Auf der anderen Seite

von Alona
KurzgeschichteHumor, Romanze / P6
14.02.2016
14.02.2016
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Greenvale war immer ein ruhiger Ort gewesen. Eine kleine Stadt, in der jeder jeden kannte, ihn freundlich grüßte, wann immer man sich begegnete, wo man seine Kinder noch bedenkenlos auf der Straße spielen lassen konnte, weil es so wenig Verkehr gab und man nicht befürchten musste, dass ein Fremder sie entführte oder ihnen etwas antat – außer wenn es regnete.
Aber nun, da sie auf der anderen Seite waren, wurde diese Stadt zu ihrem Spielplatz. Jedes Haus stand ihnen offen, jeder Ort, zu dem sie gehen wollten – sofern er sich in der Stadt oder der näheren Umgebung befand –, wartete einfach nur auf sie.
Es gab keinen Regen mehr, keine Hitze, keine Kälte, keinen Hunger, keinen Durst, alles war geradezu perfekt, besser als das Leben jemals sein könnte. Auch wenn dieses Dasein auf ungewöhnliche Art und Weise errungen worden war, zumindest für sie hatte sich die Legende der roten Samen bewahrheitet. Die Ewigkeit stand ihnen offen, auch wenn sie gänzlich auf dieses Stück Land beschränkt blieben, das zu dieser Stadt gehörte, es war genug.
Auch war zwar niemand mehr hier, außer ihnen, den anderen Göttinnen und Thomas, aber das brauchte es auch nicht. Sie benötigten nur sich gegenseitig.
Wen kümmerte es, dass Diane stets arrogant war? Wen, dass Carol nicht sehr gesellig war? Und wen, dass Thomas dem Mörder geholfen hatte, weil er in diesen verliebt gewesen war?
Wenn sie es wollten, gab es nur noch sie beide, keinen der anderen. So wie an diesem Abend.
Gerade standen sie in ihrem alten Haus, das noch nicht wieder neu bewohnt worden war. Würden sie davon überhaupt etwas mitbekommen? Änderte sich hier jemals etwas?
Nachdenklich stand er vor ihrem Herd, klopfte sich wie gewohnt gegen die Brust und starrte den schwarzen Brandfleck an, der sich über die weiße Wand zog. Etwas, woran sie lieber nicht mehr denken wollte, deswegen hoffte sie, dass seine Gedanken wesentlich positiver waren, als sie ihn ansprach: „Woran denkst du gerade, York?“
„Ich musste nur daran denken, wie du hier zu kochen versucht hast.“ Er schmunzelte amüsiert, wie er es auch zu Lebzeiten – wenn man bei ihm davon sprechen konnte – bereits immer getan hatte. „Ich weiß auch noch, wie du dabei regelmäßig versagt hast.“
Spielerisch stieß sie ihm mit der Faust gegen den Arm. „Ach komm schon. Du hast alles gegessen, was ich gekocht habe. Zumindest die letzten drei Gerichte.“
„Nachdem Zach und ich dir beim Kochen geholfen haben.“
Stimmt, ohne die beiden wäre sie nie darauf gekommen, welche Zutaten ihren Gerichten noch fehlten und wie genau das alles zu kochen sei. Aber dennoch verzog sie die Lippen zu einer beleidigten Grimasse. „Das ist doch nicht dein Ernst, oder?“
Er lächelte ihr zu. Nicht dieses überhebliche Grinsen, das er ihr und allen anderen als FBI-Agent geschenkt hatte, als er noch immer davon ausgegangen war, er sei der Beste in allem und jedem anderen, besonders Menschen, überlegen.
Nein, heute war sein Lächeln ehrlich, nur ein wenig amüsiert, aber ansonsten voller Wärme und auch Liebe. Er liebte sie, was sie stets mit einem Gefühl der Ehrfurcht erfüllte. Immerhin war es nicht selbstverständlich, von jemandem wie York, jemandem, dessen Existenz so übernatürlich war, geliebt zu werden.
„Du weißt doch, wie ich es meine, oder?“
Er strich mit den Fingern über den Herd, die verkrusteten Platten, das Zeugnis ihrer einstigen Existenz und ihrer gescheiterten Kochversuche.
Sie gab ein gespielt lautes Seufzen von sich. „Ja, du meintest, es sei essbar. Das ist wohl ein Kompliment, wenn es von dir kommt, was?“
Er hob die linke Hand und den Zeigefinger, wie er es stets zu tun pflegte, wenn er etwas zu sagen hatte. „Aber sicher. Ich würde das nicht jedem sagen.“
Sie stemmte die Hände in die Hüften und blickte ihn finster an, was er mit einem leisen Lachen beantwortete und einem Vorschlag: „Sollen wir noch einmal etwas kochen?“
Hier war es für sie nicht mehr notwendig, zu kochen oder gar zu essen. Sie taten das nur noch, weil es eine Form von Genuss war, der sie an ihr früheres Leben erinnerte. Glücklicherweise gab es im A&G Diner immer noch leckeres Essen, da Emily sich nicht wirklich sicher war, dass es sich bei ihrer Kochkunst nicht vielleicht doch um etwas handelte, das sogar Götter töten könnte.
„Oh-ho“, entfuhr es ihr spöttisch. „Hast du derart viel Wagemut, dass du noch einmal mit mir kochen willst?“
Diesmal konnte er sich das Grinsen doch nicht verkneifen, aber um es zu tarnen, öffnete er bereits den Kühlschrank, um sich anzusehen, welche Zutaten ihnen zur Verfügung standen. „Ich gehe davon aus, dass uns hier nicht mehr so viel geschehen wird.“
„Aha!“ Sie imitierte seine Geste mit dem Zeigefinger. „Also traust du es dich nur, weil dir nichts mehr passieren kann!“
Im offenen Kühlschrank stehend, so dass sie nicht in sein Gesicht sehen konnte, lachte er leise. „Wenn du willst, koche ich einfach und du stichelst solange. Wäre das ein Angebot?“
Sie legte ihre Faust an ihr Kinn und neigte den Kopf, zu überlegen gab es da aber auch nicht sonderlich viel. „Hmm. Das klingt, als käme dabei etwas Gutes für mich heraus. Okay, damit wäre ich einverstanden.“
Er schloss den Kühlschrank wieder und lächelte sie an. „Gut, dann werde ich uns etwas kochen. Setz dich einfach an den Tisch und warte.“

Es dauerte nicht lange, bis York tatsächlich fertig war mit kochen – und es sah wirklich gut aus. Deswegen verspürte sie auch nicht den kleinsten Hauch von Furcht oder Argwohn, als sie die ersten Bissen nahm. Emily seufzte zufrieden, als das Essen, sogar das Fleisch, regelrecht auf ihrer Zunge schmolz. „Das ist wirklich richtig gut, York!“
Sie klang beeindruckter als sie eigentlich sein wollte, was wohl auch ihm auffiel, wenn sie sein Lächeln so betrachtete. Sie zog es aber vor, darauf nicht einzugehen und stellte lieber eine andere Frage: „Was ist das denn?“
„Du wirst es nicht glauben“, antwortete er zwischen zwei Bissen. „Es ist Italienischer Rindertopf.“
Im ersten Moment wollte sie wissen, weswegen sie das nicht glauben sollte, aber dann fiel ihr auch wieder die Verbindung der beiden dazu ein. „Ah, so muss er also schmecken, wenn er richtig gemacht wird.“
„Ich habe sogar daran gedacht, Fleisch hineinzugeben.“
Sie lächelte unwillkürlich, als sie daran dachte, wie er ihr das erste Mal beim Kochen geholfen hatte – und wie ihr geplanter Italienischer Rindertopf plötzlich zu Makkaroni und Käse geworden war. Und auch wie er danach gefragt hatte, wo ihr Fleisch für ihre Planung gewesen sei.
Damals hatte sie ihm keine Antwort geben können, aber nun brachte es sie nach dem Lächeln auch zum Lachen, weswegen sie das Essen erst einmal einstellen und sich eine Hand vor ihren Mund halten musste. Dabei bemerkte sie weiterhin Yorks Blick auf ihr, sein sanftes Lächeln, die Zufriedenheit in seinem Inneren, die auch auf sie übergegangen war, schon vor langer Zeit.
Alles an diesem Ort war gut, solange sie zusammen sein konnten, sie bereute absolut gar nichts, wenn York bei ihr war – und so ließ sich auch das Leben als Göttin des Waldes ertragen und wundervoll gestalten, mit ihm an ihrer Seite.