Du fehlst mir

von Julirot
KurzgeschichteSchmerz/Trost / P16
Kensi Blye Marty Deeks
15.02.2016
15.02.2016
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Hallo,

damit ihr mich nicht vergesst, hier ein kleiner One-Shot. Mal wieder was trauriges, aber "that's life".
Bis zum nächsten Mal.
Eure Julirot
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DU FEHLST MIR


Sie saß am Fenster ihres Appartements und starrte hinaus in die Nacht. Es regnete, was für L.A. nicht an der Tagesordnung war. Dicke Tropfen fielen gegen die Fensterscheibe und perlten daran ab, nur um dann in einem langen Streifen den Weg nach unten zu finden. Im Zimmer war es dunkel und ruhig und nur hin und wieder wurde der Raum durch die Scheinwerfer eines vorbeifahrenden Autos erhellt. Sie hatte die Knie angezogen und die Arme um ihre Beine gelegt. Ihr Kopf ruhte an der Scheibe und ihre Tränen liefen im gleichen Rhythmus wie die Regentropfen ihre erhitzten Wangen hinab. Sie war allein. Und nicht nur das, sie war einsam. So einsam wie noch nie zuvor in ihrem Leben. Er war fort und hatte sie allein gelassen, mit sich, mit ihrem Leben, einfach mit allem. Und ihr Ding war zerbrochen. Es gab nur noch sie selbst, ihre zweite Hälfte existierte nicht mehr. Sie war entzwei und doch war sie ganz, ganz allein mit sich selbst. Sie war nun kein Teil einer Einheit mehr, sie war ohne ihn und jede Faser ihres Ichs schrie „du fehlst mir – jeden verdammten Tag“. Es war ein halbes Jahr her und ihr Herz schrie immer noch nach ihm. Sie fragte sich, wann es aufhören würde weh zu tun, wann sie endlich wieder nach vorne sehen konnte. Wann sie nicht jede Sekunde des Tages an ihn denken musste. Sie hatte das Gefühl er wäre immer noch hier, hier bei ihr in ihrer Wohnung. Sie konnte ihn manchmal noch riechen, konnte ihn fühlen und es verging kein Tag, an dem sie nicht irgendetwas in ihrem Leben an ihn erinnerte. Sie stand auf und streckte sich, richtete den Vorhang vor dem Fenster, so dass die Regentropfen ausgesperrt waren. Dann lief sie durch die Wohnung, wie sie es unzählige Abende zuvor auch schon getan hatte. Sie knipste die kleine Stehlampe neben der Couch an und das Zimmer wurde in ein weiches Licht getaucht. Als sie sich wieder aufrichtete, sah sie sein Bild auf ihrem Schreibtisch und konnte es nicht ertragen ihn lachen zu sehen. Sie war geneigt es umzudrehen, ließ es aber bleiben. Es war das letzte Überbleibsel an Bildern und sie konnte es einfach noch nicht wegstellen. Sie schaute sich um und ihr Blick streifte über die Möbel. Sie wusste, da waren Dinge, die sie gemeinsam angeschafft hatten, die nun hier waren und sie stets an ihn erinnern würden und doch konnte sie keines davon wegschmeißen. Es war als würde er noch irgendwo in diesem Zimmer sein und manchmal fand sie Trost in genau eben dieser Tatsache. Sie schniefte und lief dann weiter in den Flur. Sie wusste eigentlich nicht so genau was sie gerade tun wollte, genauso wie sie es oftmals nicht wusste seit er gegangen war. Ihr Kopf war einfach so übervoll mit Dingen, die auf sie einstürmten, die erledigt werden mussten und die sie in Atem hielten. Sie funktionierte, aber sie funktionierte nicht gut. Ihre Kraft steckte in ihren Gedanken und nicht in ihr selbst und das war alles andere als hilfreich. Ihr Blick fiel in den großen Wandspiegel und sie betrachtete ihren Körper eine Weile nachdenklich. Dann legte sie ihre Hände über ihren gewölbten Bauch, strich kurz darüber und merkte wie ihre Tränen erneut empor kletterten und aus ihren Augen tropften. Wie hatte er ihr das nur antun können? Wieso war er einfach gegangen? Sie hatten ein Leben gehabt, sie hatten eine Zukunft geplant und nun war der Plan zunichte, die Zukunft sinnlos, die Gegenwart schwer. Und immer wieder wollte sie ihn anschreien und fragen warum. Doch sie wusste, es gab keine Antworten, es würde niemals welche geben. Sie konnte es nicht ändern und sie würde es niemals ganz begreifen können. Und doch gab es etwas, wofür sie ihm unendlich dankbar war. Wieder strich sie sich über den Bauch und fühlte die Tritte ihres ungeborenen Kindes. Und mit einem Mal wusste sie, er hatte ihr ein Vermächtnis hinterlassen. Ein Wesen, in dessen Seele er weiter leben würde. Ungeachtet dessen was passierte, sie musste für dieses Kind stark sein. Und sie konnte es. Sie konnte es schaffen, auch ohne ihn. Auch wenn sie das niemals so gewollt hatte. Und irgendwann würde sie sich nicht mehr so einsam fühlen, irgendwann würde sie wieder aufrecht stehen können und irgendwann war die Zeit der Trauer vorbei. Sie würde ihn auch weiterhin vermissen, jeden Tag und sich wünschen es wäre anders gekommen, aber irgendwann würde es nicht mehr so weh tun. Und dann würde sie auch wieder lieben können. Ihre Wut verrauchte allmählich und zurück blieben ein paar Keime an Hoffnung. Hoffnung auf einen neuen Anfang, Hoffnung auf neue Kraft. Sie ging zurück ins Wohnzimmer und griff sich den Karton, den sie vor einer Stunde aus dem Keller geholt hatte. Sie begann langsam seine noch verbliebenen Sachen hinein zu räumen und ihre Vergangenheit wegzuschließen. Als sie gerade die letzten Fotos hinein gelegt hatte, fiel ihr eine Karte in die Hände. Sie drehte sie herum und erkannte die Anzeige, die sie selbst geschrieben hatte, vor ungefähr einem halben Jahr. Sie strich über die Buchstaben, die da in goldenen Lettern standen und wieder traten Tränen aus ihren Augen.

„Martin A. Deeks, gestorben in Ausübung seiner Pflicht – unvergessen in unseren Herzen.“

Ihre Hände zitterten als sie die Karte zu den anderen Sachen in den Karton legte. Ihr Herz war schwer und sie spürte dieses Brennen in ihrer Brust. Sie wusste, es war die Trauer, es war der Schmerz. Aber sich diesem immer und immer wieder hinzugeben, würde sie nicht weiter bringen. Es würde sie zerstören und es gab nur eine Möglichkeit, sich selbst zu helfen. Und das tat sie. Langsam schloss sie den Karton und stellte ihn dann auf den Schrank. Sie schob ihn bis ans hintere Ende, so dass er kaum noch zu sehen war. Irgendwann, dass hatte sie im Gefühl, würde sie ihn wegräumen, vielleicht in den Schrank oder in den Keller, aber jetzt noch nicht. Jetzt brauchte sie das Gefühl er wäre noch hier, hier bei ihr in diesem Raum, wenn auch gut verschlossen in einem Karton auf ihrem Schrank. Sie ging zurück zum Fenster und setzte sich wieder an den Platz, den sie vor ein paar Minuten verlassen hatte. Sie schob den Vorhang beiseite und schaute hinaus. Der Regen hatte aufgehört und nur noch ein paar vereinzelte Tropfen glitzerten an den Scheiben. Und genauso wie der Himmel aufgehört hatte zu weinen, so hörte ihr Herz langsam damit auf. Sie lehnte sich ein wenig zurück und sah ihr Spiegelbild in der noch nassen Scheibe. Sie lächelte sich zaghaft zu und wusste, egal wie sehr er ihr fehlen würde, es gab eine gemeinsame Zeit, es würde dieses gemeinsame Kind geben und die Erinnerungen an gute und an schlechte Tage, an sie beide und an ihr Ding und das konnte ihr niemand nehmen.


ENDE
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