Trauerarbeit

GeschichteSci-Fi / P12
04.02.2016
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Trauerarbeit

7. Mai 1997
Es war spät am Abend, und selbst ein vielbeschäftigter Großadministrator des jungen Solaren Imperiums freute sich darauf, die letzten Akten beiseitelegen zu können und so etwas Ähnliches wie Feierabend zu machen. Thora, die gerade auf dem Merkur Crests neuestes Forschungsprojekt – irgendetwas esoterisch anmutendes über Unregelmäßigkeiten im hyperdimensionalen Energiespektrum der Sonne – besichtigt hatte, war bereits auf dem Rückweg und hatte ihre Landung am Goshunsee in einer halben Stunde angekündigt. Rhodan freute sich auf einen angenehm normalen Ausklang dieses Tages; geradezu familiär. Vermutlich würde ihnen Gucky Gesellschaft leisten, wie so oft. Und sehr wahrscheinlich würde mitten in der Nacht wieder ein dringender Anruf aus der Administration kommen, weil irgendeine interstellare Krise seine Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen wünschte.
Rhodan setzte eine Reihe von Unterschriften unter diverse Dokumente und übergab die positronisch versiegelte Mappe einem Kurierroboter, der sofort die Dienstzentrale der Abwehr aufsuchen würde, wo Allan D. Mercant bereits auf den Nägeln kaute, weil es ihm wieder mal viel zu langsam ging. Seine Sekretärin hatte Rhodans Büro schon sechs- oder siebenmal mit Dringlichkeitsgesprächen genervt...
„Schluss“, murmelte er und blickte auf seine Uhr. „Dreiundzwanzighundert, wie der gute alte Lesly Pounder sagen würde. Und wenn der Mond auf die Erde fällt – soll sich Bully darum kümmern!“ Er hatte bereits um fünf Uhr in der Früh im Büro gesessen, weil geradezu pünktlich gegen halb vier General Conrad Deringhouses Adjutant auf der sprichwörtlichen Matte stand, um ihm von den neuesten Problemen bei der Auslieferung der von Shift-Flugpanzern vom Typ 2.01 – der neuesten Serie, die seit zwei Wochen in den lunaren Industriekomplexen vom Band liefen – zu berichten. Es gab nicht genug Kaffe auf diesem Planeten, um achtzehn Stunden Verwaltungsarbeiten zu überleben...
Rhodan schaltete den Telekom ins Vorzimmer durch und sagte: „Miss Wei? Ich bin weg. Und verraten Sie mich nicht, ja?“
„Verstanden, Sir. Äh, Miss Wei ist schon vor drei Stunden gegangen. Ich bin ihre Vertretung für die Nachtschicht. Sarah Menninger, Sir“, fügte die Frauenstimme hilfreich hinzu.
„Sarah Menninger“, echote Rhodan, wobei er ins Leere stierte. „Natürlich, Miss Menninger“, sagte er in den Telekom. „Aber wie gesagt: wenn nicht gerade ES in höchsteigener Person aufkreuzt, bin ich für niemanden mehr erreichbar.“ Bis zur nächsten Katastrophe natürlich, dachte er dann.
„Ja, Sir. Äh, allerdings bekomme ich gerade eine positronische Anmeldung vom Pförtner, das Staatsmarschall Bull Sie noch zu sprechen wünscht. Sir?“
„Hat er was von einer arkturianischen Invasion gesagt?“ fragte Rhodan düster.
„Invasion?“ kiekste die Sekretärin.
„Vergessen Sie’s. Er kann mich bei meinem Gleiter treffen; ich nehme ihn mit nach Hause“, seufzte er. Er drückte seinen Daumen gegen das positronische Siegel des Schreibtischs und verschloss ihn so, dann warf er sich einen unmodischen Umhang in pseudoarkonidischem Design um die Schultern und krempelte den übertrieben hochgezogenen Kragen so hoch, das man ihn kaum noch von der Seite her erkennen konnte. In der üblichen offiziellen Uniform – jene der Solaren Flotte, jedoch abzeichenlos bis auf einen unscheinbaren Kragenspiegel mit einzigartiger Kennung, nämlich der des Großadminsitrators – sah er nun fast wie irgendein Schreibstubenhengst der riesigen Administration aus. Er verließ das Büro durch den Seitenausgang und fand sich in einem Archivraum wieder, den er rasch durcheilte. Hier war nie jemand; nur die üblichen Robotboten verirrten sich in das kühle Gewirr von Aktenschränken, positronischen Riesenspeichern und Regalen voller Datenträgern. Einmal war er hier überraschend einer Putzfrau begegnet – einer dicken, alten Dame namens Madame Pao, die ihn für eine Sekunde überrascht angestarrt hatte, dann „N’Abend, Chef“, gesagt hatte und sich wieder der Beaufsichtigung eines Dutzends halbrobotischer Reinigungsautomaten gewidmet hatte. Sie hatte die Begegnung nicht an die große Glocke gehängt und bekam seither zum chinesischen Neujahrsfest ein kleines Dankeschön des „Chefs“ geschenkt.
Rhodan betrat das Labyrinth der Administration und nutzte seine Sekundär-ID-Karte, um unbehelligt alle positronischen und robotischen Kontrollen zu passieren. Normalerweise würde praktisch jeder Wachposten und jeder Kampfroboter bei seiner Wahrnehmung salutieren, doch nun schlüpfte er als vermeintlicher Unteroffizier durch die ganzen Kontrollen. Lediglich ein paar Menschen, denen er begegnete, sahen ihm manchmal forschend ins Gesicht, doch wie wahrscheinlich war es schon, in einem Viertelmillionen-Personen-Verwaltungsapparat dem Großadministrator zufällig über den Weg zu laufen? Besonders, wenn der Verdächtige einen Captain des Wachkommandos mit lässigem Salutieren und „Gute Nacht, Sir!“ grüßte. Jener Captain erkannte Rhodan sehr wohl, wusste aber auch um die geheime Sonderanweisung, den Chef unter diesen Umständen nicht zu behelligen oder gar zu verraten. „Bis Morgen, Leutnant“, entgegnete er daher mit steinernem Gesichtsausdruck. „Grüßen Sie mir Ihre Gattin“, wagte er dann hinterher zu rufen.
Rhodan grinste und machte eine dankende Geste, dann benutzte er einen abgelegenen Servicelift – mechanisch, kein Antigrav - , um zu einem der zig Gleiterhangars, die über den riesigen Komplex verteilt waren, hinaufzufahren. Es war eine der kleineren, eigentlich für Lieferanten vorgesehenen Garagen, in der nur eine Handvoll normale Gleiter parken durften. Hier stand eines von sechs für den GA bereitgehaltenen Zivilfahrzeugen, ein Mittelklassegleiter aus deutscher Lizenzproduktion. Die Konzerne des Planeten hatten schneller als die Politik und das Militär begriffen, wie wichtig eine Kooperation mit der Dritten Macht war, und noch während der letzten Konflikte zwischen den irdischen Machtblöcken bereits Lizenzen auf Antigravs, Prallfelder und einige weitere Technologien erworben.
Der Gleiter sah unscheinbar aus, war aber von den Spezialisten der Terranischen Abwehr mit „Spielzeugen“ vollgestopft worden, die einen James Bond neidisch gemacht hätten. Nun, Mercant hatte nicht nur einen „Q“, sondern ganze Bataillone von verrückten Erfindern, die Desintegratoren in Briefmarken, Energieschirmgeneratoren in Marmeladengläsern und Transitionstriebwerke unter den Sattel eines Kinderfahrrades montierten. Rhodan mutmaßte, das er versehentlich das Abwehr-Budget mit „unbegrenzt“ eingetragen hatte. Allerdings hätte ihm Homer Gershwin Adams dafür den Kopf abgerissen, um ihn als Briefbeschwerer zu verwenden, der auf meterdicken Stapeln von eintrudelnden Rechnungen aus den Labors der TerAb ruhte. Mercant hatte keinen Respekt vor Finanzen, und Adams keinen Sinn für Experimente – das bedeutete unweigerlich mörderische Etat-Streitigkeiten bei jeder Haushaltsdebatte im engen Kreis seiner Vertrauten. Die Redeschlachten zwischen den beiden genialen Männern waren legendär – und meistens streng vertraulich, denn sie nahmen nun wirklich kein Blatt vor den Mund. Adams war nominell ein vornehmer, zurückhaltender Brite – aber auch englische Gentlemen kannten erstaunliche Flüche und Schimpfworte... Mercant war dagegen so direkt wie eine Dampframme, wenn es um seinen Standpunkt ging. Furchtbare Dickköpfe, fast noch schlimmer als Bully...
„Ah, da bist du ja endlich“, sagte jemand, der gegen die gewölbte Flanke gelehnt neben dem flugfähigen Audi stand. „Freund, du machst ein Gesicht, als hättest du Schiffe für eine Billion bestellt und von Hah-Geh ne Mahnung über zwei bekommen.“
„Du triffst den Punkt fast perfekt, Dicker“, erwiderte Rhodan. Er gab Bully einen freundlichen Begrüßungsklaps auf die Schulter, wobei ihm dessen merkwürdige Stimmung auffiel. „Was ist los – hast du getrunken, und dein Gleiter streikt wegen der Fahne? Soll ich dich in deinem Garten absetzen?“ Er überlegte, was Bully in letzter Zeit getan hatte; richtig: er war zwei Wochen lang unterwegs gewesen, um einige geheime Kolonien zu inspizieren. Er konnte gerade erst gelandet sein.
„Blödsinn“, schnaubte Reginald Bull. „Das heißt, ich habe tatsächlich ein paar kleine Feierabend-Bierchen zu mir genommen. Du, lass die Finger von diesem neuen Zeug aus Vietnam – sie nennen es Arkon-Spezial, aber es hat mit dem Bier von Naator nicht mal mehr eine vage Ähnlichkeit.“
„Naator“, wiederholte Rhodan. „Wie bist du damals dazu gekommen, dort ein Bier zu schlürfen? Das hätte ich doch mitkriegen müssen.“
„Du musst wirklich nicht alles wissen“, feixte Bull. „Aber ganz im Vertrauen – ich habe über ein paar verlässliche Agenten eine Quelle für Naat-Bier aufgetan – also wenn du mal einen guten Freund für einen einsamen Vurguzz suchst...“
„Danke, ich trinke ihn lieber pur“, winkte Rhodan ab. „Okay, du wirst dich nicht ohne Grund um diese Uhrzeit – um nicht zu sagen Unzeit – zu mir durchgeschummelt haben. Was gibt es?“
„Arkturianische Invasion“, witzelte Bull, um gleich darauf müde abzuwinken. „Den Gag hat Miss Wei schon vor Monaten gebracht. Ist das ein Code, den ich entschlüsseln können müssen sollte?“ Er runzelte verwirrt die Stirn und schüttelte dann vage den Kopf.
„Wann hast du das letzte mal geschlafen, alter Freund?“ fragte Rhodan misstrauisch und schaute seinem Gegenüber genauer in die Augen.
„Drei Tage, wenn wir heute den Sechsten haben. Verdammt, es ist der Siebte, oder?“
„Es ist ne Dreiviertelstunde vor dem Achten. Du siehst beschissen aus, Herr Staatsmarschall. Was für ne Krise habt ihr vor mir geheimgehalten?“
„Überhaupt keine“, sagte Bull missmutig. „Verdammt, liest du keine Zeitung mehr? Vor fünf Tagen ist mein alter Herr gestorben!“
Rhodan öffnete den Mund, um nach diesem alten Herrn zu fragen, als der Groschen fiel.
„John Bull ist tot“, fuhr sein ältester Freund fort. „Sie haben ihn gestern beerdigt, und ich war eine halbe Milchstraße entfernt, weil die Springer eine unserer geheimen Kolonien beinahe enttarnt hätten! Was hältst du davon?“ Er fuhr sich in einer unendlich müden Geste mit der Hand über die Augen und schniefte plötzlich. „Gottverdammt! Mein Vater stirbt, und ich bin nichtmal auf demselben Planeten! Das sind also die Segnungen der Scheiß-Unsterblichkeit.“ Er löste sich aus Rhodans Griff und stolperte davon.
Rhodan löste sich aus der Erstarrung, die ihn befallen hatte, und lief ihm hinterher.

Es war früher Morgen in Delaware, als der Audi vor einem militärischen Friedhof landete. Die Soldaten der Ehrenwache gehörten, wie alle Militärs seit Gründung des Solaren Imperiums, nun der Solaren Flotte an, trugen aber aus Tradition die alten Uniformen. Nur das Sternenbanner war gegen die Flagge der vereinten Erde ausgetauscht worden. Dennoch waren fast alle Fahnen, die über das Gelände verteilt waren, das klassische Sternenbanner.
Rhodan und Bull wurden schweigend durch die Kontrollen geleitet, und sie gingen langsam die letzten paar hundert Meter zu Fuß. Eine Ordonnanz führte die beiden Freunde zu einem frischen Grab, das noch von einer Plane abgedeckt war, damit die Krume nicht vom Wind fortgetragen wurde, ehe es bepflanzt wurde.
Die Inschrift auf dem einfachen Kreuz lautete auf „Major John Bull“. Ein kleines Holo zeigte einen etwa achtzigjährigen Weltkriegs-Veteranen in seiner alten Uniform anlässlich der 50-Jahres-Feier der Kapitulation der Nazis; das war fast genau zwei Jahre her...
„Meine Güte“, sagte Rhodan nach langem Schweigen, in das nur Bullys verschämtes Schniefen zu hören war. „Erinnerst du dich noch an seine Geschichten? Wie sie nachts abgesprungen sind und er auf dem Heuboden landete – mitten in Du-weißt-schon-was von einem Landser mit einer holländischen Käsemagd? Keiner der beiden wusste, wer sich wem ergeben sollte, also ist er einfach aus dem Schober gesprungen.“
„Und landete in einer verdammten Jauchegrube“, fügte Bully schief grinsend hinzu. „Und der deutsche Bursche ist ihm hinterher wie ein verdammter Vollidiot. Als die anderen von der Hundertersten auftauchten, haben sie erstmal beide gefangengenommen, bis mein Dad ihnen die ganze Sache erklären konnte.“
„Oder die Sache in Korea“, meinte Rhodan. „Dieses durchgeknallte Feldlazarett. Er kam mit einer Fleischwunde rein und glaubte, sie hätten ihn in eine Irrenanstalt gesteckt – golfspielende Ärzte im Minenfeld, mein Gott...“
„Als ich zur Army ging, hat er mir eine gepfeffert, das mir heute noch die Ohren klingeln“, sagte Bully. „Er glaubte, mir hätten die Kriegsgeschichten gefallen. Na schön, das haben sie... aber er hat genug vom Krieg erzählt, um mir klarzumachen, das dieser Mist eigentlich nichts für mich ist.“
„Warum bist du also hingegangen?“ fragte Rhodan. „Und später mit mir desertiert?“
„Wegen seiner Geschichten“, antwortete Bully. „Irgendwie hat er ein Stück Menschlichkeit in dieser Hölle bewahren können – sogar gegenüber seinen Feinden. Er hat einem Panzerfaustjungen das Gesicht weggeschossen, sagte er mal – und eine Woche später hat er einem anderen den Kopf verbunden. Krieg sei eben nicht logisch, sagte er mal. Ich hab mir gedacht, ich müsste seine Art Menschlichkeit in den nächsten Kriegen bewahren. Und dann fliegen wir plötzlich in dieser Höllenmaschine zum Mond, und ich dachte, schlimmer kann es nicht mehr kommen – Scheiße, die Russen und die Chinesen hätten uns vom Himmel schießen und behaupten können, wir seien ein gegen sie gerichteter feindseliger Akt.“
„Der Gedanke kam mir auch damals“, sagte Rhodan.
„Und dann wurde es richtig seltsam – Außerirdische, denen wir helfen und die uns helfen; und andere, die uns vernichten wollten... Und du stehst auf einmal mitten in der Wüste und wirfst dein Rangabzeichen weg. Mann, das war das erste Vernünftige, das mir in meiner ganzen militärischen Laufbahn untergekommen ist. Und als ich Jahre später endlich mit meinem alten Herrn reden konnte... Erst hat er mir noch eine geschallert – und davon wackeln mir bei Regen heute noch die Backenzähne! – und dann hat er gesagt, er hätte es genau so gemacht.“
„Was? In der Wüste landen und fast einen Atomkrieg auslösen?“
„Quatsch! Abhauen. Den Kriegstreibern eine Nase drehen und den Hintern zeigen – das hat er gesagt. Und ich wollte wissen, wie sich das mit seinem militärischen Ethos und seiner Ehre als Offizier und Gentleman verträgt.“
„Wie lautete seine Antwort?“
„Er holte ein Foto raus. Woodstock 1969 – er und Mum in einer Hippie-Kommune. Scheiße, ich dachte ich werde verrückt. Während wir in Nevada für den Höllenritt zum Mond trainieren, reiten meine Eltern auf der Harley zur größten Friedensveranstaltung des Planeten, seit Jesus auf dem Ölberg predigte... Was soll man davon halten?“
„Das er... wie sagen die Jugendlichen heute? Ein echt cooler Typ war!“ meinte Rhodan lächelnd. „Warum ist er nicht zu uns gekommen?“
„Weil“, erklärte Bull mit todernstem Gesicht. „Wir keine Tankstellen haben. Hast du das gewusst?“
„Tankstellen?“ echote Rhodan verständnislos.
„Für sein Motorrad, die Harley Davidson. Als du unseren Planeten revolutioniert hast, ist dir der Fehler unterlaufen, altertümliche Technologie auf dem Gebiet der Dritten Macht zu vernachlässigen. Keine Tankstellen, klar? Was soll ein alter Rocker wie John Bull ohne Bike in dieser riesigen Wüste anstellen – Kakteen züchten?“
„Du willst mich verarschen“, sagte Rhodan ruhig.
„Nein, Freund“, erwiderte Bully. „Er wollte uns beide verarschen. Verdammt nochmal...“
Die beiden standen noch lange am Grab, ehe sie nach Terrania zurückkehrten. Es war fast schon früher Morgen, und eine Unzahl von Weggefährten der letzten zwanzig Jahren erwarteten Reginald Bull auf Rhodans Anwesen am Goshunsee, um ihm zu kondolieren.
Rhodan sonderte sich nach einer fahrigen Begrüßung seiner Frau von der Trauergemeinde ab und rief eine ganze Menge Daten der vergangenen Tage ab. Nein, niemand hatte ihm auch nur eine Notiz geschickt. Oder sie war irgendwo im riesigen Verwaltungsapparat untergegangen. John Bull – ausgerechnet der irische Spottname, vergleichbar John Smith in England, Fritz und Hans in Deutschland... Namen, die ein Klischee waren und nicht mehr ernstgenommen wurden; von denen man unwillkürlich nicht glaubte, das ein lebender Mensch wirklich so hieß. Vielleicht hatte jemand die Nachricht für einen blöden Scherz gehalten und deswegen herausgefiltert.
Plötzlich wurde es Rhodan bewusst, das jeder seiner unsterblichen Freunde und Mitarbeiter Eltern, Geschwister und Verwandte hatte, die unweigerlich sterben mussten. Einige hatten Kinder, irgendwann Enkel – auch sie würden sterben. Die eigene Unsterblichkeit bedeutete den Tod aller anderen hinnehmen zu müssen. Es erschien ihm plötzlich unerträglich.
Er wandte sich von seinem positronischen Terminal ab und ging zu der improvisierten Zusammenkunft. Es war fünf Uhr in der Früh, und die Sonne ging gerade über einem breiten, flachen Ausläufer des Sees auf. In der Ferne hob sich Dunst über die chinesischen Berge. Trotz der Entfernung und der Lärmschutz-Energiewände drang unablässig, wie fernes Donnergrollen eines abziehenden Gewitters, der gedämpfte Lärm unablässig startender und landender Raumschiffe vom Terrania Spaceport herüber. Im Garten seines Anwesens hatten sich an die hundert Menschen und eine Handvoll vertrauter Außerirdischer versammelt, um mit Reginald Bull einen Sonnenaufgang zu betrachten.
Rhodan musste plötzlich lächeln, als er diese Szene sah. Thora kam langsam zu ihm herüber und musterte ihn mit jenem furchtbar arkonidischen Gesichtsausdruck, der alles terranisch-barbarische zutiefst missbilligte.
„Ich wusste nicht, das der Tod von Verwandten ein Grund zur Freude bei den Terranern ist“, sagte sie.
„Ist er auch nicht“, erwiderte er, während er sie an sich drückte. „Aber es ist ein Grund zur Freude, wenn man im Kreise einer so großen... Familie trauern kann.“
Sie sah nachdenklich zu den Freunden hinüber. „Du kanntest seinen Vater? Erzähl mir von diesem John Bull.“
Rhodan dachte eine ganze Weile nach. „Nein“, sagte er dann. „Frag Bully. Er war sein Vater. Und er braucht dies.“
In diesem Moment ging leises Gelächter durch die Reihen. Bully hatte eine Anekdote seines Vaters zum besten gegeben und fuhr gerade fort, eine weitere zu erzählen, als sich sein und Rhodans Blick kurz trafen. Die frühe Morgensonne ließ den bürstenartigen Kurzhaarschnitt Bulls wie ein Gedenkfeuer aufleuchten.
„... steht also mit einem Dosenöffner vor dem Tiger-Panzer und fragt diesen deutschen Hauptmann: ‚Habt Ihr auch Bohnen, die ein hungriger Feind essen kann?’“
„Was sind Bohnen?“ fragte Crest, den Gucky mit einer Teleportation quer durch das Sonnensystem herbeigeholt hatte, in die anschließende verblüffte Stille hinein.
„Ihr Arkoniden kapiert die Sache mit einem guten Gag einfach nicht“, ließ sich Deringhouse hören. „Ihr seid uns vielleicht zivilisatorisch hunderttausend Jahre überlegen – aber jeder Neandertaler kennt bessere Witze als die arkonidische Elite.“
„Soll ich das auf uns sitzen lassen, Erhabene Zoltral?“ fragte Crest mit einem Blick zu Thora.
„Warum nicht?“ erwiderte diese. „Er hat recht, fürchte ich. Und was die Bohnen angeht... Eine gute terranische Hausfrau wie ich kennt sich mit so etwas natürlich aus. Es handelt sich um eine tropische Frucht, von der man sich seit Jahrtausenden fragt, warum sie krumm ist.“
Als darauf tiefes Schweigen zu hören war, setzte sie mit einem feinen Lächeln hinzu: Und wenn ihr mir das jetzt abnehmt, dann sind es diesmal die Terraner, die einen guten Gag nicht kapieren. Reginald – was hat dieser deutsche Hauptmann gemacht, als dein Vater ihm diese seltsame Frage gestellt hat?“
„Er hat sich auf der Stelle ergeben“, fuhr Bull fort. „Mein Vater erweckte offenbar ganz den Anschein, als könne er die ganze Panzerbesatzung mit dem Dosenöffner aus dem Tigerpanzer herausschneiden. Nun, mein alter Herr war ein verdammt sturer Hund, und hungrig obendrein – in so einer Lage hätte er nicht mal ein Taschenmesser gebraucht, um an die Verpflegung in dem Panzer zu gelangen - er hätte sich einfach durch die Stahlplatten gebissen.“
„Ein echter Eisenfresser also“, kommentierte Crest trocken, was mit zu einem Gutteil überraschten Gelächter quittiert wurde.
Rhodan grinste, während selbst Bull zu kichern begann. Das Leben ging weiter. Selbst für einen Unsterblichen...



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