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In den Straßen von Mumenstadt

von No Cookie
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P12 / Gen
15.02.2016
23.02.2016
8
12.889
2
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Das Schrecksenviertel

Mitten in der Dunkelheit stand ich vor dem alten Tor, über dem das verwitterte Schild hing. Die Schrift war längst ausgeblichen, doch ich wusste, genau so wie alle Bewohner der Stadt, was darauf geschrieben stand. Eine Warnung vor denen die hinter diesem Tor lebten und ihren grausamen Kräften.
Ich strich mit den Fingern über meinen Flechtzopf und wusste nicht so recht, wie ich mich jetzt verhalten sollte. Das hier war das Schrecksenviertel und ich war eine Fhernhachin, da hatte ich doch sicherlich kein Recht, einfach durch das Tor zu spazieren und ungefragt ihr Gebiet zu betreten. Ich war ja fremd und nicht mal eingeladen. So einen dreisten Wanderer wollte doch niemand in seinem Vorgarten haben.
Eine ganze Weile schon stand ich hier verlegen herum, schob mir die schwere Kraxe immer wieder den Rücken weiter hinauf und wartete auf eine freundliche Aufforderung.
Der Wind knarrte an den alten Scharnieren und ein Torflügel schwang sachte auf. Mehr Einladung würde ich wohl nie erhalten. Ich straffte mutig die Schultern, traute mich aber doch nur, zunächst den Kopf hinein zu stecken. Ein großer Platz aus grauem Stein war das erste, was ich erblickte. Gesäumt wurde er von Häusern, die kaum diese Bezeichnung verdient hatten. Mit leeren Fensterhöhlen und lecken Dächern. Immerhin aber war keiner der hiesigen Bewohner zu sehen. Vielleicht konnte ich mich ja doch unentdeckt hineinschleichen, bis ich mich vorstellen konnte. Wohin ich sollte, wusste ich ja.
Mit vorsichtigen Schritten sprang ich über die groben Pflaster, wich den vielen fehlenden Steinen aus. Um mich herum nichts als Büsche aus Unkraut und Kräutern, oder schwarze Bäume, die im sanften Wind rauschten. Ich umfasste die Riemen fester und schauderte. Gruselig war es hier. Aber so dachte vielleicht nur ich und den Schrecksen gefiel diese düstere, unheilvolle Stimmung - und die waren es schließlich, die hier lebten.
Ein schmales Häuschen, krumm zwischen zwei andere gezwängt, war der Ort, den ich aufsuchen sollte. „Lager“ stand auf den Türrahmen gekritzelt, oder hätte es sicher heißen sollen, wenn ich Schrecksisch beherrscht hätte.
Die Tür war nur angelehnt, trotzdem klopfte ich an.
„Guten Abend, mein Name ist Tilly van Hecken. Ich bin die Freiwillige, die der Stadtrat ausgesucht hat und bringe die übrigen Lebensmittel aus der Kantine des Rathauses, wie versprochen.“
Dann wartete ich ab.
Eine Schreckse öffnete mir, das Maul voller schiefer Zähne und mit einem erstaunlichen Silberblick, mit dem sie gewiss in zwei Richtungen gleichzeitig sehen konnte. Ich lächelte eines der Augen an.
„Vielen Dank, dass du mich herein lässt, der Korb wird langsam ziemlich schwer, was für euch ja eigentlich nur gutes bedeuten kann, denn viel wiegt viel.“
Ich ging an ihr vorbei in die winzige Stube des Häuschens. Ein dunkler Raum, von einem winzigen Feuerchen beleuchtet und dem Geruch von Feuchtigkeit in der Luft. Seufzend stellte ich den Korb auf den Boden.
„Viel ist aber auch nötig, denke ich, schließlich hat keiner von euch mehr die Gelegenheit, noch selber für Vorräte zu sorgen. Jetzt dürft ihr doch nicht mehr hinaus, wenn noch andere Bewohner unterwegs sind. Das ist wirklich dumm gemacht. Nehmt mich zum Beispiel, da wandere ich fröhlich durch die Straßen und bin Schuld, wenn ihr nichts mehr zu Essen abbekommt, nur weil ich da bin. Und die schrecklich lauten Kneipen? Von den Trunkenbolden wird deshalb sicher keiner früher nach Hause gehen. Da ist es eher schon wieder Tag, wenn die durch die Straßen schwanken“, schnaube ich und schüttelte ungläubig den Kopf.
„Wollen wir doch mal sehen, was da überhaupt zusammengesammelt wurde. Schließlich gibt es ja Dinge, die Schrecksen niemals essen würden. Das gibt es ja eigentlich bei jedem, und da sollte man keinen zwingen, das zu ändern, nur weil nichts anderes da ist.“
Ärgerlich über mich selber runzelte ich die Stirn und zog das Tuch vom Korb.
„Natürlich habe ich vergessen, nachzusehen, aber das holen wir jetzt nach und was ihr nicht gebrauchen könnt, nehme ich einfach wieder mit. Morgen achte ich dann gleich darauf, dann habt ihr mehr davon und ich selber muss nicht zweimal schleppen.“
Eine gebeugte Schreckse trat zu mir und neigte sich über die Vorräte, um mir beim Ausräumen zu helfen. Sie verzog dabei schmerzhaft das Gesicht und ihre langen Klauen waren von der Gicht ganz dick. Unhöflich ließ ich ihr einfach keinen Platz.
Nach und nach förderte ich die Vorräte aus dem Korb zutage und fand dabei, zu meiner Erleichterung, tatsächlich nichts, womit ich die Schrecksen womöglich empört hätte. Das wäre zu peinlich gewesen.
„Wir haben Glück, lauter Gemüse und sogar noch ein paar Milchbrötchen vom Frühstück heute morgen. Die waren gut, dürften jetzt allerdings etwas hart sein, aber Schrecksen sollen ja gute Zähne haben. Zur Not einfach in etwas Wasser einweichen, dann geht das schon.“
Da geriet mir eine der Mohrrüben in die Hände.
„Gütige Pusteblume, die sieht aber recht traurig aus“, rief ich erschreckt und drehte das schlappe Ding in den Fingern.
„Ganz schrumpelig und weich, da kann einem der Appetit aber gründlich vergehen, von solch einem Zeug. Ist wohl einfach viel zu lange herumgelegen. Dabei kann man dagegen doch so leicht etwas unternehmen. Man schlägt das Gemüse einfach in ein feuchtes Tuch und schon hält es sich stundenlang knackig, so schwer kann das doch nicht sein. Na ja, dann müsst ihr es eben in einen Eintopf schneiden, da fällt das dann nicht weiter auf. Essen kann man es auf jeden Fall noch.“
Ich packte die Möhren, Kartoffeln, einige Kohlköpfe und allerhand anderes Grünzeug auf den dreibeinigen Tisch an der Wand. Da legte sich eine Klaue auf meine Hand und ich sah mich der Schreckse mit dem Silberblick gegenüber.
„Hast du denn gar keine Angst vor uns?“, fragte sie mit rauchiger Stimme.
Sie roch nach Sandelholz.
Ich zog erstaunt die Brauen nach oben und musste nachdenken, was sie wohl damit meinte. Als es mir klar wurde, winkte ich nur ab.
„Vor all den Geschichten, die man über euch erzählt? Unsinn! Meine Eltern haben mir immer gesagt, ich solle niemals Dinge über jemanden glauben, die ich nur vom Hörensagen kenne. Nur eigene Erfahrungen sind wahr.“
Jetzt war der Korb leer und ich nickte langsam.
„Allerdings haben sie mir nie gesagt, was ich machen soll, wenn Hörensagen und Erfahrung das Gleiche sind und jetzt kann ich sie nicht mehr fragen. Na, dann werde ich wohl einfach selber herausfinden müssen, was dann passiert.“
Ich pustete mir den Pony aus den Augen und lud mir die, nun leere, Kraxe wieder auf die Schultern. So würde ich schneller nach Hause kommen.
„So, nun muss ich aber wieder gehen, mein Meister wartet sicher schon selbst auf das Abendessen und alleine findet er es auf dem Herd womöglich nicht, oder verbrennt sich wieder die Finger. Es war nett, euch kennen zu lernen, morgen bringe ich wieder was vorbei. Guten Abend“, verabschiedete ich mich und eilte zur Tür hinaus.
Diesmal war ich nicht verlegen, als ich den Platz überquerte, jetzt kannten sie mich ja immerhin.
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