Besser spät als nie

GeschichteRomanze, Freundschaft / P16
Felix Brummer / Kummer Karl Schumann Max Marschk OC (Own Character) Steffen Israel / Tidde Till Brummer / Kummer
07.02.2016
01.04.2016
6
6928
1
Alle Kapitel
6 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
 
Info: Jegliche Handlungen dieser Story sind frei erfunden, es erfolgt keine Monetarisierung.

______________________________________________________________________________


Der Regen peitschte unerlässlich auf die Frontscheibe meines schwarzen Kleinwagens, als ich eigentlich viel zu schnell, auf der linken Spur der Autobahn unterwegs war.
Ich war genervt von den schlechten Songs im Radio. Ungeduldig tippte ich auf den Lenkradtasten meines Autos herum, bemüht irgendein gutes Lied auf irgendeinem Sender zu finden. Nach einigen Minuten gab ich es auf, öffnete mein Handschuhfach und griff mir eine von den CDs, die sich darin befanden.
Das erste Album von den „Hives“ wanderte in den Player und nach den ersten Lines merkte ich bereits, wie ich mich entspannte. Das Navi sagte, dass ich noch etwa eine Stunde Fahrt vor mir hatte.

Der Tag hatte schon schlechter begonnen, als ich mir gewünscht hatte.
„Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder Lukas?“ entlud sich mein ganzer Groll gegen meinen WG-Mitbewohner. „Du hast einfach schon wieder nicht geschafft deinen ganzen Scheiß aus der beschissenen Küche wegzuräumen, nach dem du mit deinen Freunden gekocht hast!“ Es sah aus wie ein Schlachtfeld, jegliche Töpfe waren mit irgendeiner roten Soße beschmiert, ganz nach den Tellern zu urteilen, waren hier mindestens zehn Kumpels von Lukas gewesen. Es hatte sich bereits ein unangenehmer Geruch entwickelt, denn unsere Abluft über den Kochfeldern funktionierte nicht.

„Chill, Johanna. Es ist Freitag, ich hab jetzt keine Uni und du… Naja, du schon, aber ich kann ja jetzt hier aufräumen.“ versuchte er mich zu beschwichtigen. Seine langen braunen Haare fielen ihm in kurzen nassen Strähnen ins Gesicht, als er aus dem Bad manövriert kam.
Ich stemmte meine Hände in die Hüften. „Ich hab dir schon länger gesagt, dass ich das nicht mehr lange mitmache. Entweder du bekommst es auf die Reihe, halbwegs Ordnung zu halten oder du kannst dir wen anders suchen, der diese horrende Miete für diesen maroden Altbau aufbringt.“
Ich nahm mein Frühstück, packte es in meine Lederhandtasche, zog mir meine schwarzen Stiefel an nachdem ich mich schnell an ihm vorbei in den Flur gedrängt hatte.
Mein über alles geliebter großer, bronzefarben umrahmter Spiegel zeigte mir meine tiefen Augenringe, die ich relativ erfolglos versucht hatte zu überschminken. Ich zog mir meinen schwarzen, knielangen Filzmantel über und versuchte meine mittelblonden Haare unter Kontrolle zu bekommen. Mittlerweile waren sie bereits so lang, dass sie mir locker über die Brüste gingen.

„Ich fahr’ heute nachmittag nach Chemnitz, kein Plan ob ich nach der Uni nochmal her komme oder direkt fahre, okay?“ rief ich durch die Wohnung. Lukas trat aus der Küche hervor, der Parkettboden ächzte. „Stimmt! Du besuchst ja heute Amelie. Richte ihr bitte ganz liebe Grüße aus.“
„Mach ich. Und kannst du bitte dafür sorgen, dass ich, wenn ich wieder komme, noch eine Wohnung und keine Bruchbude vorfinde?“ meinte ich, als ich lächelnd auf ihn zuging und ihn zum Abschied umarmte. Lange konnte ich ihm nie böse sein, dafür mochte ich Lukas zu sehr, der seit dem wir zusammen wohnten auch einer meiner besten Freund war.

Der Unitag zog sich ungemein. Zum Glück war es noch zu Beginn des Semesters, zu den Klausuren blieb noch genug Zeit, dennoch fragte ich mich bereits, warum ich genau nochmal was Naturwissenschaftliches studieren musste.
Als ich nach meiner letzten Vorlesung über den großen Vorplatz zu meinem Auto ging, klingelte mein Telefon. Ich zog es aus meiner Tasche, der Bildschirm meines iPhones zeigte Amelie.
„Na, was gibt’s? Kannst du es schon nicht mehr erwarten?“ meldete ich mich und grinste.
„Jo! Es wird Wahnsinn. Nimm bitte was zum feiern mit, die Ausrede wie beim letzten Mal zieht dieses Mal nicht mehr.“ drohte sie und ich hörte ihr Lachen. Amelie war die Einzige, die mich so nannte.
Ich seufzte. Nach Tanzen war mir gar nicht zu Mute. Aber natürlich wollte sie mir das Nachtleben von Chemnitz zeigen, wenn ich schon mal in ihrer Stadt war. Nachtleben. Chemnitz. Ich lachte herzhaft.
„Stimmt, dieses Mal kann ich dich nicht wieder abwimmeln. Ich hoffe ich langweile mich nicht zu Tode, meine Liebe. Dann muss ich wohl nochmal nach Hause, ich hab nämlich gedacht, wir fressen uns heute auf deiner Couch fett…“ tat ich gespielt beleidigt.
„Schwing die Hufen, du Stubenhocker! Wir sehen uns heute Abend. Und fahr vorsichtig!“ „Bis dann.“ meinte ich und legte dann auf.
Chemnitz war im Vergleich zu Leipzig, meinem Wohnort seit nunmehr 4 Jahren, wirklich ein Kaff. Zu Beginn unserer Studienzeit war ich öfter dort gewesen, immer bei Amelie, da wir uns seit der Schulzeit kannten und sie es nach unserem Abitur dorthin verschlagen hatte. Mittlerweile hatte sie vier oder fünf mal ihr Studienfach gewechselt, doch die kleine Stadt am Rand des Erzgebirges hatte sie nie wieder aus ihren Fängen entlassen.
Fragt mich nicht, wieso, ich hatte es selber nie verstanden.

In den letzten Jahren waren meine Besuche in Chemnitz spärlich geworden, was vielmehr daran lag, dass unsere Abende immer gleich aussehen, wenn wir ausgingen, als daran, dass wir beide uns als Freunde aus den Augen verloren hatten.
Das Schema war Folgendes: Ich kam an, wir quatschten zwei bis drei Stunden über unsere Probleme, Kerle und Freunde, dann zog sie mich damit auf, dass ich nicht mehr so viel weg gehen würde, was mich so provozierte, dass ich schließlich nachgab und wir uns fertig machten. Das Problem war, dass dann schon meistens so viel Alkohol floss, dass wir es einige Male nicht mal aus der Wohnung schafften, andere Male endete es damit, dass Amelie nach zehn Minuten an der Theke eines Clubs mit irgendeiner Zunge von irgendeinem Typen im Mund versackte. 
Ich ging dann meistens eher zu ihr, da ich auch einen Schlüssel hatte und schaute mir noch Serien an, bis ich einschlief. Meistens meldete sie sich dann mittags und entschuldigte sich und versprach mir, dass das nie wieder passieren würde. Nachmittags befand ich mich dann wieder in Leipzig und ließ mich über den Abend bei Lukas aus, was er sich jedes Mal gefallen lassen musste und mir eigentlich auch Leid tat.

Ein kleiner Funken Hoffnung, dass dieser Abend anders sein würde, als die davor, machte sich in mir breit, als ich das Ortseingangsschild von Chemnitz erblickte. Als ich auf dem Parkplatz vor Amelies Wohnhaus ankam, war ich froh. Die Fahrt war ein Kampf gewesen. Ich kramte meine Kippenschachtel, die nur an Wochenenden in Chemnitz zum Einsatz kam, aus meiner Tasche und schlüpfte aus dem Wagen. Glücklicherweise regnete es hier nicht und ich und meine Haare blieben trocken. Ich steckte mir die Zigarette an, sie wanderte in meinen linken Mundwinkel, meine Tasche nahm ich in meine rechte Hand.
Amelie rauchte seit Jahren, was ihrer Schönheit irrationalerweise keinen Abbruch tat. Sie lächelte mich mit ihren strahlend-weißen Zähnen und ihrer Lieblingsmarke, den blauen Gauloises, in der Hand an und kam mit ausgebreiteten Armen auf mich zu. Sie musste gesehen haben, wie ich vor fuhr.
„Hab ich dich vermisst! Gut siehst du aus!“ rief sie mir entgegen und zog mich dann in eine lange Umarmung. Sie war gute zwei Köpfe kleiner als ich, hatte wunderschöne weibliche Kurven und rabenschwarze Haare. Amelie war das, was man als rassig bezeichnen würde, ihre dunkelbraunen, fast schwarzen Augen taten ihr Übriges dazu. „Hab dich auch vermisst. Ich freu mich hier zu sein.“ entgegnete ich und grinste ihr zu.
Sie schürzte die Lippen und nahm einen entschlossenen Gesichtsausdruck an. „Heute bleibt nicht viel Zeit zum Labern, wir gehen jetzt hoch, du schmeißt dich in den heißesten Fummel den du hast und dann gehen wir.“  
Es schien, als wüsste Amelie mehr als ich, was für eine Nacht ich zu erwarten hatte.
Review schreiben