Mutantenjagd

GeschichteSci-Fi / P12
04.02.2016
04.02.2016
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Mutantenjagd

Tokio, 4. Dezember 1974:
In einer nahen Bar spielten sie guten Jazz. Reginald Bull ertappte sich dabei, wie er das Ohr ans Fenster presste, um es deutlicher zu hören, und begann ungeniert die Melodie zu summen. Die Nacht war kühl, und er wollte nicht riskieren, unnötig aufzufallen, indem er die Scheibe runterkurbelte, während ein winziges Heizelement lief. Der zwanzig Jahre alte Buick hatte keine Klimaanlage. Außerdem hätte ein Passant den Fahrer bemerken können. Es war schon schwer genug, die ungeheure Größe des arkonidischen Roboters zu kaschieren. Zum Glück machten die langen Beine ein Gutteil der zweieinhalb Meter aus, aber dennoch stieß das Ding mit der Schädelplatte fast durch das Dach.
„Es ist schon eine ganze Weile her, das wir einen neuen Mutanten aufgestöbert haben“, sagte der Mann auf der Rückbank gelassen. Papier knisterte, als Kitai Ishibashi eine dünne Zigarette rollte und sich ansteckte. „Ich dachte, wir hätten alle gefunden.“
„Die Paraspürer haben ziemlich eindeutig ausgeschlagen“, erwiderte Bull. Er presste einen Finger auf die Sprechtaste des Telekom. „Hier Bull. Meldung aller Teams!“
„Team Zwei negativ“, flüsterte Wuriu Sengu.
„Team Drei hat keinen Kontakt“, kam Fellmer Lloyds Antwort.
„Dito“, fügte Bull unzufrieden hinzu. Er warf einen Blick auf den Chronometer. Es war kurz vor Mitternacht. „Wenn irgendjemand eine Ahnung hat, wer der Bursche ist, soll er mir einen Tipp geben“, knurrte er ins Mikrofon.
„Niemand kann ihn erkennen“, erwiderte Lloyd mit eine Seufzer. „Seine Fähigkeit scheint ihn vor unseren Sinnen abzuschirmen. Und auch auf die kurze Distanz kann man ihn mit den Paraspürgeräten nicht genau lokalisieren. Nicht inmitten hunderter Leute.“
Bull nickte. Die Bar war gerammelt voll. Eine ziemlich gute Liveband spielte, und der von ihnen nun schon tagelang gesuchte Mutant steckte seit Stunden in dem Laden. Sie hatten keine Ahnung, wer er oder sie war.
„Gehen wir rein, Sir?“ fragte Ishibashi. Er beugte sich nach vorne, so das die schwache Innenbeleuchtung einen Halbkreis auf sein schmales Gesicht warf. Er trug schwarze Kleidung, wie sie auf der ganzen Welt von Künstlern bevorzugt wurde, und eine eckige Sonnenbrille, hinter deren Gläsern die Augen des Suggestors verschwanden. Eine passende Aufmachung für einen Mann, dessen Fähigkeiten selbst anderen Mutanten manchmal unheimlich waren. Ishibashi vermochte praktisch jedem denkenden Lebewesen seinen Willen aufzuzwingen.
Bull dachte schon seit einer halben Stunde darüber nach, ob sie die Bar betreten sollten. Die Teams bestanden aus insgesamt sechs Mutanten, fast alles Japaner. Nur Lloyd, der Telepath und Orter, war Amerikaner, und natürlich er, Reginald Bull, selbst. Neben den Mutanten hatte er mehrere Agenten der Abwehr zur Unterstützung, die jedoch nur dazu dienten, im Notfall einzugreifen oder ein Ablenkungsmanöver zu starten. Li Tschai-Tung, Koordinator aller Aktivitäten im ostasiatischen Raum, war selbst anwesend und stand unauffällig zehn Meter neben dem Eingang und las in der Spätausgabe einer Tokioter Zeitung. Manchmal warf er einen gelangweilten Blick auf seine Uhr und blickte die Straße auf und ab, als warte er auf jemanden, der ihn versetzt hatte. Li war der einzige Agent, den Bull als solchen erkennen konnte, die anderen waren so gut getarnt, das sie nicht auffielen. Sie hatten sich der Umgebung so angepasst, das sie mit dem Hintergrund verschmolzen. Allerdings ahnte Bull, das ein junges Pärchen, das seit einer halben Stunde in einem Cabrio auf der anderen Straßenseite saß und sich angeregt unterhielt, ebenfalls zu Li’s Truppe gehörte. Manchmal stocherte der Mann in seinem linke Ohr; vielleicht drückte ein winziges Sprechgerät. Oder er hatte eine Mittelohrentzündung.
„Lloyd, Sie bleiben in Reserve und halten Ihre anderen Ohren weit offen. Wir anderen gehen rein. Team zwei und drei trifft sich vor dem Haupteingang und bildet eine Gruppe; Freunde, die sich verabredet haben oder so etwas. Ich stoße mit Ishibashi und Kakuta über die Toiletten zu euch.“
„Passen Sie auf, wo Sie landen“, riet Lloys amüsiert. „Es ist Hochbetrieb in dem Schuppen.“
„Gleich nicht mehr“, murmelte Ishibashi versonnen. Er starrte scheinbar gegen das Dach und ließ tatsächlich seine Parakräfte schweifen. Nach einigen Sekunden verzog er die Mundwinkel zu einem vagen Grinsen. „Für eine halbe Minute haben wir die Toiletten für uns, Tako. Aber passen Sie auf, das Sie nicht in der dritten Zelle von rechts landen.“
„Wieso?“ fragte der Teleporter, der bisher still neben ihm saß. Er streckte die Hände aus und berührte Bull und Ishibashi an den Schultern. „Ist sie besetzt?“
„Nein, aber der letzte Benutzer hatte offenbar Schwierigkeiten, seine Getränke bei sich zu behalten.“
Tako Kakuta verzog das Gesicht und konzentrierte sich. Er hatte als Vorbereitung den Grundriss des Gebäudes studiert und wusste auf den halben Meter genau, wo er hinmusste.
„Roboter“, sprach Bull den stählernen Hünen neben ihm an. „Fahr den Wagen zwei Straßen weiter und parke in einer Gasse oder auf dem Seitenstreifen, bis du weitere Anweisungen erhältst. Verstanden?“
„Ja, Sir“, antwortete die Maschine.
„Verhalte dich unauffällig!“ mahnte Bull. Der Roboter griff daraufhin ins Handschuhfach und holte einen breitkrempige Hut hervor, um ihn sich aufzusetzen. Eine plumpe Sonnenbrille folgte. Bull stieß einen Seufzer aus. „Ach du meine Güte.“ Er beschloss mit dem Programmierer des Robots ein paar Worte zu wechseln. Oder vorzuschlagen, Roboter zu bauen, die einen Dreiviertelmeter kleiner waren. Wenn man auf die Waffenarme und das Eigenschutzfeld verzichtete, war das sicher möglich. „Also los, Tako“, sagte er zu dem Teleporter.
Die drei Männer entmaterialisierten.
Bull war Teleportationen mittlerweile einigermaßen gewöhnt, aber normalerweise nahm man eine aufrechte Haltung dabei ein. Sie hatten jedoch im Auto gesessen und kamen in entsprechend sitzender Position an. Bull fiel hintenüber und stieß einen unterdrückten Fluch aus. Ishibashi war so rematerialisiert, das er mit dem Rücken gegen die Seitenwand der Toilettenzelle stieß. Nur Tako bewahrte das Gleichgewicht. Er lächelte entschuldigend und öffnete vorsichtig die Tür, um hinaus zu spähen. „Die Luft ist rein, Sir“, flüsterte er über die Schulter zurück.
Bull rappelte sich auf und bedeutete Ishibashi, vor ihm rauszugehen. Die Zelle war für japanische Verhältnisse geräumig, aber immer noch winzig. Ein abgedecktes Loch im Boden, durch das Wasser floss, war alles, was man in Japan brauchte. Er erinnerte sich an seine früheren Aufenthalte als Mutantenjäger in Japan und war trotzdem immer wieder überrascht, wenn er eine hiesige Toilette sah. Als Vertreter einer westlichen Kultur fiel es ihm schwer, sich mit japanischen Toiletten anzufreunden. Er würde im Notfall eine Blumenvase bevorzugen...
Gerade als sie den größeren Hauptraum mit den Waschbecken betraten, kam jemand mit einem seltsamen Gesichtsausdruck herein. Er näherte sich einer Zelle, verharrte und kehrte um. Kaum durch die Tür, drehte er sich wieder um und hastete zurück zur Zelle.
„Manche Bedürfnisse sind stärker als die Suggestion“, erklärte Ishibashi achselzuckend. Er nickte dem Mann zu und schickte seine Kräfte in dessen Bewusstsein. Der starrte verwirrt vor sich hin, dann rannte er zur Zelle und warf die schmale Tür hinter sich zu.
„Erinnern Sie mich daran, die Option ‚Infiltration über Toiletten aus dem Handbuch für Mutanteneinsätze zu streichen“, sagte Bull zu den beiden Mutanten.
„Danke, Sir“, erwiderte Ishibashi mit einer ironischen Verbeugung.
Wuriu Sengu und seine beiden Begleiter standen an einer geschwungenen Theke. Im Hintergrund war die kleine Bühne, auf der etwa zehn Musiker in Aktion waren. Es war eine bunte Truppe, der Japaner, Europäer und ein Trio farbiger Amerikaner angehörten. Bull nickte anerkennend, als er ihre Interpretation klassischer Stücke hörte. Es war bedauerlich, das er im Einsatz war, sonst hätte er sich mit Freuden einfach an einen Tisch gesetzt und der Band bis zum Morgengrauen zugehört.
Das Mutantentrio bestand neben dem kräftig gebauten Späher aus der zierlichen Ishi Matsu und Doitsu Ataka. Die beiden Männer taten so, als wetteiferten sie um die Gunst der Telepathin. Allerdings, dachte Bull grinsend, mussten sie kaum so tun als ob; Ishi war mehr als nur hübsch. Allerdings gab es eine gewissen Ralf Marten im Mutantenkorps, mit dem sie sich seit einiger Zeit regelmäßig traf; völlig unverbindlich natürlich.
Ishi wandte den Kopf und sah ihn mit durchdringendem Blick an. Bull kontrollierte hastig seine Mentalstabilisierung, aber die war in Ordnung. Nun, es gab bekanntlich eine Menge Frauen, die Gedanken lesen konnten, ohne mutiert zu sein... Er nickte den dreien grüßend zu, als seien es flüchtige Bekannte, und suchte einen Tisch in der Nähe der Tür. Eine gestresste Kellnerin hastete an ihnen vorbei, prallte leicht gegen den überraschten Kakuta und rief eine schrille Erwiderung, als Ishibashi ihr eine Bestellung hinterher rief. Mit einer schnellen Entschuldigung wich sie dem Teleporter aus und eilte davon.
„Ich kenne den Laden“, sagte der Suggestor. „Vor vier Jahren gab es hier guten Sake aus meiner Heimat. Ich hoffe, sie haben ihn noch.“
„Wir sind im Dienst, Kitai“, erwiderte Tako ernst.
„Ich probiere ihn“, meinte Bull. Er ließ den Blick umherschweifen und betrachtete die Anwesenden. Die Erfahrung hatte gelehrt, das alle Mutanten japanischer Herkunft – und fast alle anderen ebenfalls - in der Zeit nach den beiden Atombombenexplosionen geboren wurde, 1945 und 1946. Man musste also hauptsächlich nach einer Person von etwa dreißig Jahren Ausschau halten. Das traf auf ziemlich viele hier zu.
Die drei Mutanten hatten sich ein einer Nische am Ende der Theke platziert. So konnten die beiden Gruppen die ganze Bar überblicken. Ishi hantierte geistesabwesend mit ihrer Handtasche herum, während sie in ein leises Gespräch mit Sengu vertieft war. Ataka saß mit schmollender Miene daneben und musterte einige Frauen in der Nähe. Er war Lauscher und hörte vermutlich gerade sämtliche noch so leisen Gespräche hier ab. Sein mutiertes Gehör war phänomenal und leistete mehr als ein Richtmikrofon mit allen möglichen Verstärkern und Filtern. „Irgendetwas bemerkt, Ataka?“ murmelte Bull. Er sah in einen an der Wand hängenden Spiegel, der über einen weiteren Spiegel gestattete, die anderen drei zu sehen, ohne sie direkt anzustarren; jedenfalls wenn nicht andere Leute in der reflektierten Sichtlinie standen. Ataka schüttelte langsam den Kopf und kniff die Augen zusammen, als er zur Band schaute. Anscheinend störte die Musik seine Konzentration. „Tun Sie Ihr Bestes“, sagte Bull leise. In dieser lärmigen Umgebung konnte man dem Lauscher kaum eine Vorwurf machen, wenn er nichts heraushörte.
Die Kellnerin hastete herbei, setzte drei kleine Sakeschalen mit einer Verbeugung und ein paar gemurmelten Worten vor ihnen ab und war schon wieder verschwunden.
„Das ging aber schnell“, wunderte sich Kakuta. Er warf Ishibashi einen strengen Blick zu, doch der machte eine abwehrende Geste. „Ich bin schließlich Profi“, sagte der Suggesor halblaut. „Nun, vielleicht gefallen Sie ihr, Tako? Sie hat Ihnen zugezwinkert.“
Kakuta senkte verlegen den Blick und nahm den Sake. Ishibashi grinste Bull verschwörerisch zu.
Bull probierte den Reisschnaps. Er war scharf, aber gut. Kakuta schnappte überrascht nach Luft und keuchte ein wenig, während Ishibashi die Schale in einem langen Zug leerte. Der Mutant nickte bedächtig. „So schmeckt er nur zuhause...“
„Besorgen Sie mir eine Flasche davon“, meinte Bull.
Der Teleporter hatte den Paraspürer unter dem Tisch und hantierte unauffällig damit herum. Als er Bulls fragenden Blick bemerkte, wiegte er ein wenig den Kopf und deutete dann mit dem Kinn in eine ungefähre Richtung. Dort standen drei Tische, die mit insgesamt mehr als zwanzig Männern und Frauen besetzt waren. Sie hatten offenbar etwas zu feiern und veranstalteten ein ordentliches Tamtam.
Die Telepathin Ishi Matsu blinzelte überrascht, als sie einige Impulse von Ishibashi empfing, und wandte sich mit einem Lachen unvermutet dem vernachlässigten Ataka zu. Dabei blickte sie an ihm vorbei zu der großen Gruppe. Der Lauscher folgte ihrem Hinweis und begann die drei Tische gezielt abzuhören.
„Studenten“, sagte Ishibashi, der seinerseits von Ishi einige Impulse empfing. „Letztes Semester Elektronik und Kybernetik. Angehende Roboterkonstrukteure.“
„Jemand drunter, den die Dritte Macht gebrauchen kann?“ fragte Bull interessiert.
„Das finden wir heraus“, antwortete der Suggestor achselzuckend. „Wer weiß, vielleicht ist unserer neuer Kollege auch auf diesem Gebiet hochbegabt?“
„Crest würde sich über jemanden freuen, der ihm die Arbeit mit den Robotern abnimmt“, sagte Bull. Im Spiegel schüttelte Ataka den Kopf; aus den Gesprächen war also nichts herauszulesen. Nun, die Chancen waren ohnehin bestenfalls minimal, das sich ein unentdeckter Mutant durch sein Gerede verriet. Hauptsächlich setzte Bull auf die Telepathen und den Suggestor.
„Fellmer soll Li hereinschicken“, sagte Bull. Er nahm einen weiteren Schluck von dem gebrannten Reiswein, während Ishibashi seine Suggestorenkraft auf Fellmer Lloyd richtete. Es war zu riskant, sich durch Einsatz der Telekoms oder des normalen Funks verdächtig zu machen; trotz allem war die Welt gegenüber Vertretern der Dritten Macht misstrauisch geblieben. Besonders Japan hatte sich darüber empört, das japanische Bürger entführt wurden. Natürlich empörten sie sich eigentlich eher darüber, das man japanische Mutanten für die Dritte Macht gewonnen hatte – Mutanten, die Japans Macht enorm gestärkt hätten, wenn man patriotische Gefühle in ihnen hätte wecken können.
Bull wusste es besser. Kaum einer der Mutanten hätte sich einwickeln lassen. Viele waren auch der Dritten Macht gegenüber skeptisch gewesen, doch die Chance, ihre verborgenen Kräfte zu wecken, zu trainieren und letztlich im Dienst der ganzen Menschheit einzusetzen, hatte sie alle überzeugt; und diese Chance bot nur Crests Ausbildungsprogramm mit arkonidischer Supertechnik. Wer sich ideologisch nicht verblenden ließ, hatte ohnehin längst begriffen, das die Dritte Macht mit ihrer Unterstützung durch Außerirdische die einzige Chance darstellte, der Erde eine bessere Zukunft zu geben. Die etablierten Machtblöcke konnten nur weitere Konflikte, Kriege und Krisen in Aussicht stellen...
‚Hoffentlich machen wir es wirklich besser’, dachte Bull.
Li Tschai-Tung kam hereingeschlendert. Das Pärchen aus dem Cabrio folgte ihm fast auf den Fersen und suchte sich einen kleinen, versteckten Tisch. Li sah sich suchend um und begann plötzlich über das ganze Gesicht zu strahlen, als er Bull erblickte. „Hier steckt ihr also!“ rief er aus und eilte herbei. Er zog sich einen Stuhl hinzu und setzte sich zwischen Bull und Ishibashi, dem er die Hand auf die Schulter legte, als seien sie alte Freunde. Bull erholte sich schnell von der Überraschung und beugte sich Li entgegen. „Übertreiben Sie mal nicht“, flüsterte er. „Wir erregen Aufsehen.“
„Nichts ist unverdächtiger als banales Aufsehen“, sagte Li lächelnd. „Schauen Sie, Sir: niemand schenkt uns mehr Beachtung. Ich habe draußen auf Freunde gewartet, die jedoch schon hier drin waren. Wie alltäglich und banal das doch ist, und daher sind wir völlig uninteressant für alle anderen.“
„Ihre beiden Agenten sind Ihnen ziemlich auffällig gefolgt“, meinte Kakuta, ohne von dem Spürgerät aufzuschauen.
„Das Pärchen? Japanischer Geheimdienst“, sagte Li mit einer wegwerfenden Geste. „Haben Verdacht gegen unsere drei Freunde dort hinten geschöpft, aber wir sind Ihnen gleichgültig.“
„Soll ich etwas unternehmen, Sir?“ fragte Ishibashi.
„Sie tun ziemlich verliebt“, antwortete Bull und zog die Augenbrauen mehrmals hoch.
„Junge Liebe nimmt eine Menge Aufmerksamkeit in Anspruch“, seufzte Li.
Ishibashi grinste und tastete geistig nach den Bewusstseinen der beiden Agenten. Die vorgetäuschte Turtelei wurde daraufhin zu einer wirklichen. „Keine große Sache“, berichtete er. „Die beiden mochten sich ohnehin schon sehr. Wir sollten ihnen zur Hochzeit eine Karte schicken, Sir.“
„Das macht Ihnen sichtlich Spaß, Kitai“, sagte Kakuta. „Die beiden werden eine Menge Ärger kriegen.“
„Ja, aber dafür gründen sie vielleicht eine Familie“, erwiderte der Suggestor.
„Romantik“, kommentierte Li mit unbewegtem Gesichtsausdruck.
Kakuta wechselte Blicke mit den beiden, sah dann Bull vorwurfsvoll an. „Sir!“
Bull hob die Hände in einer unbestimmten Geste. „Jedenfalls sind die beiden Agenten jetzt abgelenkt.“
„Warum habe Sie mich rufen lassen?“ fragte Li, ernst werdend.
Bull machte ihn auf die Studentengruppe aufmerksam. „Identitäten überprüfen, Lebenslauf und so weiter. Einer von ihnen ist unser Kandidat.“
„Kein Problem, wird aber eine halbe Stunde dauern“, sagte Li. Er stand auf und ging in einem Bogen als wiche er einigen Leuten aus, zur Theke. Unterwegs schien er irgendwelche Zeichen zu geben, aufgrund derer zwei Frauen und zwei Männer ihre Plätze verließen und wie zufällig gleichzeitig vor der Bühne eintrafen, während Li neben der Studentengruppe verharrte, um kurz zuzuhören Die Frauen sprachen einen Musiker an, der sich von einem anstrengenden Posaunensolo erholte, während die beiden Männer unbedingt eine völlig verdatterte junge Frau, die einsam da saß und einen Musiker anhimmelte, zu einem Cocktail einladen und in ein Gespräch verwickeln wollten. Nur seiner scharfen Beobachtungsgabe verdankte es Bull, das er die tatsächlichen Vorgänge bemerkte: Li und seine vier Agenten, die ein Dreieck mit den drei Tischen in ihrer Mitte bildeten, hatten winzige Kameras, mit denen sie die 22 Studenten aus verschiedenen Blickwinkeln aufnahmen. Binnen Sekunden waren sie damit fertig. Li setzte seinen kurz unterbrochenen Weg zur Theke fort und nahm unbemerkbar selbst für direkt daneben Stehende die Kameras an sich.
„Ein Meister seines Faches“, kommentierte Ishibashi mit erstauntem Kopfschütteln.
Die junge Frau vor der Bühne war spröde genug, das sich die beiden enttäuschten Verehrer nach einer leichten Verbeugung zurückziehen konnten, und die beiden Frauen eilten nach dem Wortwechsel mit dem Posaunisten kichernd auf die Damentoilette. Nichts war geschehen, nur völlig normale Episoden in einem Nachtklub.
Li kam mit einer Flasche Sake zurück und stellte sie vor Bulls Tisch. Dann verabschiedete er sich nach einem erschrockenen Blick auf die Uhr und eilte davon.
„Eine halbe Stunde?“ meinte Kakuta skeptisch.
„Fünfundzwanzig Minuten“, sagte Bull. „Der Mann ist nämlich wirklich gut.“
„Ja, die Ausbildung der Asiatischen Föderation“, meinte Ishibashi. „Und natürlich der gute Einfluss gewisser Mondastronauten.“ Er tippte die Flasche an. „Mit besten Empfehlungen auf Kosten des Spesenkontos des Mutantenkorps, Sir.“
Bull deutete eine spöttische Verneigung an. „Adams wird ausrasten, wenn er die Quittung liest. ‚Verschwendung, Verschwendung!’“
„Die General Cosmic Company wird es verkraften.“
Bull musterte die „Verdächtigen“. Vierzehn Männer, acht Frauen. Einige schienen Paare zu sein. Er fragte sich, wer von ihnen der Mutant war. Als sie vor einigen Jahren die große Suchaktion durchführten, hatten Agenten der Dritten Macht praktisch die ganze Welt durchstreift. Die Paraspürer waren ungenaue Geräte mit mittlerer Reichweite; man konnte in einer Großstadt stehen und herausfinden, ob einer von den hunderttausend Menschen um einen herum latent parapsychisch begabt war, und mit mehreren Geräten mittels Kreuzpeilung den ungefähren Ort ermitteln, wo er sich aufhielt. Die Nadel pendelte jedoch stetig und schlug auch bei normalen Mensche schwach aus. Das beste Versteck für einen Mutanten war eine Menschenmenge; dort fand man ihn nur durch Zufall oder unter Zuhilfenahme anderer Psibegabter. ‚Man brauchte einen Mutanten, um einen Mutanten zu finden’, dachte Bull sarkastisch. Am besten Telepathen wie Fellmer Lloyd und Ishi Matsu, die ständig in Verbindung blieben. Lloyd war als Orter geradezu prädestiniert für die Mutantensuche, da er die Hirnwellenmuster des Gegenübers genau wahrnehmen und ihre Charakteristika herausfiltern konnte.
Dieser Mutant aber verbarg sich. Seine Begabung schien auch darin zu bestehen, sich vor anderen Mutanten abschirmen zu können. Eine erstaunliche Sache.
Er war den Suchkommandos entgangen; vermutlich weil er damals in einer abgelegenen Region lebte. Dann war er vermutlich keiner der Studenten, sondern nur der Begleiter eines solchen. Speziell die Universitäten und Hochschulen Japans waren einst abgeklappert worden, da dort genau jene Altersgruppe zu finden war, die Mutanten hervorgebracht hatte; die 45 und 46 Geborenen.
„Ishi soll sich mal auf die Begleitpersonen der Studenten konzentrieren“, sagte Bull. „Wer von ihnen ist erst vor kurzem nach Tokio gekommen, vorzugsweise aus der Provinz oder dem Ausland?“
Das wird schwierig“, erwiderte Ishibashi. „Ziemlich spezifische Informationen. Kaum jemand denkt ständig darüber nach, wo er herkommt, und was er getan hat.“
„Dann veranlassen wir sie doch, darüber nachzudenken“, schlug Kakuta vor. Er holte den Spürer hervor und legte ihn sichtbar auf den Tisch. Er war als Kassettenrekorder getarnt. „Ich habe zwar keine Erfahrung als Journalist, aber ich lerne schnell.“ Er stand unvermittelt auf und eilte mit kurzen Schritten, wie es seine Art war, auf die drei Tische zu.
„Was zur Hölle macht er?“ zischte Bull verärgert, weil man ihn überrumpelt hatte.
„Er macht eine Umfrage“, erklärte Ishibashi. „Und kann dabei jeden einzelnen aus unmittelbarer Nähe mit dem Paraspürer überprüfen. Eine wirklich gute Idee, Sir.“
„Er hätte es zuvor mit mir absprechen sollen“, sagte Bull säuerlich. „Eine Umfrage, wie?“
„Strukturwandel im Rahmen des modernen Bildungswesens“, nickte der Suggestor. „Was die Studenten im Einzelnen bewog, nach Tokio zu kommen.“
„Direkter geht es wohl nicht“, knurrte Bull. „Das hier ist eine verdeckte Operation!“
„Wie Li bereits sagte“, erwiderte Ishibashi. „Aufmerksamkeit zu erregen, ist die beste Methode, ihr zu entgehen.“
Kakuta hatte ein zurückhaltendes, höfliches Wesen, das die Studenten dazu reizte, ihn mit Antworten zu überschütten, durcheinander zu reden und sich gegenseitig zu unterbrechen und zu verbessern. Sie nötigten den Teleporter praktisch, zwei Sake zu trinken, und schoben ihm einen Stuhl unter. Sie vereinnahmten ihn so effizient, das man Angst haben konnte, ihn nicht mehr zurückzubekommen.
Ishi tastete die jungen Leute mit ihren telepatischen Fühlern ab. Nach einer ganzen Weile zuckte sie zusammen. Bull hatte sie im Spiegel genau beobachtet und flüsterte für Ataka die Frage: „Hat sie ihn?“
Der Lauscher wechselte einige Worte mit Ishi und nickte dann. Bull lächelte voll grimmiger Zufriedenheit. „Dann warten wir nur noch ab, bis Li anhand der Bilder seine Identität herausfindet.“
Ishi Matsu schüttelte plötzlich den Kopf und stand von ihrem Platz auf. Sie eilte zum Toilettentrakt und kam dabei an Li’s Agentinnen vorbei. Einer von ihnen tippte sie gegen die Schulter. Sie sah erstaunt auf, folgte dann aber der Telepathin.
„Verdammt, was ist denn?“ entfuhr es Bull, als er das sah.
„Keine Ahnung, Sir“, antwortete Ishibashi verwirrt. „Aber sie besteht offenbar auf Geheimhaltung.“
Bull sah, das Kakuta ebenfalls Ishis seltsames Verhalten bemerkt hatte. Er entschuldigte sich wortreich und mit bereits leicht schwankender Stimme bei der Studentengruppe und verschwand in der Herrentoilette. Etwa zwei Minuten später kamen alle drei nacheinander wieder heraus. Kakuta eilte zu Bull.
„Ich bin zu Ishi und der Agentin gesprungen, Sir“, sagte er eindringlich. „Ishi sagt, es ist keiner der Studenten!“
„Was? Aber die Peilung war eindeutig!“ sagte Bull ungläubig.
„Nein, Sir; die Peilung schwankte unregelmäßig“, erwiderte Kakuta. „Weil sich der Mutant die ganze Zeit über in Bewegung befand. Sir, es ist die Kellnerin!“
„Was? Ihre Verehrerin?“ platzte Bull heraus. Auch Ishibashi machte große Augen.
„Sie bedient schon die ganze Zeit über die Studenten“, sagte Kakuta. „Während meiner Interviews stand sie einmal genau neben mir, und dabei dachte sie so angestrengt an einiges aus ihrem Leben, das sie ihren, äh, Mentalschirm vernachlässigte. So beschreibt es Ishi. Offenbar habe ich eine gewisse ablenkende Wirkung auf Nogumi.“
„Nogumi?“ echote Ishibashi zwinkernd.
„Das ist ihr Name“, nickte Kakuta. „Nogumi Katahara. Sie ist erst seit einem halben Jahr in Tokio, vorher lebte sie vier Jahre lang bei einer amerikanische Verwandten. Mittlerer Westen, abgelegene Provinz.“
„Wo wir damals vermutlich nicht gesucht haben“, sagte Bull. „Ist sie sicher?“
„Noguumi?“ fragte Kakuta verwirrt.
„Ishi Matsu. Die Telepathin!“ mahnte Bull. Offenbar war der schüchterne Teleporter mit der Vorstellung, eine Wirkung auf Frauen zu haben, überfordert. Oder der Alkohol wirkte schon ziemlich stark auf ihn.
„Ja, ja, sie ist sicher. Sie hat Rücksprache mit Fellmer gehalten, und er bestätigt, das Nogumis Muster typische Psi-Abweichungen von der Norm aufweisen.“
„Okay“, sagte Bull und atmete tief durch. „Wir haben unsere Kandidatin! Verschwinden wir und kontaktieren diese Nogumi, wenn sie Feierabend hat.“
„Vielleicht sollte das Tako übernehmen“, schlug Ishibashi vor. „Ich bin sicher, sie wäre entzückt, wenn er auf sie wartet und sich anbietet, sie nach Hause zu begleiten.“
Kakuta errötete. „Sir, ich bin sicher...“
Bull winkte ab. „Sie haben sowieso noch hier zu tun. Ihre neuen Freunde wollen Ihnen bestimmt noch einiges erzählen. Und ein paar Drinks ausgeben. Setzen Sie unsere Tarnung nicht aufs Spiel!“
„Sir!“ rief Tako verzweifelt aus. Er warf einen Blick zu den Feiernden zurück, die mit einem Johlen antworteten. Ein breit grinsender junger Mann hob eine offenbar für Kakuta reservierte Trinkschale hoch, in der Sake schwappte. Die Kellnerin, Nogumi Katahara, brachte gerade ein Tablett volle Getränke an einen der Tische und erwiderte Kakutas Blick mit eine scheuen Lächeln.
„Bringen Sie ein Opfer, Tako“, schlug Ishibashi grinsend vor. Er blickte den Teleporter über den Brillenrand verschwörerisch an. „Für Terra und das Mutantenkorps!“
Tako Kakuta ließ mutlos die Schultern hängen. „Sir?“ wandte er sich mit eine bittenden Ton an Bull.
„Ich fürchte, wir haben keine andere Wahl“, erwiderte Bull schmunzelnd. „Nun, sie ist hübsch, nicht wahr? Es könnte also viel schlimmer sein.“
„Ja, Sir“, sagte Kakuta. Er verneigte sich vor seinem Chef. „Aber Sie erklären das Rhodan.“
Bull versuchte sich Perry Rhodans Reaktion darauf vorzustellen. Vermutlich bestand sie aus schallendem Gelächter... „Er wird Sie dafür mit einer Auszeichnung belohnen.“
Kakuta machte den Eindruck, als wolle er auf der Stelle davonteleportieren, beherrschte sich jedoch und wandte sich um. Mit bewundernswerter Haltung schritt er zu seinem Platz zwischen den Studenten zurück und nahm steif den Sake entgegen.
Als die neuentdeckte Mutantin eine weitere Bestellung entgegennahm, wechselte er ein paar Worte mit ihr. Ein Lächeln wurde ausgetauscht. Plötzlich wirkte Kakuta zugänglicher als zuvor.
„Romantik“, meinte Ishibashi versonnen, der besser als jeder andere in die Seelen der Menschen schaute.
„Betätigen Sie sich eigentlich öfters als Kuppler?“ fragte Bull. Er dachte an Ishi Matsu und Ralf Marten. Beide waren gute Freunde von Kitai Ishibashi...
„Manchmal helfe ich bestimmten Leuten auf die Sprünge“, antwortete der Suggestor vage. „Ohne jeden Einsatz meiner Kräfte, natürlich. Manchmal ist nur ein Wort zur rechten Zeit nötig. Oder, wie in Takos Fall, ein paar Tritte in den Hintern.“
Bull schüttelte verblüfft den Kopf. „Wie auch immer...“ Er erhob sich und nickte den anderen Mutanten zu. „Damit dürfte der Einsatz erfolgreich abgeschlossen sein. Bin gespannt, welche Fähigkeit unser Neuzugang hat.“ Er sah nachdenklich zu der Band hinüber und gab sich dann einen Ruck. „Kitai? Können wir die beiden Spione dort hinten loswerden?“
Ishibashi blickte beinahe gelangweilt zu dem Cabrio-Pärchen hinüber. Er trommelte mit den Fingern einen kurzen Rhythmus gegen die Sakeschale. „Soweit es uns angeht, existieren wir nicht mehr für sie“, sagte er schließlich. „Und wenn wir vor ihnen stünden, würden sie uns nicht mehr wahrnehmen können.“
„Na schön“, meinte Bull zufrieden. „Dort hinten wird ein größerer Tisch für uns alle frei.“
„Gehen wir nicht?“
„Wissen Sie, wie lange es her ist, das ich ordentlichen Jazz gehört habe?“ fragte Bull zurück. „Das war zwei Wochen vor dem Start der STARDUST. Nein, wir bleiben und hören dieser Band zu.“
„Wollen Sie vielleicht auf Tako aufpassen?“ wollte Ishibashi stirnrunzelnd wissen.
Bull blickte wieder zu Kakuta rüber. Er war in ein kurzes Gespräch mit Nogumi vertieft, während die Studenten den vermeintlichen Kassettenrekorder rundgehen ließen. Jeder sprach seine Meinung zu Gott und der Welt hinein, unterbrochen und verbessert von Freunden.
„Ich glaube, der kommt ganz gut allein zurecht“, sagte Bull.





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