Zeiten des Umbruchs

GeschichteSci-Fi / P12
04.02.2016
04.02.2016
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Zeiten des Umbruchs

Ein Perry Rhodan-Kurzroman von Don Redhorse


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„Kommt nicht in Frage!“ brüllte jemand urtierhaft quer durch die Kommandozentrale. Selbst die drei epsalischen Elitepiloten zuckten zusammen und warfen in einer synchronen Kopfdrehung Blicke zum auffahrenden Panzerschott IV. Die Piloten sahen sich aufgrund ihrer Abstammung bemerkenswert ähnlich; umso mehr, als sie Brüder waren und über spezielle Fähigkeiten verfügten, die sie auf dem Experimentalraumschiff X-1/PT NICOLA TESLA erproben sollten. Sie hatten gerade an der gemeinsamen Station mit der klobigen SERT-Steuerungsanlage einige Anpassungen an ihre besonderen körperlichen Eigenschaften vorgenommen, als sich der gefürchtete Experimentalkommandeur und geniale Hyperphysiker Professor Arno Kalup, seines Zeichens Zellaktivatorträger und möglicherweise cholerischstes Lebewesen der Galaxis, lautstark Luft verschaffte.

Es gehörte einiges dazu, als gewöhnlicher Terraner einem Trio halbtonnenschwerer Umweltangepasster Respekt abzunötigen, besonders wenn sie sich auf die Stimmgewalt bezog. Die Statur des Chefwissenschaftlers und Ersten Wissenschaftssenators des Solaren Imperiums erinnerte darüber hinaus an die eines schmächtiger geratenen Epsal-Geborenen. Kalup war ein großer, fettleibiger Mann mit einem gewaltigen, kahlen Schädel. Annähernd vier Jahrhunderte Lebenserfahrung und fürchterliche Wutausbrüche hatten ihre Spuren in das Gesicht gegraben. Kalups Miene war eine Studie in unbeherrschtem Verhalten. Er hatte den dritthöchsten je gemessenen Intelligenzquotienten eines erdgeborenen Menschen und galt als einer der zehn größten Geistesriesen in der Geschichte der von humanoiden Wesen bewohnten Galaxis, von den Anfängen der Lemurer bis in die Gegenwart. Charakterlich konnte man ihm allerdings einiges vorwerfen...

Ziel seins Zorns war diesmal, wieder einmal, sein genaues Gegenteil. Geoffry Abel Waringer war jung, groß und schlank; ein zurückhaltender, brillanter Mann mit revolutionärem Gedankengut auf Kalups ureigenstem Fachgebiet, der Hyperthorik. War Kalup ein Gottkaiser der klassischen, jahrzehntausende weit zurückreichenden Tradition der Hyperphysik nach lemurisch-akonisch-arkonidischer Theorie, konnte man in Waringer einen Rebellen, Guerillakämpfer oder gar einen Terroristen sehen. Waringer sprach wenig, konnte aber mit zehn Worten eine Hypothese widerlegen, die Kalup jahrelang beweiskräftig entwickelt hatte.

Beide arbeiteten fieberhaft an nutzbaren Anwendungen erbeuteter Technologie. Jahre zuvor hatte der furchtbare Krieg des Solaren Imperiums gegen die Uleb und ihre Hilfsvölker nicht nur zur Zerstörung zahlloser Planeten, unglaublich großer Flottenkontingente und zuletzt sogar beinahe des Solsystems selbst geführt – von einer in die Milliarden gehenden Zahl an Todesopfern und dem Vielfachen an Verwundeten, Flüchtlingen und Notleidenden ganz zu schweigen – sondern auch dem Solaren Imperium einen unverhofften Schatz erbracht: die unglaublich hoch entwickelte Hypertechnologie des Feindes; der wahrscheinlich fortschrittlichsten Technik der Lokalen Galaxiengruppe mit Ausnahme der mysteriösen Gerätschaften des Geistwesens ES. Auch die Haluter benutzten vergleichbare Technik, hatten den Terranern jedoch den Zugang verwehrt und verweigerten bislang auch die Kooperation bei der Entschlüsselung der zugrundeliegenden Wissenschaft.

Kalup hatte nach monatelangem Ringen endlich zugeben müssen, dass er etwas Grundlegendes an der Paratrontechnologie nicht verstand. Sie schien auf fundamentale Weise der Hyperthorik zu widersprechen, wie ein gen Himmel fallender Apfel Newton widersprochen hätte. Vor einem knappen Jahr hatte Kalup öffentlich gepoltert, die Paratrontechnologie der Uleb und Haluter sei ein ausgemachter Schwindel: sie sei unmöglich, unwahrscheinlich, unvorstellbar und unglaubwürdig, geradezu lachhaft und lächerlich zugleich. Er würde sich weigern, sich weiterhin damit zu beschäftigen; eher begänne er damit, Perpetuum Mobile aus Uhrwerken zu konstruieren!

Zu diesem Zeitpunkt legte man ihm die Unterstützung Waringers nahe. Genauer gesagt wusch ihm Großadministrator Perry Rhodan im privaten Kreis so gehörig den Kopf, das Kalup die Rückgabe des Zellaktivators angeboten haben sollte, was eine weitere Standpauke des Chefs nach sich zog. Daraufhin wurde Waringer eingeladen, sich die Probleme des alten Genies anzuschauen.

Waringer kam, sah und korrigierte. Bildlich gesprochen wischte er Kalups Theoriengebäude, das dreihundert Jahre lang reifte, das Fundament der überlegenen Technik der Menschheit bildete und sich bislang als hieb und stichfest erwiesen hatte, mehr oder minder unbeeindruckt vom Tisch und knallte seine eigene, wesentlich komplexere Theorie auf selbigen. Seither tobte ein Machtkampf besonderen Kalibers auf mehreren Ebenen.

Zum einen und heftigsten war da das Duell der beiden Genies auf rein intellektuellem Niveau, dem zu folgen kaum einem der übrigen Wissenschaftler gelang. Die nachgeordneten Kollegen – ausnahmslos selbst geniale Hyperphysiker mit teils jahrzehntelanger Karriere – standen zwischen den Fronten: viele waren Studenten und Assistenten Kalups gewesen, hatten ihn gefürchtet und gleichermaßen verehrt und konnten nicht umhin, ihm und seinen unbestreitbaren Leistungen und Verdiensten die Treue zu erweisen. Andererseits präsentierte Waringer Lösungen für Probleme der Hyperthorik, an denen bereits die unbestritten größten Wissenschaftler des arkonidischen Imperiums, Belzikaam und Crest, grandios und bisweilen auf epische und tragische Weise gescheitert waren. Waringer schlug einen höherdimensionalen Ansatz vor, der für gewöhnliche Gleichungen – in den alltäglichen Anwendungsbereichen wie Antigravitation, Impulstriebwerken und herkömmlicher Hochenergie-Hypertechnik im allgemeinen – äußerst unanschaulich war: als addierte man einstellige Zahlen mithilfe der Quantenmathematik. Das korrekte Ergebnis am Ende stand außer Frage, aber es war unendlich komplizierter. Sobald man jedoch die gewöhnlicheren Pfade der Hyperthorik verließ und auf die bizarren Effekte und Phänomene traf, die in Zusammenhang mit Paratrontechnik standen, funktionierte Waringers Methode plötzlich ausgezeichnet und mit einfacher Eleganz. Im reinen sechsdimensionalen Raum, in den die Paratronenergie hineinreichte und der auch mit Psikräften korrespondierte, konnte Waringers Algebra Ergebnisse erzielen, wo Kalups Mathematik verzweifelte und zusammenbrach.

Hier kollidierten zwei Weltbilder in einer Weise, wie man sie in der Historie der modernen Physik nur zweimal erlebte: damals, als Albert Einstein Newtons Paradigma mit der Relativitätstheorie aufrollte, und siebzig Jahre später, als wiederum Einsteins, Plancks und Heisenbergs Weltbild durch die arkonidische Hyperthorik zu den Akten gelegt wurde mit dem entschuldigenden Aufdruck: „Fehlerhaft; bitte korrigieren!“

Zweitens kollidierten aber auch die Charaktere zweier Menschen wie außer Kontrolle geratene Güterzüge auf demselben Gleis. Kalup und Waringer waren wie Feuer und Wasser; wie Materie und Antimaterie. Kalup polterte, brüllte, drohte und schlug mit Fäusten auf Tische, wo Waringer sich in halbautistischer Manier zurücknahm, zuhörte und nickte – und dann in einem kleinen, mental fordernden Vortrag sein Gegenüber in der Regel davon überzeugte, wer tatsächlich im Recht war. Kalup war wort- und stimmgewaltig, ein brutaler Rhetoriker. Waringers Waffe war die reine, nackte Logik, hart wie Terkonit, scharf wie ein Desintegratorstrahl und zerstörerisch wie eine Arkonbombe. Ein Besserwisser von einem Hyperphysiker, der Waringer einst herausgefordert hatte, gab seine wissenschaftliche Karriere sang und klanglos auf, nachdem Waringer ihm zehn Minuten lang leidenschaftslos und in beinahe kameradschaftlicher Manier Fehler, Irrtümer und gelinde Dummheit nachgewiesen hatte.

Drittens gab es eine persönliche Komponente: Kalup war ein Machtmensch, gehörte zu den wichtigsten Persönlichkeiten der Menschheit, gebot über eine ganze Flotte von Experimentalraumschiffen, über mehrere Planetensysteme voller Forschungseinrichtungen, hatte ein finanzielles Budget in der Größenordnung des Bruttosozialproduktes kleiner Sternenreiche und konnte, wenn er es für angebracht hielt, annähernd unbegrenzte Vollmachten ausspielen. Wenn Kalup die Sprengung eines Planeten anordnete, weil er wissen wollte, welche Farbe der innerste Kern hatte – dann durfte er das tun. Und er hatte jene Art brennender wissenschaftlicher Neugierde, die einen Mann seiner Wesensart über kurz oder lang dazu trieb, selbst die persönliche Sicherheit zu vernachlässigen, seine Umgebung zu gefährden und möglicherweise Dinge zu tun, die größeren Schaden anrichteten, als eine überschwere Transformbombe in einer Großstadt.

Waringer war selbstkritisch bis hin zur Neurose. Er hatte das erste Drittel seiner Karriere als unverstandenes, verlachtes Genie zugebracht. Man hatte ihm Brillanz und eine große Zukunft als Meisterschüler Kalups vorausgesagt. Manche hatten sich dazu verstiegen, ihn als das größere der beiden Genies zu bezeichnen; als zukünftigen, terranischen Belzikaam, dem man selbst heute noch, fast zwanzigtausend Jahre nach seinem Wirken, nahezu religiöse Verehrung entgegenbrachte, und zwar ungeachtet seiner arkonidischen Herkunft in allen humanoiden und fast allen übrigen Völkern, wenn sie von ihm erfahren hatten.

Waringer waren diese Vorschusslorbeeren peinlich gewesen. Er hatte sich, als seine neuartigen Hypothesen abgelehnt wurden, zurückgezogen und gehofft, er könne bessere Beweisführungen und überzeugendere Argumente finden – oder zumindest Mitstreiter gewinnen, die seiner revidierten Hyperthorik zum Durchbruch verhelfen. Er wurde enttäuscht: außer unbedeutenden Forschergruppen am Rande des Hyperphysik-Mainstreams nahm sich kein ernstzunehmender Wissenschaftler seiner Gedanken an.

In dieser Zeit lernte er eine junge Frau kennen, verliebte sich und heiratete sie – um erst dann zu erfahren, dass es sich um Perry Rhodans und Mory Abros gemeinsame Tochter handelte, Susan Elizabeth Rhodan-Abro. Sie leitete das zweitgrößte wirtschaftliche Kartell der Galaxis, das von Plophos aus operierte und ungeheure Hauptgewinne mit Außenhandel erbrachte. Man munkelte, die Organisation der Freihändler des selbsternannten Kaisers Boszyk stelle kaum mehr als die Transport- und Handelsmarine von Plophos dar. Und gleichzeitig hieß es, diese Freihändler hätten sich bereits in andere Galaxien aufgemacht, zu denen selbst die Solare Flotte oder die Explorer noch nicht gereist seien. Wie auch immer der Wahrheitsgehalt dieser Gerüchte beschaffen war: Susan Rhodan schuf einen wissenschaftlichen Fonds, richtete eine Forschungsstation auf einem abgelegenen Planeten ein und verhalf ihrem Gatten so zu einer Basis, auf deren Grundlage er Kalups wissenschaftliche Festung mit völlig anderen Methoden angehen konnte.

Waringers Versuche brachten schließlich Geräte hervor, mit deren Hilfe der unfassbaren technischen Übermacht der Uleb begegnet werden konnte. Kalup wurde nicht in Worten zurückgeschlagen, mit Formel und Argumenten, sondern auf den Schlachtfeldern der vergangenen Jahre: der Halbraumspürer, mit dem Raumschiffe im Linearraum geortet werden konnte, und das FpF-System zum Knacken der zuvor unbesiegbaren Paratronschutzschirme waren reale Beweise für Waringers Theoriengebäude.

Ohne die Ehe mit Rhodans Tochter hätte Waringer das nie geschafft, und daher warf man ihm, meist indirekt und über Umwege, letztlich aber doch recht unverhohlen vor, kaum mehr als ein Günstling des Großadministrators zu sein. Ein solches Totschlagargument hätte eigentlich in einer wissenschaftlichen, von Logik geprägten Debatte keine Basis, aber es tauchte hin und wieder auf. Es entsprach Waringers Art, darauf niemals einzugehen, und wiederum Kalups Natur, es niemals zurückzuweisen.

Drittens entwickelte sich ein klassischer Generationenkonflikt zwischen Kalup und Waringer. Beide trennten etwa vier Jahrhunderte Leben, Forschung und erworbene Verdienste. Egal, wie sehr Waringer auch im recht sein mochte; Kalup konnte auf die Meriten ganzer Generationen zurückblicken. Gegen einen in jeder Hinsicht gigantischen Mann wie ihn konnte man kaum ankommen, selbst wenn er sich zu närrischen Fehlern versteigen würde. Die jedoch konnte man Kalup nun wirklich nicht nachsagen: Ganz im Gegenteil hatte sich Kalup zumindest in einer Hinsicht geändert: der jahrelang schwärende Konflikt der beiden Genies hatte den Alten dazu gebracht, zumindest einmal seine Haltung und seine Argumentation zu überdenken, bevor er mit Waringer in den wissenschaftlichen Ring stieg. Waringer wiederum hatte sich unter Kalups Ansturm allmählich eine feste Haut zugelegt und gelernt, eine logische Beweisführung nicht ausschließlich sachlich-gefühllos vorzutragen, sondern bei Bedarf mit Nachdruck und Schärfe zu reagieren.

Es gab einen Mann, der zwischen ihnen stand wie ein Puffer, ein Ringrichter und ein Gutachter zugleich. Das war Armond Bysiphere, der als Krüppel nach M87 verschlagen wurde und als vollkommen wiederhergestellter Adonis zurückkehrte. Er war Waringers Assistent und stand ihm kaum nach, wusste jedoch auch um die Bedeutung von Kalups Hyperthorik und versuchte beider Arbeiten in Einklang zu bringen. In den vergangenen Monaten hatte er an Kalups Ansätzen nicht viel auszusetzen gehabt und konnte sogar ermessen, das mit seinen praktikableren Formalismen besser zu arbeiten war. Die Beherrschung von Paratronenergie war durchaus mit der klassischen Methodik möglich, bedeutete jedoch eine unendlich scheinende Reihe variierender Experimente und Versuche, die teilweise katastrophale Ergebnisse zeitigten – welche Waringers Elfenbeinturm-Theorie des sechsdimensionalen Raums wiederum nicht vorhersagte – und somit die althergebrachte Tradition des Try-and-error. Vielleicht, dachte Bysiphere mehr als einmal, wandelte sich die Hyperphysik in diesen Tagen in gleicher Relation wie einst die Alchimie zur Chemie. Zuerst mussten die chemischen Reaktionen und Verbindungen entdeckt werden, was schon mal „Bumm!“ machen konnte und zum Verlust von Augenbrauen, Labortischen und Hausdächern führte – aber irgendwann wurden die Chemikalien in ein periodisches System eingeordnet, aus dem man ihre Eigenschaften und Möglichkeiten ableiten konnte und sogar die Charakteristiken noch unentdeckter Elemente voraussagen konnte.

Die Vorstellung eines Arno Kalup als mystischen Alchimisten zauberte ein Lächeln auf Bysipheres Lippen. Er hielt sich in der Zentrale der TESLA auf, als sich die nächste Runde im Weltmeisterschaftskampf der Hyperphysik-Schwergewichte ankündigte. Die Aktivitäten in der achtzig Meter großen Kuppel kamen zum Erliegen, und ohne bewusstes Zutun der Beteiligten öffnete sich zwischen den beiden Geistesriesen eine Gasse, gebildet durch Raumfahrer, Techniker und Wissenschaftler. Waringer stand gebeugt über einem großen Arbeitstisch, auf dem sich Speicherkristalle, Holokuben und handschriftliche Notizen zu ansehnlichen Gebirgslandschaften häuften. Irgendwo dazwischen entwickelte sich eine neue Vorstellung davon, wie Terras erster Paratronkonverter-Prototyp beschaffen sein musste.

Waringer drehte sich langsam um. „Wenn Sie mir bitte verraten würden, welche Frage Sie meinen, Herr Professor?“ erkundigte er sich.

Kalup hatte sich als imposante Erscheinung im Schottrahmen aufgebaut. Er trug einen schäbig wirkenden Anzug mit den angehefteten Insignien des Wissenschaftssenators. Das war alles. Er hatte vier Nobelpreise erhalten, bevor er hundert wurde, und einen sprichwörtlichen Schrank voller weiterer Auszeichnungen aus allen Teilen des Solaren Imperiums und außerhalb. Selbst die Akonen hatten seine Leistungen mit der Quintronium-Gedächtnismedaille der Lehren Belzikaams belohnt. Nur vier Nichtakonen hatten diese Ehrung jemals erhalten. Überhaupt ließ sich die Liste der Preisträger auf einer einzigen Seite niederschreiben, obwohl sie einen Zeitraum von nahezu zwanzigtausend Jahren umfasste.

„Sie werden auf keinen Fall dieses Monstrum von einer abartigen hyperphysikalischen Abscheulichkeit mit einem intergalaktischen Sprung testen!“ donnerte Kalup.

Waringer war in einen Techniker-Overall gekleidet, hatte einen Laborkittel übergestreift und fuhr unbeirrt fort, in eine Minipositronik Daten einzugeben, die er aus dem Augenwinkel von herumliegenden Dokumenten ablas. „Aber natürlich nicht, Herr Professor“, entgegnete er gelassen. „Das war überhaupt nicht meine Absicht.“

Das nahm Kalup den Wind aus den Segeln. „Ich habe Ihren Antrag auf Freigabe eines Testlaufs mit dem Dimetrans-Zusatz vorliegen, Mann!“ polterte er verstimmt. „Wollen Sie etwa leugnen, einen intergalaktischen Sprungantrieb erproben zu wollen, obwohl ich Ihren eigenhändig geschriebenen Antrag vorliegen habe? Bin ich vielleicht senil, das ich diesen Antrag nicht von einer Rolle Klopapier unterscheiden kann?“

„Ich leugne gar nichts. Ich plane eine Beschickung des DT-Konverters mit roher, unmodulierter Paratronenergie. Zu diesem Zweck werde ich den Paratron-Primärgenerator mit zwanzig Prozent Volllast laufen lassen. Dafür benötige ich nach Ihren Vorschriften eine Sondergenehmigung. Der Zweck des Versuchs ist die mögliche Problematik zu klären, die bei der Transferierung hochenergetischer Hyperquanten zwischen den Versuchsgeräten auftreten kann. Die Überraumtransmission der Energie ohne Zuhilfenahme abgeschirmter Kabel oder Feldleiter unmittelbar durch den Hyperraum...“

„Kann zu Interferenzen mit den übrigen Systemen führen, natürlich! Halten Sie mich nicht für dämlich, Waringer. Wenn Sie unmodulierte Paratronenergie durch die Dimetrans-Transformatoren jagen, werden Sie eine semimanifestative Versetzung in den librativen Superraum, den wir noch nicht einmal benannt haben, geschweige denn mathematisch erfassen können – von einer praktischen, technischen Anmessung ganz zu schweigen! Verdammt noch mal, wo war ich? Sie katapultieren uns mitsamt dem umliegenden Raumsektor über den Hyperraum hinaus in die inter-universelle Kontinuität ohne gesicherte Rückkehroption durch eine konstantenprogrammierte Phasenlinie zum Standardraum! Springen Sie in ein Schwimmbecken, ohne sich vom Vorhandensein des Wassers zu überzeugen? Naja, Sie vermutlich schon, Sie Freihändler-Freizeitforscher!“

Armond Bysiphere stieß die angehaltene Atemluft langsam aus. Kalup schlug mit voller Wucht zu, zeigte wieder einmal seine praktischen Fähigkeiten bei der Erkenntnis der realen Problematik – die Schwachstelle Waringers – und verknüpfte diesen Angriff auf die Hypothesen und Theorien mit einem saftigen Nierenhaken auf persönlicher Ebene.

Waringer ließ keinen Treffer erkennen. „Wenn ich nur auf dem Sprungbrett stehe, um die Höhe abzuschätzen, kann mir das Wasser herzlich egal sein und sogar der Umstand, dass ich Nichtschwimmer bin. Die Transformatoren werden die Paratronenergie ungerichtet und non-kohärent abgeben, was ihre abstoßende Wirkung in einer fünfdimensionalen Kugelschale einschließt und insgesamt den Vektorenwert von absolut Null ergibt. Wenn unendlich viele gleichstarke Kräfte aus allen Richtungen zugleich einwirken, passiert im Endeffekt gar nichts.“

„Außer, dass Sie eine fabelhafte Singularität produzieren, wenn Sie recht haben. Eine sechsdimensionale sogar, wenn Sie recht haben! Und wenn ich recht habe, wird diese Singularität übergangslos zu einer Ausbeulung der Raumzeit in den Hyperraum führen, einen Durchbruch zwischen Überraum und Standarduniversum schaffen und entweder einen beträchtlichen Teil der Galaxis aus dem Universum hinausblasen, oder aber eine rapide beschleunigt expandierende Vakuumblase in unsere Milchstraße hineinsprengen. Lassen Sie mich das mal kurz im Kopf ausrechnen – schätzungsweise schaffen Sie pro Sekunde eine Trillion Kubiklichtjahre, ausgehend von einem Nullpunkt anstelle unserer Position. Binnen Monaten dürfte die Lokale Gruppe nur noch ein dünner Materiefilm sein, der eine Milliarden Lichtjahre große Leere umgibt!“

„Ich habe Ihre Fähigkeiten des Kopfrechnens immer bewundert, Herr Professor.“ Waringer hielt die Minipositronik so, dass Kalup den Bildschirm sehen konnte. „Ich habe soeben ausgerechnet, dass der Radius des Leerraums nach hundert Tagen genau sechs Komma vier Gigalichtjahre betragen würde. Natürlich nur in einem Universum, in dem Crests tertiäres Wirkungsquantum weniger als acht Komma vier eins mal zehn hoch minus achtzig betrüge. Es ist jedoch bekanntlich eins Komma sechs eins mal zehn hoch minus neunundsiebzig, also etwa doppelt so groß. Das bedeutet, das eine eventuelle Vakuumblase, sollte sie unwahrscheinlicherweise wirklich entstehen, schon nach vierzig bis zweiundvierzig Plancksekunden kollabiert und daher nicht einmal groß genug würde, um ein Photon einzuschließen, geschweige denn eine Galaxis zu sprengen.“

„Mann Gottes!“ donnerte Kalup. „Sie sind ein verdammter Optimist und ein Theoretiker, wie er im Buche steht. Das Buch heißt vermutlich ‚Alle Irren dieses Universums und Ihre selbstmörderischen Taten’! Crests tertiäres Wirkungsquantum ist eine rein rechnerische Konstante ohne realen Gegenwert, die in der Hyperthorik angewandt wird, um spezifische Grenzfälle virtuell fluktuierender Felder im Halbraum zu erklären. Grenzfälle, die niemals aufgetreten sind, wie ich betonen möchte, sondern bloß aus dem Spannungsfeld zwischen konventioneller Transitionsmechanik und damals rein hypothetischer Linearfeldtechnik...“

„Sie vergessen, das Crest selbst noch die ersten Konstruktionsunterlagen zu druufschen Halbraumtriebwerken zu Gesicht bekam und an ihnen mitarbeitete, bevor er starb...“

„Verdammt, er wurde ermordet, und ich weiß es sehr wohl, aber nichtsdestotrotz hat er die Wirkungsquanti als mathematische Krücken deklariert, die beizeiten in den Abfalleimer der Hyperphysik gehörten!“

„Auch Einstein hat die kosmologische Konstante als größte Eselei seines Lebens abgetan. Zwanzig Jahre nach seinem Tod haben wir sie als reale Größe des Standarduniversum erkannt...“

„Vergleichen Sie doch keine Pferdeäpfel mit Glühbirnen! Lambda war eine Widerspiegelung hyperthorischer Einflüsse auf die Relativität, so wie die Epizyklen im geozentrischen Weltbild letztlich die heliozentrische Wirklichkeit...“

Bysiphere schlug sich die Hände vors Gesicht. Mein Gott, dachte er, warum bin ich nicht Gärtner geworden...

Es gab einen einzigen Menschen an Bord der TESLA, der imstande war, den Disput der beiden Genies zu unterbrechen. Es handelte sich um den Kommandanten Baretus Kasom, den fast dreihundertjährigen Gründervater von Ertrus. Er gehörte zur ersten umweltangepassten Generation des Extremplaneten, war noch auf Terra geboren worden und blickte bei seiner Geburt auf dreijährige gentechnische Behandlungen zurück, deren Erfolg seinerzeit angezweifelt wurden, vom Nutzen und dem moralischen Impetus ganz zu schweigen. Baretus Kasom war zusammen mit hunderten anderer Proto-Ertruser aufgewachsen und hatte das Kolonisationsprogramm Ertrus mitentwickelt. Er entsprach körperlich noch nicht ganz der endgültigen ertrusischen Norm, war aber mit seinen zwei Metern dreißig Größe und einem Meter achtzig Schulterbreite bereits nicht mehr mit einem Epsaler oder Überschweren zu verwechseln.

Baretus war nicht nur ein exzellenter Kosmogenetiker und Kolonisationstechniker, verdienter Held und Politiker der neugegründeten Siedlungswelt Ertrus, sondern hatte außerdem eine fast hundertjährige Karriere als Offizier der Solaren Flotte im 23. Jahrhundert absolviert. Mit 250 Jahren war er pensioniert worden, als man an den Vertretern seiner Generation deutliche Alterungsspuren erkannte; weniger in physischer Hinsicht, als vielmehr auf molekularbiologischer Ebene. Anhand dessen wusste man erst, dass die ertrusischen Prachtmenschen eine beneidenswert hohe Lebenserwartung von bis zu vierhundert Jahren haben würden.

Im Übrigen war er der Urgroßvater von Melbar Kasom, der als USO-Spezialist zwar eigentlich ein im Geheimen operierender Agent der „galaktischen Feuerwehr“, der United Stars Organization des arkonidischen Lordadmirals Atlan war, tatsächlich aber zu den bekanntesten und bewunderungswürdigsten Heldengestalten der vergangenen Jahrzehnte zählte. Nun, ein Agent, der öffentliches Aufsehen erregte, war zwar nicht mehr viel wert, aber dafür zählte die USO einen steten Zulauf an Bewerbern, die sich auf Melbar Kasoms Vorbild beriefen.

Baretus hatte eine gesonderte Station. Er war bereits ein legendär reaktionsschneller Kommandant und schaffte es, die TESLA im sogenannten Einhandbetrieb stundenlang zu bedienen. Ihm zur Seite standen als Piloten die drei epsalischen Brüder, die ersten Absolventen der Emotionautenakademie von Siga, persönlich ausgebildet vom Ersten Gefühlsmechaniker Harl Dephin selbst.

Noch war die Emotionautenakademie kaum mehr als ein experimentelles Institut, gemeinschaftlich von Solarer Flotte und USO betrieben. Die Kandidaten für die Ausbildung mussten eine besondere, semi-paraphysikalische Begabung aufweisen; eine spezifische Eigenschaft der Gehirnstruktur genauer gesagt. Sie war schon aus lemurischen Zeiten her bekannt, wie akonische Quellen und arkonidische Archive belegten; nur einen praktischen Nutzen jener besonderen Neuronen und ihrer merkwürdigen Ausprägung im fünfdimensionalen Schwingungsmuster des Bewusstseins-Feldes hatte sich nie jemand vorstellen können. Man hielt es für eine Absonderlichkeit, bestenfalls eine Laune der Natur. Die Akonen hatten über Jahrtausende hinweg die immer wieder willkürlich auftretende Eigenschaft als unerwünscht eingestuft und letztlich durch ihr seit Urzeiten konsequent durchgehaltenes, selbstauferlegtes Zuchtprogramm zur unermüdlichen Optimierung ihres Volkes nahezu vollständig beseitigt. Im arkonidischen Völkergemisch dagegen verband man jene Struktur mit den sporadisch auftretenden psionischen Gaben arkonidischer Mutanten, diverser speziell begabter Kolonialvölker und arkonoider Spezies im Großen Imperium und wurde in ihrer potenziellen Bedeutung mit dem Extrahirnlappen der Arkongeborenen gleichgesetzt: einem gesonderten Hirnareal mit möglicherweise sensationellen Anlagen. Da es den Arkoniden in den Nachwehen der generationenlangen Degeneration noch immer an den technischen Möglichkeiten mangelte, auch nur an längst vergangene Zeiten anzuknüpfen – noch immer galten Transmitter als verbotene Technologie, lediglich vorübergehend unter Atlans und terranischer Einflussnahme reaktiviert; von moderneren Technologien gar nicht erst zu reden! – existierte unter allen postlemurischen Zivilisationen mit den Terranern des Solaren Imperiums nur eine Kultur, die Emotionauten hervorbringen, ausbilden und einsetzen konnte. Erstaunlicherweise erwiesen sich die extremweltangepassten Kolonialterraner wie Epsaler und Ertruser sowie die besonderen Siganesen als wahrscheinlichere Kandidaten für die Emotionautenausbildung. Unter etwa hundert Studenten der Akademie gab es zwar viele Angehörige der genannten Völker, doch kaum erdgeborene und vergleichbare Norm-Terraner.

Das hieß, das schon wieder die Kommandozentralen der Solaren Flotte zwar mit Menschen von der Erde besetzt blieben, das Kommando jedoch bei den Riesen von Ertrus und Epsal lag: sie waren schneller, stärker und nun auch noch in mentaler Hinsicht bevorteilt.

Baretus hatte es in seiner Flottenkarriere vom einfachen Unteroffizier bis zum Admiral gebracht. Nach einigen Dutzend Jahren Dasein als Pensionär hatte er sich zur Experimentalflotte gemeldet, gerade als die TESLA konzipiert wurde. Er schien die natürliche Besetzung des Kommandopostens zu sein und wirkte drei Jahre lang an der Konstruktion des künftigen Erprobungsfahrzeuges für Paratrontechnologie-Prototypen mit. Die Konverter im Herzen des Kugelraumers mochten das Kind der beiden Genies sein – oder eher deren Bastard – doch die TESLA selbst war Baretus Kasoms Geschöpf.

Baretus brauchte sich nur zu räuspern. Die beiden streitenden Wissenschaftler verstummten. Kasom hatte sich an seinem riesigen Hufeisenpult zu voller Größe aufgebaut. Er trug eine raumfeste Kombi mit Abzeichen und Orden. Sie war sichtlich abgenutzt, mehrfach beschädigt und repariert worden und wirkte hoffnungslos altmodisch im Schnitt und in der technischen Ausstattung. Sie war fast so alt wie der Träger, handgearbeitet von den Spezialisten aus der Zeit des Posbi-Krieges und nach allem, was man wusste, wurde sie vom einzigen aktiven Mitglied irgendeines Flottenkontingents getragen, der noch mit eigenen Händen einen angreifenden Roboter vom Planeten Mechanica zerlegte – Zellaktivatorträger ausgenommen, natürlich.

„Das ist meine Brücke“, sagte Baretus. Er sprach in normalem, ertrusischen Tonfall, was ausreichend war, um Menschen Kopfschmerzen zu bescheren. „Auf meiner Brücke schreit nur einer herum, und das bin ich!“

Eine Menge Leute brachten ihre Gehörgänge in die Sicherheit angelegter Hände, größerer Entfernung zum Kommandanten oder unter zuklappenden Helmen und geschlossenen Kopfhörerkappen. Kalup erblasste, denn der Schallorkan traf ihn sozusagen frontal, wenn auch aus fünfzig Metern Distanz. Baretus blickte den Professor sekundenlang mit der Intensität eines Atombrandes an.

„Ich entschuldige mich für meinen Kollegen und mich selbst“, sagte Waringer, als der Schock verklungen war. „Herr Professor, wir unterhalten uns im Konferenzraum Zwo weiter.“

„Was erlauben Sie sich eigentlich, Sie umweltangepasstes Ungeheuer?“ ereiferte sich Kalup, dessen Gesichtsfarbe zum üblichen Zornesrot zurückkehrte. Waringer und Bysiphere versuchten ihn an den Ellenbogen wegzuführen, mussten dabei jedoch nahe an der Kommandostation vorbei. „Sie sind mein Untergebener!“

„Ich bin der Captain“, erwiderte Baretus unbeeindruckt. „Runter von meinem Deck, Senator! Jeder Politiker und Wissenschaftler, der nichts zur Kalibrierung der SERT-Steuerung, der provisorischen Kontrollinstallationen der Versuchsanlagen oder auch nur der Justierung von Notbeleuchtungslampen beizutragen hat, verlässt binnen fünfzehn Sekunden die Brücke. Eins-Oh: rufen Sie Wachkommando Alpha für die anstehende Räumung unkooperativer Zivilisten vom Deck!“

„Aye, Captain!“ bestätigte Revolas Patt, der Erste Pilot und Erste Offizier. Der Epsaler hieb mit dem Daumen auf die Notruftaste. „Alpha auf die Brücke!“

Nur wenige Sekunden vergingen, bis sich ein Schott öffnete und zwölf oxtornische Elitesoldaten im rasanten Marschtritt eintrafen. Sie bezogen vor dem Kommandanten Aufstellung. Mehrere verkniffen sich unvollkommen das Grinsen. Es war nicht das erste Mal, dass dies geschah. Noch hatte niemand herausgefunden, wie viel des vermuteten Spieles, das Baretus Kasom hier aufführte, Bluff war und wie ernst er machen würde. Bislang hatte kein Zivilist es herausfinden wollen.

„Vierzehn!“ sagte der Urertruser und hieb mit der flachen Hand aufs Pult, das daraufhin merklich erzitterte und knirschte. In diesem Moment schloss sich das Schott hinter den herauseilenden Wissenschaftlern und Technikern, die nicht unbedingt dringend erforderlich auf der Brücke sein mussten.

Bysiphere kehrte eine Minute später zurück und wandte sich zur Hauptkontrolltafel des Paratronkonverters. Sie sah aus, als hätte man sie aus den Überresten von mehreren zusammengeschossenen Positroniken zusammengestoppelt und das Ganze mit umgestülpten Klimaanlagen und explodierten Getränkeautomaten garniert. Roboter, siganesische Spezialisten und Swoon-Techniker krochen in den Eingeweiden der komplizierten Systeme herum und versuchten widerstreitende Versionen von Schaltplänen mit den Erfordernissen einer zumindest vorübergehend funktionstüchtigen Kompromisslösung zu vereinen. Wenn man genau hinhörte, konnte man sie streiten hören. Manchmal flogen Teile und Werkzeuge in hohem Bogen aus den Zugangsklappen und sonstigen Öffnungen heraus. Bisweilen kamen auch erbittert streitende Siganesen und Swoon zum Vorschein. Die Steueranlagen und Kontrollen der Paratronkonverter und Dimetransformatoren waren eine fast völlig eigenständige Problematik, ein separates Universum der Kybernetik und Messtechnik, das von eigenbrötlerischen Mikroingenieuren, Nanotechnikern und Picopositronikern bewohnt wurde und dessen Zutrittsberechtigung nur eines zu erfordern schien: eine körperliche Maximalgröße von etwa dreißig Zentimetern, soweit es die größeren Swoon anging, beziehungsweise kaum zwanzig Zentimetern im Falle der älteren und erfahrensten Siga-Fachkräfte.

Die Oxtorner machten auf einen Wink des Kommandanten kehrt und marschierten wie bei einer Parade zurück zu ihrer Wachstube. Als sie das Schott erreichten, ließen sie in einer spielerischen Wellenbewegung die überschweren Kombistrahler herumwirbeln und verschwanden nach einem letzten angeberischen Trick, bei dem sie die Waffen über Kreuz warfen und wieder auffingen.

„Die haben wohl auch zu wenig zu tun“, kommentierte Baretus Kasom. „Wird Zeit, das wir uns mal ernsthaft mit dem Auftrag des Großadministrators beschäftigen, der da lautet: praktische Erprobung erbeuteter, experimenteller sowie prototypischer Paratrontechnologie! Doktor Bysiphere: wie lange braucht Ihre Gurkentruppe denn noch, bis diese Tafel funktioniert?“

Bysiphere brach der Schweiß aus. Die Installierung funktionierender kybernetischer Systeme im Zusammenspiel mit stündlich wechselnden Verbindungen zu Tausenden Komponenten und Millionen möglichen Kombinationen von Funktionsgruppen – überdies noch in annähernd unendlichen Varianten, was die Darstellungskomposition betraf! – bedeutete, das selbst etwas so einfaches wie der Notausschalter inzwischen sechsmal überarbeitet worden war und sich derzeit an einer Stelle befand, an die er sich gerade nicht einmal mehr erinnern konnte und auch nicht fand, egal wie sehr er suchte. Bis die Anlage funktionierte, mochten die meisten Sterne des Universum erloschen sein oder zumindest deutlich trüb rot blaken...

„Drei Tage, Captain“, sagte er. Die Lüge war eigentlich gar keine. Vielleicht geschah ein Wunder der Rekonfigurations-Systematik, oder ES kam daher und zauberte eine einwandfrei arbeitende Schalttafel aus Homunks Zylinderhut hervor...

Sechs Siganesen, die gerade aus dem Eingabeschlitz für Programmierkristallkuben kletterten, bezichtigten ihn mit hysterischem Gelächter, sarkastischen Kommentaren und einem bezeichnend gegen die Stirn getippten Zeigefinger der Unwahrheit. „Das kannste vergessen, Großer!“ brüllte der Chef der Truppe. „Träumen heißt schäumen, und zwar vor Wut! Eher beiß ich die Erdungskabel bei ner Megavoltverbindung durch! Und was heißt da Gurkentruppe, hä? Das ist Diskriminierung, verdammich.“

„Der letzte Hyperphysiker, der mich mit einer bewussten Falschaussage täuschen wollte, hat das sehr bereut, wenn ich mich recht erinnere. Wie auch immer, Doktor Bysiphere: Sollte dieses Ding in meiner schönen Panoramabildschirmgalerie in drei Tagen keinen erkennbaren Sinn erfüllen, werden Sie in Zusammenwirkung mit einer Tonne Feinstschleifsand die Außenhülle der TESLA auf Hochglanz bringen dürfen. Und ich kann Ihnen versichern, dass ich weder scherze noch irre oder gar lüge!“

„Verstanden, Captain“, erwiderte Bysiphere. Einem Kommandanten, der den Ersten Wissenschaftssenator beinahe mit Waffengewalt aus der Zentrale werfen ließ, konnte man keine andere Antwort geben. Er bedachte das siganesische Team mit einem warnenden Blick, doch die waren längst in einen Fachdisput verstrickt, bei dem hypertoyktische Verzahnung eine wichtige Rolle spielte. Das erinnerte Bysiphere an eine weitere Dimension voller Unwägbarkeiten. Die übliche Bordpositronik eines 500 Meter-Kreuzers wie der TESLA war mit der Überwachung und Berechnung aller Vorgänge, die mit der experimentellen Technik zusammenhing, restlos überfordert. Die nötige Kalkulationskapazität und reine, logische Intelligenz, die ein solches Projekt erforderte, hätte einen zweihundert Meter großen Kernrechner aus bester mikropositronischer Hardware nötig gemacht, der jedoch in dem Kreuzer keinen Platz gefunden hätte und außerdem erst noch hätte speziell angefertigt werden müssen. Bei der Suche nach geeigneten mathelogischen Geräten hatte man die besten Robotiker des bekannten Universums um Hilfe ersucht, die Posbis von der Hundertsonnenwelt. Sie hatten ohne lange zu zögern angeboten – gegen Austausch auf technologischer Informationsebene natürlich, sprich Überlassung aller gewonnenen Daten und Kopien der Konstruktionsunterlagen des Paratronprojektes – einen Posbi-Kommandanten zur Verfügung zu stellen. Er wurde als achtzig Meter große Halbkugel geliefert, die mit der Schnittfläche nach oben unmittelbar unter der Zentrale installiert wurde. Einige Meter unter seinen Füßen wusste Armond Bysiphere etwa tausend Tonnen Zentralplasma von der Hundertsonnenwelt in Kombination mit einer vergleichbaren Menge positronischer Rechenkomponenten, die zusammen, über die beinahe schon mystisch zu nennende hypertoyktische Verzahnung, zur Hyperinpotronik NICOLA verschmolzen.

NICOLA war Herz, Hirn und Seele des Schiffes. Ihr unterstanden mehrere tausend Roboter terranischer Konstruktion, einige hundert mitgelieferter Posbi-Einheiten sowie, wenn man so wollte, die unvermeidlichen Mattenwillies, die sich in typisch manisch besorgter Manier um das Wohl des biologischen Anteils NICOLAS kümmerten. Außerdem gingen sie jedem anderen fühlenden Wesen und möglicherweise sogar den Kaffeemaschinen, Snackautomaten und Hygieneservos dermaßen auf die Nerven, das man sich schon nach wenigen Tagen genötigt sah, sie in der Halbkugel NICOLAS einzusperren. Zum ureigensten Wohl der Mattenwillies. Auslöser war der Umstand, dass drei der formvariablen Wesen im höchst alkoholisierten Zustand den Kommandanten umarmten und dabei in einem Kubikmeter fladenförmigen Körperplasma zu ersticken drohten, während sie ein altes irdisches Sauflied intonierten – mehrstimmig auch deswegen, weil Mattenwillies so viele Münder und Stimmbänder ausbilden konnten, wie es ihnen beliebte, was der Atonalität ihrer Darbietung aber keinen Abbruch tat - , so das Baretus Kasom als Ertruser mit tadellosem Ruf und erstklassigem Benehmen veranlasst sah, eine halutische Drangwäsche zu imitieren und die Mattenwillies in einem Wutanfall über die Wände des Offizierscasinos zu verteilen.

Was die Mattenwillies nicht daran hinderte, daraufhin „Trink, trink, Brüderchen trink!“ zu singen...

Bysiphere hatte plötzlich das Gefühl, auf einem Schiff zu sein, das weniger einen wissenschaftlichen Durchbruch ansteuerte, als vielmehr ein Irrenhaus.



2

Rhiannon Chaffee schwebte, gehalten von einem Antigravgürtel und gesichert durch ein Magnettau, inmitten eines Labyrinths aus gigantischen, howalgonisierten Projektorspulen, die mit drei exotischeren Legierungen hyperstrahlender Elemente versetzt waren und einen merkwürdigen optischen Effekt aufwiesen: sie schienen sich in sich selbst zu winden und zu verdrehen, je länger man sie anschaute. Mathematisch gesehen existierten die Spulen in viereinhalb Dimensionen und erzeugten einen geringfügigen relativistischen Zeitdehnungseffekt. Wenn man ein paar Stunden an den Aggregaten arbeitete, verlor man außerdem allmählich nicht nur das Zeitgefühl, sondern auch die Orientierung. Das Zauberwort, das man ihm nannte, lautete paradislozierte Wahrnehmungsstörung und umschrieb einen langfristig nur mit Wahnsinn gleichzusetzenden Geisteszustand, der vielleicht sogar heilbar war, wenn man jahrelang auf Aralon unter experimentelle Psychopharmaka gesetzt wurde.

Chaffee war Raumfahrer in sechzehnter Generation. Sein Urahn Roger Chaffee hatte eine Zweimann-Nussschale unter dem Namen Gemini in einige Erdumkreisungen gesteuert, während die Kameraden vom Stardust-Mondflugprogramm bereits mit deutlich größeren Raumflugkörpern trainierten, wenn auch nur auf dem Grund eines Klarwassertanks und mit dem vagen Unbehagen, das sich das grandiose Vorhaben als grandioser Fehlschlag erweisen könnte.

Rhiannon war stolz darauf, das sein Ahn einige Monate früher ins All flog als ein gewisser Perry Rhodan. Roger Chaffee hatte seine Erfahrungen mit der Schwerelosigkeit – unter anderem Kotzübelkeit und Schlaflosigkeit – gerne auf recht plastische Weise den jüngeren Astronauten der Space Force vermittelt. Es gab ein altes Schwarzweißfoto, in dem Chaffee bei einem Parabelübungsflug der angehenden Stardust-Mannschaft Alpha – Rhodan, Reginald Bull, Eric Manoli und Clark Flipper – den korrekten Umgang mit der Papiertüte erklärte, während man sich mit einer Umdrehung alle vier Sekunden um mindestens zwei Raumachsen drehte und dabei dem siebzig Grad heißen Luftstrom aus einer defekten Klimaanlage ausgesetzt war. Nur einer der vier Männer schaffte es, die Tüte nicht zu verfehlen, und der lebte schon lange nicht mehr...

Rhiannon war schwerelosigkeitserprobt bis zum Gehtnichtmehr. Als Wartungstechniker kroch man ebenso durch enge Röhren und wühlte sich durch darmschlingenartige Schlauchgewirre, wie man sich inmitten einer kilometerlangen Halle, knapp unter einer gebirgsgipfelhohen Decke an einem Kabelbaum hängend, der philosophischen Betrachtung hingab, das die Ameisen dort unten in Wirklichkeit Menschen waren, und man selbst, mit etwas Pech, in einer halben Minute nur noch eine eklige Pfütze sein konnte, wenn man nicht sehr schnell unter sechstausend Hochenergiekabeln dasjenige fand, das gerade die Antigravgürtelversorgung kurzgeschlossen hatte, weil die Feldleiterabschirmung gebrochen war und sechzig Gigajoule negativ geladener Ionen freigesetzt wurden.

Was ihm zu schaffen machte, waren die merkwürdigen, akausalen optischen Phänomene im Innern der Paratron- und Dimetransanlage. Die Haluter, so hieß es, hatten die ganzen Aggregate so weit verkleinert, kompaktiert und leistungsoptimiert, das sie in einem Leichten Kreuzer Platz gefunden hätten. Die TESLA bestand zu etwa dreißig Prozent aus Prototypen-Komponenten. Man hatte Lagerräume, Waffendecks, Hangars und sogar Schutzschirmgeneratorblöcke entfernt, um einige Millionen Kubikmetern zusätzliche Experimentaltechnologie unterzubringen. Teile der ausladenden Generatoren ragten in die Mannschaftsquartiere hinein, so das etwa dreihundert Besatzungsmitglieder sich umquartiert sahen, und zwar unter die obere Polkuppel, wo man das Haupttransformzwillingsgeschütz allein deshalb schon entfernt hatte, weil einige Bestandteile der Rematerialisatoren sich als Störquellen für nahegelegene Projektoreinheiten des Dimetranstriebwerkes gezeigt hatten.

Die Hälfte der Technik, mit der sich Chaffee beschäftigte, stammte nicht von Terra. Fast alles war Dolanleichen und den Wracks zerstörter Kreiselschiffe entnommen worden. Drei Geräte, die tief im Innern des Paratronkonverters eingebaut waren, stammten aus halutischen Schiffen. Man fragte sich, ob die gigantischen Freunde von Halut davon wussten, das man ihre verlorengegangenen Schiffe auf verwendbare Komponenten abgesucht hatte?

Vermutlich taten sie es. Leuten mit zwei Gehirnen, von denen selbst das geringere Ordinärhirn dem genialen Verstand eines ausgebildeten Wissenschaftlers entsprach – während das Planhirn einer Positronik gleichsetzbar war - ; nun, solchen Leuten konnte man schwer etwas vormachen. Zum Glück hatten die Terraner bei ihnen ein Stein im Brett. Nicht zuletzt spielte auch Schuldempfinden eine Rolle. Die alten Haluter hatten die Lemurer vernichtet, die Nachfahren der Haluter versuchten gleiches bei den terranischen Nachkommen der Lemurer. Der Großadministrator war nicht so hochmoralisiert, dass er den Vorteil nicht ausnutzte...

Die Spulen schienen näher zu rücken, je mehr sich Chaffee zwischen die sechs Geräte vor arbeitete. Überall hingen Feldleiter, Datenkabel, Überwachungssensoren, schlauchähnliche Versorgungssysteme und spinnwebartige Irgendwasse – sie führten keine Energie und wirkten organisch; vermutlich gehörten sie zum kybernetischem Netzwerk, das von NICOLA ausging – zwischen denen sich irgendwo ein Fehler verbarg. Chaffee wusste nur, das dort, wo achthundertundzwölf Eingänge sein sollten, nur achthundertundelf registriert wurden, während jedoch achthundertzwölf erwartete Ausgänge auch gemeldet wurden. Irgendwo wurden also Informationen wie aus dem Nichts heraus generiert und regulär der Kontrolle zugeführt. So etwas konnte es doch nicht geben, aber wer wusste, welche Normalitäten im sechsdimensionalen Irrsinn eines Paratrondingsbums galten, das man aus drei verschiedenen Technologien zusammengestoppelt hatte wie ein besonders unansehnliches Frankenstein-Leichenteile-Monster.

Chaffee fand etwa dreitausend blinde Leitungen, die von früheren Zwischenstadien der Entwicklung stammten. Die Evolution der Prototypen-Bestandteile verlief so abrupt und unvorhersehbar, das zu dem Zeitpunkt, an dem die Techniker ein spezifisches Kommunikationsnetzwerk etabliert hatten, es bereits veraltet, überholt oder für neue Anforderungen unbrauchbar war. Statt alles auseinander zu nehmen, wurde hinzugefügt und erweitert. Zwei Drittel von allem, was ihn umgab, war wahrscheinlich nutzlos, aber niemand wusste mehr genau zu sagen, was. Im Verlaufe der Tests würde man alles, was man nicht brauchte, entfernen. Vielleicht stellte sich heraus, dass die Artefakte früherer Stadien nutzbringend reintegriert werden konnten. Das Gewirr unendlich viel erscheinender Kabel, Leitungen und anderer Verbindungen konnte einen jedenfalls ziemlich nerven, wenn man das eine suchte, das fehlte.

Chaffee vermied jeden Kontakt mit den irisierenden Spulen. Ein Kollege hatte drei Tage lang leuchtende Finger gehabt, weil er sich für einen Moment an einem nicht isolierten Gerät festgehalten hatte. Vielleicht konnte er froh sein, das er noch die richtige Zahl Finger hatte. Oder überhaupt noch einen Arm. Chaffee trug einen versiegelten Overall, hatte jedoch die Sichtscheibe zurückgeklappt, weil die Lichteffekte – spontane photonische Zerfallsprozesse aus höherdimensionaler Streustrahlung – sich trotz der Versicherung der Hersteller, die Scheibe sei entspiegelt, halt doch spiegelten. Schlimm genug, das neongelbe Lichtbänder um ihn herumschlängelten: da musste er nicht noch seitenverkehrte, verkleinerte Doppelbilder am Gesichtsfeldrand ertragen.

Er warf ein Ende des Magnettaus aus und sah zufrieden, wie es sich mit einem satten Klicken um einen entfernten Träger wickelte und zu einer Ankerschlinge verband. Das andere Ende löste sich auf Knopfdruck vom früheren Haltepunkt. Chaffee hing gewissermaßen in der Mitte, wickelte die lose Hälfte lässig auf und trieb ein wenig zur Seite, fort von jenem rankenartigen Chaos zighunderter Kabel, das er gerade überprüft hatte. Als etwas seinen Rücken berührte, stieß er einen leisen Schrei aus, katapultierte sich mit Arm und Beinbewegungen weg und sah, als er abtrudelte, das er eine Art Gallert mit sich zog. Fäden klebten an ihm und einer Spule, in der ein Riss klaffte. Etwas brodelte hervor, quoll an den Strukturen des Projektors entlang und ließ die Verbindungen zu Chaffee dicker werden. Die merkwürdige Substanz kroch wie ein eigenständiges Lebewesen an seinem Arm entlang, umhüllte die Schulter, den Hals, das Gesicht...

Chaffee stieß einen gurgelnden, entsetzten Schrei aus, fuchtelte mit allen Gliedmaßen herum und verhedderte sich im Magnettau wie in den Ausläufern des Kabelbaumes. Erst, als ein Überschlagsblitz von einem defekten Energieleiter – einem ordinären elektrischen Starkstromkabel, wie man es seit fünfhundert Jahren in Haushalten benutzte! – über seinen isolierten Overall tanzte und prasselte, erkannte Chaffee, das er einer Halluzination aufgesessen war. Er hatte davon gehört, hätte damit rechnen sollen angesichts der Fülle an psychoreaktiven Energieformen höherdimensionaler Art um ihn herum. Dumm, dumm, dachte er noch, als die blauen Blitze durch den offenen Gesichtsschild hereinschlugen.

Sein Körper zuckte drei oder vier Sekunden länger, als sein sterbendes Bewusstsein fähig gewesen wäre, dazu Anweisungen über die Nervenbahnen zu schicken. Magnettau und Kabel schlangen sich um ihn und fesselten den Leichnam für einige Minuten. Die Entladung hatte die Energiespeicher des Gürtels kurzgeschlossen und rapide entladen. Die geringe Restmenge wurde schnell verbraucht. Der Antigrav verlor sekundenschnell an Leistung, und der Tote sackte durch, bis er wie ein Gehenkter zwischen den gewaltigen Spulen herabbaumelte. Das Magnettau verlor an Haftwirkung, und der Tote sackte ab. Dreißig Meter tiefer verfing sich Chaffee sterblicher Rest in den merkwürdigen organischen Netzen.

Es dauerte einige Minuten, bis diese reagierten. Sie schrumpften um ihn herum zusammen, wickelten ihn ein wie die Beute einer Spinne und bewegten ihn dabei entlang einer aus drei Aufhangfäden gebildeten Spur zu eben jener Spule, die Chaffee kurz vor seinem Tod in der vermeintlichen Halluzination als defekt erkannt hatte. Sie hatte tatsächlich einen Riss, aus der etwas Gelartiges herausquoll. Es hatte Netzte gebildet, sich in das Kommunikations- und Energiesystem der TESLA eingeklinkt und dabei einen Eingangsport verwendet. Jenen, den Chaffee gesucht hatte.

Er hatte den Fehler gefunden. Leider erst, nachdem der Fehler ihn fand. Doch das eigentlich Tragische an Rhiannons Tod war, das mit ihm die älteste Raumfahrertradition der Erde ausstarb, denn er hatte keine Kinder.



3

Leutnant Thora MacDougal hatte sich nicht gerade darum gerissen, zur Experimentalflotte versetzt zu werden. Sie war Plophoserin und Anhängerin der Hondristen, was heutzutage mehr eine politische Einstellung war als ein Versuch, das Solare Imperium zu stürzen. Die amtierende Obfrau von Plophos, Mory Abro, regierte zwar als imperiumstreue Administratorin über einen nicht unbeträchtlichen Teil der von Menschen besiedelten Galaxis – Plophos stand einer semiautonomen Gruppe von mehreren Dutzend Hauptkolonien mit ihrerseits Hunderten weiterer Stützpunkten vor - , tat dies jedoch seit zwanzig Jahren mit der vormals verhassten Hondristen-Partei als Koalitionspartner. Plophos’ Träume von einem unabhängigen Imperium waren nicht wirklich ausgeträumt; nur halt... Träume. Die Realität sah eben anders aus. Das Solare Imperium war der Garant für Frieden in der Westside, auch wenn es nach dem Ende des Uleb-Krieges nahezu vollständig in Trümmern lag. Derzeit hielten nur die halutischen Patrouillen im Zentrumssektor die Machtansprüche der Akonen im Zaum; und lediglich die aus dem Dunkel des extragalaktischen Raumes beinahe lautlos zuschlagenden Posbi-Verbände – mit Flottenstärken im Zehntausender-Bereich – lehrten die riesige arkonidische Gemeinschaft des Großen Imperiums von M13 den Respekt, der Terra davor bewahrte, von einem Millionen zählenden Schwarm veralteter Schiffe attackiert zu werden. Springer und Überschwere lauerten auf gute Gelegenheiten, das Handelsmonopol neu zu errichten, offene, unverhohlene Piraterie zu betreiben oder in den Außenbezirken Söldnerkriege unter konkurrierenden Verbündeten der Terraner anzuzetteln.

MacDougal hatte ihre eigene Einstellung zur Situation. Das Solare Imperium war ein monumentaler Riese, der auf Treibsand stand. Seine Beine sanken allmählich ein, und der Rest würde folgen. Viele Kolonien waren stark genug, um eigene reiche zu gründen und gegen äußere wie innere Feinde zu verteidigen. Plophos hatte das vor über hundert Jahren eindrucksvoll demonstriert. Ertrus hatte in den letzten Jahren, unter dem Druck des Krieges und der Gefahr drohender Vernichtung, im Stillen mehrere Ausweichkolonien geschaffen und richtete munter weitere Siedlungswelten ein; ausnahmslos Überschwerkraftplaneten vom Ertrus-Typus. Die dem Zentrumsbereich der Milchstraße nahegelegenen Teile des Imperiums koalierten bereits recht unverhohlen mit Fremdvölkern, von denen bekannt war, das sie zu den in den vergangenen Jahrzehnten rekrutierten Verbündeten der Akonen zählten. Einige alte Kolonien wie Nosmo im Normon-System wandelten mit ihren Unabhängigkeitsbestrebungen ohnehin schon seit langem auf den Pfaden der Hondristen.

Der Bildung unabhängiger Nationen konnte kaum etwas entgegen zu setzen sein. Das Solare Imperium setzte auf monolithische Stärke, hatte aber mit ungeheuren inneren Störungen zu kämpfen. Je mehr Menschen man unter einen Hut zu bringen versuchte, desto mehr Widerstand musste überwunden werden. Längst hatte das Imperium eine Bevölkerung von über einer Billion und wuchs weiter; gegen planetare Bevölkerungszahlen im zweistelligen Milliardenbereich je erdähnlicher Kolonie – von denen es viele hundert gab, und Tausende nicht ganz so gemütlicher – sprach langfristig wenig. Das waren für eine Demokratie, die auf Konsens und Kompromiss setzen musste, letztlich zu viele Stimmen, als das sich ein Tenor rechtzeitig durchsetzen konnte. Kleinere Reiche funktionierten effizienter, schneller und mit weniger internem Widerstand, den es notfalls zu überwinden galt.

Also musste sich das Imperium mittelfristig aufspalten. Andernfalls drohte es an sich selbst zu ersticken, in seinen eigenen Ausmaßen zu erlahmen und musste der Degeneration nach arkonidischem Vorbild anheimfallen. Das, so die Hondristen, war unvermeidlich und offensichtlich. MacDougal war davon überzeugt. Und sie hatte während der letzten beiden Kriegsjahre hart daran gearbeitet, eine Kommandoposition auf einem Schweren Kreuzer zu erlangen, so wie Dutzende anderer Hondristen und vergleichbarer Sympathisanten von anderen Kolonien alles unternommen hatten, die Sechste Offensivflotte zu durchsetzen. Man konnte es eine Verschwörung nennen, wenn sie denn mit genug Durchsetzungskraft ans Werk gegangen wäre, aber in den beiden Jahren seit Kriegsende waren die Bestrebungen der meisten Angehörigen erlahmt. Rhodans Parole, das Solare Imperium wieder aufzubauen, bevor ein neuer oder auch altbekannter Gegner auftauchte, um ihm den Rest zu geben, leuchtete einfach ein: man verschob die vage formulierten Pläne eines Putsches mit dem Ziel, einige der weniger angeschlagenen Teile des Imperiums herauszulösen und unabhängig zu machen, auf unbestimmte Zeit.

MacDougal sah sich nun dreifach ausgebootet:

Man hatte sie nicht, wie erwartet, nach Kriegsende zum Captain befördert und ihr die EBRO übergeben – die sie in den letzten Kämpfen als Zweiter Offizier faktisch bereits kommandiert hatte, nachdem der befehlshabende Major getötet wurde und der Erste Offizier wegen eines Traumas dienstuntauglich wurde - , sondern schickte sie mit einer anerkennenden Urkunde und einem letzten Salutieren in die Etappe ab. Monate später wurde sie zurückgerufen, jedoch nur, um ihr eine Korvette anzubieten – das Beiboot Nummer Zwei der TESLA.

Man hatte sie, nachdem sie keinen Kommandoposten erhielt, aus den Reststrukturen der Verschwörung ausgeschlossen. Die auf Nosmo sitzenden Planer des Umsturzes ließen recht lapidar verlauten, sie könne ja wieder Kontakt aufnehmen, wenn sie es weiter nach oben geschafft hätte – falls man sie überhaupt wieder zu einem Flottenkommando zuließe.

Und drittens: nachdem sie zumindest reaktiviert wurde und sogar ein Kommando erhielt – wenn auch nur eine verdammte Korvette – zeigte sich, das es nur die Experimentalflotte war. Ein beschissenes Versuchsraumschiff. Der 500 Meter-Kreuzer hatte drei Korvetten an Bord, aber sie würden wahrscheinlich nie eingesetzt werden, es sei denn zur Evakuierung im vermutlich recht unwahrscheinlichen Fall, das die TESLA explodierte.

Der Verlust eines Experimentalschiffes war eine reale Gefahr. Das Risiko, ein Versuchsschiff zu verlieren, war sogar höher als bei einer Kampfeinheit. In der Regel wurden Schlachtschiffe nicht bis zur sicheren Zerstörung verheizt. Versuchsschiffe dagegen waren dazu da, verbraucht zu werden. Die Besatzung an Bord eines X-Schiffes war damit vertraut und kannte den Weg zum nächsten Rettungsboot im Schlaf. Die TESLA würde, bevor die riskante Technik zum ersten Mal getestet würde, bis auf die Notmannschaft geräumt werden. Überstand das Schiff den Testlauf, konnte man zu ersten echten, Probeflügen übergehen.

MacDougal hatte sich ausführlich über das Projekt informiert, als sie an Bord kam. Ihr war ziemlich schnell klar geworden, dass sie durch puren Zufall in eine einzigartige Situation geraten war.

Die Paratrontechnik würde dem Solaren Imperium für sehr lange Zeit eine unantastbare Vormachtstellung sichern. Schon seit drei Jahrhunderten hatte Terra eine Superwaffe: die Transformkanone. Man munkelte, dass vollbesetzte Schiffe ihre Selbstzerstörung auslösten, um das Geheimnis der Transformkanone nicht in feindliche Hände gelangen zu lassen. Die letzten Detonationen auf einem zerstörten Schiff der Solaren Flotte waren normalerweise die gezielt gesprengten Munitionslager der Geschütze, um sicher zu stellen, das kein Gegner auch nur ein einziges Teil einer Transformkanone bergen konnte. Theoretisch war es denkbar, dass man aus dem, was zehntausend zerstörte Schlachtschiffe hinterließen, mit viel Mühe eine Transformkanone rekonstruieren konnte.

Leider verloren die Terraner in diesen Tagen ihr Monopol, das sie mit den Posbis, den mutmaßlichen Erfindern der modernen Transformkanone, teilten. Eine ähnliche Waffe war fünfzigtausend Jahre zuvor bereits von den Lemurern benutzt worden. In der Andromeda-Galaxis verwendeten die Nachfahren lemurischer Flüchtlinge, die Tefroder, auch heute noch die Gegenpolkanone. Sie war dem posbi-terranischen Modell unterlegen, aber dennoch eine mächtige Gefahr. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sich Feinde des Solaren Imperiums in den Besitz der tefrodischen Gegenpolwaffe brachten. Es war sogar denkbar, das irgendwo in den Weiten der Milchstraße noch Waffenlager der Lemurer existierten, aus denen sich irgendeine unbedeutende Hinterhofmacht mit einem ansehnlichen Arsenal dieser Waffen versorgte.

Die Transformkanone konnte einen Hochenergie-Überladungs-Schirm, welcher der beste konventionelle 5D-Schutzschirm der Galaxis war, mühelos durchschlagen. Paratronschirme aber waren eine wirksame Abwehrwaffe. Ohne FpF-Zusatz hielt selbst ein kleines Raumschiff im Schutz eines Paratrons den Dauerbeschuss aus schwersten Kalibern stand. Mit FpF-Gerät konnten Transformkanonen den älteren Paratronschirm, den die Zweitkonditionierten zu Beginn ihrer Offensive verwendeten, überwinden. Ihre Herren, die Uleb, griffen später höchstselbst mit ihren mächtigeren Kreiselschiffen ein und demonstrierten eindrucksvoll, dass man den Paratronschirm gegen FpF-Geräte modifizieren konnte. Ohne den lemurischen Kontrafeldstrahler - einer experimentellen Waffen aus den letzten Tagen des Galaktischen Krieges, als die Lemurer längst vernichtend geschlagen waren und sich nur noch jahrzehntelange Rückzugsgefechte mit den Halutern lieferten – wäre der Paratronschirm auch jetzt noch unüberwindlich.

Nun, der Kontrafeldstrahler wurde als Geheimwaffe ähnlich wie die Transformkanone selbst gesichert. Nun kam mit dem Paratron eine weitere hinzu – der Vorsprung der Solaren Flotte wurde damit endgültig als uneinholbar zementiert.

Es gab nur eine Lösung. Man musste sich der Paratrontechnologie versichern, solange sie noch kein solarer Flottenstandard war.

MacDougal wollte den Paratronkonverter stehlen. Mitsamt der TESLA. Und der ideale Moment dafür war in einigen Tagen gekommen, wenn der erste Testlauf des Konverters stattfinden sollte. Dann würden sich nur noch ein paar Spezialisten an Bord aufhalten. Für deren Evakuierung benötigte man ein startbereites Beiboot, und das brauchte einen risikobereiten Piloten.

Thora MacDougal war zu jedem Risiko bereit.



4

Die CREST V und ein Dutzend weiterer Ultraschlachtschiffe der GALAXIS-Klasse hatten sich als Kugelschale um die für den Testlauf bestimmte Position formiert. Kreuzer füllten die Leerflächen allmählich auf. Die Hälfte aller Fahrzeuge stammten aus dem Explorerprogramm und der Experimentalflotte, da sie über spezielle Ortungsgeräte, Messinstrumente und leistungsfähigste Positroniken zur Sofortanalyse verfügten. Die Kampfeinheiten waren aus zwei Gründen da: zum einen, um zu verhindern, dass jemand den Test störte. Seit Wochen wurden geisterhafte Ortungsechos empfangen, die für getarnte akonische Aufklärer typisch waren. So tief im Solaren Imperium hatte man kaum je zuvor Akonen operieren sehen; zumindest nicht, dass sie ungeschoren davonkamen. Es war immer mal wieder vorgekommen, dass sich schnelle Kampfverbände mit einem riskanten Vorstoß Richtung Solsystem wagten, um die Schlagkraft und Schnelligkeit der Solaren Flotte im Grenzsicherungs- wie Heimatverteidigungsbereich zu testen. Den meisten Besatzungen dieser Schiffe blieb die Heimreise erspart. Man sendete dann eine diplomatische Note nach Drorah, zu Händen des Energiekommandos, mit der nüchternen Information über den Verlust dieses und jenen Schiffes sowie dem Tod der jeweiligen Mannschaften.

Inzwischen, für die Dauer des Wiederaufbaus der Flotte, die einige Jahrzehnte in Anspruch nehmen würde, musste man sich damit abfinden, dass die üblichen Verdächtigen sich äußerst dreist bis zum Kernsektor des Imperiums, den Solsektor mit einigen Dutzend Stützpunktsystemen in unmittelbarer Nähe Terras, vorwagen und wieder nach Hause fliegen konnten. Dass es sich nicht um schwere Kampfverbände handelte, welche die Situation ausnutzten, konnte man den Halutern verdanken. Mehrere „fehlgeleitete“ Flottillen der Akonen hatten sich recht plötzlich einigen hundert schwarzen Kugelraumern der vierarmigen Riesen gegenübergesehen und erfahren müssen, das mit ihnen nicht zu spaßen war; egal wie laut sie auch während der zerstörerischen Drangwäsche lachen mochten.

Perry Rhodan stand mit verschränkten Armen in der Mitte der Kommandozentrale und ließ sich vom routinemäßigen Chaos nicht aus der Ruhe bringen. Eine Million Kilometer entfernt schwebte die TESLA. Rhodan hatte sie vor ein paar Stunden das erste Mal überhaupt mit eigenen Augen zu Gesicht bekommen.

Die TESLA basierte auf der Schiffszelle des 500 Meter-Typs. Die klassische Schlachtkreuzer-Konfiguration hatte einen achtzig Meter breiten Ringwulst mit achtzehn Impulshaupttriebwerken, welche zwei entgegengesetzte Schubdüsen aufwiesen. Das verlieh ihnen, wie allen Kugelraumertypen seit den lemurischen Anfangstagen, die gefürchtete Wendigkeit. Die Motorenanordnung von Walzenraumern, wie sie Springer, Druuf und Maahks benutzten sowie in Variationen noch ein halbes Dutzend anderer Völker wie die Topsider, mochte ihre Vorteile haben, wenn man geradlinig stark beschleunigen wollte, ohne sich um Ausweichmanöver oder rasche Wenden kümmern zu müssen. Kampfschiffe der Überschweren erreichten in der Regel höhere Beschleunigungswerte als gleichgroße Kugelraumer. Mit der Manövrierfähigkeit sah es jedoch nicht zum Besten aus. Walzenschiffe waren schnelle, aber träge Geschosse.

Die TESLA hatte einen breiteren Ringwulst, aber nur zwölf Triebwerke. Zwischen jeweils zwei Antriebsmaschinen waren Aggregate der Paratron-Versuchsanlagen installiert worden. Die TESLA sollte drei verschiedene Anwendungsbereiche der Basistechnologie testen: den hochwirksamen Schutzschirm, der nach bisherigen Erkenntnissen von etwas anderem als Spezialwaffensystemen kaum angeknackst werden konnte; die Dimetrans-Antriebstechnik für intergalaktische Sprünge durch, möglicherweise, das ganze sichtbare Universum über Milliarden Lichtjahre hinweg – die Haluter hatten sich bislang über die theoretische Leistungsgrenze ihrer Sprunggeräte nicht ausgelassen. Faktisch konnte man, wie Perry Rhodan bereits selbst erlebt hatte, mehr als dreißig Millionen Lichtjahre überbrücken. Als dritte Möglichkeit, Paratronenergie zu verwenden, hatte man eine experimentelle Waffe erdacht, die einen kohärenten Strahl projizierte. Der Strahl war überlichtschnell bis nahe zur Grenze der Nullzeit – selbst über Lichtstunden hinweg würde ein anvisiertes Ziel keine nennenswerte Vorwarnzeit haben. Selbst eine Hyperinpotronik, die in Teilbereichen mit hyperschnellen Schaltkreisen arbeitete, konnte in Mikrosekunden keine wirksame Schutzmaßnahme ersinnen, und bestand sie auch in einem Ausweichmanöver mit Katastrophenschubwerten, die eine organische Besatzung zu Schleimfladen zerquetschte.

Zumindest was die geplante Offensivwaffe anging, hatte Rhodan ein ausgesprochen mulmiges Gefühl. Seit mindestens siebzigtausend Jahren wurde Paratrontechnik von den Konstrukteuren des Zentrums in M87 verwendet; fast ebenso lange von den verschiedenen Hilfsvölkern und abtrünnigen, geringschätzig Bestien genannten Ahnen der Haluter sowie deren verschiedenen Nachfahren: den Halutern selbst, den Uleb, Zweitkonditionierten und möglicherweise weiteren, die noch nicht bekannt wurden. Der Exodus der Bestien aus M87 führte nicht bloß in eine einzige Richtung, wie Rhodan sich bisweilen unbehaglich erinnerte: die Uleb und ihre Hilfstruppen in den Magellanschen Wolken stellten wahrscheinlich nur einen Teil der gesamten Gefahr dar...

Nun, jedenfalls hatten sie siebzigtausend Jahre lang diese Technik verwendet und stellenweise auch weiterentwickelt. Allerdings hatten sie keine aktive Offensivwaffe daraus gemacht, obwohl die Möglichkeit dazu erkennbar vorhanden war. Es erhob sich ernsthaft die Frage, weshalb?

Die TESLA jedenfalls hatte einen Prototypen einer solchen PT-Waffe. Sie ragte als fünfzig Meter langer Sporn aus der unteren Rumpfrundung und war eine fest installierte Maschine, die etwa hundert Meter höher unmittelbar in den Konverter mündete. Über dem Paratronkonverter gab es einen mächtigen Verteiler, der neben anderen Abnehmern vor allem sechs Dimetrans-Transformatorblöcke speiste, die um den Konverter herum angeordnet waren. Allein diese Anlagen machten schon fast ein Viertel des ganzen Volumens der TESLA aus.

Konstruktionsbedingt hatte ein 500 Meter-Schiff mehrere konzentrische Kugelschalen. Die äußere hatte eine Stärke von hundert Metern und umschloss die innere Struktur, die der Besatzung, den Lebenserhaltungssystemen, relevanten Teilen der Infrastruktur wie Notenergiemeiler und behelfsmäßigen Funk- und Ortungsgeräten, Transmitterstationen und so weiter vorbehalten war. Die äußere Schale enthielt in der Regel alle Schutzschirmgeneratoren, Geschütze und Hangars. Ein abgespeckter Schlachtkreuzer, auf seine 300 Meter große innere Zelle reduziert, war ein schwaches, unbewaffnetes Ding. Die Arkoniden hatten viele solcher Fahrzeuge für Hilfsdienste verwendet – unter anderem auch aus einem weiteren Grund: sie lagerten auf Depotplaneten genug Aufrüstmodule, um aus einem abgespeckten jederzeit wieder einen vollwertigen Schlachtkreuzer zu machen...

Die TESLA war fast aller Waffen beraubt worden mit Ausnahme der Impuls- und Thermokanonen von leichterem Kaliber. Es gab auch nur noch drei mittlere Transformkanonen oberhalb des Ringwulstes. Die meisten HÜ-Schirmprojektoren hatten den deutlich umfangreicheren Geräten für Paratronprojektion weichen müssen. Wenn die Versuchsanlagen funktionierten, konnte selbst eine ganze Flotte mit Trommelbeschuss dem Schiff nichts mehr anhaben. Konventionell hatte die TESLA nicht einmal mehr die Schlagkraft und Manövrierfähigkeit eines Leichten Kreuzers.

Fast tausend Menschen arbeiteten in dem Schiff daran, alles zum Laufen zu bringen. Die meisten gehörten nicht einmal zur Besatzung und würden auf dem Tender der SUPER-DINO-Klasse darauf warten, was im Verlaufe des Tests geschehen mochte. Die sechseinhalb Kilometer große Plattform mit dem angeflanschten Kommandoschiff der STARDUST-Klasse war ihrerseits ein Prototyp, aber zumindest nur in Bezug auf die Konstruktion; nicht auf die Technik. Der Koloss war zum Ende des Uleb-Krieges projektiert worden, hatte aber erst anderthalb Jahre später fertiggestellt werden können. Es war aktuell das größte Raumschiff, das Terraner je gebaut hatten: die Plattform hatte ein größeres Volumen als ein Ultraschlachtschiff. Acht Ultrariesen der GALAXIS-Klasse konnten gleichzeitig auf den Landefeldern auf Ober- und Unterseite landen. Der SUPER-DINO konnte sogar mit dieser Last in den Linearraum gehen und sich, wenn auch langsam, durch eine Halbraumetappe quälen. Es war ein mobiles Ausrüstungsdock, das in Grenzen die Neukonstruktion eines zerschossenen Schiffes bewerkstelligen konnte.

Kalak hätte seine Freude an dem Baby gehabt, dachte Rhodan. Kalaks fliegende Megaplattform, die sogenannte Werftinsel KA-preiswert, war natürlich eine ganze Zehnerpotenz größer gewesen, fast so groß wie OLD MAN.

Vor vierhundert Jahren hätte sich Rhodan nicht träumen lassen, jemals auch nur so etwas wie ein Ultraschlachtschiff zu Gesicht zu bekommen. Inzwischen hatte er Raumfahrzeuge und Stationen gesehen, gegen die ein Ultrariese winzig wirkte. Es schien nicht unwahrscheinlich, dass den Ultraschlachtschiffen noch größere Fahrzeugtypen folgen würden. Irgendwo in den Planungsbüros der Flotte entstanden gespenstische Entwürfe mit Bezeichnungen wie „Hyperschlachtschiff der UNIVERSUM-Klasse“ – fünf Kilometer Durchmesser – und „Metaschlachtschiff der SUPERNOVA-Klasse“ – mehrere zusammengekoppelte Ultraschlachtschiffs-Zellen – sowie weitere, bizarrere Konzepte: riesige scheibenförmige Träger mit angedockten Flottillen vom Typ STERNBASIS.

Einige Visionäre erhofften sich eine Zusammenarbeit mit den Posbis, deren Würfelschiffe zu Komplexen zusammengekoppelt werden konnten, auch wenn dies sehr selten geschah. Deren Erfahrungen beim Bau von modularen Trägersystemen sei der terranischen Schiffsbautechnik um Jahrtausende voraus.

Rhodan hatte recht unmissverständlich klar gemacht, das man über Ultraschlachtschiff-Neuentwürfe hinausgehende Planungen gleich ins Archiv geben konnte, mit dem Hinweis „Nicht vor dem Jahr 3000 öffnen“. Das Solare Imperium hatte dringenderes zu erledigen, als Allmachtsfantasien von Konstrukteuren zu frönen.

Nach allem, was er über den SUPER-DINO-Tender erfahren hatte, standen die Chancen für eine Kleinserienfertigung ohnehin eher schlecht. Dieser Schiffstyp hätte in größeren Zahlen in den Magellanschen Wolken eingesetzt werden sollen, als Nachschubstationen, Reparaturwerften und so weiter. Innerhalb der Milchstraße selbst bestand kaum Bedarf an ihnen. Um ein liegengebliebenes Ultraschlachtschiff abzuschleppen, brauchte man nicht mehr als einen althergebrachten DINO-Tender mit seiner zwei Kilometer breiten Plattform. Von denen hatten einige Hundert inzwischen sowohl den Krieg gegen die Meister der Insel als auch den gegen die Uleb überstanden. Die arg dezimierte Flotte brauchte nicht mal die existierenden Hilfsschiffe; man würde einige ausmustern und für den zivilen Dienst einsetzen: Frachtverkehr zu zerstörten Kolonien, technischer Notdienst, vorübergehende Stationierung im Raum als zeitweiliger Anlaufhafen und Umschlagplatz...

Bevor man die Solare Flotte wieder auf den alten bestand brachte, brauchte man einige Tausend prosperierende Kolonien, die sich etwa Hundert reine Schwerindustrieplaneten leisten konnten, welche die lunaren und marsianischen Werften belieferten, damit überhaupt wieder ein umfangreiches Flottenbauprogramm in die Wege geleitet werden konnte. Man musste also erst einmal unten anfangen: die Kolonien aufbauen, die notleidenden Bevölkerungen versorgen, die Ruinen abtragen und neue Städte bauen...

Allein die verwüstete Erde würde das Imperium in den nächsten Jahrzehnten einen nennenswerten Teil des Bruttosozialproduktes kosten. Auf anderen Planeten mussten Städte und Fabriken gebaut werden. Auf Terra stand erst einmal ein umfangreiches Planetoforming an: eine massive Offensive mit zigtausenden Dolans hatte ganze Gebirgszüge eingeebnet, Halbinseln aus den Kontinenten herausgeschlagen, fast das ganze tierische und pflanzliche Leben ausgelöscht sowie praktisch die ganze irdische und menschliche Kulturgeschichte zu Staub und Asche zermalmt. All dies musste rekonstruiert werden.

Das war wichtiger, hatte Rhodan entschieden. Posbis und Haluter würden dem Imperium für einige Jahrzehnte den Rücken frei halten. Danach... das musste die Zeit erweisen.

Vor Perry Rhodan blinkte ein Signal auf seinem persönlichen Terminal. Es stellte ein uraltes arkonidisches Rufzeichen dar; aus dem elften Jahrtausend arkonidischer Zeitrechnung. Rhodan brauchte nicht mehr zu wissen. Er tippte gegen die Durchschalttaste und sagte, noch bevor das Hyperkombild sich aufbaute: „Alle erwischt, Beuteterraner?“

Atlans markantes Gesicht schälte sich aus einem Störrauschen heraus. „Sieben von acht sind nichts schlecht. Hinter dem letzten habe ich ein schnelles Eingreifgeschwader losgeschickt. So gut ist kein akonischer Pilot, dass er meine Bluthunde abschüttelt. Notfalls lassen sich die Zwillinge auf einem Taststrahl rüberschicken. Freund, ich habe schlechte Nachrichten: sie haben ihre ausspionierten Informationen über Kommunikationsrelaisstationen der Flotte bereits abgestrahlt! Ich frage dich: woher haben die eure Verschlüsselungstechnik? Oder bietest du die neuesten Codes der Solaren Flotte jetzt auf dem freien Markt an?“

„Lepso zahlt gut, habe ich vernommen. Meinst du es ernst? Akonen haben unser Netzwerk gehackt?“ Rhodan kratzte sich unbewusst an der Narbe am Nasenflügel. „NATHAN hat seine Speicher darauf verwettet, das sei nahezu unmöglich. Wir ändern seit Monaten die Verschlüsselung im Stundentakt. Die Funker haben schon eine Gewerkschaft gegründet wegen der Mehrarbeit, die ich ihnen abverlange.“

„Die Ärmsten! Versichere sie meines Mitgefühls aus tiefster Seele, oder was immer ich anstelle ihrer habe. Der Extrasinn kommentiert lakonisch: mich.“

„Der Witzbold.“

„Barbar, du hast ein Sicherheitsleck. Wo sind deine Mutanten und Abwehragenten?“

„Verstreut in der Galaxis. Lordadmiral, deine Wartungstechniker sollten mal die Antennen justieren: du rauschst wie ein Bergbach!“ warf Rhodan stirnrunzelnd dem alten Freund vor. Atlans Hyperkombild war von so schlechter Qualität, dass man den Arkoniden gerade noch solchen erkennen konnte. „Und nebenbei: wo bleibst du? Du bist überfällig.“

„Sag deinen hochqualifizierten oder mindestens überbezahlten Ortungstechnikern mal, sie sollen genauer hinschauen. Ich gehe gerade längsseits! Die Akonen sind nicht die einzigen mit gutem Antiortungsschirm heutzutage.“ Atlan lachte lauthals, ehe er die Verbindung unterbrach.

Einen Augenblick später ging der Ortungsalarm los. Übergangslos tauchte auf dem Panoramaschirm ein nachtschwarzer Kugelkörper auf, der mit gespenstischem Nichtstun erschreckte. Er verzögerte offenkundig seine anfangs recht hohe Restfahrt mittels Antigravtriebwerken und erzeugte daher keine Partikelspur, wie sie für Impulstriebwerke charakteristisch war. Rhodan brauchte nur einen Moment, um den Schock zu verwinden, und brach den Alarm sofort ab. „Chef an alle: keine unnötige Aufregung, Herrschaften! Das ist bloß die generalüberholte IMPERATOR von unseren Freunden von der USO. Der Herr Lordadmiral beliebt unter die Dunkelmänner gegangen zu sein und macht sich unauffällig. Hat sich etwa jemand erschreckt?“ Im Geiste machte sich Rhodan eine Notiz, Atlan darauf anzusprechen, wie sein neuer Antiortungsschirm beschaffen war. Die USO war brennend an der Paratrontechnik interessiert, und die Solare Flotte konnte ein Tarnsystem gut gebrauchen, mit dem man sich selbst der CREST V bis auf Kernschussweite nähern konnte, ohne angemessen zu werden.

Wieder blinkte der Hyperkomsignalgeber. Das galaxisweit bekannte Symbolzeichen für eine Hyperkonstante, benannt nach einem gewissen genialen Choleriker, tauchte auf. „Herr Professor? Was kann ich für Sie tun?“ fragte Rhodan.

„Schaffen Sie mir den besserwisserischen Knaben vom Hals, den Ihre Tochter versehentlich geheiratet hat!“

Rhodan stocherte unauffällig im linken Ohr und war froh, dass er standardmäßig das Schallabsorberfeld um seine Station herum aktiviert hatte. Kalups Ausbrüche hätte man am gegenüberliegenden Ende der nicht eben kleinen CREST V-Kommandozentrale vernommen. „Sie sprechen vom Kollegen Waringer, vermute ich. Er ist tatsächlich mein Schwiegersohn. Was hat er angestellt?“

„Er will mich aus meinem Schiff rauswerfen! Der Junge klaut mein Projekt!“

Im Hintergrund war Waringers Stimme undeutlich zu hören. Kalups Organ röhrte unverständlich. Rhodan schickte einen bittenden Blick gen Himmel und musterte für einen Moment gelinde erstaunt die hochgewölbte Kuppeldecke der Zentrale: gerade wurde dort die IMPERATOR in voller Pracht erkennbar. Sie hatte, was immer sie mit dem Sternenhintergrund verschmelzen ließ, abgeschaltet und präsentierte sich nun als strahlend silbriger Neubau aus den USO-Werften. GALAXIS-Klasse, modifiziert, möglicherweise erweitert, resümierte Rhodan binnen einer Sekunde. Zwei Kreuzer der Solaren Flotte flankierten sie misstrauisch.

Kreuzer? Rhodan schaute genauer hin und ignorierte Kalups Getöse. Das waren keine Kreuzer, sondern die Superschlachtschiffe KJOLD und SCIORRE. Sie waren nicht einmal halb so groß wie die IMPERATOR, obwohl sie teils vor ihr standen. Und das bedeutete...

„Atlan denkt mal wieder etwas größer als ich“, sinnierte Rhodan. „Drei Kilometer? Drei Komma fünf? Hat Häuptling Silberhaar seiner IMPERATOR eine zusätzliche Aggregate-Schale verpasst! Typisch arkonidische Pragmatik: warum was Neues bauen, wenn man was altes einfach nur neu verpacken kann...“

„Sir? IMPERATOR entspricht keiner bekannten Typisierung und Klassifikation“, meldete sich bereits ein besorgter Offizier aus der Ortungsabteilung.

„Geschenkt, Major Spelling“, erwiderte Rhodan. „Registrieren Sie diesen angeberischen Pott unter der vorläufigen Bezeichnung erweitertes Ultraschlachtschiff der GOS’ATHOR-Klasse. Wie groß ist der Durchmesser?“

„Dreitausendsiebenhundert Meter. Ringwulst viertausendfünfhundert.“

„Ob er was kompensieren möchte?“ dachte Rhodan laut nach. Gelächter machte zusammen mit der leise wiederholten Bemerkung die Runde in der Zentrale.

Rhodan wollte sich Kalups Problem zuwenden, wurde jedoch von einem weiteren Hyperkomanruf abgelenkt. Es tauchten nur die Initialen GAW auf. Er seufzte. „Ich hoffe, du willst dich nicht bei mir über deinen Vorgesetzten beklagen, mein Junge.“

„Perry, ich bitte dich – der Mann treibt mich in den Wahnsinn. Er möchte unbedingt den Probelauf an Bord mitmachen, aber das ist einfach absolut überflüssig! Es reicht völlig aus, wenn ich mit der vorgesehenen Mannschaft...“

„Hören Sie das? Er gibt es sogar zu!“

Rhodan runzelte die Stirn und fasste sich mit einer Hand an die Schläfe. „Wer sagt denn bitte, das überhaupt einer von Ihnen an Bord bleiben muss, um das Experiment zu leiten?“ erkundigte er sich in scharfem Tonfall. „Sie beide sind unverzichtbare Wissenschaftler des Solaren Imperiums und darüber hinaus beide im Besitz eines überaus kostbaren Gegenstands, nämlich eines Zellschwingungsaktivators, der Sie relativ unsterblich macht.“

„Die Gefahr ist minimal“, rief Waringer aus. „Es ist kaum vorstellbar, das ein katastrophales Fehlversagen der Experimentaltechnologie...“

„Die Versuchsanordnung muss von einem Fachmann von Hand kalibriert werden!“ unterbrach Kalup. „Sie haben ja schon Schwierigkeiten, die Energiekupplungen in der korrekten Drehrichtung zu verschrauben!“

„Die Probleme des Experiments sind weniger mechanischer, als mathematischer Natur und erfordern es, das sich jemand mit den nötigen Kenntnissen in der waringerschen Algebra...“

„Ach hören Sie auf! NICOLA kann das besser als Sie mit einem Dutzend positronischer Rechenschieber zusammen.“

„Allerdings fehlt es dem Posbikommandanten an der Intuition im Umgang mit der sechsdimensionalen Formelsprache. Ich habe zehn Jahre daran gearbeitet und weiß genau...“

Waringer-Algebra! Mann, hier kommen jetzt nackte physikalische Kräfte zum Tragen, da muss ein Handwerker der Hyperthorik ran!“

Ich könnte jetzt Maul halten! brüllen, überlegte Rhodan mit einem Anflug von Frust. Aber was würde es nutzen? Sie hören ja doch nicht zu...

„Sir? Anruf von IMPERATOR“, meldete sich eine Funkerin, die persönlich zu ihm kam.

Rhodan blendete die zum Streitgespräch entartete Konferenzschaltung aus und tippte das Rufsymbol Atlans an. „Nettes Schiffchen hast du da.“

„Deine beiden unsterblichen Genies tönen im Klartext ihren Streit in der Galaxis rum. Was möchtest du dagegen unternehmen? Ich lasse jedenfalls vorsorglich die Frequenzen blockieren.“

„Ich dachte gerade daran, die beiden erschießen zu lassen. Oder sie eigenhändig zu verdreschen.“

„Tja, Familie...“ lachte Atlan.

„Seit wann gehört Kalup zur Familie?“ knurrte Rhodan.

„Eigentlich wollte ich dir mitteilen, dass Nummer Acht von der SOFGART erwischt wurde.“

Rhodan brauchte eine Sekunde, um das zu verstehen. „Danke. Äh, Sofgart?“

„Irgendein Bürokrat auf Quinto Center hat einige Schiffe der USO-Flotte nach Personen aus meinem ersten Leben als Kristallprinz und Admiral von Arkon benannt. Er hat nicht gut genug recherchiert. Ironischerweise heißt das zugehörige Geschwader auch noch Kralasenen.“

„Vor ein paar Tagen wurde das Superschlachtschiff MONTERNY in Dienst gestellt. Rate mal, nach wem es benannt wurde?“ hielt Rhodan dagegen.

„General Amos Monterny?“ spekulierte Atlan. „Konföderiertenarmee. Achtzehn-zwoundsechzig.“

Rhodan schüttelte den Kopf. „Ich hätte wissen müssen, dass du auch den kennst. Guter Freund von dir?“

„Ich war damals anderweitig beschäftigt, glaube ich. Hm, was war das denn bloß?“ Atlan wirkte ehrlich irritiert, machte dann eine wegwerfende Geste.

„Schätze, du hast damals eine Tiefschlafperiode eingelegt.“ Rhodan verabschiedete sich und sah sich dem alten Problem gegenüber: Kalup und Waringer.

„Zuhören, Männer!“ unterbrach er die Streitenden. „Befehl vom Chef: Projektleiter bleibt an Bord, Stellvertreter wechselt auf SUPER-DINO EINS zum telemetrischen Kontrollstand. Ende der Diskussion! Fragen, Vorschläge, Klagen oder sonstige Kommentare bitte ich meinem Adjutanten zu übergeben. Colonel Timmons? Schreiben Sie auf, was die Herren Ihnen vorzutragen haben. Dann werfen Sie alles in den nächsten Abfallvernichter! Ich hoffe, das wäre dann alles. Ich habe nämlich noch ein Imperium zu regieren!“

Kaum waren die Verbindungen abgeschaltet, blinkte ein neues Rufsymbol auf. Rhodan unterbrach den Stoßseufzer mittendrin, denn diesmal war es die persönliche Kennung des regierenden Obmannes von Plophos; beziehungsweise der Obfrau. Er tippte auf die Taste, und zwei Frauengesichter erschienen nebeneinander auf dem Bildschirm.

„Du siehst gestresst aus“, begrüßte ihn Mory Abro sofort nach einem kritischen Blick.

„Du weißt ja, wie es manchmal ist. Unser Schwiegersohn wird demnächst, fürchte ich, wegen Mordes angeklagt werden müssen. Er treibt Kalup in den Herzinfarkt.“

„Trotz Zett-Ah? Ich wusste, er hat bemerkenswerte Fähigkeiten.“

„Wir sind auf dem Weg, Dad“, mischte sich Susan Betty Rhodan-Waringer ein. „Wir werden uns ein wenig verspäten, weil...“

„Nicht über den Hyperkom“, unterbrach ihre Mutter. „Geheimdienstliche Erkenntnisse, Schatz. Und zwar nichts, was von deiner SolAb kommt.“

„Hast wieder deine eigenen Leute losgeschickt“, sagte Rhodan mit gelindem Verdruss. „Nun, was sagt man so über Plophoser?“

„Trau ihnen noch weniger als einem Terraner. Im Ernst, Liebling, wir stecken tief in einer Substanz, die ich als Mädchen aus gutem Haus nicht näher benennen möchte.“

„Red schon, Mory. Machen dir die Hondristen zu schaffen?“ versuchte es Rhodan mit einem makabren Witz. Morys Vater war als Oppositionsführer während Hondros Diktatur ermordet worden, und seit Jahren musste sich Mory als Regierungschefin mit den geistigen Erben des Tyrannen arrangieren.

Morys Blick wurde stahlhart. Nicht wenige hatten einmal darauf hingewiesen, dass sie Rhodans weibliches Gegenstück in jeder Hinsicht war. Vielleicht, argumentierten manche, würde sie sogar eine bessere Großadministratorin abgeben als ihr Mann, denn sie war eine geborene Politikerin.

„Vielleicht“, erwiderte sie schließlich.

„Ernst?“

„Deine größte Befürchtung.“

Rhodan nickte verstehend. Sie spielte auf den möglichen Zerfall des Imperiums an und die Bildung konkurrierender, möglicherweise verfeindeter Blöcke an; eine Wiederholung der Nationalstaaten des zwanzigsten Jahrhunderts inklusive der steten Vernichtungskriegsgefahr.

„Wann triffst du ein? Unser Schwiegersohn macht Druck wegen des Probelaufs. Kalup ebenfalls.“

„Wen wundert’s? Zwei Stunden. Wir kommen über Transmitter auf die CREST.“

„Zur SUPER-DINO. Ich möchte mir alles aus dem Testleitstand ansehen.“

„Und natürlich dein neuestes Prachtschiff vorführen, du alter Angeber.“

„So prächtig ist der Pott auch nicht. Aber Atlans Privatjacht wird dich begeistern.“

„Warte erst mal ab, bis du unser Schiff siehst“, erwiderte Susan.

„Du machst mich neugierig“, seufzte Rhodan. Noch ein Monumentalprototyp?



5

„Synchronschaltung stabil. Verzögerung weniger als eine Viertelmikrosekunde. Posbikommandant NICOLA meldet fehlerfreie Messergebnisse aus allen Bereichen.“

„Testlauf freigegeben, Countdown starten bei zehn Minuten. Widerrufsoption für Herrn Professor Kalup. Freigabe aller Kommandofunktionen für X-1/PT TESLA.“ Waringer stand als einer der wenigen im riesigen Leitstand noch aufrecht. Fast alle saßen oder kauerten vor ihren Pulten, beugten sich über Instrumentenanzeigen, Planungstische, positronische Ein- und Ausgabegeräte. Der schlanke, hochgewachsene Wissenschaftler schien mit wenigen Blicken alles zu erfassen, wusste Antworten bereits in dem Moment, in dem er nach ihnen fragte, weil er einfach schneller aufnahm und verarbeitete als praktisch jeder andere hier. Er war umgeben mit einer intellektuellen Elite, deren dümmster Vertreter immer noch zur genialen Minderheit der Menschheit zählte. Die Assistenten und Doktoranden, die zu Heerscharen die Hilfsarbeiten des Projektes unternommen hatten, waren im gesamten von Menschen bewohnten Raum, auf Tausenden Planeten geborene und ausgebildete, handverlesene, hochqualifizierte Spezialisten. Die meisten waren die möglicherweise kompetentesten Fachkräfte, die ihre Generation auf ihrer Heimatwelt herausgebracht hatte; fähig, eine Universität oder ein eigenes Forschungsinstitut zu leiten. Andere hatten zu den Hundertschaften der allerbesten Absolventen von den Akademien Terranias gezählt, wo man, wie man es schnoddrig ausdrückte, Jahrhundertgenies im Spritzgussverfahren am Fließband produzierte: man nahm die aufnahmebereite Hülle eines zwanzigjährigen Studenten und trichterte ihm mittels Hypnoschulung das geballte Fachwissen und die Erfahrungswerte ein, die ungeheuer viele Wissenschaftler in den letzten zwanzigtausend Jahren im Großen Imperium und in den vergangenen paar Jahrhunderten im Solaren Imperium erworben hatten. Es handelte sich um die Essenz von vielen Millionen Leben, Milliarden Forscherjahren und dem Resümee aus Tausenden bedeutender Projekte und Experimente, die glückten, sowie dem von einer ungleich höheren Zahl von Fehlschlägen.

Viele dieser Studenten waren nachher kaum mehr als vollgestopfte, lebende Fachlexika. Manche aber hatten die Geistesgröße und –stärke, das gigantische Wissen mit ihrer Intelligenz zu vereinen und die Arbeiten jener fortzuführen, die vielleicht schon starben, bevor auf Terra auch nur das kleine Einmaleins niedergeschrieben wurde.

Die paartausend Wissenschaftler und Ingenieure des Paratronexperimentes waren der Endpunkt einer sehr langen Entwicklungslinie; die Spitze einer in tiefster Vergangenheit wurzelnden mächtigen Pyramide. Ohne die größtenteils namenlosen Millionenscharen – Angehörige arkonidischer ebenso wie nichtmenschlicher Völker, aus der Milchstraße ebenso wie aus der Andromedagalaxis, aus bekannten wie aus höchst dubiosen Quellen stammend, manche über mehrere zivilisatorische Generationen bis in Jahrmillionen alte Vergangenheit zurückreichend – wäre es diesen Leuten gar nicht möglich gewesen, die Höchsttechnologie aus Uleb-Beständen in nur wenigen Jahren zu entschlüsseln und Prototypen zu konstruieren, die vielleicht sogar funktionieren würden.

Waringer war ein junger Mann. Siebenunddreißig Jahre alt, bereits seit vier Jahren im Besitz eines Zellaktivators – kaum jemand hatte so schnell und so jung die relative Unsterblichkeit verliehen bekommen. Ursprünglich hatte die Elite des Solaren Imperiums Tausende umfasst. Sie bekamen eine Zelldusche im Physiotron auf dem Kunstplaneten Wanderer; eine Behandlung, die ihre körperliche Gesundheit für 62 Jahre auf höchstem Niveau hielt, die Alterung stoppte und ihnen so in vielen Fällen erlaubte, mehr als vierhundert Jahre alt zu werden. Vor mehr als hundert Jahren wurde diese Möglichkeit zunichte, als ES seinen Stammsitz zerstörte und mit ihm das Physiotron. In den folgenden sechs Jahrzehnten starben fast alle der hochqualifizierten Leute; nur zwanzig konnten mit Zellaktivatoren gerettet werden. Zwanzig von Tausenden... Es kam einer Enthauptung des Solaren Imperiums und der Menschheit in jeder Hinsicht gleich: politisch, militärisch, wissenschaftlich und kulturell. Langjährige Weggefährten Perry Rhodans starben, Wissenschaftler konnten ihre Lebenswerke nicht abschließen, Mutanten mit einzigartigen Fähigkeiten gingen verloren...

Vor einigen Jahren wurde eine der wenigen Zellaktivatorträgerinnen, die Mutantin Laury Marten, getötet und ihr ZA gestohlen. Das Gerät konnte zurückgebracht werden, und auf der Suche nach einem geeigneten Träger wurde ausgerechnet Waringer ausgewählt.

Es lag eine Tragik darin, denn er war der Ehemann von Susan Betty Rhodan-Abro, der Tochter zweier Unsterblicher. Was hätte nähergelegen, als das Gerät ihr zu verleihen? Susan Rhodan war seit Jahren eine feste Größe im wirtschaftspolitischen Bereich. Mit zwanzig Jahren hatte sie die Leitung eines galaxisweit tätigen Bankenkartells übernommen und sich als Wunderkind vom Range eines Homer Gershwin Adams erwiesen. Plophos war möglicherweise noch reicher als Terra. Woher ein Großteil des Reichtums kam, und wohin die Profite wiederum abflossen, war lange ein Rätsel, bis die Verbindungen zu den Freihändlern von Olymp aufgedeckt wurden und darüber hinaus das Geheimnis um die Identität des geckenhaften Königs der Freihändler aufgeklärt wurde: es handelte sich um Michael Rhodan, Susans Zwillingsbruder, der in jungen Jahren so erfolgreich untertauchte, das selbst Solare Abwehr und USO ihn nicht aufspüren konnten.

Die Familie Rhodan hatte eine Menge Geheimnisse. Aber sie prägte die Milchstraße mit ihren moralischen Werten, zwangen selbst den Feinden der Menschheit letztlich Frieden und Freiheit auf und schafften es in der Regel sogar, sie zu Freunden zu bekehren. Eine Susan Rhodan hatte mit dreißig auf ihrem Gebiet nicht weniger erreicht als ihr Vater in geringfügig höherem Alter. Über ihren Bruder hatte sie Zugriff auf die größte nicht-militärische Flotte der Galaxis. Mittels ihres Gatten wiederum verschaffte sie sich Zugang zu den neuesten Technologien. Sie agierte wie ein alter Hase auf dem interstellaren Parkett und war gefürchtet und geachtet gleichermaßen; und nicht etwa deshalb, weil sie die Tochter ihrer Eltern war.

Sie hätte den Zellaktivator verdient. Genies wuchsen auf Bäumen, dachte Waringer manchmal. Man konnte sie entdecken, fördern, weiterentwickeln, zur höchsten Leistung antreiben – es würde immer wieder Männer wie Arno Kalup, Tyll Leyden und ihn, Geoffry Abel Waringer, geben. Aber Persönlichkeiten wie Susan Rhodan waren ein unwahrscheinlicher Glücksfall; eine Chance von weniger als eins zu einer Billion pro Generation.

Möglicherweise, schränkte er nüchtern ein, war er aber nicht völlig objektiv. Immerhin liebte er diese Frau.

Es bestand die – sehr geringe – Möglichkeit, dass ein Kind zweier ZA-Träger eine modifizierte Erbsubstanz erhielt und deutlich langsamer alterte. Einige ZA-Träger hatten Kinder mit sterblichen Normalterranern gezeugt, und deren Lebenserwartung war in der Regel deutlich über der jeweils gültigen Norm gewesen. Auch die Nachkommen der zahllosen Zellduschen-Empfänger konnten auf beneidenswert hohe Lebenserwartungen zurückblicken. Selbst die älteren unter ihnen, die im 21. Jahrhundert geboren wurden, hatten viele ihrer Eltern überlebt, als das große Sterben im vorigen Jahrhundert begann. Selbst die Nachfahren in zweiter, dritter und vierter Generation hatten eine messbar höhere Lebenserwartung. Einen Zellgeduschten unter den Urgroßeltern zu haben, schenkte einem mehrere zusätzliche Jahrzehnte. Angesichts der hohen Anzahl solcher Nachkommen – die mit jeder Generation weiter wuchs – konnte man bereits jetzt absehen, das in tausend Jahren die mittlere Lebenserwartung der ganzen Menschheit um ein Jahrhundert höher sein mochte als derzeit. Und es trat bereits jetzt das Phänomen auf, das die Leute nicht einfach länger lebten und dabei nur älter wurden: die Alterung schien über viele Jahrzehnte langsamer zu verlaufen und das Eintreten des Alters an sich – der beginnenden Vergreisung, gegen die selbst moderne Medotechnik kaum etwas ausrichten konnte – viel später erfolgte.

Nun, Susan war als Kind zweier relativ Unsterblicher somit doppelt bevorteilt. Vielleicht hatte sie die Unsterblichkeit quasi geerbt? Möglicherweise konnten Perry Rhodan und Mory Abro der Zukunft ihrer Tochter beruhigt entgegenblicken, weil sie Jahrhunderte dauern mochte. Der Schwiegersohn dagegen war ein gewöhnlicher Sterblicher – glücklicherweise aber auch ein bedeutender Wissenschaftler. Vielleicht, dachte Waringer, hatten seine Schwiegereltern selbst nicht ganz objektiv geurteilt, als man ihm den ZA antrug?

Susan war erst 33 Jahre alt. Man konnte jetzt unmöglich abschätzen, wie ihr Alterungsprozess tatsächlich verlaufen würde. Erst in einigen Jahrzehnten war abzuschätzen, ob sie mit hundert oder dreihundert Jahren sterben würde oder möglicherweise noch länger lebte.

Was jedoch sicher war, machte Waringer sehr zu schaffen: sie würde irgendwann sterben, und er würde sie überleben. Mochte sie auch tausend Jahre alt werden – durch die ZA-modifizierten Gene oder ein medotechnisches Wunder – so würde sie doch irgendwann alt werden und an Altersschwäche sterben. Und zu diesem Zeitpunkt würde er, Geoffry Abel Waringer, ein körperlich 33jähriger Unsterblicher sein und dies noch Jahrtausende länger bleiben.

Es verging kaum ein Tag, an dem er darüber nicht nachdenken musste. Er war kein besonders gut geschulter Menschenkenner und hatte bereits Mühe, sein eigenes Seelenleben zu erfassen, aber er wusste, das er daran eines Tages zerbrechen würde. Es war unvermeidlich.

Er fragte sich, ob es den anderen ZA-Trägern ebenso ging. So schnell, nach wenigen Jahren schon? Er bezweifelte es. Er würde sich nichts anmerken lassen und sprach selbst mit Susan nicht darüber. Es war unmöglich, dass sie nicht die gleichen Überlegungen und dieselben Schlüsse angestellt hatte.

„Abel?“ fragte jemand leise.

Es war Bysiphere. Waringer kannte niemanden sonst, der den ungeliebten zweiten Vornamen verwendete; es blieb dem Studienkollegen und Freund aus Jugendtagen vorbehalten. Manchmal, wenn er den neuen, hyperbiologisch in M 87 verjüngten Armond sah, konnte er sich kaum noch an den kleinen, schmächtigen Assistenten aus den Zeiten erinnern, in denen sie auf Hellgate am Halbraumspürer und später dem FpF-Gerät tüftelten.

„Kalup meldet Klarschiff zum Experiment. Minus sechzig Sekunden. Alles in Ordnung?“

„Bedenken wegen den Eingriffen in die Natur des Universum - wie üblich, wenn ich an seinen Grundfesten rüttele und Fehler bemerke, wo ich Perfektion vorausgesetzt habe. Sollte jemand diesen Kosmos generiert haben, würde ich ihn gerne bei der nächsten Version beraten.“ Waringer atmete tief durch. Weniger als eine Minute, bis es losging. „Status an Bord der TESLA?“ fragte er laut.

„Alle Testmaschinen angelaufen. Rohe Paratronenergie wird erzeugt und zwischengespeichert. Dimetransformatoren springen an. Keine Belastungsspitzen. Keine Interferenzen. Keine Emissionen außerhalb der erwarteten Norm.“

„Notbesatzung in Kommandozentrale unter Verschluss. Vollständige Hüllen- und Strukturintegrität gewahrt. Kristallfeldintensivierung gegen Desintegrationserscheinungen bei zweihundertfünfzig Prozent über allgemeinem Höchstwert. Spittocks neunzig Prozent gegen Hypergravitationserscheinungen. Maximale Semimanifestation ohne Transitionsbeginn. Sechspunkt-Raumverankerung vollständig aktiviert.“

„Alle Messwerte stabil und konstant. Update-Frequenz durch NICOLA bei siebzig pro Sekunde. Wir bekommen zweihundert Terabytes Input pro Sekunde herein. Vierfach redundante Speicherung an Bord, sechsfach ausgelagerte Sekundärspeicherung auf Hilfsschiffen. CREST V und IMPERATOR bekommen zeitverzögerte Kopien.“

„Zeitverzögert?“ erkundigte sich Waringer stirnrunzelnd. „Wo hängt es denn?“

„Wir haben einfach keine Haupt-Hyperkomleitung mehr frei und transferieren durch Beiboot-Geräte mit geringerer Datendichte.“

„Okay.“ Mehr brauchte Waringer nicht zu sagen. Wenn alle zehn Hypersendestationen im Vollastbetrieb liefen, mussten der Großadministrator und der Lordadmiral halt mit einer halben Sekunde Verzögerung leben müssen...

„Minus zehn Sekunden. Primäre Generierung beginnt. Paratronkonverter in Vorwärmphase. Zehn hoch zwölf Joule pro Sekunde werden hochtransformiert in UHF-Hyperenergie; steigende Rate. Sieht gut aus, Leute...“

„Zustromquote zu Dimetrans?“ erkundigte sich Waringer, obwohl er in einiger Entfernung die entsprechenden grafischen Abbildungen mit Zahlenwerten erkennen konnte.

„Achtzig Prozent. Achtung, sechsdimensionale Librationszone wird errichtet! Durchbruch zu übergeordnetem Kontinuum erzeugt, wiederhole...“

Waringer warf zum ersten Mal während des Experimentes einen Blick über die Köpfe und Schultern seines Teams hinweg und sah auf die Panoramabildschirmgalerie. Es schien unglaublich, aber praktisch niemand hatte der normaloptischen Darstellung der TESLA auch nur ein Auge gewidmet: jeder konzentrierte sich auf die Messwerte, Datenströme, Analysen und Protokolle. Seit ein paar Sekunden generierte das erste terranische Raumschiff reine, unverfälschte Paratronenergie, bereit sie zu einem Energieschirm aufzuspannen oder einen intergalaktischen Sprung zu unternehmen – aber niemand gönnte dem Schiff selbst einen Blick.

„Armond? Warum steht Hangar Nummer zwei offen?“ fragte er.

Bysiphere hatte sich so tief über eine Konsole gebeugt, das er einen Hexenbuckel zu bekommen schien. Nun richtete er sich so abrupt auf, dass er einen hinter ihm vorbeigehenden Unteroffizier anrempelte. „Was?“ Er folgte Waringers Fingerzeig. „Nun... Keine Ahnung. Vielleicht, um den Notstart der Korvette zu ermöglichen, die für die Evakuierung in Bereitschaft gehalten wird.“

„Und wo“, fragte Waringer. „Ist die Korvette? Der Hangar ist leer.“

Jemand trat neben ihn. Im ersten Moment wollte er denjenigen fragen, warum er seine Station verlassen hatte, als er seinen Schwiegervater erkannte. Die beiden schönsten Frauen des Universums – so erschienen sie Waringer immer wieder – begleiteten ihn. Susan drückte ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange.

„Schwierigkeiten?“ erkundigte sich Rhodan. Er betrachtete die TESLA und erfasste in einem Sekundenbruchteil die Lage. Er winkelte den Arm an und aktivierte mit einer Mentalschaltung bereits die Vorrang-Hyperkomleitung des Armbandgerätes zur CREST V. „Anfrage: Verbleib Korvette Zwo von TESLA. Orten und überprüfen!“

„Sir?“ wandte sich jemand an die familiäre Gruppe. „NTK-2 ist auf Annäherungskurs und ersucht um Landeerlaubnis. Es scheint technische Probleme zu geben, aber die Kommandantin meldet sich nicht auf die letzten Anfragen.“

„Sind die Triebwerke aktiv? Schutzschirme, Geschütze? Können Sie einen Schaden erkennen?“ bellte Rhodan die Fragen hinaus.

Sein Gegenüber war im Begriff, zu antworten, als die Bildschirme in einem gleißenden Explosionsblitz verschwammen. Mit geringer Verzögerung blendeten die Filter ab, dennoch tanzten allen Sterne und bunte Muster vor den Augen. Flüche und Schreckenslaute wurden ausgestoßen.

„Was zum Teufel...“ stöhnte Waringer. Er drückte auf die Taste, die eine Standleitung zur TESLA freigab. „Kalup, was ist passiert? Kalup, melden Sie sich doch!“

„Verbindung zum Experimentalschiff abgebrochen“, meldete sich der Kommandant der SUPER-DINO aus seiner eigenen Schiffszentrale. „Wir haben keine funktionierende Ortung mehr. Die Korvette ist explodiert, als sie noch zweihunderttausend Kilometer entfernt war. Intensiver Hyperemissionsschock!“

„Optische Erfassung?“ fragte Rhodan.

„Ich muss den Tender umdrehen. Alle Kameras waren auf die TESLA gerichtet und wurden zerstört oder geblendet.“

„CREST V an Chef“, quäkte das Armbandgerät Rhodans. „TESLA hat Position verlassen und beschleunigt. Kein Funkkontakt. Der Paratronschirm wurde aktiviert! Außerdem gibt es Hinweise darauf, das die Sprungfeldgeneratoren des Dimetransaggregates geladen werden.“

Rhodans Augen weiteten sich. In diesem Moment hatte die SUPER-DINO bereits ihre Lage soweit geändert, das erste intakte Optiken die Experimentalposition erfassten. Eine glühende Trümmerwolke breitete sich zwischen dem Tender und dem Mittelpunkt der von Raumschiffen gebildeten Kugelschale aus. Bizarre Filamente aus farbveränderlichen Energien tanzten in Spiralen um das Explosionszentrum herum.

„Eine Gravitationsbombe“, sagte jemand hinter der Gruppe.

Rhodan fuhr wie von der Tarantel gestochen herum. Atlan stand zwischen zwei altbekannten Gestalten dort, schien gerade wie aus dem Nichts aufgetaucht zu sein. Was er tatsächlich war: seine Begleiter waren die Mutantenzwillinge Rakal und Tronar Woolver.

„Die gehören doch noch zur Ausstattung deiner Schiffe, oder?“

„In geringen Stückzahlen. Ich habe was gegen Waffen, mit denen man ein komplettes Planetensystem destabilisieren kann. Auf keinen Fall kann eine Gravitationsbombe an Bord der TESLA gewesen sein!“ erwiderte Rhodan. „Nur schwere Kampfeinheiten verfügen über einen kleinen Vorrat für Notfälle...“

„Die Hondristen haben gute Verbindungen“, unterbrach Mory Abro ihn. „Wir wussten, dass sie etwas vorhaben, aber das sie so weit gehen...“

„Wir müssen die TESLA abfangen“, sagte Rhodan. „Verfolgung aufnehmen!“ sprach er ins Armbandgerät. „Schüsse vor den Bug. Kontrafeldstrahler einsetzen, aber das Schiff muss intakt bleiben! Kalup ist an Bord, er muss überleben. Verlegt dem Schiff mit einzelnen Transformbomben den Fluchtweg. Sollte der Paratronschirm ausfallen, Impulskanonen und Traktorstrahler einsetzen!“

„TESLA aktiviert eindeutig den Dimetransantrieb, Sir“, lautete die Antwort.

Rhodan wechselte einen blitzschnellen Blick mit den anderen. Dann deutete er auf die Mutanten und auf Waringer und sich selbst. „Los!“

Die Woolver-Zwillinge warteten keine Bestätigung durch ihren eigenen Chef, den Lordadmiral der USO, ab, sondern packten die beiden anderen ohne viel Federlesens an den Armen.

Waringer blieb nicht einmal Zeit, Luft zu holen, als er sich bereits auflöste.



6

Als Arno Kalup das Bewusstsein wieder erlangte, war er gefesselt und in einem Ausrüstungsschrank gesperrt. Er hatte für eine ganze Weile keine Ahnung, was geschehen war, bis er sich undeutlich an die merkwürdigen Ereignisse erinnerte, als der Countdown bei minus drei Minuten angelangt war.

Die Hangartore hatten sich geöffnet. Die sechzig Meter große Korvette NTK-2, allgemein nur Beiboot Nummer Zwo genannt, schob sich mit Antigravantrieb heraus und entfernte sich geradezu gemächlich mit der geringen Beschleunigung, die dieser Antrieb nur gestattete. Kalup hatte den anwesenden Kommandanten Baretus Kasom sofort angefahren, was der Blödsinn denn solle, doch der war selbst völlig überrascht. Da sich nur noch ein gutes Dutzend Leute an Bord des Schiffes aufhielten, konnte er niemanden losschicken, um sich zu erkundigen, nachdem die Korvette auf keinen Anruf reagierte.

Das erwies sich ohnehin als unnötig. Durch das Panzerschott zur Wachstube rollte ein fußballgroßer Gegenstand herein, den Kalup unverständig für einige Sekunden anblickte. Dann wollte er fragen, was das nun wieder war – als das Ding mit einem trockenen Knall zerplatzte und er das Bewusstsein verlor.

Eine Narkosestrahlungsbombe. Zweifellos. Jemand hatte die Zentrale – den einzigen Ort, an dem die gesamte noch anwesende Mannschaft versammelt war – mit einer simplen elektromagnetischen Nervenwaffe ausgeschaltet. Kalup erinnerte sich vage, das er selbst angeordnet hatte, selbst das oxtornische Wachkommando vorsorglich von Bord zu schicken. Das musste wohl ein Fehler gewesen sein. Er stöhnte über seine eigene Dummheit und begann sich herumzuwälzen in der Hoffnung, die Fesseln zu lockern.

Arno Kalup war ein fettleibiger Mann. Böse Zungen behaupteten, er habe seine Zehen seit dreihundert Jahren nicht mehr gesehen. Er hätte selbst dank der modernen Medotechnik sicher erhebliche gesundheitliche Probleme gehabt, wenn das Schicksal ihm keinen Zellaktivator zugespielt hätte. Wie jeder der 20 relativ Unsterblichen trug er das eiförmige Geschenk des Geistwesens ES an einer unzerreißbaren Kette um den Hals, der in seinem Fall einige Größen weiter ausfiel. Das Gerät baumelte bei anderen über der Herzgrube, bei ihm jedoch bereits knapp unter der Kehle. Es schlug bei jeder Bewegung gegen das Brustbein. Bei jedem Schluck, den er tat, kollidierte der Kehlkopf mit dem Zellaktivator. Kaum jemandem sonst war der ZA ununterbrochen in Erinnerung als Kalup.

Daher erstarrte er für eine ganze Weile vor Entsetzen, als ihm sein Fehlen auffiel. Er hätte niemals geglaubt, dass er es nicht sofort bemerkte, wenn ihm das lebensspendende Wunderding abhandenkam. Aber es war weg.

Zweiundsechzig Stunden. Ihm blieben nur noch zweieinhalb Tage, wenn er das Gerät nicht zurückerhielt. Dann würde sein Leben enden.

Nicht genug, dass jemand die Krönung seines Lebenswerkes vermasselte – er brachte ihn auch noch dabei um.



7

Die Schrecksekunde der Flottille bemaß sich in beinahe einer ganzen Minute. Thora MacDougal war weit davon entfernt, Triumph zu verspüren. Sie hatte zwölf Personen ausgeschaltet und eine unverhoffte Beute erhalten, die sie in der Innentasche spürte. Sie wagte kaum daran zu denken, was dieser Bonus bedeutete – ewiges Leben! Sie stahl die Paratrontechnik, was an sich schon eine Heldentat für die nächsten Jahrtausende bedeutete – aber die kommende Epoche selbst miterleben zu können; sie mitgestalten zu dürfen.

Vielleicht sogar zu herrschen.

Sie verdrängte die Zukunftsvisionen, die gar zu verlockend waren. Einem Zellaktivatorträger ohne Machtbasis, dem kein Sicherheitsappparat oder zumindest ein beträchtliches Vermögen zur Verfügung stand, war keine lange Lebenserwartung vergönnt. Ein Strahlerschuss aus großer Distanz oder ein Messer in der Nacht; ein geschickter Dieb oder ein Vertrauter, der einen verriet... Es war so einfach. Sie hatte es selbst gerade getan; einfach, schnell, ungeplant und unerwartet. Wie einfach es war, als Unsterblicher zu sterben...

Kalup musste sterben; natürlich. Allein der Umstand, dass er dem Solaren Imperium zur Paratrontechnik verhalf, machte ihn zu einem Feind ersten Ranges. Der Vorsprung des Imperiums musste gebrochen werden, also durfte Kalup keine Chance bekommen, seine Forschungen zu wiederholen. Er würde nicht freiwillig darauf verzichten, und ihn irgendwo zu internieren – als Gefangener oder Geisel – war zu riskant. Mutanten würden ihn aufspüren und befreien.

Er musste sterben. Man musste ihn noch nicht einmal umbringen. Sie hatte seinen Zellaktivator an sich genommen. Alles andere geschah von selbst.

Sie war eine gute Pilotin. Die TESLA war für den Einhandbetrieb ausgerüstet worden und ließ sich selbst in mehrere Linearetappen steuern, ohne eine zweite Person zur Hilfe zu benötigen. Doch sie wusste, dass man die TESLA gnadenlos bis ans Ende der Galaxis verfolgen würde. Die Ultraschlachtschiffe nahmen bereits Fahrt auf; Energiestrahlen zuckten weit vor der TESLA durch den Raum und kreuzten sich. Warnschüsse der harmloseren Art.

Zwei, drei Transformbomben detonierten querab. Ihre zerstörerischen Druckwellen breiteten sich nahezu lichtschnell im Vakuum des Weltraums aus, verschmolzen zu einer glühenden Wand, in die das Experimentalschiff hineinjagte. Die konventionellen HÜ-Schirme hätten nun bereits zu versagen gedroht, aber der rötlich glühende Paratronschirm flackerte nicht einmal.

Weitere Bomben explodierten, dann griffen Strahlenfächer von CREST V und IMPERATOR nach dem fliehenden Raumschiff. Plötzlich riss der Paratronschirm auf!

„Kontrafeldstrahler“, stieß die Plophoserin zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Sie lenkte die TESLA in Ausweichmanöver und entging einem weiteren Angriff mit der lemurischen Geheimwaffe. Wieder tasteten sich mächtige Impulsstrahlen an den Kreuzer heran und streiften den Paratronschirm, der sich jedoch wieder geschlossen hatte.

„Zu spät!“ rief sie aus.

„Genau“, bestätigte jemand. Sie wirbelte herum und blickte in graue Augen. Eine kleine Narbe unter dem linken Nasenflügel...

„Rhodan“, brachte sie hervor. Sie sprang auf, ging sofort zum Angriff über, wurde jedoch von zwei Männern überwältigt, die katzengleich heranschossen und sie wenig zimperlich zu Boden zwangen. Der Aufprall raubte ihr das Bewusstsein.

„Geoffry – übernimm die Kontrolle des Paratrons!“ Rhodan stieg achtlos über die Verräterin hinweg und warf sich in den Pilotensessel. Mit wenigen Blicken hatte er die Station des ertrusischen Kommandanten erfasst, begann zu schalten. Etwas stimmte nicht...

Waringer stand vor der wie ein brennender Christbaum flammenden Kontrolltafel. Fast alle Warnanzeigen flackerten rot. Er brauchte nicht lange, um zu begreifen, das er praktisch gar nichts machen konnte: die ganze Experimentaltechnik war völlig außer Kontrolle geraten.

„Der Konverter läuft mit Überlast. Das Dimetranstriebwerk lädt auf. Es gibt Wechselwirkungen zwischen den Aggregaten, die ich nicht verstehe... Als hätte jemand Überbrückungen geschaltet. Der Sprungantrieb wird uns aus dem Standardraum reißen!“

„Verhindere das“, knurrte Rhodan. „Ich schalte die Zusatzkraftstationen ab. Vielleicht geht dieser Höllenmaschine die Puste aus, wenn sie keinen Arbeitsstrom erhält.“

„Zwecklos“, beschied Waringer. Er begann manuelle Notausschalter umzulegen, wich Entladungsblitzen aus und ignorierte die Schmerzen, als sich etwas durch seinen Schutzanzug brannte.

Die Woolver-Zwillinge wechselten wortlos einen Blick. Rakal durchsuchte die Plophoserin gründlich und fand den Zellaktivator, während Tronar sich auf die Suche nach den Besatzungsmitgliedern und Kalup machte. MacDougal wurde in einen Sessel hineingefesselt und allein gelassen, als sich Rakal seinem Bruder anschloss.

Die beiden standen in einer empathischen Verbindung, die ihnen eine Funkausrüstung ersparte. Sie verstanden nicht viel von den Technikexperimenten der TESLA, hatten aber schon bei ihrem Eintreffen gespürt, das hier einiges schiefgelaufen war.

Beide waren Wellensprinter. Sie konnten ihre Körpersubstanz zu einer Energieform transformieren und jede denkbare normal- und hyperenergetische Welle als Transportmedium nutzen. Sie ritten auf Radarstrahlen, Laser und Gammablitzen, über Hyperkomsignale, Tasterimpulse oder sogar die Emissionen von Strahlwaffen. Man konnte die beiden vermutlich nur mit einem Knüppel töten: bei allem, was irgendeine Form von Energie benutzte, hätten sie nur müde gelächelt. Sie konnten sogar Schutzschirme durchdringen.

Das hieß, dass sie empfindlich für jede Form von Emissionen und Strahlungen waren. Mikrowellen kribbelten, Röntgenstrahlung stach nadelartig. Von der Streustrahlung eines HÜ-Schirms wurde ihnen übel. Paratronschirme waren wie ein Keulenhieb. Die Emissionen von Transitionsgeräten verursachte Kopfschmerzen.

Das Dimetransaggregat der TESLA lief auf vollen Touren und speicherte immer mehr Energie. Die Woolvers fühlten sie wie körperlichen Schmerz. Je länger sie an Bord blieben, desto intensiver wurde der Eindruck, von Tumoren zerfressen zu werden. Dass sie ihre Eindrücke und Schmerzen teilten, machte es nicht leichter: Geteiltes Leid war in diesem Fall doppeltes Leid.

Sie waren die ersten, die Opfer der Katastrophe wurden.



8

Bysiphere hatte übergangslos das Kommando in der Versuchs-Zentrale. Etwa zweihundert Spezialisten blickten ihn ratlos und erwartungsvoll an, als die vier Männer in leuchtenden Energiespiralen verschwanden. Auf den Bildschirmen, die allmählich wieder Daten und Bilder anzeigten, war die flüchtende TESLA zu erkennen. Sie war in eine intensive, rötliche und bläuliche Aureole gehüllte.

„Ich möchte in zehn Sekunden wissen, was dort geschieht!“ donnerte Lordadmiral Atlan. Er schob Bysiphere beiseite und nahm wie selbstverständlich die Position des Experimentalleiters ein. „Doktor, eine Erklärung?“

Bysiphere leckte sich die Lippen und dachte fieberhaft nach. „Es muss zu Fehlfunktionen gekommen sein. Es ist gar nicht anders zu erwarten gewesen; deshalb war der Senator an Bord. Er hätte die Kontrolle behalten sollen. Wenn jemand die TESLA aber gekapert hat, fiel die Kontrolle natürlich aus.“

„Soweit ist es mir auch schon klar. Was geschieht dort hyperphysikalisch gesehen?“

„Die TESLA wird durch Semimanifestation stabilisiert. Es wäre möglich, dass es zu einer Wechselwirkung mit den Dimetransenergien kommt. Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, dass eine erfolgreiche Transition stattfindet. Kein erfolgreiche jedenfalls...“

„Könnte die TESLA in den Hyperraum gerissen werden?“

„Darüber hinaus. Zwischen fünfdimensionalem Hyperraum und dem sechsdimensionalen Pararaum existiert eine variable Librationszone, dem Linearraum vergleichbar. Wir haben noch nicht einmal eine Bezeichnung dafür. Der Dimetranssprung erfolgt durch sie hindurch, wobei definitionsgemäß der universale Kontext aufgegeben wird...“

„Wir haben bereits Dimetransflüge mitgemacht; ich kenne das Prinzip. Ein ungerichteter Sprung könnte nahezu überall enden – in irgendeinem von unendlich vielen Universen. Wie verhindern wir das?“

„Hm? Gar nicht. Wie denn?“ fragte Bysiphere verständnislos. Er deutete auf das vom Strahlen der überschlagenden Paratronenergien inzwischen völlig verdeckten Raumschiff. „Die Paratronenergie macht es uns unmöglich, zur TESLA Kontakt aufzunehmen. Es bilden sich Strukturrisse im umliegenden Kontinuum. Es kann nicht länger als eine Minute dauern, bis der Absprung in die Paralibrationszone erfolgt. Und vermutlich endet er auch genau dort. Die TESLA ist noch lange nicht soweit, einen Sprung zu absolvieren; sämtliche Abschirmungen fehlen noch...“

„Totalverlust?“ fragte Mory Abro. „Das ist inakzeptabel!“

„Ma’am, es tut mir leid, aber...“

„Ich bin keine Ma’am“, fuhr sie den Wissenschaftler an. „Ich bin als Obmann von Plophos in Abwesenheit oder Verhinderung des Großadministrators die amtierende Regierungschefin des Imperiums. Sie finden eine Lösung des Problems, oder Ihre Karriere endet in einer Minute mit lebenslangem Putzdienst der Bordtoiletten!“ Sie stieß ihm einen Zeigefinger gegen die Brust. „Ist das klar?“ Dann wandte sie sich Atlan zu. „Ihr Posten ist auf der IMPERATOR, wenn ich mich nicht irre. Kann ich auf Sie zählen bei der Rettungsoperation?“

„Natürlich“, antwortete Atlan überrascht.

„Neutralisieren Sie die Paratronenergie mit den Kontrafeldstrahlern. Setzen Sie die restlichen FpF-Geräte ein; vielleicht nutzt es ja etwas. Bringen Sie ein kleines Schiff zur TESLA und holen Sie die Überlebenden heraus.“

„Ja, Ma’am“, sagte Atlan. Dann setzte er sich mit seinem riesigen Flaggschiff in Verbindung.

„Bringen Sie diesen verdammten Tender endlich in Fahrt!“ wandte sich Mory Abro über Telekom an den Kommandanten.



9

Die Paratronenergien entluden sich in Überschlagsblitzen in den umgebenden Weltraum. Glühende, trichterförmige Schlünde bildeten sich spontan im Kontinuum, fraßen sich rotierend und expandierend über Lichtsekunden und –Minuten hinweg durchs All und vernichteten zwei Superschlachtschiffe, die zu nahe an die TESLA aufgeschlossen hatten. Die Flottille, angeführt von der CREST V und der IMPERATOR, verzögerten und gingen auf Ausweichkurse, hatten jedoch mit weiteren Strukturrissen zu kämpfen. Ihre Schutzschirme flackerten bedrohlich unter dem Anbranden von Schockwellen, Partikelschauern und Strahlungsspitzen.

Die TESLA steckte, inzwischen antriebslos mit einem Viertel der Lichtgeschwindigkeit dahintreibend, in einem Chaos aus aufgewühlter Raumzeit, unvorhersehbaren Hyperraumdurchbrüchen und den Einflüssen stabilisierender Semimanifestation und destabilisierenden Dimetrans-Kräften fest. Das unkontrolliert ausbrechende und zurückschlagende Paratron-Energiefeld war das einzige, was den Kreuzer davon abhielt, von den selbst ausgelösten Zerstörungskräften aufgerieben und in ein höheres Kontinuum verweht zu werden.

Die widerstreitenden Einflüsse erzeugten ein energetisches Chaos, dem sich niemand nähern konnte. Das von der IMPERATOR ausgeschleuste Rettungskommando näherte sich in mehreren gepanzerten Spezial-Space Jets bis auf einige Millionen Kilometer, ehe eine von einem Ausläufer einer irisierenden Hyperspirale getroffen wurde und sich zu einem bizarr bunten Feuerball ausdehnte, der plötzlich implodierte und einen weiteren Strukturriss im Universum hinterließ. Ein neuer Tryortan-Aufriss bildete sich dort, wuchs und zerfraß die konventionelle Raumzeit. Die übrigen Schiffe gingen auf Distanz; zu weit entfernt, um der TESLA irgendwie helfen zu können.

Die SUPER-DINO holte behäbig zur Flottille auf, flog an der von der CREST V gebildeten Gruppe der Ultraschlachtschiffe vorbei und brachte sich weiter voraus seitlich zur TESLA in Position. Der Abstand war vorerst sicher genug gewählt, aber die zerstörerischen Kräfte des durchgehenden Paratrontechnik-Verbundes griffen immer weiter um sich.

Die TESLA begann zu flackern. Die Semimanifestation verankerte sie am Rande des vierdimensionalen Kontinuums, machte sie halbwegs unangreifbar für normale Einflüsse wie Beharrungskräfte oder Gravitationswellen. Hyperstrahlung jedoch durchbrach diese Schutzschicht. Fünfdimensional unterstützte Impulsstrahlen konnten gleichfalls durchschlagen, hätten jedoch kaum etwas anderes als einen unkontrollierbaren Energieausbruch verursacht.

Den Beharrungsabsorbern entgegen arbeiteten die vom Dimetranstriebwerk umgeformten Energien. Recht bald wurde den Beobachtern auf den umliegenden Schiffen deutlich, dass die Besatzung der TESLA oder zumindest Rhodan und Waringer die drohende Katastrophe noch zu bekämpfen versuchten, indem sie die Linearkonverter anlaufen ließen und die Prozesse, die das Schiff in den Pararaum zu reißen drohten, mit deren Wirkung zu neutralisieren versuchten. Das jedoch glich dem Unterfangen, Gammastrahlung mit einem Taschenlampenstrahl entgegenzuwirken.

Waringer veränderte in weniger als einer Minute die Einstellungen der HÜ-Schirmprojektoren und jagte den größten Teil der Reaktorleistung der TESLA als brutalen Strahlenschauer aus Hyperwellenfronten in die sich ansammelnde Ballung aus Paratronenergie. Es hatte kaum einen nennenswerten Effekt, schien aber die Auflösung für kurze Zeit zu verzögern. Dann detonierten mehrere Generatoren unter der Überlastung: drei gewaltige Explosionen rissen tiefe Krater in die Kugeloberfläche bis hinein in die sekundäre, tiefergelegene Panzerschale.

Jemand, vermutlich Rhodan, feuerte die Transformkanone ohne Munition ab. Das Rematerialisationsfeld war in den eigenen Paratronschirm projiziert worden, wechselwirkte mit den Feldlinien und schlug vorübergehend eine klaffende, rote Wunde ins Universum; einen Zugang unmittelbar zum Pararaum.

Die TESLA legte sich krängend auf die Seite, rollte regelrecht über den Ringwulst und begann in die trichterförmige Vertiefung der Raumzeit abzugleiten. Sie wurde transparent – nahezu maximale Semimanifestation; das Schiff gehörte jetzt fast vollständig dem Hyperkontinuum an und hätte unter gewöhnlicheren Bedingungen nur noch einen kleinen Impuls benötigt, um zur Transition zu entmaterialisieren und einen ungerichteten, zufälligen Hypersprung durchzuführen – und begann sich scheinbar unter den übergeordneten Kräften zu verzerren. Rumpfteile brachen unter ungeheuren Belastungen ab, wirbelten in den Schlund hinein und vergingen spurlos im sechsdimensionalen Überraum.

Sekundenlang kämpfte die TESLA mit allen hyperphysikalischen Tricks um ihre Stabilität. Es war ein Wunder, das noch ein empfindungsfähiges Lebewesen an Bord fähig schien, unter den Bedingungen überlegt zu handeln. Ein permanenter Entzerrungsschmerz hätte selbst den abgehärtetsten Raumfahrer längst um Verstand und Besinnung bringen müssen. Möglicherweise jedoch hatte längst NICOLA, der Posbikommandant, die Kontrolle übernommen oder unterstützte zumindest die Bemühungen der ums Überleben kämpfenden Menschen.

Die Impulsmaschinen erwachten stotternd zum Leben. Korpuskelströme brandeten kreuz und quer von der TESLA fort, wurden unter unbegreiflichen Bedingungen zu Strahlenschauern, Kontinuumsrissen und merkwürdigen Energieeffekten transformiert oder verschwanden einfach im Nichts, wo sie auf den Schlund trafen. Dennoch wirkte die Beschleunigungskraft, trieb die TESLA davon und hinein in einen weiteren Hexenkessel entfesselter Paratronenergie.

Bysiphere beobachtete, analysierte und überlegte fieberhaft. Er war ratlos, verstand vieles von dem, was er erfassen konnte, nicht und nichts von dem, was er nur erraten mochte. Einiges jedoch deutete darauf hin, dass jemand die Kontrolle über die Paratron-Versuchsanlage zu gewinnen versuchte, um das Schiff zu einem Dimetrans-Sprung zu zwingen. Das jedoch war allein aus rein technischen Gründen eigentlich unmöglich: nötige Energieverbindungen und Steuersysteme existierten noch gar nicht. Das Dimetrans-Gerät konnte rohe Paratronenergie aufnehmen und transformieren, jedoch nicht zielgerichtet abgeben. Man hatte darauf verzichtet, diese Verbindungen zu schaffen, um genau jene Fehlentwicklung des Experimentes zu unterbinden, die nun eintrat: eine unkontrollierte Sprungsequenz.

Nun, eben keine unkontrollierte. Bysiphere war sich nahezu sicher, das sich jemand in das Experiment eingemischt hatte, mit dem bislang niemand gerechnet hatte. Die Versuchsanlagen bestanden fast ausschließlich aus Uleb-Trümmern – konnte es sein, das...?

Konnte es eine Sicherheitsschaltung geben inmitten der schwer verständlichen Technik? Hatten die unterlegenen Uleb ihren Siegern ein Kuckucksei gelegt oder, viel allgemeiner gesprochen, vorgesorgt für den Fall, dass ihre Supertechnik in feindliche Hände fiel und gegen sie gerichtet werden sollte? War irgendwo in den Tausenden Einzelteilen des Konverters oder der Transformatoren eine bösartige Falle versteckt gewesen? Sie hätte als Bestandteil der Anlagen integriert werden können; so gut getarnt, dass selbst Genies wie Kalup und Waringer ihren Zweck nicht erkannten.

Eine Zwangsschaltung, die das Versuchsschiff in den Pararaum riss? Vielleicht sogar eine zielgerichtete Transition irgendwo ins Universum herbeiführte? Es konnte in diesem Fall nur einen Ort geben, wo die TESLA landete – in M 87. Die Konstrukteure des Zentrums hatten eine monumentale Einfangvorrichtung installiert, die über eine Reichweite von mindestens vierzig Millionen Lichtjahren verfügte: sie hatte bereits früher Raumschiffe eingefangen, die unter vergleichbaren Bedingungen in den Pararaum geschleudert wurden. Das frühere Flaggschiff CREST IV hatte sich, von kollidierenden Paratronfeldern eines halutischen Raumschiffs und eines Dolans erwischt, dieser Situation gegenübergesehen. In M 87 angekommen, waren das terranische und das halutische Schiff beinahe zerstört worden, als Waffensysteme der KdZ die Dimetranstriebwerke der Haluter sofort anvisierten.

Die TESLA konnte dieser Situation nichts entgegensetzen: sie konnte ihre Aggregate nicht schnell ausstoßen und flüchten, während das Blaue Zentrumsleuchten die Geräte vernichtete. Aber zumindest wusste jetzt jeder, wo man nach dem Wrack und den Toten würde suchen müssen...

Doch die TESLA würde den Sprung kaum überstehen. Außerdem: Bestandteile der Versuchsanordnung stammten von den Halutern. Und von Anfang an war das Projekt so angelegt worden, das man der KdZ-Falle entgegenwirken konnte. Terranische Raumschiffe mit Dimetranstriebwerk sollten ungehindert extragalaktische Sprünge durchführen können. Derzeit benötigte ein Fernraumschiff zwei Monate für den Flug nach Andromeda. In Zukunft sollte es nur einen mehrminütigen Dimetransflug erfordern. Die Gefahr, stattdessen nach M 87 gesaugt zu werden, sollte von Anfang an mit Gegenmaßnahmen neutralisiert werden.

Natürlich hatte die TESLA die entsprechenden Gerätschaften noch nicht an Bord. Andererseits konnte man auch nicht mit Sicherheit sagen, ob ein zielgerichteter Sprungversuch nicht vielleicht doch erfolgreich verliefe – zwar würde die TESLA eventuell zerstört werden, aber zumindest ihr Wrack dort landen, wo auch immer die Uleb-Sicherheitsschaltung sie hinschickte. Die Magellanschen Wolken, das alte Reich der Uleb, wäre dann wohl das Ziel. Oder eine von ihnen vorbereitete Falle.

Die TESLA kämpfte mit sich selbst. Sie ruckte herum, steckte in Gravitationskräften fest, durchbrach regenbogenbunte Energiebarrieren und wurde von spontan sich bildenden Partikelschauern getroffen. Teile der unteren Rumpfschale lösten sich unter einem Transmitter-ähnlichen Effekt auf, der sich als schwarzes Brodeln durch die Decks fraß. Sekundenlang waren die enormen Projektoren der Prototypen-Waffe als sonnenheiß glühende Fackeln zu erkennen, dann schoss eine lichtsekundenlange Stichflamme aus der Montagebucht der Anlage heraus, fetzte durch die Reihe der vorgeschobenen Kreuzer und löschte die Existenz von mehreren tausend Menschen in einem Sekundenbruchteil aus. Eine heftige Schockwelle von Hypergravitationskräften erschütterte den gesamten Raumsektor, ließ sekundäre Aufbrüche der Raumzeit im Umkreis von Lichtstunden entstehen und in den meisten Fällen fast sofort wieder implodieren. Drei Ultraschlachtschiffe gerieten in die Ausläufer eines rapide entstehenden Strudels aus Hyperkräften und kämpften gegen die Sogwirkung der fünften Dimension an.

Wieder zerfetzten Explosionen die TESLA. Diesmal jedoch waren es gezielte Sprengungen. Experimentalschiffe waren mit speziellen Vorrichtungen ausgerüstet, darunter der Möglichkeit, ausgewählte Sektionen hinaussprengen zu können. In diesem Fall wurde knapp oberhalb des Ringwulstes ein Tunnel von mehr als hundert Metern Breite und zweihundert Metern Tiefe freigelegt. Sekundärsprengungen desintegrierten die Trümmer. Unter dem Chaos wurde die innerste Rumpfzelle sichtbar, eine mit SAC-Legierung beschichtete hundert Meter große Panzerkugel. Darin waren die Kommandozentrale und der Posbikommandant enthalten. Die zehn Meter starke Kugelwandung enthielt behelfsmäßige Antigravs, Wegwerfprojektoren für ein kurzfristig sehr starkes HÜ-Schirmfeld und ein Dutzend Impulstriebwerke.

Die Panzerkugel wurde durch kleinere Ladungen aus dem Zellenverbund herausgeschnitten. Als sie sich ruckartig aus dem Wrack der TESLA hinauskatapultierte, zog sie riesige Trümmerschleppen, ionisierte Gase und glutflüssige Terkonitspritzer hinter sich her. Das Energiefeld flammte auf, brannte letzte Teile der Halterungen weg und flackerte unvermittelt, als Paratronenergie aufschlug.

Eine mächtige Explosion riss den Rumpf der TESLA nahezu entzwei. Die gesamte Paratron-Versuchsanlage wurde dem nackten, zerstörerischen Weltraum ausgesetzt. Für Sekunden waren wabernde, spinnnetzartige Dinge zu sehen, die sich um die Generatoren und Projektoren herum wanden, offenbar tobende Energien kanalisierten und wahrscheinlich verantwortlich waren für die Katastrophe. Eine Falle oder ein blinder Passagier? Ein Saboteur oder von den übergeordneten Kräften herbeigerufenes Wesen?

Die Panzerkugel hatte einige tausend Kilometer zurückgelegt, beschleunigte mit den Nottriebwerken weiter und wurde aufs Heftigste von den Hyperkräften und Paraeinflüssen gebeutelt.

„Traktorstrahler!“ kommandierte Mory Abro. „Schafft eine Bresche mit den Kontrafeldstrahlern und holt sie da raus! Atlan...“

„Die IMPERATOR hat die stärksten Schutzschirme. Wir gehen rein und erledigen das“, erwiderte der Lordadmiral, der mit einem Transmitter zum Flaggschiff der USO gewechselt war.

Der riesige Kugelraumer hatte bereits Fahrt aufgenommen. Als die Energieschirme aufflammten, war allen klar, dass es sich nicht um HÜ-Felder handelte. Diese intensiv strahlende, kristallin strukturierte Energiehülle hatte bislang nur ein einziges Mal beobachtet werden können: es handelte sich um den Spezialschutzschirm, den einst der Robotregent von Arkon um seine Anlagen gelegt hatte und physikalische Eigenschaften hatte, die selbst heute nur teilweise erforscht waren. Die Bestandteile der Generatoren waren fast so fremdartig wie die Paratron-Geräte und hatten sich bislang einem Nachbau widersetzt. Anscheinend hatte Atlan in sein Flaggschiff die gewaltigen Generatoren installieren lassen, die der Zerstörung des dritten Arkon-Planeten entgangen waren. Damals hatten Blues-Flotten mit akonischer Unterstützung Arkon III in Stücke gesprengt. Die Riesenpositronik, die das degenerierte arkonidische Reich die letzten Jahrhunderte hindurch koordiniert hatte, war dabei zerstört worden, doch Teile der Verteidigungsanlagen waren von im Raum treibenden, mondgroßen Bruchstücken der planetaren Kruste geborgen worden.

Die IMPERATOR hatte damit vielleicht die einzigen, einem Paratronschirm vergleichbaren Energiefelder der Galaxis und war damit naturgemäß als einziges Schiff überhaupt in der Lage, in dem Hexenkessel rund um die TESLA zu bestehen. Der kolossale Raumer setzte eigene Kontrafeldstrahler ein, löste zumindest einige der Kräfte und Felder auf, die unvorhersehbar auftraten, und bekam Rückendeckung von der terranischen Flottille. Traktorstrahler wurden auf die Panzerkugel gerichtet, entfalteten jedoch praktisch keine Wirkung im Energiechaos.

Die Kugel hatte sich einige Lichtsekunden weit entfernt. Das Innere der TESLA lag nun frei. Das Wrack löste sich in Trümmer auf oder verlor durch Hyperphänomene große Teile seiner Substanz. Die Versuchstechnik dagegen schien unberührt von dem Chaos und funktionierte weiter. Nun, wo niemand mehr dem Durchgehen der Paratronkräfte entgegenwirkte, konnte das gallertartige Wesen ungehindert seine Pläne umsetzen. Und endlich konnte Bysiphere erkennen, was vor sich ging.

„Ein vollständiger Durchbruch“, schrie er. „Kalup hatte Recht – der ganze Raumsektor wird in den Hyperraum gerissen. Die TESLA verwandelt sich in die größte Gravitationsbombe des Universums...“

„Alle Einheiten: Fluchtkurs! Katastrophenbeschleunigung, Notsprung durch den Linearraum!“ befahl Mory Abro. Ihr Gesicht war kalkweiß – ihr Mann und ihr Schwiegersohn waren vielleicht noch immer an Bord des Wracks, und sie hatte keine Möglichkeit mehr, zu helfen.

„Wir können nicht entkommen“, widersprach Bysiphere nüchtern. „Der Durchbruch steht uns in wenigen Minuten bevor, wenn die TESLA in den Schlund eingetaucht ist. Vielleicht früher.“

„Bis dahin sind wir tausend Lichtjahre entfernt“, erwiderte sie. „Und hoffentlich haben wir sie retten können...“

„Sie verstehen nicht, Ma’am“, unterbrach Bysiphere. „Die Wirkung erstreckt sich nicht nur auf den unmittelbaren Bereich; meinetwegen den Raumsektor im interplanetaren Maßstab, sondern möglicherweise die halbe galaktische Westside. Zumindest jedoch ein paar tausend Lichtjahre. Selbst wenn wir aus dem unmittelbaren Wirkungsbereich herauskommen: die Auswirkungen, die Struktur- und Kontinuumsrisse, die Hyperschockwellen und Gravitationsstoßfronten...“

„Okay“, sagte die Obfrau von Plophos. „In dem Fall ist Flucht also Zeitverschwendung? Na schön: Oberstleutnant – bringen Sie uns näher an die TESLA heran. Sehen wir zu, das wir das Schlimmste verhindern.“



10

Kalup spürte die heftigen Erschütterungen und ahnte, das etwas furchtbar schief gelaufen war. Der Ausrüstungsschrank hatte sich geöffnet und ihn in die Wachstube des oxtornischen Kommandos ausgespien. Die Fessel lockerte sich, als er heftig zerrte und schließlich der Knoten des einfachen Seiles platzte. MacDougal mochte eine gute Pilotin und verschlagene Verschwörerin sein, aber sie hatte keine Ahnung, wie man hundertfünfzig Kilogramm cholerische Wut bändigte.

Kalup platzte in die chaotische Zentrale hinein. Gerade materialisierten die beiden Mutanten in einem verdrehten Energiewirbel und taumelten zu den beiden Männern, die einen sehr einsamen Eindruck in der weiten Zentralekuppel machten. Waringer und Rhodan brüllten einander Satzfetzen zu, Anweisungen und Messergebnisse. Auf den Bildschirmen waren die Reste der TESLA zu sehen. Kalup erfasste die energetischen Auswirkungen, blickte auf die Anzeigen der riesigen Schalttafel und stieß einen saftigen Fluch aus. Der Zellaktivator war vergessen, als er neben Waringer eilte und selbst Schalter umlegte und Tasten drückte.

„Zwecklos“, schnaufte er schließlich. „Das verfluchte Ding hat sich selbständig gemacht. Von hier ist nichts mehr zu machen. NICOLA!“ brüllte er.

„Der Posbikommandant hat sich aus Sicherheitsgründen vor zwei Minuten deaktiviert. Die Strahlung zerstört seine hypertoyktische Verzahnung und schädigt das Zentralplasma. Die meisten Mattenwillies sind tot, die meisten Posbis an Bord zerstört“, erwiderte Waringer. „IMPERATOR hat uns im Schlepp. Wir könnten es schaffen. Sie wollen uns in einem Hangar...“

„Reden Sie keinen Unsinn, Junge!“ donnerte Kalup. „Machen Sie Ihre Augen auf und erkennen Sie die Wahrheit. Diese Höllenmaschine reißt uns alle in den Untergang. Ich könnte von der Maschinenzentrale aus noch etwas unternehmen...“

„Wenn sie noch existiert. Und wenn Sie an Bord wären“, sagte Rhodan. Er stand auf und blickte den alten Wissenschaftssenator an. Dann sah er zu den Mutanten hinüber. Einer der Woolver war zusammengesackt und verlor offenbar das Bewusstsein. Der andere kämpfte mit allen Kräften darum, auf den Beinen zu bleiben.

„Ich kann Ihnen unter diesen Umständen keine Befehle erteilen“, sagte er langsam. „Professor Kalup...“

„Sie“, rief Kalup und griff nach dem Mutant. „Bringen Sie mich dorthin! Folgen Sie dem Hauptdatenstrom, den wir noch wie durch ein Wunder empfangen. Wir landen im separierten Maschinenleitstand. Er ist genauso gut gepanzert wie die Zentralekugel, also dürfte dort noch einiges funktionieren. Na los, machen Sie schon, grüner Junge! Oder ich werde Ihnen für die nächsten fünfhundert Jahre im Nacken sitzen wie ein bösartiger Dämon! Sie kennen mich doch.“

Tronar Woolver brach auf ein Knie ein. Die Schmerzen waren unerträglich, und er hatte kaum mehr einen Eindruck von seinem Bruder. Es schien, als stürbe Rakal, und das würde seinen eigenen Tod bedeuten. Der eine konnte ohne den anderen nicht leben; sie waren wie eine Doppelpersönlichkeit in zwei Körpern.

„Zellaktivator“, stöhnte er und deutete auf Rakal.

Kalup konnte nicht anders: er hatte sich schon gebückt und die Hand ausgestreckt, dann zuckte er mit den Achseln und richtete sich auf. „Ich brauche ihn nicht. Bringen Sie mich rüber, Mann!“

Tronar stieß einen Schmerzensschrei aus, als er sich konzentrierte. Paratronstrahlung zerfetzte seinen Geist, stach in jede Körperzelle, jede Daseinsfaser... Kalup klammerte sich an seinen Arm, und beide verwandelten sich in eine leuchtende Wolke aus Hyperenergie, die in einem Kom-Anschluss verschwand wie ein Geist.

Rhodan ging zu Rakal Woolver und bettete ihn bequemer. Die Ausbeulung einer Außentasche des schwarzen Einsatzanzugs der USO erweckte sein Interesse. Es war ein Zellaktivator. Er konnte nur Kalup gehören.

„Er braucht ihn nicht mehr...“ hauchte Rhodan verstehend.



11

Der Maschinenleitstand war eine Hölle aus Überschlagsblitzen und wabernden Kraftfeldern. Kalup rematerialisierte zusammen mit dem Mutanten neben einer in Flammen stehenden Schaltwand, die von zwei kleinen Feuerlöschrobotern ohne erkennbare Wirkung mit Schaum und Chemikalien besprüht wurde.

„Aus dem Weg“, knurrte er und rannte die beiden Maschinen regelrecht über den Haufen. Hinter ihm sackte Tronar Woolver schreiend vor Schmerzen zusammen. Kalup stieß einen von einer Entladung zerfetzten Sessel beiseite und stellte sich vor die Hauptkontrollen, die direkt mit der Versuchsanlage verdrahtet war. Keine drahtlosen Verbindungen, keine Relais auf Hyperkristallbasis – altmodische, unverwüstliche Kabel, Kontakte und Hebel. Er begann sie der Reihe nach umzulegen, schaltete ganze Batterien von Geräten aus, deaktivierte Generatoren, nahm Energiespeicher vom Netz und fuhr positronische Kontrollrechner herunter.

„Wir... müssen hier... schnell“, brachte Tronar hervor, der sich hinter Kalup herschleppte.

„Nehmen Sie Ihren Kombistrahler und zerschießen Sie alles, was dort drüben installiert ist“, unterbrach Kalup. „Mehr Schäden anrichten können wir ohnehin nicht mehr. Wir können es schaffen, Woolver! Was zum Teufel ist das?“

Gallerte quoll aus mehreren Pulten und Geräten hervor. Sie hatte sich entlang der heruntergefahrenen Leitungen zur unverhofft aufgetauchten Störquelle herangetastet und eruptierte stoßweise zu Tonnen in den Leitstand. Ein übermannsgroßer Berg aus der Substanz richtete sich neben Kalup auf und streckte einen wackeligen Tentakel aus.

Tronar war zu Boden gefallen und zog unter Qualen den Kombistrahler. Die ersten Schüsse fuhren daneben, ließen ein Pult explodieren und überschütteten Kalup und das Monstrum mit glühenden Splittern. Der Wissenschaftler warf sich herum und versuchte dem zuschlagenden Tentakel zu entgehen, wurde jedoch von den Beinen gefegt und gegen einen Hauptrechner auf der anderen Seite geschleudert.

Die nächste Salve zerfetzte das Gallertewesen, doch bildete es sich aus nachströmenden Massen fast sofort neu. Tronar feuerte weiter, während die Schwärze einer nahenden Ohnmacht drohte. Er kämpfte stärker gegen die Besinnungslosigkeit an, als das er sich auf das Ungeheuer konzentrieren konnte.

Kalup rappelte sich stöhnend auf. Er hatte schlimmere Schmerzen, als je zuvor in seinem Leben. Einige Rippen waren gebrochen, vielleicht ein Arm. Als er mit der Hand nach seinem Gesicht tastete, berührte er blutende Wunden und eine deformierte Nase. Mühsam wälzte er sich herum, sah das Ungeheuer auf den Mutanten zuströmen und fasste eine Entscheidung. Er rappelte sich auf und humpelte zu den Feuerlöschrobotern, die ungerührt weiter mit ihren sinnlosen Arbeiten fortfuhren. Es waren humanoide Mehrzweckmaschinen; ein Meter siebzig große Leichtgewichte, die mit den für Menschen angefertigten Werkzeugen umgehen wollten, statt eigene Spezialgeräte fest eingebaut mit sich zu führen. Zur Ausrüstung der Roboter gehörte ein Desintegrator, um schnell und effizient zu versteckten Brandherden vorstoßen zu können. Kalup nahm beide pistolenartigen Geräte an sich und feuerte auf das Gallertewesen, als es Tronar zu überwältigen schien.

Das Ungeheuer warf sich herum. Die Lautlosigkeit seines Angriffs, nur von schmatzenden und glitschigen Geräuschen begleitet, wenn es sich bewegte, war gespenstisch. Es war nicht besonders schnell und hatte offenbar Schwierigkeiten, die massive Form zu halten, zu der es sich aufgeschichtet hatte. Filigrane Netze oder dünne Tentakel zu bilden, schien einfacher zu sein. Für die massige Kolossform war es von der Substanz her einfach ungeeignet.

Kalup wich rückwärts zurück, feuerte ununterbrochen und löste mit den Desintegratorschüssen zentnerweise Gallerte auf. Das Biest erhielt jedoch steten Zustrom und wuchs sogar weiter, als weitere Massen sich aus Rissen und Lecks herausquetschten und mit dem Koloss vereinigten.

Tronar Woolver war völlig erschöpft, spürte jedoch, wie sich sein Geist allmählich etwas klärte. Ferne regten sich Empfindungen, die ihn stützten, ihm Schmerzen nahmen und auf wortlose Weise Mut machten. Rakal; er lebte, es ging ihm besser. Die Streustrahlung hatte nachgelassen, die Paratronenergie erschöpfte sich. Das Experiment war nicht unter Kontrolle, aber der Plan des Ungeheuers war vereitelt: die Aggregate schalteten sich ab.

Noch immer aber hatte sich eine ungeheure Menge Energie angesammelt. Nun, wo sie nicht mehr abgeleitet und transformiert wurden, stauten sie sich in einigen Teilen der Paratron-Versuchsanlage zu zerstörerischen Mengen auf. Die TESLA würde explodieren. Kalup war zurückgedrängt worden; das Ungeheuer setzte nach. Es bäumte sich zu einem letzten, tödlichen Angriff auf und brach über Kalup herein wie eine Naturgewalt. Tronar schoss wie ein Wahnsinniger auf die Gallerte und hoffte, Kalup nicht zu treffen. Er musste ihn irgendwie aus der Masse des Feindes herausbekommen und mit ihm fliehen.

Die halbdurchsichtige Körpersubstanz des Wesens beulte sich aus, während der darin gefangene Kalup um sein Leben kämpfte. Tronar schoss, trat näher und schloss seinen Anzug, dann griff er in die zähe Masse hinein und packte Kalup am Arm. Der andere Mann brüllte und verschluckte Gallerte. Das Ungeheuer hatte eine neue Möglichkeit gefunden und strömte mit Gewalt nach.

„Nein!“ brüllte Tronar entsetzt. Kalup starrte ihn an, getrennt durch einige Zentimeter Gallerte. Das Biest erstickte ihn, hielt ihn in sich fest und ließ nicht locker.

Rette dich, Bruder!

Tronar würde den letzten Blick Kalups niemals vergessen. Die Augen brachen, als er losließ. Für eine Sekunde stand der Mutant wie betäubt vor dem Ungeheuer, den Toten unerreichbar fern, unfähig ihm zu helfen.

Kalup – tot. Es konnte nicht sein... Tronar trat zurück, hob den Strahler und drückte doch nicht ab. Es war sinnlos.

Das Ungeheuer erbebte, stieß den Leichnam aus und richtete sich wieder zur übermannsgroßen Höhe auf, um sich dem zweiten Gegner zuzuwenden.

Tronar klappte das Magazin des Strahlers aus und manipulierte daran herum, während er schrittweise zurückwich. Das Monstrum folgte ihm, glitt über den reglosen Kalup hinweg und wollte mit Tronar ebenso verfahren wie mit ihm. Der Mutant ließ sich nicht beirren, wich einem, zwei Tentakelhieben aus und hatte seine Manipulation abgeschlossen. Mit eisigem Gesichtsausdruck warf er dem Ungeheuer den Strahler entgegen.

Ich brauche einen Leitstrahl, Bruder. Schnell!

Ein intensiver Energiefluss schnitt durch das hyperphysikalische Chaos. Kontrafeldstrahler vereinigten ihre Leistung auf den Maschinenleitstand und machten einem Taststrahl Bahn, dessen Modulation Tronar ein schwaches Lächeln entlockten. CREST V! Er verabschiedete sich mit einer knappen Geste von Kalup, dann löste er sich auf und ließ sich davontragen...



12

Die Explosion des manipulierten Strahlers hatte kaum eine Wirkung. Sie zerstörte den Leitstand, vernichtete Tonnen der Gallerte, aber der größte Teil der Substanz verband noch immer die Versuchsgeräte der TESLA. Einige Sekunden später aber wurde der Paratronkonverter überkritisch und löschte alles im Umkreis von einigen Lichtsekunden aus.

Es dauerte Tage, bis die letzten Strukturrisse und Tryortan-Schlünde sich schlossen, und Wochen, bevor die Gravitationsbeben nachließen.



13

Waringer umklammerte den Zellaktivator mit einer Hand. Es war nicht seiner.

Perry Rhodan stand neben ihm. „Ich habe ihn als vernichtet verzeichnet“, sagte er leise. „Susan hat ihn verdient, aber ich möchte ihr nicht zumuten, wegen des Dings angefeindet zu werden. Außerdem wird sie ihn von mir nicht annehmen. Sie hasst es, wenn sie nur aufgrund des Umstandes, dass sie meine Tochter ist, einen Vorteil zu erhalten glaubt.“

„Wäre das der Grund?“

Rhodan dachte lange nach. „Natürlich“, gab er schließlich zu. „Thomas ist tot. Michael ist tot. Susan... Ich könnte es nicht ertragen, sie zu verlieren, ob in fünfzig oder in fünfhundert Jahren. Nicht, wenn diese Chance besteht.“ Er deutete auf das eiförmige Gerät. „Sie wird argumentieren, dass es nicht ausreicht, eine Tochter Perry Rhodans zu sein. Und sie wird sagen, dass es tausend Persönlichkeiten gibt, die ihn ebenso verdient hätten wie sie. Und sie hätte recht.“

„Wie eine Auswahl treffen“, murmelte Waringer.

„Für jeden, den ich ernannt habe, sind Hunderte gestorben, die es ebenso wert waren... Gib ihn ihr. Von dir wird sie ihn annehmen; von niemandem sonst. Nicht einmal von ihrer Mutter.“ Rhodan lächelte wehmütig und drückte Waringers Schulter. „Du Mistkerl hast mein kleines Mädchen geraubt! Lass nicht zu, das sie stirbt.“

Waringer schloss die Hand um Kalups Zellaktivator. Ihm fehlten die Worte. Schlimmer noch: ihm fehlten selbst die Gedanken. Kalup war tot, und Susan würde leben.

Für immer...