Silberner Tod

OneshotDrama, Schmerz/Trost / P12
Jem Carstairs Will Herondale
07.02.2016
07.02.2016
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Hat ein wenig gedauert, aber es gibt einen neuen OS von mir zu meinen beiden Lieblingen. Diesmal ist es etwas Trauriges, also Achtung: Sad End!

Ich plane, das Ganze zu einem Dreiteiler auszuarbeiten, allerdings nur, wenn ich dafür zeit finde. Ich möchte nicht zu viel versprechen.

Da wir gerade beim Thema sind: Ja, es wird auch weitergehen mit "Von goldenen Runen und Liebesbeweisen", ich weiß allerdings noch nicht wann, aber es wird fertiggestellt!

Ansonsten bleibt mir nur noch, viel Spaß beim Lesen zu wünschen und um Rückmeldung zu bitten!

~~~~~~

Mit einem melancholischen Lächeln trat Will in das Zimmer und schloss leise die Tür. Ohne einen Laut fiel sie ins Schloss. Jem lag ausgestreckt im Bett, die Hände zu Fäusten geballt, als würde er im Traum einen schweren Kampf ausfechten. Will wusste, er focht einen Kampf aus, und zwar mit dem Tod. Nur dass das kein Traum war, auch wenn er es sich wünschte.
Jem war bleich, nein, er war leichenblass. Seine Augenlider wirkten so dünn, fast durchscheinend, seine Finger, die filigranen Geigenfinger, die Will immer an ihm bewundert hatte, waren so dünn und knochig, dass sie schon beinahe zerbrechlich wirkten, als hätte ein Windhauch gereicht, um sie zu bewegen. Das einzig Leuchtende waren- ironischerweise- Jems Lippen, die einen blutroten Farbklecks in dem blassen Gesicht bildeten- Will vermutete, dass es Blut war, das sie benetzte. Alles in allem wirkte sein Freund so krank wie Will ihn nur einmal gesehen hatte: Kurz nach seiner Ankunft im Institut, als er gerade erst von den Stillen Brüdern hatte aufgepäppelt werden müssen. Er verdrängte das Bild des jungen Jems in seinem Kopf, schluckte und setzte sich in den Sessel neben dem Bett des anderen, wo er so oft gesessen und über ihn gewacht hatte.
Er beobachtete seinen Freund aufmerksam, wie er sich unter der Decke in Fieberträumen wand und etwas vor sich hin murmelte, was Will nicht verstand. Vielleicht war es Mandarin, er meinte tatsächlich, einige Wörter aufzuschnappen, die Jem ihm einmal beigebracht hatte. In früheren Zeiten. Als noch alles gut war. Nein, rügte Will sich selbst, gut war es niemals. Er wusste von Anfang an, dass Jem todkrank war und früh sterben würde, doch das war ihm egal gewesen. Was für ihn zählte war nur, dass Jem ihn immer respektiert hatte. Er war mit Will zurecht gekommen, wie kein anderer es konnte und es von Anfang an verstanden, mit ihm umzugehen. Aber dabei hatte er stets Wills eigene Meinung akzeptiert und auf seine Gefühle Acht gegeben. Deshalb waren sie Parabatai, erinnerte der Schwarzhaarige sich wieder. Weil Jem in ihn blicken konnte, ohne ihn auch nur ansehen zu müssen.
Er meinte, seinen Namen zu hören. Sofort saß er kerzengerade. Irgendwie war er dankbar, aus seinen Erinnerungen gerissen worden zu sein, denn er wusste, dass das hier so nur noch viel schmerzvoller werden würde. Will beobachtete beunruhigt, wie sein Freund sich weiterhin in den Laken wand, seine Lippen bewegten sich und nach einiger Zeit vernahm Will erneut seinen Namen, auch wenn es nur ein schwaches Flüstern war. Jem rief nach ihm. Er beugte sich vor und umfasste die Hand seines Parabatai mit seinen Fingern. Sie war eiskalt und verschwitzt, aber noch spürte Will den langsamen Puls an Jems Handgelenk. Ruhig. Beständig. Aber nicht ewig. Irgendwann würde dieses Herz aufhören zu schlagen. Und Will wagte es nicht zu denken, dass das heute geschehen könnte.
Die Haare des anderen klebten schweißfeucht und silbern schimmernd an seiner Stirn und Will musste dem Drang widerstehen, sie wegzustreichen. Normalerweise hätte er es getan. Er hatte es immer getan. Wenn Jem mit traurigem Blick von seinen Eltern erzählt hatte, hatte Will ihm beruhigend einige Strähnen aus der Stirn gestrichen. Als er in der Bibliothek in ein Buch vertieft dasaß, hatte Will sich von hinten angeschlichen und das Gleiche getan. Und jedes Mal nach dem Training, als sie keuchend und scherzend auf dem Boden saßen, hatte er sich vorgebeugt und Jem die Haare aus dem Gesicht gestrichen. Einfach nur, weil es ihn störte, wenn er seine Augen nicht sehen konnte. Das war ihm wichtig, denn er konnte ín Jems Augen lesen wie in einem offenen Buch. Er biss sich auf die Lippe, als ihn erneut Erinnerungen überfluteten, so viele Erinnerungen, die er gar nicht haben wollte.
Jem warf sich wilder hin und her, Will bemerkte, wie sich sein puls unter seinen Fingerspitzen beschleunigte. Er wusste nicht, ob das gut oder schlecht war und er wagte weder zu hoffen, noch zu verzagen. Plötzlich still daliegend riss sein Freund die Augen auf, sie waren fast weiß, der Will so bekannte silberne Schein war aus ihnen verschwunden. Vielleicht für immer. Doch das traute Will sich nicht zu denken. Der Schwarzhaarige biss noch fester auf seine Lippe. Der metallische Geschmack seines eigenen Blutes beruhigte ihn auf unnatürliche Weise. Noch immer umklammerte er Jems handgelenk mit seiner eigenen Hand, inzwischen so fest, dass seine Fingerknöchel weiß hervortraten. Der wilde Ausdruck, der in Jems Augen stand, wich einem sanften Aufblitzen, als er Will erkannte. Und beinahe hätte Will gedacht, es wäre alles wie immer. Wie früher, als sie noch 13, 14 Jahre alt waren und Will sich nur an Jems Bett hatte setzen müssen, wenn der Junge Albträume hatte, in denen er von Dämonen heimgesucht wurde. Ab da war es bergab gegangen mit seiner Krankheit und immer öfter waren es die Fieberträume seines Freundes, die Will den Schlaf raubten.
„Will“, murmelte Jem und verstärkte den Druck seiner Finger um die Hand des Schwarzhaarigen. Noch immer war er blass, so blass… „Jem! James, bitte geh nicht, bleib bei mir…“ Will konnte sich nicht mehr beherrschen. Er war wütend, weil er Jem nicht helfen konnte, traurig, enttäuscht, auf eine irrationale Art und Weise, weil Jem ihn im Stich ließ. „Will, es ist in Ordnung“, beruhigte der Silberhaarige seinen Freund mit einem erneuten sanften Händedruck, woraufhin Will jedoch aufsprang ohne die Hand des anderen loszulassen. „In Ordnung?“, brauste er auf. „Nichts ist in Ordnung! Wenn du… wenn du stirbst, dann habe ich niemanden mehr, der mir nahe steht. Niemanden. Du bist für mich der einzige auf der Welt, mein Bruder, mein bester Freund, mein Parabatai, nein, mehr noch, der einzige Mensch, der mich versteht!“ Nach dieser Rede musste er erstmal Luft holen. Er setzte sich anschließend wieder und biss weiter auf seiner Unterlippe herum. Nur Will Herondale konnte es schaffen, nach einem solchen Gefühlsausbruch eine derart undurchdringliche Maske an Gleichgültigkeit aufzusetzen. Doch in seinem inneren sah es anders aus. Jetzt hatte er es ausgesprochen. Gesagt, was Jem ihm wirklich bedeutete. Und endlich zugegeben, dass er sterben würde, denn diesen Satz hatte er bisher nie aussprechen können. Nicht einmal denken.
Jem schüttelte nachdrücklich den Kopf. „Nein, William, das stimmt nicht.“ Oh, wie Will doch seine feste Stimme vermissen würde, mit der er Will unerschütterlich immer hatte aufbauen können. „Du hast Charlotte und Henry und Cecily und auch wenn das nur ein geringer Trost sein wird, aber du hast auch die Lightwoods und außerdem…“ Seine Stimme wurde leiser, verlor sich im Zimmer. „Außerdem hast du Tessa.“ Will starrte seinen Freund an als hätte dieser vorgeschlagen, sich für eine Mitternachtsparty in einem Vampirnest zu treffen. Doch an Jems Augen konnte er ablesen, dass dieser es vollkommen ernst meinte. Hätte Will nicht gewusst, dass Jem immer einen kühlen Kopf behielt hätte er behauptet, er habe bereits zu viel vom Tod gekostet und sei nicht bei klarem Verstand, aber er wusste es. Noch etwas, was er an ihm vermissen würde. Er hatte Köpfchen und Will damit schon aus so mancher kritischen Situation gerettet. Langsam schüttelte er den Kopf. „Nein, James, Tessa ist deine Verlobte. Sie gehört dir“, meinte er, auch wenn er zugeben musste, dass Tessa im Moment sein geringstes Problem war. Viel mehr sorgte er sich um seinen Parabatai. „Sie gehört niemandem“, stellte Jem sofort zuverlässig klar. Niemals würde Jem eine solche Behauptung aufstellen, seiner Meinung nach waren alle Lebewesen frei. Und auch diesen durchschlagenden Glauben und die harmlos formulierte Ehrlichkeit zählten zu den Dingen, die Will immer an seinem Freund geschätzt hatte. „Aber du weißt, was ich meine“, fuhr dieser sanft fort.
Will seufzte und nickte. Natürlich wusste er das. Jem versprach ihm gerade etwas, das er selbst nur schwer hergeben konnte. Das bedeutete Will viel. Schlagartig verkrampften sich Jems Finger um Wills Hand, als sein Freund einen Hustenanfall erlitt. Sein gesamter Körper schüttelte sich unter Krämpfen und rotes Blut benetzte seine ohnehin schon roten Lippen und verfärbte das weiße Laken des Bettes purpurrot. „Jem!“, rief Will besorgt, nicht sicher, was zu tun war. Normalerweise hätte er seinem Freund von der silbernen Arznei gegeben, die ihn am Leben erhielt, doch als er jetzt unwillkürlich nach dem filigranen Silberkästchen auf Jems Nachttisch griff, um ihm das Benötigte zu geben, fiel ihm ein, dass es nichts mehr gab, das er hätte tun können. Es gab keine Arznei mehr, nichts von dem kostbaren Heilmittel, für das Will in diesem Moment ohne zu zögern einen gesamten Besitz gegeben hätte. Raziel, er wäre für diese Teufelsdroge sogar gestorben, weil Jem dann überlebt hätte.
„Jem!“, rief er stattdessen besorgt aus, inzwischen bohrten sich seine Nägel schon in Jems haut, so fest packte er zu. Doch er bemerkte es nicht einmal. „Schon in Ordnung, Will. Es geht mir gut. Wenigstens ein schneller Tod…“, keuchte dieser abgehackt zwischen zwei Atemzügen, die langsam und rasselnd kamen. Will kniete sich eilig vor das Bett und beugte sich über seinen Freund. Tränen brannten ihm in den Augen und ihm wurde klar, wie lange er nicht mehr geweint hatte. Nicht mehr, seit er im Institut angekommen war. Aber Jem war es wert, um ihn zu weinen. Wegen so vieler Dinge war er es wert, Will konnte sie gar nicht alle aufzählen. In so vielen Situationen war der Silberhaarige für ihn da gewesen, hatte ihm geholfen, ihn wieder aufgebaut und ihm Mut zugesprochen. So, wie es Parabatai nun mal taten.
„Nein“, hauchte der Schwarzhaarige, als Jems Lider sich erschöpft schlossen. Noch immer schienen sie so dünn wie Pergament zu sein und Will bemerkte flüchtig die tiefen Schatten, die sich unter den Augen seines  Freundes gebildet hatten. „Jem, nein! Du… du kannst mich doch jetzt nicht allein lassen, das kannst du doch nicht tun!“ Will war in Rage und rüttelte an den schmalen Schultern des Silberhaarigen. Es war ihm egal, dass das was er tat vielleicht nicht wirklich das Klügste war, doch er konnte nicht anders. Er war der Hitzkopf, und er brauchte Jems Rat, seine ruhige Stimme, um wieder runterzukommen. Das war ihm diesmal verwehrt.
„Du bist nicht allein“, keuchte Jem mit letzter Kraft und drückte noch einmal ganz schwach Wills Hand. So schwach, dass man es wohl nicht gespürt hätte, doch Will hatte Jems Berührungen schon immer intensiver wahrnehmen können als die anderer. Jem rührte sich nicht mehr. Und Will fühlte sich, als würde er selber gerade sterben. Der Schmerz war groß, sowohl der physische als auch der psychische. Er spürte, wie das Band zerriss, das zwischen ihnen beiden bestanden hatte, er spürte die Leere, er spürte, wie die Hälfte seiner Seele starb. Es war, als hätte man den Spiegel zerschmettert, der Jem ihm immer gewesen war, seine bessere Hälfte, und als würden die Splitter sich so qualvoll wie nur möglich in sein Herz bohren.
Dass seine Parabatairune begann heftig zu bluten, bekam er gar nicht mit. Er kniete sich auf das Bett, betrachtete seinen reglosen Freund. Seine Augen huschten über das Gesicht des anderen, die mondhelle Haut, die hohen Wangenknochen, der pechschwarze Ansatz der Parabatairune an seinem Hals. Tot. Will vergrub schluchzend seinen Kopf an Jems Brust, ungeachtet dessen, dass er das weiße Nachtgewand mit Blut und Tränen tränkte. Er spürte ihn nicht mehr atmen. Und das war womöglich das schlimmste an dieser ganzen Sache, so kam es ihm vor. Dass er nicht mehr Jems leisen Atemzügen lauschen konnte und das Heben und Senken seiner Brust nicht spürte, genauso wenig, wie er seinen Herzschlag hören konnte. Was ihn bis jetzt ewig begleitet hatte, war weg. Einfach weg. Wimmernd krallte er seine Hand in das Nachtgewand, das Jem trug. Er hatte alles verloren.
Die ganze Nacht blieb er dort liegen, rührte sich nicht, weinte nur stumm und fühlte die Schmerzen. Sie verschwanden nicht. Würden niemals verschwinden, das wusste Will, denn wie sagte man doch immer? Ein gebrochenes Herz konnte man nicht heilen. Und auch wenn Will immer gedacht hatte, die Liebe seines Lebens würde ihm das Herz brechen, eine Frau, so hatte er doch falsch gelegen. Denn Jem hatte nicht nur sein herz, sondern auch seine Seele gebrochen.
Und er wusste, nicht einmal Tessa würde ihn jetzt noch retten können. Er war ebenfalls gestorben. Es war eine einfache Gleichung. War sie auch zu Lebzeiten immer gewesen. Will Herondale lebt, also lebt James Carstairs auch. Doch die Gleichung ging auch andersherum auf. James Carstairs ist tot, also ist Will Herondale auch tot.
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