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Morte Obscura

von Hei66
CrossoverKrimi / P16 / Gen
1. DCI Tom Barnaby DC Ben Jones Joyce Barnaby
25.02.2016
18.06.2018
43
131.491
3
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Dieses Kapitel
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09.05.2016 4.478
 
Professor Dr. Mason Ross und der junge Kunststudent Robin Ferguson arbeiteten fieberhaft im schummrig beleuchteten Kellergewölbe der Smith’schen Villa, das der Foundation als Archiv diente. Überall standen oder lagen verstaubte dicke Einbände und Bücher, zum Teil aber auch nur loses Papier unsortiert auf Regalbrettern herum. Verschiedenste Schriftstücke waren zudem mit anderem Kleinkram in Kästen und Truhen gestopft und lieblos zwischen alten Möbeln und Bildern abgestellt. Alles hier schien geradezu nach einer ordnenden Hand zu rufen. Professor Ross sah es bereits vor seinem inneren Auge, wie in diesen weitläufigen Gewölben eine ganze Armada von Wissenschaftlern einfallen und das eine oder andere Unentdeckte ans Licht bringen würde. Gestern, als er nach erfolglosem Warten auf Matthew Gallagher das erste Mal diese Kellergewölbe betreten durfte, hatte er mit Hilfe von Robin Ferguson versucht, sich einen groben Überblick zu verschaffen. Dieses Vorhaben – so musste er sich eingestehen – war leider gescheitert. Die hier gelagerten Dokumente unterlagen wirklich überhaupt keiner Systematik! Nur unterbrochen von der schlimmen Nachricht von Matthew Gallaghers Ermordung und dem nachfolgenden Gespräch mit den beiden Detectives, sind er und Robin den ganzen verbliebenden Tag von einem Kellerraum zum anderen hin und her gerannt. Aber die strukturierte Denkweise des Professors war einfach nicht mit dem hier existierenden Chaos übereinander zu bringen. Vielfach zeigte sich der junge Mann auch von des Professors Fragen überfordert. Er kam doch recht schnell an seine Grenzen, was sein Wissen und Überblick über dieses Archiv anging. Sie kamen so nicht weiter, das war die etwas ernüchternde Erkenntnis des ersten Tages in diesem Archiv gewesen.

Heute wollte der Professor es anders angehen und fragte Robin, wo sich Matthew Gallagher die letzten Wochen vor allem aufgehalten hatte. Robin wies auf ein übervolles Regal in einer dunklen Ecke: „Hier war er in letzter Zeit auffallend häufig gewesen, Professor. Ich habe aber keine Idee, was er hier gesucht hat. Das sind alles alte Bücher aus der Bibliothek des Hauses, ich glaube sogar aus dem direkten Nachlass des Konsuls.“

Der Professor näherte sich interessiert. Ein besonderer Buchrücken fiel ihm sogleich ins Auge. Er gehörte zu einem alten, großformatigen Einband, dessen Schönheit selbst unter der dicken Staubschicht herausstach. Da er ohnehin in der misslichen Lage war, nach dem Zufallsprinzip suchen zu müssen, nahm er es spontan heraus. Er wischte vorsichtig über den Buchdeckel – und erstarrte. Das war eine Originalausgabe der Systema naturae von Carl von Linné! War das nicht das Werk, in der die heute noch weitgehend gültige Klassifizierung des Tier- und Pflanzenreichs erstmals beschrieben worden ist? Professor Mason Ross wagte kaum zu atmen. Soweit er es wusste, war Linné ein Zeitgenosse Canalettos und des Konsuls, wenn auch etwas jünger als die beiden. Er vermutete im Stillen, dass dieser Foliant sie bei ihrer eigentlichen Suche nicht weiterbringen würde, aber er konnte nicht widerstehen und schlug das Buch neugierig auf. Er nahm gleich auf der zweiten Seite eine handschriftliche Widmung des Autors an den Konsul wahr, den er einen lieben Freund nannte. Er stutzte. Es war ihm nicht bekannt gewesen, dass die beiden sich gekannt hatten! In der nächsten Doppelseite verbarg sich ein alter Briefumschlag mit aufgebrochenem Siegel, der irgendwann mal zwischen diese Seiten gelegt und offensichtlich dann vergessen worden ist. Er atmete hörbar ein und zeigte Robin lächelnd sein Fundstück. „Was ist das?“ fragte der junge Mann. „Ich nehme an, ein alter Brief, Robin“, antwortete der Professor etwas ironisch, was Robin sofort erröten ließ. „Hältst Du das bitte mal kurz?“

Mit diesen Worten drückte der Professor den Briefumschlag dem Studenten in die Hand. Er wollte nur kurz beide Hände frei haben, um das bemerkenswerte Buch vorsichtig zuzuklappen, da viel sein Blick auf die Verlagsangaben: „Erste Auflage, Anno 1735“ las er da. Ungläubig schaute er zum Studenten neben ihm auf. „Mein Gott, Robin. Hier sind ja richtige Schätze versteckt!“ Robin schaute verständnislos und der Professor erklärte es ihm. Die Erstausgabe dieses bahnbrechenden, naturwissenschaftlichen Werkes war, wie er wusste, vom Umfang die kleinste und wurde – anders als die späteren, erweiterten Ausgaben – auch nur in sehr kleiner Auflage gedruckt. Er wusste nicht, wie viele Exemplare heute noch existierten, aber es dürften nicht mehr viele sein. Dies und erst recht die persönliche Widmung des Wissenschaftlers machten diesen verstaubten Folianten einmalig. „Das ist unbezahlbar! Und so etwas liegt hier unten im staubigen Dornröschenschlaf. ... Mein Gott, Robin. Was haben die Foundation Mitglieder in den letzten Jahren hier eigentlich gemacht?“ rutschte es ihm heraus und er bereute seine Taktlosigkeit sogleich, als er die Reaktion des jungen Mannes sah, der ihm inzwischen in seiner stillen, introvertierten Art sympathisch geworden ist. Robin Ferguson schämte sich offensichtlich für seine Mitstreiter. „Entschuldigen Sie, Professor. Sie wussten es wohl nicht besser.“ Der Professor seufzte. „Und Lord Crawford? Warum wurde er nie herangezogen?“ fragte er ruhig nach. Obwohl er den schwierigen Charakter des Lords sehr gut kannte, wunderte er sich doch, dass er nicht mehr Initiative gezeigt hatte, die Foundation zu unterstützen. Er hätte bestimmt die Bedeutung einiger der im Keller schlummernden Exponate sofort erkannt, wenn er sie je zu Gesicht bekommen hätte. Aber Robins Reaktion machte deutlich, dass bürgerlicher Starrsinn auf der einen und adlige Arroganz auf der anderen Seite zur unüberwindlichen Barriere geworden sind und der Lord daher nie einen Blick in dieses Archiv werfen wollte - oder durfte.

Der Professor legte Linnés Jahrhundertwerk vorsichtig zur Seite. „Wollen wir mal schauen, was das für ein Brief ist, Robin?“ wechselte der Professor nun das Thema. Der Student nickte und obwohl er bestimmt sehr neugierig war, gab er den Brief wieder dem Professor zurück. Dieser öffnete mit der Selbstverständlichkeit des Älteren vorsichtig den Umschlag und holte zwei dicht beschriebene Blätter heraus. Sie gingen gemeinsam zu einem Tisch, wo eine Lampe etwas besseres Licht schenkte, und begannen zu lesen:

Venedig, der 19. des Monats April, Anno 1769

Verehrtester Duke, zuvörderst wünsche ich von Herzen Glück, dass Ihre geplanten Militäraktivitäten von Erfolg gekrönet seyn und Ihnen Ruhm und Ehre einbringen mögen.

Hier verläuft alles nach der Zeiten Plan. Die Frühlingssonne streichelt bereits anständig warm die Stadt und gleichwohl alle hier weilenden und eilenden Menschen. Selbst mich Unglücklichen vermag sie tatsächlich zu wärmen. Ja, mich Narren, der noch im hohen Lebensalter ein zweites Mal dieselbige Lektion zu erlernen hat und seine hochmütigen, eitlen Finanzaktionen nunmehr mit dem Verlust des geliebten Palazzo am Canale Grande Taler um Taler bezahlt. Ja, der Hochmut und die Eitelkeit sind ein tückisches Paar. Zuerst nahmen sie mir meine geliebte venezianische Sammlung. Und jetzt der Verlust meines eigenen Heims. Geblieben ist mir nur eine kleine Wohnung im ersten Stock des Palazzo Viviente.

Lieber Duke, Ihr Entzücken über diesen schön klingenden Namen sollte sich bezähmen lassen, wenn Sie mit dem Lesen dieser Zeilen fortfahren, denn er klingt verheißungsvoller als die Realität es hergeben mag. Es ist ein arg enger Rahmen, mit dem wir uns nun begnügen müssen. Elizabeth, meine liebe zweite Frau, drängt es jetzt umso mehr zurück nach England. Aber ich bin nach all diesen Jahrzehnten hier mehr zuhause als dort. Die Plätze, Brücken, Kanäle und Gassen erzählen mir leise von lieb gewonnenen Erinnerungen und gute Freunde wohnen hier, wenn sie nicht schon auf dem Friedhof ihre letzte Ruhe gefunden haben. Und so möchte auch ich hier begraben werden, nebst meiner ersten Frau. Elizabeth aber ist noch so jung und ohne lange Vergangenheit in dieser Stadt. Und so ist ihre Sehnsucht nach den sanften Hügeln und kräftig-grünen Wiesen unserer südenglischen Heimat nicht weiter verwunderlich. Sie wird sich dieser Laune immer noch frei hingeben können, wenn ich mal nicht mehr bin…

Beim schmerzlichen Auszug aus meinem geliebten Haus ließ der düstere Gerichtsvollzieher mir immerhin noch ein Minimum an meiner Einrichtung. Auch alle meine Bücher, meine mittlerweile wichtigsten Begleiter, haben den Weg in diese enge Behausung gefunden. Und so sitze ich alter Narr auf meinem kleinen Balkon und ergötze mich an weisen Worten weitaus klügerer Männer als ich es je gewesen war. Eben erfreut mich ein erstaunliches Werk eines überaus gescheiten Freundes, dessen scharfer Verstand die Vielfalt der Natur überraschend neu geordnet hat. „Alles, was wir besitzen, ist eine Anleihe von Gott“, schrieb er mir als Widmung, als ich von ihm mit einer der seltenen Erstausgaben seiner „Systema naturae“ beschenkt wurde. „Wohl wahr!“ rufe ich ihm von meinem beengten Platz gen Norden zu. Unser lieber Gott, der Herr musste in meinem Falle lange harren und hoffen, ob auch ich das jemals verstünde. Jetzt, schließlich, senke ich demütig mein Haupt und flüstere ihm zu. „Ja, Herr.“ Ich hoffe, er wird Barmherzigkeit walten lassen am besagten Tage.

Heute Morgen waren wir, meine treue Elizabeth und ich, auf dem Friedhof, Canaletto besuchen. Sie sind sich der Bedeutung dieses heutigen Datums bestimmt auch bewusst und gedenken ihm, unseren Freund und großen Künstler. Er ist heute vor genau einem Jahr von uns gegangen und doch wird er der einzige von uns seyn, der durch sein Werk niemals sterben wird.

Aber ich langweile Sie nur mit den Gedanken eines alten, schwermütigen Mannes. Und meine Schwermut droht mich zu erdrücken, wenn ich an die Nachricht denke, die unser verehrter Canaletto auf seinem Sterbebett uns noch mit schwacher Stimme mitteilte, und die mich endlich doch bewogen hat, meine Schreibfeder zu spitzen, zu bestem Büttenpapier zu greifen und Ihnen, verehrter Duke, zu schreiben. Jetzt endlich, nach dieser langen Einleitung, will ich mich doch mit zitternder Feder bei Ihnen vergewissern, nicht ohne bereits im Vorfelde demütigst um Verzeihung zu bitten für meine gewiss nun folgende unhöfliche Einmischung. Doch jetzt endlich werfe ich mit dem Mut der Verzweiflung den Hut in den Ring – und frage gerad heraus:

Ist es wirklich wahr, dass Sie jedem der Mädchen zur Hochzeit eine Vedute Canalettos aus Ihrem Besitz mitgegeben haben?

Jetzt hat doch tatsächlich diese kleine, vorwitzige Feder meine ängstlichen Bedenken in den Wind geschlagen und ich sehe mit aufgewühltem Gemüte diese unverschämte, mich aber so drängende Frage auf diesem Blatt niedergeschrieben! So sei es denn. Nehmen Sie es als Ausdruck meiner unerschütterlichen Liebe zu Canalettos Werk und meinem Streben - wohl mein letztes in diesem irdischen Leben - ein Auseinanderbrechen seines Oeuvres zu verhindern.

Um Gottes Willen, verehrter Duke! Warum geben Sie diese Schätze in die Hände dieser Mädchen, die Sie kaum kennen dürfen! Und die – wie ich zu ahnen glaube – die Schönheit der Kunst nicht zu begreifen wissen. Ich bitte Sie, nein: Ich flehe auf meinen Knien Sie an: Tun Sie das nicht! Und wenn es passiert ist, fordern Sie zurück! Schützen Sie die Einmaligkeit dieser venezianischen Sammlung, die eine Zusammenführung in der jungen Royal Collection unserer Majestät verspricht.

Mit diesem inbrünstigen Appell ende ich hier. Ich bete, dass meine Worte Ihr wohlgeborenes Gehör finden.

Ergebungsvoll   Konsul J. Smith

Der Professor und der Student sahen sich stumm an. Robin wagte eine erste Frage: „Kennen Sie einen solchen starken Hinweis aus anderer Quelle bereits, Professor Ross?“ Dieser schüttelte langsam den Kopf. Nein, einen solch klaren Hinweis kannte er bisher nicht. „Es ist aber dennoch nur ein Hinweis, kein Beweis, Robin“ meinte er etwas abwesend. Er wunderte sich, dass ein Brief des Konsuls an den Duke in seinem eigenen Nachlass zu finden war. War der Brief vielleicht nie abgeschickt worden? Seine Aufmerksamkeit richtete sich nun auf einen kurzen Absatz unter der Unterschrift des Konsuls. Die Handschrift war elegant und weit geschwungen, anders als die eng gedrängt wirkende Schrift des Briefeschreibers. Der Professor verstand sofort: Das hier war die Antwort des Dukes, auf demselben Papier hingeworfen und postwendend nach Venedig zurückgeschickt:

Ihr Gebet wird nicht erhört, Konsul Smith.

Ich verbiete mir eine solche Einmischung in meine privaten Geschäfte. Sie verstehen nichts von dem, über das Sie schreiben. Welchen Theil von mir die Mädchen mitnehmen dürfen in ihr Leben als ehrbare Ehefrauen, ist nicht Ihre Sorge, sondern die Meinige.

Sie lieben seine Veduten sagen sie. Ich aber entgegne: Liebten Sie nicht mehr das Geld, das sie durch ihn verdienten? Sie haben Menschen doch nie mit sanftem Auge ergründen wollen, sondern theilten immer nur in „nützlich“ und „nicht nützlich“. Selbst Canaletto. Also verschwenden Sie nicht ihre verbleibende Zeit mit Blasphemie und dem kläglichen Versuch, mir die Liebe zu erklären.

Damit endet unsere Korrespondenz.

Duke o. L.

Dem Professor entglitt ein leises Pfeifen. Diese Antwort war spannend. „Lies, Robin!“ wandte er sich zum Studenten. „Duke of Lochmond hat nicht abgestritten, dass die drei Töchter je ein Bild bekommen haben. Er wehrt sich nur vehement gegen die Einmischung - und beendet den Kontakt, wie es scheint.“ Beide schwiegen eine Weile. „Ob der Duke sich nur auf seine unehelichen Töchter bezogen hat, wenn er schreibt, dass er keine Erläuterung braucht, wenn es um Liebe geht?“ platzte der Student plötzlich in die Stille. Der Professor runzelte die Stirn. „Wie meinst Du das, Robin?“ Der Student zögerte, so als ob er seinen Gedanken selber zu waghalsig fand. „Robin...?“ hakte der Professor nach. „Vielleicht meinte er auch Canaletto. Canaletto selber ist doch sein Leben lang ledig geblieben.“ antwortete Robin leise. Der Professor hob eine Augenbraue. Das war eine interessante Frage, fand er, kommentierte dies aber nicht weiter.

Stattdessen meinte er nachdenklich: „Ich glaube nicht, dass dies die Dinge sind, die Matthew gefunden hatte.“ Sein Blick wanderte vom Brief zurück auf Linnés Erstausgabe. „Der Foliant hier ist eindeutig nicht angefasst worden.“ Er zeigte auf das wertvolle Buch. Tatsächlich war es über und über mit Staub besetzt und die Stellen, wo beide das Buch in der Hand gehalten hatten, waren als Abdrücke leicht sichtbar. Es waren aber zuvor keine Spuren einer Berührung da gewesen, als er das Buch herausgeholt hatte. Da war sich der Professor recht sicher. Beide hatten denselben Gedanken und so wendeten sie sich in einer verblüffend synchronen Bewegung dem großen Regal wieder zu.

Und dann schließlich fanden sie etwas: Elizabeths Haushaltsbücher. Die ersten Exemplare, die sie entdeckten, standen in der obersten Reihe und waren zwischen lauter alten, staubüberzogenen Büchern zunächst kaum auszumachen. Es waren drei ledergebundene, mit großen Jahreszahlen versehende Bücher, eher unscheinbare Exemplare. Aber Professor Ross ist sofort aufgefallen, wie sauber sie waren. Jemand musste sie vor nicht allzu langer Zeit angefasst und zumindest vom gröbsten Staub befreit haben. Matthew Gallagher vielleicht? Er las leise vor sich hin: „1755, 1756, 1759...“

„Was ist, Professor?“ fragte Robin, der derweil am anderen Ende des Regals suchte. Er hatte aber die Stimmungsänderung beim Professor sofort gespürt. Professor Ross schaute den jungen Mann lächelnd an und zog vorsichtig das Band von 1759 aus dem Regal. „Ich glaube, ich habe hier etwas, was Matthew Gallagher zuletzt in der Hand hielt. Sieh nur. Diese Bände sind vom Staub befreit im Gegensatz zu den anderen Büchern.“ Robin hielt die Luft an. „Was ist das?“ fragte er leise, erhielt aber keine Antwort. Professor Ross öffnete bereits vorsichtig den Band und studierte die ersten Seiten. Nach einer Weile, die Robin wie eine kleine Ewigkeit vorkam, wandte er sich ihm wieder zu: „Das, Robin, sind Haushaltsbücher. Wahrscheinlich geführt von Elizabeth, als sie als Witwe hierher zurückgekommen ist. ... Wir sollten diese Bände separat sammeln und schauen, ob wir noch mehr finden. Das könnte interessant sein.“ Robin war erstaunt. „Interessant, Professor?  Warum könnte denn die Buchhaltung des Hausstandes von Elizabeth Smith für uns interessant sein?“ fragte er. Prompt reichte der Professor Robin das Buch in die Hand. „Überzeuge Dich selber, Robin, und dann sagst Du mir, was Du siehst.“ Der junge Mann wurde etwas nervös. War das ein Test? Vorsichtig nahm er den ledernen Einband in die Hand und blätterte die ersten Seiten durch. Elizabeths Handschrift war altmodisch geschwungen und etwas mühsam zu entziffern, aber das war nicht das erste Mal, dass er so alte Bücher im Original studierte. Er kam damit ganz gut zurecht. Er erkannte einige Zahlenreihen, Rechnungen und Eintragungen der täglichen Ausgaben. Aber da waren überall auch kleine Kommentare über Alltägliches geschrieben. Heute Nacht später Frost. Apfelblüte teilweise zerstört las er zum Beispiel. Er sah erstaunt zum Professor. Der nickte und erklärte es ihm. „Schau genau hin, Robin. In solchen alten Haushaltsbüchern sind meistens nicht nur langweilige Zahlenkolonnen über Einnahmen und Ausgaben verzeichnet. Denn diese Bücher dienten bei weitem nicht nur der Kontrolle der finanziellen Haushaltsangelegenheiten. Obwohl das eine wichtige Aufgabe einer jeden Hausherrin war, insbesondere dann, wenn sie einen so großen Haushalt wie diesen hier zu führen hatte. Du musst Dir vor Augen führen, dass Elizabeth hier über zwanzig Angestellte gehabt haben musste: Mindestens eine Köchin mit Gehilfinnen, Mägde und Knechte für verschiedenste Aufgaben im Haus und Stall, Gärtner, Sekretär... Und dass sie damit im Grunde einen kleinen Betrieb leitete. Doch häufig dienten diese Haushaltsbücher auch als eine Art Tagebuch, wo Ereignisse, Gedanken, einfach alles mögliche Einzug finden konnte.“ Robin schwieg erstaunt. Das hatte er nicht gewusst. Er blätterte vorsichtig weiter, während er dem Professor weiter zuhörte: „Unterschätze solche alltäglich erscheinenden, alten Notizbücher, Betriebs- oder Haushaltsbücher nie, Robin! Papier war wertvoll und es allein nur für einen so profanen Zweck wie der Buchhaltung zu nutzen, wäre den Menschen damals nie in den Sinn gekommen. Sie hätten das als eine unerhörte Verschwendung empfunden.“

Robin blätterte etwas weiter ins Jahr 1759. Plötzlich stutzte er und es entfuhr ihm ein „Oh Gott!“ Professor Ross schaute auf. Das Gesicht des jungen Robin war noch blasser geworden als es ohnehin schon war, aber nach dem ersten Schreck war etwas Anderes in seinen Augen ablesbar: Ungläubigkeit und Erregung gleichermaßen. „Da, schauen Sie selber, Professor“, sagte der junge Mann mit zitternder Stimme und reichte ihm wortlos das aufgeschlagene Buch. Der las:

17. Mai 1779Der wundervolle Tag wurde mir vergällt durch eine unerquickliche Begegnung mit dem Duke o. L. Doch leider geziemte es sich, den äußeren Anschein zu wahren und sich zu begrüßen. Unser gegenseitiges Unwohlsein war fast mit Händen greifbar.

Der Duke, gefangen in seinem Starrsinn, sieht in mir die Feindin, die es zu bekämpfen gilt. Dabei ist es nur meine edle Pflicht, das Vermächtnis meines Mannes zu wahren und zur angemessenen Größe zu verhelfen! Er bestreitet es bis heute. Aber ich weiß genau, was meine Ohren selber aus dem Mund des Künstlers auf seinem venezianischen Sterbelager vernommen hatten: Drei Veduten für drei unehelichechter, übergeben zur Vermählung als Zeichen der väterlichen Verbundenheit. Eine solche Anerkennung trotz der unaussprechlichen Sünde ihrer Empfängnis. Außerhalb des Ehestandes mit einer Frau niederen Standes! Ein Skandal - aber der Duke will das nicht erkennen. Uneinsichtiger, eitler Mann.

Stumm schauten sie sich an. Hier war zweifellos ein weiterer klarer Hinweis. Zumindest dokumentierten beide gefundenen Quellen, der Brief und dieser Tagebucheintrag, die Fehde zwischen dem Ehepaar Smith und dem Duke of Lochmond. „Was meinte sie mit „Dabei ist es meine edle Pflicht, das Vermächtnis meines Mannes zu wahren! fragte Robin. „Ich nehme an, dass sie sich auf die Vertragsformel mit der Royal Collection bezieht, Robin. Diese Formel wurde erst nachträglich und auf ausdrücklichen Wunsch des Konsuls in den Kaufvertrag aufgenommen. Sie bestimmt, dass alle Veduten auf dem Boden des British Empire der Royal Collection zugeführt werden müssen.“, erläuterte der Professor. Robin überlegte. „Das heißt, dass der Konsul auf diese Art und Weise seinen Willen, Canalettos Gesamtwerk so gut wie möglich zusammen zu bringen, sogar noch post mortem durchsetzte. .... Das hätte auch die drei Veduten der Töchter treffen müssen, oder?“ Der Student verstand langsam und Professor Ross nickte zustimmend. „Ja, es ist bekannt, dass durch die Vertragsformel das Verhältnis zwischen dem Duke und den Smiths am Ende völlig zerrüttet war. Das betraf insbesondere Elizabeth. Denn sie war es schließlich, die Jahre nach dem Tod ihres Mannes von hier aus die praktische Umsetzung dieser Formel für die Royal Collection vorantrieb und durchsetzte.“

Des Professors Gedanken gingen aber bereits weiter und er überlegte, ob es das nun war, was Matthew Gallagher präsentieren wollte. „Wir brauchen eine Ablage, wo wir die Haushaltsbücher separieren können“ meinte er nun sehr bestimmt. „Wir werden sie alle studieren müssen.“ Robin zeigte ihm, wo sie einen geeigneten Tisch hernehmen konnten. Schnell war dieser von anderem Krimskrams befreit und zum Regal geschoben. Jetzt durchstöberten sie fieberhaft die umliegenden Regale, Truhen und sonstige Ablagen. Und tatsächlich: Irgendwo zwischen anderen Büchern verteilt, fanden sie ein Exemplar von Elizabeths Haushaltsbüchern nach dem anderen. Alle waren auffällig sauber abgewischt. Wahrscheinlich hatte Matthew Gallagher diese Bücher nur wenige Tage vor ihnen ebenfalls in der Hand gehalten. Nach einer halben Stunde standen sie still staunend vor diesem langen Tisch. Vor ihnen, säuberlich nach Jahren sortiert, standen jetzt Elizabeth Smiths gesammelte Werke aus ihren hiesigen Witwenjahren. Alle in derselben Art ledergebunden, auf dem Rücken mit der Jahreszahl in goldenem Schriftzug versehen. Kleine weinrot gefärbte Lederbänsel, jeweils an den gegenüberliegenden Buchdeckeln befestigt und zusammen verknotet, hielten den Inhalt vor fremden Blicken verschlossen. Ganze siebzehn Bände von 1770 bis 1787. Sie schauten sich an: Das waren leider nicht alle Jahre, die Elizabeth hier verbracht hatte. 1788 – der letzte Band – fehlte. Elizabeths Todesjahr. Was war damit geschehen? „Glauben Sie, dass dieser Band verloren gegangen ist, Professor?“ fragte Robin in das Schweigen hinein. „Glaubst Du es denn, Robin?“ fragte der Professor prompt zurück und zwang so den jungen Mann zu einer eigenen Abschätzung. Das war typisch seine Art. Die intensivste Art des Lernens ist die eigene Erkenntnisarbeit, nicht das Hinnehmen von vorgekauten Meinungen oder Lösungen. Das war sein im Grunde simples Credo. Es galt für ihn als Wissenschaftler genauso wie für ihn als Lehrer. Als Wissenschaftler hatte es ihn sehr erfolgreich gemacht und er versuchte auch in allem, was er mit seinen Studenten unternahm, diesem Credo möglichst nahe zu kommen.

„Nein, eigentlich nicht.“, antwortete Robin nach einer kurzen Pause, seine Stimme war jetzt unsicher und er war vor Schüchternheit rot geworden. „Ich auch nicht.“ bestärkte der Professor und wartete ab. Er ahnte, dass dieser introvertierte Junge einen Gedanken hatte und nur Zeit brauchte, ihn zu äußern. Schließlich hörte er ein verschämtes Räuspern: „Wenn das aber nun der Band ist mit dem entscheidenden Beweis. .... Dann hat Matthew ihn vielleicht bewusst nicht wieder zurückgestellt.“ Wieder nickte der Professor. Er hatte exakt denselben Gedanken gehabt. „Das denke ich auch, Robin,“ bestätigte er ihn erneut und sah ein flüchtiges Lächeln im Gesicht des Jungen. „Du kanntest ihn besser. Was meinst Du, hat er damit gemacht?“ fragte er nun. Die erhaltene Bestätigung wirkte bereits. Robin hatte tatsächlich eine Idee und sprach sie jetzt erstaunlich selbstbewusst aus. „Er hatte immer eine Lieblingsecke, wenn er hier in alten Büchern stöbern wollte. Ich zeige sie Ihnen, Professor.“

Robin führte den Professor eine halbe Treppe nach oben. Quasi im Souterrain und durch ein Oberlicht mit direktem Tageslicht gesegnet, war auf einem großen Treppenabsatz ein kleiner Arbeitsbereich eingerichtet. Professor Ross ist dieses kleine Ensemble bereits aufgefallen, als er hier am Vortag das erste Mal heruntergestiegen ist. Ein wunderschöner Jugendstil-Sekretär mit eingefasster Arbeitsplatte und feinen Intarsien stand an der Wand direkt unter dem Oberlicht. Davor ein passender gepolsterter Stuhl mit Armlehne. Für dunklere Tage sorgte eine Mazda-Lampe aus den 20er Jahren für ausreichendes Licht. Auf dem Sekretär lag ein teurer Füllfederhalter sowie Bleistifte, Radiergummi und eine interessante Lupenkonstruktion mit integrierter Lampe. Daneben ein in braunes Leder gebundenes Notizbuch. Dem ganzen Ensemble konnte mehr Privatsphäre gegeben werden durch einen schweren weinroten Vorhang, der an einer halbkreisförmig gebogenen, gusseisernen Stange hing. „Das war einer von Matthews Lieblingsplätzen in diesem Haus.“, erläuterte Robin dem Professor. Der lächelte. Matthew Gallagher hatte einen Sinn für Stil und edle Dinge. Neben dem wunderschönen Sekretär stand ein eher schlichtes, aber sehr alt wirkendes, halbhohes Holzregal, das Matthew als Ablage gedient hatte. Hier lagen mehrere Bücher und Einbände. Der Professor näherte sich langsam, schob den Stuhl beiseite und setzte sich. Er fühlte die Anwesenheit des Studenten hinter sich. Er schaute zum Regal und prüfte die dort liegenden Bücher. Und da sah er ihn, den bereits wohlbekannten Ledereinband mit einer goldenen Jahreszahl: 1788.

„Hier Robin!“ der Professor atmete schwer vor lauter Aufregung und zeigte Elizabeths letztes Haushaltsbuch hoch. Er zog sich wieder seine dünnen Handschuhe über und öffnete vorsichtig den Buchdeckel. Gemeinsam fingen sie an zu lesen. Es war mühsam. Die Schrift der alten Elisabeth war nunmehr kaum zu entziffern. Entgegen den recht säuberlichen Eintragungen früherer Jahre waren die Seiten jetzt sehr chaotisch und wild beschrieben mit Zahlen, Rechnungen, dann wieder kurze Beschreibungen von Ereignissen. Sie blätterten weiter. Es war der 14. August 1788, der den beiden den ersehnten Durchbruch bringen sollte. In der diesem Tag vorgesehenen Doppelseite fanden sie verschiedene, lose eingelegte und dicht beschriebene Blätter.

Einige dieser losen Zettel waren in einer fremden Handschrift absolut chaotisch beschrieben. Professor Ross erkannte Jahreszahlen, aber auch Nummern, Titel und Namen. Dahinter andere Blätter mit ähnlichen Daten, dieses Mal aber in Elisabeths Handschrift, fein säuberlich nach Jahreszahlen chronologisch geordnet. Was bedeutete das alles? Gedankenverloren griff Robin zu Matthews Notizenheft. Etwas zögernd, so als ob er ungefragt in gut behütete Geheimnisse seines väterlichen Freundes eindringen würde, öffnete er das kleine Heft. Er überflog geflissentlich die ersten Notizen und suchte zielstrebig nach den letzten Eintragungen. Kurze Zeit später fand er sie, konnte aber kaum fassen, was diese Zeilen ihm sagen wollten. Etwas stockend las er laut vor:

Elizabeths Haushaltsbuch von 1788, 14. August – sechs Tage vor ihrem Tod! .... Lose Zettel gefunden: Eine Auflistung seiner Werke, von Canaletto persönlich (Wasserzeichen auf Papier, Italienische Kommentare, Kürzel!) Die andere Liste ist von Elizabeth. ...“ Robin zögerte, las langsam weiter: „... Unstimmigkeiten! Vier Werke fehlen!

Die „Vier“ war unterstrichen. Beide schwiegen. Sie wussten, das wäre eine absolute Sensation. Aufgeregt nahm der Professor Robin das Notizbuch aus der Hand und las selber nach. Tatsächlich. Da stand es schwarz auf weiß. Er legte es zur Seite und wandte sich diesem Zettelhaufen alter Listen zu. Und jetzt sah er es auch. Die Blätter, die nicht von Elizabeths Handschrift zeugten, zeigten ein blasses Wasserzeichen des berühmten Markusplatzes der Stadt Venedig. Diese fremde Handschrift, vermutetlich war es Canalettos, war sehr schlecht zu entziffern, aber er erkannte am Rande auch Notizen in italienischer Sprache. Ein Datum: 1768. Und dann entdeckte er es: Ein geschwungenes großes C. – Canalettos Kürzel, wie es auch auf vielen seiner Bildern zu finden ist. Diese Listen waren tatsächlich von Canaletto geschrieben. Wahrscheinlich schon sterbenskrank, hatte er versucht, eine Auflistung seiner Werke zusammenzustellen. Für wen? fragte sich der Professor und studierte das Chaos auf dem alten Papier genauer. Offensichtlich sind ihm mehrmals Werke wieder eingefallen oder er hat Notizen hierzu wiedergefunden und musste seine Liste mit Einschüben nachträglich vervollständigen. Die Nummerierung war daher geändert, vieles durchgestrichen und korrigiert. Aber überall standen auch Jahreszahlen, Auftraggeber oder Käufer. Er legte diese Seiten zur Seite und nahm sich nun Elisabeths Listen vor. Sie hatte die Werke sorgfältig geordnet, die von Canaletto mit britischen Käufernahmen versehenen separat markiert und diese schließlich einzeln abgehakt mit dem Vermerk R.C. – Royal Collection. Er las die Titel der Werke und erkannte sie tatsächlich. Ja das waren Veduten von Canaletto, die heute im Besitz der Royal Collection waren. Aber dann sah er es auch, was Matthew Gallagher nur wenige Tage vor ihm entdeckt hatte: Bilder, die Elizabeth nicht abhaken konnte, obwohl sie einem Briten gehörten. Sie waren nicht in den Besitz der Royal Collection gekommen! Der britische Käufer war kein geringerer als Duke of Lochmond. Und es fehlten eindeutig vier, nicht nur drei Bilder! Professor Mason Ross verschlug es den Atem. Das war der Durchbruch!
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