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Morte Obscura

von Hei66
CrossoverKrimi / P16 / Gen
1. DCI Tom Barnaby DC Ben Jones Joyce Barnaby
25.02.2016
18.06.2018
43
131.491
3
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25.02.2016 1.394
 
„Danke Maria, Sie können jetzt gehen.“ Die junge Frau mit den schwer zu bändigenden, dunklen Locken machte einen kleinen Knicks, nachdem sie das große Tablett mit zwei Gläsern Aperol Spritz und einer Flasche gekühltem Prosecco geschickt auf den flachen Terrassentisch abgestellt hatte. „Danke Signora. Ich bin morgen um 9:00 Uhr wieder da. Haben Sie eine besondere Aufgabe für mich, solange Sie vormittags in der Stadt unterwegs sind?“ Ihre dunklen Augen lagen ruhig und geduldig abwartend auf ihrer Arbeitgeberin, die gerade die beiden perfekt gekühlten Aperol in die Hand nahm und das eine Glas ihrem Gast weiterreichte. Der nahm es stumm nickend entgegen, während die Hausherrin sich ihrer Angestellten wieder zuwandte. „Ja, vielleicht nimmst Du Dir morgen die Bibliothek vor und staubst die Regale und Bücher gründlich ab. Aber bitte achte auf die Sortierung. Ich möchte nicht wieder einen halben Tag nach meiner Lieblingsausgabe von Cicero suchen müssen.“ Ein verschmitztes Lächeln umspielte das Gesicht der Älteren, während das Mädchen leicht errötend versprach: „Natürlich Signora, ich werde aufpassen, dass mir kein Fehler unterläuft. … Wenn ansonsten kein weiterer Wunsch besteht, würde ich jetzt gerne gehen.“ Und mit einem leisen Gute-Nacht-Gruß entfernte sich die junge Hausangestellte. Es war bereits recht spät geworden und sie musste noch zu ihrer kranken Mutter auf der Festlandseite von Venedig. Das war bestimmt noch eine Stunde Fahrt. Dann ein kurzer Aufenthalt dort und weiter nach Hause. Sie glaubte kaum, dass sie vor zehn Uhr abends zuhause sein würde. Wieder war es ein sehr langer Arbeitstag gewesen. Aber zumindest war die Hausherrin nett und geduldig und die Bezahlung mehr als zufriedenstellend.

Nun allein gelassen von ihrer treuen Haushälterin prosteten sich Signora Francesca Mazzini, Leiterin der berühmten Accademia in Venedig, und ihr langjähriger Freund Tommaso Temperini gegenseitig lächelnd zu. Sie saßen auf der großen Dachterrasse des Palazzos della Verve direkt am Canale Grande mit Blick zum Markusplatz. Eine standesgemäße Adresse für eine der erfolgreichsten Kunstexpertinnen unseres Landes, dachte Tommaso anerkennend und lehnte sich genüsslich seufzend in die bequemen Kissen seines Sessels zurück. Die fast unerträgliche Hitze des venezianischen Sommers war nun der angenehmen Wärme eines wunderschönen Sommerabends gewichen. Eine laue Brise vom Meer wehte hinüber und mit ihr erreichten auch die flirrenden Geräusche der Stadt ihre Ohren, wenn auch gedämpft. Nur das leise Donnern der Schiffsdiesel der vor der Stadt liegenden Kreuzfahrtschiffe empfand er nach wie vor wie einen akustischen Fremdkörper, der diese Harmonie störte. „Wird die Stadt endlich etwas unternehmen gegen diese steigende Übermacht der Kreuzfahrtschiffe, die Euch hier regelrecht überrollen und so viel Schäden anrichten?“ fragte er seine Gastgeberin. Die konnte über diesen Anflug von Realitätsferne nur abschätzig lachen. “Im Gegenteil, Tommaso. Es wird immer schlimmer. Und solange die Tourismusindustrie ihre guten Kontakte in die hiesige Lokalpolitik behält, ...“ sie deutete mit den Fingern das Zählen von Geldscheinen an „... wird sich daran auch nichts ändern.“  Beide schwiegen einvernehmlich. Dann aber setzte sich Francesca aufrecht hin, hielt ihrem Gast ihr Glas entgegen und schenkte ihm ihr großes, einnehmendes Lächeln. „Jetzt haben wir schon getrunken, dabei wollte ich doch noch etwas sagen, Tommaso Temperini!“ rief sie gespielt empört. Tommaso setzte sich unwillkürlich gerade hin bei dieser betont förmlichen Anrede. Er lächelte aber, konnte er sich doch ganz gut denken, was seine geschätzte Kollegin und Freundin ihm mitteilen wollte. Und so war er nicht wirklich überrascht, aber dennoch sehr erfreut und stolz, als er sie reden hörte:

„Ich möchte Dir herzlich zur Biennale di Venezia gratulieren, die Du so großartig als Kurator ausgerichtet und angeleitet hast. Auch wenn wir erst Halbzeit haben, ist es jetzt schon klar: Dieses Jahr ist die Biennale so gut und zukunftsweisend für die zeitgenössische Kunstwelt wie schon lange nicht mehr. Man sieht es, wenn man diese fantastischen Pavillons und Ausstellungen besucht und auch die weltweiten Rezensionen lassen ebenfalls keinen anderen Schluss mehr zu. Dein Anteil an diesem Erfolg, mein lieber Tommaso, kann dabei gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.“ Sie zögerte etwas, so als suchte sie die richtigen Worte, die das, was sie im Innersten fühlte, auch richtig wiedergeben könnten: „Ich bin so froh, dass wir Dich für diese Aufgabe gewinnen aber auch Deine Kritiker überzeugen konnten, Dir zu vertrauen. Ich glaube, es gibt heute keinen ernsthaft zu nehmenden Kollegen mehr, der Dir diese Leistung nicht anerkennen mag. Ich bin so stolz auf Dich und freue mich riesig mit Dir. Du hast es verdient, Tommaso!“ Mit diesen Worten schwenkte sie ihr Glas in die Höhe. „Danke meine Liebe, für diese wunderbare Ansprache. Ich bin sehr glücklich.“ antwortete er und lehnte sich vor, um mit ihr über den breiten Terrassentisch anzustoßen. Die feinen Kristallgläser klirrten wohltönend mit langem Nachhall, den beide still lächelnd nachlauschten, bevor sie einen weiteren Schluck nahmen.

Er dachte an ihre gemeinsamen Anfänge vor mittlerweile fast dreißig Jahren. Es war nicht immer ein ungetrübtes Verhältnis gewesen. Eine ähnliche Kunstauffassung, profundes Wissen und ein instinktives Gespür für die wirklich bedeutenden Talente verbanden einerseits, führten andererseits aber auch zu immer wiederkehrenden Konkurrenzsituationen im Laufe ihrer Karrieren. Es waren Jahre des Auf und Ab zwischen ihnen. Eine immer gefühlte Verbundenheit, überlagert mit eifersüchtigem Vergleichen der jeweiligen Erfolge. Erst als sie sich beide und unabhängig voneinander in verschiedenen Positionen als führende Experten etabliert hatten, konnten sie die störende Komponente des Wettbewerbs in ihrer Beziehung ad acta legen. Heute verband beide nicht nur die Liebe zur Kunst, sondern sie suchten und fanden sich als Diskussionspartner in nahezu allen Fragen ihres Berufes. Sie als Leiterin der Accademia in Venedig, er als Leiter des MAXXI, dem Museo nazionale delle arti del XXI secolo und ersten Adresse für zeitgenössische Kunst in Rom. Ihre besondere Freundschaft war in der Kunstszene allgemein bekannt, ein Liebespaar sind sie dennoch nie geworden.

„Warst Du schon im britischen Pavillon, Francesca?“ fragte er nach einer Weile in einem fast unschuldig daherkommenden Plauderton. „Ja, war ich. Eine interessante Idee, mit der modernen Interpretation von Canalettos Wirken auf die alte Verbindung zwischen dem Empire und Venedig hinzuweisen.“ antwortete sie und betrachtete über die Orangenscheibe in ihrem Aperolglas ihren Freund. „Woran denkst Du?“ fragte sie, neugierig geworden, nach einer nur kurzen Pause. Tommaso lächelte still in sich hinein. Natürlich hatte sie sofort gespürt, dass er seine Frage nicht ohne Hintergedanken formuliert hatte. Er setzte sein Glas ab und beugte sich etwas vor. „Sind Dir die Lebensdaten von Canaletto im Kopf, meine Liebe? Ich meine natürlich den ersten Canaletto, Giovanni Antonio Canal, und nicht den Neffen.“ Sie zögerte. „Ich weiß, wen Du meinst, wenn Du Dich auf die Ausstellung im britischen Pavillon beziehst. Aber nein, die genauen Daten habe ich jetzt nicht im Kopf. Nur, dass er natürlich als bedeutender Rokoko-Maler im 18. Jahrhundert gelebt hat.“ Tommaso nickte. „1697 bis 1768.“ sagte er kurz und betrachtete gespannt seine Gastgeberin. Aber diese sah ihn nur fragend an. „Und…?“ Er schüttelte lächelnd seinen Kopf. „Kopfrechnen ist nicht Deine Stärke, oder Francesca? Das bedeutet, dass die Stadt Venedig im Jahr 2018 den 250. Todestag eines ihrer berühmtesten Söhne gedenken darf.“

Es entstand eine Pause. Sie schauten sich an und er erkannte an ihren Augen, dass sie langsam denselben Gedanken hatte wie er, als er am heutigen Morgen dem britischen Pavillon nochmal einen Besuch abstattete: Eine große Retrospektive von Canalettos Oeuvre in seiner Heimatstadt wäre ein Kunstereignis der Sonderklasse.  Und die Accademia in Venedig, die die größte Sammlung venezianischer Malerei von der Gotik bis zum Rokoko ihr Eigen nennen durfte, wäre hierfür der einzig geeignete Ort. Francesca spürte, wie ihr Herz plötzlich heftig zu pumpen anfing. Ihr schneller Verstand erfasste die potentielle Bedeutung eines solchen Projektes sofort und sie skizzierte bereits erste Ideen in ihrem Kopf. Da kam ihr plötzlich ein Gedanke, ein erstes vermeintliches Hindernis: „Wir werden das nur in Kooperation mit der Royal Collection des britischen Königshauses organisieren können, Tommaso. Du weißt, dass Canalettos erster und wichtigster Förderer ein Joseph Smith war, damals britischer Konsul in Venedig. Und dieser Joseph Smith hatte kurz vor seinem Tod seine gesamte Sammlung dem britischen König verkauft, um seine finanziellen Engpässe zu überwinden.“ Tommaso nickte. „Ich weiß. Ohne die Briten wird es nicht klappen. Aber es wäre einen Versuch wert, die wichtigsten Werke aus allen Schaffensperioden von Canaletto wieder zuhause zu haben und seinem Heimpublikum vorstellen zu dürfen.“ Er lächelte sie aufmunternd zu. „Und Du hast ja noch Zeit, die Briten zu überzeugen.“ Sie grinste breit. Die Idee begeisterte sie. Der große Canaletto endlich wieder daheim. Ja, das wäre etwas wofür es sich zu arbeiten lohnt!
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