Yami no Shiki

GeschichteThriller, Schmerz/Trost / P18
Akira Nano Rin Shiki
21.02.2016
28.03.2016
3
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┐Kapitel 1└



Yesterday I died, tomorrow’s bleeding.

Es war schwer zu heben, aber es war die Disziplin, die dem Jungen die Stärke gab, das Schwert aufrechtzuhalten. Sein Arm fühlte sich verspannt an, seine Finger verkrampften sich schmerzhaft und sein Herz raste wie wild gegen seine Brust. Seine Augen waren schon nah dran, auszutrocknen, so starr hielt er den Blick auf einen unsichtbaren Gegner.
„Menschen sind nichts weiter als Tiere, auch wenn sie sich selbst einen eigenen Namen gegeben haben“, sprach der Mann, der seitlich hinter dem Jungen verweilte. Er hatte beide Arme hinter seine Rücken verschränkt, brachte aber nun eine Hand vor, um seiner Predigt eine Geste beizufügen. „Immanuel Kant schon differenzierte Verstand und Vernunft. Die Basis unseres Handelns sind die Instinkte, und nur weil wir einen sogenannten Verstand entwickelt haben, heißt es noch lange nicht, dass wir anders sind. Wir könnten uns selbst mit unseren eigenen Vorstellungen täuschen.“

To know why, hope dies.

„Den Hund nannten wir Hund, nachdem wir den Wolf zu unserem Untertanen gemacht hatten. Die Katze erschufen wir, als wir einen Tiger zu zähnen versuchten. Die Schlange behielt nur diesen einen Namen, weil sie uns nich gehorchte.“ Der Mann trat vorwärts und legte seine Hand nun auf die Schulter des Jungen. „Alles, das wir wahrnehmen, wird nur zur Realität, wenn andere es auch so sehen. Eine Frau ist nur eine Frau, weil ihr Wesen selbst es eingesehen und unter Druck akzeptiert hat. Die Natur stellte einst ihre eigenen Regeln auf, die die Menschheit bald darauf ausnutzte und änderte.“ Der Mann zog seine Hand zurück und merkte, wie der Arm des Jungen unter dem Gewicht des langen Schwertes zitterte. Daraufhin baute er sich neben dem Kind auf und packte dessen rechtes Handgelenk mit uneingeschränkter Brutalität. Es war spürbar, wie die kleinen Handwurzelknochen sich unter dem Druck beugten und verschoben.

Suspended in a compromise.

Jegliche Kraft verließ die junge Hand und in der nächsten Sekunde glitt der raue Griff des Schwertes aus dessen kläglichen Griff. Mit grausam lauten Geräuschen krachte die Waffe auf den harten Steinboden. Das Herz des Jungen setzte kurz vor Schock aus, als es so aussah, als ob die Klinge etwas abbekommen hätte.
„Schwäche hat viele Gesichter, mein Sohn“, herrschte der Mann den Jungen von oben an. „Das Leben selbst ist schwach. Aber wenn du schwächer bist als jemand anderer, dann hast du gegen den Sinn deines eigenen Lebens verloren. Die Umwelt muss sich dir beugen, nicht umgekehrt.“

(And) Finding answers is forgetting all the questions we called home.

„Hast du verstanden?“
Als der Junge stumm nickte, ließ der Mann sein Handgelenk los. Sofort beugte sich der Junge hinab und hob das Schwert auf, ehe er es in die dunkle Scheide steckte. Ein Windzug begleitete ihn, als er sich wieder aufrichtete und kurz hinauf zu dem wolkenbedeckten Himmel blickte.
„Trainier und lerne weiter, morgen prüfe ich dich“, waren die letzten Worte des Mannes, bevor er sich abwandte und zurück ins Haus hineinging. Ein Donner ertönte und der Wind legte zu.

Passing the graves of the unknown.

Nach ein paar Stunden regnete es schon heftig vom Himmel hinab. Der Junge saß immer noch in dem offenen Hof, das Schwert vor sich auf seinen Knien. Die schwarzen Strähnen hingen desorientiert und schwer in seine müden, roten Augen, die Kleindung klebte, komplette durchnässt, an seinem schmalen Körper. Nur als eine bekannte Stimme sich hinter ihm meldete, schien er zu reagieren.
„Shiki, möchtest du etwas essen?“ Die Frau stand in dem Rahmen der Haustür, ihre magere Hand fest an die Türschnalle geklammert. Ihre sanfte Stimme wurde beinah von dem erbarmungslosen Regen aufgelöst. „Ich habe dir einen Fisch gekocht.“
Der Junge stand langsam auf, hielt das Schwert sicher in beiden Händen, wandte sich um und durchquerte den Hof. Als er eintrat, schloss die Frau die Tür und strich ein paar der tropfenden Strähnen aus seinem blassen Gesicht. „Sei bitte vorsichtig, sonst bekommst du wieder Fieber.“

As reason clouds my eyes, with splendor fading. Illusions of the sunlight.

„Darf ich in meinem Zimmer essen?“, fragte der Junge und sah auf zu der knochigen Gestalt vor ihm. Sie war in vielen Gewändern und Tüchern eingehüllt, ihre Augen viel zu stark geschminkt, ihre Lippen mit einer Farbe bestückt, die nicht zu ihr passte, und ihr Kopf bedeckt mit einem Turban. „Natürlich, Liebling.“ Unter ihren Augen weilten dunkle Ringe, ihre Wangen waren eingefallen und ihr Hals schien gräulich beschichtet. Sie trat mit dem Jungen in die Küche und händigte ihm eine kleine Schüssel mit Fischstücken, Reis und Gemüse. Als sie dann ihre Hand hob und mit ihren dünnen Finger durch die Haare des Jungen strich, glitt der Ärmel ihres zu großen Pullovers etwas hinab. Einzelne, tiefe Schnitten befanden sich unregelmäßig verteilt auf ihrem Unterarm. Der Junge spürte, wie die spitzen Plastiknägel der Frau gegen seine Kopfhaut kratzten. „Schlaf gut, Liebling.“
„Gute Nacht, Mutter.“ Der Junge drehte sich um und schritt durch den Korridor, hinauf in den ersten Stock und dort zum hinteren Teil des Flurs. Bevor er die hinterste Tür erreichen konnte, öffnete sich die neben ihm und ein jüngeres Kind trat hinaus. Es rannte beinah in den Jungen hinein, stoppte sich aber gerade noch so und sah auf. Dann lächelte es. „Nii-sama, du bist wieder da.“

And a reflection of a lie, will keep me waiting.

„Warum bist du noch auf?“
„Ich habe Hunger.“
„Hier.“ Der Junge händigte dem blonden Kind die Schüssel mit seinem Abendessen. „Geh nicht runter und schlaf gut, Rin.“
„Gute Nacht, Nii-sama!“ Glücklich ergriff der kleinere Bub die Schüssel mit beiden Händen und verschwand zurück in sein Zimmer. Der schwarzhaarige Junge richtete seinen Blick wieder vor sich und trat in sein eigenes Zimmer ein. Er drückte die Tür ins Schloss und drehte dann den Schlüssel um.
Das Schwert legte er vorsichtig auf sein Bett, ging ins Bad und duschte. Danach zog er sich frische, warme Kleidung an, setzte sich an seinen Schreibtisch und öffnete einige Bücher und Schriftrollen.

With love gone, for so long. And this day's ending.

Mitten in der Nacht hörte der Junge, wie eine Tür im Korridor aufgemacht wurde. Er hielt für eine Sekunde inne und horchte den dumpfen Schritten, die er sofort wiedererkannte. Er legte den Stift weg, verließ sein Zimmer und ertappte den blonden Buben dabei, wie dieser bei den großen Fenstern stand und hinauf zum klaren Himmel blickte. Er trat zu ihm und folgte seinem Blick. „Möchtest du schon wieder die Sterne deuten?“
„Ja“, nickte der Blonde eifrig. „Siehst du die acht Sterne da oben rechts?“ Er zeigte zum Himmel. „Die ergeben ein Büffel! Daneben ist ein Hund, das heißt, dass bald ein Kind in dieser Stadt zur Welt kommt!“ Er wollte gerade weiterreden, als von unten ein Krach ertönte.
Der schwarzhaarige Junge blickte zu der Treppe, dann hinab zu dem Jüngeren. „Geh in dein Zimmer, Rin.“
„Aber ich möchte bei dir bleiben.“

Is the proof of time killing, all the faith I know.

„Geh in dein Zimmer.“
Zwar schmollte der Bub, doch gehorchte dann. Der Schwarzhaarige wartete, bis es wieder ganz still war und folgte dann der Treppe hinunter ins Erdgeschoss. Weitere Geräusche kamen vom Wohnzimmer, zu dessen Torbogen sich der Schwarzhaarige stellte und um die Ecke lugte. Die magere Frau saß mit einer brennenden Kerze bei dem großen Tisch und hob gerade verschiedenfarbige Pillen vom Boden auf. Auf der Tischplatte sortierte sie sie, wählte ein paar aus und legte sie auf ihre Zunge. Danach trank sie das Glas Wasser neben sich aus und nahm tiefe Atemzüge. Sie öffnete den Turban auf ihrem Kopf und zog auch die Tücher von ihrem Hals und ihren Schultern. Ihre kahle Kopfhaut kam zum Vorschein, dazu einige Narben, die sich von den Schultern hinunter zu den Armen zogen. Die Frau erhob sich nun und räumte die restlichen Pillen in längliche Schachteln hinein, welche sie gleich darauffolgend in kleine Schubladen der Kästen in dem Raum verstaute.

Knowing that faith, is all I hold.

Die Frau legte sich auf die Couch, gähnte und schloss die Augen. Es dauerte nicht lange, bis sie weggetreten schien. Der Junge betrat den Raum mit leisen Schritten und lehnte sich über die Frau, bemerkte, dass sich ihre Atmung mehr gesenkt hatte, als es biologisch möglich ist. Er drückte zwei Finger gegen den Hals und spürte schwachen bis gar keinen Puls. Also drehte er die Frau auf ihren Rücken, faltete die Hände über ihrer rechten Brust und massierte mit regelmäßigen Stößen ihr Herz. Nach ein bis zwei Minuten riss die Frau die Augen auf und atmete schwer. Der Junge lehnte sich auf und starrte in ihre traurigen Augen, doch als sie ihn sah, lächelte sie ihn an. „Shiki, mein Kind. Was machst du um diese Uhrzeit noch auf?“
„Entschuldige, dass ich dich geweckt habe.“
„Schon gut. Alles in Ordnung?“
„Ja. Schlaf gut, Mutter.“
„Gute Nacht.“ Er wandte sich um und verließ das Wohnzimmer, musste aber stehenbleiben, als er den blonden Jungen vor sich hatte. „…Geh auf dein Zimmer, Rin, und schlaf.“
„Ich möchte bei dir bleiben…“, murmelte der Junge und klammerte sich an den Arm des Größeren. „Ich will nicht alleine sein.“
„Rin, geh bitte schlafen.“
„Aber, Nii-sama, ich kann nicht schlafen.“
„Dann versuche es weiter.“ Er entriss dem Kleineren sein Arm, packte ihn stattdessen bei der Schulter und zog ihn mit sich die Treppe hinauf. Dann brachte er ihn in sein Zimmer, zwang ihn auf das Bett und legte die Decke über ihn. „Schlaf, sonst verpasst du wieder das Frühstück.“
Die Augen des Blonden wässerten. „Shiki?“
„Ja?“
„Kann ich bei dir im Bett schlafen?“
„Nein.“
Einzelne Tränen kullerten die Wangen des Jüngeren hinab, doch der Schwarzhaarige wandte sich ab, verließ das Zimmer und schloss hinter sich die Tür. Er ging zurück in seinen eigenen Raum, schloss ab und schaltete das Licht aus. Danach legte er sich ins Bett und schloss die Augen.


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Lyrics: "Shattered" von Trading Yesterday ( http://www.azlyrics.com/lyrics/tradingyesterday/shattered.html ).
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