Sklaven-Haustier

von K-S-H
GeschichteFamilie, Schmerz/Trost / P16
14.02.2016
16.10.2019
82
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Hi, meine Lieben!

Es gibt mal wieder ein Linus-lastiges Kapitel. Viel Spaß dabei.

Viele liebe Grüße,
Kim


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„Und irgendwie... habe ich bei ihm halt ein ähnliches Gefühl. Es ist aber eben nur das – ähnlich nicht das gleiche Gefühl“, erklärte Linus nachdenklich und etwas verwirrt von sich.
„Warte, warte. Das muss ich mir kurz aufschreiben. Jetzt wo du mal über sie von dir aus sprichst“, meinte Peter und notierte sich auf seinem grünen Klemmbrett mit einem Kuli einige Worte. Linus seufzte und sah aus dem Fenster. Er beobachtete in seine Gedanken versunken einige Wolken. Das mit ihm nicht alles okay war, das war ja nichts neues, aber das hier... Er war ehrlich gewesen, aber was sagte das über ihn aus?
„Du fühlst also ein ganz ähnliches Gefühl bei Asox wie damals bei Katherine. Hab ich das richtig verstanden?“
Linus nickte verwirrt. „Irgendwie schon. Also ich weiß nicht... Gestern war das irgendwie so. Also nicht auf sexueller Ebene, versteht sich. Ich... Ach, keine Ahnung!“ Beleidigt ließ er sich zurückfallen und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Doch, hast du. Du willst es mir nur nicht sagen, weil du dich schämst. Ich kenne dich seit nun fast fünf Jahren, also mach mir doch nichts vor, Linus“, gab sein Psychologe ernst von sich und Linus sah ihn böse an. Ja, hatte er eben recht! Na und?
„Was willst du denn hören?“, gab er durch seine Scham sauer von sich.
„Ich will von dir hören, was du für den Kleinen empfindest, denn offenbar beschäftigt es dich ja.“
Linus gab immer noch aus dem gleichen Grund einen abfälligen Laut von sich.
„Jetzt tu doch nicht so. Komm schon. Raus damit“, forderte Peter eindringlich aber freundlich und Linus wand den Blick ab.
„Ich mag ihn ziemlich. Und er ist mir wichtig. Sehr wichtig. Eben irgendwie wie Kathie, aber ich habe absolut nicht das Bedürfnis, mit ihm irgendwas sexuelles zu starten oder so was. Nur ist halt dieses … diese Liebe... die ist irgendwie da. Nur eben platonisch. Und gleichzeitig ist es nicht wie bei meiner Tochter. Das glaube ich zumindest.“ So, jetzt war es raus und gut war.
„Hm... das ist irgendwie interessant... Vor allem da du ja eigentlich heterosexuell und potent bist, kann ich verstehen, dass dich das verwirrt. Du solltest dich damit aber abfinden, denn Asox scheint es ganz ähnlich sehen, wenn man sich seine Körpersprache ansieht. Wenn man ihn so ansieht liegt das zumindest sehr nahe. Du scheinst ihm nicht minder wichtig zu sein und ich bin mir sicher, du kannst ihn fragen und er wird dir das mehr oder weniger geschickt so sagen können. Ich kann mich irren, aber ich habe eine sehr gute Menschenkenntnis. Und vielleicht ist das eben doch deine Art von Vatergefühlen, denn so richtig hast du es bei deiner Tochter nicht fühlen können. Du willst ihn beschützen und du liebst ihn. Daran ist nichts schlimm.“
Linus dachte nach. Möglich. Die Erklärung klang mehr als logisch. Sicherlich wäre es etwas anderes gewesen, er hätte Juliett im Arm halten dürfen. Vielleicht wäre es aber auch das gleiche Gefühl gewesen. Das war unmöglich zu sagen.
„Wir wollen heute so wie so reden. Über seine Gefühlswelt. Weil er immer mal wieder den Sklaven gibt. Hab ich dir ja vorhin schon gesagt“, führte Linus jetzt etwas gesprächiger aus.
„Was genau meinst du damit eigentlich? Das hast du jetzt schon öfter angesprochen.“ Peter machte ein sehr ernstes, fragendes Gesicht. Linus war froh darum, dass es jetzt einmal nicht mehr um ihn ging.
„Am Samstag ist genau das eingetroffen, wovor du mich gewarnt hast. Und vorhin hat er mich doch tatsächlich gefragt, was er mir dann bringen soll – also an Sachen und Tee. Das hat er noch nie. Und er meinte, er hätte das Bedürfnis, weil er 'es wert sein will, dass er bei mir ist und gemocht wird' oder so in etwa. Ganz die Wortwahl war es, glaube ich, nicht, aber der springende Punkt ist, dass er das manchmal hat, solche... Rückfälle, nenne ich es mal. Und immer wenn ich dachte, wir haben einen Schritt nach vorn gemacht, kommt so was und ich habe das Gefühl zwei Schritte zurück zu stolpern“, erklärte Linus lang und breit und ließ seufzend die Finger der linken Hand an seine Stirn gleiten, während er die Augen schloss. Das belastete Linus wirklich schwer, weil er wirklich nicht immer die Kraft hatte, dagegen was zu tun.
„Hm... Wie wirkt er denn dabei? Das schient mir hier die bessere Frage zu sein, als das Warum – denn das dürfte uns beiden klar sein“, meinte Peter eher gelassen und Linus sah ihn verwirrt und verständnislos an.
„Wie 'wie wirkt er dabei'? Devot natürlich, was ist das für eine Frage?“, fragte Linus verärgert nach. War doch logisch, dass er da nicht selbstsicher stand!
„Nein, du verstehst mich falsch, Linus. Möchte er das denn? Gibt's dafür vielleicht einen völlig verständlichen Auslöser? Klingt er, als müsste er das fragen, oder als würde er es selbst gern wissen? Wenn er das nämlich mit einem guten Gewissen macht und ihm das Sicherheit gibt, dann solltest du das so akzeptieren. Bei ihm dürfte Belohnung ein ganz anderes Ding sein, als du denkst, wenn du mich fragst. Ich habe mich seit eurem... Streit vor mir mal ein bisschen den Kopf darüber zerbrochen. Ich bin kein besonders pädagogisch geschulter Psychologe, deshalb kann ich hier komplett falsch liegen, aber wenn ich das richtig verstanden habe, dann dürfte allein deine Zufriedenstellung wie Lob für ihn sein und dein Lob eine Belohnung. Wie gesagt, ich kann falsch liegen. Nur liegt das eben nahe, bedenkt man, wie er erzogen wurde. Und Erziehung prägt jeden. Bevor du ihn für diese Fragen tadelst, solltest du dir also vielleicht die Fragen stellen, ob er sie aus eigenem Antrieb stellt, oder ob es einfach passiert und es ihn wie eine Welle mit sich reißt.“
Linus dachte darüber nach. Auslöser... Gab es den?
„Er meinte...“, kam es dem Adligen in den Sinn, „dass ich wohl öfter etwas anderes gewollt habe, als er mir freiwillig gebracht hat und er deshalb fragt. Vermutlich meinte er damit, dass ich mal ein paar der Sachen nicht anzogen habe, sondern mir selbst etwas anderes geholt habe. Aber das ist doch nicht genug, oder?“
Peter sah ihn ernst an. „Doch sicherlich. Das dürfte bei ihm schon reichen. Er scheint mir sehr feinfühlig und achtsam zu sein. Und ich kann mir vorstellen, dass er seine 'Arbeit' oder 'Aufgabe' gern zu deiner vollsten Zufriedenheit ausführen will. Und natürlich merkt er dann auch, auch wenn du nicht schimpfst oder so was, dass er das nicht geschafft hat, wenn du plötzlich mit etwas anderem zurück kommst. Ich denke, wir können ihn nicht umpolen, lass ihm die Zeit, die er braucht und auch den Freiraum, den er braucht. Und wenn so etwas dazu gehört, dass ist das okay. Dann musst du das akzeptieren, wenn du ihn als Person akzeptieren willst“, erklärte Peter fachmännisch, auch wenn er beteuert hatte, kein Pädagoge gewesen zu sein.
„Aber ich will ihn nicht wie einen Sklaven behandeln, auch wenn das so akzeptiert wird in der Gesellschaft. Ich kann es ihm doch nicht einfach vorschreiben. Es bringt mich bei den Zusammenbrüchen ja schon um den Verstand“, beklagte Linus sein eigentliches Problem damit.
„Das musst du auch nicht. Es geht nur darum, dass du ihm nicht das Gefühl vermittelst, dass seine Gefühle absolut falsch sind. Denn das kannst du sehr gut, Linus, auch wenn du es nur gut meinst. Wenn er das gern tut, lass es ihn machen, rate ich dir. Dann merkt er vielleicht, dass er so in Ordnung ist, wie er eben ist. Und das ist doch dein Ziel, oder?“ Linus nickte. Das war es, denn Asox war so in Ordnung, wie er war.
„Dann habe ich am Wochenende womöglich Mist gebaut“, gestand Linus kleinlaut, als ihm in den Sinn kam, was er zu Asox gesagt hatte, als er am Samstag völlig weggetreten war.
„Warum? Was hast du denn getan?“, kam es fast etwas streng von Peter und Linus begann zu erzählen.
„Und das hat geklappt?“
„Ja. Aber wenn du jetzt sagst, dass er eher Zuspruch braucht, dann habe ich es da vielleicht ein wenig zu gut gemeint, denke ich. Außerdem hast du nichts davon gesagt, dass er das nicht mitbekommt. Und er weiß es nicht mal mehr“, gestand Linus unsicher. Das letzte, was er wollte, war es den Kleinen zu verunsichern.
„Hm... ich weiß es auch nicht. Zwing dich zu nichts und ihn auch nicht, dann werdet ihr schon was finden, um gut damit umzugehen. Und was ich mir zu dem Vergessen oder Verdrängen erklären könnte, wäre das Phänomen der kognitiven Dissonanz.“

Auch als er schon kurz vor der Einfahrt zu seinem Anwesen war, dachte Linus nach. Ts... als wäre es so einfach, mal eben intuitiv das Richtige in einer so dämlichen und verstrickten Situation zu tun. Gerade für Linus würde das einer der zwölf Herakles-Arbeiten gleichen, wenn er das hin bekommen würde – und die waren bekanntlich alle Sau schwer! Seufzend sah er aus dem Fester. Wie sollte er das nur schaffen? Er war doch gerade einmal sechsundzwanzig geworden...
Als Steven vor dem Familienanwesen hielt, hatte er immer noch keine Antwort für sich gefunden. Er sollte sich nicht zwingen. Das musste er doch aber, wenn er Asox bestrafen sollte. Und was es mit seinem merkwürdigen Gefühl auf sich hatte, das wusste er auch noch immer nicht. Seufzend stieg er aus dem Wagen und trat die Stufen zur Haustür hinauf. Er musste schmunzeln als er nicht um den Gedanken herum kam, wie Asox gleich vor ihm stehen würde. Er schloss kurz die Augen. Mach jetzt bloß nichts falsches. Gib ihm einfach das Gefühl, dass er alles richtig gemacht hat, sagte er sich noch einmal, bevor er den Schlüssel im Schloss umdrehte und die Tür leicht aufstieß.
Er brauchte nur ein paar Schritte zu gehen und die Tür hinter sich mit der Fußkante zuzuschieben, bevor Asox' Stimme schon erklang.
„Willkommen Zuhause, Linus! Ich hoffe, du hattest einen schönen Tag!“ Der Kleine strahle wie jeden Tag, wenn er selbst nach Hause kam ein riesiges Lächeln und Linus konnte es nicht verhindern, dass ihm wie magisch ein warmes, herzliches Lächeln auf die Lippen trat und ihm ganz warm ums Herz wurde.
„Das hatte ich... einigermaßen. Wie war dein Tag, Kleiner?“, erkundigte sich Linus, als er sich die Schuhe von den Füßen streifte und dann die paar Schritte an den Jungen heran trat, um ihm die Tasse abzunehmen, die er ihm auffordert hinhielt. Gemeinsam gingen sie wie immer in sein Arbeitszimmer, wo Linus sich wie immer erst mal der Laptoptasche entledigte und dann zu dem Pullover griff, den Asox ihn wie immer auf den Tisch gelegt hatte. Wie immer schob er sich die Ärmel bis zu den Ellenbogen hoch.
„Ach ganz in Ordnung. Das Dilemma mit Mr. Young habe ich dir ja schon erzählt. Und dann musste auch noch Mrs. Adams früher weg, weil ihre Nichte ins Krankenhaus gekommen ist, weil es wohl einen Unfall gab. Und – das habe ich heute erst erfahren – Joline hat ja gekündigt. Deshalb habe ich Johana ein bisschen geholfen. Die Arme hat richtig geflucht vor Verzweiflung. Ich habe ihr dann geholfen den … ich weiß eigentlich gar nicht, was es für ein Raum war, er sah jedenfalls wie eine Abstellkammer aus. Und die mussten wir komplett ausräumen, weil alles eingestürzt war und der Wischeimer umgefallen ist. Ich habe mich ziemlich gefreut, dass ich helfen konnte.“
Asox sah wirklich glücklich aus, ein bisschen verlegen, aber glücklich. Das fand Linus merkwürdig. Und er spürte ein ziemlich stechendes Gefühl, als er das Wort Unfall einfach nicht mehr aus dem Kopf bekam.
„Ich werde sie später mal anrufen. Mrs. Adams meine ich“, flüsterte Linus mitgenommen und konnte nur schwerlich die Gedanken an den Unfall von sich fern halten.
„Geht es dir gut? Du wirkst wirklich sehr … verstört mit einem Mal“, kam es leise und besorgt von Asox und als Linus ihn etwas verwirrt ansah, blickten ihn zwei große, besorgte Fuchsaugen an.
„Es ist nur... Ich reagiere schlecht auf das Thema Unfall. Geht schon wieder“, spielte Linus seine Gefühle herunter und versuchte sie mit einem Kopfschütteln zu vertreiben, nahm sich seinen Tee, der zu seiner Faszination ganz leicht gesüßt war, so wie er seinen Apfeltee am allerliebsten trank. Asox war wirklich aufmerksam.
„Zum Narren halten kann ich mich alleine, Linus. Wolltest du mir nicht ein bisschen mehr von deiner... von deinen echten Gefühlen zeigen?“ Asox klang nicht besonders verärgert, sondern eher einfühlsam und Linus sah schon fast ein bisschen schüchtern zu ihm. Asox musterte ihn besorgt. Linus wand den blick ein zweites Mal beschämt ab. Dein Stolz bricht dir irgendwann mal noch das Genick, Linus, hörte er seinen Vater in seinen Gedanken wieder sagen und fühlte sich auf einen Schlag wieder wie fünfzehn.
„Tut mir Leid, du hast ja recht. Es... fällt mir gleichzeitig sehr schwer es zu überspielen und zuzugeben. Mein Vater hat mir schon immer gepredigt, dass mein Stolz mich mal umbringen wird, aber so bin ich halt“, erklärte Linus und wand sich überfordert seinem Tee wieder zu. Es fiel ihm nach wie vor schwer, sich anderen gegenüber zu öffnen und nicht den starken Mann zu mimen, obwohl er eigentlich furchtbar sensibel war. Und dieser Unterschied war ihm schmerzlich bewusst, gerade jetzt. Aber wie sah es denn aus, wenn ein zwei Meter großer Mann von Adel plötzlich das Weinen anfangen würde? Wenn er allein war, dann erlaubte er sich das, doch sobald jemand anderes mit da war, war er sich dessen so sehr bewusst, dass er es einfach verdrängte um nicht schwach zu erscheinen. Das war schon sehr oft in seinem Leben so gewesen. Nur manchmal, da setzte dieser Verstand aus. Das war bei Asox schon ein, zwei oder vielleicht dreimal in diesem halben Jahr passiert.
„Linus?“ Er schreckte richtig zusammen. Seit wann stand Asox denn neben ihm? Immer noch ein bisschen peinlich berührt senkte Linus den Kopf so weit, dass er dem Jungen nicht ins Gesicht sehen musste. Dieser verflixte Stolz aber auch...
„Ist schon okay. Du musst dich vor mir nicht schämen. Und am allerwenigsten für deine Gefühle. Ich muss es mich bei dir doch auch nicht“, erklärte der kleine Kerl doch allen ernstes legte Linus einfach die Arme um den Hals um ihn in eine Umarmung zuziehen, die gerade wirklich erstaunlich gut tat.
„Ich sehe es jetzt nicht mehr, also wein ruhig, wenn du das Bedürfnis hast. Ich bin für dich da, so wie du immer für mich da bist“, wurde ihm zugeflüstert und Linus konnte nicht anders, als gerührt die Arme um den schmal gebauten Fuchsjungen vor sich zu legen, ihn fest an sich zu ziehen und tatsächlich den Tränen freien Lauf zu lassen. Und es tat verdammt gut. Das hatte er so lange nicht mehr getan. Und irgendwie speiste es das Gefühl, über dass er mit Peter heute gesprochen hatte. Fühlte sich so sein Vater, wenn sie sich umarmten? Hatte er sich so gefühlt, als er ihn gestern in den Arm genommen hatte?
„Danke“, bekam er noch gerade so heraus.
Asox hatte ganz intuitiv gehandelt. Gestern hatte Linus auch schon so ähnlich ausgesehen, als sie die Bilder angesehen hatten. Und die Geschichte dahinter kannte er ja auch nur zu gut. Sicherlich war es nicht besonders gut, wenn Linus das nicht heraus ließ, denn Linus sagte das selbst auch immer über die Gefühle des jungen Fuchsmenschen. Tränen konnten Wunder wirken, das wusste Asox nach all den Jahren nur zu gut. Und wenn es Linus so schwer fiel vor anderen zu weinen... Er bereute es nicht, einfach mal gehandelt zu haben und das kleine Danke, was er zu hören bekam bestärkte ihn darin noch. So viel mehr als er es angestrebt hatte.
Minuten lang blieben sie so. Keiner sagte mehr etwas und Asox bekam nur langsam das leicht klamme Gefühl der Tränen auf seiner Schulter zu spüren. Es macht ihm nichts aus, vor allem nicht dann, wenn er Linus damit helfen konnte.
Irgendwann schob Linus ihn an den Schultern aber wieder etwas zurück, hielt ihn mit der Linken weiter sanft fest, während er sich mit der Rechten die restlichen Tränen weg strich. Noch immer war das ein ungewohnter Anblick für ihn, doch Asox hatte eher Mitleid mit Linus, weil er offenbar nicht so aus sich heraus konnte, wie er manchmal gern wollen würde. Wegen diesem Stolz, den Asox nicht nachvollziehen konnte.
„Es tut mir Leid, dass... ich manchmal so einen Arschtritt dafür brauche. Kathie könnte dir jetzt viel besser erklären, dass das schon immer so war, als ich es jetzt kann. Ich kann dir auch schlecht erklären, wie es mir dabei geht. Ich kann nur sagen, mein Stolz ist dabei ein elementarer Punkt“, erklärte Linus noch immer getroffen und wirkte trotz seiner enormen Größe, die ja wirklich nicht zu verachten war, eher wie ein kleiner, schüchterner Junge.
„Das ist schon okay. Lass es uns einfach so stehen lassen. Man muss vielleicht auch nicht immer alles... tot erklären. Es ist so. Das Warum ist für mich gar nicht so wichtig. So bist du eben. Und damit werde ich leben. Ich möchte dir nur beistehen, wenn ich das darf und es dir gut damit geht“, gab Asox leise und gutmütig von sich. Er selbst wusste, wie schwer es manchmal war, für einen selbst ganz elementare Gefühle zu benennen oder zu erklären. Er würde es von Linus nicht erzwingen. Wenn er es sagen wollte, würde er aber bedingungslos zuhören.
„Du bist ein guter Junge, mein Kleiner. Mit was hab ich dich nur verdient?“ Linus schenkte ihm einen sanften, liebevollen Blick, während er ebenso zu ihm sprach und seinen rechten Daumen über seine Wange gleiten ließ, was Asox ein ganz besonderes Gefühl des Geliebt-Seins gab und ihn sich in diese Streicheleinheit schmiegen ließ.
„Ich würde zwar lieber weiter nicht darüber reden... aber wir sollten uns mal über heute Morgen unterhalten. Ich... gebe dir mal was zu lesen, setz dich“, erklärte Linus unvermittelt ernst und rückte ein wenig weg, klopfte auffordernd auf seinen Schoß, während er aus einem Schieber Briefe zog.
Plötzlich wieder in der bitteren Realität angekommen rutschte Asox Linus wirklich auf den Schoß und sah ihn unsicher an – nun fühlte er sich wie ein schüchterner, kleiner Junge – , als Linus ihm den ersten Brief reichte, den er zuvor von dem Umschlag befreit hatte.
„Lies das, Kleiner. Ich weiß nämlich nicht, wie ich es dir erklären sollte.“ Linus schloss die Arme um ihn und hielt ihn fest, als hätte er Angst vor etwas. Asox faltete den Brief also auseinander und begann das Lesen.
„Oh...“, bekam er nur heraus und las immer wieder die Worte Maulkorb und Fesseln. Das saß auf jeden Fall. Das wollte er nicht und das hätte er jedem erklären können, denn ein sogenannter Maulkorb für Anthros war kein Korb vor dem Maul, wie es bei Hunden war. Es war eine Vorrichtung, die das Öffnen des Mundes schlicht unmöglich machte, da die Kiefer aufeinander gedrückt gehalten wurden. Und Asox wusste, wie schmerzhaft das sein konnte. Genau deshalb hatte er ja auch Yuto dieses Ding abgenommen.
„Ja,“, seufzte Linus, „das dachte ich mir auch. Nun weiß ich nicht, wie du dazu stehst. Prinzipiell finde ich es gut, wie du dich verhalten hast. Gut, das Fast-Treten war wirklich ein bisschen... krass. Aber ansonsten war es gut, finde ich. Vielleicht sollten wir uns von den Veranstaltungen lieber fern halten. Ich will dich nicht unterdrücken und du hast nicht komplett falsch reagiert.“ Linus' Erklärung löste gleichzeitig Erleichterung in ihm aus, aber auch Trauer. Er ging gern zu diesen Abenden, kam gern mit anderen wie ihm in Kontakt, wo er es in der Vergangenheit doch nicht gedurft hatte. Und gerade Max' Freunde aus der Anthro-Schule waren wirklich nett und verstanden ihn überraschend gut. Wie hätten sie es auch nicht gekonnt, waren sie doch mit den gleichen Werten wie er aufgewachsen. Aber es war nun einmal bittere Realität, wie ihm schmerzlich bewusst wurde, dass er sich für die Gesellschaft mehr als unpassend verhalten hatte, denn von ihm wurde erwartet, dass er mit sich geschehen ließ, was andere wollten. Er war ganz unten und alle durften mit ihm tun, was immer sie wollten. Mord eingeschlossen, wie er ja wusste.
„Ich weiß es nicht. Ich gehe eigentlich gern hin. Auch wegen Max' Freunden. Aber ich möchte dich auch nicht bloß stellen mit meinem Verhalten“, erklärte Asox leise und betrübt mit gesenkten Ohren.
„Ich weiß.“, seufzte Linus, „Und was schlägst du vor? Ich werde auf jeden Fall nicht dulden, dass du dich angraben lässt, nur weil es ein paar pädophile Arschlöcher dort gibt, die zu beschränkt sind, ihre Augen und ihren Verstand zu gebrauchen. Du sollst dich wehren. Und ich war sehr stolz auf dich, dass du es getan hast“, meinte Linus sanft aber auch irgendwie verärgert.
Eine ganze Weile saßen sie stumm da und während Linus ihm immer mal wieder durch die Haare streichelte, überlegte er angestrengt, wo genau man dort einen passenden Kompromiss finden konnte.
„Denkst du...“, begann Asox irgendwann Gedankenverloren, „wenn ich mich mit Worten verteidige, würde es etwas bringen?“
Er war schon oft so weit gewesen, dass er gebettelt hatte und es hatte in all diesen Jahren nichts gebracht, eher noch angestachelt, weil er nicht reden hätte dürfen. Doch er hatte sich gestern ja mit Linus darüber unterhalten und so war es der erste Gedanke, den er klar zu fassen bekam.
„Ehrlich gesagt, weiß ich es nicht. Diese Leute sind … mindestens so stolz wie ich. Aber auch zehnmal so abgebrüht. Ob man bei denen was mit Worten erreichen kann, wenn man nicht offensichtlich in der Position ist, zu drohen, weiß nur der liebe Gott. Einen Versuch wäre es jedoch allemal wert. Nur ist die Frage, ob du das kannst“, gab Linus zu bedenken.
„Ich habe bis zum nächsten Mal doch noch ein bisschen Zeit, oder? Ich kann es bestimmt lernen. Ich möchte nicht, dass man blöde Sachen über dich erzählt. Ich wette, das passiert jetzt schon.“ Asox wollte sich gar nicht vorstellen, wie sich die Leute über ihn das Maul zerrissen, nur weil Linus zu seinem Verhalten nichts gesagt und ihn sogar noch verteidigt hatte. Bestimmt sprach schon der gesamte Adel darüber.
„Und weißt du was? Es ist mir ganz egal, was für 'blöde Sachen' über mich erzählt werden. Das klingt total widersprüchlich zu der Sache mit dem Stolz, ich weiß. Gerade das dürfte mir dabei nicht egal sein. Aber es wird so viel über mich erzählt und es wird so viel spekuliert, dass mir das ganz egal ist. Mir geht es nur... Bei meinem Stolz geht es nur darum, dass ich nicht zusätzlich zu dem Scheiß, der da erzählt wird, auch noch als Sensibelchen und so was gelte. Auch wenn ich tatsächlich sehr sensibel bin, aber dass muss ja nicht jeder wissen, der lesen und oder hören kann. Das lasse ich nur Leute wissen, denen ich grenzenlos vertraue, dass sie es nicht herum erzählen. Dir und meiner nahestehenden Familie zum Beispiel. Meine Mutter ist eben das – meine Mutter, die Frau, die mich geboren und fünfzehn Jahre aufgezogen hat – und deshalb weiß sie es auch, obwohl es mir ja lieber wäre, wenn sie es nicht wüsste. Punkt ist: Lass sie einfach reden, dann tun sie nichts schlimmeres. Das Bellen eines Hundes ist bekanntlich schlimmer als sein Biss“, endete Linus seine kleine Erzählung mit einem sehr verbreiteten Sprichwort, dass Asox erst vor nicht allzu langer Zeit verstehen gelernt hatte. Er kuschelte sich ganz nah an Linus, bevor er leise weiter sprach.
„Aber es ist nicht fair, dass mein Verhalten für dich zum Nachteil wird. Ich will dich nicht in Schwierigkeiten bringen“, flüsterte er ganz nah an Linus gedrängt.
Er spürte Linus kurz und leise auflachen.
„Was ist schon fair im Leben? Wer dürfte besser als du wissen, dass das Leben nun einmal nicht fair ist, Asox?“ Dabei wurde er wieder einmal so liebevoll durch die Haare gestreichelt, was ihn deutlich entspannte.
„Aber ich finde die Idee gut, dass du verbal kontern willst. Einigen wir uns darauf und sehen, wie es klappt, okay?“, meinte Linus kompromissbereit und Asox nickte einverstanden.
„Sehr gut. Dann lass uns jetzt mal über Desaster Numero due herfallen. Davor kann ich dich wohl leider nicht bewahren“, erklärte Linus und griff nach dem zweiten Briefkuvert und drückte ihm einen zweiten ausgepackten Brief in die Hände, bevor er wieder die Arme um seinen Körper gelegt bekam. Wieder begann er zu lesen.
Er wusste nicht, was eine Reform war, es war ihm auch egal. Das alles sah ganz anders aus, als das andere Schreiben. Und das er sich untersuchen lassen werde müssen, gefiel ihm nicht. Er hatte auch nach einem halben Jahr hier noch Angst vor anderen. Und vor allem ließ er sich von anderen ungern anfassen. Vincent war okay, der war einigermaßen nett und vorsichtig und gehörte zur Familie, den kannte er ja jetzt. Aber irgendein Fremder? Das ließ ihn hart schlucken und sich Schutz suchend noch ein Stückchen näher an Linus pressen.
„Das... macht mir Angst. Ich will mich nicht von jemandem anfassen lassen, den ich nicht kenne“, brachte er ängstlich hervor, als seine derzeitige Sitzgelegenheit ihm den Brief aus der Hand nahm und achtlos auf den Schreibtisch warf.
„Das dachte ich mir schon. Es ist mir auch egal, was die dazu sagen werden, ich lasse dich dort nicht aus den Augen. Ich habe noch nie etwas von diesem Arzt gehört und ich habe auch ein komisches Gefühl dabei. Zusammen stehen wir das dort durch, okay?“
„Du lässt mich dort nicht alleine?“, musste sich Asox einfach noch einmal versichern, um nicht durchzudrehen und das panische Weinen zu beginnen.
„Niemals. Eher verkaufe ich Edward Manor“, wurde ihm beteuert, was ihn sehr verwirrte.
„Welches Herrenhaus?“, fragte er verwirrt nach und vergaß seine Angst über diese Frage kurz.
„Dieses Anwesen. Benannt nach dem tot geglaubten Edward V. Du erinnerst dich an die Familiengeschichte, die Dad zu Weihnachten erzählt hat?“
Asox erinnerte sich daran sehr gut, auch wenn er nicht mehr jedes Detail wusste, doch er hatte nicht gewusst, dass dieses Herrenhaus so hieß. Wie auch? Das hatte man ihm nie erzählt, vermutlich war es nie wichtig gewesen.
„Sicher. Das hast du nur nie erwähnt, deshalb wusste ich es nicht. Ich kenne mich da ja leider wenig aus“, erklärte er leise.
Noch ein paar Minuten hatte er einfach nur auf Linus Schoß an ihn gekuschelt da gesessen, bis er sich wieder gefangen hatte und von Linus herunter rutschte.
„Können...wir jetzt was schönes machen? Du... wolltest noch ein Bild malen und du hast gesagt, ich darf heute zuschauen“, erinnerte Asox seinen Besitzer und wollte damit vor allem die blöden Neuigkeiten vertreiben und sich vorerst auf etwas anderes konzentrieren, wenn er diesem Mist schon nicht entgehen konnte.
Linus schien das für gut zu befinden, denn er lächelte und streichelte einmal mehr durch seine Haare.
„Klar. Da haben wir heute ja noch einiges vor, so viel wie wir uns gestern vorgenommen haben. Hast du einen Motivwunsch?“
Asox hielt sich den den rechten Daumen unter das Kinn und den angewinkelten Zeigefinger über die Lippen, warf sich in eine ganz typische Denker-Pose, als er nachdachte.
„Hm... Eigentlich nicht. Hast du denn einen?“, wand er sich an Linus und legte ein bisschen den Kopf schief.
„Es ist dein Zimmer“, erinnerte ihn Linus amüsiert und ließ sich in den Chefsessel zurückfallen.
„Ich weiß, aber... Ich habe keine Idee“, gab er ehrlich zu.
„Na dann lass uns mal in mein Atelier gehen, dort können wir ja weiter überlegen“, erklärte Linus seinem Schützling und stand auf.
„Was ist denn ein Atelier?“, wollte der Kleine neugierig wissen, als sie zur Tür gingen. Linus lächelte beharrlich.
„Das – mein Kleiner – siehst du früh genug. Lass dich überraschen“, antwortete er amüsiert. Er wollte es nicht verraten, das hätte zu viel von der... Magie genommen, die dieser Raum für ihn besaß. Er führte Asox also auf die Nordseite des Anwesens und blieb vor dem Raum stehen. Asox hatte nicht mehr nachgefragt, das hatte Linus auch nicht erwartet. Doch jetzt trat er hinter den Jungen und legte ihm wie schon an Tag zuvor die Hand über die Augen.
„Ich zeige nicht vielen Leuten diesen Raum. Es ist so was wie mein Rückzugsort. Du wirst sicher etwas erschrecken“, verkündete er leise kichernd. Denn dieser Raum war völlig anders als der Rest des Anwesens und darauf musste er Asox vorbereiten. Er selbst war nämlich eigentlich ein Freund des... geordneten Chaos. Nur schämte er sich dafür mindestens so sehr wie dafür, so sensibel zu sein. Und das Atelier war so was... wie seine kleine Welt, fernab jedermanns Blicken und Beurteilungen.
Er öffnete also die Tür und schob vorsichtig seinen Jungen ein paar Schritte in den Raum, den hellbraune, hölzerne Regale mit allerlei Utensilien und Bilder sowie die riesige Fenster dominierten.
„Nicht erschrecken“, warnte Linus und nahm dann die Hand wieder weg, ging durch den Raum, in dem er sich seine Materialien zusammensuchte – die speziell vorbereitete Leinwand, die Farben, die Pinsel, alles eben.
Er war trotz der Ruhe hier drin sehr nervös. Was würde Asox nur dazu sagen? Scheinbar gab es hier keine Logik in der Anordnung und Verteilung der Sachen – zumindest für alle Außenstehenden. Linus selbst wusste von allem, wo es lag, sah hier absolut durch. Er beherrschte das geordnete Chaos wie kein zweiter – zumindest hier drin. In seinem Arbeitszimmer war es ihm unwahrscheinlich wichtig stets Ordnung zu waren – und zwar penibel! Denn anders wäre er wohl längst vor Stress gestorben.
Als er sich also seine Sachen zusammengesucht hatte, wand er sich wieder Asox zu, der sich mit großen Augen und auf die Brust gelegten Händen umsah. Er wirkte fast ehrfürchtig und so, als ob er hier nichts anfassen dürfte. Was so nicht stimmte.
„Gefällt es dir?“, wollte Linus wissen und bereitete schon einmal den größten Teil der Materialien vor. Da die Leinwand schon grundiert war, musste er das nicht mehr machen, was ihm viel Zeit ersparte. Er legte sich Pinsel, die kleinen Farbtuben, die „Mischpalette“ alias eine weißen Keramikplatte, und natürlich die Leinwand zurecht, machte sich ein kleines Gefäß mit Aquafix fertig und ging hinüber zu dem kleinen Waschbecken, wo er sich eine Schale mit Wasser füllte. Asox ließ sich offenbar Zeit mit seiner Antwort, weshalb Linus für all das Zeit fand, bevor sich der Junge zu einer Antwort durchringen konnte.
„Es ist so... ganz anders als der Rest hier“, gab Asox leise von sich und als Linus sein Wasser zurück zum Tisch trug, sah er, dass Asox ihn ansah. Er lächelte ein bisschen, so wie Linus es schon seit dem Eintritt in sein kleines Reich tat.
„Positiv anders oder negativ anders?“, erkundigte sich Linus und stellte die Schale ab, bevor er hinüber zu seinem Jungen ging und die Hände in die Hosentaschen gleiten ließ. Aus einem unerfindlichen Grund war es ihm nicht ganz unwichtig, dass Asox es hier gut fand. Immerhin würden sie ihre Leben teilen und er war sehr gern hier, auch wenn er es nicht oft war.
„Ich weiß nicht. Einfach nur anderes. Es wirkt so... durcheinander hier. Das kenne ich schon kaum mehr, seit ich hier bin. Sonst ist alles so penibel ordentlich und aufgeräumt“, erklärte Asox vorsichtig und sah genauso zu ihm auf. Linus lächelte selbstironisch.
„Das hier“, er machte eine den Raum umfassende Bewegung, „ist mein kleines Reich, kann man sagen. Und hier bin ich einfach... ich. Deshalb sieht es hier auch so aus, wie es eben aussieht. Nur ein wahres Genie beherrscht das Chaos. Nein, jetzt mal Spaß beiseite. Ich bin eher... für geordnetes Chaos, denn das kann ich verstehen. Mein Vater würde es mir wohl nie verzeihen, wenn ich überall so... herumschlampen würde – wie er es nennen würde. Deshalb ist das Haus so pedantisch aufgeräumt. Und in meinem Arbeitszimmer muss es so sein, denn sonst würde ich da gar nicht mehr durchsehen. Schau dich ruhig noch ein bisschen um, du darfst die Sachen auch alle anfassen, denn Bleistiftzeichnungen habe ich hier nicht, die würden verwischen. Aber den Rest kannst du ruhigen Gewissens untersuchen. Ich gehe mir nur kurz noch die Jeans anziehen und komme dann wieder. Du darfst dich auch hinsetzten, wenn du möchtest. Ich bin gleich wieder da“, versprach Linus noch schnell, dann ging er, denn zum einen waren Anzughosen hier drin sehr unbequem und sollten vielleicht nicht unbedingt mit Farbe beschmiert werden – zwei Punkte, die sie im Atelier unpraktisch machten.
Asox war ganz verblüfft, wie schnell und fröhlich Linus verschwunden war. Doch er würde ihn beim Wort nehmen und sich weiterhin etwas umsehen.
Die Bilder hier waren allesamt ziemlich beeindruckend für ihn. Wenn er daran dachte, dass sie jemand mit der Hand gemalt hatte. Und dass es Linus war, erstaunte ihn noch mehr. Es gab Landschaften, Blumen, Personen, Gebäude – alle waren verschieden in Größe und offenbar verschiedenem Material, denn Asox erkannte sogar als Laie einen Gewaltigen Unterschied zwischen den Farben, auch wenn alles eher realistisch aussah. Er würde Linus später einmal darauf ansprechen, beschloss er, als er die Fingerspitzen ganz vorsichtig über eine der Leinwände gleiten ließ. Die kleinen Hügel der getrockneten Farben fühlten sich ungewohnt unter seinen Fingern an. So hart hätte er es nicht eingeschätzt. Er nahm die Finger wieder zurück und wand sich den vielen Sachen zu, die ihm alle nicht wirklich was sagten. Er ließ die Fingerspitzen über die Borsten an den Enden der vielen Stiele fahren. Was das nur war? Es gab so viele davon hier und so verschiedene dazu.
Als er Schritte hörte, nahm er die Finger weg, blickte zur Tür und sah Linus eintreten – diesmal mit Jeans statt der bestimmt teuren Anzughose.
„Na, hast du dich noch ein bisschen umgesehen?“, erkundigte sich Linus, der überaus zufrieden aussah.
„Ja. Darf ich dich was fragen?“, erkundigte er sich und zog unsicher die Unterlippe zwischen die Zähne.
„Klar doch. Was willst du denn wissen?“ Mit nicht allzu vielen Schritten war Linus bei ihm.
„Was ist das da? Die Frage ist bestimmt dumm, aber ich habe absolut keine Ahnung vom Malen“, rechtfertigte sich Asox auch gleich ein bisschen. Linus sah ihn verwirrt und auch etwas tadelnd an.
„Du musst dich nicht rechtfertigen. Das sind Pinsel. Hattest du noch nie einen Pinsel in der Hand?“
Asox schüttelte den Kopf. Wann auch? Linus verzog das Gesicht offenbar empört.
„Was zeigen diese Vollidioten euch eigentlich? In jedem Kindergarten wird gemalt! Das ist nicht gerade unwichtig für Kinder wegen der Feinmotorik“, erklärte Linus so, wie er aussah.
Jetzt fühlte Asox sich dumm. Bestimmt hatte es Linus nicht böse gemeint, aber es ließ ihn sich wirklich absolut unwissend und dumm fühlen. Er fragte sich, ob er vielleicht deshalb so oft und schnell traurig wurde, weil er gefühlt jeden Tag erfuhr, dass er absolut keine Ahnung von irgendwelchen grundlegenden Dingen und seiner eigenen Kultur hatte. Und damit hatte er den Nagel auf den Kopf getroffen, denn Unfähigkeit bedeutete für ihn... nutzlos zu sein. Und das galt es zu vermeiden.
So recht wusste er jetzt auch nichts zu erwidern. Wenn er sich entschuldigen würde, dann würde Linus nur wieder ein Problem damit haben.
„Ach herrje... Ich verstehe langsam, wie blöd du dir manchmal vorkommen musst, wenn die euch die elementarsten Dinge nicht beibringen. Aber mach dir keine Sorgen, das lernst du alles mit der Zeit. Und jetzt lass uns mal über dein Bild sprechen. Hast du dir jetzt was überlegt?“
„Ähm... Nein... nicht wirklich“, erklärte Asox schwermütig, weil er das Thema und seine eigene Unwissenheit nicht einfach weg drücken konnte, wie es scheinbar Linus konnte.
„Fein, dann hab ich eine Idee“, verkündete Linus lächelnd und Asox war sich diesmal ganz sicher, dass das eines der wirklich ehrlichen Lächeln war, dass Linus ihm da zeigte. Sein Blick fiel, als Linus sich zu einem Tisch begab, auf dessen Armband. Plötzlich musste er etwas lächeln. Linus trug es wirklich noch immer. Er sah zu dem riesigen Mann herüber, der sich noch einmal das große weiße Ding und offenbar noch etwas von dort nahm und stattdessen Papier und ein paar wenige Stifte holte. Allein diese kleine Geste – dass er noch immer dieses kleine, blaue Band um sein Handgelenk trug – ließ Asox ganz warm ums Herz werden und dümmlich lächeln.
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