Rain On The Roof

GeschichteAbenteuer, Romanze / P18
Jared Leto OC (Own Character) Shannon Leto Tomislav "Tomo" Milicevic
14.02.2016
13.04.2017
2
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Der Regen hatte ja irgendwann kommen müssen.
Schon seit einer Woche war es so heiß, dass einem das Atmen zu jeder Tageszeit schwer fiel und man nicht mehr wusste, wo man sich noch vor der Hitze verstecken sollte. Angeblich war die alte Verkäuferin im Kiosk an der Straßenecke wegen der Hitze tot umgefallen. Tragisch, nur einen halben Tag später wäre der Regen da gewesen.
Ein Knistern, ein fast lautloser Vorbote, hatte in der Luft gelegen als Ruby an diesem Tag aus dem Bus gestiegen war und sie hatte sofort die Veränderung gespürt. Heute würde sich der Wind drehen und der Regen kommen, das fühlt sie in den Knochen.


(Rain on the Roof)

1

Prolog



Die anderen waren gerade dran. Sie hatte Pause.
Der Raum hatte keine Fenster aber eine Klimaanlage, die altersschwach und kaum mehr funktionstüchtig war. Vollgestellt mit Kleiderständern an denen buntes und glitzerndes hing, war kaum noch Platz für die zehn Schminktische und die Stühle die davor bzw. im Raum verstreut standen, aber es ging sich irgendwie doch aus.
Gedankenverloren, einen Arm auf die abgegriffene Tischplatte abgestützt, drehte sie an ihrer Zigarette herum und betrachtete das flackernde Lämpchen an ihrem Spiegel. Es war eines von diesen großen, klobigen Dingern die von taghellen Glühlampen umrahmt waren, so einer, von dem sie seit ihrer Kindheit schon geträumt hatte. Ballerinas und Filmstars spiegelten sich darin, Diven und Schönheiten. Frauen, die gerne ins Rampenlicht blinzelten genau hinsahen und ihren eigenen Anblick genossen. In so einen starrte sie gerade, aber es starrte keine Diva zurück. Sie sah ihr eigenes, blasses Gesicht, die großen, grauen Augen, die rotbemalten Lippen, die hochgesteckten, honigfarbenen Haare. Nichts davon schien ihr wert duplizert zu werden und so wandte sie den Blick ab. Vor der großen Scheibe lagen Kosmetikartikel verstreut, darunter ein aufrecht stehender Lippenstift, der über das restliche Chaos erhaben schien. Mit der einen Hand in eine alte Kaffeetasse aschend, schnippte sie mit der anderen den kleinen Plastikzylinder mit der Aufschrift "Bordeaux Sensation" um.

"Hey, was machst du denn schon wieder hier?"
Hinter ihr war jemand in den stickigen Raum getreten. Misty, ein Mädchen von gerade mal achtzehn Jahren, fummelte an ihrem Kleid herum und sah sie mit tatsächlichem Erstaunen an. War es denn so ungewöhnlich, vor Dienstbeginng schon da zu sein?
Wenn sie ehrlich zu sich war, ja.
"Ach, ich bin in der Pause geblieben, in Gedanken versunken und hab dabei die Zeit übersehen" antwortete Ruby wahrheitsgemäß und zog an ihrer Lucky Strike. Sie sah wie Misty mit den Schultern zuckte und nun, da sie ihr Kleid von sich gestreift hatte an ihrem Kopfschmuck zupfte. Anscheinend war ihr Interesse an Rubys Situation damit befriedigt.
"Der Regen ist ganz schön heftig, was?" fuhr sie nun mit belanglosem Small Talk fort. Ruby nickte zur Antwort und setzte noch ein "Ja, ziemlich krass" hinterher. Small Talk war das letzte das sie jetzt betreiben wollte, aber sie fühlte eine gewisse Genugtuung bei der Information, dass der Regen angehalten hatte. Auch wenn von der Kühle die er mit sich brachte hier hinten nichts zu spüren war.

Es dauerte nicht lange bis Misty sich vollends umgezogen hatte und verschwunden war. Das arme Mädchen hatte soweit wusste noch einen sehr langen Heimweg und so verübelte sie es ihr auch nicht, dass sie nicht versucht hatte ein Gespräch mit aufzubauen und schnell abgehaun war. Abgesehen davon, wäre sie auch keine gute Gesprächspartnerin gewesen.
Nun wieder alleine fiel Rubys Blick auf die Uhr über der Tür.
Halb sechs.
In einer halben Stunde begann ihre zweite Schicht des Tages und zu sagen, sie hätte absolut keinen Bock, wäre noch milde ausgedrückt.
Mit einem Seufzen drückte sie den Glimmstängel in dem kleinen Rest Kaffee aus der noch in der Tasse war und stand auf. Sie sah an sich herunter.
Die letzten Monate hatten ihre Spuren auf ihr hinterlassen. Durch den ganzen, sich aufhäufenden Stress war sie noch dünner geworden und sie trug das Kleid, dass sie schon die letzte Woche getragen hatte. Es gehörte nicht mal ihr. Während sie an dem roten Stoff zupfte, wünschte sie sich, einfach gehen zu können. Sie wollte da heute nicht raus, nicht für alles Geld der Welt. Aber sie musste und das für weitaus weniger Kohle.
Ohne sich weiter über ihre finanzielle Not Gedanken zu machen setzte sie sich in Bewegung richtung Tür. Das graue, schwere Ding gab mit einem langgezogenen Quietschen nach und führte in einen schmalen, ähnlich grauen Flur, den sie zur Genüge kannte. Nach rechts würde sie später gehen müssen, jetzt bog sie nach links ab und erreichte das Ende des bescheiden beleuchteten Ganges mit ein paar Schritten. Die Tür die sie dort anstrebte führte ins Freie, auf den hinteren Parkplatz um genau zu sein. Hier gingen die Mitarbeiter aus und ein, so wie Drogendealer und andere Lieferanten, die Rubys Boss engagiert hatte.
In dem Moment als sie die Sicherheitstür aufstieß, kam ihr der Regen entgegen. Er war warm und sanft, mischte sich mit dem Schweiß auf ihrem Gesicht, sammelte sich an ihrem Schlüsselbein und rann zwischen ihren Brüsten hinab. Trotz seiner eindeutig vom Sommer gezeichneten Wärme erfrischte er und setzte die Luft in Bewegung. Ruby atmete tief durch und scherte sich nicht, dass ihr Kleid ebenso nass wurde wie ihr Haar. Sie hatte noch genügend Zeit um sich umzuziehen und einen Föhn hatte sie auch in der Garderobe. Es gab keinen Grund, den Regen nicht vollends zu genießen, wenn er denn schon mal da war.
Als sie gerade so dastand und eigentlich kein Ohr und kein Auge für die Außenwelt hatte, hörte sie dann doch eine vertraute Stimme zu ihr durchdringen.

"Pearl!"

Sie hasste es, wenn man sie so nannte.

"Pearl, lass die Tür nicht zufallen!"
Jackson, ein junger Mann mit strubbeligen schwarzen Haar, ausgeprägten Augenringen und der Statur eines Zahnstochers kam über den Parkplatz auf sie zugelaufen. Wenn er etwas mehr auf den Knochen hätte, könnte er tatsächlich gut aussehen, dachte sie bei sich und drehte sich schließlich um, um wieder hineinzugehen und die Tür zu schließen.
Gerade als sie mit Genugtuung die Tür ins Schloss fallen lassen wollte, griff jemand anderes nach dem schweren Ding.
"Du kannst echt gemein sein, weißt du das?" schnaufte Jackson und schüttelte mit dennoch amüsiertem Blick den Kopf.
"Ja. Klar. Wie auch immer." Ruby zuckte mit den Schultern und machte sich wieder auf den Weg Richtung Garderobe und überließ die Sicherheitstür ihm. Sie hatte keine Lust auf ein Gespräch mit Jackson, besonders, nachdem er ihr ihren Moment im Regen ruiniert hatte. Es gab aber auch andere Gründe ihn nicht zu mögen. Zum Beispiel die Tatsache, dass er sich so ziemlich an jedes Mädchen in diesem Haus schon herangemacht hatte und bei denen, die auf ihn eingegangen sind, knüppeldicke STDs hinterlassen hatte. Oder dass er Drogendealer war und selber auch Konsument. Daher auch die kolossalen Augenringe. Hinter sich hörte sie Jackson seufzen. Er schien nicht sehr erfreut darüber, dass sein "Charme" wohl nicht immer Früchte trug. Das ging ihr herzlich am Arsch vorbei. Er konnte sie ja nicht einmal bei ihrem richtigen Namen nennen.
Ohne hinzusehen wusste sie, dass Jackson ihr nachdackelte, als sie wieder auf dem Weg in die Garderobe war und machte sich nicht die Mühe, sich nochmal umzudrehen und ihn zu verjagen. Wahrscheinlich war er wegen Clara hier, sie schien seine neue Flamme zu sein, oder besser gesagt sein neues Opfer. Gott weiß was eine Frau dazu trieb, sich mit dem Kerl einzulassen.
"Sag mal hast du später ein bisschen Zeit für mich?" säuselte er hinter ihr als sie die Garderobentür schon erreicht hatte.
"Nein" gab sie knapp zurück, schlüpfte durch die Tür und schloss sie hinter sich.
"Du solltest echt an deinen Manieren arbeiten!" Jackson klang nicht sonderlich beleidigt, aber dafür lautstark. Ruby lauschte und hörte, wie seine schlurfenden Schritte im Gang leiser wurden und schließlich verstummten. Weg war er.

"War das Jackson?"
Minnie, die Kostümdame des Hauses, stand im Raum an einem der Kleiderständer und sah sie nicht an, während sie auf eine Antwort wartete. Ihr schon mit grauen Strähnen versehenes Haar hatte sie in einen Knoten gebunden und mit gehobenen Augenbrauen sah sie angestrengt durch eine knallrote Brille, die auf ihrer Nasenspitze saß. Wie meistens trug sie einen schon betagt aussehenden Hosenanzug.
Ruby wunderte sich nicht wirklich über ihre plötzliche Anwesenheit. Minnie ging in den Garderoben ein und aus wie ein Schatten, immerhin war sie eine der wichtigsten Personen im Haus.
"Ja" entgegenete Ruby und befühlte ihre feuchten Haare, während sie wieder auf ihren Platz in der Garderobe zuschlenderte. Minnies konzentrierter Blick lag weiterhin auf den Kleidern, die sie begutachtete. "Irgendjemand sollte diesem Herrn einmal zu verstehen geben, dass er hier hinten nicht erwünscht ist" murmelte sie, während Ruby eine neue Zigarette aus der Packung auf ihrem Platz zog und fand, dass "Herr" eine übertrieben schmeichelhafte Anrede für diesen Kauz war.
"Ach, ich denke" nuschelte Ruby,während sie die Zigarette in ihrem Mund anzündete, "dass die anderen Mädels ihn gerne hier haben. Er bringt wenigstens ein bisschen Abwechslung hier herein." Sie warf das Feuerzeug klackernd auf die Tischplatte. Sie glaubte fast nciht, dass sie im entferntesten Sinn gerade Partei für diesen Idioten ergriffen hatte.
"Bitte, Mädchen" schnarrte Minnie, "das Rauchen ist hier verboten, wie ich denke."
"Es ist eine warme Empfehlung vom Boss es nicht zu tun, keine Vorschrift."
"Dann bleib wo du bist und komm den Kostümen nicht zu nahe." Minnie wollte anscheinend gar nicht erst damit anfangen mit ihr zu diskutieren. Damit war Ruby auch ganz zufrieden. "Und um zu diesem Taugenichts zurückzukommen" fuhr Minnie fort, "bin ich mir sicher, dass die Mädchen ohne ihn deutlich besser dran wären. Außerdem gibt es auch andere Dinge um Abwechslung in den Alltag zu bringen."
"Ach, zum Beispiel?"
"Nun, das Publikum zum Beispiel."
"Ach bitte Minnie, das Publikum ist doch immer das gleiche" brummte Ruby und lehnte sich an den Schminktisch. Mit mürrischem Blick blies sie den Rauch durch die Nase und starrte wieder auf den Lippenstift, den sie zuvor umgeschnippt hatte. Sogar ihr war aufgefallen wie verbittert sie gerade geklungen hatte. Zu ihrer Überraschung ließ Minnie trotzdem ein kleines Lachen hören.

"Kleines, ich habe so das Gefühl, dass heute noch etwas überraschendes passieren wird, oder wie du es sagen würdest, eine "Abwechslung" bringt" verkündete Minnie kryptisch.
"Wie kommst du den darauf?"
"Naja, wenn wir bei dem höllisch heißen Wetter nun doch noch Regen bekommen, halte ich alles für möglich" gluckste Minnie.

"Dein Wort in Buddhas Ohr" seufzte Ruby und steckte ihre Zigarette in den Aschenbecher. Sie sollte damit beginnen sich die Haare zu Föhnen.
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