Engelsblut mit Eissplittern

von Elfafram
GeschichteDrama, Romanze / P18 Slash
OC (Own Character) Xander Raphael
21.02.2016
25.03.2016
11
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Engelsblut mit Eissplittern

Disclaimer: Nichts davon gehört mir, alles gehört Lara Adrian und ich verdiene damit kein Geld. Ich leihe mir die Personen nur aus.
Ja die Geschichte hängt mit "Schatten der Nacht" zusammen, welche aber nicht gelesen worden sein muss. Alles nötige wird in den ersten Kapiteln erklärt, um meine Welt der Stammesvampire der zweiten Art zu verstehen.
Hochgeladen wird jeden Sonntag und jeden Donnerstag, die Geschichte ist mit 10. Kapiteln bereits abgeschlossen

Prolog



Ich war sechs als ich das erste Mal merkte, das ich tatsächlich anders war, wenn man davon absah, dass ich als Stammesvampir das Mal der Gefährtinnen trug. Mit meinen Eltern lebte ich in einem etwas abgelegenen dunklen Hafen in der Pfalz (Deutschland). Sie waren mehr als streng und schickten mich und meinen zwei Jahre älteren Bruder Michael, der eigentlich mein Cousin war, immer lange vor Sonnenaufgang ins Bett. Egal ob wir müde waren oder nicht. Hauptsache wir kamen nicht auf die Idee tagsüber den Hafen zu verlassen. Michaels Eltern starben bei einem Unfall und meine Eltern waren seine Paten, weshalb sie ihn zu sich nahmen und aufzogen, als ihren eigenen Sohn. Damals war ich noch ein Säugling gewesen. Für mich war er mein großer Bruder.
Aber ich war viel zu neugierig um mich an die Ausgangssperre zuhalten. Ich wollte die Welt kennen lernen, auch am Tag. Ich wollte wissen wie unser Garten im Sonnenlicht erstrahlte. So schlich ich mich eines Tages gegen Mittag aus meinem Zimmer. Um die Zeit konnte ich sicher, sein dass alle schliefen. Natürlich hatten meine Eltern uns die Konsequenzen von Sonnenlicht erklärt. Und als ich wiederholt widersprach, für mich war die Vorstellungen im Sonnenlicht zu verbrennen einfach unvorstellbar, war mein Vater extra hinausgegangen. Er war nicht lange draußen geblieben, dennoch hatte man die Brandverletzungen mehr als deutlich sehen können. Glauben wollte ich es immer noch nicht.
Weshalb ich zwei Wochen später mich wie gesagt aus meinem Zimmer schlich. Ich versuchte dabei so wenig Krach wie möglich zu machen. Wollte ich doch die anderen Bewohner nicht wecken.
Es gelang mir unbemerkt zur Eingangstür zu kommen. Welche abgeschlossen war. Mein Vater schloss immer ab. Aber kein Problem, dachte ich schließlich bin ich ein kleiner Stammesvampir. So versuchte ich das erste Mal einen mentalen Befehl auszuführen. Was nach dem fünften Versuch  auch klappte. Ich war mächtig stolz auf mich selbst. Nachdem die Tür endlich offen war, horchte ich einen Moment, ob ich auch niemanden geweckt hatte, hatte ich nicht. Also öffnete ich die nun unverschlossene Tür und schlüpfte hinaus in unseren Garten.
Ein Laut des Entzückens entkam meiner Kehle. Der Garten war einfach prächtig anzusehen im Sonnenlicht. Die Blumen blühten, der Wind raschelte in den Bäumen. Voller Vergnügen rannte ich zu meiner Lieblingsstelle: unser Teich. Ich wusste nicht warum, aber Wasser faszinierte mich.
Ich setzte mich an den Rand, ließ meine nackten Füße ins Wasser baumeln und betrachtete wie sich das Licht in der Wasseroberfläche brach. Wunderschön, einfach wunderschön. Das Licht brach sich in den unterschiedlichsten Farben, bildete tausend kleine Regenbögen in den Wellen. Sanfte Libellen flogen darüber, irgendwo quakte ein Frosch. Der Teich war voller Leben, etwas dass man nur tagsüber zusehen bekam. Ich blieb am Ufer sitzen und vergaß die Zeit, das Farbenspiel von Sonne und Wasser veränderte sich, wurde bunter und röter.
Irgendwann wurde ich grob nach hinten gezerrt. Mein Vater stand mit wutverzerrten Gesicht vor mir.
„Was tust du hier?“, fragte er mich zischend.
„Ich wollte selbst überprüfen, ob die Sonne mir weh tut. Ich bin raus gegangen und hab den Teich betrachtet. Vater er sieht wunderschön aus im Sonnenlicht“, antwortete ich wahrheitsgemäß. Voller Staunen bemerkte ich nur am Rande, dass die Sonne schon untergegangen sein musste. Es war stockdunkel.
Mein Vater sah alles andere als begeistert aus und mich verließ meine gute Laune.
„Seit wann sitzt du jetzt schon am See, Benjamin?“
Die Frage kam mehr geknurrt, als gesprochen hervor. Ich zuckte zurück, ich hatte meinen Vater nach nie so wütend erlebt.
„Seit dem Mittag“, antwortete ich ängstlich.
Mein Vater fluchte und transformierte sich ein wenig, hart packte er mich an der Schulter und schleifte mich ins Haus. Dort sperrte er mich für ganze drei Tage in meinem Zimmer ein. Niemand kam zu Besuch, außer meiner Mutter, damit ich nicht hungern musste. Aber sie schwieg. Erst Jahre später sollte ich begreifen, dass mein Vater aus Liebe und Sorge so gehandelt hatte. Er hatte sich wahnsinnig erschreckt mit zu bekommen, dass ich den halben Tag in der Sonne verbrachte hatte, sodass er sich im ersten Moment nicht anders zu helfen wusste.
Ich hatte sofort, nach dem ich mich wieder beruhigt hatte, mein Körper auf Brandverletzungen untersucht. Aber da waren keine. Die Sonne mochte die anderen Stammesvampiren verbrennen, aber mich nicht. Das war der Moment in dem ich das erste Mal begriff, dass ich anders sein musste.
Es dauerte mehrere Monate, bis sich mein Vater beruhigt hatte und wieder normal mit mir umgehen konnte. Dass mir nichts passiert war, wurde im dunklen Hafen tot geschwiegen und ich war zu eingeschüchtert von den Erwachsenen um noch zu fragen.
Als ich zehn war, stibitzte ich heimlich Kuchen aus der Küche. Er schmeckte so köstlich, das ich ihn vollständig auf aß. Eigentlich viel zu viel menschliche Nahrung für einen Vampir, aber ich merkte keine Beschwerden. Seitdem Kuchen, klaute ich immer wieder kleine Köstlichkeiten aus der Küche und genoss sie in vollen Zügen alleine auf meinem Zimmer.
Mit sechzehn  ging ich das zweite Mal in die Sonne und lernte, dass ich mich frei unter ihr bewegen konnte. Ab da galt ich in meiner Familie als Sonderling, sie bemerkten es und wussten doch, dass sie nichts dagegen tun konnten. Ich war mir sicher, dass meine Mutter inzwischen wusste, wer der Dieb aus der Küche war, aber sie sprach mich nie darauf an. Lieber wurde verschwiegen wie sonderbar der eigene Sohn war. Michael wurde zu ihrem Liebling, der Engel der Familie. Er tat was man von ihm verlangte und benahm sich nicht wie … wie ich eben.
Mit meinen Tagesausflügen, die immer ausgedehnter wurden, lernte ich eine neue Gabe kennen. Von der ich nicht wusste woher ich sie geerbt hatte. Die meiste Zeit verbrachte ich in der Nähe von Wasser: kleine Bäche, Seen oder Teiche. Ich lernte dieses Element zu lieben und zu bändigen. Eigentlich geschah es wie das meiste eher durch Zufall. Ich wollte, dass sich das Wasser bewegte und es bewegte sich. Ich liebte es mit dem Wasser zu spielen, lernte dass ich es auch in Eis verwandeln konnte und ich kannte niemanden, der es genauso beherrschte. Weshalb ich es vor meiner Familie geheim hielt. Sie hielten mich so schon für seltsam und sonderbar und mieden mich deswegen. Ich wollte ihnen keinen weiteren Grund liefern. Damals hoffte ich noch, dass sie sich besinnen würden und mich so akzeptieren würden wie ich war.
Als ich meinen fünfzigsten Geburtstag feierte, kamen meine Eltern auf mich zu und fragten, weshalb ich mir noch keine Gefährtin genommen hätte. Ein weiterer Punkt in dem ich anders war. Michael hatte sich bereits mit 25 eine Gefährtin genommen. Der vorbildliche Sohn eben. Ich erklärte ihnen, dass ich kein Interesse an den jungen Frauen im Hafen hätte. Meine Eltern verstanden mich nicht und ich gab mir nicht die Mühe es ihnen genauer zu erklären. Es lag nicht daran, dass ich die Frauen nicht mochte, eher im Gegenteil, die meisten waren sogar ganz nett. Mit Jana verstand ich mich sehr gut, aber wir waren nur gute Freunde. Mehr war da nicht und es würde da auch nie mehr geben. Jana war in Michael verliebt, das wusste ich und ihr war bewusst, dass diese Liebe immer unerfüllt bleiben würde. Und sie wusste von mir, dass ich mich gerne dem ein oder anderen jungen Mann vergnügte, damals gab es noch keinen Begriff dafür, aber inzwischen wusste ich, dass ich schwul war. Darüber geredet wurde nicht, ich wusste nur dass es mehr als verpönt war und meine Eltern es nicht akzeptieren würden. So versuchte ich es erst gar nicht es ihnen zu erklären. Ich selbst hatte mich schon so daran gewöhnt anders zu sein, dass ich mir noch nicht einmal Gedanken darüber machte, ich genoss mein Leben einfach.
Doch meine Eltern wollten nicht locker lassen, sie wollten um jeden Preis, dass ich mir eine Gefährtin nahm und sie wussten von meinem guten Verhältnis zu Jana. Sie war nicht perfekt, aber genügte als Gefährtin für ihren sonderbaren Sohn. Ich weigerte mich lange. Aber irgendwann kam Jana auf mich zu, sie stimmte den Plänen unserer Eltern zu, denn auch sie wurde dazu gedrängt sich endlich einen Gefährten zu nehmen. Schließlich war sie zu diesem Zeitpunkt bereits 32.
So schlossen wir für uns einen Pakt:
Wir gingen eine Blutsverbindung ein, damit unsere Eltern endlich Ruhe gaben, aber eines würde es nie geben und das waren Kinder. Uns war es egal, ob wir damit ihre Herzen brachen. Jana wollte keine Kinder bekommen, wenn sie nicht von Michael waren und ich konnte mir noch nicht einmal vorstellen sie zu küssen, geschweige denn mit ihr zu schlafen. So würde unsere erzwungene Verbindung Kinderlos bleiben.
Aber ich nahm mir vor keine Männer mehr in mein Bett zu holen. Ich würde für den Rest meines Lebens in Abstinenz leben. Das war ich Jana schuldig, sie würde sich nicht auf jemanden anderes einlassen und ich wollte es ihr durch unsere Verbindung nicht zu muten. Es war so schon schlimm genug, dass wir ab dem Tag unserer Verbindung jeder Zeit die Gefühle des anderen mitbekamen.
Fast hundert Jahre lebten wir so und schafften es und mit der Situation abzufinden, wir waren sogar glücklich. Jana konnte damit leben Michael nur aus der Ferne nah sein zu können und ich hatte mich an die Abstinenz gewöhnt. Nach zwanzig Jahren hatten unsere Eltern es dann auch endlich eingesehen, dass wir Kinderlos bleiben würden und sie nichts daran ändern konnten. Jana und ich wurden so zu den schwarzen Schafen der Gemeinde, ich mehr als sie, aber das war für mich in Ordnung, ich kannte ja nichts anderes. Inzwischen wurde sie sogar von den anderen für die gezwungene Wahl ihres Gefährten bemitleidet. Denn sie gaben mir die Schuld für alles, allen voran, dass wir keine Kinder hatten. Ich war und blieb der verrückte Sonderling, der der anders war und immer anders bleiben würde.
Eines Tages machten wir eine schöne Wanderung durch die Berge in unserer Heimat, Jana war begeistert davon, dass wir auch tagsüber etwas gemeinsam, außerhalb des Hauses, unternehmen konnten. Sie war die einzige, die sich nicht daran störte und irgendwie liebte ich sie dafür. Sie nahm mich von Anfang an so wie ich war. Sie war auch die einzige die von meiner zweiten Gabe wusste.
Als wir tiefe, schwarze Rauchschwaden aufziehen sahen. Sie kamen erschreckenderweise aus der Nähe unseres dunklen Hafens. Ich nahm Jana auf meinen Rücken und mit der Geschwindigkeit des Stammes gelangtem wir innerhalb weniger Minuten zu unserem Hafen. Er stand lichterloh in Flammen und da es helllichter Tag war, konnten die Vampire nicht aus der Hölle fliehen, sie konnten sich nur entscheiden, auf welche Art sie verbrennen wollten.
Ich befahl Jana zu warten und ging in das brennende Haus. Vertraute darauf, dass mich die Gabe, die ich von meiner Mutter geerbt hatte, schützen würde. Sofort spürte ich wie sich mein Körper veränderte. Es bildete sich eine starke Haut, der die Flammen nichts anhaben konnten. Sie verdeckte sogar meine Haare. Rückblickend konnte man sagen ich sah so ähnlich aus wie Ben Grimm aus Fantastic Four.
Ich hatte die Hoffnung wenigstens eine der Stammesgefährtinnen zu retten. Doch das Feuer musste schon lange gewütet haben. Das Haus glich einer Ruine, an vielen Stellen fiel bereits Sonnenlicht ein. Alle Körper, die ich sah waren Tod und weiblich. Die Männer mussten schon vollständig zu Asche verbrannt sein, dank der Sonnenstrahlen, die eine Weg ins Innere gefunden hatten. Ich wollte mich schon umdrehen und wieder nach draußen zu Jana gehen, da hörte ich ein leises Schluchzen.
Ich drehte mich um und fand meine Mutter im hintersten Eck der Ruine, die noch vor kurzem unser Heim gewesen war. Auch sie war von ihrer Gabe beschützt worden und hatte so das Unglück überlebt. Ich ging zu ihr, aber meine Mutter sah nicht auf, sie schien noch nicht einmal bemerkt zu haben, dass sie nicht mehr alleine war. Ich hob sie auf meine Arme und trat aus der noch immer brennenden Ruine.
„Was ist …?“, setzte Jana an.
„Sie sind alle tot, von den Männern war schon nichts mehr zu sehen. Bis auf meine Mutter konnte ich nur Leichen finden. Lass uns in den Wald gehen. Sobald das Feuer sich selbst gelöscht hat. Geh ich nachsehen, ob ich noch etwas bergen kann“, antwortete ich leise.
Ich konnte ihr ansehen, wie sehr sie das ganze traf, aber sie hielt sich tapfer. Sie würde erst zusammenbrechen, sobald wir einen sicheren Ort gefunden hatten. Ich trug meine Mutter weg von der brennenden Ruine und in den Wald hinein. Jana folgte mir, nachdem sie dem Haus noch einen letzten verzweifelten Blick geschenkt hatte. Als ich mir sicher war ein geeigneten Platz gefunden zu haben, legte ich meine Mutter ab. Die Gabe registrierte, dass keine Gefahr mehr bestand und löste die aufgebaute Haut ab. Auch ich konnte spüren, wie sich die Haut zurück verwandelte. Ich begutachtete meine Mutter, danke ihrer Gabe schien sie keine Verletzungen erlitten zu haben, ihre Kleidung hing ihr nur noch in verbrannten Fetzen vom Körper, aber die ließ sich ersetzten. Wir hatten einen Schuppen, abseits vom Haus, dort lagerten alte Sachen. Ich würde dort sicherlich ein paar Sachen für sie finden. Aber erst musste ich sie beruhigen. Sie war in einem apathischen Zustand und schien nichts von der Außenwelt mitzubekommen. So bald ich mir sicher war Jana und sie alleine lassen zu können, rannte ich zurück zum Haus, das Feuer brannte nicht mehr und ich konnte das ganze Ausmaß erkennen, viel war nicht mehr übrig. Aber wie hatte so schnell ein solch heftiges Feuer entstehen können und warum hatten Jana und ich es nicht eher gesehen? Aber ich würde mir erst später versuchen diese Fragen zu beantworten. Ich musste mich erst um meine Mutter kümmern, selbst wenn ich das schwarze Schaf der Familie war, sie war immer noch meine Mutter, ihr hatte ich es zu verdanken am Leben zu sein. Allerdings fragte ich mich, ob sie diesen Schmerz würde ertragen können. Sie hatte alles in diesem Feuer verloren, was ihr wichtig war.
Zu meinem Glück stand der Schuppen noch. Ich fand reichlich Decken und abgetragenen Kleidung für uns drei, denn auch meine Sachen waren angekokelt. Ich ging zurück zu der Lichtung, die am Rand eines Baches war und sah, dass meine Mutter sich ein wenig gefangen hatte. Sie unterhielt sich mit Jana, beide Frauen weinten bitterlich.
„Hey, ich hab frische Sachen mitgebracht“, begrüßte ich sie liebevoll und kniete mich vor ihnen nieder.
„Benjamin!“, rief meine Mutter aus und fiel mir um den Hals. „Du hast ja keine Ahnung wie froh ich bin zu sehen, dass es dir gut geht. Wenigstens einer meiner Familie hat überlebt.“
Sie wirkte ehrlich erleichtert und ich war gerührt und zog sie näher an mich, dabei legte ich ihr eine der mitgebrachten Decken um die Schulter. Meine Mutter zog sich ein wenig zurück und sah mich eindringlich an.
„Jana und ich sind uns einig. Du wirst davon nicht begeistert sein, aber ich bitte dich: tue uns den Gefallen. Selbst wenn es dir schwer fällt.“
„Welchen Gefallen?“, mir war mulmig zumute ich blickte zwischen den beiden Frauen hin und her, die sich bedeutungsvoll ansahen.
„Wir wollen das du uns tötest und unsere Leichen in dem was von dem Haus noch übrig ist verbrennst...“, setzte Jana an
„Nein auf keinen Fall! Das werde ich nicht tun. Ihr beide seit alles was mir noch geblieben ist, ich will euch nicht auch noch verlieren!“, unterbrach ich sie energisch und erhob mich hastig. Ich konnte die beiden jetzt nicht ansehen.
„Benji bitte hör mir zu!“, flehte meine Mutter.
Der Tonfall und die Benutzung meines Spitznamens ließen mich umdrehen, das letzte Mal, als mich meine Mutter noch Benji genannt hatte, war vor meinem ersten Tagesausflug gewesen, als noch alles in Ordnung gewesen war.
„Ich liebe dich. Ich weiß, dass habe ich in den letzten Jahrzehnten vielleicht nicht so deutlich gemacht, aber es ist so. Mir ist wichtig, dass du glücklich bist, vor allem jetzt wo du frei bist. Niemand wird dir je sagen, was richtig und was falsch ist. Lebe dein Leben so wie du willst und wenn du es als Mensch unter den Menschen am Tag tust. So lange nur DU damit zufrieden und glücklich bist. Für mich wird nichts mehr so sein wie vorher und ich will mich nicht noch fünfzig, sechzig Jahre quälen, bis ich deinen Vater und deinen Bruder wieder sehen kann. Ich weiß wir verlangen viel von dir, aber ich weiß du bist stark. Du wirst damit zurecht kommen. Du wirst dieses Unglück überstehen, die Narben werden verheilen, bis du nicht mehr daran denken musst. Denn genau für diese Stärke liebe ich dich. Du gehst deinen Weg, ohne dich darum zu kümmern, ob andere es genauso sehen.“
Ich war gerührt, so hatte ich meine Mutter noch nie über mich reden hören, es tat gut zu hören, dass sie mich trotz allem liebte und ich verstand was sie sagen wollte, sie würde es auch ohne meine Hilfe versuchen. Und ich wollte dafür sorgen, dass sie nicht mehr leiden musste.
„Warum willst du gehen?“, fragte ich Jana, ich hatte gedacht, dass sie glücklich sei in ihrem Leben, an meiner Seite.
„Damit du endlich wieder frei sein kannst. Es gibt nichts mehr für mich, alles wurde bei diesem Brand zerstört und ich weiß was du alles für mich aufgegeben hast, aber das will ich nicht mehr. Du sollst glücklich sein und das kannst du nicht mit mir als deine Gefährtin. Ist schon gut. Du hast mein Leben fast vollkommen gemacht und ich bin froh, dass ich deine Gefährtin sein durfte, aber für dich war das nie das richtige. Ich liebe dich Benji!“ Jana trat auf mich zu und gab mir einen Kuss. Den ich sogar erwidern konnte. Er blieb sanft. Ich wusste sie redete über Michael, sie war also immer noch nicht über ihn hinweg, wie ich es gehofft hatte.
„Okay gut, aber ich tue es nur, damit ihr nicht auf die Idee kommt es selbst zu versuchen und ich nicht will, dass ihr leidet.“ Das waren die schwersten Worte, die ich je von mir gegeben hatte.

Noch in der selben Nacht tötete ich meine eigene Mutter und meine Gefährtin, ich legte ihre Leichen in der Ruine nieder, und sah zu wie auch sie zu Asche verbrannten, die vom Wind in den Wald hinein geweht wurde. Ich nahm mir vor, nie wieder beim Stamm zu leben, nie wieder in einem dunklen Hafen zu ziehen. Ich kehrte meiner Heimat den Rücken zu. Irgendwann brachte mich mein Weg in die neue Welt. Inzwischen war ich um die 360 Jahre alt, plus minus ein paar Jahre. Ich hatte nach dem Brand aufgehört zu zählen. Aber das was ich damals getan habe, war das schlimmst was ich je tun musste, es war mir so verdammt schwer gefallen. Meine Hand hatte gezittert, Tränen hatten meinen Blick verschwommen gemacht. Meine Mutter hatte gesagt ich würde darüber hinwegkommen. Aber sie hatte sich getäuscht. Den Brand hatte ich hinter mich gelassen, wie den Tod des dunklen Hafens, aber nicht das was ich danach getan habe. Noch immer konnte ich mich daran erinnern, als wäre es erst gestern gewesen. Noch immer lag die Schuld und der Schmerz tief auf meinen Schultern. Und das würde immer so bleiben.