Greek Nights

GeschichteMystery, Freundschaft / P16
Anastasia Lankford Dragon Lankford Lenobia Nicole OC (Own Character)
13.02.2016
06.11.2016
20
100.709
5
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1 Review
 
 
13.02.2016 9.150
 
Hey, das ist meine erste Fanfic hier, vielleicht möchtet ihrs einfach mal kurz durchlesen, und mir dann ein Review dalassen, damit ich weiß, was ich verbessern kann/ was schon gut ist....

Danke schon mal, eure Tigerknife
und viel Spaß bei der Story...

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Kathrine

Mit einem Klicken löste sich der Karabiner aus der Schlaufe des Knotenhalfters und ich legte den Führstrick über die Bande. „Mal sehen, ob das Ganze auch so geht, meine Süße.“, flüsterte ich meiner Stute zu und strich ihr über das gelb-cremefarbene Fell. Dann stellte ich mich auf die Höhe ihres Kopfes, richtete mich hoch auf,  spannte die Muskeln an und schnalzte einmal; zu meiner tiefen Befriedigung lief Chica sofort im Schritt an und hielt sich über die gesamte Strecke direkt neben mir.

Als wir ungefähr in der Mitte der Halle angelangt waren, entspannte ich meine Schultern „Whoa“ und die Stute blieb augenblicklich stehen. Vier Tritte rückwärts, dann eine Hinterhand-Wendung – okay, es könnte besser gehen, aber genau das konnte ich noch nicht mal mit Strick perfekt, es wollte einfach nicht klappen, nun gut.

Nach einer kurzen Trabstrecke über die Stangen auf den Boden, klinkte ich den Strick wieder ein und räumte jegliche Stangen wieder auf. Ich öffnete das Hallentor – von der heißen Luft des Sommers aufgewirbelter Staub wirbelte herein. Vom Nießen stockte mir der Atem, dann stahl sich ein krächzender Husten meinen Hals hinauf.

Wieder bei Chica angelangt nahm ich ihren Strick und führte sie über den Hof zurück zum Stall, wo ich sie innen anband, um uns beide vor der sengenden Sonne zu schützen. Mit schwungvollen Bewegungen führte ich die Kardätsche über die dunkel verfärbten Stellen in Chicas Fell. Als ich mich bückte um den Sand der Reithalle aus ihren Hufen zu kratzen, erwischte mich ein so heftiger Hustenanfall, dass ich mich an Chicas Bein abstützen musste. Das konnte doch wohl nicht wahr sein! Es war doch kurz vor den Sommerferien!

„Alles in Ordnung bei dir, Kath?“, fragte mein großer Bruder, der gerade um die Ecke bog und Chica im Vorbeigehen einen Eimer mit ihrem Kraftfutter hinstellte.

Ich nickte. „Ja, ja, nur ein bescheuerter Husten, der sich in der Jahreszeit geirrt hat.“ Trotzdem hob er eine Augenbraue und betrachtete mich mit einem Blick, den ich gar nicht ausstehen konnte. „Nein, ich werde sicher kein Vampyr!“, fauchte ich. Das wäre ja noch schöner!

Als er dennoch zweifelnd blickte drehte ich ihm demonstrativ meinen Rücken zu und fuhr damit fort Chicas volle Mähne zu entwirren, damit sich die braunen Strähnchen schön von den restlichen schwarzen Haaren abhoben. Zum Vampyr werden, also bitte! Das passierte doch wirklich nur Freaks. Obwohl, man sagt, Vampyre seien die schönsten und atemberaubendsten Lebewesen auf der Welt, und ich muss zugeben, ich hab in meinem bisherigen Leben noch nie einen wirklich attraktiven Jungen getroffen. Also könnte sich das Ganze ja doch vielleicht mal lohnen; aber nur wenn man es auch wieder rückgängig machen könnte… Und außerdem, was sollte ich in diesem Fall mit Chica anstellen, sie hierlassen wollte ich ganz und gar nicht, aber mitnehmen ging bestimmt auch nicht. - Passiert sowieso nicht, also zerbrich dir nicht gleich den Kopf darüber!, schimpfte ich mich selbst.

Um ehrlich zu sein, ich hatte wirklich wichtigere Probleme, als über Dinge nachzudenken, die sein könnten. Zum Beispiel die Lateinklausur am Montag, und danach konnten Chica und ich endlich anfangen uns auf die Sommerturniere vorzubereiten. So abgelenkt, stellte ich Chica zu den anderen Pferden auf den Paddock und begann den riesigen Offenstall auszumisten.

„Kathrine!“, rief mich Mums Stimme von den Hausaufgaben weg. „Das Abendessen ist fertig!“



Zum Abendbrot trank ich einen Hustentee, der meinen Hals zumindest so weit beruhigte, dass ich das Brot ohne größere Schmerzen hinunterschlucken konnte. War das fair?

Zu allem Unglück verkündete meine wundervolle Schwester Nancy auch noch, dass ihr Freund (Macho-Jake) morgen zum Frühstück kommen, und sie danach mit in die Stadt nehmen würde. Mal ganz davon abgesehen, dass ich nicht wusste, was so toll an Sweetwater sein sollte – es war immerhin einfach nur eine Kleinstadt mit einem minimalen Kino und ohne viel Entertainment; aber noch schlimmer war das mit dem Frühstück.

Fast sofort sprach Bill meine Gefühle aus: „Sag mal, kannst du nicht allein in die Stadt gehen, und dort mit ihm in irgend ‘nem Restaurant frühstücken?“

„Bill!“, entgegnete Dad entrüstet, dann wandte er sich an Nancy. Ohne auch nur einen Gedanken an das Wohlergehen seiner Familie zu verschwenden, antwortete er ihr: „Gut, wann möchte er denn kommen?“ Ich hingegen konnte mir ein Seufzen nicht verkneifen und erntete dafür einen missbilligenden Blick meiner Mum.



Ich erwachte von einem nicht enden wollendem Hustenkrampf. Das Licht meines Weckers wurde durch die vereinzelten Sonnenstahlen, die durch die Markise vor meinem Fenster schlüpften abgestumpft. Sechs Uhr zweiunddreißig. Ich war unendlich müde, nur leider konnte ich mit meinem verfluchten Husten garantiert nicht weiterschlafen, und sowieso: ich hatte Futterdienst.

Mit dem guten Gefühl, für mein vorbildliches Verhalten dadurch belohnt zu werden, mir beim Frühstück angeberisches Gelaber anhören zu müssen vollzog ich mein allmorgendliches Ritual (ihr wisst schon: waschen, anziehen, Pickelcreme-ins-Gesicht-schmieren, Haare bürsten, und so), und spritzte mir zusätzlich noch kaltes Wasser ins Gesicht, um richtig aufzuwachen. Danach ging es runter in die Küche, wo ich den Schieber für Futterdienst zu Nancy weiterschob und mich aus dem Haus begab; in Richtung Stall.

Der Sand war durch die langsam aufsteigende Sonne schon angenehm aufgewärmt worden – ein fast schon wahnwitziger Gegensatz zu der Grippe, die mich so hartnäckig heimsuchte. Das Innere des Stalles lag noch im Halbdunkeln, als ich hineinging und die eiserne Klappe des Futtertrogs anhob und gegen die Wand lehnte. Ich füllte Chicas Eimer mit Müsli, dazu noch zwei frisch kleingeschnittene Karotten und … ein warmer Luftzug fuhr mir über die Haut. Ich hatte doch das Tor zugemacht!

Das Messer instinktiv fester greifend, fuhr ich herum. Und stolperte erschrocken zurück, als hinter mir tatsächlich jemand stand. Unentschlossen, was ich nun tun sollte, musterte ich mein Gegenüber. Der Junge war etwa einen halben Kopf größer als ich, aber da er im so ziemlich dunkelsten Abschnitt der Stallgasse stand, konnte ich nichts weiter erkennen. Dann trat er einen Schritt vor und ich begriff, warum sein Gesicht so merkwürdig ausgesehen hatte.

Bevor ich auch nur etwas sagen konnte, hatte er die rechte Hand gehoben und begann mit einer Stimme zu sprechen, die mir die Haare zu Berge stehen ließ. Ich achtete nicht auf den Text, zu irritiert war ich von dem saphirfarbenen Mal auf seiner Stirn – die wundervollen, verschlungenen Linien, zu beiden Seiten eines Sichelmondes, die sich, an anmutige Flügel eines Raubvogels erinnernd, zu seinen Wangenknochen hinunter wanden.

Als sich der Mund des Jungen schloss, explodierte meine Stirn vor Schmerz. Ich spürte nur noch, wie mir das Messer aus der Hand fiel, und dachte: Das kann nicht war sein! Dann wurde mir schwarz vor Augen.

Abrupt wurde mein Fall gestoppt. Der Vampyr hatte mich aufgefangen, bevor ich auf dem Boden aufschlagen konnte.

Ich hatte noch nie einen Vampyr gesehen, umso überraschter war ich, dass dieses Exemplar so jung war. Sobald er merkte, dass ich die Augen geöffnet hatte, ließ er mich los, als brenne meine Haut wie Feuer. Ich sah mich in der Stallgasse um. War ich so lange ohnmächtig gewesen, oder kam es mir nur so vor, als sei es heller geworden? Ein Blick auf meine Uhr bestätigte allerdings, dass erst viertel nach sechs war. Ich schimpfte mich, mir nicht selber so viel Angst einzujagen und blickte wieder zu dem Jungen auf.

Da traf es mich wie ein Schlag, und ich vergaß für einen kurzen Moment meine stechenden Kopfschmerzen. „Nein!“, mit immer größer werdenden Augen sah ich den Jungen an. „Nein, nein, NEIN! Das kann nicht wahr sein!“

Er verzog den Mund zu einem Lächeln, das ich zwischen belustigt und schamlos nicht einordnen konnte. „Doch, ich denke schon. Zumindest zeichnet der Mond auf deiner Stirn dich als waschechten Jungvampyr aus.“ Der Typ war echt verwirrend; seine Stimme hatte sich vollkommen verändert, und klang nun tiefer, irgendwie allerdings auch frecher und gemein.

„Aber … Ich … Was soll ich denn jetzt tun?“ Okay, mir war natürlich klar, was ich jetzt tun sollte, nämlich so schnell wie möglich eines dieser House of Night aufsuchen, von denen man immer hörte. Ich erinnerte mich auch, dass um eben diese Schulen in letzter Zeit ein ziemliches Aufhebens gemacht worden war, wegen den ganzen Morden, die in Oklahoma City verübt worden waren. Angeblich waren daran ausschließlich Vampyre schuld. Aber selbst ohne dieses eindeutig überzeugende Argument zu dieser Zeit unbedingt ein Vampyr werden zu wollen, hatte ich noch ganz andere Probleme. „Ich meine, ich kann doch nicht einfach weggehen!“, steigerte ich mich in meine Hysterie hinein, „was mach ich denn dann mit Chica und sowieso, soll ich mein ganzes Leben einfach so wegschmeißen? Das ist doch bescheuert!“

„Also erstens: Das musste jeder von uns mitmachen, und was mit anderen passiert, sollte dir im Moment ziemlich egal sein, wenn du nicht den unbeschreiblich dringenden Wunsch verspürst zu sterben. Dann hätte ich es dir allerdings auch einfacher machen können, indem ich dich einfach fallen gelassen hätte und weggegangen wäre. Jeder hätte es für einen Unfall gehalten – was es schließlich auch gewesen wäre, immerhin kann ich nichts dafür, dass du ein Messer in der Hand hältst, und es dann auch noch fallen lässt, um draufzufallen.

Falls du aber doch nicht diesen Wunsch verspürst, so würde ich dir nahelegen, so schnell wie möglich nach Tulsa in das dortige House of Night zu gehen – es ist das ist von hier aus am schnellsten zu erreichen. Aber selbst dafür solltest du dich ziemlich zügig auf den Weg machen.“

„Tulsa?! Sag mal spinnst du? Ich geh bestimmt nicht so weit weg von hier! Erstrecht nicht ohne Chica!“ Gut, ich sehe ein, das ist ein wenig melodramatisch, aber wer neigt schon nicht dazu, manchmal ein wenig zu übertreiben? Ich jedenfalls hatte die Stute großgezogen, seit sie ein Fohlen war, und fürs Anreiten, hatte mein Vater – der mich die ganze Zeit unterstützt hatte – sogar zu einem dieser Seminare von Buck Brannaman – dem Horseman, von dem vor ein paar Jahren sogar ein Film gedreht worden war – gefahren, damit ich es von Anfang an auch ‚richtig‘ anging. Und sie war immer mein Pferd gewesen; wo ich war, war sie, und wo sie war, war ich – und nicht anders!

„Ich weiß zwar nicht, wer diese Chica ist, aber ich frage mich, ob es wirklich Sinn macht, deswegen zu sterben, schließlich siehst du sie garantiert wieder! Aber wenn du unbedingt sterben willst, bist du – wie schon erwähnt – auf dem besten Weg.“ Dann schwenkte seine Stimmung merkbar um. „Weißt du eigentlich, wie unangenehm das war, mit diesem verdammten Ziehen im Magen, den ganzen Weg bis hierher zurück zulegen? Ich finde, dafür bist du wirklich extrem dankbar!“, bemerkte er ironisch.

Ich seufzte, meine aufmüpfige Seite meldete sich wieder. Was ich meine ist, er war zwar wirklich aufbracht, aber das reichte mir noch lange nicht, einfach so Befehle von ihm entgegen zu nehmen. „Ach ja?“, erwiderte ich deshalb, „Und du hältst dich jetzt sicher für den Retter in letzter Sekunde, oder?“

„Nun, genaugenommen, bin ich das sogar, mit deinem Husten hättest du schließlich auch sterben können. Was übrigens auch jetzt noch passieren kann, wenn du dich als Jungvampyr zu lange von ausgereiften Vampyren fernhältst. Zuerst kommt mit jedem schmerzhaften Hustenkrampf Blut aus deinem Mund, dann spürst du nach und nach, wie sich deine Lunge langsam auflöst, du kannst nur noch schwer atmen, und dann merkst du, wie du innerlich verblutest. Glaub mir ich hab das schon mit angesehen.“ Sein Gesichtsausdruck wurde qualerfüllt, doch dann verhärtete er sich urplötzlich. „Aber weißt du was? Ist ja eigentlich nicht mein Problem, wenn du gerne ein qualvolles Ende nehmen willst“, und damit wandte er mir den Rücken zu und verschwand durch das Stalltor.

Nicht, dass dadurch meine Kopfschmerzen besser geworden wären, ganz im Gegenteil! Pflichtbewusst – und wohl auch um mich auf andere Gedanken zu bringen – füllte ich die anderen Futtereimer auf und sperrte die durch Öffnungen zum Paddock hin angedeuteten Boxen voneinander ab, so dass jedes Pferd alleine fressen konnte. Die Wartezeit überbrückte ich damit, mir selbst in der Küche ein wenig Müsli zu machen, dann ging ich wieder raus und baute das Gestell wieder ab. Danach füllte ich die Heunetze an den Wänden und füllte die beiden Wassertröge auf.

Fertig mit der Arbeit, begab ich mich zurück ins Haus, setzte mich auf unsere Couch und zog mir den Hut, den ich von der Garderobe mitgenommen hatte tief über die Stirn. Ich weiß, das war wahrscheinlich schlichtweg dumm, aber ich war schon immer störrisch gewesen; und jetzt dachte ich, dass, wenn ich es nur lange genug verweigerte, alles schon wieder gut werden würde.

Von Wegen.

Ungewöhnlich früh erschien meine Schwester, um das Frühstück zu richten. Im Gegensatz zu mir, hatte sie sich perfekt gestylt; schließlich würde sie sich ja heute mit ihrem Freund treffen. Ich konnte sie wirklich nicht verstehen. Wenn ihr mich fragt, ist dieser Typ absolut unerträglich und so eine Nervensäge, dass ich nach weniger als einer Stunde mit ihm in einem Raum unter der Decke hängen und jeden Moment explodieren würde. Daher vermeide ich generell den Umgang mit ihm. Meistens.

Kurz nach ihr kam Bill die Treppe hinunter. Die beiden sind zwar Zwillinge, aber jeglicher Uneingeweihte würde denken, sie stammen aus verschiedenen Familien. Nebenbei können sie sich gegenseitig auch nicht ausstehen.

„Kannst du das Ding nicht mal abziehen?“, fauchte Nancy mich an und ihr missbilligender Blick verweilte auf meinem Hut. „Ist ja schon schlimm genug, dass Bill immer mit Stiefeln und Arbeitsklamotten rumrennen muss, aber du solltest es eigentlich besser wissen!“ Naserümpfend verschwand sie in der Küche.

„Wenigstens arbeite ich tatsächlich, wovon bei dir ja keine Rede sein kann.“, erwiderte ich, als sie wieder herauskam, zwei Gläser mit Marmelade in den Händen. „Und … wo doch dieser Angeber von deinem Freund kommt, solltest du den Tisch vielleicht vorher abwischen.“

„Ach wirklich? Du bist bloß neidisch, weil du mit deinem Verhalten noch nie einen Jungen länger als zwei Tage deinen Freund nennen durftest. Und, ja ich wäre dir sehr verbunden, wenn du mir beim Decken helfen würdest, schließlich willst du wahrscheinlich auch frühstücken.“

Ich zog einen Mundwinkel hoch, froh ihr einen Strich durch die Rechnung machen zu können und … krümmte mich in einem erneutem Hustenanfall nach vorne. Mit vor Schmerz tränenden Augen blickte ich auf meine Handfläche, die ich mir reflexartig vor den Mund gehalten hatte. Von wegen Blut! Meine Handfläche war vollkommen sauber! Plötzlich überkam mich ein absolutes Hochgefühl; ich könnte die ganze Welt umarmen – ja, auch meine unerträgliche Schwester. Der Husten, der mich plagte, war nur ein ganz normaler Husten, und im Stall war ich wahrscheinlich auch nur einem Tagtraum erlegen.

Übers ganze Gesicht strahlend in der Küche angekommen, starrte Bill mich an, als käme ich vom Mars oder so. Doch als ich gerade mit einem Lappen über den Tisch fahren wollte, hielt Nancy mich am Ärmel zurück. „Weißt du was, ich hab‘s mir anders überlegt; es wäre doch absolut widerlich, wenn du deine ganze Spucke vom Husten auf dem Tisch verteilen würdest, also übernehme ich das lieber.“

Ich wollte ihr gerade entgegenschleudern, dass ich beim Husten nicht spuckte, da überlegte ich es mir auch anders, übergab ihr den Lappen mit einem wohlüberlegten Lächeln und setzte mich zu meinem Bruder auf die Küchentheke. Sollte sie doch den Tisch alleine decken, mein Problem war das ganz sicher nicht. Erst dann realisierte ich, dass Bill gemächlich eine Brotscheibe nach der anderen verspeiste und nicht den Eindruck machte, als verschwendete er auch nur einen Gedanken daran, mit uns zu frühstücken.

„Hey! Willst du mich ganz allein mit diesen Verrückten frühstücken lassen?“ (Unsere Eltern, die selbstverständlich auch mit frühstücken würden, Liebich außen vor.)

Er hob die Schultern und erwiderte: „Ich habe bloß keine große Lust mir während des gesamten Frühstücks das blöde Gelaber von Macho-Jake antuen zu müssen. Und Casy hat gestern noch angerufen, und gefragt, ob wir heute was unternehmen. Also hab ich beschlossen, dass ich die Pferde etwas früher bewege, damit wir am Nachmittag nen bisschen mehr Zeit haben.“

Ich war schon fast soweit, ihn zu fragen, ob er nicht mir heute die Aufgabe übergeben wollte, die Pferde zu bewegen, nur um ein Argument zu haben, warum ich nicht am Frühstück teilnehmen konnte; da ging mir auf, dass ich mich einfach zurückziehen konnte, wann ich wollte, es aber unhöflich von meinem Bruder wäre, wenn er sich früher vom Gespräch zurückzog. Also seufzte ich mal wieder und akzeptierte das unausweichliche Schicksal.

Leicht genervt nahm ich den Wasserkocher von der Anlage und füllte ihn auf – gegen einen schmerzenden Hals half doch nichts besser als heißer Tee mit Honig, wie meine Mum immer zu sagen pflegte.

„Immer noch so schlimm?“, meinte Bill mitfühlend.

„Na ja, es wird schon vorüber gehen.“



Nur so viel: Das Frühstück war eine Qual. Es gab keinen einzigen Moment, indem ich mich nicht danach sehnte einfach auch aufs Pferd gestiegen zu sein, aber das hätten Mum und Dad eh nicht akzeptiert.

Jake kam so gegen acht durch die Tür geschneit; er und Nancy lagen sich so schnell in den Armen – und küssten sich so was von schleimig und öffentlich – dass mir fast schlecht wurde und ich mich fühlte, als wäre ich in einen dieser kitschigen Hollywoodfilme. Nicht, dass jemand denkt, ich hätte etwas gegen Liebe, etc., aber ich konnte es einfach absolut nicht ausstehen, wenn die Leute es so eindeutig übertrieben – vor den Augen aller anderer.

„Können wir dann endlich essen?“, fragte ich, als ich hörte, wie Mum und Dad am Tisch Platz nahmen, und die beiden Turteltauben noch immer im Flur rumstanden.

Beim Essen saß ich zu meinem Leidwesen dann auch noch direkt gegenüber von Macho-Jake und kam nicht umhin mich zu fragen, was meine Schwester an dem Typen eigentlich so toll fand. Klar, seine Gesichtszüge waren nicht schlecht; und sein Körperbau nicht zu füllig, wie es leider bei ein paar Jungs aus meiner Klasse der Fall war, aber was er mit seinen armen Haaren veranstaltete! Es war eine einzige Katastrophe, dauernd diese zurückgekämmten Dinger anschauen zu müssen, und mich zu fragen, wie viel Fett er noch hätte reinschmieren können, oder ob er vielleicht sogar darin gebadet hatte. Die Lust aufs Frühstück war mir jedenfalls schon lange vergangen.

Zudem trug er eine dieser Nerd-Brillen, die zwar total in war, ihm aber genauso wenig stand, wie sie mir überhaupt gefiel. Gar nicht. Allerdings passte sie irgendwie zu seinem Gelaber, schließlich erzählte er so viel darüber, was er heute schon so alles geleistet hatte, dass mir fast die Ohren abfielen.

Als das Essen dann endlich beendet war, murmelte ich etwas von meiner Lateinarbeit und wollte so schnell wie möglich verschwinden. Doch auf halbem Weg zur Tür des Esszimmers, musste ich innehalten und mich an einem Stuhl festklammern, um nicht auf die Knie zu sinken. Der Husten war schlimmer als je zuvor.

Die kleinen roten Punkte, die die Dielenbretter vor mir sprenkelten, brannten sich in meine Augen, wie kleine Flammen, und ich bekam das Gemurmel vom Tisch hinter mir nur wie aus weiter Ferne mit. ICH hustete BLUT.

Mum war der beste Mensch auf der Welt, den ich kannte – ebenso Dad. Der Hut, der das Mal auf meiner Stirn verborgen hatte, war während des Krampfes verrutscht und als ich mich mit vor Schreck geweiteten Augen zu ihnen umdrehte, dachten beide nicht weiter an höfliche Konversation mit unserem Gast. Stattdessen sprangen sie fast gleichzeitig vom Tisch auf, und noch während Dad ein Küchentuch holte, um damit den Boden zu säubern, fing Mama mich rechtzeitig auf, bevor meine Beine unter mir versagten. Ich hatte solche Kopfschmerzen!

Meine Augen flimmerten, doch ich raffte mich gerade noch dazu auf, mit fester Stimme zu murmeln: „Ich will nicht ohne Chica weg von hier. Wenn ich schon wegmuss, dann nicht ohne sie!“

Lenobia

„Bei Nyx! Von mir aus schaffen Sie einen ganzen Stall voller Pferde hier her! Aber bringen Sie dieses Mädchen – und ja, wenn es sein muss auch ihr Pferd – so schnell wie möglich her! Ja, wir haben auch sicher genug Platz, nur beeilen Sie sich, verdammt noch mal!“

Tanatos starrte sie mit weit aufgerissenen Augen an, als die wutschnaubende Vampyrin mit den silber-blonden Haaren ihr den Hörer wiedergab – so außer sich hatte sie ihre Kollegin noch nie erlebt. Mit ein paar tiefen Atemzügen versuchte Lenobia ihr eigenes Gemüt zu zügeln, schließlich gab es keinerlei Grund so aus der Haut zu fahren, nur ihr Frust über die ganze Situation war daran verantwortlich, und den musste sie unter Kontrolle bekommen.

Die Hohepriesterin des Tulsaer House of Night beendete das Telefonat auf übliche Art und Weise und blickte Lenobia leicht vorwurfsvoll, jedoch stumm an. Diese nickte entschuldigend, und wollte sich schon zum Gehen wenden, wurde allerdings von Tanatos aufgehalten, als diese ihre Stimme erhob. „Lenobia?“

„Ja?“

„Dir ist klar, dass du somit eine neue Schülerin hast?“

Wieder nickte die Vampyrin. „Ja“

„Gut. Aber habt ihr wirklich noch genug Platz für ein weiteres Pferd? Nach meinem Wissen sind die Stallungen noch nicht wieder vollkommen aufgebaut, wenn ihr also noch etwas Zeit braucht, um eine neue Box zu errichten, so kann ich ohne Probleme, auch noch einmal bei ihnen anrufen. Solange wird die Lady es wohl aushalten können, nicht ihr eigenes Pferd zu reiten.“

Müde seufzte Lenobia. „Ich denke nicht, dass es darum geht Tanatos; aber ja, wir haben noch genug Platz um ein weiteres Pferd unterzubringen. Travis ist trotz seinen Verletzungen eine gute Hilfe beim Wiederaufbau. Mir ging es allein darum, dass dieses Mädchen angedroht hat sich selbst umzubringen – ich habe in letzter Zeit zu viel Tod gesehen, als dass ich eine so kopflose Ankündigung einfach hinnehmen könnte.“

Tanatos verzog den Mund. „Sie ist wohl einfach eine von vielen übertreibenden Jugendlichen, die die Konsequenzen ihres Handelns noch nicht sieht, und denkt, sie könnte alles nach ihrem Kopf richten.“ Mit einem Wink entließ die Hohepriesterin ihr Gegenüber.

Mit zum Schutz vor der Sonne zusammengekniffenen Augen, eilte Lenobia über den Hof der Schule – in all der Hektik, nachdem sie so plötzlich durch eine geistliche Nachricht von Tanatos aus dem Schlaf hochgeschreckt war, hatte sie vergessen, ihre Sonnenbrille mitzunehmen. Jetzt zahlte sie dafür. Normalerweise hätte sie sich einfach die Brille ihrer Freundin aus dem Lehrerzimmer geholt, und in der nächsten Nacht wieder an ihren Platz gelegt. Doch Anastasia war nicht mehr da. Weder sie noch Dragon.

Voller Wut und Frust schlug sie die Tür des halb fertigen Stalles hinter sich zu. Ja, für Dragon war es besser so, er war in der Zeit nach ihrem Tod nicht mehr derselbe gewesen, doch sie verurteilte ihn nicht für das was er damals getan hatte, er war immer noch ihr Freund gewesen, auch wenn sie sich öfter als gewohnt gegen ihn ausgesprochen hatte – nein, eher bewunderte sie ihn für das warum er gestorben war. Sich für den Mörder der eigenen Gemahlin zu opfern war eine Tat, die man von keinem lebenden Wesen verlangen konnte. Aber, auch wenn sie es bisher geschafft hatte nach außen eine schöne heile Welt zu zeigen, fühlte sie sich innerlich verlassen. Die einzigen, die das wussten waren ihre Stute Mujaji und Travis.

Als sie sich wieder mit der Wahrheit konfrontiert sah, dass der Stall tatsächlich nicht einmal halb fertig war, und die Pferde gerademal so viel Glück hatten, dass die Decke wenigstens nicht mehr urplötzlich über ihnen zusammenbrechen könnte, aber dennoch in einzig und allein von Weidenzaun abgetrennten Boxen stehen mussten, verspürte sie den unglaublichen Drang etwas zerschmettern zu müssen – das war alles nur Neferets Schuld, eine Vampyrin, der sie vertraut hatte, der sie sich anvertraut hatte, diejenige, deren Aufgabe es gewesen war alles Unheil von diesem House of Night abzuwehren… Stattdessen hatte sie alles zerstört.

Ein verunsichertes Wiehern drang vom anderen Ende des Stallganges zu ihr herüber. Mit zügigen Schritten gelangte sie zu der ‚Box‘, wo die schwarze Quarter-Horse Stute untergebracht war. Der zierlich geformte Kopf, an dem erkennbar war, dass die Rasse von Arabern geprägt worden war, schob sich über das zaunartige Band  und Lenobia schlang ihre Arme um den muskulösen Hals, vergrub ihre Hände in der vollen Mähne und atmete den Pferdegeruch ein. Das beruhigte sie immer.

„Wir wissen, wie es ist, nicht voneinander getrennt werden zu wollen, nicht wahr meine Liebe?“, flüsterte sie, obwohl sie doch genau wusste, dass Mujaji sie auch ohne Worte verstand - wahrscheinlich sogar besser.

Die Rapp-Stute schnaubte zur Antwort und hinter Lenobias Augenliedern bildete sich ein Bild, wie sie neben ihrer grasenden Stute auf einer Blumenwiese saß und friedlich vor sich hin summte. Fast augenblicklich erschien ein Lächeln auf den Lippen der Vampyrin, und ihr Temperament schraubte sich ein wenig herunter. Mujaji war damals noch ein Jährling gewesen, und es war eine der wenigen Zeiten in Lenobias Leben gewesen, in denen sie sich um nichts hatte sorgen machen müssen, außer was die Schüler in der Nächsten Stunde wieder anstellen würden. Sanft strich sie über den rautenförmigen Stern auf Mujajis Stirn, dann merkte sie, wie sich Tränen in ihre Augen stahlen.

Eine sanfte Berührung am Oberarm ließ sie kurz zusammenzucken, dann drehte sie sich um und sank in die tröstende Umarmung ihres Geliebten. Zumindest euch beide habe ich noch.

Kathrine

Aufgebrachte Stimmen durchdrangen die Dunkelheit, die mich umwölkte. „Sie sagen, wir könnten Chica tatsächlich mitbringen. Nur, die – ich weiß nicht genau wie sie es genannt haben, Pferde-irgendwas? – jedenfalls wirkte sie nicht gerade begeistert darüber, dass wir uns über solche Dinge überhaupt Gedanken machen würden.“, erklärte Mum.

Ich war sofort hellwach. „Mir egal! Wenn sie mit darf, kommt sie mit; bitte!“ Innerhalb einer weiteren Sekunde befand ich mich auf den Beinen und auf dem Weg hoch in mein Zimmer, um meine wichtigsten Sachen (Lieblingsklamotten, etc.) so schnell wie möglich alle in meine riesige Sporttasche zu stopfen. Die Gleichgültigkeit, die mich eben noch so wohlwollend umfangen hatte war verflogen, ich verspürte wirklich keinerlei Verlangen zu sterben. Und wenn sie mir erlaubten Chica mitzubringen, konnte es ja nicht allzu schlimm dort sein.

Mum kam hoch um mir beim tragen zu helfen, da ich selbst jetzt schon zu schwach war um meine nun prall gefüllte Tasche zu schleppen, und reichte mir noch zusätzlich eine Packung Taschentücher. „Für deine Hustenanfälle.“, meinte sie mit einem mitfühlenden Lächeln.

Auf dem Weg zum Auto krallte ich mich an dem Kästchen fest, in dem ich all meine Lieblingsfotos aufbewahrte – ich weiß, altmodisch, aber ich mag es so um einiges mehr, als wenn ich sie nur auf einem PC anschauen kann. Als wir beim Auto angekommen waren – Dad und Bill hatten schon den Hänger dran gehängt und verluden in eben diesem Augenblick meine Lieblingsstute – und wir meine Sachen auf die Rückbank gestellt hatten, da der Kofferraum voll mit Reitsachen war, kam meine wundervolle Schwester aus dem Haus, um mich zu verabschieden, doch sie ging sofort wieder, als ich erneut anfing zu husten.

Auch Mum verabschiedete sich von mir, obwohl es ihr um einiges schwerer zu fallen schien. Zwar wussten alle Eltern, dass es jedes Kind treffen konnte, aber ich glaube, niemand war wirklich darauf vorbereitet, das eigene Kind so plötzlich so weit wegschicken zu müssen. „Kommst du denn nicht mit?“, fragte ich sie enttäuscht.

„Nein, ihr werdet einen ganzen Tag nur für die Hinreise benötigen, und irgendjemand muss in dieser Zeit den Hof weiter führen, und da ich noch keinen Führerschein für einen Pferdehänger habe, ist es besser, wenn die beiden Jungs dich fahren. Außerdem, ist da noch irgendein Platz auf den ich mich quetschen könnte?“ Leider musste ich ihr in allen Punkten Recht geben. Sie war zwar dabei einen Führerschein für einen Hänger mit großem Gewicht zu machen, hatte diesen aber noch nicht, und mein Zeug – zwei von Mum und Dad während meiner Unmacht gepackte Koffer und die große Sporttasche – beanspruchte mindestens die Hälfte der Rückbank.

Also umarmte ich sie so kräftig, wie ich nur konnte und verabschiedete mich von ihr, wobei ich fast anfing wie ein Schlosshund zu heulen. Vier verdammte lange Jahre würde ich nicht mehr hierher kommen.

Als wir dann tatsächlich den Hof hinter uns ließen, konnte ich nicht länger an mich anhalten und ließ meinen Tränen freien Lauf. Bill, mein wundervoll feinfühliger Bruder, steckte seine Hand nach hinten, um mich damit ein bisschen zu beruhigen; dass hatte er schon gemacht, als ich klein war – immer wenn ich mich bei Filmen fürchtete oder etwas in der Art. Tia, bis auf meine Schwester war meine Familie einfach die perfekte Traumfamilie.

Die Fahrt war grotten langweilig, bis mir wieder einfiel, dass ich ganz unten in meine Tasche ein paar meiner Lieblingsbücher geschmissen hatte. Wir machten nur wenige Pausen, in denen ich Chica aus dem Hänger holte und mit ihr durch die verlassene Landschaft zu spazieren, damit sie sich die Beine vertreten konnte und ich war erleichtert, dass ich heute Morgen in all dem Stress vergessen hatte ihr Hafer zu geben… Kraftfutter könnte sie nun wirklich nicht gebrauchen. Dann ging‘s weiter und ich versank wieder auf der Rückbank.

Wir hatten gerade ein Schild mit der Aufschrift ‚Oklahoma City – 1 mile‘ passiert, da verschwamm mir der Blick vor Augen und ich fühlte mich, als müsste ich mich übergeben. Meine Muskeln fühlten sich so schlaff an, als würde ich jeden Moment zusammenklappen. Ich bat Dad anzuhalten und er fuhr bei der nächsten Möglichkeit vom Highway. Während ich also dort hinten saß und darauf wartete, das der Wagen endlich zu stehen kommen würde, fragte ich mich, was seit neuestem eigentlich mit mir los war – mir war noch nie beim Autofahren schlecht geworden (auch nicht beim Bus- oder Sonst-was-Fahren)!

Wir landeten in einer Welt, die aussah wie französische Postkarten – also jene aus der Provence. Was ich damit meine ist, dass sich vor unseren Augen eine riesige Landschaft voller Lavendelfelder erstreckte. Diesmal holte Bill Chica aus dem Hänger, da ich gerade genug Energie aufbringen konnte, mich mit einer Hand daran abzustützen. Gegen meinen Protest hob mein Bruder mich auch noch auf den Rücken der Stute, wo ich mich an der Mähne festklammerte, als hätte ich seit neuestem Angst vorm Reiten ohne Sattel, und führte uns durch die herrlich duftenden Reihen.

Als wir die Einfahrt zu einem großen, mit einer hohen Mauer umgebenen Gebiet inmitten der Stadt hinauffuhren, war ich so entkräftet, dass ich beim Aussteigen fast hingefallen wäre, hätte ich es nicht geschafft mich am Jeep abzustützen. Ich fiel dann jedoch trotzdem, nämlich auf die Knie, wozu mich ein weiterer Hustenanfall zwang.

Aus dem Augenwinkel bemerkte ich noch, wie mein Vater auf mich zustürzte, da fassten mich auch schon zwei schlanke Hände an den Ellenbogen und stützten mich beim Aufstehen. Kaum befand ich mich wieder auf den Füßen, wechselte die Frau die Hände und umfasste mit der rechten Hand meinen Unterarm. „Nyx segne dich und herzlich Willkommen am House of Night in Tulsa, Kathrine.“, erklärte eine angenehm klare Stimme.

„Ähm, ´tschuldigung, wenn ich jetzt unhöflich klinge, …“ Ich hob den Blick und stockte kurz, da ich so ziemlich der schönsten Person, die ich in meinem ganzen Leben je gesehen hatte gegenüberstand, dann sprach ich weiter: „… aber woher kennen sie meinen Namen?“ Selbst auf mich wo ich eindeutig kein männliches Wesen war, wirkte sie umwerfend. Die Vampyrin hatte flachsblonde Haare, die ihr in einer Art ungebändigter Wildheit um das zierliche, aber klar geschnittene Gesicht wehten, und ihre sturmgrauen Augen wurden umrahmt von ihrem traumhaften Tattoo – bestehend aus zwei von zierlichen Ornamenten umgebenen springenden Pferden.

Mein Bruder stieg gerade aus dem Auto, als sie erwiderte, dass sie meinen Namen von dem Gespräch mit meiner Mutter kenne, und blieb wie angewurzelt stehen. Ich blickte vorsichtig zu meinem Vater hinüber, der aber anscheinend nicht ganz so geschockt war wie ich und Bill, denn er machte einen Schritt auf die Vampyrin zu und schüttelte ihr auf gleiche Weise den Unterarm, wie sie es bei mir gemacht hatte. „Ich bin Gary Fox, Kathrine’s Vater“

Ein überraschter Zug huschte über ihr Gesicht, bevor sie fragte: „Sie hatten schon Kontakt mit Vampyren?“

„Mit zwei, drei, die bei mir Pferde kaufen wollten, ja.“ Er wiegte kurz den Kopf hin und her, dann zuckte er mit den Schultern und lächelte schräg. „Aber die meisten von euch reiten schließlich Englisch, wie ich hörte und da sind wir nicht die erste Anlaufstelle.“ Da hatte er wohl recht, Dad beritt Pferde nur dann im Klassischen-Stil, wenn der Käufer speziell diesen Wunsch äußerte, und ich darf wohl hinzufügen, dass er und Mum die einzigen von uns sind, die überhaupt ab und zu mal klassisch ritten.

Die Vampyrin lächelte zurück. „Das stimmt. Ich selbst reite auch Englisch, bin aber sehr erfreut auch mal eine Westernreiterin im Unterricht zu haben.“ Sie nickte kurz meinem Bruder zu bevor sie meinte: „Ich sollte mich wohl einmal richtig vorstellen; ich bin Lenobia Whitehall, Pferdeherrin und Lehrerin für Pferdekunde hier am House of Night Tulsa und“, sie blickte mich direkt an, „deine zukünftige Mentorin.“

„Mentorin? Weswegen brauchen wir Mentoren?“, ich hob fragend die Augenbrauen in die Höhe.

Immer noch lächelnd verkündete sie: „Jungvampyre gelten zwar ab ihrer Zeichnung als Volljährig, aber bis ihr zu ausgereiften Vampyren werdet, vollzieht euer Körper eine vollkommene Wandlung, die mit aller Wahrscheinlichkeit Fragen aufwirft. Als Mentorin ist es meine Aufgabe, solche Fragen mit dir zu klären, und dir so gut es geht zur Seite zu stehen – du kannst also so ziemlich mit allen Problemen zu mir kommen, ich stehe quasi unter Schweigepflicht was das angeht – und ich bin dafür da, dich in schwierigen Situationen zu beraten.“ Ihr Lächeln vertiefte sich ein wenig. „Nur so als kleine Zusammenfassung.“

Bill sah so aus, als hätte er am liebsten sofort mit mir die Rollen getauscht, riss sich dann jedoch zusammen und meinte: „Also, wenn wir hier keine Wurzeln schlagen sollen, wie können wir uns dann nützlich machen?“ Dabei wartete er nicht mal auf eine Antwort, sondern öffnete schon den Hänger und holte meine Stute heraus, die ich ihm unverzüglich abnahm – seit Prof. Whitehall (irgendwie kam mir die Bezeichnung komplett dämlich vor) mir beim Aufstehen geholfen hatte, verflüchtigten sich die Schmerzen in meinem Hals schlagartig, nur die Kopfschmerzen hielten noch immer an. Gemeinsam luden Bill und ich Chica ihr Pad, den Sattel, und die beiden Decken – Abschwitzdecke und die für den Winter – auf und hängten Kotenhalfter und Trense ans Horn.

Ich schnappte mir die Tasche mit meinen restlichen Reitsachen, die Mum für mich gepackt hatte, als meine Mentorin gerade antwortete: „In erster Linie nur indem ihr Kathrines Koffer zum Mädchentrakt bringt – dafür müsst ihr nur diesem Pfad dort folgen, dann gelangt ihr irgendwann zum Eingang des Hauptgebäudes, dort werden Kathrine und ich euch dann treffen.“ Sie zeigte durch das aus Metallstäben vergitterte Tor. „Wir beide werden derweil dein Pferd versorgen“, richtete sie sich dann an mich.

Ich wollte gerade fragen, wie wir denn durch das Tor kommen sollten – zumindest sah ich nichts, das auch nur im Entferntesten einer Klinke ähnelte –, als sich dieses auch schon wie von Geisterhand öffnete. Glücklicherweise knarrte es kein bisschen, ich hatte nämlich nicht viel für Gruselfilme übrig, eher für Thriller, die auf eine viel bessere Art mit der Psyche spielen – aber ich weiche vom Thema ab. Prof. Whitehall und ich durchquerten also dieses Tor und ich fand mich in einer zauberhaften Nachtwelt wieder. Alle Pflanzen die gepflanzt worden waren, passten ganz genau hierher, und obwohl es Nacht war, blühte es überall am Wegesrand, und die Bäume spendeten keine gespenstische, sondern eine einladende Atmosphäre voller Geborgenheit.

Das Gelände war einfach nur riesig und überwältigend. Wir brauchten eine geschlagene Viertelstunde um zum Stallkomplex zu gelangen. Das einzig gruselige dabei war die riesige, fast kreisrunde verbrannte Stelle, an der uns der Weg entlangführte. Ich schluckte schwer. „Ähm, Professor Whitehall …?“

Sie unterbrach mich bevor ich die Frage zu Ende bringen konnte. „Hier wurden die Vampyre verbrannt, die im letzten Halbjahr ums Leben gekommen sind. Es ist kein schöner Ort. Und …“, sie räusperte sich, „nenn mich doch bitte einfach Lenobia, ja?“

Ich nickte einfach nur als Antwort und war froh, als der Kreis aus meinem Blickfeld verschwand. Die Stille, die uns daraufhin einhüllte, war so unerträglich, dass selbst Lenobia, die nicht so wirkte, als würde sie sich schnell aus der Ruhe bringen lassen nach Gesprächsstoff suchte. Schließlich fragte sie: „Deine Stute ist wunderschön, wie heißt sie?“

„Chica. Passend zu ihrem Charakter – eine absolut eingebildete Diva, aber total süß und kaum einzuschüchtern, sie hat es aber nicht so damit, sich in einer Herde zu behaupten, sondern hat meistens so den zweiten oder dritten Rang.“ Noch während ich das sagte, hatte ich das Gefühl total kitschig und kleinkindmäßig zu wirken, doch zu meiner Überraschung lachte Lenobia nur.

„Eingebildet, zickig, jedoch total süß – das sind die meisten Stuten, oder? Meine Mujaji benimmt sich ganz ähnlich. Wenn ich so darüber nachdenke, ist Bonnie die einzige Stute, die so gar keine Zicke ist…“

Erleichtert stimmte ich in ihr Lachen ein. „Wirklich?“

„Ja, aber sie ist auch ein Kaltblut – Percheron, um genau zu sein, die sind da nicht so. Ihr habt eine Herdenhaltung?“, hakte sie nach.

Ich nickte. Dann zuckte ich mit den Schultern. „Warum?“

„Weil mein guter alter Stall vor ca. zwei Monaten abgebrannt ist, und ich die Idee von einer Herdenhaltung auch schon früher interessant fand. Wie macht ihr das mit der Einzelfütterung?“

„Ziemlich einfach, unsere ‚Familienpferde‘, sprich die, die nicht verkauft werden, stehen bei uns im Offenstall, oder auf der nahegelegenen Weide; beim Füttern trennen wir ihnen im Stall einzelne Boxen ab und öffnen diese danach wieder, so können wir kontrollieren, ob eines von ihnen krank ist und daher nichts frisst. Die anderen stehen auf der großen Weide und haben dort eindeutig genug zum Fressen, und sie brauchen schließlich auch kein Kraftfutter.“

Ich sah, wie meine Mentorin ihre Stirn in Falten legte. „Die Boxen fürs Füttern abtrennen…, das ist keine schlechte Idee, ich werde mit Travis darüber sprechen.“

„Travis?“

„Mein Stallbursche und Gefährte. So nennen wir unsere menschlichen Geliebten; er hilft mir beim Wiederaufbau des Stalls, und wir haben uns überlegt, ob wir nicht jetzt, wo schon die gesamte Inneneinrichtung abgebrannt ist, etwas verändern wollen.“ Sie lächelte mich an, dann wurde ihr Gesicht trauriger und sie fügte hinzu: „Ich hoffe du erschrickst nicht, wenn du den Stall siehst, aber wir mussten alles halb verbrannte Holz hinausreißen, damit sich die Pferde keine Splitter einfangen können.“

Ich zuckte nur mit den Schultern; ich hatte keine Ahnung, was ich darauf erwidern sollte. Lenobia kam mir wie eine verantwortungsbewusste Person vor, die den Pferden eine bestmögliche Umgebung zur Verfügung stellen würde, und ein abgebranntes Gebäude brauchte seine Zeit, bis es wieder vollkommen errichtet war. Doch mir brannte noch eine andere Frage auf der Zunge: „Ähm, Lenobia?“

„Ja?“ Sie drehte sich zu mir um, mein Tonfall hatte ihr wohl gezeigt, dass es um etwas Wichtiges ging, denn sie blieb sogar stehen, um mich direkt anschauen zu können.

„Nun, …“, plötzlich wusste ich nicht mehr wie ich das Thema richtig anschneiden sollte, also stotterte ich erst einmal nur herum, bis ich hervorbrachte: „Naja, man hat in letzter Zeit nicht viel Gutes über Vampyre gehört – vor allem über die aus Tulsa… Und da wollte ich nur nachfragen, auch wegen diesem Ort dort hinten…“

Glücklicherweise verstand sie was ich meinte und erlöste mich. Mit einem bedauerndem Lächeln erklärte sie: „Es ist durchaus wahr, dass im letzten Halbjahr tatsächlich nicht alles glatt gelaufen ist; unsere damalige Hohepriesterin ist größenwahnsinnig geworden und wollte die Macht über alle Vampyre an sich reißen und dabei die Menschheit, die ihr schreckliches angetan hat, auslöschen.“ Ihr Blick senkte sich zum Boden, doch sie fuhr fort: „In dieser Zeit sind viele Menschen und Vampyre hier in Oklahoma zu Tode gekommen – unter ihnen auch zwei meiner besten Freunde.“ Sie blickte wieder auf und ihre Augen schimmerten zornig. „Doch glaub mir, welche Gerüchte dir auch immer zu Ohren gekommen sein mögen, sie sind verschoben und übertrieben; wenn du willst, kann ich dir später genau erklären, was passiert ist, aber ich möchte, dass du dein Urteil über uns nicht voreilig fällst, verstanden?“

Ich nickte zögernd. „Ja-a, so war das eigentlich gar nicht gemeint. Ich … ich hätte aber noch eine Frage: Ich habe auch gehört, dass Jungvampyre plötzlich sterben können bevor sie zu richtigen Vampyren werden; ist … ist das wahr?“

Sie seufzte lang, dann nickte sie. „Ja, leider. Während sich der Jungvampyr noch in der Wandlung befindet, kann es sein, dass sich sein Körper gegen dieses Fremde wehrt, und dann stirbt der betreffende Jungvampyr. Aber… das ist vielleicht nicht das richte Thema für den Einstieg.“ Damit drehte sie sich um und bedeutete mir mitzukommen.

Als wir den Stall betraten war ich tatsächlich ein wenig geschockt, was vor allem daran lag, dass die Steinmauer um das Gebäude herum kaum beschädigt worden war, doch Innen war der Stall sozusagen kahl. Bis auf ein paar Pfeiler, die in den Boden gerammt worden waren, bestanden die Boxen tatsächlich einzig und allein aus Weidenzaun. Es war grausam.

Als ich geräuschvoll schluckte, hob die Vampyrin einen Mundwinkel und schüttelte bekümmert den Kopf. „Ich sagte doch, es wird dich schocken.“ Sie machte eine Pause, dann forderte sie mich auf mit ihr zu kommen. „Auf der linken Seite sind die Schulpferde untergebracht, auf der Rechten Privatpferde – sie gehören größtenteils den Lehrern und für die meisten Schüler ist das betreten ihrer Boxen strengstens untersagt.“ Sie hielt an und öffnete die Absperrung zu einer frisch eingestreuten ‚Box‘ zwischen zwei ansehnlichen Quarter-Horse Stuten. „Hier sollte es Chica eigentlich gefallen.“

Ich lächelte und führte meine Stute in ihr neues Heim. „Also mir gefällt’s jedenfalls.“ Kaum hatte ich Chica ihr Halfter abgenommen, half mir Lenobia auch schon, das ganze Zeug von ihrem Rücken zu nehmen. Sie führte mich zu einer riesigen Sattelkammer mit anschließendem Bereich zur Futterzubereitung, beides befand sich in einem durch Steinwände und eine Stahltür abgeschlossenen Raum, sodass das Feuer darauf nicht hatte zugreifen können. Ich fragte mich ehrlich gesagt, wie es überhaupt hatte zustande kommen können; überall auf dem Schulgelände hatten Kerzen in altmodischen Lampen gebrannt, doch hier konnte ich nur elektrisches Licht wahrnehmen. „Okay, du kannst deinen Sattel und all das dorthin hängen, und der Schrank daneben – der auf dem kein Bild hängt – gehört auch dir, da kannst du alles Restliche unterbringen, wie es dir gefällt…“ Ich verstaute mein Zeug so, dass ich auf Halfter, Knotenhalfter und Zaumzeug jederzeit zugreifen konnte, die Decken faltete ich und legte sie zusammen mit dem Weidenfliegenschutz in den Schrank.

Bevor ich Lenobia in den Futterbereich folgte, betrachtete ich noch kurz die gegenüberliegende Wand – dort waren Sättel und darunter Zaumzeug nebeneinander aufgereiht worden, jeweils mit dem Namen des dazugehörigen Pferdes auf einem Schild darüber. Das Regal daneben war gefüllt mit Reithosen und -helmen unterschiedlicher Größen. Der Privatbereich war deutlich von dem für Schüler abgetrennt worden, was dafür stand, dass Lenobia auch einigen ihrer Schüler nicht den allgemein ordentlichen Umgang mit den Tieren und zugehörigen Materialien zutraute.

„Was für Futter habt ihr Chica bisher gegeben?“, riss mich ihre Stimme aus meinen Gedanken und ich trottete zu ihr nach hinten.

„Ganz normales Mischfutter, mit dem zusätzlichen Bedarf an Heu, Kraftfutter und Wasser, aber ihr habt an der Wand automatische Wasserspender, nicht wahr?“

Sie zog die Augenbrauen in die Höhe. „Ja, die waren wenigstens nicht an den Holzwänden befestigt, so musste nur wenig ausgewechselt werden. Ich gebe Chica dann einfach mal unsere Mischung und wir schauen, wie es bei ihr anschlägt, hat sie heute schon irgendwie gearbeitet?“

Ich schüttelte den Kopf. „Nein, glücklicherweise hat sie auch noch kein Kraftfutter bekommen.“

Sie nickte verstehend und reichte mir einen mit Mischfutter gefüllten Eimer. „Lecksteine haben wir auch in den Boxen, daher mache ich auch keine extra Mineralien hinein.“ Auf dem Weg zurück zu Chicas ‚Box‘ zeigte sie mir noch wo Stroh, Heu und Sägespäne verstaut waren, und nahm selbst ein wenig von ersteren Beiden mit. „Stroh verwende ich eigentlich nur zur Beschäftigung der Pferde, da es als Einstreu eine Verschwendung wäre.“

Wieder einmal nickte ich, ich kam mir mittlerweile vor wie einer dieser bescheuerten ‚Wackel-Dackel‘, die man sich vorne ins Auto stellte. „Dieselbe Einstellung hat mein Dad auch.“

Als wir mit allem fertig waren, deutete Lenobia hinüber zu der Black-Stute auf der vom Gang aus linken Box. „Das ist meine Stute Mujaji, sie kann zwar auch manchmal ein wenig zickig sein, doch was andere Pferde angeht ist sie recht sozial, und das dort drüben“, sie deutete auf die Sorrel-Stute auf der anderen Seite, die ein wunderschönes Abzeichen in Form eines zierlichen, langgezogenen Sterns hatte, „ist Destiny, sie ist etwas schüchtern, aber sobald sie gelernt hat, dass du kein seltsames zweibeiniges Monster bist, ist sie ein absoluter Schatz und reagiert extrem fein auf Hilfen.“

Ich lachte, da wir daheim selbst ein paar von diesen Exemplaren gehabt hatten – Dad vergab sie nur an eindeutig fachkundige Käufer, da andere Leute sie wahrscheinlich zugrunde geritten hätten. „Wem gehört sie?“

„Sie hat ursprünglich meiner Freundin Anastasia gehört“, sagte sie so traurig, dass ich meine Frage am liebsten sofort rückgängig gemacht hätte, „jetzt kümmere ich mich um sie, ebenso wie um Dragons Paint-Wallach Hope.“

„Tut mir leid.“

„Das konntest du ja nicht wissen.“ Für kurze Zeit waren wir in betretenes Schweigen gehüllt, dann schien sie ihre Gefühle hinter einer undurchdringlichen Mauer zu verbergen und fragte lächelnd: „Willst du deine neue Zimmerkameradin kennen lernen?“

Wackel-Dackel, sagte ich zu mir selbst, als ich zum wiederholten Mal nickte, froh ein neues Gesprächsthema zu haben. Ich knuddelte meine eigene Stute noch einmal zum Abschied, dann verließen wir den Stall. Während wir wieder über das unglaublich weitläufige Schulgelände liefen, überkam mich das Gefühl, mich hier wohl mindestens zehntausendmal zu verlaufen, bis ich die richtigen Wege würde verinnerlicht haben. Wie als hätte sich meinen stummen Hilferuf gehört, meinte Lenobia: „Du wirst dich hier viel schneller zurechtfinden, als du vielleicht denkst.“

Ich machte mich erneut zum Wackel-Dackel, dann sprach sie weiter: „Wenn ich so überlege, hast du’s ziemlich gut getroffen, heute ist Sonntag, das heißt ihr habt frei – ein Tag, an dem du dich gelassen hier einrichten kannst. Und da wir beschlossen haben, das letzte Jahr noch einmal ganz neu anzufangen, hast du sozusagen auch nichts verpasst.“

Dad und Bill warteten schon am Eingang zum respekteinflößend hohen und großen Hauptgebäude auf uns. Bill gähnte ausgiebig, doch als er uns erblickte, ließ er seinen Mund schlagartig zuklappen. Meine drei großen, von meiner Mutter gepackten Koffer und die abgeratzte Sporttasche hatten sie tatsächlich bis hierher mitgeschleppt.

Der Abschied von ihnen beiden war so ziemlich am schwersten, sie waren einfach die coolsten Jungs in meinem Leben gewesen, und hatten mich immer beschützt; mich jetzt von ihnen trennen zu müssen, war als würde ich mir meinen linken Arm ausreißen müssen – ich heulte wie ein Schlosshund. Viel und hemmungslos. Sowohl Dad, als auch mein Bruder drückten mich mindestens fünf Minuten lang an sich und gaben mir irgendwelche gut gemeinten Ratschläge, die ich aber alle über mein bescheuertes Geheule hinweg nicht verstand – dabei waren sie beide absolut keine Fans von theatralischen Abschieden. Und ich glaube, wir waren alle auch irgendwie erleichtert, als ich mit Lenobia hinter der riesigen Eingangstür verschwand. Das Klacken hinter uns, als sie ins Schloss fiel war für mich wie das Signal, dass ich nun tatsächlich in meinem neuen Leben angelangt war.

Die Flure wurden ebenso wie das Außengelände nur von Kerzen erleuchtet, doch durch einen seltsamen Grund waren meine Augen schon so gut ans Dunkel gewöhnt, dass das für mich kein Problem darstellte. „In erster Linie, ist das wirklich ein neues Leben für dich“, sagte Lenobia in die Stille, „du kannst sogar, wenn du willst, einen neuen Namen wählen.“

„Okay, ganz davon abgesehen, dass ich mit meinem Namen eigentlich zufrieden bin, woher wissen Sie, was ich denke?“

Diesmal versuchte sie das Lachen zu unterdrücken, sah mich aber mit ihren durchdringenden grauen Augen leicht amüsiert an. „Manchmal sind Gedanken einfach sehr eindeutig, und zudem sind alle Vampyre mit einer hohen Portion an Intuition gesegnet, die die Menschen verlernt haben zu nutzen, du wirst noch die Entscheidung fällen müssen, ob du lieber darauf, oder auf dein Gehirn hörst.“

„Ich hab also die Wahl zwischen ich gebe meinen Verstand ab oder habe kein Bauchgefühl mehr? Da wähl ich lieber den Verstand, dann bekomm ich wenigstens keine solchen Bauchkrämpfe mehr vor einer schwierigen Arbeit.“

„Weißt du, dass du ein ziemlich freches Mundwerk hast? Zudem solltest du aufpassen was du sagst, aber du hast nicht die Wahl zwischen dem einen und dem anderen, sondern du kannst dich entscheiden, ob du dich zudem von deiner Intuition leiten lassen willst, oder sie – wie die Menschheit es tut – einfach ignorierst.“

„Das klingt schon cool…, hab ich dann vielleicht keine Bauchkrämpfe mehr?“

„Ich glaube, die wirst du immer haben, aber es wird dich auch auf Dinge aufmerksam machen, über die du vorher gar nicht nachgedacht hast.“

„Sie wissen, dass sie hier voll die Werbe-Propaganda abziehen?“ Dann fiel mir auf, wie das eventuell rüberkommen konnte und ich beeilte mich hinzuzufügen: „‚Tschuldigung, sobald ich mich irgendwo halbwegs wohl fühle, sag ich alles einfach so wie es mir in den Sinn kommt, da ich es hasse mich verstellen zu müssen.“

„Bis jetzt hab ich es überlebt, aber du solltest trotzdem ein wenig respektvoller mit deinen Lehrern reden. Es gibt manche unter uns, die könnten ziemlich grantig reagieren. Und es gibt andere, die schleppen beispielsweise deinen schweren Koffer mit sich rum – was hast du denn da drin? Backsteine?“

Ich zuckte zur Abwechslung mal mit den Schultern. „Keine Ahnung, meine Mum hat gepackt, während ich bewusstlos auf dem Sofa lag. Sagen Sie mal, halten diese Kopfschmerzen jetzt eigentlich dauerhaft an? Der Husten ist nämlich schon verschwunden.“

„Die Kopfschmerzen kommen daher, dass du deine Augen im Tageslicht zu stark angestrengt hast, und das wird immer schlimmer werden – obwohl wir selbstverständlich nicht verbrennen. Aber sie hören tatsächlich auch wieder auf. Spätestens morgen fühlst du dich wieder total frisch.“

„Super. Kennen sie meine Zimmergenossin eigentlich näher?“, fragte ich, als wir ein cooles Gemeinschaftszimmer mit einzelnen Sitzecken und jeweils dazugehörigen Flachbildfernsehern durchquerten, das jedoch totenstill war. Ich blickte auf meine Armbanduhr „Wann stehen die Schlafmützen eigentlich auf? Wir haben schon acht Uhr!“

Wieder konnte meine Begleiterin sich ein Lachen nicht verkneifen. „Ich glaube, wir werden ziemlich gut miteinander klarkommen, Kathrine. Zu deinen Fragen: um Acht beginnt hier normalerweise der Unterricht, das heißt an Sonn- und Feiertagen schlafen die Schüler normalerweise bis um neun; ab zehn ist hier dann immer die Hölle los, aber davor ist fast keiner hier anzutreffen. Um  viertel vor eins gibt es Mittagessen im Speisesaal, und um halb zwei beginnt dann wieder der Unterricht – bis um viertel nach vier. Bis um fünf kannst du dann noch mit jeglichen Lehrern sprechen, falls du Fragen zum Unterricht, etc. hast; mich kannst du selbstverständlich jederzeit aufsuchen, selbst tagsüber, wenn auch nur ungern – ich wohne über den Stallungen, einfach hinter der Sattelkammer die Treppe hoch, okay?“

Ich hatte zwar das Gefühl, dass mir vor lauter Info gleich der Kopf platzen würde, doch ich mimte dennoch den allbekannten Wackel-Dackel, während ich versuchte, zwei Koffer und eine vollbepackte Tasche gleichzeitig die Treppen zu den Schlafzimmern hochzuwuchten.

„Da kommt noch mehr“, drohte Lenobia an, bevor sie auch schon weitersprach: „Sowohl Sport- als auch Reithalle sind bis Sonnenaufgang geöffnet, falls die Reithalle besetzt ist, kannst du in die zweite gehen, dafür musst du dich auf der Gasse zwischen Stall und Halleneingang nur nach links wenden. Dort werden unteranderem auch Turniere oder Aufführungen wie Quadrillen und ähnliches veranstaltet, also verlange ich, dass alle Gegenstände verantwortungsvoll gehandhabt werden – wenn jetzt ein Pferdehuf dagegen schlägt, ist das nicht der Weltuntergang, mir geht es eher darum, dass alles wieder ordentlich, und vor allem auf seinen vorgesehenen Platz zurückgeräumt wird. Um dort reinzukommen brauchst du die hier.“ Sie hielt mir eine Magnetkarte hin, die ich unsicher annahm und in meine Hosentasche steckte, während ich mir fest vornahm, sie sobald wie möglich in dem verschlossenen Schrank in der Sattelkammer zu verstauen.

„Ich bin vollkommen neu hier, und Sie trauen mir so sehr, dass sie mir diese Karte geben?“

Ein aufmunterndes Lächeln. „Du bist auf einer Pferderanch aufgewachsen, ich bin mir ziemlich sicher, dass deine Eltern nicht begeistert darüber wären, wenn sie alle zwei Jahre ihre gesamten Materialien neu kaufen müssten, zudem sollt ihr Jungvampyre den verantwortungsbewussten Umgang mit fremden Eigentum lernen, und“, jetzt verbreiterte sich ihr Lächeln, „du hast ein eigenes Pferd, mit dem du sicher mal gern in aller Ruhe arbeiten möchtest, und ich weiß selbst, wie sehr fremde Zuschauer manchmal dabei stören können. Geritten wird bei mir allerdings nur mit Helm, wenn ich einmal sehe, dass du auch nur aufs Pferd steigen möchtest, ohne dass du einen trägst, bekommst du zwei Wochen reitverbot.“ Sie machte eine kurze Pause, dann sprach sie weiter:

„Gut, sobald du dich gewandelt hast wirst du immer automatisch die Uhrzeit, und die Zeit des Sonnenaufgangs wissen, bis dahin sind hier fast überall – sprich in jedem Klassenzimmer, Gemeinschaftsraum und sonstigen öffentlichen Bereichen Uhren und direkt darunter ein digitales Schild mit dem Sonnenaufgang angebracht. Was mich zu einem neuen Thema bringt: Bis Sonnenaufgang, dürfen sich alle Jungvampyre überall aufhalten, wenn später aber ein Mädchen oder Junge außerhalb dem ihm zugehörigen Traktes angetroffen wird, erhält derjenige eine Strafarbeit. Keine Sorge, bis zu einer halben Stunde nach Sonnenaufgang verzeiht dir fast jeder wenn du dich mal ein wenig verspätest – außer Tarquinius, vor dem solltest du lieber flüchten, wenn du ihn siehst; er lebt noch nach den Regeln der Römer.“

Ich war leicht geschockt. „Soll das heißen, er hat schon gelebt, als es noch Römer gab?“

„Nein selbstverständlich nicht, aber er vergöttert sie und ihre Art zu Leben. Ich glaube in Bezug auf Uhrzeiten und ähnliches war das erst mal alles. Wir sind auch fast da.“

Wahrlich waren wir endlich am oberen Treppenabsatz angekommen. Ich stellte die Koffer ab und schnaufte ein wenig. „Und meine Zimmergenossin?“, erinnerte ich sie.

„Nicole; sie ist ebenfalls meine Schülerin, und nach allem, was ich über dich und deine Art bisher erfahren habe, glaube ich, dass ihr sicher gut miteinander klarkommt.“ Sie stockte kurz. „Nur… ich habe doch erzählt, das hier vor kurzem einiges nicht ganz nach Plan gelaufen ist, oder? Nun, jedenfalls ist Nicole keine ganz gewöhnliche Jungvampyrin mehr, also lass dich bitte nicht davon abschrecken, ja? Versprich mir bitte es zu versuchen.“

Ich runzelte kurz die Stirn. „Mit ihr klarzukommen, oder damit dass sie keine gewöhnliche Vampyrin ist?“

Sie nickte. „Beides.“

„Okay.“

„Gut“, sie seufzte hörbar. „Auch wenn sie es vielleicht nicht zeigt, aber sie fühlt sich in letzter Zeit ziemlich einsam, und das letzte, was sie jetzt gebrauchen könnte, ist dass ihre neue Zimmergenossin gleich wieder auszieht.“ Sie schritt weiter den Gang hinunter und klopfte bei dem Zimmer mit der Nummer 29.

„Ja? Wer ist da? Wenn ihr nicht einen triftigen Grund habt mich zu wecken, jage ich euch durchs gesamte Schulhaus.“, verlangte eine verschlafene Stimme zu wissen.

„Keine Sorge, ich bin es nur Lenobia. Mach die Tür doch bitte auf, ich bring dir deine neue Zimmerkameradin, und wäre ganz glücklich, wenn du ihr die restlichen Dinge erklären könntest – ich glaube von mir hat sie heute schon genug gehört.“

Hinter der Tür ertönte das Tappen von bloßen Füßen. Das Schloss an der Tür klickte, und heraus spähte ein hübsches Mädchen, das ca. ein halbes Jahr älter war als ich, in einem halblangen Schlafanzug mit dem Aufzug ‚!Yeah Yankees!‘ und ‚NY for ever‘ steckte und halb verschlafen, halb angriffslustig aussah. Alles in allem wirkte sie total normal, bis auf eine einzige Sache. Ihr Tattoo war blutrot.
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