Passagiere

GeschichteSci-Fi / P12
04.02.2016
04.02.2016
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PASSAGIERE



8. Oktober 3586

Joreyn Brakk versuchte gerade das vordere Fahrwerk zu reparieren, als er unvermutet angesprochen war. Er stand auf einer umgedrehten Kiste, steckte schräg im Fahrwerksschacht und erschreckte sich so sehr, das er sich den Schädel anstieß. Mit einem unterdrückten Fluch duckte er sich unter der Hydraulik hinweg und wandte sich, den Kopf haltend, dem Sprecher zu. “Was?!” rief er ärgerlich.
Eine junge Frau mit blasser Haut, fast weißen Haaren und rötlichen Augen stand ein paar Meter entfernt im Schatten der rechten Tragfläche und sah mit unverhohlenem Abscheu Brakk an. Sie schien ernsthaft zu überlegen, einfach zu gehen, doch dann nickte sie unmerklich, als habe sie sich selbst zu etwas überredet.
“Sind Sie der Pilot Brakk?” wiederholte sie laut die Frage, die sie zuvor schon gestellt hatte, ohne das Brakk sie jedoch verstanden hatte.
“Ja. Warum?” erwiderte Brakk unfreundlich. Er rieb sich über die bereits anschwellende Stelle hinter dem linken Ohr.
“Ist… das etwa Ihre Maschine?” wollte die Unbekannte wissen. Sie starrte den alten, umgebauten Dreimannzerstörer an, als handle es sich um eine Todesfalle.
“Nein, das ist bloß das Spielzeug meines Urenkels. Mein Raumkreuzer steht dort hinten.” Brakk deutete mit dem Daumen über die Schulter zurück und grinste schief.
Die Frau beugte sich zur Seite, um an ihm und dem Bug der MOONSHINE vorbei zu spähen. “Ich sehe keinen Kreuzer”, sagte sie verwirrt, dann richtete sie sich ruckartig kerzengerade auf und sah Brakk verächtlich an. “Ich verstehe. Ich glaube nicht, das ich es nötig habe, mich von ihnen beleidigen zu lassen, Mister!”
“Ich habe Sie auf den Arm genommen, Lady, und nicht beleidigt”, berichtigte Brakk sie mürrisch. “Was wollen Sie? Wenn Sie meine Zeit stehlen wollen, dann gibt es eine Menge zu stehlen - und Sie leisten gerade ganze Arbeit!”
“Ich brauche ein schnelles kleines Raumschiff mit möglichst wenig Besatzung, hoher Reichweite und einem fähigen Piloten”, erklärte die noch immer Namenlose. Nach einer genau berechneten Pause fügte sie hinzu: “Offenbar bin ich bei Ihnen an der falschen Adresse.”
“Oh, tatsächlich?” meinte Brakk sarkastisch. “Nun, wenn man von Arkon kommt, hat man es heutzutage vermutlich recht schwer, standesgemäße Transportmittel zu finden. Ich wünsche noch einen schönen Tag.” Er wollte den Kopf wieder in die Wartungsluke stecken.
“Ich bin noch nicht fertig mit Ihnen, Mister!” rief die Frau empört.
“Das ist zweifellos Ansichtssache”, sagte Brakk. Seine Stimme klang dumpf aus dem Schacht des Fahrwerkes heraus. “Wenn Sie eine Luxusjacht chartern wollen, sind Sie hier tatsächlich falsch!”
“Wenn ich eine Luxusjacht wollte, wäre ich erst gar nicht ans falsche Ende des Terrania Space Port gegangen”, erwiderte die Frau scharf. “Ich möchte wissen, wieviel Sie verlangen - ein Pauschalpreis. Keine Extras wie Fluglichtjahre, Energieverbrauch oder so etwas.”
Brakk hielt mit seinem Herumfuhrwerken an der Hydraulik auf und überlegte eine Weile. “Zweitausend pro Tag. Im voraus.”
“Sie sind ja verrückt. Für den Preis bekomme ich eine Space Jet!” behauptete sie.
“Dann chartern Sie doch eine Space Jet”, sagte Brakk grinsend. “Ich hoffe, Sie überleben die Transition.”
Die Frau schwieg so lange, das Brakk annahm, sie sei wortlos gegangen, aber als er nachschaute, stand sie mit verschränkten Armen immer noch unter der Tragfläche und blickte demonstrativ an ihm vorbei. Sie schien heftig mit sich selbst zu kämpfen, doch schließlich sah sie ihm voll ins Gesicht und sagte: “Einverstanden.”
Brakks Kinnlade sackte nach unten durch. “Was?”
“Morgen früh um 7 Uhr. Ich will in Ihrem Interesse hoffen, das Sie pünktlich sind. Und das Sie dieses… Ding bis dahin in Ordnung gebracht haben.” Sie wandte sich zum Gehen. Hundert Meter entfernt schwebte ein älteres Sportcoupe, das Ihr zu gehören schien. Ein Mann wartete im Fahrersitz. Als sie ein paar Schritte gemacht hatte, sah sie über die Schulter zurück. “Und noch etwas: Ich bin nicht von Arkon!”
Brakk runzelte die Stirn, während er ihr nachschaute. Plötzlich, als sie gerade einstieg, fiel ihm etwas ein. “Hey - wie heißen Sie überhaupt?” rief er laut, doch es kam keine Antwort. Der Gleiter drehte sich um seine Achse, ging dabei auf mehrere Meter Höhe und beschleunigte mit fauchenden Repulsatoren. Binnen Sekunden war das Fahrzeug hinter den verfallenden Frachtterminals dieses sehr alten Teiles des Raumhafens verschwunden.
“Bah. Was für eine eingebildete Ziege. Und die soll nicht von Arkon kommen?” Er dachte ernsthaft über die Möglichkeit nach, ob es albinotische Akonen gab.


9. Oktober 3585

Ein Tankfahrzeug des TSP rollte auf einem Dutzend Ballonreifen heran und steckte einen robotischen Rüssel in eine geöffnete Luke am Heck der MOONSHINE. Hochkatalysiertes Deuterium floss in die Tanks. Brakk stand auf der Tragfläche und schaute dabei zu, als handle es sich um etwas, das unbedingt beaufsichtigt werden müsse. Der Fahrer des Tankers stieg aus seiner kleinen Kabine und trat neben das Raumfahrzeug.
“'s geht wieder los, hmm?” nuschelte er.
Brakk nickte. “Es gab allmählich Zeit, das ich wieder einen Kunden bekomme. Mit meinen finanziellen Reserven kann ich mir gerade noch eine Tankfüllung und die Platzmiete für den laufenden Monat leisten.”
“Solltest in Nugas investieren. Machen jetzt alle.”
“Fronker”, sagte Brakk. “Eine Nugas-Anlage kostet vierzig Millionen Solar! Wenn ich Glück habe, mache ich mit dem Job hier gerade mal viertausend!”
“Könnte dir 'ne gebrauchte besorgen”, meinte der alte Techniker Fronker Switzel harmlos.
“Eh?” machte Brakk verdutzt. “Woher?” fragte er dann sofort.
“Auf dem Mars liegt 'ne Menge Schrott aus dem letzten Jahrhundert herum. Weißt schon - das Zeug, das nicht durch den Sonnentransmitter verschickt werden konnte. Jede Menge ältere Raumschiffe.”
“Was du nicht sagst! Ich fragte mich schon, wo ich meine MOONSHINE her haben könnte…”
“Blöder Ironiker!” schimpfte Fronker. “Reiß 'nen Nugas-Reaktor für dich auf, und wassis der Dank? Das hat man jetzt davon, das man dir das Rest-Deuterium von den 'Pilgervater'-Schiffen abpumpt und billig verhökert. Schon meine alte Musky hat mir immer gesagt, ich sei viel zu gutmütig und hilfsbereit; das würde man nur ausnutzen, und ich wäre immer der Dumme, und überhaupt ist Undank ja der Mühen Lohn…”
“Schon gut!” rief Brakk mit beschwichtigenden Gesten, lachte dabei jedoch. “Ich kannte Musky, und sie war der Meinung, du seist ein alter, versoffener Tunichtgut, der den Dreck von der Straße aufheben würde, wenn er ihn danach verkaufen könnte!”
“Ja”, meinte Fronker andächtig. “Die alte Hexe kannte mich eben…” Er schniefte ein wenig. “'dammte Aphiliker! Haben sie ins Stummhaus gesteckt… Wenn ich diesen Bull erwische, mach' ich ihn noch'n Kopf kürzer, als er's ohnehin schon is'.” Er sah Brakk ins Gesicht und kniff die Augen zusammen. “Also - was is' jetzt? Willst die Nugas-Maschine?”
“Mars, wie? Pounder-City? Wieviel?”
“Oh, ich persönlich würde sie dir praktisch schenken, aber da is' der Cousin von meinem Nachbarn, weißte, der hat den Kontakt geknüpft, und der Kerl, der sie fand, will natürlich einiges dafür haben, und da wäre noch der Zollbeamte - wegen der Ausfuhr, verstehste?”
“Eine Zahl, Fronker”, mahnte Brakk.
“Zwei Millionen Solar”, sagte Fronker.
“Heiliger Strohsack - ich hab diese Mühle für weniger bekommen!”
“Hast sie geklaut”, erwiderte Fronker.
“Gefunden”, berichtigte Brakk. “Stand herrenlos herum und rostete vor sich hin.”
“Im Museum für Technik-Geschichte auf der Venus. Drei Stunden, bevor die Erde zurückkam…”
“Nun - ja. Aber im Prinzip....” wollte Brakk mit einer Erklärung beginnen.
“Soll ich was anleiern oder nich'?” unterbrach Fronker ihn.
“Wie heißt der Typ, der die Nugas-Anlage gefunden hat?”
“Ich soll dem Neffen meines Nachbarn in den Rücken fallen?” entrüstete sich Fronker.
“Interessante Familie - Cousin und Neffe gleichzeitig”, sagte Brakk mit schräggelegtem Kopf.
Fronker grummelte etwas Undefinierbares in seinen Bart. “Ich krieg acht Prozent Provision!”
“Acht Prozent von Null sind nochmal wieviel?”
“Ferrum Karborundum.”
Ferrum Karborundum?” echote Brakk. Er fing an zu lachen. “Soll das ein Witz sein?” fragte er dann.
“Für die Namen anderer Leute bin ich nicht verantwortlich!” lautete die eingeschnappte Antwort.
Brakk sah dem anderen grinsend zu, wie er in die Fahrerkabine stieg und den Tankvorgang beendete. Dann warf er einen Blick auf seine Uhr. “Nun, Lady, es ist drei Minuten nach sieben”, murmelte er. “Ich war pünktlich.” Er versiegelte das Tankventil und verschloss sorgfältig die Luke, ehe er über ein paar Sprossen auf den Rücken der langgestreckten MOONSHINE stieg. Der ehemalige Dreimannzerstörer war im 33. Jahrhundert gebaut worden und hatte zu den wenigen Typen seiner Klasse gehört, die mit einem Linearantrieb versehen wurden. Im Technik-Museum der Venus standen nicht wenige funktionsfähige Ausstellungsstücke herum, aber das sogar ein noch raumtüchtiges Schiff darunter war, hatte den alten Piloten ziemlich erstaunt. Fronker kannte sich mit allen Arten von Jägern und Zerstörern aus. Mit 22 Jahren war er in der Solaren Flotte eingetreten und hatte eine entsprechende Ausbildung erhalten. Als er 27 war, kamen die Laren in die Milchstraße und eroberten sie innerhalb weniger Jahre. Terra und Luna gingen durch den solaren Sonnentransmitter und verschwanden für zwölf Jahrzehnte. Sein alter Freund Fronker, der auf einer Basis der lunaren Jägerstaffeln als Wartungsingenieur gearbeitet hatte, war ebenso wie 20 Milliarden Menschen verschollen gewesen. Schon nach einem guten Jahrzehnt hatte Brakk nicht mehr geglaubt, je wieder etwas von der Erde oder den Verschwundenen zu sehen, doch vor ein paar Monaten wurde die Rückkehr der Erde vorbereitet, kaum das die Laren abgezogen waren. Brakk hatte sich mehr als ein Jahrhundert lang durch die Galaxis geschlagen und war schließlich auf der Venus gelandet, wo er unter der Aufsicht eines ungeheuer fetten und faulen Überschweren für die Wartung der Exponate des Technik-Museums zuständig war. Er war vermutlich einer der wenige Terraner gewesen, die es mit einem der wenigen freundlichen Überschweren zu tun bekommen hatten. Orbrucsza hatte in den letzten Wochen der larischen Herrschaft über die Milchstraße eine solche Angst vor eventueller Rache durch rückkehrende Menschen bekommen, das er den Piloten schließlich darum bat, ihn irgendwie von der Venus fortzubringen. Die Bitte hatte Brakk mehr als erstaunt, aber schließlich hatte er den Dreimannzerstörer Z-XI-36657-B flugbereit gemacht und Orbrucsza quer durch die in Aufruhr geratene Galaxis bis zu einem kleinen Randplaneten gebracht, schon halb im galaktischen Halo gelegen. Die gemischte Bevölkerung - hundert Völker terranischer, arkonidischer und akonischer Abstammung - hatte erfreulich wenig von der larisch-überschweren Herrschaft mitbekommen und nahm den furchtsamen Mann daher auf. Er war nicht der einzige Überschwere, der zu den Randwelten der Milchstraße flüchtete, als die GAVÖK den Befreiungskampf begann…
Brakk kehrte ins Solsystem zurück und fand zu seiner verblüfften Freude tatsächlich den blauen Planeten mit seiner kleinen grauen Schwester vor. Wenn er ehrlich war, musste er zugeben, das er dies niemals erwartet hätte. Er landete auf der entvölkerten Erde und konnte es kaum fassen, als ihn ein alter Bekannter im Namen der provisorischen Regierung begrüßte: Fronker Switzel. Er war einer der wenigen Handvoll Menschen, die nicht bei der zwischenzeitlichen Versetzung der Sonne Medaillon mit ihren zeitweiligen Begleitern Erde und Mond verschwunden waren. Die beiden mittlerweile über hundertfünfzig Jahre alten Männer hatten Tage damit zugebracht, sich ihr Leben zu erzählen - die Schrecken der Aphilie und der Terror der Laren…
Nach wenigen Monaten lief nun das “Unternehmen Pilgervater” - die Wiederbesiedlung der Erde durch Kolonisten, aber insbesondere durch die Menschen von Gäa, dem Widerstandsnest in der Provcon-Faust. Ein Beamter der frischgegründeten Regierung der Liga Freier Terraner - noch ehe es welche gab, hatten sie bereits eine Partei! - hatte sich nach der auffälligen Übereinstimmung zwischen dem vermissten Museumsstück von der Venus und dem Raumschiff des alten Piloten erkundigt, aber dann achselzuckend gemeint, bei den anstehenden, horrend hohen Ausgaben für den Wiederaufbau der Erde wäre ein verschwundenes Museumsstück ein Witz; und hatte die Angelegenheit zu den Akten gelegt.
So war Brakk nun also seit ein paar Monaten Raumschiff-Eigner und versuchte sich durch kleine Transporte und Charterflüge über Wasser zu halten. Leider hatte die LFT mit als erstes die Transmitterstrecken und den Linienflugdienst zwischen allen wichtigen Planeten der GAVÖK wieder eingerichtet, so das für ihn nur die Flüge in Frage kamen, die von den Raumschiffen nicht angeflogen wurden. Orbrucsza war der erste Passagier gewesen, den er zu einem abgelegenen Planeten geflogen hatte, aber nicht der einzige geblieben. Allerdings lief das Geschäft schlechter, als es Brakk lieb war. Er musste allein sechstausend Solar im Monat für die ständige Nutzung des Stellplatzes für die MOONSHINE bezahlen; dazu kamen laufende Unkosten der Maschine selbst, die sich auf nochmals etwa achttausend beliefen. Er müsste mindestens an zwei von drei Tagen fliegen, um Gewinn zu machen. Der Treibstoff - katalysiertes Deuterium - musste gewonnen, gereinigt, komprimiert und transportiert werden, so das er ein recht erheblicher Unkostenfaktor in Brakks Bilanz ausmachte. Mit zweitausend Solar pro Tag kam er einigermaßen ins Plus - wenn er denn einen Kunden hatte.
Und genau das schien das Problem zu sein: seine Kundin tauchte nicht auf.
“Und ich sag ihr noch: im Voraus. Ich blöder Idiot!” fluchte Brakk vor sich hin, während es auf acht Uhr zuging. Er warf im Cockpit einen Blick auf die Instrumente. Alle Aggregate der MOONSHINE summten im Leerlauf und warteten nur darauf, Arbeit zu verrichten. Das kostete Geld - Brakks einziger Gedanke, während Zeit verstrich. Als es halb neun war, beschloss er eine Anzeige bei der Polizei des Terrania Space Port zu machen. Es gab Gesetze, die so etwas untersagten. Jedenfalls hatte es sie im Solaren Imperium gegeben, berichtigte sich Brakk in Gedanken. Die LFT war da vermutlich nachsichtiger. Terra war jetzt eine Republik oder so etwas - als ob man vor den Laren in einer Monarchie gelebt hätte…
Brakk dampfte geradezu vor Wut, als er aus der Schleuse stapfte und fast jemanden überrannte.
“Passen Sie doch auf, wo Sie rumstehen, Mann!” fauchte er das unerwartete Hindernis an.
“Wir sind verabredet, Mister Brakk”, erwiderte der Mann, der ihn freundlich lächelnd anblickte. “Meine Partnerin hat Ihre Dienste beansprucht.”
“Ach, tatsächlich? Nun”, sagte Brakk ärgerlich. “Wir waren vor anderthalb Stunden verabredet. Glauben Sie nicht, das ich Ihnen diese neunzig Minuten erlassen werde, wenn ich meine Rechnung schreibe!”
“Natürlich nicht”, nickte der andere unmerklich. “Ich darf uns vorstellen, ja? Dies ist Baronin Carlya da Zantos vom Planeten Zantonyn.” Er machte eine Geste in Richtung der arroganten Nicht-Arkonidin, die Brakk bereits von gestern kannte. Neben ihr stand ein athletischer Mann mit Sonnenbrille, den Brakk vom ersten Moment an nicht leiden konnte - er hatte genau jenes Verhalten, das die meisten Überschweren offenbarten, wenn Sie es mit Terranern zu tun hatten. Brakk war normalerweise kein Freund von Vorurteilen, doch er war bereit, die MOONSHINE zu verwetten, dass der Kerl ein angeheuerter Schläger war - kein Leibwächter, sondern ein Straßenkrimineller. Der vor Brakk stehende andere Mann stellte ihn gleichfalls vor: “Dies ist Mister Worth, unser… Sekretär. Wenn Sie irgendwelche Fragen haben, wenden Sie sich an ihn, da die Baronin und ich während des Fluges - und auch sonst - viel zu tun haben werden. Mein Name ist übrigens Rogard Quayne.” Der Mann deutete eine steife Verbeugung an. Er lächelte wie eine Katze, bevor sie die Maus fraß. Alle drei - die Baronin, Mr. Worth und nicht zuletzt Quayne - waren jeder für sich bereits überaus unsympathische Individuen; zusammen waren sie ein geradezu furchteinflößendes Trio.
Brakk wurde in diesen Sekunden klar, das er sich auf etwas einließ, das alles andere als in Ordnung war. Das Trio bedeutete Ärger, und zwar nicht wenig davon.

Das Trio hatte kam Gepäck. Mr. Worth trug mehrere raumfeste Kisten in die kleinen Kabinen, die anstelle der Schutzschirmgeneratoren einen vergleichsweise großen Raum mittschiffs einnahmen, während die Baronin und Quayne lediglich ein wenig Handgepäck dabei hatten. Irgendwie bezweifelte Brakk, das es sich bei dem Paket der albinotischen Frau um ein Schminkköfferchen handelte.
Er zeigte den drei Passagieren die Einrichtungen an Bord: Naßzelle, Miniküche, Aufenthaltsraum, die drei Kabinen für je bis zu zwei Personen. Er hatte damit gerechnet, dass sich die Frau und Quayne eine Kabine teilten, aber dem war nicht so: die Baronin nahm sogar die einzige Kabine auf der Steuerbordseite, die zwischen der Schleuse und der Küche lag.
“Wenn ich Ihnen noch irgendwie behilflich sein kann…”
“Danke”, sagte Quayne und schloss die Tür zu seiner Kabine vor Brakks Nase zu.
Der Pilot zuckte mit den Achseln und wandte sich den anderen beiden Kabinen zu, doch deren Bewohner hatten sich ebenfalls bereits eingeschlossen.
“Zum Teufel nochmal, wo soll es denn überhaupt hingehen?” rief er verärgert. Er drückte den Summer von Quaynes Tür, doch der meldete sich nicht.
Brakk schnaubte durch die Nase und stapfte zu Worth's Kabine. Der öffnete gerade die Tür und starrte ihn durch seine Sonnenbrille hindurch an. “Was wollen sie?” fragte er mit einer heiseren Tenorstimme, die einfach nicht zu dem Körper dieses Menschen passen wollte.
“Das Flugziel!” presste Brakk durch geschlossene Zähne.
“Setzen sie Kurs auf M13, halten sie aber zehntausend Lichtjahre davor an”, erwiderte Worth. “Sonst noch etwas?”
1“Nun, ich würde zuerst einmal noch die finanziellen Angelegenheiten geregelt wissen”, sagte Brakk.
Worth starrte ihn an, als hätte er von ihm einen drei Tage alten toten Fisch verlangt. Selbst durch die Sonnenbrillengläser hindurch spürte Brakk seinen stechenden Blick. Nach ein paar Sekunden griff Worth in eine Tasche und holte ein zusammengerolltes Bündel Geldscheine heraus. Er drückte sie Brakk in die Hand und schloss danach sofort die Tür.
Kopfschüttelnd ging der Pilot ins Cockpit und zählte unterwegs die Scheine. Es waren Solar-Banknoten aus der Zeit vor den Laren; immer noch gültig, obwohl eine neue galaktische Währung ins Gespräch kam und es nicht mehr lange dauern konnte, bis die guten alten Solar wertlos wurden.
“Die Chancen auf eine blitzartige Währungsreform dürften in den nächsten Tagen allerdings ausnehmend schlecht sein”, murmelte Brakk, während er zählte. Er pfiff durch die Zähne, als er fertig war. Es handelte sich um etwas über dreißigtausend Solar.
“Verdammt”, sagte er schließlich, als er in den Pilotensitz rutschte. Er verstaute das Geld in einem Fach und leitete die Startvorbereitungen ein. “Das bedeutet nichts Gutes…”

Rund um Terra wimmelte es von Raumschiffen, die Menschen herbeibrachten. Die Wartezeiten bis zur Landung konnten mehrere Stunden betragen. Auch die Starts waren erheblichen Verzögerungen unterworfen, doch das galt im wesentlichen nur für größere Einheiten als eine Korvette. Die 35 Meter lange MOONSHINE konnte wenige Minuten nach der Bitte um Starterlaubmnis bereits abheben und auf einem der wenig genutzten polaren Startkorridore ins All fliegen. Die vielen Großraumschiffe von Gäa umgaben die Erde wie ein Ring, lediglich militärische Wacheinheiten standen über den Polargebieten.
Aus mehreren tausend Kilometern Höhe sah die Erde verheerend aus. Zahlreiche Katastrophen hatten die Erde in den letzten Jahren gebeutelt; nachdem NATHAN jahrelang inaktiv war, hatten die Wetterkontrollen versagt. Es hatte Stürme gegeben, die man seit dem beginnenden 3. Jahrtausend nicht mehr für möglich hielt. Tektonische Spannungen, seit Jahrhunderten durch fortschrittlichste Methoden abgeleitet, entluden sich in heftigen Erdbeben. Besonders schlimm waren verschiedene Vulkanausbrüche, die einige größere Städte vernichteten. Küstengebiete hatten unverhofften Sturmfluten nichts entgegenzusetzen, so das Tausende Quadratkilometer große Landstriche überschwemmt wurden. Insgesamt gab es Katastrophenschäden, die zu beheben mehrere Jahre dauern und viele hundert Milliarden Solar kosten würde. Die Menschen, die jetzt die Erde rekolonisierten, würden in den nächsten Jahren nicht viel Zeit zum Ausruhen haben…
Die MOONSHINE flog im freien Fall am Mond vorbei. Schon seit Jahrhunderten - eigentlich seit den Anfängen des Solaren Imperiums - war der Mond praktische eine riesige Mischung aus Industriekomplexen und Raumhäfen gewesen. Die reaktivierten Anlagen machten sich selbst in zehntausend Kilometer Entfernung bemerkbar: zahlreiche zu Raumhäfen ausgebaute Krater waren Zentren hektischer Betriebsamkeit, Raumschiffe starteten und landeten in raschem Wechsel. Die großen Transmitterportale, die unter anderem zu Olymp führten, waren erst vor einigen Tagen reaktiviert worden und spuckten in schneller Folge riesige Container mit Versorgungsgütern aus. Die gewaltigen Areale, unter denen die Bestandteile NATHANS in tiefen Bunkern lagen, waren wieder von den verschachtelten Schutzschirmsystemen bedeckt. Die Systemverteidigung funktionierte wieder, Transformplattformen am Rande des Sonnensystems würden jeden Versuch eines Invasion im keim ersticken; die robotischen Kampfschiffe innerhalb der Planetenbahnen fingen alles ab, was durchbrechen sollte. Der Standard des Solaren Imperiums war wiederhergestellt - und dennoch war es heute anders: niemand sprach mehr ernsthaft vom Wiedererstehen eines Imperiums. Die zahlreichen Kolonien Terras waren unter dem Druck der larischen Herrschaft notgedrungen auf sich allein gestellt gewesen und beanspruchten nun völlig selbstverständlich politische Autonomie. Aus dem Imperium wurde eine Liga Freier Terraner, die nur ein Staat von vielen in der GAVÖK sein würde.
Brakk trauerte dem Imperium ein wenig hinterher. Die Zeiten der Größe und der Macht waren vorbei. Es erging den Terranern nach nur eineinhalb Jahrtausenden nun so ähnlich wie damals den Arkoniden - die Zeiten wandelten sich und überrollten sie einfach…
Als der Mond einige Minuten später ein paar Lichtsekunden zurücklag, beschleunigte Brakk die MOONSHINE auf relativistische Geschwindigkeit und ging in den Linearraum. Der Konverter schaffte bei Höchstbeanspruchung zwar 25millonenfache Lichtgeschwindigkeit, würde dann aber nach nur etwa dreihunderttausend Fluglichtjahren ausgebrannt sein. Je sorgsamer man mit dem Gerät umging, desto besser und länger hielt es durch, daher wollte Brakk das Tempo nicht über ein Viertel des Maximums hinausgehen lassen. M13 war etwa 35000 Lichtjahre entfernt, das vorläufige Flugziel lag 10000 Lichtjahre davor. “Also etwas über 30 Flugstunden”, murmelte Brakk. Er schaltete das Interkom ein und informierte seine Passagiere entsprechend. “Es wäre überaus freundlich von Ihnen, mich über das endgültige Ziel in Kenntnis zu setzen”, fügte er seiner Durchsage hinzu. “ich fliege nämlich nicht gerne in die Galaxis hinaus, ohne zumindest ungefähr zu wissen, wo ich lande!”
Es kam keine Antwort, doch nach ein paar Minuten betrat Worth das Cockpit.
“Kein Zutritt, Sir!” sagte Brakk fest, aber der Hüne ließ sich davon nicht beeindrucken.
“Beschleunigen Sie auf elf Millionen”, sagte Worth nach einem langen Blick auf die Kontrollen. Er beugte sich rechts über Brakks Sessellehne und verdeckte dessen Blick auf die seitlichen Paneele. “Und korrigieren Sie den Kurs um 13 Grad zu 5,5 Grad. In etwa acht Stunden werden Sie auf dem Orterschirm einen Roten Überriesen des Eta Carinae-Typs mit einem begleitenden Neutronenstern sehen. Rufen Sie mich dann. Bis dahin brauchen Sie keine weiteren Anweisungen.” Er zog sich durch die Pilotenkanzel, in dessen hinterem Teil Brakks Schlafstätte lag, zur Tür zurück. “In Ihrer Küche gibt es übrigens einen wirklich miserablen Kaffee”, sagte er noch, ehe er verschwand.
“Tut mir furchtbar leid, Sir, das Ihnen die Bewirtung nicht zusagt, aber mein gatasischer Spezialitätenkoch hat sich heute freigenommen”, knurrte Brakk. “Ich hab' dieser Baronin ja gesagt, das dies keine Luxusjacht ist. Wenn die soviel Geld haben, hätten sie sich ja einen besseren Kahn mieten können. Ich frage mich, warum sie es nicht taten?”

Zwischen dem Anblick, der sich dem Piloten durch die transparente Kanzel bot, und dem Bild auf dem Orterschirm gab es einen Unterschied wie zwischen einer Daguerreotypie und einem Echtzeithologramm. Dem menschlichen Auge bot sich der Linearraum als buntschlieriges Kontinuum ohne echten Inhalt - Farbkleckse in einem undefinierbaren Raum zwischen dem Einsteinuniversum und dem Hyperraum, in dem dieses ebenso wie eine unzählbare Menge anderer Universen eingebettet lag.
Der Orter dagegen blickte tiefer und genauer, er war speziell für die im Halbraum herrschenden Bedingungen konstruiert worden. Für ihn war der Hintergrund dieser Zwischendimension nur eine graue Fläche, vor dem sich Myriaden Ereignisse abspielten: jeder Himmelskörper und jeder energetische Vorgang im normalen und im Hyperraum hinterließ einen Abdruck im Linearraum. Sterne, Nebel, stellare Explosionen und vieles mehr konnte von dem Spürgerät aufgezeichnet werden. Die Galaxis hatte einen Musterabdruck im Linearraum, anhand dessen sich erfahrene Galaktonauten sogar auf Sicht orientieren konnten. Einige Sternklassen waren besonders gut im Linearraum zu sehen; solche, die sehr viel Energie erzeugten und enorme Schwerkräfte entwickelten, waren ideale Wegweiser. Andere hatten ungewöhnliche Hyperspektren, was sich im Linearraum unmittelbar als optisches Feuerwerk der Sonderklasse bemerkbar machte.
Der von Worth genannte Doppelstern - ein roter Überriese und ein Neutronenstern - würden jedem, der in ihre nähere Umgebung geriet, sofort auffallen. Um Viertel vor fünf am Nachmittag begann Brakk sich nach dem Doppelstern umzuschauen. Sterne dieser Art waren bis zu Tausende Lichtjahre weit sichtbar und fielen auch in dichten Sternregionen schnell auf, dennoch bezweifelte Brakk, das er anhand der nur ungefähren Angaben von Worth das vorläufige Ziel auf Anhieb entdecken konnte. Es dauerte allerdings kaum zehn Minuten, als am Erfassungshorizont des Orters das typische Glosen eines roten Überriesen auftauchte. Die MOONSHINE hielt zwar ungefähr auf den Stern zu, würde jedoch mehr als fünfzig Lichtjahre an ihm vorbeifliegen, wenn der Kurs nicht geändert wurde. Brakk beobachtete den markanten Stern. Er war etwa zehntausend Lichtjahre von der Erde entfernt und von dieser aus nur in Teleskopen sichtbar. Vermutlich hatte man den Stern schon zu einem Orientierungspunkt in den Sternkarten gemacht; er lag nur zweieinhalbtausend Lichtjahre neben der direkten Terra-Arkon-Linie, wenn auch in einem dünn besiedelten Gebiet der Milchstraße. Brakk wartete, bis unmittelbar neben dem Strukturabdruck des Riesen ein typischer Schatten auftauchte; der Neutronenstern, den Worth nannte. Er rief diesen per Interkom an.
Worth war so schnell im Cockpit, als hätte er vor der Tür gewartet. Er zwängte seine breiten Schultern zwischen Brakks Pilotensessel und die Kanzel und betrachtete die Ortungsanzeigen genau. Schließlich nickte er und markierte auf dem Schirm einen offenen Sternhaufen, der ein paar hundert Lichtjahre entfernt war. “Dorthin!”
“Ist das alles?” fragte Brakk. “Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie genauere Angaben zum Ziel machen könnten!”
“Wir bezahlen Sie, damit Sie uns hinfliegen, wo immer wir hinwollen. Wir bezahlen Sie gut!” Worth starrte ihm aus einem Viertelmeter Entfernung durch die schwarzen Gläser hindurch direkt in die Augen. Zwei Glutpfeile schienen sich Brakk in den Kopf zu bohren. “Wenn Sie damit ein Problem haben…” Worth beendete den Satz nicht, aber die unausgesprochene Drohung schwebte wie Gestank in der Luft.
“Okay”, sagte Brakk nach ein paar Sekunden des Schweigens. “Kein Problem.”
“Gut”, nickte Worth. “Wir verstehen uns.” Er trat ein paar Schritte zurück und ließ sich auf einem Notsitz auf der linken Seite des Cockpits nieder und beobachtete nun Brakk.
Der Pilot fühlte sich zunehmend unbehaglicher mit diesen Passagieren. Etwas war an ihnen - speziell an Worth - das einem instinktiv eine Angst einjagte wie kaum etwas anderes im Leben.
'Es war eindeutig ein riesiger Fehler, sich mit diesen Leuten einzulassen', dachte Brakk, während er eine neue Kursänderung berechnete und die MOONSHINE im Linearraum in einem hundert Lichtjahre weiten Bogen herumschwenkte. Die Andruckabsorber wimmerten leise, als sie extreme Fliehkräfte bei elfmillionenfacher Lichtgeschwindigkeit neutralisierten. Worth fuhr bei dem Geräusch hörbar zusammen. “Was war das?” fragte er nach einer Schrecksekunde.
“Nur der Andruckabsorber”, antwortete Brakk.
“Warum macht er so ein Geräusch?”
“Weil wir gerade mit einer Milliarde Gravos in eine Kurve gegangen sind.”
“Soll das ein Scherz sein?” ragte Worth misstrauisch.
Brakk grinste kühl, als er Worth’s Unsicherheit bemerkte. “Nein. Bei Wendemanövern im Linearraum sind die Gravitationsgesetze nach Arno Kalups Interpretation gültig, wenn auch nicht in der Stärke des Normalraumes. Aber es gibt starke Fliehkräfte bei Kursänderungen.” Er sah zu ihm zurück und in das steinerne Gesicht des Mannes. “Sie sind wohl noch nicht sehr oft geflogen, was?”
“Das geht Sie einen verdammten Dreck an!” flüsterte Worth. Er sah zu Tode entsetzt aus, wie Brakk jetzt feststellte, obwohl er es zu verbergen versuchte.
“Wenn Sie meinen”, sagte Brakk. “Aber dann hätten Sie sich besser ein anderes Schiff gesucht. Das hier ist kein Vergnügungsdampfer, sondern ein umgebauter Zerstörer.”
“Kümmern Sie sich um die Kontrollen, bevor wir in eine Sonne rasen!” rief Worth plötzlich wütend aus. “Und halten Sie das Maul - sonst stopfe ich es Ihnen!” Er stand auf und lief aus dem Cockpit heraus.

Eine Viertelstunde dauerte es, bis die MOONSHINE den Rand des offenen Haufens erreicht hatte. Da er keine anders lautenden Anweisungen hatte, ließ Brakk das kleine Schiff in den Normalraum zurückfallen. Dann suchte er in den Sternkatalogen nach der Bezeichnung des Haufens, aber er stellte fest, das es sich um einen der zahllosen handelte, die selbst heute noch nicht erforscht waren. Selbst im inneren Bereich des von Menschen besiedelten Milchstraßenteiles gab es noch viele kleine “weiße Flecken”. Obwohl die Solare Flotte ebenso wie die Explorerflotte fünfzehn Jahrhunderte lang in jeder freien Minute Kartographierungsarbeiten durchgeführt hatte, hatte diese Zeit nicht ausgereicht, um die Milliarden Sonnen im Bereich des Solaren Imperiums und seiner Umgebung vollständig zu erfassen. Die Galaxis war, um ein uraltes Zitat wiederzugeben, “verdammt groß”.
Brakk ließ die Ortungsgeräte der MOONSHINE arbeiten und zählte innerhalb von fünf Minuten bereits mehr als zweihundert Sterne in einem Volumen von etwa neunhundert Kubiklichtjahren. Es waren kleine, alte Sonnen; zumeist rote Zwerge der Spektralklasse K, aber auch Sol-ähnliche. Einige Weiße Zwerge und ein Pulsar waren die Überreste massereicher Sterne. Zwischen den Mitgliedern des alten Haufens befanden sich jüngere Sterne, die irgendwann durch Schwerkrafteinflüsse hierher gelangt waren, sowie mehrere Dutzend Braune Zwerge, wie man in praktisch jedem Kubiklichtjahr der Milchstraße einen fand. Es war der mit Abstand häufigste Typ von Himmelskörper, doch da sie nur einige Tausendstel einer Sonnenmasse schwer waren, machten sie kaum mehr als ein paar Prozent der galaktischen Masse aus.
Es war ein durch und durch gewöhnlicher Sternhaufen, einer von Millionen. Es gab nichts, das ihn irgendwie interessant machte. Dennoch hatte das seltsame Trio sich auf recht ungewöhnlichem Wege hierher begeben und ihre Ziele verschleiert.
“Wie ich sehe, sind wir angekommen”, sagte unvermutet jemand hinter Brakk. Es war Quayne. “Hervorragend. Ich habe hier eine Spektralschablone, die sie bitte dazu verwenden, einen bestimmten Stern herauszufinden. Leider handelt es sich um die Adaption eines alten Speicherformates, so das ich nicht für seine Exaktheit garantieren kann; auch mag zwischenzeitlich eine Veränderung der Sternes selbst eingetreten sein. Selektieren Sie daher nach Möglichkeit all jene Sonnen, die den Vorgaben am meisten entsprechen, und informieren Sie Mr. Worth, wenn Sie diese Aufgabe beendet haben.”
Brakk betrachtete die kleine Plastikscheibe, die ihm Quayne in die Hand gedrückt hatte. Der Mann war so rasch wieder verschwunden, wie er aufgetaucht war.
Die Spektralschablone sah alt aus. Das Material, aus dem es bestand, hatten bereits die Arkoniden in Atlans Jugendtagen verwendet, um einfache Datenträger herzustellen. Das Format war seit zwölf Jahrtausenden gleich geblieben; eines der vielen Dinge, die Terra unverändert, weil optimal, von den Arkoniden übernommen hatten. Brakk hielt das Plastikquadrat dicht vor die Augen und erkannte einige Interkosmo-Schriftzeichen; Seriennummer, Herstellungskennung und so weiter. In der linken unteren Ecke war ein Imperatorensiegel - Zoltral V.
Brakk hatte kaum Ahnung von galaktischer Geschichte, aber er wusste, das der letzte arkonidische Imperator vor der Machtergreifung des Robotregenten der zwölfte Zoltral gewesen war. Die Disk war also mindestens sechzehnhundert Jahre alt, eher noch viel älter. Vermutlich hatte der fünfte Zoltral-Imperator Jahrtausende früher regiert.
Das ein Imperatorensiegel auf der Disk eingebrannt war, machte Brakk stutzig. Eigentlich sollte eine solche Disk entweder im Archiv der arkonidischen Regierung lagern, oder in einem Museum stecken. Es war praktisch unmöglich, so eine Rarität einfach so zu erwerben.
Brakk steckte die Disk in einen Eingabeschlitz. Die Bordpositronik scannte die Daten aus - es dauerte ziemlich lange. Brakk ließ sich die Daten auf einem Monitor präsentieren - es waren Unmengen von astrophysikalischen Messungen, die das unglaublich genaue Profil eines Sternes ergaben. Jemand hatte viel Zeit und Mühe darauf verwandt, eine Sonne so exakt wie möglich zu analysieren. Brakk ließ die Ortungsgeräte nach den Vorgaben der Disk den Sternhaufen durchforsten. Nach einer langen Stunde lautete das Ergebnis “Negativ”. Keine der Sonnen entsprach dem Spektralmuster so exakt, wie dies erforderlich war. Mehrere Sterne jedoch kamen den Vorgaben recht nahe, obwohl die Unterschiede immer noch zu groß waren, als das ein paar tausend Jahre astrophysikalischer Entwicklung dies erklären könnten. Dennoch rief Brakk den unsäglichen Worth zu sich und erklärte ihm alles.
“Steuern Sie den nächsten Stern an”, sagte Worth. “Machen Sie eine Feinmessung der Hyperstrukturen und vergleichen Sie vor allem die Werte für hyperstrahlende Quarze.”
“Dies ist kein Forschungsraumschiff!” sagte Brakk. “Für solche Messungen brauche ich Spezialgeräte.”
“Ihre Geräte reichen dafür völlig aus. Sie werden sehen, was ich meine”, erwiderte Worth. “Tun Sie Ihre Arbeit!”

1Während die MOONSHINE in nur einigen Millionen Kilometern Entfernung einen roten Zwergstern umkreiste, verglich Brakk die dürftigen Daten seiner Ortergeräte mit den Vorgaben der Schablone. Mitten in dieser Arbeit betrat die Baronin das Cockpit. Sie missachtete den Piloten vorerst völlig und blickte stattdessen konzentriert auf die Sonnenscheibe. Die fototropischen Eigenschaften der Kanzel dämpften das grelle, rote Licht soweit, das man direkt hineinschauen konnte, ohne das es einem in den Augen wehtat. Nach ein paar Minuten tippte sie auf Brakks Schulter. “Sie können aufhören. Dies ist nicht unser Ziel!”
“Worth und Quayne sind da vielleicht anderer Ansicht”, erwiderte Brakk mürrisch.
“Ich bin es, der Ihnen Ihre Befehle gibt!” zischte die Frau wütend. “Sie halten sich an das, was ich Ihnen sage, verstanden?”
Brakk hatte in diesem Moment große Lust, den Raumanzug abzudichten und die Kanzel abzusprengen… 'Ein bedauerlicher Unfall', dachte er zynisch. Dann schüttelte er unmerklich den Kopf und widmete sich wieder dem Ortungssystem.
Als er nach einer Minute aufschaute, stand die Baronin immer noch hinter ihm. Sie war so lautlos, als sei sie ein stummgeschaltetes Hologramm - sie bewegte sich ohne jedes Geräusch. Nicht einmal ihren Atem konnte Brakk hören, obwohl sie kaum einen halben Meter entfernt stand.
“Kann ich Ihnen eine Frage stellen?” erkundigte sich Brakk nach einem eisigen Blickkontakt.
“Das tun Sie bereits”, antwortete sie.
“Der Planet, von dem Sie stammen… Zantonyn? Ich habe noch nie von ihm gehört. Wo liegt er?”
“Versuchen Sie etwa, Konversation zu betreiben?” fragte sie amüsiert. “Oder wollen Sie mich aushorchen?” Sie stieß ein abgehacktes Lachen aus, das ebenso fremdartig klang, wie sich Worths Blicke anfühlten. Oder die Freundlichkeit Quaynes. “Zantonyn liegt am Rand des 'Großen Imperiums'. Schauen Sie ruhig in Ihren Katalogen nach - Sie werden es nicht finden. Wir waren bis zu dem Zeitpunkt, an dem der Schwarm kam, eine Strafkolonie Arkons. Wegen unserer abgelegenen Lage blieben wir von der Verdummung verschont. Als diese jedoch umgekehrt wurde, traf unsere Welt ein Ausläufer der 'Intelligenz-Strahlung'. Der durchschnittliche Intelligenzquotient der Zantonyner beträgt mehr als 200.”
“Das ist großartig”, meinte Brakk. “Damit gehören sie zu den sehr wenigen, die durch den Durchzug des Schwarms durch die Milchstraße einen Vorteil gewannen.”
“Nun, wie man es nimmt… Nachdem der Schwarm abgezogen war, versuchte Arkon uns wieder zu vereinnahmen. Wir wehrten uns mit den uns zur Verfügung stehenden Methoden und waren damit zu Anfang erfolgreich. Als wir eine arkonidische Delegation erwarteten, die einen Vertrag abschließen sollten, der uns Autonomie und Frieden garantiert, warfen sie stattdessen eine Arkonbombe ab. Zantonyn verbrannte.”
Brakk wusste darauf keine Erwiderung zu geben. Das arrogante Gebaren der “Nicht-Arkonidin” wurde damit verständlicher. “Das tut mir wirklich leid für Sie und Ihre Freunde…” begann er eine eher hilflose Erklärung.
“Unsinn. Wir hätten Arkon zerstören müssen, um Frieden zu bekommen! Unser Fehler war, dies nicht getan zu haben.”
“Ich glaube, Sie unterschätzen die Macht Arkons ein wenig!” sagte Brakk hart. “Sie haben auch heute noch die größte Flotte der Galaxis. Sie ist zwar technisch veraltet, aber immer noch eine mächtige Waffe, mit der die Arkoniden ihr Imperium zu schützen wissen.”
“Oh, zweifellos”, erwiderte die Baronin. Sie lächelte fast verträumt. “Aber Sie unterschätzen die Macht Zantonyns!” Sie blickte ihn mit einem verrückt wirkenden Ausdruck auf dem Gesicht an und drückte einen Zeigefinger gegen seine Stirn. “Wir wurden nicht nur intelligenter durch den Schwarm…” flüsterte sie. Dann zog sie erschrocken die Hand zurück und eilte aus dem Cockpit, als hätte sie ein Geheimnis verraten und versuchte nun der Konsequenz zu entfliehen.

Brakk untersuchte drei weitere Sonnen, ehe er beschloss, für heute mit der Suche aufzuhören. Es war fast Mitternacht, und er hatte seit dem Start von Terra kaum eine Pause gehabt. Auch wenn der Flug durch den Linearraum weitgehend vollautomatisch ablief und lange Stunden der Langeweile bedeutete, strengte dies doch an. Er rief Worth an, obwohl er erwartete, das dieser schon schlief. Doch der Mann war wach und hatte wie immer die schwarze Brille auf der Nase, obwohl es in seiner Kabine ziemlich dunkel war. Er hatte die Beleuchtung mit Handtüchern verdunkelt, so das die Einrichtung im Hintergrund zu unförmigen Schatten verschmolz. Worth war ein Umriss mit schwach erhelltem Gesicht davor. Zum ersten Mal bemerkte Brakk, das er durch die schwarzen Gläser hindurch das Weiße in den Augen des Anderen erkennen konnte; es glühte regelrecht hindurch.
“Was wollen Sie schon wieder?” fragte Worth.
“Ich mach Schluss für heute”, sagte Brakk. “Und wenn sie sich auf den Kopf stellen: ich-”
“Von mir aus”, unterbrach Worth gelangweilt, ehe er den Interkom abschaltete.
Brakk stieß pfeifend die Luft aus. Er wurde aus seinen Passagieren einfach nicht schlau. Sie reagierten nie so, wie man es erwartete.


10. Oktober 3585

Der Kaffee war wirklich miserabel, stellte Brakk missmutig fest, als er sich zum Frühstück hingesetzt hatte. Offenbar war die Maschine defekt - oder das Kaffeekonzentrat war schlecht geworden.
Er hatte nur wenige Stunden und zudem schlecht geschlafen und war nicht überrascht, das er von seinen Passagieren nichts sah und hörte. Er war nicht unfroh darüber, das sie ihn s früh am Morgen in Ruhe ließen; vermutlich würde er sich nicht genug mit ihnen herumärgern können. Die auffälligen Verhaltensanomalien, die sie an den Tag legten, waren selbst mit den Erläuterungen der Baronin noch immer recht unheimlich. Brakk konnte sich allerdings gut vorstellen, das die Vernichtung der Heimatwelt und die Schrecken der larisch-überschweren Herrschaft über mehr als ein Jahrhundert mehr als nur ein paar spuren hinterließen. Das Benehmen der Frau jedoch grenzte ans Abscheuliche - sie hielt offenbar jede andere Person für ein niederes Insekt, mit dem sie sich nur notwendigermaßen abgab. Worth - ein Arkoniden-Abkömmling mit alt-terranischem Namen? - legte ein vergleichbares Gebaren an den Tag, nur das er sich allem gegenüber gleichgültig gab, solange es ihn nicht persönlich anging. Er trug einen regelrechten Schutzschild mit sich herum, an dem alles abprallte, und würde vermutlich Gewalt anwenden, ohne weiter darüber nachzudenken. Er strahlte Aggressivität aus wie eine Art physikalischer Eigenschaft seines Körpers.
Amoralisch! Das war das Wort, das Brakk am zutreffendsten erschien. Es beschrieb ziemlich gut zumindest diese beiden Personen. Inwieweit auch Quayne dieser Umschreibung entsprach, konnte er noch nicht beurteilen. Er hatte erst zweimal mit ihm gesprochen und eine Form von Höflichkeit und Freundlichkeit an den Tag gelegt, die nicht echt erschien, aber auch nicht von einer verdeckten Bösartigkeit oder gar Hass sprach. Vielleicht war es jene gedankenlose Freundlichkeit, die ein Mann einem Tier entgegenbringen konnte, das er dennoch bedenkenlos schlachtete, wenn er hungrig wurde…
Brakk konnte ein Schaudern nicht unterdrücken, wenn er über das Trio nachdachte; daher versuchte er es zu vermeiden. Er hoffte nur, das er diesen Job recht schnell erledigen konnte. Sollte die Situation jedoch unerträglich werden, würde er die drei zur Erde zurückfliegen und ihnen das gesamte Geld zurückgeben.
Worth glitt so behende wie eine Raubkatze herein. Er streifte Brakk mit einem der üblichen kalt-gleichgültigen Blicke und entnahm dem Küchenautomaten ein Frühstückstablett.
“Guten Morgen”, grüßte Brakk. “Ich hoffe, Sie haben trotz des Reaktorgeräusches gut schlafen können. Einige meiner Passagiere haben sich darüber beklagt, dass ihnen das leise Summen auf die Nerven fällt.”
“Geschlafen?” fragte Worth. Er zeigte in einer Parodie des Lächelns weiße Zähne - ähnlich grinsten Katzen eine Maus an. “Ich konnte in meinem ganzen Leben noch nie schlafen. Glauben Sie, Ihr verdammtes Wrack von einem Raumschiff würde mich in den Schlaf singen?” Er stieß einen verächtlichen Laut aus und verschwand auf den schmalen Mittelgang.
Brakk rührte den schrecklichen Kaffee um und murmelte: “Ein einfaches 'Nein' hätte auch genügt.”
“Zürnen Sie ihm nicht, Freund”, sagte die weiche Stimme Quaynes, der nun hereinkam. Brakk fragte sich unwillkürlich, ob die beiden sich abgesprochen hätten.
Er hatte nun zum ersten Mal Gelegenheit, Quayne zu betrachten; vor dem Start und während der wenigen Worte im Cockpit hatte er keine Zeit dazu gefunden. Quayne war ein rundlicher Mann mittlerer Größe, mit einem weichen Gesicht und der Miene eines wohlgenährten Jünglings, dessen größte Sorge bisher darin bestanden zu haben schien, ob es regnen oder die Sonne scheinen mochte. Sein Alter war schwer zu bestimmen - er hatte praktisch keine Falten oder auch nur Unebenheiten, wie man sie mit dreißig Jahren bereits hatte. Achtzehn, zwanzig Jahre? Doch zugleich legte er viele Bewegungsmuster eines alten Mannes an den Tag; jede noch so kleine Geste wirkte sparsam und wohlkalkuliert. Quayne war somit ein merkwürdiger Widerspruch in sich selbst.
“Ich finde, dieser Mr. Worth ist ziemlich kaltschnäuzig”, sagte Brakk schließlich.
“Oh, ich kann durchaus nachvollziehen, was Sie an ihm - an jedem von uns - auszusetzen haben”, sagte Quayne milde lächelnd. Er setzte sich, nachdem er ein Tablett genommen hatte, Brakk gegenüber an den kleinen Tisch. “Die Baronin hat Ihnen natürlich erzählt, was sich auf ihrer Heimatwelt zugetragen hat. Auch Mr. Worth erlebte einige unerfreuliche Dinge, die ihn zu dem werden ließen, was er heute ist. Nun, mehr oder weniger…” Quayne kicherte wie über einen harmlosen Witz, erweckte dabei den Eindruck, als sei die eigentliche Pointe jedoch viel tiefgründiger, als sein Zuhörer ahnte. Brakk hatte in seinem langen Leben gelernt, solche Nuancen herauszuhören, obwohl er als junger Mann praktisch taub dafür gewesen war.
“Und Sie selbst?” erkundigte sich der Pilot nach einem kurzen Schweigen.
Quayne schürzte die Lippen, die von einem Baby stammen könnten. “Eine gute Frage. Eine berechtigte sogar… sagen wir, ich wurde zu dem, was ich sein wollte, als ich dazu die Gelegenheit hatte. Glauben Sie denn nicht an den freien Willen? Oder sind Sie einer jener neuen Deterministen, die glauben, das man trotz des Prinzips des Chaos keine Wahl habe, weil im großen und ganzen doch alles vorherbestimmt sei?”
Brakk hob hilflos die Schultern. “Ich glaube, das ist eine Frage, über die ich noch nie nachgedacht habe. Manchmal lassen einem äußere Umstände keine andere Wahl, als gegen seinen Willen zu entscheiden.”
“Das ist Determinismus”, sagte Quayne. “Die schlimmste Form, die ich kenne. Ein furchtbarer Irrglaube! Auch wenn Sie in ein schwarzes Loch fallen, ist Ihr freier Wille existent. Die Tatsache, das Sie Ihren Fall nicht mehr beeinflussen können, lässt ihn völlig unangetastet!”
“Was hat das mit freiem Willen zu tun?”
“Freier Wille bedeutet nicht, zu tun was einem beliebt, sondern zu sein, wie es einem beliebt.” Quayne deutete auf Brakks alte Uniform der Solaren Flotte. “Sie haben nie versucht, eine eigenständige Entwicklung einzuschlagen, sondern sind dem ausgetretenen Pfad einer Milliarde Piloten gefolgt, so blind und dumm wie ein Rind sich zur Schlachtbank führen lässt! Determinierte Entwicklung. Sie werden nie etwas anderes sein als ein alter Pilot - einer von Milliarden.”
“Ich bin ziemlich zufrieden mit dieser Aussicht”, sagte Brakk.
“Ja. Das ist etwas, das mich entsetzt”, erwiderte Quayne traurig lächelnd. “Sie habe Ihr Menschsein - nein, Ihre Menschwerdung durch den freien Willen! - weggeworfen. Bedauerten Sie dies nicht zumindest einmal in Ihrem Leben?”
“Nehmen Sie es mir nicht übel”, antwortete Brakk nach einem längeren Schweigen. “Aber ich fürchte, ich begreife nicht, was Sie mir sagen wollen.”
“Nein, das tun Sie wirklich nicht”, erwiderte Quayne. “Das ist unser aller Problem: ich sehe; Sie jedoch sind nicht nur blind, sondern wissen dies noch nicht einmal.” Er schob das Tablett mit dem fast unangetasteten Frühstück beiseite, stand auf und verabschiedete sich mit einem zuvorkommenden Nicken, ehe er die Küche verließ.
Halb erwartete Brakk nun, das die Baronin hereinkam, doch dem war nicht so. Er räumte alles weg und ging ins Cockpit. Die Sterne warteten darauf, vermessen und verglichen zu werden…

Drei weitere Sterne mit hoher Ähnlichkeit zum gesuchten Objekt ließen den Vormittag herumgehen. Kurz nach Mittag gab es endlich die gesuchte Übereinstimmung. Es war ein alter, kühler Roter Zwerg, der kurz davor stand, zu erlöschen. Er war mehr als elf Milliarden Jahre alt und somit einer der ältesten Sterne der Milchstraße, von denen Brakk gehört hatte. Brakk suchte in den Speichern der Positronik die Dateien heraus, die sich mit den verschlungenen Wegen der Sternentwicklungen befassten, und fand einen relativ seltenen Seitenast der Roten Zwerge, deren Hauptcharakteristika ziemlich ungewöhnliche Hypermerkmale waren, die mit denen dieses Sternes übereinstimmten. In der Milchstraße hatte man bisher nur etwa zweihundert gefunden, während die kosmologischen Fernortungen deren mehr als eine Million in den zahllosen Galaxien des “nahen Einsteinuniversums” registrierten. Ihre Spektralmerkmale waren aus großer Entfernung viel deutlicher wahrzunehmen, als innerhalb des Strahlungsdschungels einer Galaxis selbst. Nach den Aufzeichnungen machten diese Sterne einige recht sprunghafte Veränderungen ihrer physikalischen Kenngrößen durch - sie verloren überproportional Masse durch extreme Hyperaktivitäten, verloren dadurch zwei bis drei volle Spektralklassen - meist von einem G- über einen K- zu einem M-Stern - und neigten während der Übergangsphasen zu gewaltigen Plasmastürmen, die sich katalytisch auf nahe Sonnen auswirkten, so das durch einen heftige Ausbruch von Sonnenmaterie in einer jahrelangen Kaskadenreaktion bis zu mehreren Dutzend andere Sterne zu eigenen Ausbrüchen verleitet wurden. Die ungeheuren Hyperstürme in der arkonidischen Frühzeit waren auf ähnliche Weise entstanden. Deren Stärke hatte jedoch solche Ausmaße erreicht, weil ihr “Epizentrum” - mehrere gewaltige Supernovae - im dichten Zentrum der Galaxis lag.
Dieser Stern hatte seinen letzten Übergang vor etwa sieben Millionen Jahren durchgemacht; das ging aus dem Vergleich der Zerfallsprodukte zweier häufiger Isotope eines Hyperschwingquarzes hervor. Die Messkurve, die der entsprechende Orter aufzeichnet, war ziemlich gut in eine Tabelle einzuordnen, die in der Positronik gespeichert war.
Vor dem Übergang entsprach das Spektralmuster des Sternes exakt der Schablone. Dabei war den galaktischen Wissenschaften der postlemurischen Zeit dieser Sterntyp unbekannt gewesen, bis er von Tyll Leyden in der Mitte des 24. Jahrhunderts entdeckt wurde. Auch die Lemurer selbst - die fortschrittlichste Zivilisation, die man bis heute hatte dokumentieren können - hatten diesen Sterntyp vermutlich nicht gekannt. Nach mehr als tausend Jahren Lemurer-Forschung war sehr viel über ihren wissenschaftlichen Stand bis in die Anfangszeit des Krieges gegen die Haluter bekannt. Die grundsätzliche Erkenntnis, welche die Entdeckung solch absonderlicher Sterntypen voraussetzte, war Ihnen verwehrt geblieben. Nachdem der Vernichtungskrieg rollte, hatten die Lemurer besseres zu tun gehabt, als sich mit theoretischer Sternphysik zu beschäftigen: kriegswichtige Technologien mussten mit höchster Geschwindigkeit erforscht und umgesetzt werden…
Die Schablone - das Original, nicht diese Kopie aus der arkonidischen Mittelzeit - war uralt. Es hatte keinen Sinn, ein früheres Spektrum eines exotischen Sternes zu berechnen; es war schlichtweg nutzlos für jede praktische Anwendung. Kein Stern glich irgendeinem anderen so sehr, das ein genaues Profil bei einem anderen eine 100-prozentige Übereinstimmung zeigte - immer gab es viele kleine Unterschiede. Die Schablone konnte nur einen Stern beschrieben haben, der zum Zeitpunkt von ihrer Anfertigung noch in der beschriebenen Form existiert hatte!
“Sieben Millionen Jahre”, flüsterte Brakk beeindruckt.
Der Stern war nur eine trübe rote Funzel mit einem Drittel der solaren Masse. Er sah alles andere als beeindruckend aus, aber er war von einer sehr fortschrittliche Rasse zu einem Zeitpunkt dokumentiert worden, als auf der Erde lediglich ein Haufen Affen herumgelungert hatten.
“Die Überreste dieser Zivilisation zu finde, wäre eine Sensation!” sprach er zu sich selbst. “Also das ist es. Diese drei Verrückten jagen einer uralten Zivilisation hinterher.”
“Auch wenn die Umschreibung beleidigend ist”, kam eine unerwartete Antwort. “So entspricht sie doch einigermaßen der Wahrheit.”
“Sie müssen ein Gespenst sein, so lautlos wie Sie sich bewegen”, sagte Brakk, ohne nachzuschauen. “Es gibt ein Sprichwort auf der Erde über Lauscher an der Wand. Beschweren Sie sich also nicht über wenig schmeichelhafte Bemerkungen!”
“Tue ich das? Nein”, beantwortete die Baronin ihre eigene Frage. “Sie haben den Stern gefunden. Irsun ist also nahe…”
“Heißt diese Sonne so?” wollte Brakk wissen.
“Nein. Wo sind die Planeten?”
“Es gibt keine”, antwortete Brakk.
“Es muss welche geben. Vier Planeten; der dritte war bewohnbar für Menschen”, erklärte Carlya da Zantos. “Sie müssen einen Fehler bei der astrophysikalischen Kartierung gemacht haben!” Sie stieß ein abfälliges schnauben aus. “Das hätte ich mir denken können - das Sie nicht mal dazu imstande sind, vier Planeten zu finden!”
“Sie können gerne eigenhändig nach diesen Planeten suchen”, bot ihr Brakk an. Er erhob sich aus dem Pilotensessel. “Bitte sehr.” Er trat zur anderen Seite weg.
Die Baronin zögerte nur einen kleinen Moment, ehe sie sich setzte und mit anfänglich unsicheren Handgriffen die Ortungsgeräte bediente. Binnen weniger Minute wurden ihre Bewegungen zielsicher und schnell, als hätte sie seit Jahren nichts anderes getan, als Sonnensysteme zu vermessen.
“Das ist völlig ausgeschlossen”, sagte sie schließlich, als sie ihre Bemühungen eingestellt hatte. Sie wirkte wie ein Mathematiker, der bei einer simplen Addition ein offensichtlich grundfalsches Ergebnis erhielt, jedoch einfach keinen Fehler in der Rechnung zu finden vermochte. “Es ist einfach unmöglich.”
“Vermutlich sind die Daten, aus denen die Existenz von vier Planeten hervorgeht, verfälscht worden”, meinte Brakk. “Oder sie wurden durch ein astrophysikalisches Ereignis aus dem System entfernt.”
“Ach ja? Wodurch denn - ein planetenfressendes Ungeheuer vielleicht?”
“Nun, es gab in den letzten paar Millionen Jahren das Suprahet, den Schwarm - zweimal! - und die Haluter. Das sind drei durchaus denkbare Erklärungen.”
“Nicht in diesem Fall!” schrie Carlya. “Sie haben keine Ahnung, um was es hier geht. Sie hätten das Suprahet wie einen Schmutzfleck beseitigt! Die Haluter wären für sie ein Ärgernis gewesen - lärmenden Kindern vergleichbar. Sie hätten den Schwarm zerschlagen können!”
“Und warum taten sie es dann nicht - wer immer sie sein mögen?” fragte Brakk lakonisch.
“Es gibt sie schon lange nicht mehr”, antwortete Carlya plötzlich wieder ruhig. “Aber ihre Planeten muss es noch geben. Es kann gar nicht anders sein!”
“Nun, dann gibt es sie jedenfalls nicht mehr in diesem System”, sagte Brakk. “Wundert Sie das? Selbst wir Menschen haben inzwischen gelernt, Planeten und sogar kleine Sonnen zu bewegen!”
“Ja. Ja, natürlich!” rief sie aus. “Wie einfältig von mir, anzunehmen, sie würden ihr Erbe jedem dahergelaufenen Tier präsentieren!” Sie sah in die Schwärze des Alls hinaus und schloss dann die Augen. Eine ganze weile rührte sie sich nicht mehr, dann stieß sie mit einem wütenden Fauchen die angehaltene Luft aus. Doch sie schien nicht unzufrieden zu sein. “Natürlich wollen sie nur Würdigen den Weg öffnen… Möglicherweise ist Ihre Anwesenheit ein Hindernis für unser Vorhaben. Obwohl, andererseits kann ich mir nur schwer vorstellen, das sie sich an der Präsenz eines Insekts stören würden…” Sie sprang auf und eilte aus dem Cockpit, den Piloten achtlos zurücklassend.
“So”, sagte Brakk ernst. “Ein Insekt…” Er sah lange auf den glühenden Stern, dann zur halboffenen Tür. Leise drangen Fetzen einer erregten Debatte herüber. Worth schien einen Vorschlag zu machen, der die anderen beiden für Sekunden zum schweigen brachte, ehe sie etwas erwiderten. Leise Geräusche deuteten darauf hin, das die drei etwas taten.
Brakk schloss die Tür und verriegelte sie gründlich. Sie war raumfest, würde also kaum irgendwelchen Ausbruchversuchen nachgeben. Danach öffnete er eine Bodenklappe, unter der sich der altvertraute Anblick eines zusammengelegten Kampfanzuges der Solaren Flotte bot. Brakk verlor keine Zeit mit unnötigen Handlungen, sondern legte ihn sofort an und entsicherte den Kombistrahler. Der Besitz der Ausrüstung war illegal, aber er hatte sich um zumindest dieses alte Gesetz des Solaren Imperiums nicht gekümmert. Die Galaxis war auch nach dem Abzug der Laren und der Kapitulation der Überschweren noch immer ein sehr großer Ort mit vielen kleinen Gefahren.
Es klopfte mehrmals an der Tür. Brakk sagte nichts, sondern richtete die Mündung auf die Mitte der rechteckigen Fläche.
Mit einem Knacken sprang der Interkom an. “Machen Sie keinen Unsinn”, sagte Quayne mit milder Ungeduld. “Wir können zu einer Einigung gelangen, wenn Sie vernünftig sind und die Tür öffnen.”
“Aus irgendeinem Grund glaube ich Ihnen nicht”, sagte Brakk. “Ich frage Sie: warum wohl?”
“Sie haben mein Wort, das wir keinem Menschen etwas zuleide tun können!” antwortete Quayne eindringlich. “sie scheinen eine gute Personenkenntnis zu haben, daher frage ich Sie: glauben Sie mir dies etwa nicht?”
Brakk lachte hart auf. “Oh, und wie ich dies Ihnen glaube. Nur haben sie mir den Eindruck vermittelt, nach Ihren Kriterien nicht menschlich zu sein. Ein Tier, sagten Sie? Die Baronin bezeichnete mich sogar als Insekt. Und Worth ist ein Killer, nicht wahr?”
“Er hat noch nie einen Menschen getötet”, erwiderte Quayne. “Nur Tiere. Es wäre bedauerlich, wenn Sie mich dazu zwängen, etwas gegen Sie unternehmen zu müssen.”
“Sie glauben doch nicht wirklich, ich würde mich freiwillig von Worth umbringen lassen!” brüllte Brakk.
“Nein, nicht wirklich”, seufzte Quayne. “Sie haben nach wie vor nicht die geringste Vorstellung was wir sind.” Er schaltete den Interkom ab.
“Verfluchte Bande”, presste Brakk zwischen den zusammengebissenen Zähnen hervor. Er fragte sich, was sie nun unternehmen wollten. Vielleicht schalteten sie den Reaktor ab, so das alle Bordsysteme ausfallen würden. Dadurch würden alle Verriegelungen automatisch gelöst werden; eine Sicherheitsmaßnahme um zu verhindern, das Besatzungsmitglieder in einer abgeschotteten Sektion festsaßen. Aber es würde schon genügen, wenn sie nur die Energieleitungen zum Cockpit unterbrachen…
Es geschah jedoch etwas völlig Unerwartetes.
Mitten in der Türplatte beulte sich der Stahl aus, als etwas mit Wucht dagegen prallte. Brakk riss erschrocken die Augen auf, als er dies sah: die Platte war acht Zentimeter stark und bestand aus Terkonit. Er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, was stark und fest genug war, um eine halbmetergroße Beule hineinzuschlagen.
Dem Schlag folgten zwei, drei weitere, dann schien es, was immer es war, die Erfolglosigkeit seiner Bemühungen einzusehen. Der Interkom knackte…
“Eine beeindruckende Vorstellung”, sagte Brakk, der hoffte, das man seine Unsicherheit nicht bemerkte.
“Finden Sie?” meinte Quayne, der sich anhörte, als redeten sie über Belanglosigkeiten. “Nun, ich muss zugeben, das ich mit einer so hohen Stabilität nicht gerechnet habe. es ist das erste Mal, das ich es mit Terkonitpanzerstahl zu tun habe. Steine sind ungleich einfacher…”
“Nun, die MOONSHINE ist jedenfalls nicht aus Stein gemacht!”
“Das habe ich auch nicht erwartet”, erwiderte Quayne mit leichtem Spott. “Ich kann förmlich hören, wie es in Ihrem Gehirn rumort und Sie sich fragen, was ich überhaupt gemacht habe.”
“Nun”, sagte Brakk. “Ich schätze, Sie benutzen einen energetischen Hammer, auch wenn ich nicht verstehe, wie sie den an Bord unterbringen konnte. Ihre Kisten jedenfalls waren zu klein, um ihn darin unterzubringen.”
“Ein Hammer”, kicherte Quayne. “Putzig, nicht wahr?” rief er seinen Gefährten zu. “Ach, mein lieber Pilot Brakk… so ganz unrecht haben Sie freilich nicht. Aber diesen… Hammer trage ich seit jeher in meinem Kopf herum. Sicher haben sie schon von Telekineten gehört?”
Brakk verstand in der ersten Sekunde nicht, was er damit sagen wollte; dann war er einen Moment der festen Überzeugung, es sei eine dreiste Lüge. Aber etwas in ihm sagte ihm dann energisch, das es der Wahrheit entsprach: Rogard Quayne setzte telekinetische Kräfte ein!
“Ja”, brachte Brakk schließlich heiser hervor. “Aber wenn Sie ein Telekinet wären, könnten Sie die Verriegelungen leicht lösen.”
“Ich bin, was meine telekinetischen Kräfte angeht, eher ein Grobmotoriker”, sagte Quayne bedauernd. “Außerdem stellen solch banale Hindernisse wie eine Terkonitpanzertür derzeit noch ein gewisses Problem dar, sonst hätte ich mich längst Ihnen persönlich gewidmet. Wir sind nicht unbedingt die Sorte Mutanten, die ihnen vom Solaren Mutantenkorps her bekannt ist.” Er schien daraufhin eine Antwort Brakks zu erwarten, doch der Pilot schwieg.
Er schaltete den Hyperfunksender ein und setzte einen Standardnotruf ab, dem er zugleich eine Warnmitteilung anhängte, wie sie bei Seuchen an Bord oder vergleichbaren Gefahren, die auf andere, zu Hilfe eilende Schiffe überspringen konnte, üblich war.
“Es wäre angenehmer für uns alle, wenn Sie freiwillig aufgäben”, fuhr Quayne mit seiner sanften Stimme fort. “Mister Worth kann sehr unangenehm sein… seine Kräfte sind bedeutend brachialer als meine - und entschieden effektiver bei Gewaltanwendungen.”
“Tatsächlich?” höhnte Brakk. “Wenn er so stark ist, warum versucht er es dann nicht einmal?”
Einige Sekunden schien Quayne ehrlich verblüfft zu schweigen, dann sagte er mit einem merkwürdigen Unterton: “Wenn Sie es so wünschen, soll es geschehen.”
Die Baronin lachte abgehackt und sagte dann leise im Hintergrund: “Ich halte solange deine Brille, Worth.”
Eine Sekunde später begann die Tür zu glühen. Ein dunkelroter Fleck aus Hitze breitete sich über die Fläche aus und wurde rasch in seiner Mitte grellweiß. Terkonit schmolz erst bei Temperaturen um dreißigtausend Grad, und die Stahltür war bereits nach wenigen Sekunden dabei, weich zu werden.
Brakk zog sich bis zum Pilotensessel zurück und legte die linke Hand auf den Aktivierungsschalter für den Individualschirm, obwohl er nicht glaubte, das er gegen die Parakräfte etwas nützen würde.
Die Beule in der Tür riss mit einem dumpfen schmatzenden Geräusch, als Quayne erneut seine Fähigkeit einsetzte; das Terkonit war plastisch geworden und verhielt sich nun wie ein zäher Teig. Sonnengrelles Licht stach durch das entstandene Loch und blendete Brakk für einen kurzen Moment, ehe die Schutzfilter des Helmes einsetzten. Die Türplatte verbog sich in mehrere Lappen, die von ungeheuren Kräften nach innen gedrückt wurden. Die Hitze, die das weißglühende Metall ausstrahlte, war selbst durch die isolierenden Schichten des Kampfanzuges fühlbar. Durch das Loch stachen winzige, grelle Punkt-Sonnen - ohne weiteren Anhaltspunkt wusste Brakk, das es Worth's Augen waren.
'Ein Zünder', dachte er entsetzt. 'Oder etwas ähnliches. Jesus in der Wüste, der Mistkerl ist ein lebender nuklearer Schweißbrenner!' Er schaltete den IV-Schirm ein, feuerte den Kombistrahler ab und sah, wie ein tosender Impulsstrahl zwischen den glühenden Augen des Mutanten einschlug, scheinbar ohne etwas auszurichten.
1Quayne zerfetzte die Tür nun, wo sie eine erhebliche Schwachstelle hatte, mit Leichtigkeit. Worth stieg als brennender Schemen durch das Loch und berührte ohne irgendwelche Schäden zu nehmen die glühenden Ränder der Öffnung. Seine Kleidung war zu Asche zerfallen, seine Haut selbst brannte lichterloh wie Magnesium. Worth erweckte den Eindruck eines Dämonen aus der tiefsten Hölle. Er verbreitete Hitze wie ein Kernbrand. Alles im Gang draußen, das nicht extrem hitzefest war, existierte nicht mehr; war verbrannt, verdampft oder geschmolzen. Der Korridor sah auf mehreren Metern aus wie das Innere eines abkühlenden Hochofens. Worth verbrannte durch seine bloße Anwesenheit große Teile des Cockpit-Inneren. Brakk sah auf einen Blick, das die MOONSHINE reif zum Verschrotten war. Er verspürte einen wahnsinnigen Hass auf die drei Mutanten und schoss mit allem, was der Kombistrahler hergab, auf den brennenden Worth. Der lachte nur und schlug mit einer weit ausholenden Bewegung mit bloßen Händen gegen den IV-Schirm. Der Entladungsblitz, der folgte, war so stark, das Brakk rücklings auf die schmelzenden Instrumente der Steuerkonsole geschleudert wurde, während Worth verwundert einen leisen Schrei ausstieß und seine Hände anstarrte, die er sich anscheinend wider Erwarten verletzt hatte.
Der Pilot legte wieder mit der Waffe an und schaltete den Feuermodus um, ehe er abdrückte.
Kombistrahler waren einst entwickelt worden, um gegen die Baalols mit ihren Fähigkeiten, einen gewöhnlichen Energieschirm tausendfach zu verstärken, etwas ausrichten zu können - deren Nachteil hatte darin bestanden, das sie entweder ausschließlich gegen energetische oder mechanische Angriffe schützten. Trafen sowohl ein Energieschuß wie ein Projektil gleichzeitig den Schirm, durchschlug eins von beiden die Feldstruktur und traf den Baalol. Später, als die sogenannten Antimutanten keine Gefahr mehr darstellten, hatten die Waffenentwickler einige Serien von Kombistrahlern gebaut, die verschiedene Projektile verschießen konnten, indem sie Variomunition entwickelten. Je nach gewählter Wirkung konnten sie von einfacher Durchschlagskraft als rein mechanisches Geschoss bis hin zu mikronuklearen Explosionen mehrere unterschiedlich starke Effekte auslösen.
Das Varioprojektil schlug in Worth's glühenden Körper ein wie ein Meteor in einen urzeitliche Lavasee. Dann detonierte es mit einer an atomare Energie heranreichenden Kraft.
Worth blieb einige Sekunde lang auf den Beinen stehen. In seiner Rumpfmitte klaffte ein Krater; glühende Körpersubstanz war zu allen Seiten weggespritzt und hatte sich zischend durch Bodenbeläge und Konsolenabdeckungen gebrannt. Worth begann rapide abzukühlen und verlor seine grelle Leuchtkraft, um nach kaum fünf Sekunden zu einem lavaroten Monstrum zu werden, das Brakk direkt anschauen konnte, ohne geblendet zu sein. Einzig Worth's Augen behielten ihre sonnenhafte Stärke.
Brakk richtete sich auf und rutschte von den brennenden Steuerkontrollen herunter, bis er unsicher wieder auf eigenen Beinen stand. Er lud das untere Rohr der Waffe erneut durch und zielte ins Gesicht des Ungeheuers.
Worth schloss die Augen. Weiter blieb er wankend stehen, obwohl es eigentlich unmöglich sein musste, das jemand nach einem solch verheerenden Treffer - ein Mensch, sogar ein Oxtorner wäre von der mikronuklearen Ladung zerfetzt worden! - noch lebte.
“Nette Show”, zischte Brakk, ehe er schoss.
Vom Kopf des Mannes blieb nichts übrig. Die glühende Substanz, aus der sein Körper bestand, lief aus dem zerschossenen Rumpf heraus und bildete einen brodelnden See, der sich knackend abkühlte.
'Metall', dachte Brakk benommen bei diesem unglaublichen Anblick. Worth sah nun aus wie eine Gussform, aus der flüssige Bronze herausrann. Die verfestigte “Schale” knirschte bei weiteren Abkühlen und zersprang.
Ihm fielen die anderen beiden ein. Soweit er es beurteilen konnte, stellte Quayne die größte Gefahr dar; mit seinen telekinetischen Hammerschlägen konnte er ihn zweifellos töten. Welche Fähigkeiten die Baronin hatte, wusste er nicht - er war auf alles gefasst, was er sich vorstellen konnte, doch bereits Worth hatte seine Phantasie deutlich übertroffen.
Brakk zögerte nicht lange, sondern sprang in den zerstörten Korridor hinaus. Das Inferno, das Worth entfesselt hatte, konnten die beiden nur hinter dem Schott zum Maschinenraum überstanden haben. Vermutlich waren sie noch völlig ahnungslos, was geschehen war. Trotz seiner Vermutung ging er auf Nummer Sicher und schaute unterwegs in jeden Raum hinein. Er wollte de beiden sofort erschießen, wenn er sie sah. Vor vielen Jahren hatte man den Rekruten bei der solaren Flotte auch mit der Möglichkeit konfrontiert, es mit feindlich gesonnenen Mutanten zu tun bekommen. Unbedingtes Ziel sollte sein, sie so schnell wie möglich auszuschalten; die geringste Verzögerung konnte nicht nur den eigenen Tod bedeuten, sondern auch den aller anderen. Brakk hatte nicht die geringste Skrupel, diese alte Taktik nun sofort in die Tat umzusetzen.
In den Kabinen des Trios lagen die geöffneten Kisten, ihr Inhalt war verschwunden. Also musste er nun damit rechnen, das sie außerdem noch bewaffnet waren.
Er blieb vor dem Schott zum Maschinensektor stehen und drückte auf den Öffner. Das noch um einiges dickere Schott als die Cockpit-Tür schwang langsam nach außen auf. Der Lärm des Reaktors drang nun ohrenbetäubend auf den Gang hinaus. Brakk verbarg sich in der offenen Tür zur Naßzelle und wartete.
Nach einer halben Minute kam Quayne als erstes heraus. Er hatte einen der Überlebensschutzanzüge für Weltraumhavarien angezogen, der einen notdürftigen Schutz gegen die Hitze im Gang darstellte. Noch immer kochte die Luft. Der robuste Bodenbelag war selbst hier hinten, fünfzehn Meter vom Cockpit entfernt, verschmort.
“Worth?” rief Quayne unsicher. “Haben Sie ihn erwischt?” Er spähte den Gang hinab zum Cockpit. Offenbar konnte er mit dem Anblick, der sich ihm dort bot, nicht viel anfangen. “Worth!” wiederholte er. “Antworten Sie doch!” Er ging langsam vor und achtete auf nichts, das nicht direkt vor ihm war, so das er der offenen Tür zur Naßzelle keine Beachtung schenkte.
Als Quayne vorüber war, sprang Brakk hervor und legte auf den Telekineten an. Ehe er abdrücken konnte, erhielt er einen schlag in den Rücken und stürzte der Länge nach zu Boden, wobei er Quayne mit sich riss. Der Mann fing an zu kreischen wie eine Sirene und schlug und trat wild um sich. Der Kombistrahler rutschte weg.
Brakk rollte sich zur Seite und wollte aufstehen, doch etwas riss ihn gewaltsam zu Boden und presste ihn flach an, als lastete die Schwerkraft eines Sternes auf ihm.
“Nicht schlecht”, keuchte Quayne. Er rappelte sich mühselig auf und taumelte gegen die rechte Wand. “Ich habe selten ein so schlaues Tier erlebt. Sie wären ein hervorragender Mensch geworden, sie verdammter Narr!”
“Hören Sie sich eigentlich jemals selbst zu - oder merken Sie ohnehin nicht mehr, was für einen Unsinn Sie erzählen?” stöhnte Brakk.
“Machen wir es schnell”, sagte die Baronin, die ihn rücklings niedergeschlagen hatte. Sie starrte angewidert auf den an den Boden gefesselten Mann und hob den Kombistrahler auf. “Das ganze Schiff ist zerstört - und es ist seine Schuld!”
“Worth hat die Hölle entfesselt”, berichtigte Quayne. “Bleiben wir doch bei der Wahrheit. Es hätte genügt, wenn er die Tür aufgeschmolzen und ihn getötet hätte, aber er konnte sich wieder einmal nicht zügeln.”
“Wir hätten uns mit diesem Ungeheuer nicht einlassen sollen”, erwiderte Carlya da Zantos. “Er war nicht besser als dieses Ungeziefer.” Sie zielte auf Brakk und nickte Quayne zu. “Schalten sie den Schirm ab, sonst reflektiert er die meiste Energie zu uns zurück.”
Quayne gab keine Antwort, sondern starrte Brakk an. Nach einigen Sekunden biss er sich auf die Unterlippe und sagte: “Es geht nicht - die Schaltung ist zu klein. Außerdem schwächt die Feldstruktur meine Kräfte.”
“Was soll das heißen?” schrie die Frau fast hysterisch. “Dass Sie eine Terkonitstahltür aufbrechen, aber keinen lumpigen Schalter umlegen können?”
“Es geht einfach nicht…” flüsterte Quayne. Sein rundes Kinder-Gesicht hatte sich vor geistiger Anstrengung zu einer gespenstischen Fratze verzerrt.
Brakk spürte geisterhafte Finger über sich gleiten, doch sie waren so schwach, das sie nicht einmal seinen Arm anheben konnten. Der schwere Druck, der auf ihm lastete, wurde auf den Feldschirm selbst ausgeübt und durch den Generator im Tornister auf ihn übertragen. der Energieschirm stellte also doch ein Hindernis für den Telekineten dar!
“Brakk!” sagte Carlya. “Sie schalten jetzt Ihren IV-Schirm aus, oder Quayne wird Sie erwürgen!”
“Das glauben Sie doch selbst nicht”, antwortete der Pilot und stieß ein krächzendes Lachen aus. Sekunden später jedoch fühlte er einen zunehmenden Druck an der Kehle. Quayne schien alle Kräfte zu mobilisieren, die er hatte, und vernachlässigte sogar die telekinetische Fessel, mit der er Brakk am Boden festgenagelt hatte. Doch trotz allem brauchte Brakk nur die sehnigen Halsmuskeln anzuspannen, um den mörderischen Bemühungen standzuhalten.
“Sie sind unfähig”, schrie Carlya dem anderen Mutanten zu. “Ich kann nicht glauben, das Sie beide solche Versager sind! Ich hätte pariczanische Söldner anwerben sollen, statt mich mit Ihnen beiden einzulassen!”
Quayne hörte mit seinen Versuchen, Brakk zu töten, auf und warf Carlya einen Blick zu. Einen Moment später flog der Kombistrahler in seine Hände. Die Mündung wies sofort auf die Baronin.
“Sie sind eine Närrin”, sagte er laut. “Sie denken nur an ihre lächerliche Rache an Arkon. Glauben sie ernsthaft, ich wollte mir die Technologie der höchstentwickelten Rasse des bekannten Universums aneignen, nur um damit ein lumpiges Sonnensystem wie das von Arkon zu vernichten?” Er lachte kurz auf. “Was für eine kindliche Vorstellung. Meinetwegen könne Sie Ihrer tierhaften Rache frönen, doch ich werde mich bestimmt nicht damit zufrieden geben.”
“Ohne mich haben Sie keine Chance, zu ihnen vorzudringen. Nur ich entspreche allen Voraussetzungen”, sagte Carlya. “Sie… dumme Kreatur. Sie sind kein Mensch, sondern nur eine Abnormität. Ein abscheuliche Erfindung aus einem larischen Genlabor. Wissen Sie, Brakk, wer seine Eltern sind? Genetische Fragmente Dalaimoc Rorvics und Ribald Corellos sowie eine Brutmaschine der Aras. Er ist kein Mensch, sondern ein Fehlschlag!”
Quayne begann zu zittern wie ein getretener Hund. “Ich bin menschlicher als alles, was diese Galaxis je zuvor gesehen hat. Ich bin, was ich sein will!” brüllte er. “Mein Freier Wille Ist Gesetz!”
“Eine kaputte Waffe ist er, eine Lachnummer im larischen Oberkommando. Sie haben diesen lächerlichen Telekineten zum Sterben in der marsianischen Wüste ausgesetzt. Wenn ich ihn dort nicht gefunden hätte, wäre er zu einem kuriosen Fossil zukünftiger Paläontologen geworden.” Sie lachte gehässig und deutete dann mit einem pfeilartig vorgestreckten Zeigefinger auf Quayne. “Er glaubt, ich wüsste nicht, was er will; was er seit Jahren erträumt! Kaiser der Galaxis will er werden; Gottkaiser des Universums gar! Größenwahnsinnig wie kein Zweiter vor ihm ist er. Dabei ist er nicht einmal imstande, einen verdammten Schalter umzulegen!”
“Ich kann ganz andere Dinge umlegen, wenn sie es darauf anlegen!” schrie Quayne zurück. Er legte zitternd auf die Frau an, doch die grinste nur geringschätzig. “genetische Konditionierung - er ist unfähig, zu töten, solange er keine Anweisung dazu erhält. Er versucht, diese Blockade zu umgehen, indem er sich seine abstruse Menschen-Philosophie zurecht fabulierte - aber das Problem ist, das er selbst nicht so recht daran glaubt!” Sie breitete die arme aus und drehte sich um sich selbst. “Los, Quayne, schießen sie. Erschießen Sie mich!” lachte sie ihn aus.
Quayne zitterte nun noch stärker, als habe er einen Schüttelkrampf, doch aus der Waffe löste sich kein Schuss.
“Insekt!” stieß Carlya hervor. Sie entwand dem Telekineten den Kombistrahler und stieß ihn von sich fort. Quayne fiel zu Boden wie ein Mehlsack. Schweiß und Tränen machten sein Gesicht nass.
“Quayne”, rief Brakk laut, während er sich an der Wand hochzog. “Töten Sie sie!”
Die beiden erstarrten, dann wurde Carlya übergangslos gegen den Boden geschmettert, als hätte eine Riesenhand ein Spielzeug fortgeworfen. Knirschende Geräusche verrieten das Brechen von Knochen. Brakk warf sich nach vorne und schnappte sich die Waffe. Eine Sekunde später durchbohrte der lanzenartige Impulsstrahl den Telekineten.
Brakk ließ sich zu Boden fallen und hockte sich erschöpft neben die reglose Frau. Das alles hatte vielleicht nur zehn Minuten gedauert, aber es waren die längsten zehn Minuten seines Lebens gewesen.
“Gut…” flüsterte Carlya plötzlich. Ihre Augen bewegten sich unruhig und blickten ins Leere. Nichts anderes bewegte sich an ihr; nur ihre Mundwinkel verzogen sich zu einem schwachen Lächeln. “Guter Trick… Sie sind schlau…”
“Wahnsinn!” stieß Brakk erbittert hervor. “Sie alle waren wahnsinnig! Warum musste es so kommen?”
“Sie haben ja keine Ahnung… nicht die geringste Vorstellung… Ein Volk… mächtig, ungeheuer mächtig… Über den Superintelligenzen, nahe den Kosmokraten… Sie verstehen dies natürlich nicht… Ich habe Wissen, das über alles, was Sie sich vorstellen können, hinausgeht.”
“Glauben sie im Ernst, Sie hätten diese… diese Wesen dazu gebracht, Ihnen ihre Technologie für einen Vernichtungsschlag gegen Arkon zur Verfügung zu stellen?”
“Es gibt sie nicht mehr, schon unendlich lange nicht mehr. Schon damals, vor acht Millionen Jahren, waren nur noch wenige ihrer Spuren erkennbar. Es reicht so weit zurück, so unendlich weit… Vielleicht waren sie die ersten Intelligenzen im ganzen Universum…” Carlya verstummte und blieb so lange still, das Brakk annahm, sie sei tot, doch als er ihre Schulter berührte, sprach sie weiter. “Bedingungen… sind notwendig, um ihr Erbe anzutreten… Intelligenzquotient sehr hoch… Vielleicht wäre sogar ich zu dumm für sie…” Sie verdrehte die Augen, bis sie Brakk sehen konnte. “Ich habe mich verschwendet… Es tut mir leid…”
Brakk wartete lange, dann drückte er ihr die Lider zu.

Einige Stunden später wurde er von einem Raumschiff, das den Notruf empfangen hatte, aufgenommen. Die MOONSHINE blieb, wrack wie sie nun war, auf einer Absturzbahn bei dem kleinen roten Stern zurück; die Leichname der drei wahnsinnigen Mutanten an Bord. Alles verglühte spurlos in der Zwergsonne…

ENDE