Schnittige Rache

von YukikoCM
GeschichteKrimi, Angst / P16
16.02.2016
17.02.2019
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Nach einer gefühlten Ewigkeit erwachte Reid erneut. Die Situation, in der er sich wiederfand, war unverändert. Die Fesseln begannen ihm so langsam die Gelenke aufzuschneiden. Wie lange wollte der Täter dieses Spiel noch vorantreiben? Was hatte die Pläne des Täters so sehr durcheinanderbringen können?

     Kaum stellte er sich diese Fragen, erschien die Schattengestalt wie aus dem Nichts an seiner Seite. Nicht auf dem Bildschirm ihm gegenüber. Hinter Reid gab es also eine Tür. In der Hand des vermummten Mannes blitzte ein Metallgegenstand – ein langes einschneidiges Messer.

     „Finale! Mach dich bereit endlich dem Tod zu begegnen.“, hörte Reid die Stimme. Er konnte noch immer kein Gesicht erkennen. Der Mann trug schwarz und verhüllte seinen Kopf. Reid versuchte sich auf seine Stimme zu konzentrieren, aber es wollte ihm nicht einfallen. Sie kam ihm auf irgendeine Art und Weise vertraut vor.

     Ein Tisch wurde in seine Nähe geschoben. Darauf standen eine kleine Flasche mit einer klaren Flüssigkeit, eine Spritze und daneben noch ein Ledergürtel. „Diese Gegenstände scheinen dir bekannt vorzukommen. Ich erlaube dir, mit dem Dilaudid noch einen letzten Moment länger vor der Realität zu fliehen. Genieße die Erinnerungen, solange du kannst.“, vernahm Reid.

     Kurz darauf spürte er einen kurzen Stich in der Armbeuge. Das Mittel breitete sich schnell und unangenehm vertraut in seinen Adern aus und führte ihn durch die verschiedene Erinnerungen an die Menschen, die er über alles liebte. Seine Eltern, das Team, JJ und Henry, Gideon und zuletzt Maeve. Seine geliebte Maeve rief nach ihm. Er wollte ihr schon in den Glanz folgen, der sie beide umgab, als die Schmerzen von Stichen ihn in die Gegenwart zurückholten.

     Der Täter stach langsam und behutsam, wenn man es so bezeichnen wollte, mit dem Messer auf ihn ein. Er sah an sich herunter. Blut lief aus vielen kleinen Wunden in einer Pfütze unter dem Stuhl zusammen. Pfütze, es hatte sich sogar schon eher ein kleiner See gebildet. Bei der Menge Blut stach der Täter schon eine Weile deutlich schwächer auf seinen gefesselten Körper ein ohne das Reid alle wahrgenommen hatte. Das Dilaudid zeigte seine gewohnte Wirkung auf seinen Organismus und führte ihn fort von seiner realen Situation.

     „Wieder im Lande der Lebenden. Ich wusste nicht genau, wie gut du noch auf deine Lieblingsdroge reagieren würdest. Schließlich bist du seit mehreren Jahren von ihrer Anziehungskraft befreit. Aber es war ein kalkulierbares Risiko. Schön, dann kommen wir jetzt endgültig zum finalen Schnitt. Diesmal gelingt es dir nicht zu überleben. Es gibt keine Kugel, die du abwehren könntest. Zwei Millimeter retteten vor knapp zwei Jahren dein erbärmliches Leben. Nicht in diesem Endspiel! Nicht hier und heute!“

     Das Messer sauste surrend durch die Luft. Reid wusste, dass sein Ende gekommen war. Jetzt würde jede Hilfe zu spät kommen. Die Waffe begann langsam und qualvoll die alte Narbe über der rechten Halsschlagader zu öffnen. Sie war ein Überbleibsel eines Falles, den sie in Briscoe County, Texas aufklären konnten. Dort war er angeschossen worden, um eine Kollegin zu schützen. Er wäre um ein Haar gestorben. Die Kugel verfehlte seine Halsschlagader nur um besagte zwei Millimeter. Es war sehr knapp gewesen und doch hätte er die Entscheidung niemals anders getroffen.

     Wach bleiben! Er wollte dem Täter nicht die Genugtuung geben, in Ohnmacht zu fallen. Wenn er sterben würde, dann ohne den Angreifer seine Angst zu zeigen.

     Das Messer stoppte plötzlich in der schwungvoll ausgeführten Bewegung. Ferne Stimmen weckten das Interesse des Mannes vor ihm und lenkten ihn ab. Sein Stuhl wurde mit einem weiteren kräftigen Schwung herumgedreht, wobei er jetzt das kalte Metall am Hals spüren konnte. Verschwommen nahm Reid Personen wahr, die in den Raum gestürmt kamen.

     Ein ohrenbetäubender Knall ertönte wenige Minuten, nachdem die Personen in seinem Blickfeld stehen geblieben waren, und das Messer fiel klirrend neben ihm zu Boden. Ein dumpfer Laut war hinter ihm zu hören. Ein Körper war zu Boden gestürzt. Die menschlichen Gestalten kamen auf Reid zu. Er sah nun in die Gesichter von Morgan und JJ. Ihre Stimmen nahm er jedoch schon nicht mehr wahr, als ihn doch die bereits drohende Ohnmacht zu übermannen begann. Das allerletzte was er deutlich spüren konnte, war die zärtliche Berührung einer Hand auf seiner Wange und eine zweite strich ihm sanft durch seine Haare.

     War das möglicherweise Maeves zarte Hand, die ihn endlich abholen kam? Sie war zu ihm zurück gekehrt. Nur zu ihm. Jetzt würde er mit ihr gehen. Er war bereit bei ihr zu bleiben und einen Neuanfang zu wagen. An ihrer Seite würde er sicher für immer glücklich sein und nichts mehr bereuen müssen.
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