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In den Straßen von Mumenstadt

von No Cookie
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P12
15.02.2016
23.02.2016
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Neue Aufgaben

„Tiiillyyyyyy!“
So hallte mein Name durch das Haus, noch ehe die Tür ins Schloss fiel. Der Meister war also zurück und schlecht gelaunt, so wie immer, wenn sie gerufen hatten.
Hastig stellte ich die Farbwalze zur Seite und wischte mir die Druckerschwärze an der Lederschürze ab. Schnell nahm ich die volle Flasche Kräutermedizin von seinem Schreibtisch. Die brauchte er eigentlich ständig und hatte er sie einmal nicht, wurde er laut und grob, dann kam man ihm besser nicht unter die Augen. Prüfend schüttelte ich die braunrote Flüssigkeit. Ein merkwürdiger Trunk war das. Einmal hatte ich heimlich daran gerochen und meine Nase brannte dafür wie Feuer. Wie scheußlich musste er da erst schmecken?
„Guten Abend, Meister. Sie sind ja schon zurück, dabei dachte ich, es wird so spät Nacht wie sonst auch immer, wenn der Rat sich versammelt.“
Erst jetzt späte ich zum Fenster hinaus und erkannte, wie dunkel es draußen geworden war. Ich lachte über mich selber und schüttelte den Kopf.
„Gütige Pusteblume, es ist ja schon längst Nacht und ich habe das gar nicht gemerkt und rede so ein dummes Zeug, von wegen früh dran und so.  Aber das kommt eben davon, wenn man daher redet, ohne vorher zu schauen, ob es auch ganz richtig ist, was man da redet. Aber in der Werkstatt sind nun mal keine Fenster, durch die ich die Nacht draußen auch hätte sehen können, da kann so was schon mal passieren und schlimm ist das ja...“
Meister Eisenschlack nahm die Flasche ruppig an sich und zog mit zitternden Fingern den Glaskorken ab.
„Was soll das? Kannst du mir denn nicht mehr anständig antworten, wenn ich dich rufe?“, unterbrach er mich etwas grob und blickte streng auf mich herab.
Er setzte die Glaskaraffe an die Lippen und trank sie in langen Schlucken bis beinahe zur Hälfte aus.
„Natürlich kann ich, Meister, Entschuldigung.“ Verlegen strich ich mit den Fingern über meinen Zopf. „Ich dachte nur, Ihnen ist ganz und gar klar, dass ich nur in der Werkstatt sein kann. Wo soll ich denn auch sonst sein? Schließlich haben Sie mir doch eine ganz wichtige Aufgabe gegeben, die ich heute noch fertig machen muss und vorher auch gar nicht ins Bett darf. Und selbst wenn ich damit schon so schnell fertig wäre, wäre ich doch noch immer da. Also im Haus natürlich, denn schließlich wohne ich jetzt ja hier, sogar mit eigener Kammer. Und Sie haben es mir ja auch außerdem verboten, einfach und alleine aus dem Haus zu gehen, da will ich mich schon dran halten, das habe ich ja auch versprochen.“
Ich nickte mit ernster Zustimmung und strich mir den Pony aus den Augen.
„Woanders hin könnte ich ja auch gar nicht mehr, selbst wenn ich wollen würde, was ja überhaupt nicht so ist. Mein Bett im Waisenhaus ist bestimmt schon lange gar nicht mehr meins, war es ja auch nie wirklich,  sondern ist jetzt an  jemand anderen weiter gegeben, jemanden, den ich überhaupt gar nicht kenne. Aber das ist ja auch ganz richtig so, der wird es sicher dringend brauchen. So dringend wie ich damals und viel dringender, als ich jetzt und hoffentlich überhaupt je wieder.“
Mein Meister rülpste laut, wofür er sich nicht entschuldigte, und wischte sich über den Mund. Eilig sprang ich hinzu, um ihm aus dem Mantel zu helfen.
„War es eine gute Versammlung? Es gab doch so viele Fragen und Wünsche unter den Bürgern. In der Stadt und vor den Läden, mit ihren Körben, haben die Frauen die Köpfe zusammengesteckt und über nichts anderes geredet ohne Pause. Da hat einem beim Einkaufen schon der Kopf davon gebrummt, selbst, wenn man gar nicht lange dabei gestanden hat und die eigenen Träume waren auch noch voll davon, obwohl das da doch gar nicht hinpasst.“
Ordentlich hängte ich den Mantel in die Garderobe und klopfte ein paar Staubflocken hinaus.
„Aber heute Abend waren doch alle Räte da und alle mit so schrecklich klugen Köpfen, die auch nötig sind, um sich um so eine große Stadt zu kümmern  und dafür zu sorgen, dass alle sich darin wohlfühlen können, was doch gar nicht so einfach ist.“
Dann fiel mir etwas ein und ich streckte die Hände nach dem Setzermeister aus.
„Sind denn auch wichtige Dinge dabei, die man als einfacher Bürger wissen muss, um nicht aus lauter Dummheit eine neue Regel zu brechen? Schließlich will ich auf keine Fall  verhaftet und eingesperrt werden. Das wäre schrecklich, ganz alleine in den dunklen, feuchten Kerkern zu hocken. Das Essen soll ja gar nicht so übel sein, aber ich mag keine Ratten, wie sie huschen und quieken“
Der Setzermeister nahm noch zwei tiefe Schlucke und winkte dann brummend ab. Müde schlurfte er in die Werkstatt.
„Wichtig, pah! Ich kann diese dummen, alten Schwätzer einfach nicht mehr ertragen. Reden stundenlang über Dinge, die in Minuten entschieden sein könnten, da keiner von seiner Meinung weichen will. Den ganzen Abend haben sie mir damit verplempert, an dem ein hart arbeitender Mann wie ich doch besseres zu tun hätte. Wären ihre Aufträge nicht, ich hätte dem Stadtrat schon lange den Rücken gekehrt und den alten Zauseln gesagt, was sie mich können“, knurrte er.
Schwer ließ er sich auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch fallen. Ich kratzte mir verlegen die Nase wegen der bösen Bezeichnungen.
„Erinnerst du dich an letzte Woche? Da wurde endlich der dringend notwendige Entschluss gefasst, das Schrecksenpack aus den Straßen zu schaffen. Erst wenn sonst niemand mehr unterwegs ist, dürfen sie sich nun hinaus wagen“, erinnerte mich Meister Eisenschlack.
Ich nickte und band ihm die Schnürsenkel seiner Stiefel auf, an denen schon wieder grässlich viel Schmutz klebte.
„Oh ja, Meister, ich erinnere mich an dieses Gesetz, war ja merkwürdig genug“, versicherte ich.  „Aber Ihnen hat es gut gefallen, sogar richtig glücklich waren Sie darüber. Schließlich fanden Sie den Anblick der Schrecksen, vor allem der weiblichen, ganz grässlich, abstoßend, kaum zu ertragen und was Sie sonst noch eben gesagt haben. Mumenstadt wäre zu schön, um von diesem Gesindel verschandelt zu werden. Irgendwie hatten sie ja auch recht, Mumenstadt ist wunderschön und Schrecksen eben nun mal nicht, für unsere Augen zumindest, untereinander finden sie es sicher gar nicht so schlimm, vielleicht sogar schön, was ja auch besser ist.“
Grübelnd krauste ich die Nase und wiegte den Kopf.
„Aber vielleicht ist da der Unterschied einfach nur viel größer, als wenn die Stadt auch hässlich wäre und nur deshalb gefallen Ihnen die Schrecksen hier so wenig. Wenn das so wäre, könnte das allerdings auch auf andere zutreffen, für die eine hässliche Stadt ja dann besser wäre, was aber natürlich auch keiner will. Eigentlich haben Sie die Schrecksen ja auch noch ganz anders genannt, aber das will ich hier bitte nicht wiederholen müssen, sonst muss ich mir heute Abend den Mund selber mit Seife auswaschen und die der Werkstatt schmeckt noch scheußlicher als alle bisherigen. Hat der Rat jetzt seine Meinung geändert, oder warum sind Sie so zornig und geben ihm so hässlichen Namen?“, wollte ich wissen.
Der Meister streifte sich die Stiefel ab und legte die Füße einfach auf den Schreibtisch. Schon wieder hatte er die selben Socken an, die er nun schon seit einer Woche trug.
„Das ist in der Bevölkerung nicht ganz so gut angekommen wie gehofft. Ein paar unerträgliche Weltverbesserer sind auf die Barrikaden gegangen und haben es fast geschafft, das wankelmütige Städterpack auf ihre Seite zu ziehen. Nun müssen wir ihre Gemüter natürlich beruhigen.“
Er trank die Flasche leer und gab noch einmal diesen Laut von sich, für den mich meine Mutter immer ausgeschimpft hatte. Auch diesmal entschuldigte er sich nicht dafür. Immerhin war nur ich da, die es hören konnte.
„Es wurde also entschieden, jeden Abend eine Freiwillige mit den Essensresten der Rathausküche in das Schrecksenviertel zu entsenden, damit dessen Pack nicht Hunger leiden muss. Damit werden wir dem Gutschwätzer doch hoffentlich das Maul stopfen.“
Nun war die Flasche leer und der Meister blickte auch schon viel fröhlicher drein. Heiser lachend drosch er damit auf die Tischplatte, dass es dröhnte. Ich zog den Kopf zwischen die Schultern und hoffte, die Nachbarn würden davon nicht allzu sehr gestört.
„Die Freiwillige bist übrigens du“, überraschte er mich dann noch.
Zuerst war ich erstaunt, doch dann lachte ich auf vor Freude.
„Was, ich? Ausgerechnet?“ Vor Staunen riss ich den Mund weit auf.
„Ich bin doch nur ein Waisenkind aus bestimmt dem ältesten Haus und der schmutzigsten Gasse von ganz Mumenstadt. Da habe ich mit noch ganz vielen Anderen zwischen Dreck und Lumpen gewohnt, zum Glück ganz unsichtbar von den anderen Bewohnern. Was wohl auch besser war, sonst hätte man uns womöglich auch noch in unsere engen Kammern gesperrt, um den Anblick zu verhindern. Warum hat man mich ausgesucht, wo es doch bestimmt Andere, Bessere für diese Aufgabe gegeben hätte? Welche, die so eine hohe Aufgabe auch wirklich verdient haben und sie bestimmt viel besser ausführen können als ich selber.“
Nun drehte ich meinen Zopf schon um die Finger und mir fiel ein, wie lange ich schon nicht mehr gebadete hatte.
„Gütige Pusteblume, ich auf dem Rathaus. Da muss ich mich baden, die Haare kämmen, die Kleider ausbürsten und meine besten Schuhe anziehen. Bestimmt werde ich kaum durchs Tor herein gelassen und schon gar nicht die Treppe hinauf. Ich kann ja froh sein, wenn sie mich nicht mit Tritten fortjagen, oder einsperren für meine Frechheit einfach herzukommen. Da gehe ich gleich besser zum Dienstboteneingang, der wird für mich gerade gut genug sein. Aber man weiß ja nie, wem man auf dem Weg dorthin so alles begegnet und es soll Ihnen ja keiner sagen müssen, ich würde als Bettelkind herumlaufen und Ihren Ruf damit blamieren.“
Dann straffte ich die Schultern und warf mir den Zopf wieder über die Schulter.
„Ich werde es gut erledigen, auch wenn es anstrengend wird, oder nass, oder unheimlich. Deswegen zu murren, wäre doch ziemlich undankbar. Wie aufregend, auch mal die Gassen der Stadt zu sehen, die mir immer verboten waren und über die man sich soviel erzählt. Immer hat man mir gesagt, sie wären viel zu gefährlich für mich und meine Neugierde würde mich sicher mal umbringen, wenn ich es weiter versuche, aber diesmal MUSS ich ja hinein, da ist das doch sicher etwas anderes. Ich danke Ihnen, Meister.“
Meister Eisenschlack sah mich mit einem getrübten Blick an, in dem Bedauern lag und er schüttelte fast mitleidig den Kopf. Doch ich lächelte selig und überlegte mir schon, wie ich meine besten Kleider noch sauber machen könnte.
„Ab morgen wirst du dich immer Abends auf den Weg machen. Natürlich nachdem du deine Aufgaben hier erledigt hast“, trug er mir auf und schwankte dann die Treppe hinauf, zu seiner Kammer, wieder heiser lachend.
Mir aber war nach singen zumute und mit leichtem Herzen fegte ich die Werkstatt und legte mich dann schlafen.
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