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Morte Obscura

von Hei66
CrossoverKrimi / P16 / Gen
1. DCI Tom Barnaby DC Ben Jones Joyce Barnaby
25.02.2016
18.06.2018
43
131.491
3
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08.10.2016 4.309
 
Als Ben Jones vor Gallaghers Betrieb das Auto seines Chefs verließ, ahnten weder er noch Tom Barnaby, was ihn dort gleich erwarten würde. Die Stimmung zwischen den beiden Detectives war angespannt. Sie hatten direkt nach dem Anruf von Mary Barker eine ziemlich harte Auseinandersetzung miteinander gehabt. Barnaby war mit Jones Wunsch, trotz der letzten Entwicklungen erneut die Firma zu besuchen, absolut nicht einverstanden. Sie hatten mit der Pressekonferenz einiges riskiert, sind aber mit dem Anruf von Mary Barker unerwartet schnell belohnt worden. Alles in diesem Fall deutete inzwischen auf die Veduten hin und Barnaby wollte alle Aktivitäten auf diese eine Spur konzentrieren. Jones sah das im Grunde auch ganz genauso, vertrat aber dennoch die Ansicht, dass sie sich dem Anliegen des Produktionsleiters nicht allzu leichtfertig hinwegsetzen durften. Immerhin hatte der Vollbart auf seine Mailbox gesprochen und Dringlichkeit signalisiert. Er blieb hartnäckig und Tom Barnaby hatte schließlich nachgegeben: „Ich gebe Ihnen maximal eine halbe Stunde, um das zu klären,“ sagte der DCI zum Abschied streng. Jones war dennoch zufrieden. Das sollte reichen. Der DCI plante derweil, Grace Ferguson zu besuchen und nach dem Verbleib ihres Sohnes zu fragen.

Der Sergeant schaute dem davonrauschenden Jaguar seines Chefs kurz hinterher, wendete sich dann aber zügig dem Hauptportal des Firmengebäudes zu. Die Fahnen, die noch bei ihrem ersten Besuch auf Halbmast hingen, wehten schon wieder am höchsten Punkt. Die neue Herrin des Unternehmens, die Bank of Midsomer, schien die Übernahme ohne großes Zögern anzugehen und einen harten Schnitt mit der Vergangenheit vollziehen zu wollen. Da hatte übermäßige Trauer um den Firmengründer keinen Platz mehr. Ben betrat das geräumige Foyer und wurde von derselben Dame empfangen, die ihn und DCI Barnaby vor nur wenigen Tagen so zuvorkommend begrüßt hatte. Jetzt aber wirkte sie sehr verhalten, als er sich erneut vorstellte und nach dem Produktionsleiter verlangte. „Ich glaube nicht, dass er für Sie Zeit hat, Sergeant. Er ist in einer wichtigen Besprechung mit Ms. Simon von der Bank of Midsomer. ... Die wird jetzt das alles hier abwickeln.“ setzte sie seufzend nach. Aber Ben Jones wollte sich nicht so einfach abblocken lassen. Mit einem lapidaren „Danke, ich kenne den Weg.“ lief er einfach in Richtung der Fahrstühle. „He, wo wollen Sie hin?“ rief sie ihm hinterher, aber bevor sie sich aus ihrer Empfangsloge heraus bemüht hatte, war er bereits im Fahrstuhl auf den Weg in die Leitungsetage. Er lief zügig den langen Gang mit der großen Glasfläche entlang. Der Blick in die Produktionshalle verblüffte ihn. Die Arbeiten gingen tatsächlich weiter! Die schicke Kaffeebar allerdings war dieses Mal verwaist. Vor dem Besprechungsraum angekommen, hörte er drinnen erregte Stimmen. Er stutzte einen Moment und lauschte an der verschlossenen Tür.

Im noblen Besprechungszimmer nahmen die Geschehnisse indes einen unerwartet dramatischen Verlauf. Lesley Simon, die Filialleiterin der Bank of Midsomer, hatte zu diesem Termin eingeladen. Routiniert und nicht darum verlegen, sich den Löwenanteil aus Gallaghers verbliebenen Vermögen zu sichern, hatte die Bank den Anspruch auf die Firmenanteile sich frühzeitig in die Bücher schreiben lassen. Die obersten Bankmanager hatten nun die ehrgeizige Mittvierzigerin vorgeschickt, die Geschäftsführung bis zur Abwicklung zu übernehmen. Es war klar, dass hiermit die Tage der Selbständigkeit des Unternehmens gezählt waren und man froh sein konnte, wenn überhaupt Arbeitsplätze gerettet werden konnten. Lesley Simon witterte die große Chance für ihre eigene Karriere, wenn sie dieses Projekt ganz im Sinne ihres Arbeitgebers abschließen konnte. Jetzt saßen ihr die vier Männer gegenüber, die als Gallaghers Führungsmannschaft maßgeblich das Geschick der Firma mitgestaltet hatten. Lesleys Aufgabe war es, nun zu entscheiden, auf welchen dieser vier Herren sie bauen wollte für den schwierigen Prozess der Abwicklung – und wen sie heute schon nach Hause schicken musste. Jeder von ihnen wusste natürlich, worum es hier ging. Bisherige Koalitionen waren aufgekündigt, ein jeder kämpfte für sich.

„Sie wagen es, sich hier noch blicken zu lassen?“ Der Produktionsleiter ging schon zu Beginn der Besprechung auf den etwas verspätet eingetroffenen Vertriebsleiter los. Die aggressive Art des Vollbarts verriet die Verzweiflung, mit der er um seine Position zu kämpfen bereit war. Kein Wunder. Die Verkündung von Gallaghers Testament hatte die Situation komplett verändert. Mittlerweile war allen klar, dass die einzig verbliebene Option zur Rettung von Arbeitsplätzen die schnelle Übernahme durch ein stärkeres Unternehmen war. Eine Option, gegen die vor allem der Produktionsleiter immer vehement gekämpft hatte, auch um sich beim patriarchalen Firmeneigentümer ins bessere Licht zu stellen. Jetzt aber, ohne Matthew Gallagher im Rücken, spürte er harschen Gegenwind, wenn nicht gar offene Anfeindungen. Wirklich überraschend kam das nicht. Ohne Frage war er einer der schärfsten Hunde in Gallaghers williger Herde von Ehrgeizlingen gewesen. Er wäre aber beruflich nicht so erfolgreich in seinem Leben, wenn er sich nicht auf ändernde Bedingungen schnell einstellen und seine Strategien zur Wahrung seiner Ziele anpassen könnte. Er hatte bereits eine Idee, wie er sich gegen seinen verhassten Widersacher, dem sich stets so elitär-überlegen gebenden Vertriebsleiter durchsetzen könnte. Er plante, diesen Mann heute vor allen Anwesenden komplett zu demontieren.

Lesley Simon entschied, in den Streit der beiden Männer nicht einzugreifen, sondern zog sich auf einen beobachtenden Standpunkt zurück. Sie verfügte über einige Informationen über jeden Einzelnen im Raum und wollte sich jetzt ein eigenes Bild machen. Fasziniert lauschte auch sie dieser so ausnahmslos schönen, volltönenden Stimme des Produktionsleiters. Aber ihr kühler Verstand sagte ihr, dass sie sich den Namen dieses Mannes wohl nicht mehr merken musste. Sie sah für ihn kaum eine Zukunft im Unternehmen. Zu offensiv hatte er Matthew Gallaghers’ Übergriffe in die Privatsphäre der Angestellten unterstützt, was sich jetzt rächte. Es gab offenen Widerstad auf allen Ebenen des Unternehmens, was Lesley Simon kaum wunderte. Auch sie hatte beruflich schon einiges gesehen, aber die ihr zu Ohren gekommenen Interna dieser Firma hatten sie geschockt. So etwas in einem englischen Unternehmen vorzufinden, hatte sie nicht für möglich gehalten. Einen Verfechter dieser zweifelhaften Praxis in ihrem Team zu behalten, konnte sie sich nicht vorstellen und so war die Entscheidung gegen den Produktionsleiter bereits gefallen. Ganz anders lagen da die Chancen für den Vertriebsleiter, diesem hageren, sehr hölzern wirkenden Mann. Er schien tatsächlich der einzige im Raum zu sein, der einen Blick für die Marktanforderungen auch jenseits der Insel hatte. Wie war nochmal sein Name? Unauffällig schaute sie in ihre Notizen: Arthur Landsbury. Obwohl vom Titel her ein Lord und somit von adliger Abstammung, schien dieser Mann auf solche Förmlichkeiten keinen großen Wert zu legen. Sie hatte nur durch einen Blick in die Personalakte überhaupt von seiner adligen Abstammung erfahren. Er selber verzichtete offensichtlich darauf, mit Titel angesprochen zu werden. Beschenkt mit einem scharfen, unabhängigen Geist, aber einem Mangel an Empathie, wurde er als ein extrem fähiger, aber ebenso kalter Analyst beschrieben - und gefürchtet. Dennoch, oder vielleicht gerade deshalb, schien er nie an Gallaghers übergriffigen Methoden beteiligt gewesen zu sein. Das war jetzt ein Pluspunkt für ihn, während zu Lebzeiten des Firmeneigentümers seine Position offensichtlich zunehmend prekär geworden ist. Wie sie aus Sitzungsprotokollen und Notizen zur Vorbereitung zu diesem Treffen herausgelesen hatte, war Matthew Gallagher den Vorschlägen seines Vertriebsleiters in Fragen der Expansionsstrategie meistens nicht oder nur halbherzig gefolgt. Er hatte den nüchternen Marktanalysen seines Vertriebsleiters offensichtlich kein Vertrauen geschenkt, war aber in seinen eigenen Entscheidungen selber nicht konsequent geblieben. So etwas musste zum Scheitern verurteilt sein, dachte Lesley, während sie gespannt die Reaktion ihres Favoriten auf die anhaltenden Provokationen des Vollbarts beobachtete.

„Spielen Sie sich doch nicht so auf, Kollege,“ parierte Arthur Landsbury seinem Gegenspieler provozierend gelassen. „Glauben Sie etwa, mich mit Ihren Einschüchterungsversuchen beeindrucken zu können? Sie machen sich lächerlich. Ihre Ära sollte bald vorbei sein, jetzt wo Sie ohne Rückendeckung durch Matthew Gallagher auskommen müssen.“ Er zögerte gekonnt, bevor er süffisant nachsetzte: „Das macht Ihnen Angst, nicht wahr?“ Er traf damit beim Vollbart den Nerv. Jetzt knallrot im Gesicht explodierte dieser prompt: „Ich soll Angst haben? Das ich nicht lache! Ich frage mich aber, wer vom Tod unseres verehrten Matthew Gallaghers wohl am meisten profitiert. Ich denke, die Antwort wissen wir alle: Das sind Sie!“ Er machte eine kleine Zäsur. „Sie waren es doch, der kurz vor der Kündigung stand! Weil Sie versagt haben, Arthur: Ihre Expansionsideen in die EU waren allesamt falsch und nur deshalb ist die finanzielle Situation so desaströs, wie sie ist. Und auf einmal müssen wir uns glücklich schätzen, wenn wir uns möglichst gut an die Österreicher verkaufen. Etwas, was Matthew Gallagher immer verhindern wollte. Und siehe da: Auf einmal stehen Sie gut da als der einsame Rufer in der Wüste, als derjenige, der es immer schon gewusst hat. Gratulation! Sie sind jetzt der Kronprinz!“ Der Vollbart musste Luft holen. Lesley Simpson beobachtete gespannt den Vertriebsleiter, wie dieser wohl auf diesen nur indirekten, aber dennoch unerhörten Vorwurf, ein Motiv zum Mord zu haben, reagierte. Sie glaubte, jetzt doch einen Moment der nervösen Unsicherheit beim hageren Mann erkannt zu haben und wurde prompt selber unsicher. Jemanden unter einem solchen Verdacht konnte sie schwerlich im Team behalten. Der Produktionsleiter war derweil noch nicht fertig: „Ich frage mich, wo Sie eigentlich waren, als Matthew Gallagher ermordet wurde. Was haben Sie der Polizei denn gesagt? Haben Sie überhaupt ein Alibi? ... Ich sage Ihnen eines, Kollege: Ich werde der Polizei alles erzählen, was in den letzten Wochen für Kontroversen in diesem Unternehmen geführt worden sind. Ich bin mir sicher, dass DCI Barnaby und Sergeant Jones sofort erkennen werden, dass hier jemand ist, der ein starkes Mordmotiv hat!“ Jetzt verlor der Vertriebsleiter doch für einen Moment seine Gelassenheit. „Das lasse ich mir nicht bieten. Ich habe Sie bereits gestern gewarnt, Unterlassen Sie diese ...“ zischte er,  konnte aber seinen Satz nicht mehr beenden. Der Vollbart verlor die Beherrschung und wurde plötzlich handgreiflich. Die beiden anderen Kollegen, bisher nur stumme Zeugen dieser Auseinandersetzung, versuchten, noch einzugreifen. Aber es war zu spät. Die beiden Streithähne gingen aufeinander los.

Im allgemeinen Chaos bemerkte niemand, wie die Tür aufging. Ben Jones glaubte seinen Augen nicht. Wurde er hier tatsächlich Zeuge einer ausgewachsenen Rangelei unter Krawattenträgern? Lesley Simon stand reglos am Kopfende des glänzend polierten Tisches direkt unter dem alten Kruzifix. Jones sollte sich erst später an ihren Gesichtsausdruck wieder erinnern, der nicht erschrocken, sondern nur kühl beobachtend, fast unbeteiligt wirkte. Seine Aufgabe war es, erst einmal für Ordnung zu sorgen. Er wollte gerade dazwischen gehen, da schlug der Produktionsleiter seinem vornehmen Konkurrenten ins Gesicht, sodass dieser nach hinten wankte, den Halt verlor - und mit Schwung in Bens Armen landete.

„Um Gottes Willen, was ist denn hier los?!“ die Stimme der Empfangsdame verriet eine gewisse Hysterie, mit der sie das allgemeines Getöse aber erfolgreich übertönen konnte. Sie war Ben Jones hinterhergelaufen, fest entschlossen, ihn an der Störung dieser Besprechung zu hindern. Jetzt sah sie sich den überraschten Blicken aller Anwesenden ausgesetzt. Rechts von ihr stand der Sergeant, der noch damit beschäftigt war, den in seinen Armen liegenden Vertriebsleiter dabei zu helfen, wieder auf die eigenen Füße zu kommen. „Mrs. Shepherd, warum sind Sie nicht an Ihrem Arbeitsplatz?“ Lesleys’ autoritäre Stimme durchschnitt die plötzliche Stille wie ein Messer, was die Angesprochene prompt zusammenzucken ließ. „Entschuldigen Sie Madam, ... ich wollte nur verhindern, dass Sergeant Jones Ihre Besprechung unerbeten stört“, führte sie zu ihrer Entschuldigung an. „Was Ihnen nicht gelungen ist“, entgegnete die neue Hausherrin kalt. „Ich schlage vor, dass Sie sich wieder an Ihren Arbeitsplatz begeben und in Zukunft besser darauf aufpassen, wer Zutritt zur Führungsetage bekommt.“ Die Zurechtgewiesene wurde rot und schaffte nur ein stummes entschuldigendes Nicken. Völlig eingeschüchtert zog sie sich zurück und schloss leise die Tür hinter sich. Kaum waren sie wieder unter sich, wendete sich Lesley Simon an den Fremden, dessen Namen sie eben zum ersten Mal gehört hatte: „Und welches Recht nehmen Sie sich heraus, hier einzudringen und unsere Besprechung zu stören, Sergeant ... Jones?“ Sofort fühlte sich auch Ben Jones von der autoritären Frau in die Defensive gedrängt und brauchte einen kleinen Augenblick. Da sprang der Produktionsleiter für ihn ein. „Ich habe ihn gebeten zu kommen!“ rief er. „Ich denke, dass dieser Kollege hier...“ und er zeigte auf den Vertriebsleiter, der noch dabei war, seinen eleganten Anzug wieder zurecht zu zupfen „gute Gründe hatte, Matthew Gallagher zu ermorden!“

Während Jones eine ganz neue Variante eines möglichen Motivs erfuhr und seine Mühe hatte, die hitzigen Gemüter auseinander zu halten, hatte sein Chef ein wenig aufschlussreiches Gespräch mit Grace Ferguson. Die sonst so energische Frau war mittlerweile ein einziges Nervenbündel. Zutiefst um ihren Sohn besorgt, der sich ihr in den letzten Tagen zunehmend entzogen hatte, schüttete sie dem Chief Inspector wortreich ihr Herz aus. Grace glaubte inzwischen fest daran, dass Robins Reise nicht nur seiner Masterarbeit dienen sollte. „Er sagt mir nicht mehr alles, Chief Inspector! Das hat er sonst immer getan. Wir hatten immer ein besonders enges Verhältnis,“ beklagte sie sich. Insgeheim dachte Barnaby, dass es eigentlich nichts Ungewöhnliches ist, wenn ein junger Mensch anfängt sein eigenes Leben zu leben und folglich seiner Mutter nicht mehr alles berichtete. Aber für Grace war es eine spürbare Verhaltensänderung ihres Sohnes und angesichts der letzten Entwicklungen hatte sie furchtbare Angst um seine Sicherheit. Barnaby konnte ihr da auch nicht wirklich widersprechen. Im Gegenteil. Auch er würde sich besser fühlen, wenn er Robin in Sicherheit wüsste, am besten unter Polizeischutz. Er traf eine Entscheidung. „Mrs. Ferguson. Wir können Robin nicht zwingen, aber wir können versuchen, ihn zu überzeugen.“ „Aber wie, wenn er nicht erreichbar sein will!“ warf Grace hysterisch ein, Tränen traten ihr in die Augen. Barnaby machte eine beschwichtigende Geste. „Ich werde Sergeant Jones nach Venedig schicken. Er soll versuchen, ihren Sohn dort zu finden und ihn zur Rückkehr zu bewegen.“

Als Barnaby wieder vor Gallaghers Firma vorfuhr, war von Ben Jones weit und breit nichts zu sehen. Dabei hatte er sich selber schon etwas verspätet und war bereits über die vereinbarte halbe Stunde drüber. Leise fluchend parkte er und lief entschlossen in das Foyer zum Empfang. Dort angekommen, schaute er erstaunt in rot geweinte Augen. „Geht es Ihnen nicht gut?“ fragte er vorsichtig die Frau hinter dem Tresen, nachdem er sich vorgestellt hatte. Sie hatte ihn aber auch so wiedererkannt und parierte mit einer Beschwerde: „Ihrem Sergeant verdanke ich vielleicht jetzt die Kündigung, Chief Inspector!“ Barnaby war erschrocken und fragte nach. Aber anstatt den Vorwurf zu begründen, meinte die Empfangsdame jetzt nur noch resigniert „Sie finden Ihren Kollegen bei Mrs. Simpson und den anderen Herren im vierten Stock. Den Weg kennen Sie ja bereits ...“ Der DCI überlegte einen Moment, ob er nochmal nachhaken sollte, aber die Frau wendete sich weg. Die Konservation war für sie beendet. Besorgt und etwas verwirrt machte sich der DCI auf denselben Weg in den vierten Stock, den sein Sergeant nur eine gute halbe Stunde vorher genommen hatte.

„Ich muss Sie also nochmal fragen. Was haben Sie gemacht in der Nacht von Samstag zu Sonntag zwischen 7 und 9 Uhr abends?“ fragte Ben den Vertriebsleiter gerade, als Tom Barnaby ohne zu klopfen den Raum betrat. Ben unterbrach die Befragung. Ein Blick genügte und er wusste sofort, dass er erst einmal seinen Chef einfangen musste, bevor er hier weitermachen konnte. Er bat alle zu warten und mit einem Kopfnicken in Richtung Flur, begleitet mit einem „Wollen wir?“  griff er nach Barnabys Arm und führte den DCI nach draußen. Kaum waren sie im Flur, brach es aus Tom Barnaby heraus. „Was zum Teufel machen Sie hier eigentlich, Sergeant? Unten sitzt eine weinende Empfangsdame, die Sie verantwortlich macht, wenn sie ihren Job verliert!“ Barnaby sprach leise. Sein Ärger war dennoch nicht zu übersehen. Jones ignorierte den Vorwurf, für die weinende Frau am Empfang verantwortlich zu sein. „Sir, es gab hier regelrecht eine Schlägerei!“ verteidigte er sich stattdessen. Barnaby verstummte erstaunt und Jones nutzte den Moment, von den Vorfällen im Raum nebenan zu berichten: „Ich musste reagieren, Sir. Immerhin unterstellt hier ein Manager dem anderen nichts geringeres als einen Mord. Und präsentiert dazu sogar noch ein Motiv!“ Barnaby nickte ergeben. Er hatte ein Einsehen mit Jones, aber hatte Zweifel an dieser Theorie. „Das kann ja sein, Jones, dass durch den Tod von Matthew Gallagher es nicht nur Verlierer, sondern auch Gewinner gibt. Zum Beispiel der Vertriebsleiter, der anstatt zu gehen jetzt eine neue Chance für einen weiteren Karriereschritt bekommt. Aber ein solches Motiv passt nicht zum Mord an Professor Ross, den Camera-Obscura Bildern, den Bezügen zu Canaletto! Es erklärt auch nicht den Brandanschlag. Nein Jones, es muss mit den Veduten zusammenhängen!“ Jones nickte seufzend. „Ich weiß, Sir. Ich habe nur Sorge, dass da noch jemand zu Schaden kommt.“ Er schaute besorgt in Richtung Tür. Dahinter war es inzwischen wieder lauter geworden. Die Stimmung im Zimmer heizte sich offensichtlich gerade wieder auf. Tom Barnaby hatte plötzlich einen neuen Gedanken: „Eine Frage hätte ich doch noch, die ich dem Vertriebsleiter gerne stellen mag. ...“ meinte er zum verblüfften Sergeant. „Kommen Sie, Jones.“

Mit diesen Worten griff der DCI zur Türklinke und sie betraten nacheinander das Besprechungszimmer. Das Wortgefecht erstarb abrupt und alle Augen richteten sich auf die Detectives. Es war Lesley Simon, die das Wort als Erste wieder erhob. „Sie schon wieder!? Ich bitte Sie, Chief Inspector. Ich muss hier schwere Entscheidungen für die Firma treffen. ... Was wollen Sie denn noch?“ Ihr genervter Tonfall war nicht zu überhören. Gleichzeitig erntete sie bittere Lacher aus den Reihen von Gallaghers ehemaliger Führungsriege. „Mit uns müssen Sie wohl nichts mehr besprechen, Miss. Uns haben Sie ja gerade vor die Tür gesetzt.“ Der Vollbart war immer noch rot vor Erregung und zeigte dabei auf sich, dem völlig stummen Entwicklungsleiter sowie seinem Erzfeind, dem Vertriebsleiter, der aber im Gegensatz zu ihm sehr entspannt aussah. Prompt widersprach er auch auffallend gelassen: „Sie vergessen, dass mich das nur temporär betreffen wird. Nämlich nur solange, wie diese Mordermittlung andauert. Das habe ich natürlich ausschließlich Ihnen zu verdanken und Ihren unglaublichen Anschuldigungen. Ich verzeihe Ihnen aber nochmal, weiß ich doch, dass diese Anschuldigungen sich in Luft auflösen werden und meine Expertise letztendlich hier in diesem Unternehmen durchaus gefragt ist. Ich sehe für mich und viele andere Kollegen eine sehr positive Zukunft an diesem Standort, sicher eingebettet in die größeren Strukturen eines weltweit agierenden Konzerns. ... Im Gegensatz zu Ihnen.“ Tom Barnaby und Ben Jones schauten sich kurz an, dann übernahm der DCI. Er wandte sich an die neue Chefin. „Mrs. Simon, ich weiß, dass Sie einiges zu entscheiden haben. Es handelt hier sich aber um eine Mordermittlung. Ich habe noch eine Frage an ihren Kollegen, die Sie mir bitte gestatten.“ Lesley Simon nickte ergeben und Tom Barnaby  wendete sich fragend an den Vertriebsleiter. „Kannten Sie eigentlich Professor Dr. Ross?“ Der Mann zögerte, schüttelte aber mit dem Kopf. „Nur vom Namen her, Chief Inspector, aber nicht persönlich.“ Mit einem Blick zu Lesley Simon erlaubte sich Tom Barnaby noch eine zweite Frage: „Haben Sie den Namen erst jetzt gehört durch die Medien, oder bereits davor?“ Diesmal kam die Antwort ohne Zögern. „Schon früher ... von Lord Crawford.“ Barnaby sagte nichts, wartete darauf, dass der Vertriebsleiter sich weiter erklärte. „Wissen Sie, Chief Inspector,“ fuhr dieser schließlich fort. „Ich kenne Lord Crawford über den Lions Club ziemlich gut. Ein interessanter Mann, finden Sie nicht auch?“ „Hört er Ihnen denn zu? Er redet eigentlich sehr ungern mit einem Bürgerlichen,“ kommentierte Ben Jones etwas launisch, erntete damit aber nur einen mahnenden Blick seines Chefs. Der Vertriebsleiter lächelte und entgegnete dem Sergeant mit gelassenem Selbstbewusstsein: „Mit mir redet er durchaus,“ und wendete sich gleich wieder zum DCI. „Lord Crawford und ich diskutieren während der mittäglichen Treffen im Lions Club gerne über Kunst. Durch seine außergewöhnliche Expertise auf einem speziellen Fachgebiet kamen wir auch immer wieder auf die Royal Collection und auch auf Prof. Dr. Ross zu sprechen. Sie sollten wissen, Chief Inspector: Lord Crawford ist nicht mit allem einverstanden, was die Positionen des berühmten Professors angeht. Das fand ich immer sehr erfrischend, ist die Kunstauffassung des royalen Kuratoriums meiner Meinung ohnehin viel zu dominant in unserem Land.“ „Wenn Sie von ‚einem speziellen Fachgebiet’ sprechen, dann sprechen Sie von Canaletto und seinen Veduten, nicht wahr Mr. Landsbury?“ fragte Barnaby nach. Der Mann lächelte. „Ganz recht, Chief Inspector.“

Sie verabschiedeten sich und verließen den Raum. Der Produktionsleiter lief ihnen jedoch hinterher. „Sergeant Jones, bitte eine Minute!“ Barnaby stöhnte. „Nur eine Minute Jones, nicht länger!“ zischte er dem DS zu und ging schon mal vor zu den Fahrstühlen. Ben Jones nickte und wandte sich dann dem Mann zu. „Ich möchte mich entschuldigen über das schlechte Bild, das ich eben abgegeben habe, Sergeant, ... “ begann dieser reumütig. „Aber ich war einfach zu echauffiert über diese Blasiertheit.“ Ben lächelte verständnisvoll und nutzte die Gelegenheit, sich nochmal zu vergewissern. „Ist das richtig: Sie verlieren Ihren Job?“ Der Vollbart musste schlucken. Die Empörung, aber auch der Gesichtsverlust durch einen solchen Rausschmiss nagten furchtbar an ihm. „Ja, ab sofort. Ich darf nicht mal mehr an meinen Schreibtisch. ... Ich werde das aber nicht einfach so hinnehmen, darauf können Sie wetten!“ Ben Jones schaute den Mann ernst an. „Das tut mir sehr leid, Sir. Aber Sie sollten einige Tage drüber schlafen. Das schafft vielleicht etwas Abstand zu der ganzen Geschichte. Machen Sie bitte keine Dummheiten!“ ermahnte er mit Nachdruck, was überraschend ein Lächeln bei seinem Gegenüber erzeugte. „Danke Sergeant für Ihre Anteilnahme. Seien Sie unbesorgt. Ich werde bestimmt nichts Unüberlegtes tun.“ Er zögerte und sein Ton wurde auf einmal konspirativ. „Sie wissen, dass Arthur Landsbury ein Lord ist?“ Ben schaute irritiert. „Wer?“ Der Vollbart seufzte leise. „Sergeant – ich meine diesen Kerl, unseren Vertriebsleiter! Sie hatten ihn gefragt, ob Lord Crawford ihm, einem Bürgerlichen, während dieser Lions-Club-Treffen überhaupt zuhören würde. Haben Sie sein Lächeln gesehen?“ Jones nickte. Ja, das hatte er tatsächlich. „Die Antwort ist ganz einfach, Sergeant: Weil Arthur Landsbury kein Bürgerlicher ist! Er ist wie auch Ihr Lord Crawford von adliger Herkunft und heißt Lord Arthur Daniel Landsbury. Er macht nicht viel Aufhebens drum, aber liebt die Distanz zu uns Normalgeborenen dennoch. Das spürten Sie bestimmt ebenfalls.“

Ben Jones schloss zu Tom Barnaby auf, der bereits an den Fahrstühlen stand und wartete. Es machte „Kling!“ und eine der Fahrstuhltüren ging auf. Zu Jones Überraschung trat Giles Simpson ihnen entgegen. „Was machen Sie denn hier, Sergeant?“ fragte der Entwickler nicht minder überrascht. DCI Barnaby schaute irritiert zu Jones. Wer war dieser Mann? Ben reagierte und stellte die beiden gegenseitig vor. DCI Barnaby beäugte Giles sehr kritisch. Das war also der Mann, der Ben Jones und auch seine Tochter Cully auf diesem dunklen Parkplatz bedroht hatte. „Wir kommen gerade von einer Besprechung mit ihrer neuen Chefin. ... Und was haben Sie hier auf dieser Etage zu tun, Mr. Simpson?“ hörte Tom Barnaby seinen Sergeant fragen. „Mrs. Simon will mich sehen,“ antwortete Giles’ ziemlich kurz angebunden. Doch dann zögerte er, schaute Ben Jones plötzlich fast ängstlich in die Augen: „Wissen Sie zufällig, warum sie mich sehen will, Sergeant?“ Ben Jones verstand. Giles machte sich Sorgen wegen der Verzögerungen in seinem so vielbeachteten Entwicklungsprojekt. Er fragte vorsichtig nach. „Die wissen es noch nicht, oder?“ und zeigte mit einem Kopfnicken nach hinten in Richtung des Ganges, wo die Büros der Geschäftsführung lagen. Giles verneinte seufzend. Seine Nervosität war ihm anzusehen und Jones tat er sogar etwas leid. Er hätte gerne den Mann beruhigen wollen, aber er konnte seine Frage nicht wirklich beantworten. „Ich weiß nur, dass Ihr Chef, der Entwicklungsleiter, nicht mehr zur Belegschaft gehört. Vielleicht geht es auch nur darum - oder eben doch um den Stand Ihres Projektes. Ich wünsche Ihnen auf jeden Fall viel Glück,“ schloss Jones und der Entwickler wurde vor Verlegenheit etwas rot. Plötzlich griff er mit beiden Händen nach Bens rechter Hand, drückte sie kräftig, bevor er sie wieder frei ließ. Er nickte beiden Detectives stumm zu und ging dann, ohne sich noch einmal umzudrehen, den ganzen langen Gang hinunter bis zur Tür zum Besprechungszimmer. Barnaby und Jones schauten ihm nachdenklich hinterher. Hinter ihnen machte es wieder „Kling“. Jones reagierte schnell, stellte seinen linken Fuß zwischen die zugehenden Fahrstuhltüren und ließ seinem Chef den Vortritt. Gemeinsam in Richtung Erdgeschoß fahrend, fragte Barnaby: „Meinen Sie, Giles Simpson wird eine Zukunft in diesem Unternehmen haben? Oder werden die ihm den Kopf abreißen, wenn sie vom wirklichen Stand der Entwicklung hören?“ Jones überlegte kurz. „Ich glaube kaum, dass sie den Mitarbeiter mit dem tiefsten Wissen über eine neue Technologie rausschmeißen, auch wenn sie enttäuscht sein werden. Wenn es aber wirklich so bahnbrechend ist, ist doch diese Kompetenz ein starker Trumpf in den Verhandlungen, die mit dem österreichischen Konzern anstehen. Es wäre dumm, ihn jetzt gehen zu lassen. ... Und ich glaube nicht, dass Lesley Simon eine dumme Frau ist.“ Barnaby musste lachen: „Nein, Jones. Da haben Sie wahrscheinlich sehr recht.“

Jones sollte Recht behalten. Die Enttäuschung über den Entwicklungsstand war Lesley Simon und dem Personalchef, dem einzig verbliebenen Manager aus Gallaghers Zeiten, in den Gesichtern geschrieben. Giles konnte aber überzeugend darstellen, dass das Projekt erfolgreich sein wird, nur etwas mehr Zeit erforderte. Zu seiner Überraschung wurde er zum Entwicklungsleiter ernannt und sollte die Verhandlungen mit den Österreichern bei technologischen Fragen unterstützen. Giles war natürlich erfreut, aber er machte sich auch nichts vor: Lesley Simon wollte in den anstehenden Verhandlungen möglichst viel für ihren eigentlichen Arbeitgeber, der Bank of Midsomer, herausschlagen. Seiner neuen Chefin ging es vor allem um einen guten Preis, weniger um die hiesigen Arbeitsstellen. Aber beides gehörte seiner Meinung nach zusammen. Wenn die Kompetenz wichtiger Innovationen in England beheimatet war, würde es für den neuen Eigentümer schwieriger sein, den Standort komplett zu schließen. Er sah eine Chance, für den Erhalt von zumindest einen Teil der Belegschaft kämpfen zu können. „Warum haben Sie die Probleme im Projekt nie offen erwähnt, Mr. Simpson?“ wollte Lesley Simon noch abschließend wissen. Giles zögerte, entschied sich aber zur Offenheit: „Man wollte es nicht hören, Mrs. Simon. Überbringer schlechter Nachrichten wurden in diesem Unternehmen häufig geköpft, d.h. man wurde entlassen. Wenn das Kind aber erst mal in den Brunnen gefallen ist und man Vorschläge machen konnte, wie man es irgendwie wieder herausholen konnte, dann konnte man überleben. Das klingt paradox, aber so war es.“ Lesley nickte langsam. „Bei mir ist das anders, Mr. Simpson. Ich will über Probleme rechtzeitig erfahren. Wenn Sie sich daran halten, werden wir gut miteinander auskommen.“

Beide lächelten.
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