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Miranda

von Balphemor
GeschichteFantasy, Horror / P16 / Gen
18.02.2016
18.02.2016
1
2.192
 
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Seit knapp einem Tag war die kleine Gruppe nun auf der Straße von Greifenfurt nach Süden unterwegs und allmählich stellte sich eine allgemeine Erschöpfung unter den Gefährten ein. Selbst der zwergische Geode, Muriflax, der sich sonst nie beschwerte, konnte eine gewisse Müdigkeit nicht verbergen. Als dann in den Abendstunden zu der zunehmenden Knappheit an Licht auch noch ein Überfluss an Wasser hinzukam, war man sich einig, dass es notwendig war, einen trockenen Schlafplatz zu finden. Doch der letzte Wald, in dem man trocken hätte rasten können, lag bereits eine gute Strecke hinter ihnen, tatsächlich umgab die Gemeinschaft in weitem Umkreis nichts als flaches Grün und sumpfiges Braun, wobei der Anteil des ersteren zugunsten des zweiteren zusehends schrumpfte. Sich murrend und gegen Efferd wetternd, bereits auf eine Nacht in Schlamm und Kälte einrichtend, watete die dreiköpfige Gruppe an den Rand der Straße und machte sich daran, eine notdürftige Unterkunft zu errichten. Doch mochte Efferd auch zornig sein in dieser Nacht, Travia war es nicht. Die scharfen Augen des Söldners erspähten eine Lichtquelle, nicht weit die Straße hinunter. Ein Gasthaus! Erleichterung machte sich breit und eilends brachte man das letzte Stück Weg durch den strömenden Regen hinter sich. Das Schild, das über der Eingangstür im Wind hin und her schwankte, hieß die Gäste wenig einladend im „Dreckigen Löffel“ willkommen.
Der Schankraum war erfüllt von einer Mischung aus Pfeifenqualm, leisem Gemurmel an den Tischen und dem unverkennbaren Geruch ungewaschener Reisender.
An wenigen Tischen saßen  ein paar vermummte Gestalten die sich, tief über ihre Bierkrüge gebeugt, flüsternd unterhielten.  Insgesamt war die Stimmung eher gedrückt und sowohl das Mobiliar als auch die Theke machten den Eindruck, vor langer zeit einmal bessere Tage gesehen zu haben. Allerdings prasselte ein prächtiges Feuer fröhlich im Kamin und spendete angenehme Wärme. Die Reisegruppe trat geschlossen, und – wie stets in Wirtshäusern – angeführt von dem noch recht jungen Söldner Marius an den Tresen und konnte so die Wirtin der Schankstube ausmachen. Tatsächlich war sie so unscheinbar, dass sie auch ebenso gut Teil der Einrichtung hätte sein können. Klein, blass und sehr hager machte die Wirtin den Eindruck als könnte sie sich kaum selbstständig noch auf den Beinen halten. Dennoch reagierte sie prompt auf die etwas zögerlichen Bestellungen der tropfnassen Neuankömmlinge. Mechanisch trug sie die Bierkrüge und Schalen voller Eintopf zur Theke und stellte sie vor den Gästen ab. Diese hatten jedoch noch keinen Bissen davon zu sich genommen, als die Gastwirtin in einem jähen Weinkrampf zusammenbrach. „Mein Sohn, ach mein armer, armer Sohn“ wimmerte sie, verbarg ihr Gesicht in den Händen und wippte schluchzend vor und zurück. Die Krüge halb erhoben starrten die drei Freunde ziemlich verdattert auf die kleine Frau, die vornüber gesackt auf dem Tresen lag, ihr ganzer Körper wurde von Weinkrämpfen regelrecht geschüttelt. „Gute Frau“ erbarmte sich schließlich die Rondra-Geweihte und berührte sie sanft an der Schulter. „Was ist denn mit eurem Sohn geschehen? Erzählt doch, vielleicht können wir ja helfen. Von dem Schreck erholt und von dem bedauernswerten Zustand der Weinenden offenbar nicht sehr betroffen, begann der Zwerg damit, genüsslich die Essschalen seiner Begleiter zu plündern, während diese versuchten, die Wirtin zum Sprechen zu ermutigen. Nach längerem gutem Zureden und einem kräftigen Schluck aus dem hilfreich dargebotenen Humpen des Söldners hatte sich die Wirtin, die im Übrigen Miranda hieß, so weit beruhigt, dass sie hicksend zu erklären anfing.

„Mein Sohn..Ioan..erst vor drei Wochen ist er von einer Reise in die Schattenlande zurückgekehrt und seitdem ist er entsetzlich krank“ schniefte sie. „Niemand kann ihn heilen oder weiß, was er eigentlich hat. Ich bin völlig verzweifelt, ich…ich wünschte einfach es gäbe irgendetwas, dass ich tun könnte, damit er endlich wieder lächeln kann“
Die Rondra-Geweihte in der Gruppe erbot sich, aufgrund ihrer durchaus beachtlichen Erfahrung im Umgang mit Verletzungen und Krankheiten, nach dem Kranken zu sehen. „Das..das würdet ihr für mich tun? Oh tausend Dank, möge Travia  euch segnen!“ seufzte Miranda erleichtert. „Er liegt oben im zweiten Zimmer auf der rechten Seite.“
Die Geweihte, Phiora mit Namen, machte sich sogleich auf den Weg die Stufen hinauf und verschwand.
Bereits nach wenigen Minuten – Miranda hatte sich mittlerweile beruhigt und erwartete sehnsüchtig die Meinung ihrer Hoffnungsträgerin. Die setzte sich zunächst merkwürdig ruhig auf ihren Platz und trank ihr Bier in einem Zug leer.
„Nun?“ erkundigte sich Muriflax einigermaßen teilnahmslos und nahm ebenfalls einen tiefen Schluck aus seinem Becher. Phiora wirkte immer noch etwas geschockt, würgte aber schließlich „Dunglumspest“ hervor. Die Teilnahmslosigkeit von Muriflax wurde von jähem Schrecken abgelöst, als er diese Diagnose hörte und er verschluckte sich gehörig an seinem Bier. „Was?“ hustete er „Dunglumspest? In dieser Gegend? Bist du noch ganz dicht mich mit solchem Unsinn zu erschrecken?!“ Marius blickte ebenfalls skeptisch. „Bist du dir absolut sicher? Immerhin warst du nicht allzu lange da oben und sehr hell ist es auch nicht mehr…“
„Ich weiß, was ich gesehen habe!“ blaffte Phiora einigermaßen beleidigt, als ihre diagnostischen Fähigkeiten derart in Frage gestellt wurden. „Geht und überzeugt euch selbst, wenn ihr mir nicht glaubt. Allein der Geruch ist schon charakteristisch.“
Daraufhin machte sich betroffene Stille am Tisch breit. Wenn die Diagnose stimmte, dann wussten alle in der Runde, was das für den Kranken bedeutete. Alle bis auf eine.
„Was denn?“ wollte Miranda wissen, die blinzelnd von einem zum anderen blickte. „Könnt ihr ihm helfen? Was ist Dunglumspest? So sag doch endlich jemand etwas!“
Die drei Gefährten mieden ihren Blick, stocherten in ihren Eintöpfen oder warfen bedauernde Blicke in ihre mittlerweile leeren Becher.
„Eurer Sohn ist nicht zu retten, gute Frau“, murmelte Muriflax in seinen Bart. „Wenn Phiora mit ihrer Einschätzung recht hat, und das hat sie meistens, dann leidet euer Sohn bereits mehrere Wochen an einer Krankheit, die durch Dämonen übertragen wird und nur sehr schwer zu heilen ist. Wenn die Behandlung nicht sofort nach der Infektion angesetzt wird, kann man wenig mehr für die Betroffenen tun, als beten. Es tut mir Leid“. Die Hoffnung, die  sich zaghaft in Mirandas Augen gestohlen hatte, verlosch schlagartig. Hilfesuchend blickte sie vom einen zum Anderen, verzweifelt nach einer anderen Meinung suchend, doch keiner tat ihr den Gefallen und widersprach. Die Hände vors Gesicht schlagend, stolperte sie in den Bereich hinter der Theke und war schnell verschwunden. Die Gruppe blieb sitzen, auch sie mussten den Vorfall erst einmal verdauen.

Nach ein paar Minuten meldete sich Marius zu Wort. „Sollten wir nicht…naja.. die Leute warnen?“ fragte er etwas verunsichert.
„Unser gesamtes Gespräch konnte man im gesamten Raum hören und keine Sau hat reagiert. Offenbar beeindruckt es hier niemanden, dass oben ein totkranker mit einer höchst ansteckenden Krankheit liegt.“ Stellte Phiora resigniert fest. „Ich für meinen Teil werde die Nacht jedenfalls lieber durchnässt im Wald verbringen und mir eine Erkältung einfangen, als hier zu schlafen und weit schlimmeres befürchten zu müssen.“ Ihre männlichen Begleiter gaben ihr murmelnd recht, Muriflax fluchte leise in seinen Bart, als er das Geld für die Mahlzeit auf den Tresen warf und hinter seinen Kameraden her stapfte.
Das Trio hatte die Tür des Wirtshauses noch nicht ganz erreicht, da richtete sich plötzlich einer der vermummten anderen Gäste auf und hielt Marius am Arm zurück. „Wartet Fremde. Bleibt noch einen Moment und hört mir zu“ Die Stimme kam knarrend und heiser unter der Kapuze hervor. „Lass gut sein, alter Mann.“ Wehrte der ergriffene ab und versuchte den Griff den Fremden abzuschütteln. „Wir sind müde und werden die Nacht sicherlich nicht hier verbringen.“ Der Fremde ließ seinen Arm nicht los. „Wollt ihr denn nicht wissen, was in diesem Gasthaus vor sich geht?“ Man konnte hören, dass er grinste. „Interessiert es euch gar nicht herauszufinden, warum Miranda die einzige ist, die von der Nachricht, dass ihr Sohn an Dunglumspest erkrankt ist, tatsächlich überrascht ist?“ Jetzt zögerte Marius. Das machte ihn neugierig. „Setzt euch und ich werde euch berichten, was die Leute sich erzählen.“ Sagte der Fremde und ließ Marius‘ Hand los. Marius nahm ihm gegenüber Platz, Phiora setzte sich ihm zur Linken. Muriflax murmelte etwas von „Unsinn“ und „Zeitverschwendung“ und verließ murrend die Herberge.
„Dann schießt los, aber beeilt euch. Wie bereits angedeutet sind wir müde und wollen hier nicht länger bleiben als unbedingt nötig.“
Der vermummte Mann lehnte sich zurück, sodass die flackernde Kerze auf dem Tisch zwischen ihnen ihn nicht mehr erreichte und er zu einer Silhouette in dem düsteren Zimmer wurde.
„Vor nunmehr fast zehn Jahren kehrte Ioan, Mirandas Sohn, tatsächlich von einer Expedition aus den Schattenlanden zurück.“ Hob er an.
„Unmöglich“, warf Phiora umgehend ein. „Kein Mensch überlebt zehn Jahre lang die Dunglumspest!“
„Wollt ihr die Geschichte nun hören oder nicht?“ schnarrte der Fremde gereizt. Marius legte Phiora eine Hand auf den Arm um ihr zu verstehen zu geben, dass er die Geschichte durchaus hören wollte. Sie seufzte hörbar und schwieg.
„Natürlich habt ihr Recht“ , fuhr die knurrige Stimme fort. „Niemand kann die Dämonenfäule lange überleben. Und so kam es, dass Ioan nach mehreren qualvollen Wochen starb. Seine Mutter pflegte ihn und versuchte alles, um sein Leben zu retten, sie betete zu den Göttern und flehte um ihre Hilfe. Letztendlich musste sie mit ansehen, wie ihr Sohn seinen letzten Atem aushauchte. Der Schmerz und die Trauer überwältigten Miranda und sie verfluchte die Götter, schrie am Totenbett ihres Sohnes ihren Hass und ihre Wut auf die gnadenlosen Götter hinaus. In eben dieser Nacht geschah es, dass eine sanfte Stimme in Mirandas Träumen zu ihr sprach und ihr eröffnete, dass es noch Hoffnung gäbe und dass sie ihren Sohn noch retten könnte. Miranda klammerte sich verzweifelt an diese Behauptung und war bereit, alles zu tun, um ihren geliebten Sohn zurückzubekommen. Die Stimme trug ihr auf, die Krankheit, die ihren Sohn dahingerafft hatte, in ihrem ganzen Dorf zu verbreiten und ihr zu Ehren die Erkrankten zu opfern. Blind vor Trauer und wahnsinnig vor innerem Schmerz tat Miranda, wie geheißen. Als jedoch um sie herum nach und nach das gesamte Dorf, ihre Nachbarn, Freunde, schließlich sogar ihr eigener Gemahl langsam und qualvoll zu Grunde gingen, verlor Miranda den Verstand. Ihr Körper blieb von der Krankheit seltsamerweise verschont, ihr Geist jedoch  nahm nachhaltigen Schaden. Ein Teil von ihr ertrug das Grauen um sie herum nicht länger und wollte, dass es aufhört, ein anderer war fest dazu entschlossen, ihren Sohn von den Toten zurückzuholen. Ihr Verstand spaltete sich und der friedliche Teil zog sich verängstigt tief in ihr Innerstes zurück, verdrängte alles Geschehen um sich herum und weigerte sich, seine Taten einzugestehen, während der andere die Kontrolle übernahm und mit grausamer Entschlossenheit die verlangten Opfer erbrachte. Als ihr entsetzliches Werk vollendet war und sie von Blut und Erbrochenem bedeckt an der Schlafstatt ihres Kindes zusammenbrach, geschah das ersehnte Wunder: Ioan begann wieder zu atmen, er lebte wirklich wieder! Für einen Augenblick war die gepeinigte Frau überglücklich und der gezahlte Preis schien ihr mehr als angemessen für das, was sie nun endlich erhalten hatte! Aber Miranda war betrogen worden. Ihr Sohn lebte wieder, ja. Aber er war immer noch an der Dämonenfäule erkrankt, nach wie vor verloren. Die Stimme hatte Wort gehalten: ihr Sohn war wieder lebendig und es gab erneut eine Chance, ihn zu retten. Um ihn am Leben zu erhalten forderte die leise Stimme fortwährend neue Opfer, machte ihr aber auch ein neues Geschenk. Das gesamte Dorf mitsamt den Zeugnissen von Mirandas furchtbarer Tat verbrannte restlos, selbst die Steine der Grundmauern fingen Feuer und schmolzen in den dämonischen Flammen. Von der kleinen Siedlung blieb nichts erhalten außer Mirandas Gasthof, auf den nicht ein Funke übersprang. Seitdem lebt Miranda hier völlig allein mit sich selbst und ihrem sterbenden Sohn. Gäste, die leichtsinnig genug sind, hier einzukehren, werden auf unerklärliche Weise schwer krank und sind zu schwach, um weiter zu ziehen. Auf makabre Weise kommt Miranda hier ihr Persönlichkeitsspaltung zu Gute: die friedfertige und ängstliche Miranda empfängt die Gäste und bittet sie um Hilfe bei ihrem Sohn. Können sie ihr aber nicht helfen, übernimmt die andere und steckt die Reisenden in der Nacht mit der fatalen Seuche an.  Angeblich mischt sie nicht selten den Gästen winzige Mengen ins Essen oder die Getränke. den Natürlich machen sie das nicht bei jedem Ahnungslosen, der sich hierher verirrt. Schließlich soll sich der Glaube an diese bloße Legende halten. Aber hin und wieder…“
Der Mann lehnte sich vor, um einen Schluck aus seinem Humpen zu nehmen. In dieser kurzen Pause des Erzählens fielen Marius zwei Dinge auf. Zum einen hatte er fast während der ganzen Erzählung die Luft angehalten und musste nun nach Luft schnappen. Zum anderen war es im Zuge der Geschichte immer stiller in dem Schankraum geworden, als würden plötzlich alle Anwesenden gebannt dem Fremden lauschen.
„Nette Geschichte“ , spottete Phiora unbeeindruckt. „Aber jetzt gehe ich ins Bett. Wenn ich eine Gruselgeschichte vor dem Schlafengehen hätte hören wollen, hätte ich darum gebeten.“
Sie sprang auf und zog den protestierenden Marius mit sich zur Tür hinaus.
Der Erzähler lehnte sich mit seinem Krug in der Hand zurück, seine Kapuze verrutschte, als er vom Tisch aufstand. „Träumt süß, meine Freunde“ murmelte er und sein Grinsen wurde von einer gespaltenen Zunge durchbrochen, die flatternd zwischen den dünnen Lippen vorschnellte. „Ich hoffe, das Essen war nach eurem Geschmack“.
Er schnippte einmal mit den Fingern und mit einem Male stand er ganz allein in dem stillen Gasthaus.
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