Die Piraten von Bloodstone

GeschichteRomanze, Fantasy / P12
08.02.2016
23.11.2016
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14.02.2016 3.321
 
Traum und Wirklichkeit
Liora


Die gesamte Umgebung war in ein strahlend, helles Licht getaucht.
Eine wunderschöne Decke aus unberührtem Schnee hatte sich über den Boden gelegt und weitere Flocken rieselten sacht vom Himmel herab, welcher aus einem so hellem Blau bestand, dass er fast mit dem Weiß des Schnees zu verschmelzen schien.
Obwohl ich vollkommen von der weißen Pracht umgeben war, begann ich weder zu frieren noch von der Helligkeit geblendet zu werden, sondern spürte nur eine warme Geborgenheit.
Mir war bewusst, dass dies alles nur ein Traum war, aber dennoch schob ich die Illusionen, die sich mir boten, nicht von mir fort, sondern gab mich ihnen hin.
Ich türmte kleine Hügel aus Schnee auf, um im nächsten Moment lachend in sie hinein zu springen und durch sie hindurch zu toben. Als ich davon genug hatte tanzte ich singend umher, wobei ich den herab rieselnden Schnee genoss, dessen zarte Flocken sich auf meiner Haut anfühlten, wie kleine Küsse.
Das alles tat ich, weil ich wartete.
Manchmal schien es lange zu dauern, manchmal nur kurz, doch die Zeit war in Träumen sonderbar, also konnte ich nie genau sagen, wie lange ich wirklich gewartet hatte. Aber das war mir vollkommen egal, denn in jedem dieser Träume wartete ich auf etwas ganz besonderes.
Auf ihn.
Er kam immer, wenn ich diesen Schneetraum träumte. Ich wusste nicht genau wie oder warum, doch jedes Mal fand er in diesem Traum zu mir.
So war es schon, als ich noch ein kleines Mädchen war und zum ersten Mal in diesem Traum erwachte.
Als er mich das erste Mal fand, kauerte ich ängstlich im Schnee, während um mich herum ein Sturm toste.
Ich fürchtete mich vor der Umgebung, welche für mein kindliches Empfinden, zu real wirkte, um ein Traum sein zu können, zudem fürchtete ich mich auch vor der Gestalt, die ich nicht erkennen konnte, und die mir immer näher kam. Ich begann zu weinen, wodurch der Sturm schlimmer zu werden schien, doch die Gestalt kämpfte sich unbeirrt weiter zu mir.
Als sie fast bei mir angekommen war, hörte ich aus ihrer Richtung eine Stimme.
„Bitte habe keine Angst vor mir. Ich will dir helfen, dir ein Licht sein, wie du mir eines bist. Ich bin für dich da.“
Der Klang dieser Stimme war unglaublich sanft, mit einer Wärme erfüllt, die so wunderschön war, dass sie selbst den Schneesturm zu schmelzen schien und aus irgendeinem Grund, wirkte die Stimme so vertraut, als hätte ich ihren Klang schon einmal vernommen.
Meine Tränen verebbten und so auch der tosende Sturm.
Da konnte ich die Gestalt erkennen.
Es war ein hübscher Junge, der vielleicht ein paar Jahre älter war als ich und mich mit einem strahlenden Lächeln ansah.
Mit wenigen Schritten überbrückte er die letzte Distanz zwischen uns, kniete sich vor mir in den Schnee, nahm mein Gesicht in seine Hände und wischte meine Tränen mit seinen Daumen vorsichtig fort.
Zaghaft legte ich meine Hände mit einem Lächeln auf die seinen, wobei ich mir nicht erklären konnte, warum mein Herz mit einem Mal so schnell klopfte.
„Siehst du? Es ist doch viel schöner, wenn du glücklich bist.“, sagte er, ohne sein Lächeln zu mindern.
Ich nickte, mit einem breiteren Lächeln, woraufhin wir beide einfach begannen zu lachen.
Seitdem hatte ich diesen Traum oft. Wenn ich zu Bett ging, sehnte ich ihn regelrecht herbei und wenn ich morgens aufwachte und feststellen musste, dass ich in der Nacht nicht dort gewesen war, brach es mir das Herz.
Jedes Mal waren der Traum und das, was darin geschah anders, nur die Winterlandschaft blieb immer gleich.
Je älter ich wurde, desto älter wurde auch der Junge, doch als er älter wurde trug er seit einer Nacht, an die ich mich nur noch schwach erinnerte, eine schwarze Vogelmaske, sodass ich sein Gesicht nicht mehr richtig erkennen konnte, ohne das er mir erklären wollte warum.
In all den Jahren hatte ich mir zwar nie erklären können, was das alles zu bedeuten hatte, oder warum gerade ich so etwas träumte, aber auf irgendeine Art und Weise war es mir auch egal, solange ich bei dem Mann meiner Träume sein konnte.
Nun, tanzte ich als junge Frau, von fast achtzehn Jahren, singend durch den Schnee und wartete auf ihn.
Ich sang gerade die ersten Zeilen, eines meiner Lieblingslieder, als ich plötzlich das Echo meiner Worte vernahm.
Ein Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus, während mein Herz wie wild zu klopfen begann und ich unbeirrt weiter sang. Freudig lauschte ich der männlichen Stimme, welche sich perfekt an den Takt meines Gesanges anpasste und immer lauter wurde, da ihr Besitzer sich mir zu nähern schien.
Als ich bei den letzten Zeilen des Liedes angekommen war, drehte ich mich im Tanz herum, wodurch ich genau in seinen Armen landete. Da die Vogelmaske zumindest die untere Hälfte seines Gesichts offenbarte, konnte ich sehen, dass er lächelte, als er meine Hände ergriff, um mich mehrmals herum zu drehen und dann mit mir zu tanzen. Wir tanzten umher, während wir gemeinsam das Lied zu Ende sangen.
Als die letzte Melodie verklungen war, kamen wir zum Stillstand, doch erst als er meine Hand an seinen Mund gehoben und mir einen Kuss darauf gegeben hatte, ließ er mich los. Wie so oft strahlte ich ihn einfach nur an, da ich nicht wusste, was ich sagen sollte.
Doch diesmal unterbrach er die Stille recht schnell.
„Ich kann nicht länger bei dir bleiben.“, erklärte er mit einer Stimme, die von Trauer erfüllt war.
Noch bevor ich etwas sagen konnte, wandte er sich zum Gehen. Ich streckte meine Hand nach ihm aus, wollte ihn fest halten, doch dann passierte alles ganz schnell.
Ich spürte, wie der Boden unter mir zerbrach und versuchte mich mit sich in eine ungewisse Tiefe zu reißen. In der Ferne hörte ich noch ein letztes Mal seine Stimme.
„Sei nicht traurig. Bald werden wir wieder vereint sein.“
Dann fiel ich hinab in die Schwärze.

Ich riss die Augen auf und erhaschte einen Blick auf den Boden, welcher mir zwar langsam, aber unaufhaltsam näher kam. Da ich keine Möglichkeit hatte mich noch irgendwie fest zu halten, schloss ich meine Augen rasch wieder, um mich meinem Schicksal zu ergeben. Einen kurzen Augenblick später krachte ich auf den blanken Holzfußboden. Ich gab ein leises, schmerzerfülltes Jaulen von mir, aber dennoch schmerzte der Aufprall nicht so sehr, wie ich es befürchtet hatte.
Als ich in meinem Traum nach ihm gegriffen hatte, musste ich meinen Arm wohl auch in Wirklichkeit ausgestreckt und mich dadurch zu weit aus dem Bett gebeugt haben, sodass ich letzten Endes hinaus fiel.
Nachdem ich mich schwerfällig auf den Rücken gerollt hatte, stieß ich einen tiefen Seufzer aus.
Es war töricht so sehr an einem Traum fest zu halten, dass wusste ich ganz genau, aber dennoch tat ich es, aus Gründen, die ich mir noch nicht einmal erklären konnte.
Mit einem weiteren Seufzer der Verzweiflung, bedeckte ich mein Gesicht beschämt mit meinen Händen.
Bevor ich jedoch weiter an das denken konnte, was mich so sehr beschäftigte, ertönte ein lautes Hämmern an der Tür. Von dem Lärm erschreckt, fuhr ich hoch, blieb wie erstarrt sitzen und starrte auf die Tür, welche durch die äußerliche Einwirkung, bedrohlich erzitterte.
„Verdammt Kind! Was machst du da drinnen für einen Lärm?“, erklang das laute Gebrüll einer Stimme, die mir mittlerweile nur allzu gut bekannt war.
Es war Captain Cyus, auf dessen Schiff ich mich im Moment befand. Eine Tatsache, die ich nur zu gern vergaß. Also traf es mich fast wie einen Schlag, als mir wieder in den Sinn kam, wo ich mich gerade aufhielt.
Schon seit einigen Wochen, welche mir vorkamen, wie eine Ewigkeit, war ich ein Passagier auf Captain Cyus‘ neuem Schiff, der Amphitrite.
Ich musste gestehen, dass die Amphitrite ein wahrlich prachtvolles Schiff war, auf welchem ich ein eigenes, wunderschönes Gemach, mit elegantem Mobiliar, mein Eigen nennen durfte, welches direkt neben der Kapitänskajüte lag und von dessen Captain ich zuweilen behandelt wurde, wie ein Ehrengast. Aber dennoch fühlte ich mich hier nicht selten wie eine Gefangene. Als wäre ich ein kleiner Vogel in einem goldenen Käfig, welcher dazu verdammt ist immer nur für seinen Besitzer zu singen, ohne jemals seine Schwingen ausbreiten, oder gar fliegen zu dürfen.
Außerdem gab es einen Ort, an dem ich viel lieber gewesen wäre.
An Bord eines Schiffes, namens Lorelei, welches jedoch in ungewisser Ferne, in unbekannten Gewässern vor Anker lag …
Plötzlich ertönte abermals Captain Cyus aufgebrachtes Klopfen, welches mich bereits zum zweiten Mal an diesem Tag aus meinen Gedanken riss.
„Jetzt antworte mir endlich! Was treibst du da drinnen?“, hörte ich ihn jenseits der Tür rufen.
Ein wenig benommen schüttelte ich meinen Kopf, um mich dadurch, schweren Herzens, aus meinen Tagträumen zu lösen.
Ich rappelte mich etwas unbeholfen auf, ging zur Tür hinüber und blieb genau vor dieser stehen, damit ich meine Stimme nicht so sehr erheben musste, wie mein indirektes Gegenüber.
„Bitte verzeiht mir den Lärm, Captain. Hier ist alles in Ordnung, ich bin nur aus dem Bett gefallen.“, versicherte ich ihm mit ruhiger, gelassener Stimme, in der Hoffnung ihn auf diese Weise beruhigen zu können. Augenblicklich erstarb das Hämmern und die Wut des Captains schien wie erloschen.
„Aus dem Bett gefallen? Geht es dir wirklich gut? Hast du dich verletzt?“, fragte er, während Besorgnis in seinen Worten mit schwang.
Ohne mein direktes zutun, umspielte ein Lächeln meine Lippen.
Es gab Momente, in denen ich es als rührend empfand, wenn Captain Cyus sich um mich sorgte, oder mir gegenüber väterliche Gefühle zeigte. Jedoch wusste ich nicht, ob er sich darüber im Klaren war, dass es nur einen Mann gab, den ich jemals als meinen Vater akzeptieren würde.
„Mir geht es wirklich gut, Captain. Ich war nur über meinen Sturz erschrocken, aber verletzt bin ich nicht. Macht euch keine Sorgen.“, versicherte ich ihm erneut, diesmal mit einem Lächeln, welches er zwar nicht sah, aber von dem ich wusste, dass er es hören konnte.
Auf der anderen Seite der Tür erklang ein tiefes Seufzen der Erleichterung. Nach einem kurzen Moment des Schweigens, meldete sich der Captain wieder zu Wort.
„Wenn dem so ist, bin ich beruhigt, aber sei in Zukunft dennoch etwas vorsichtiger.“
Seine Tonlage wurde noch etwas sanfter, als er fort fuhr.
„Bitte vergebe mir mein aufbrausendes Verhalten von eben, aber ich bin wohl ein wenig angespannt, weil wir bald in Bloodstone eintreffen werden. Ich hoffe, dass du mir nicht allzu böse bist.“
Das Lächeln auf meinem Gesicht wurde noch breiter.
Ich hatte mich schon lange danach gesehnt, nach Bloodstone zu kommen, und nun würde mein Sehnen in Kürze tatsächlich ein Ende haben.
„Keine Sorge, Captain. Es ist schon in Ordnung.“, sagte ich und meinte es vor lauter Freude auch so.
„Das freut mich sehr.“, antwortete er, nachdem ihm ein weiteres erleichtertes Seufzen entfahren war. „Nimm dir ruhig alle Zeit, die du benötigst, um dich zurecht zu machen. Es wird ohnehin noch eine Weile dauern, bis wir in Bloodstone eintreffen. Wir sehen uns dann später an Deck.“
„Aye, Captain.“, gab ich knapp zurück.
Ich hörte, wie sich die Schritte des Captains entfernten, für einen kurzen Moment verstummten, lauter wurden und schließlich erneut vor meiner Kabinentür hielten.
„Liora...?“, erklang seine Stimme, wie ein zärtliches Flüstern.
„Ja...?“
„Bitte nenne mich nicht immer Captain. Du weißt doch, dass es mir genügt und ich es viel lieber habe, wenn du mich einfach Cyus nennst.“
Für einen kurzen Augenblick schwieg ich, da ich mir nicht sicher war, was ich sagen sollte. Diese kleine Bitte hatte er schon des Öfteren geäußert, doch ich war nie wirklich darauf eingegangen.
War dies mein Recht, wo er mich doch so gut behandelte?
„Wenn dies Euer Wunsch ist, so will ich ihn euch gewähren, Cap ... Cyus.“, sagte ich schließlich zögerlich, mit einer leichten Unsicherheit, welche mir jedoch sofort genommen wurde.
„Ich danke dir.“, erwiderte Cyus, wobei ich fast spüren konnte, dass er lächelte.
Er verabschiedete sich noch ein weiteres Mal, bevor ich hörte, wie seine Schritte leiser wurden, er die Tür zu seiner Kajüte öffnete und wieder schloss, sodass wieder Stille einkehrte.
Ich drehte mich herum, lehnte meinen Rücken gegen die Tür, während ich einmal tief durchatmete. Dann stieß ich mich sanft von der Tür ab, um rastlos in meiner Kajüte auf und ab zu gehen.
Die Beziehung zwischen dem Captain ... zwischen Cyus und mir, war seit jeher keine sonderlich einfache gewesen, was mitunter daran lag, dass ich sie nie einfach hatte werden lassen.
Als ich noch ein kleines Mädchen, von vielleicht vier Jahren war, welches ohne Eltern oder Erinnerungen allein umher irrte, war es immerhin nicht Captain Cyus gewesen, der mich fand, sondern der Captain eines wundervollen Piratenschiffes namens Lorelei.
Captain Conell.
Der Mann, der mich zu sich genommen hatte, als ich ganz allein auf der Welt war.
Der Mann, der mich geliebt hatte, wie seine eigene Tochter und für mich immer wie ein liebevoller Vater gewesen war.
Der Mann, dessen Mannschaft mich aufgenommen hatte, wie ein lang verlorenes Familienmitglied und die auch für mich wie die Familie war, welche ich zuvor nie haben durfte.
Doch leider auch der Mann, der wegen eines Verbrechens, von dem ich überzeugt war, dass er es nicht begangen hatte, weit entfernt in einem Kerker saß und seinen Freund Cyus vor seiner Gefangennahme darum gebeten hatte mich zu schützen.
Ohne dass ich es wollte sammelten sich Tränen in meinen Augen, während ich unwillentlich zu schluchzen begann. Zwar versuchte ich mit aller Macht dagegen anzukämpfen, aber dennoch gelang es den Tränen, ihren Weg über meine Wangen zu finden, bevor sie als klägliche Tropfen auf dem Boden aufkamen.
Dieser immer wieder kehrende Traum, den ich mir nicht erklären konnte, aber mich dennoch nach ihm sehnte, die schwierige Beziehung zwischen Cyus und mir, die Erinnerungen an die Menschen, die ich am meisten liebte und so schrecklich vermisste...
Das alles ging mir so sehr zu Herzen, quälte mich so sehr, dass ich mich fühlte, wie das kleine, einsame, zerbrechliche Mädchen, welches ich vor langer Zeit gewesen war.
Es war mir bereits so lange gelungen meine Gefühle in mir zu verschließen und sie niemandem gegenüber zu offenbaren, sodass ich mich nun erbärmlich und schwach fühlte, weil sie einfach aus mir heraus gebrochen waren.
Ich hatte nie gewollt, dass jemand sah, wie ich weinte, sodass ich gar nicht daran dachte dies zu zulassen, nur weil ich einem schwachen Moment erlegen war.
Ich atmete einige Male tief durch, um mich zu beruhigen, wischte mir meine Tränen hastig mit beiden Handrücken fort und begab mich flinken Schrittes zu einem der Fenster.
„Etwas frische Luft wird mir sicher gut tun.“, versuchte ich mir selbst Mut zu zureden.
Ich schob die dünnen Vorhänge beiseite, wodurch der ganze Raum augenblicklich mit hellem, warmem Sonnenlicht durchflutet wurde.
Nachdem ich einige Male geblinzelt hatte, um mich an die plötzliche Helligkeit zu gewöhnen, schob ich den kleinen Riegel beiseite, der die beiden Fenster vor mir verschlossen hielt, öffnete diese gleichzeitig und bestaunte den atemberaubenden Anblick, der sich mir bot.
Die Sonne stand an einem wolkenlosen Himmel, von wo aus sie alles in ein schönes, wohliges Licht tauchte. Auf einem Stück Holz, das aus dem Wasser ragte, saß aneinander geschmiegt ein Möwenpaar, welches wie verliebt die Schnäbel aneinander rieb. Das Meer wogte sanft, wobei es so sehr glitzerte, dass es wirkte, als hätte jemand aber tausende von Diamanten auf die zarten Schaumkronen geworfen. Und dort am Horizont, welcher langsam, aber sicher näher kam, lag Bloodstone.
Die sagenumwobene Hafenstadt des Piratenkönigs war noch zu weit entfernt, als dass ich irgendwelche Einzelheiten hätte ausmachen können, aber bereits Bloodstones Silhouette, wirkte großartig und zugleich sehr respekteinflößend.
Seitdem mein Vater mir als kleines Mädchen Geschichten über diese Stadt erzählt hatte, war es mein Wunsch gewesen sie einmal mit eigenen Augen zu sehen. Nun ging dieser Wunsch endlich in Erfüllung.
Glücklich schloss ich die Augen und beugte mich ein wenig weiter aus dem Fenster, damit ich den warmen Sommerwind, welcher die Amphitrite antrieb, besser spüren konnte.
Als hätte er nur darauf gewartet frischte der Wind in diesem Moment auf und fand seinen Weg zu mir. Ich spürte, wie er mir zuerst sanft durchs Haar fuhr, bevor sein zärtlicher Hauch über mein Gesicht streichelte, meine geschwollenen Augen kühlte und meine Tränen trocknete.
Mit einem Mal klang es so, als würde der Wind sehnsüchtig meinen Namen flüstern, während es sich anfühlte, als versuchte eine Hand zärtlich nach mir zu greifen.
Erschrocken riss ich meine Augen auf, wirbelte herum und schaute mich mit hastigem Blick in meiner Kajüte um. Doch ich war immer noch allein.
„Seltsam...“, murmelte ich etwas benommen, bevor ich meinen Kopf schüttelte und alles als einfache Halluzination abtat.
Mein Gefühlsausbruch musste mir wohl mehr zugesetzt haben, als geahnt.
In der Hoffnung von diesen Gedanken los zu kommen, begab ich mich an den Schminktisch, den Cyus mir in meine Kajüte hatte stellen lassen, in der Hoffnung ich würde mich darüber freuen.
Zugegeben, es war ein sehr schönes Stück, was mir ein weiteres Mal auffiel, als ich mich auf dem zierlichen, mit rosanem Stoff benähten Hocker sinken ließ, der vor dem Schminktisch stand. Aber ich war nicht die Art Frau, die sich sonderlich viel aus ihrem Aussehen machte. Immerhin war ich als Piratentochter aufgewachsen, da hatte ich nie viel Interesse an Puder oder derlei Schnick Schnack gehabt.
Ich schaute in den ovalen, mit eleganten Mustern verzierten Spiegel des Schminktisches und sah mich an.
Meine langen, orange-roten Locken waren ziemlich zerzaust, wodurch sie wirr von meinem Kopf abstanden. Meine Augen waren noch leicht geschwollen, von leichten Schatten umrahmt, durch die die ich genauso müde wirkte, wie ich mich fühlte und auf meinen Wangen waren noch immer leichte Tränenspuren zu erkennen.
Ich seufzte kurz, musste mein Spiegelbild aber dennoch leicht anlächeln.
So war ich nun einmal: nicht perfekt.
Doch im Gegensatz zu anderen Frauen kam ich damit sehr gut zurecht.
Ich zog die Waschschüssel, welche ich gestern gefüllt auf den Schminktisch gestellt hatte, näher zu mir heran, holte einmal tief Luft, um mein Gesicht dann beherzt in das kalte Wasser zu tauchen. Nach einigen Augenblicken hob ich meinen Kopf wieder und tastete nach einem Tuch, um mich wieder zu trocknen.
Das war es, was ich gebraucht hatte, um richtig wach zu werden.
Als mein Gesicht getrocknet war, nahm ich mir eine der Bürsten, die auf dem Schminktisch lagen und begann damit mein Haar mit schnellen Bürstenstrichen durch zu kämmen. Nach einiger Zeit legte ich die Bürste beiseite und sah erneut in den Spiegel.
Nun flossen meine Haare ordentlich über meine Schultern, meine Locken waren wieder schwungvoll und umrahmten mein Gesicht, wie ich es gewohnt war. Auch mein Gesicht sah nicht mehr so müde und zerweint aus, wie zuvor, sondern mein Teint war wieder frisch.
„Sieh nur, welch wunderschöne Frau aus dir geworden ist.“, hörte ich Cyus Stimme in meinem Kopf.
Ich lächelte grimmig und zeigte meinem Spiegelbild die Zunge, bevor ich mich vom Hocker erhob, um mich zum Kleiderschrank zu begeben.
Nachdem ich ihn geöffnet hatte, endschied ich mich für eine schwarze Hose, aus weichem Stoff, ein Hemd aus weißer Seide, ein paar schwarze Stiefel und einen dunkelblauen Mantel, aus Samt. Dann begab ich mich hinter den Paravan, damit ich mich umziehen konnte.
Obwohl sie mir eigentlich gefielen trug ich sehr selten Kleider, denn in vielen Situationen war es einfacher und auch angenehmer, wenn die Menschen in meiner Umgebung mich für einen Jungen hielten.
Es hatte beispielsweise den angenehmen Effekt, dass schmierige Männer nicht versuchten mir den Hof zu machen.
Als ich fertig angekleidet war nahm ich meinen schwarzen Dreispitz, der auf dem Stuhl hinter dem Paravan lag, woraufhin ich mich wieder zum Schminktisch begab.
Ich nahm meine Haare zusammen, drehte sie gekonnt zusammen und setzte dann meinen Hut auf. Dann beugte ich mich hinab, um zu prüfen, ob wirklich jedes meiner Haare unter dem Hut verschwunden war.
Nun begann mal wieder das kleine Schiffstheater, in welchem ich den Adoptivsohn des Captains spielte.
„Na, dann...ab an Deck mit dir, Lionel.“, sagte ich mit einem matten Lächeln zu meinem Spiegelbild.
Ich richtete mich wieder auf, verließ schnellen Schrittes meine Kajüte und machte mich auf in Richtung Deck.
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