Robin.“ Robin reagierte jedoch kaum und Francesca Mazzini fuhr unbeirrt fort: „Die Polizei glaubt mittlerweile fest an diese Verbindung, weil der Mörder absichtlich Hinweise mit klarem Bezug zu Canaletto hinterlässt. Die Polizei bittet nun alle, die etwas über diese Beweise wissen, Kontakt mit ihnen aufzunehmen.“ Robin war sichtlich betroffen, aber die Mazzini gönnte ihm keine Pause. Sie fragte ihn nun direkt auf den Kopf zu: „Robin. Wissen Sie von solchen Beweisen? Oder hoffen Sie, hier etwas zu finden? Das zumindest würde mir einiges erklären.“ Robins Gedanken fuhren Achterbahn, doch langsam legte sich das Chaos im seinem Kopf. Um noch etwas Zeit zu gewinnen, entschloss er sich zu einer Gegenfrage: „Hat denn Mrs. Barker etwas erwähnt?“ Francesca Mazzini atmete hörbar aus und antwortete etwas gereizt: „Sie behauptete nein. Abgesehen von einigen allgemeinen Nachforschungen, die sie an Praktikanten weitergegeben haben will, hat sie angeblich keine weiteren Informationen. Allerdings betrafen diese Nachforschungen die Töchter des Duke of Lochmond. Und Sie, lieber Robin, sind hier, um zur Freundschaft zwischen Sofia Frattini und Liliana, der jüngsten Tochter dieses Dukes, zu recherchieren. Ehrlich gesagt: Ich kann mir kaum vorstellen, dass dies ein Zufall ist.“

Robin sah sich zwei Menschen gegenüber und wusste, dass beide sich nicht mehr mit Halbwahrheiten abspeisen lassen würden. Er erkannte ebenso, dass er das alleine nicht schaffen würde, sondern Verbündete brauchte, und zwar starke. Er brach ein. „Es ist über einen Monat her, als Professor Ross sich bei der Foundation meldete ...“, begann er leise und dann erzählte alles, was er wusste: Angefangen bei der Anfrage des Professors bei Matthew Gallagher und seinen Mitstreitern von der Foundation, ihn bei der Suche nach Hinweisen zu den Veduten zu helfen. Dann wie Matthew Gallagher den Professor bedrängte zu kommen, weil er auf etwas gestoßen sei. Er berichtete von diesem trüben Sonntagvormittag, wo Matthew dem angereisten Professor sowie einigen Freunden seine Entdeckung vorstellen wollte, aber selber nicht erschien, was später mit dem Auffinden seiner Leiche eine so entsetzliche Begründung finden sollte. „An diesem Sonntag bin ich Professor Ross das erste Mal begegnet und weil ich mich ganz gut im Archiv auskannte, haben wir gemeinsam versucht, Matthews Suche nachzuvollziehen,“ erklärte er und schmückte die gemeinsame Arbeit im Archiv in seiner Erzählung so lebhaft aus, dass die Italiener fast meinten, die Katakomben der Smith’schen Villa selber kennengelernt zu haben. Robins Zuhörer wagten kaum zu atmen, als er vom Fund der Haushaltsbücher von Elizabeth und ihren Eintragungen insbesondere im letzten Band von 1788 erzählte. Die Erkenntnis, dass es sich sogar um vier verschollene Veduten aus dem Besitz des Duke of Lochmond handeln musste, war überwältigend. Francesca Mazzini schaute sich jetzt doch nach einer Sitzgelegenheit um. Sie hatte auf einmal das dringende Bedürfnis, sich zu setzen. Fragen über Fragen kamen ihr in den Sinn, aber Robin ließ sie nicht zu Wort kommen. Es sprudelte einfach aus ihm heraus. Francesca erschien es so, als ob seiner Seele ein unglaublicher Druck entwich. Sie erfuhren, dass Robin und der Professor von den ermittelnden Detectives vor einer möglichen Verbindung des Mordes mit ihrer Suche gewarnt worden sind, aber der Professor sich in diesem Augenblick nicht durchringen konnte, alles offen zu legen. Robin hatte aber auch Gutes zu berichten: Die Beweise waren gesichert und dokumentiert, Gott sei Dank. Der Brandanschlag auf die Smith’sche Villa hat bestimmt viele Schätze für immer zerstört, aber bezüglich der Vedutenfrage keinen Schaden mehr anrichten können. Die Italiener verstanden, dass Robins Aufenthalt in Venedig natürlich auch seiner Sicherheit dienen sollte, aber vor allem auch der versteckten Suche nach weiteren Hinweisen - unter dem Deckmantel der Themensuche für seine Masterarbeit.

Robin hatte so schnell geredet, dass er Luft holen musste. Diesen Augenblick des Innehaltens nutzte Francesca für eine Zwischenfrage: „Es geht also inzwischen nicht mehr primär um weitere Beweise der Existenz – das ist ja bereits geglückt. Das Ziel ist jetzt, diese verschollenen Werke auch zu finden?“ Robin nickte schüchtern. „Wir wissen, dass Liliana mit Sofia Frattini eng befreundet war und es wäre möglich, dass sich bei Sofia neue Hinweise auf den Verbleib der Veduten finden lassen.“ Beiden Italienern entwich ein formidabler Stoßseufzer. „Incredible ...“ Während Andrea Di Rossi vor sich hinstarrend das soeben Gehörte noch verdauen musste, meldete sich Francesca erneut zu Wort. „Und wann wollte Professor Ross uns einweihen? Schließlich begannen wir gerade mit der gemeinsamen Vorbereitung der großen Jubiläums-Ausstellung. Es kann keinen denkbar besseren Anlass geben, um eine solch sensationelle Entdeckung in Szene zu setzten. Ich will nicht glauben, dass Professor Ross so etwas an uns vorbei inszenieren wollte!“ Aber zu ihrer Enttäuschung konnte der Student hierauf nicht klar antworten. Francesca sah ihn skeptisch an, akzeptierte aber schließlich. Im Stillen hätte sie viel darum gegeben, diese Frage mit dem Toten klären zu können. Sie versuchte sich einzureden, dass der Professor sie und vor allem auch Andrea Di Rossi rechtzeitig eingeweiht hätte. Aber erste Zweifel nagten bereits an ihr. Zweifel, die sie wohl nie mehr würde ausräumen können, jetzt wo der Professor tot war. Sie ahnte, dass dies sein Andenken für sie überschatten wird. Es war kein schönes Gefühl. Im Gegenteil – es machte sie traurig und wütend gleichermaßen.

„Und wo befinden sich die Originale, wenn sie nicht verloren sind?“ Andrea Di Rossi riss Francesca Mazzini aus ihren Gedanken und beide schauten jetzt wieder erwartungsvoll zum jungen Engländer, der eifrig antwortete: „Der Professor sprach von ‚Maßnahmen zur Sicherung der Funde’. Ich weiß, dass er ein Schließfach angemietet hat und ich vermute, dass die Tagebücher dort noch sind. Außerdem haben wir alles abfotografiert. Wahrscheinlich sind alle diese Dateien auf dem Laptop des Professors zu finden.“ Francesca Mazzini schüttelte ihren Kopf, so dass ihre Locken leicht tanzten. Das alles kam ihr immer noch unglaublich unwirklich vor. Mary Barker kam ihr wieder in den Sinn. Warum hatte die Assistentin des Professors bei ihr angerufen, sich aber unwissend gestellt? Wusste sie von Robin? Sie entschied, diese Frage laut zu stellen: „Warum sagt uns Mary Barker aber nichts, sondern behauptet, nicht eingebunden gewesen zu sein?“ Robin fühlte ihren eindringlichen Blick. Er hielt aber stand. „Ich weiß es nicht, Signora. Vielleicht hat der Professor ihr tatsächlich nichts gesagt. ... Oder aber sie hat jetzt einfach nur Angst, es zuzugeben. Schließlich scheint dies kein ungefährliches Wissen zu sein.“

Jetzt wurde es wieder still in dem kleinen Raum. Alle waren mitgenommen, auch Robin. Er wusste, er hatte sich quasi nackt gemacht und hoffte, nicht falsch gehandelt zu haben. Was, wenn er sich in den beiden doch irren sollte? Nein, er durfte sich jetzt nicht selber irremachen. Er brauchte Verbündete! Francesca Mazzinis schneller Verstand hatte derweil verschiedene Szenarien überflogen und ist zu einer Entscheidung gekommen: „Wir müssen davon ausgehen, dass die Beweise sicher sind, dort wo sie sind. Ich glaube, dass Mary Barker vom Professor sehr wohl eingeweiht worden ist. Vielleicht weiß sie nichts von Ihnen, Robin, aber wenn Recherchen von Praktikanten in London gemacht worden sind, wird sie involviert gewesen sein. Sie wird der Polizei die notwendigen Informationen geben können. Es dürfte unwahrscheinlich sein, dass Sie, Robin, hier gefährdet sind. Dennoch werden wir die Sprachregelung, dass Sie nach einem Thema für die Masterarbeit suchen, zu Ihrem Schutz aufrechterhalten.“ sagte sie entschlossen. „Sie werden sich um Themen bemühen, die nichts mit Canaletto zu tun haben. Zum Beispiel zeitgenössische Kunst. Die notwendigen Kontakte werde ich verschaffen. In Frage käme zum Beispiel Tommaso Temperini, der auch gerade in Venedig ist. Sie wissen, wer das ist?“ Als Robin ehrfürchtig nickte, fuhr sie zufrieden fort: „Was Sie aber hier im Archiv wirklich machen, wird keiner außer uns dreien wissen. ...“ „Außer uns vieren, Signora“, ergänzte Robin. Francesca und Andrea schauten erstaunt und Robin klärte sie auf: „Elena Pisani! Sie weiß ebenso Bescheid.“
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