Spiegelträume

GeschichteAngst / P12
Delenn Lennier
20.02.2016
20.02.2016
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Disclaimer: Und nochmal, weils so schön ist: Babylon 5 gehört mir nicht, und ich will auch kein Geld mit meinen Fanfiktions verdienen, ich will einfach nur meine ,,Ergänzungen" loswerden



Spiegelträume





Warnung: Achtung, surreal, düster und verstörend am Ende, auch wenn ich noch keine genaueren Warnungen geben will, um nicht zu spoilern.



Musik: ,,Heavy In Your Arms“- Florence + The Machine







Die schüchterne, unsichere junge Frau stand hinter einem grauen Schleier. Er führte durch den ganzen Raum, und sah eher aus wie Licht, das Formen in die stauberfüllte Luft zeichnete,  wie das Licht in der Halle des grauen Rats. Die Frau sah zu Boden und verschränkte die Hände vor dem Körper. ,,Du kannst deinen Blick heben.“, sagte sie selbst. Die Frau schien sich sichtlich überwinden zu müssen. Dann begegnete sie Delenns Blick, und schon schnellten ihre Augen auch schon wieder weg. Sie atmete nervös aus und öffnete dabei den Mund in dieser spezifischen Weise, die sie nur von sich selbst kannte. Das war sie. Sie trug die weiße Robe ihrer Zeit als Accolyt, und ihr Gesicht wurde umrahmt von ihrem Knochenkranz, nicht auch noch von dunklen Haaren. Sie war noch nicht dieses fast schon wiedernatürliche Wesen, das keiner Spezies wirklich angehörte.

Ihr früheres Selbst kam auf sie zu, und lächelte schüchtern. Als es den Blick auf sie richtete, flatterte er wieder zu Boden, als würde sie es beschmutzen, etwas so Übernatürliches anzusehen. Oder solch eine Perversität.

Sie spürte eine Präsenz neben sich. Ihr bester Freund, ihr ehemaliger Attache stand ihrem früheren Ich hinter dem Schleier genau gegenüber. Er musterte sie, und die Frau hinter dem Schleier musterte ihn. Dann erkannte er sie, und seine blauen Augen wurden weit. Sie, wie sie einmal gewesen war, riss ebenfalls die Augen auf. Sie machte die gleichen Bewegungen wie er, als wäre dieser Schleier ein Spiegel. Er betrachtete die Frau hinter dem Spiegel erstaunt. Für einen Moment wirkte er so neugierig und unschuldig, ganz wie in seinem ersten Jahr als ihr Assistent. Doch dann drehte er sich zu ihr um, und sein Blick war wieder so gebrochen wie immer. Warum nur hatte sie diesen armen, unschuldigen Jungen mit in die Dunkelheit gezogen? Er hatte das nicht verdient.

Er drehte sich zu ihr um, und das Spiegelbild hinter dem Schleier tat die selbe Bewegung, nur in die entgegengesetzte Richtung. Seine schmalen Lippen bildeten ein scheues Lächeln, und er schien wieder fast glücklich. Bis sie die Hoffnungslosigkeit hinter allem bemerkte.

,,Er kennt sie nicht, oder?“, sagte er und deutete auf sein Spiegelbild hinter dem Schleier.

,,Nein.“

,,Du hast sie ihm nie vorgestellt.“

,,Und er darf sie auch niemals kennenlernen. Unter keinen Umständen.“

Er nickte, und sein Lächeln schien jetzt traurig. Sie wusste, was er dachte, aber aus Respekt zu ihr nicht aussprechen konnte. Wie konnte es sein, dass ihr Gefährte sie nicht kannte? Aber Verständnis war nicht notwendig. Und so schwieg er.

,,Ich kenne sie.“, sagte er schließlich, und sah sie so an wie damals, noch kurz nach ihrer Transformation, als er als einziger noch zu ihr stand. Ich werde immer an deiner Seite bleiben. Seine Nähe war beruhigend, irgendwie tröstlich.

,,Mayan kannte sie, Neroon kannte sie, Jeff und der alte Graue Rat ebenfalls. Aber du bist die einzige Person, die jetzt noch übrig ist.“

Er nickte, und hob tröstend den Arm. Doch kurz bevor er sie berührte, lies er die Hand wieder sinken, weil er sie zu sehr respektierte, um sie einfach so anzufassen.

Sie standen jetzt so nah beieinander, dass sich ihre Roben streiften.

,,Er würde das hier nicht verstehen.“, sagte er, und sie nickte nur.

,,Danke.“, sie legte die Hand auf seinen Oberarm. Sein Lächeln zuckte, und sein Genuss selbst über diese kleine Berührung war nur einen Moment sichtbar, dann hatte er den Gesichtsausdruck wieder vertrieben. ,,Es tut mir leid, Lennier.“

Er sah zu Boden, und wirkte wieder so unendlich verloren.

Sie hob die Hand, zeichnete erst die Form seines rechten Wangenknochens nach, dann links, und dann eine grade Line von der Kehle bis zum Kinn. Er blickte sie einfach nur an, sein Blick leicht verträumt und irgendwie weit entfernt. Wie ergeben diese schmalen Lippen immer noch waren.

Sie beugte sich vor und küsste ihn. Ihre Lippen trafen sich erst sacht und zögerlich, dann presste sie ihren Mund härter auf den seinen, und er lehnte den Kopf leicht zurück und gab sich ihr vollends hin. Sein Körper war leicht angespannt und doch völlig ihr ergeben, er schmiegte sich an sie, als sie ihn näher zu sich zog. Seine Finger berührten zitternd ihren Hals, die andere Hand fuhr vorsichtig durch eine ihrer Strähnen. Sie staunte darüber, wie zart und weich sich seine langen Finger anfühlten, trotz allem, was er hatte durchmachen müssen.

Sie hielt ihn fest am Rücken, lies schließlich ihre Finger nach oben über seinen Nacken gleiten. Sie spürte die Hubbel seiner Wirbelsäule und die schlanke, feste Muskulatur unter der Haut, und dann die Rillen von Knochen.

Er schauderte.

Wie fremd das hier für sie inzwischen geworden war. Wie lange hatte sie das hier schon nicht mehr mit einem ihrer Spezies gehabt? Wie lange waren die Jahre mit ihren Minbari-Gefährten schon her?

Die warmen Rillen seines Knochenkranzes fühlten sich so außerirdisch und fremd an. Selbst sein Geruch kam ihr fremd vor, kühl und trocken, wie die Nadelwälder nah ihrer Heimatstadt, vermischt mit einer Unternote von warmen Wachs,  nicht mehr der würzige, leicht säuerliche Geruch eines Menschen. Wie konnte es sein, dass ihr ihre eigene Spezies so fremd vorkam?

Doch er war auch anders als  ihre früheren Gefährten, selbst Accolon, klein und so passiv. Sein Körper war weich, mit dünnen Muskeln die unter jeder ihrer Berührungen erschauerten. Vor jeder noch so winzigen Reaktion zögerte er kurz, seine Bewegungen waren unglaublich vorsichtig und zart, aber nicht so, als würde er sie für zerbrechlich halten, nein, das würde er niemals. Er kannte schließlich sie. Seine Finger berührten ihren Hals als würde er eine Heiligenfigur anbeten.

Trotzdem bewegte er sich kontrolliert und geschmeidig, sein Körper war dratig durch das Kampftraining. Sie wusste, wie zäh er sein konnte, wenn er musste. Dennoch kam er ihr so fragil vor, so zerbrechlich.

Es fühlte sich nicht an, wie wirklich jemanden zu küssen, es war viel intimer und tiefer und weniger körperlich. Eher als wären sie nur ein einziges Wesen, und trennten sich jetzt langsam. Für einen Moment schien alles gut, sie sah nicht die Frau hinter dem Schleier, nicht die Dunkelheit, nicht die Leere um sie herum.

Sie wusste nicht, wo das Messer herkam. Es war ihr Ritualmesser, kühl und kristallen und vertraut, mit dem Zeichen des zehnten Tempels von Eleya auf dem Griff.

Sie rammte es ihm in die Brust, zwischen den Rippen durch, bis zum Schaft in sein Fleisch.

Er stolperte einen Schritt zurück, starrte sie an. Seine blauen Augen waren weit aufgerissen, aber immer noch so schrecklich voller Liebe.

Es machte sie wütend. Wie konnte er sie immer noch lieben? Wie konnte er ihr immer noch so hingegeben sein, wenn sie ihm grade das Messer in die Brust gestoßen hatte?

Er griff nach ihrer Hand, und für einen Moment hielt sie ihn, dann entglitt ihr sein Griff. Hinter dem Schleier griff die junge Frau in dem weißen Gewand ins Leere, stürzte ebenfalls, als ihr niemand helfen konnte. Irgendwie schaffte sie es, noch taumelnd stehen zu bleiben. Ihr Blut zeichnete rote Flecken auf ihr Gewand. Blut tropfte aus seinem Mund und über sein Kinn, ströhmte zwischen seinen Fingern durch und besprenkelte den Boden. Blut klebte an ihren Händen.

,,Ich wusste es.“, er weinte. Wie oft hatte er wegen ihr geweint? Aber jetzt würde es wenigstens vorbei sein, er würde endlich nicht mehr leiden müssen, und vielleicht wäre sein nächstes Leben glücklicher als dieses. Der Gedanke tat weh, so unglaublich weh, als wäre all das Blut von ihr. ,,Aber für was hätte ich sonst noch hoffen sollen. Es gibt keine größere Ehre als das Leben für eine große Seele zu geben. Auch wenn… ich es lieber gegeben hätte ohne deine Ehre so sehr zu beschmutzen.“

Sie versuchte nicht, ihm zu helfen, sie stand einfach nur da, sah zu, wie sein Blick ihren suchte, schmerzverzerrt, gebrochen, mit dem stummen Wunsch darin, ihn nicht allein zu lassen. Und so lies sie seinen Blick nicht los. ,,Delenn…“ Bis er nur noch ein leeres starren war, und ihr Begleiter, Gefährte, engster Freund nur noch eine Ansammlung an Kohlenstoffatomen und organischen Molekülen.

,,Du musstest es tun.“, sagte die junge Frau. Auch ihre Lippen waren benetzt von Blut, doch ihre Stimme klang völlig ruhig und sicher.

Erst jetzt sah sie, dass neben ihr hinter dem Schleier zwei Schädel lagen. Einer menschlich, Ganya Ivanov stand über seiner Stirn. Der andere war Minbari, und die Schrift verwischte unter ihrem Blick, formte ständig neue Wörter. Venkat von Mir, ihr Vater. Morison. Tellar. Neroon.

Sie starrte fassungslos auf das Blut auf ihren Händen. Auf ihren armen besten Freund, reglos auf dem Rücken liegend, vor ihr auf dem Boden. Es schien viel zu viel Blut für so einen kleinen Stich, und die Wunde sah eher aus wie ein Plasmagewehrschuss. Eine andere Verletzung zog sich über seinen Kopf, ein offener Bruch.

,,Nein!“, schrie sie, als könnte sie das Universum noch dazu bewegen, alles rückgängig zu machen, ,,Ich kann nicht überleben. Ich kann nicht ohne dich überleben.“, sie wusste nicht, ob sie zu Lennier sprach oder zu seinem Spiegelbild oder zu beiden, ,,Ich kann nicht… ohne dich…“

,,Du musstest es tun.“, sagte die Frau hinter dem Spiegel. Sie lag reglos da, doch ihre Lippen bewegten sich noch, ,,Entweder er, oder du.“

Sie erwachte mit tränennassem Gesicht. Noch halb im Schrecken des Traums gefangen fasste sie an ihren Kopf, unglaublich erleichtert, zwischen ihren Haaren noch den Knochenkranz zu spüren.

Ihr Herz tat weh, als hätte sie grade einen Teil ihrer selbst verloren, und sie konnte nicht aufhören zu weinen. Immer noch sah sie das Gesicht ihres armen, treuen, so tapferen besten Freundes vor sich. Seine Hoffnungslosigkeit. Diese Verlorenheit in seinen Augen. Und sie wurde sich wieder der Leere in ihrem Herzen bewusst, wo er hätte seinen sollen, die Leere, die sie schon gar nicht mehr spürte, weil sie so allgegenwärtig war, weil sie sich so sehr daran gewöhnt hatte, grade wie es immer bei den vielen Freunden, Personen, die sie geliebt hatte war, die sie verloren hatte, war.

Sie stand auf und wusste, dass sie mit niemandem darüber würde reden können. Susan war fort, Mila Shar war auf ihrem Heimatplanet, seit dem Bürgerkrieg hasste Mayan sie… Und ihr Mann…  Lennier hatte Recht, er würde es nicht verstehen. Sie ging zum Cyberport und nahm eine Nachricht für ihren alten Freund Lennan auf, weil sie das viel zu lange nicht mehr gemacht hatte. Dann orderte sie einen Bodyguard zu sich und ging in den Straßen von Tuzandor spazieren, betrachtete die blaublättrigen Bäume und die kristallenen Gebäude und roch den kalten Wind ihrer Heimat.



















A/N: Oh man, ich hoffe, dieser Traum wirkt tatsächlich genauso tragisch, verworren und faszinierend, wie mir die Idee erschien, und nicht einfach nur völlig abgefahren…



Ach verdammt, nach dem, was ihnen der Canon angetan hat, hätten diese zwei wirklich eine schön positive, glückerfüllte Geschichte verdient. Das hier ist entstanden, als ich über meine eigenen Träume nachdachte, und auch ein paar so umschrieb, dass sie in meine Geschichten passen könnten – dieser ist allerdings frei ausgedacht. Es spielt einige Jahre nach ,,Objects at Rest“, und eventuell verarbeitet Delenn mit diesem Traum ja auch den Tod ihres besten Freundes bei der Explosion des Psi-Corps-Hauptquartiers. Wobei ich immer noch hoffe, dass dieser Teil des Traums nur symbolisch war und er doch noch lebt, und dass die beiden nach Captain Gary Stues Tod ein glückliches Ende haben. Weder Lennier noch Delenn haben meiner Meinung nach das Ende verdient, das der Canon ihnen gegeben hat.



Ich habe die Geschichte überarbeitet und neu hoch geladen, bin mir allerdings nicht sicher, ob sie so auch tatsächlich besser ist. Der Teil, in dem Lennier noch etwas sagt, und Delenns panisches Rufen am Ende sind neu, würde die Geschichte besser ohne das funktionieren oder nicht?
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