Ins Nordlicht blicken

von kweenron
GeschichteAbenteuer, Drama / P12
10.02.2016
10.02.2016
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Ins Nordlicht blicken


„Ich war bei meiner Großmutter in Dannenberg, Deutschland aufgewachsen, als ein Klon meines Vaters, der durch eine Laune der Natur wie das komplette Gegenteil aussah: pechschwarze Haare und Augen wie Murmeln aus Lavastein. Doch bis auf das Aussehen, war unsere Kindheit gleich gewesen; ich wohnte in seinem Zimmer, trug dieselben Klamotten, spielte mit den gleichen Spielzeugen, seine Mutter war auch irgendwie die meine gewesen. Ich ging auf dieselbe Schule, in die gleiche Klasse – saß wahrscheinlich sogar auf seinem Platz im Klassenzimmer und hatte dieselbe Lehrerin, Frau Mirow, welche kurz vor der Rente stand. Ich hatte mir die gleichen Kindheitserinnerungen geschaffen. Mit Großmama hatte ich Honig und Apfelgelee gemacht und Plätzchen, welche die Form Grönlands hatten – denn hier wohnte mein Vater. Oma war es immer wichtig gewesen, dass ich nie vergaß woher ich kam und deshalb kennzeichneten wir Nuuk immer mit einer roten Perle.
Als ich neun Jahre alt war, starb diese glückliche Kindheit.
Wie jeden Morgen war ich zur Schule gelaufen und wie immer hatte mir Großmutter aus dem Küchenfenster hinterher gewunken. Es sollte das letzte Mal gewesen sein, dass ich sie sah; denn als ich mittags wieder zurück kam war ihre Leiche bereits weggebracht worden. Beim Schuhe putzen, auf der Terrasse, war sie einfach umgekippt und der alarmierte Notarzt konnte nur noch ihren Tod feststellen. Niemand hatte auch nur daran gedacht einem Neunjährigen die Leiche seiner Oma zu zeigen und so hatte ich ihrem Tod lange nicht vertraut.
Auch zu ihrer Beerdigung hatte man mich nicht mitgenommen; ich war mit meinem Großonkel Georg im Zoo gewesen und dieser hatte nur auf die Uhr geschaut und mit merkwürdig traurigem Blick gemeint: „Sie müssten jetzt fertig sein.“
In Hamburg, bei Georg und seiner Frau Annelise, hatte ich danach für einige Wochen gelebt. Danach brachte man mich zu meinem Vater – nach Grönland; ein Land, von dem ich nur wusste, dass es dort Schnee, Seerobben und Schlittenhunde gab. Ich war mega aufgeregt gewesen, so sehr, dass ich einen Tag vor dem Flug hohes Fieber bekam. Doch auch das konnte meine Reise nicht verschieben und während ich im Flugzeug saß und auf das Meer hinab starrte war es besser geworden, die Aufregung war Freude gewichen. Ich würde bei meinem Vater leben!
Ich kann mich beim besten Willen nicht daran erinnern, was mich dazu getrieben hatte so euphorisch zu werden; was mir den Gedanken gegeben hatte, es würde eine gute Zeit werden.
Doch während mich die Stewardess von Air Greenland zu meinem Vater führte, wusste ich dass ich es nicht schaffen würde ihn so zu nennen. Meine Euphorie war der Frage gewichen, was überhaupt sein Name war. Hatte meine Großmutter ihn nie beim Namen genannt, oder hatte ich einfach nicht richtig zugehört?
„Er kommt ganz nach seiner Mutter.“ War der erste und letzte Kommentar zu meinem Aussehen gewesen, von diesem Wikinger mit blonden Längen und blauen Irden – meinem Vater, der so gar nicht wie ich aussah. Ich hatte schnell gemerkt, dass er nicht derjenige war für den ich ihn immer gehalten hatte; dass meine Zeit in Grönland nicht so schön werden würde, wie ich gedacht hatte. Mein so genannter Vater war Alkoholiker und konnte mir bei weitem nicht das geben, was Großmutter hatte. In den ersten Monaten hoffte ich sogar, dass sie nicht tot war. Jedes Mal wenn das Telefon klingelte oder jemand an der Tür klopfte machte mein Herz einen Sprung, hoffend dass sie es war. Doch sie war es nie und im Nachhinein war es dumm zu glauben, dass sie jemals wieder kommen würde. Sie war tot und der Tod war eine Reise ohne Wiederkehr.
Die Zeit in Grönland wurde für mich immer und immer mehr zur Hölle. Alles hier war langweilig und einsam, anders als in dem diffizileren, viel bevölkerten Deutschland. Für mich war es der reinste Kulturschock gewesen. Ich fand nicht schnell Freunde, da ich gar kein Grönländisch konnte. Einzig und allein Aqqaluk lächelte mich in der Schule an, ließ mich abschreiben und machte mir manchmal sogar die Hausaufgaben. Er war mein erster Freund hier geworden und sollte auch mein einziger bleiben. Zwar lernte ich noch andere Leute kennen, wie Ingvar oder Maalia, doch mit keiner dieser Persönlichkeiten wollte ich mehr als nötig zu tun haben. Sie langweilten mich, denn es gab so viele hier wie mich und so weniger, die ganz anders aussahen. Ich hatte das Aussehen meiner Mutter geerbt, das grönländische und dafür hasste ich sie. Nichtsdestoweniger ich hatte keine andere Wahl als hier zu bleiben, schließlich war ich nur ein neunjähriger Junge gewesen.
Ich wurde älter und bemerkte immer mehr wie gleich und langweilig hier alles war. Es deprimierte mich und ich wunderte mich manchmal, warum ich noch keine Depressionen hatte. Wir kauften unsere Jeans, unsere Jacken und sogar unsere Unterwäsche in denselben Läden; gingen zum gleichen Friseur und hatten dieselben freudlosen Gesichter.
Anfänglich hatte ich mich noch für Maalia begeistern können; diese hübsche Inuit. „Weißt du, dass Kinder, die bei Nordlicht gezeugt werden, besonders intelligent werden?“ hatte sie mich einmal gefragt und in dieser Nacht hätten wir beinahe miteinander geschlafen – beinahe; hätte mich nicht dieser Affekt überkommen, der mir befahl wegzulaufen. Ich wollte nichts von ihr, nicht von einer Frau, die aussah wie meine Mutter; keinen Sex, keine Liebe, kein Nordlicht. Aber gerade Letzteres hatte es mir angetan. Wenn ich es ansah, wurde mir bewusst warum mein Vater nach dem Tod meiner Mutter an den Arsch der Welt gezogen war.
Ja, meine Mutter war tot und das war der Grund warum ich bei meiner Großmutter aufgewachsen war. An einer Überdosis Heroin war sie zu Grunde gegangen, kurz nachdem ich geboren war. Keine Ahnung, ob sie abhängig gewesen war oder ob es ein einmaliger Trip werden sollte – es spielte keine Rolle und so hatte ich niemals danach gefragt. Dieser Verlust hatte meinen Vater dazu getrieben sein Baby zurück zu lassen und in dieses gottverlassene Land zu ziehen, voll Schmerz über den Ruin seiner großen Liebe. Nur deshalb hatte er zum Alkohol gegriffen; meine Mutter trug die Last der Schuld für all dies.
Irgendwann hatte ich genug von dem ganzen grönländischem Mist und so beschloss ich wegzugehen. Eines Nachts war es dann soweit und ich wandelte zum letzten Mal in das Zimmer meines Vaters, der dabei war seinen Rausch auszuschlafen. Mir fiel auf, dass ich ihn in all der Zeit weder Papa noch Vater noch Peter genannt hatte; auch in dieser Nacht brachte ich nur ein erbärmliches „Also dann… mach’s gut…“ über die Lippen. Nachdem ich meinen Haustürschlüssel auf dem Küchentisch deponiert hatte, ging ich mit all meinem Geld, Handy und Ausweis los. Die Flucht war geplant und Aqqaluk und unerwartetherweiße Maalia halfen mir dabei. Wir leerten eine der Kisten mit Robbenfleisch, die einem gewissen Sven gehörte, bevor wir Luftlöcher hinein stachen. Kurz bevor ich mich in den stinkenden Sarg quetschte, verabschiedete ich mich von meinem besten Freund und Maalia flüsterte mir ins Ohr: „Du kommst wieder Pakkutaq.“ – es hatte wie eine Beschwörung geklungen. Eine Weile hatten wir dann unschlüssig dagestanden, während in meinem Kopf nur ein Satz gekreist war, sich immer und immer wieder wiederholt hatte. „Auch den Staub aus eurer Stadt, der sich an unsere Füße gehängt hat, schütteln wir ab auf euch.“, er war wie in Dauerschleife und als ich in der Kiste lag und sich das Gefühl verstärkte, dass ich hier sterben würde, wurde mir bewusst woher ich den Satz kannte. Als Maalia und Aqqaluk den Deckel zuklappten und der Blick auf den Sternenhimmel verging, wurde mir bewusst, dass der Satz von der Beerdigung einer Klassenkameradin stammte.
Die Reise in der Kiste war die reinste Hölle gewesen, ein größeres Fegefeuer als Grönland je hätte sein können. Mir wurde von jeder kleinen Bewegung übel; ich hatte ja nicht einmal Licht – eigentlich logisch, denn tote Robben hatten auch keines. Enge und Blutgestank machten mir zu schaffen, mir tat alles weh und eiserne Angst umgab mich. Angst, dass mich jemand entdecken könnte.
Auf dem Schiff nach Hamburg wurde es nicht besser, es erstarben zwar die Stimmen, doch ich bekam immer weniger Luft. Meine verteufelte Kiste war zwischen die anderen geschoben worden. Ich konnte den Deckel nicht anheben; so sehr ich auch drückte, mit den Fingernägeln das Styropor zerkratzte. Es war stockdunkel und ich konnte mich nicht regen und der Gestank der zerstückelten Robben um mich herum machte mich wahnsinnig. Die Panik gewann die Überhand und ich sah keine andere Ausflucht, als mich zu verrenken um an mein Handy zu kommen. Ich rief nach kurzem, schnellem Überlegen Sven an, doch es passierte nichts; einzig die Mailbox meldete sich und ich begann zu schreien. Mit diesem Schrei verlor ich gänzlich die Kontrolle; ich scharrte, rang nach Luft, röchelte, würgte und brüllte. Das war der Moment in dem ich mit meinem Leben abschloss, mich der Dunkelheit, der Ohnmächtigkeit hingab. Ich dachte ich würde frei werden, denn ich sah Schnee, so viel Schnee; doch dann riss mich etwas zurück, Wasser, eiskaltes Gletscherwasser.
Grönemeyer war der Name meines Retters gewesen und in den ersten Momenten hatte ich nicht gewusst ob ich ihm hätte danken sollen. Darüber konnte ich mir auch keine Gedanken mache, denn der Fakt dass ich noch lebte, brachte mein Auffliegen mit sich. Der Mann packte und zog mich aus dem Kühlraum, indem ich unwillig gelandet war. Doch das Glück schien auf meiner Seite zu sein, denn Grönemeyer ließ mich sein. „Lass dich ja nicht erwischen!“ hatte er mir gesagt, bevor er verschwand und den Schlüssel zweimal hinter sich herumdrehte. Ich war gefangen und das, bis wir Hamburg erreichten.
Der Glaube, dass Schlimmste überstanden zu haben, begleitete mich drei Tage. Grönemeyer war die einzige Person, die ich in dieser Zeit zu Gesicht bekam und er war es, der mir erzählte, dass ich in Nuuk bereits gesucht wurde; sogar im Fernsehen war davon berichtet worden.
Als ich nur noch einen Tag auf dem Schiff, der Alaska, hatte, betrat dann eine andere Persönlichkeit den Lagerraum. Ich schaffte es nicht rechzeitig mich zu verstecken und so stand ein nicht viel älterer Junge vor mir. „Was machst du hier?“ hatte er gefragt und ich wiederholte seine Frage, geschockt und übernahm sogar den weichen Akzent seiner Stimme. Es war nicht so, als hätte ich ihn verarschen wollen und nach Späßen war mir auch nicht zumute, doch der kalte Schauder auf meinem Rücken erlaubte mir nichts anderes. Ein paar Sekunden waren wir uns stumm gegenüber gestanden und in diesen Sekunden schien er zu begreifen, wen er da vor sich hatte. Jemanden, der Angst hatte entdeckt zu werden: Einen blinden Passagier. „Du kommst mit mir zum Kapitän!“ klang seine Stimme durch den kalten Raum, kurz nachdem er mich überwältigt hatte. Ich hatte ihm sicher nicht gerne wehgetan, doch in diesem Moment ging es um mein Leben und so schlug und trat und kratzte ich ihn; als er mich am Boden festnagelte bäumte ich mich auf, riss die Beine hoch und rammte ihm die Knie in den Oberkörper. Ich bekam einen Arm frei und griff nach dem nächst Bestem was ich zu greifen bekam und schlug ihn ein-, zweimal – keine Ahnung wie oft – auf den Hinterkopf. Er riss Augen und Mund auf, doch es kam kein Ton heraus und sein Blick wurde leer. Dann sackte er zur Seite und in diesem Moment begriff ich, dass ich ihn erschlagen hatte; ich hatte ihn mit meinem dämlichen Becher Milch erschlagen. Ich hatte ihn nicht töten wollten, ich hatte nur eine Chance gewollt; eine Chance auf mein eigenes Leben.
Es war als könnte ich mir selbst dabei zusehen, wie ich ihm die Lider und Lippen zudrückte – wie es auch die Leute in den Krimis immer machten. Ich zog ihn bis auf die Unterwäsche aus und machte es gleich, danach zog ich mir seine Sachen an und ihm die meinen. Der philippinische Junge war so groß wie ich und nur ein paar Wochen älter. Als ich mir seinen Ausweis und  die Bordkarte in die Hosentasche schob wurde mir klar was ich vorhatte: Ich würde als Jonathan von Bord gehen.
Pakkutaq Wildhausen war tot und es war gar nicht so schwer, Jonathan Querido zu werden.
Als ich ihm zu guter Letzt noch die Daunenjacke anzog, entdeckte ich auf dem beigen Stoff einen Blutfleck und dieser Fleck hatte die Form Grönlands. Ich hatte allerdings keine Zeit darüber nachzudenken, denn ich schleppte den Jungen aus meinem Versteck und zur Reling. Ich sah mich selbst fallen, als ich ihn über darüber stieß; Pakkutaq Wildhausen, einen siebzehnjährigen Krabbenpuler, einen Jungen ohne Zukunft. Ich ließ ihn in den eisigen Wellen versinken, mit allem was auf mein altes Ich hinwies; das Handy, der Ausweis und sogar das ganze Geld.
Den restlichen Weg nach Hamburg überstand ich ohne weitere Zwischenfälle. Ich wurde sofort in die Arbeit von Jonathan eingewiesen und flog nicht auf – sie kauften mir wirklich ab, dass sie einen philippinischen Arbeiter bei sich hatten.
In Hamburg angekommen konnte ich gar nicht schnell genug von Bord gehen; weg, bevor ich womöglich doch noch geschnappt wurde. Ich hatte das Gefühl der Unbesiegbarkeit und so stieg in ein Taxi, da ich mich mit einem Bekannten aus einem Online Spiel im Schachcafe am Rübenkamp treffen wollte. Doch als ich die ersten Kastanien sah, kamen alte Erinnerungen in mir hoch und mir stiegen die Tränen in die Augen – mit einem Mal taten mir Aqqaluk, Maalia und die Anderen so unglaublich leid, denn sie würden niemals kleine  Tiere aus Kastanien basteln; so hatte ich es immer mit meiner Großmutter getan. Ich wurde auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt und ich bemerkte, dass ich kein Geld hatte; wie sollte ich den Fahrer bezahlen? Ich schluchzte wie ein kleines Mädchen und so ließ er mich gehen, stellte eine Rechnung aus. Ich war nicht mehr Pakkutaq Wildhausen, nicht mehr der Sohn meines Vaters. Ich war Jonathan Querido und er würde die Rechnung sofort bezahlen wenn er Geld hatte.
Ich betrat besagtes Cafe kurz nach 20 Uhr. Ich ließ mich auf einen kleinen Tisch sinken und schloss die Augen. „Man erkennt sich immer, wenn man will.“, das hatte Spider gesagt, doch ich hatte keine Ahnung ob dies stimmte; ich zweifelte sehr daran.
Meine Augen trafen die Augen eines Mannes und so kam es, dass ich mich zu ihm gesellte. Er bot mir etwas zu Essen an und ich schaffte es ungefähr zwei Sekunden zu warten, bevor ich begann es herunter zu schlingen. Spider nahm mich mit zu sich nach Hause und in meinem übermüdeten, erschöpften Gehirn breitete sich eine Erkenntnis wie in Zeitlupe aus: Ich war gerade dabei mit einem Schwulen die Nacht zu verbringen. Doch ich war nicht mehr Pakkutaq; ich war Jonathan und dessen Vorlieben kannte ich nicht.
Am nächsten Tag jagte mir ein erneuter Schreck kalten Angstschweiß über die Haut. Der alte Mann, welcher sich inzwischen als Lloyd vorgestellt hatte, hatte mich bis zum Mittagessen allein gelassen und so war ich an den Computer gegangen, hatte die Seite mit dem Online Kartenspiel aufgerufen und mich eingelogt. Die Person, die sich Spider nannte, war online. Ich saß in dem Zimmer eines Mannes, den ich für Spider gehalten hatte. Ich chattete kurz mit dem Wirklichen und dabei stellte sich heraus, dass es wirklich nicht der war, bei dem ich untergekommen war. Danach loggte er sich aus: Der Spieler hat das Spiel verlassen.
Ich sprach Lloyd nicht darauf an und ich versuchte auch nicht wegzugehen. Ich verhielt mich stink normal und meisterte meine Zeit bei ihm. Fast ein ganzes Jahr ließ er mich bei sich wohnen, bevor er mich abrupt loswerden wollte. Ich hatte gehört, wie er einer Steinmetzschule ein paar Tausend Euro bot, wenn sie mich sofort aufnehmen würden. Mir erzählte er natürlich etwas anders, dass es ein plötzliches Angebot wäre, eine einmalige Chance und dass ich etwas aus meinem Leben machen müsse. Als wir auf der Autobahn nach Niedersachsen fuhren, wurde mir bewusst dass ich Lloyd niemals wieder sehen würde. Er würde sich ohne richtige Verabschiedung aus meinem Leben verpissen, genau wie Spider und meine Großmutter damals. Doch dieses Mal schwor ich mir einen Schlussstrich zu ziehen; ich wollte nicht mehr zurückschauen. Ich ging meiner Arbeit nach, baute mir mein eigenes Leben auf.
Im Sommer 2020 fand ich mich dann erneut auf der MS Alaska wieder. Ich traf dort eine junge Frau namens Shary und im ersten Moment erinnerte sie mich an Maalia. Mit ihr verbrachte ich die meiste Zeit, auch wenn ich zuerst abgeneigt war. Gleich der erste Halt des Schiffes war Nuuk und ich war erschrocken, fast schon geschockt, darüber, wie sehr sich die einst so vertraute Stadt verändert hatte.
Gemeinsam landeten wir auf dem Friedhof der Stadt und dort sah ich etwas worauf ich nicht vorbereitet gewesen war. Pakkutaq Wildhausen es waren zwei Worte in kaltem Stein und diese brachten mich aus der Fassung. Hier lag Pakkutaq Wildhausen – hier lag ich.
Diese Erkenntnis brachte mich zu dem Entschluss alles aufzulösen. Ich musste meinen Vater finden und ihm die schmerzliche Wahrheit erzählen und Shary nahm ich mit mir. Ich traf viele alte Freunde wieder und musste feststellen, dass ich nicht der einzige war, der etwas aus seinem Leben gemacht hatte.
Doch die Chance meinen Vater wieder zu treffen sollte ich nicht mehr bekommen. „Ein 41 Jahre alter Deutscher, der erst vor kurzem aus seiner Wahlheimat Grönland nach Hamburg zurückgekehrt ist, ist Opfer eines Gewaltverbrechens geworden. Peter Wildhausen wurde am 15. Dezember mit gebrochenem Genick im Hamburger Stadtpark aufgefunden.“ Mein Vater war tot und nun hatte ich erfahren, dass er in Hamburg gewesen war; mir so nah. Nachdem sich die erste Trauer gelegt hatte war ich stutzig geworden. Der vermutliche Todestag meines Vaters war laut der Obduktion der 13. Dezember 2011 und am 12. Dezember hatte Lloyd Geburtstag gehabt; daran erinnerte ich mich gut. Und am Tag dach hatte er mich weggeschickt. Weg aus Hamburg, aus der Wohnung. Ich hatte es bis heute nicht verstanden. Nein, bis heute nicht.“

„Was ist danach passiert?“

„Die Geschichte von Pakkutaq Wildhausen, dem unglücklichen Krabbenpuler, der ein neues Leben gesucht hatte, und von Jonathan Querido, dem Jungen, den es nun nicht mehr gibt, hat mit der Rückfahrt nach Deutschland geendet. In Hamburg habe ich mich der Polizei gestellt, bin um die Haftstrafe nicht herum gekommen. Dann, nach langem hin und her, habe ich wieder einen Pass mit dem Namen Pakkutaq bekommen.“

„War es ein gutes Ende?“

„Ich denke es ist verdient.“

Die Psychologin Pakkutaq gegenüber klappte ihren Block zu, auf dem sie sich immer wieder skeptisch Notizen gemacht hatte. „Sie scheinen sich ihrer Sache sicher zu sein, Herr Wildhausen.“

„Das bin ich durchaus.“

„Werden Sie es auch wirklich schaffen?“

„Wissen Sie, ich habe eine Frau an meiner Seite die mich liebt und bald werde ich mit ihr und meinem Sohn Minik nach Grönland reisen um alte Freunde zu besuchen. Diese Zeit, von der ich nicht weiß ob sie eine gute war, hat mir viel gebracht und geholfen. Letzten Endes war sie vielleicht nötig für mein Überleben gewesen. Nun kann ich mit Sicherheit sagen wer ich bin und wer ich einmal war.“
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