Blutegel

von Hakuyu
GeschichteDrama, Horror / P18
OC (Own Character)
04.02.2016
03.05.2020
59
396.587
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04.02.2016 1.334
 
Yoko war unausstehlich gewesen.
Eine große Lilie auf dem Platz, an dem sie gesessen hatte, war das Einzige, was von ihr übrig geblieben war. Groß, elegant und weiß, wie der Tod selbst. Gerne drehte Hiruko sich möglichst unauffällig um, damit sie die Blume betrachten konnte, wie sie still und andächtig in ihrer hohen, gläsernen Vase stand.
Diese Blume hinter sich zu haben, war um vieles angenehmer, als diesen glühenden, raubtierartigen Blick in ihrem Nacken zu spüren. Es machte sie weniger nervös. Ohne Yoko fühlte sich das Klassenzimmer seit ein paar Tagen leerer an, als sonst. Leerer, aber sicherer. Es war nicht so, dass der Tod ihrer Mitschülerin Hiruko besonders traf oder sie ihn gar bedauerte. Gefühle wie diese kamen ihr nicht in den Sinn.
Nein, sie war nur erleichtert. Für den Rest ihrer Klasse war Yokos Tod hingegen ein Schock. Schließlich war sie sehr beliebt gewesen. Das Zentrum der Klasse, welches alle seine Mitschüler wie ein schwarzes Loch an sich zog und verschluckte.
Mehr als ungünstig war es nur, nicht von ihr gemocht zu werden. Das hatte Hiruko erfahren müssen. Dabei wusste sie nicht, ob Yoko selbst damit angefangen hatte oder ihre Gefolgsleute. Es spielte auch keine Rolle, selbst, wenn die Anführerin nicht dabei gewesen war, hatte sie sie im Abseits grinsen sehen. Es war eine Gruppe von vier Mädchen gewesen – mittlerweile drei.
Lange Zeit hatte Hiruko gedacht, sie taten es nur aus Spaß, aus Langeweile. Wollten ihrem öden, ach so perfekten Leben den gewissen Kick geben. Und wer gab ein besseres Ziel ab, als die Außenseiterin, die keine wirklichen Freunde hatte? Hiruko hatte sich nie wirklich um den Kontakt mit Mitschülern bemüht. Aber selbst ihr war im Laufe der Zeit aufgefallen, dass sich die anderen Schüler der Klasse von ihr distanziert hatten, nachdem die ersten Attacken losgegangen waren.
Vielleicht hatten sie Angst, als nächstes Opfer zu enden, wenn sie ihr beistanden. Sollten sie doch. Es kümmerte sie nicht. Sie selbst hätte vermutlich genauso gehandelt. Die Erfahrungen mit den Angriffen, die sie gemacht hatte, bestätigten nur, dass sie sich auf keinen Fall freiwillig in eine Situation begeben würde, die dieses Mobbing provozieren könnte. Und einem Opfer zu helfen gehörte unweigerlich dazu.
Hiruko sah sich mit finsterem Blick im Klassenraum um.
Alle anderen Schüler saßen über ihre Tische gebeugt und bearbeiteten fleißig den vorgelegten Test. Die Federn der Füller kratzen auf dem Papier. Einen Test, welcher Werte wie Kreativität, räumliches Denkvermögen und ähnliches ermitteln sollte. Doch gab es nur ein Thema, welches Hirukos gesamten Klassenkameraden in Atem hielt. Yokos Tod. Der einzige, bekannte Fakt war allerdings, dass Yoko leblos und bis aufs Unkenntliche entstellt eines frühen Morgens in einem Fluss treibend gefunden wurde.
Zweifelsohne kein natürlicher Tod. So gab es unzählige Gerüchte und Spekulationen über das Motiv. Einige wetteten auf eine Eifersuchtstat eines fallengelassenen Verehrers oder eines Neiders, andere auf den kaltblütigen Mord eines Triebtäters. Verhaltene Stimmen wiederum spekulierten auf einen schrecklichen Unfall.
Wieder andere schoben einem Ghoul dieses unmenschliche Verbrechen zu.
Und offenbar waren ihre Mitschüler nicht die einzigen, die sich für die Hintergründe von Yokos Tod interessierten.

Zwei Polizisten hatten gleich am Tag des Leichenfundes die Schule besucht.
Zuerst waren Yokos drei, vollkommen aufgelöste Freundinnen aus dem Klassenraum geholt worden. Zur Befragung. Waren sie laut Yokos Angehörigen die Personen gewesen, die Yoko am nächsten standen. So die Begründung. Umso erschrockener war Hiruko, als sie nach einiger Zeit folgen sollte. Sie war gesondert verhört worden. Allein mit zwei Polizisten in einem leeren Klassenzimmer.
Mit aller Kraft versuchte sie ihre Emotionen unter Kontrolle zu halten, dem Drang zu widerstehen, sofort aus dem Raum zu fliehen. Die Befragungen hätten ergeben, dass sie die Letzte gewesen sei, die zusammen mit Yoko an deren Todestag gesehen worden war. Deswegen sei sie hier.
Wusste der Teufel, wie die beiden Männer das spitz gekriegt hatten. Vermutlich hatte eine von Yokos Freundinnen ihnen die Information zugesteckt, dass sie sich gesehen hatten. Warum die Schlampen davon wussten, obwohl sie doch ganz alleine gewesen waren, hinterfragte natürlich niemand. Aber tatsächlich hatte es an diesem Tag ein Aufeinandertreffen zwischen Yoko und Hiruko gegeben.
Das Mädchen wählte seine Worte gegenüber den Polizisten sehr vorsichtig. Möglichst ruhig und sachlich gab Hiruko also an, Yoko an ihrem Todestag nur zufällig nach der Schule getroffen zu haben. Sie hätten den selben Nachhauseweg. Später hätten sich dann ihre Wege getrennt. „Anscheinend für immer“, das hatte sie gedacht, als sie darüber erzählte, aber sich davor gehütet, es laut auszusprechen. Eine zufällige, flüchtige Begegnung. Das war alles. In Wahrheit war ihre Begegnung an diesem Tag alles andere als zufällig.
Es war von langer Hand geplant gewesen, allerdings nicht seitens Hiruko. Auch darüber hatte sie geschwiegen – es zöge die unangenehme Befragung nur in die Länge und glauben würde ihr ohnehin niemand.
Insbesondere dann nicht, wenn die Polizisten sich ihr Bild von Yoko aus den Aussagen von Familie und Freundinnen zusammengebastelt hatten.
Yoko war schließlich keine Person, die einer Mitschülerin hinterhältig nach der Schule auflauerte.
So schien es.
Aber wenn sie es dann doch tat, so war sie sich offenbar nicht zu schade, im Vorfeld vor ihren Freundinnen darüber zu prahlen.

Als das Verhör beendet und Hiruko in das Klassenzimmer zurückgekehrt war, hatten ihre Mitschüler das erste Mal nach langer Zeit etwas Ähnliches wie Interesse an ihr gezeigt. Um ihren Tisch herum hatte sich eine kleine Menschentraube gebildet. Fragen waren auf sie eingeprasselt. Warum sie Yoko nicht aufgehalten habe, alleine weiterzugehen. Bei all den Warnungen über Ghoule und der früh einbrechenden Dunkelheit. Hiruko war einfach stumm geblieben und hatte aus dem Fenster gestarrt.
Als sie aus dem Augenwinkel in die hassverzerrten Mienen dreier Mädchen sah, wurde ihr schlagartig klar, wieso sofort die ganze Klasse von ihrer und Yokos Begegnung wusste. Sie gaben ihr die Schuld, Yokos Freundinnen. Und vermutlich tat es ihnen die ganze Klasse gleich. Es war unüberhörbar. Unübersehbar. Auch jetzt spürte sie ihre brennenden Blicke von allen Seiten. Bereits jetzt wusste sie, was in der Unterrichtspause auf sie zukommen würde. Hatte sie tatsächlich für einen Moment geglaubt, ja, gar Hoffnung gehabt, dass es besser werden würde.
Jetzt, wo Yoko nicht mehr hier war. Das war ihr erster Gedanke in Verbindung mit ihrem Tod gewesen. Wie falsch sie liegen konnte. Manchmal wünschte sich Hiruko Flügel. Richtige, echte Flügel, mit denen sie all dem entkommen konnte. Sie stellte fest, dass einige Blütenblätter der Lilie bereits begannen, an den Spitzen braun anzulaufen. Nicht mehr lange, und die Blume würde verwelken und das Wasser, welches sie nährte, würde anfangen zu modern. Man würde sie wegschaffen müssen. Dann blieb in diesem Klassenzimmer nichts mehr, was an Yoko erinnerte. Mit dieser tröstlichen Gewissheit im Hinterkopf wandte sich Hiruko ihren Arbeitsbögen zu.
„Hazama Hiruko“ – mehr als ihren Namen hatte sie bisher noch nicht eingetragen.
Zum wiederholten Male las sie sich die Fragen durch, während sie beiläufig mit ihrem Füller kleine Kringel aus schwarzer Tinte an den Rand des Papiers zog.

Aufgabenbereich I: Ethik und Moral

1. Du findest eine verlorene Brieftasche. Wie handelst du?
A. Sie einstecken und behalten
B. Das Geld ganz oder teilweise entwenden, dann bei der nächsten Polizeistation abgeben
C. Bei der nächstgelegenen Polizeistation abgeben
D. Durch die Daten auf den Papieren versuchen, den Besitzer zu kontaktieren

2. In einer Familie sollte immer auf die Eltern gehört werden. Wahr oder falsch? Begründe deine Antwort.

3. Du kommst in eine neue Klasse. Welcher Gruppe schließt du dich an?
A. Der Gruppe, welche im Zentrum der Klasse steht
B. Den unauffälligen Schülern
C. Den Schülern, welche direkt in meiner Nähe sitzen
D. Ich schließe mich keiner Gruppe an und bleibe in Isolation

4. Ein Mitschüler zeigt Anzeichen, ein Ghoul zu sein. Welche Maßnahmen ergreifst du?
A. Aus Angst ergreife ich keine Maßnahmen
B. Ich gehe weiterhin normal und unauffällig mit ihm um
C. Ich erzähle Freunden, Familie und Lehrern von meinem Verdacht
D. Ich konfrontiere den Mitschüler mit meinem Verdacht
E. Ich kontaktiere umgehend und ohne weitere Maßnahmen das CCG

5. Was ist deine persönliche Definition von „Gerechtigkeit“?



Aufgabenbereich II. – Kreativität (Antworten jeweils mindestens 100 Wörter)

1. Wie lebst du dich aus?
Ich will hier weg.
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