Im nächsten Leben

GeschichteFamilie, Schmerz/Trost / P16 Slash
Ferb Fletcher Phineas Flynn
22.02.2016
22.02.2016
1
2050
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Die ersten Strahlen der Morgensonne fallen durch das Fenster in mein Zimmer herein und wecken mich. Langsam setze ich mich hoch und werfe einen Blick neben mich. Hinüber zur anderen Seite des Zimmers, zu deinem Bett, das leer und verlassen daliegt, so wie jeden Morgen, wenn ich aufwache. Das so kalt und einsam wirkt, als hätte es nie irgendjemandem gehört. Aber ich weiß, dass es einmal dir gehört hat. Dass du jede Nacht darin eingeschlafen bist, so friedlich und still. Ich weiß, wie oft ich unter deine Decke geschlüpft bin und mich zu dir gekuschelt habe. Wie viel uns beide immer verbunden hat. Bis zu dieser Nacht.
Ein eisiger Schauer läuft meinen Rücken hinunter, während ich mir vorstelle, wie du neben mir liegst und schläfst. Wie du ruhig und gleichmäßig atmest, während ich vorsichtig mit den Fingern durch dein Haar streife. Und wieder einmal wird mir klar, dass wir das nie wieder tun können. Wieder einmal muss ich mir bewusst machen, dass ich dich nie mehr sehen werde. Dich niemals mehr umarmen kann. Dir nie wieder sagen kann, wie sehr ich dich liebe.
Vergeblich versuche ich, gegen meine Tränen anzukämpfen, die bei dem Gedanken daran in mir aufsteigen. Versuche, die Bilder jener Nacht aus meinem Kopf zu verdrängen, die vor meinem inneren Auge auftauchen. Die undurchdringliche Kälte, die seitdem in meiner Seele herrscht. Ich bemühe mich noch immer darum, zu verstehen, was in dieser Nacht passiert ist. In dieser Nacht, die mein Leben von einer Sekunde auf die andere verändert hat. Die mir alles genommen hat, was mir einmal so wichtig war. Den einzigen Menschen, den ich je wirklich geliebt habe. Der es geschafft hat, mein Herz im Sturm zu erobern.
In dieser Nacht ist meine ganze Welt in sich zusammengebrochen. Alles kam mir so fremd und unwirklich vor und ich konnte es überhaupt nicht verstehen. Ich konnte nicht begreifen, dass ich dich niemals wiedersehen würde. Dass du für immer aus meinem Leben gegangen bist. Ich wollte es nicht wahrhaben. Ich wollte nicht wahrhaben, dass der einzige Mensch, der mich wirklich verstanden hat, für immer gegangen ist. Wollte es nicht akzeptieren. Ich wollte, dass die Ärzte mir sagen, dass es dir gut geht und du wieder mit uns nach Hause kommen kannst. Ich wollte, dass alles nur ein böser Traum ist. Ein schrecklich böser Traum, aus dem ich jeden Moment aufwachen muss.
Dass alles um mich herum lediglich ein Teil meiner Fantasie ist. Das schrottreife Motorrad, das Blaulicht, die Sirenen, die Polizisten. Das alles muss ein Traum sein, habe ich mir gesagt. Es muss einfach! Du kannst nicht einfach so weg sein. Das geht verdammt nochmal nicht! Du musst deine Augen wieder aufmachen, habe ich gedacht. Du musst sie nur wieder aufmachen und alles wird wieder gut. Dann nehmen wir dich mit nach Hause und ich helfe dir, wieder auf die Beine zu kommen. Voller Hoffnung bin ich auf dich zugestürmt und habe nach deiner Hand gegriffen. „Wach auf!“, habe ich dich angeschrien. „Bitte wach wieder auf! Mach deine Augen auf und sprich mit mir! Bitte!“.
Doch meine ganzen Rufe haben nicht geholfen. Deine Augen blieben geschlossen. Sie blieben einfach geschlossen. Du hast nicht mehr reagiert. Es war schon zu spät. „Nein!“, habe ich laut geschrien. „Nein! Wach auf! Bitte, lass mich nicht allein! Wach auf!“. Ich habe dich bei den Schultern gepackt und geschüttelt. Ich habe dich so lange geschüttelt, bis Mom mich von dir weggezerrt hat. „Phineas“, hat sie zu mir gesagt. „Phineas, er ist tot“. „Nein!“, habe ich aus Leibeskräften gebrüllt. „Nein, das ist nicht wahr! Nein!“. Ich habe mich von ihr losgerissen und bin noch einmal auf dich zugerannt. Tränenblind bin ich neben dir auf die Knie gefallen und habe es noch einmal versucht.
Unzählige Male habe ich deinen Namen gerufen. Unzählige Male habe ich versucht, dich wieder zurückzuholen. Habe versucht, dich wieder aufzuwecken. Ich wollte nicht aufgeben. Ich wollte es so lange weiter versuchen, bis du deine strahlenden Augen wieder aufschlägst und mich anschaust. Bis du wieder bei mir bist und mir sagst, dass alles wieder gut wird. Dass dir nichts passiert ist und wir nach Hause fahren können. Aber egal, wie oft ich nach dir rief, du hast nicht darauf reagiert. Du hast einfach nur dagelegen und geschlafen. Einen tiefen Schlaf, aus dem du nie wieder aufwachen würdest.
Alles, was danach passierte, habe ich nur noch in Zeitlupe wahrgenommen. Wie zwei Männer mich von dir weggeschleift haben. Wie sie dich auf diese Bahre gelegt und zugedeckt haben. Wie sie dich eingeladen haben und danach losgefahren sind. Wie Mom und Dad mich fest umarmt und auf mich eingeredet haben. Doch ich habe nicht ein Wort von dem verstanden, was sie gesagt haben. Ich war immer noch davon überzeugt, dass das alles nicht wahr sein konnte. Dass sie dich nur nach Hause bringen und du dort auf uns wartest, bis wir kommen. Du konntest nicht tot sein. Das konntest du einfach nicht!
Du hast das Leben doch immer so geliebt. Du hast es geliebt, mit mir im Garten zu spielen. Du konntest mich immer zum Lachen bringen, wenn ich traurig war und hast mir immer zugehört, wenn ich jemanden zum Reden brauchte. Wenn mich etwas beschäftigte, konnte ich immer mit dir darüber sprechen. Du hast mich niemals ausgelacht, egal wie unangenehm es mir auch zu sein schien. Du hast immer diese Geschichten für mich erfunden, wenn mir langweilig war. Ich konnte dir stundenlang zuhören und habe mich dabei immer so glücklich und unbeschwert gefühlt. Du hast mich immer getröstet, wenn ich weinen musste und dir stets Zeit für mich und meine Probleme genommen. Du hast dein eigenes Glück stets hinten angestellt und dich immer so gut du konntest darum bemüht, mich glücklich zu machen. Du warst immer so selbstlos. Es hat dir immer so viel Freude gemacht, andere zum Lachen zu bringen. Du hast mir immer so viel gegeben und wolltest nie irgendetwas dafür haben.
Und genau dafür habe ich dich immer bewundert. Dafür habe ich dich geliebt. Dafür habe ich dich so sehr geliebt. Und ich liebe dich noch immer. Immer noch tut es mir unendlich weh, zu wissen, dass ich deine Nähe nie mehr spüren werde. Dass du mich nie wieder in den Arm nehmen wirst, wenn ich traurig bin.
Warum nur, Ferb? Warum hast du mich alleingelassen? Warum bist du einfach so gegangen, ohne auch nur ein Wort zu sagen? Warum musste ausgerechnet dir dieser dämliche Unfall passieren? Warum hat er mir von einer Sekunde zur nächsten den wundervollsten Menschen meines Lebens genommen? Warum muss es nur so verdammt wehtun?
Ich vermisse dich so sehr, Ferb. Ich vermisse die Art, wie du mich oft angesehen hast. Vermisse deine Umarmungen, deine zärtlichen Streichler, die du mir so oft geschenkt hast. Vermisse deine liebevollen Küsse. Die unersetzbare Wärme deiner Haut. Den Duft deines Parfums.
Du fehlst mir so, Ferb. Du fehlst mir so schrecklich. Auch wenn dieser Unfall nun schon über ein Jahr zurückliegt, vergeht kein einziger Tag, an dem ich nicht an dich denke. Jeden Tag wache ich morgens in der Hoffnung auf, dich neben mir zu finden. Jeden Tag nehme ich dein Bild in die Hand, das immer noch auf meinem Nachtkästchen steht. Jeden Tag gehe ich zum Friedhof und besuche dich. Stehe vor deinem Grabstein und weine. Weil es so verflucht wehtut, dich zu vermissen. Weil doch so viel mehr zwischen uns war als nur Geschwisterliebe. Weil wir beide zusammengehören. Für immer zusammengehören.
Das hast du mir doch damals versprochen. Du hast mir versprochen, dass du immer für mich da sein wirst. Du hast gesagt, dass das zwischen uns dir unendlich wichtig ist. Dass es das Beste ist, was dir passieren konnte. Dass du mich liebst. Dass du mich aus vollem Herzen liebst.
Warum hast du mich dann hier zurückgelassen? Warum musstest du in jener Nacht unbedingt mit dem Motorrad wegfahren? Warum hast du nicht auf meinen Rat gehört, als ich dir gesagt habe, dass du hierbleiben sollst? Dass es gefährlich ist, bei Regen zu fahren? Warum musstest du unbedingt deinen Sturkopf durchsetzen? Wie konntest du mir das nur antun? Wie konntest du es zulassen, dass so etwas passiert?
Ich bin so wütend auf dich. So unglaublich wütend, weil du mich alleingelassen hast. Weil du dein Versprechen gebrochen hast. Du hast versprochen, dass wir für immer zusammenbleiben. Und du hast dich nicht daran gehalten! Du bist einfach gegangen und hast mich in meinem Schmerz sitzenlassen! Das tut weh, Ferb! Das tut so verflucht weh, weißt du das?! Das kannst du doch nicht mit mir machen! Du kannst nicht einfach ohne ein Wort verschwinden und nie mehr zurückkommen. Das geht nicht. Das geht einfach nicht, verdammt! Das ist so egoistisch von dir. Das werde ich dir niemals verzeihen. Niemals, hörst du?!
Wieder spüre ich heiße Tränen über mein Gesicht laufen. Es tut so verflucht weh. Es tut weh, zu wissen, dass du niemals wieder zur Tür hereinkommen wirst. Dass du mich niemals wieder anlächeln wirst. Mir nie wieder die Hand auf die Schulter legst. Mich nie wieder zärtlich streichelst. Dabei war es doch genau das, was ich so an unserer Beziehung geliebt habe. Diese unzähligen Glücksmomente, die du mir geschenkt hast. Es tat immer so gut, deine Nähe zu spüren, wenn wir uns im Bett eng zusammengekuschelt haben. Es tat gut, wie du mir sanft durch die Haare gestreichelt hast. Wie du mich liebevoll auf die Wange geküsst und mich dabei angelächelt hast. Unsere Liebe war so wundervoll. So einmalig und unglaublich. Sie war etwas so Besonderes für mich. So kostbar. Unersetzlich.
Noch nie hat mich jemand geliebt so wie du. Nie hat mich jemand so sehr spüren lassen, wie viel ich ihm bedeute. Keiner hat es je geschafft, mich mit einer einzigen Berührung so zu verzaubern wie du. Du hattest das einzigartige Talent, mir auch ohne große Worte deutlich zu machen, dass du mich liebst. Dass du mich wirklich liebst. Dass du unsere kleinen Zärtlichkeiten genauso genießt wie ich.
So oft sind wir beide zum Strand gefahren. Weißt du noch? Kannst du dich noch daran erinnern? Weißt du noch, wie oft wir Arm in Arm im heißen Sand lagen und gekuschelt haben? Weißt du noch, wie oft wir Beach Volleyball gespielt haben? Wie oft wir zusammen in den Sternenhimmel hinaufgesehen haben? Wie du unzählige neue Sternbilder für mich erfunden hast? Das war so lieb von dir. Dadurch hast du mir umso mehr gezeigt, wie sehr du mich liebst. Das werde ich dir niemals vergessen. Niemals.
Oh Ferb, es tut mir Leid, was ich gerade eben gedacht habe. Dass ich wütend auf dich bin, das stimmt überhaupt nicht. Ich könnte niemals böse auf dich sein. Dafür habe ich zu viele schöne Erinnerungen an dich.
Aber weißt du, es tut einfach so weh. Seit du weg bist, fühle ich mich so allein. So einsam. Ich habe das Gefühl, dass du der einzige Mensch auf der ganzen Welt bist, der mich jemals verstanden hat. Ich weiß noch überhaupt nicht, wie es weitergehen soll ohne dich. Du warst doch derjenige, der mir gezeigt hat, was Liebe wirklich ist. Wie soll ich denn nur jemals wieder in der Lage sein, einen Menschen so tief und innig zu lieben wie dich? Wie soll ich mich nur jemals an den Gedanken gewöhnen, dass ich nun nie wieder deine Stimme hören werde? Deine klare, weiche Stimme, die stets eine beruhigende Wirkung auf mich hatte. Wie soll das alles ohne dich funktionieren? Wie soll ich je wieder Freude empfinden können, wenn der wichtigste Mensch in meinem Leben nie mehr heimkommt? Bitte Ferb, sag mir wie. Ich weiß es nämlich nicht.
Ich weiß nicht, ob ich jemals wieder lachen kann. Ob ich mich jemals wieder über etwas freuen kann. Ob meine Seele jemals aufhören wird, um dich zu weinen. Ich weiß ja, dass du dir immer gewünscht hast, dass ich glücklich bin. Dass das immer das Einzige war, das du wolltest. Aber ich kann nicht glücklich sein. Nicht ohne dich, Ferb. Verzeih mir bitte, aber es geht einfach nicht. Vielleicht bin ich eines Tages in der Lage, zu akzeptieren, dass du gegangen bist. Vielleicht kann ich irgendwann verstehen, warum uns das Schicksal mit einem Schlag auseinanderreißen musste.
Bis dahin bleibt mir nur die Hoffnung. Die Hoffnung darauf, dass du jetzt in einer schöneren Welt bist. Dass du dort oben auf irgendeiner Wolke sitzt und es dir gut geht. Dass ich eines Tages auch an diesen Ort gehen werde. Und dass wir uns dann wiedersehen. Dass wir uns eines Tages da oben wiedersehen.
Bitte Ferb, wenn du mir im Augenblick zuschaust, versprich mir etwas. Bitte versprich mir, dass du auf mich wartest. Dass du dort oben wartest, bis ich nachkomme. Bis wir endlich wieder zusammen sind. Versprich mir, dass du unsere schöne Zeit niemals vergisst. Und dass du mich jeden Tag begleitest. Auf all meinen Wegen.
Ich liebe dich, Ferb. Ich werde dich für immer lieben. Du warst das Wunderbarste, das ich auf dieser Welt hatte. Und ich glaube fest daran, dass wir uns irgendwann noch einmal begegnen. Im nächsten Leben.
Und dann kann uns nichts mehr trennen. Nichts mehr, Ferb. Ich verspreche es dir.
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