Ein dunkles Netz

GeschichteSci-Fi / P12
04.02.2016
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Ein dunkles Netz

     Aus den Chroniken der SOL, Eintrag 2066: 18. Februar 3557
Alaska Saedelaere ließ seinen Blick über die Instrumente schweifen und sah sein verzerrtes Spiegelbild in einigen glänzenden Abdeckungen. Reflexhaft tasteten seine Finger nach der Gesichtsmaske und rückten sie zurecht, obwohl es nicht nötig war.
Toronar Kasom runzelte die Stirn, als er dies sah, und wandte sich zu dem Mann halb um. „Sie spüren etwas?“
„Nein“, antwortete Saedelaere rasch.
„Es würde mich auch sehr wundern, wenn es hier Cappins gäbe“, sagte Kasom. „Obwohl es für unsere Suche sehr hilfreich wäre – sie könnten uns praktisch den Heimweg zeigen.“
„Das wäre ziemlich unwahrscheinlich“, erwiderte Saedelaere. „Diese Galaxis ist ungewöhnlich. Ich frage mich, wer dafür verantwortlich ist...“
Er blickte durch die Kuppel der Space Jet hinaus und sah:
Die namenlose Galaxis war scheinbar ein normaler Sternennebel im fast unendlichen Universum. Mehrere Milliarden Sonnen umkreisten ein vergleichsweise kleines Schwarzes Loch, jedenfalls für die Verhältnisse jener, die in den Zentren von Galaxien standen. Es hatte eine Dreiviertelmillion Sonnenmassen und war in den letzten paar hundert Jahrtausenden ruhig gewesen. Manchmal stürzten große Materiemengen in ein galaktisches Schwarzes Loch und setzten ungeheure Energiemengen frei, die im schlimmsten Fall sogar die raumfahrenden Zivilisationen auslöschen konnten. Es gab Galaxien – wie M 82, elf Millionen Lichtjahre von der Milchstraße entfernt – in deren Kern solche Gewalten freigesetzt wurden, das sie wie durch eine monumentale Explosion auseinandergerissen wurde. So etwas geschah vielleicht auch irgendwann einmal in der Milchstraße, doch bis dahin mochten noch Jahrmillionen vergehen. Die hochentwickelten Völker einer Galaxis wussten um die Gefahr und beobachteten die zentrumsnahen Materieströme und instabilen Umlaufbahnen der nächstgelegenen Sternhaufen. Wenn erste Anzeichen für eine bevorstehende Katastrophe erkennbar wurden, hatte man immer noch Jahrtausende Zeit, etwas dagegen zu unternehmen oder, falls dies nicht möglich war, sich dagegen zu schützen. Vielleicht war dies einer der Gründe dafür, das manche Intelligenzen solch enorme technische Leistungen vollbrachten – die Angst vor einer Kernexplosion, die eine ganze Galaxis entvölkern mochte...
Diese kleine Galaxis jedenfalls war in dieser Hinsicht ruhig. Sie sah normal aus, und wer nicht den extragalaktischen Himmel beobachtete, ahnte wohl auch nichts...
Die ganze Sterneninsel war verdunkelt. Die SOL hatte nach einem enorm weiten Brückenschlag mit ihren Dimesextatriebwerken einen Sektor des Universums erreicht, in dem es fast wie zuhause aussah – große Haufen und Superhaufen von Galaxien, riesige Leeräume dazwischen – und Anzeichen einiger Superzivilisationen entdeckt. Es gab eine halbe Milliarde Lichtjahre entfernt einen Supercluster, der eine halbe Million Galaxien groß war, in dem einige hundert gleißender Zentren existierten. Sie waren sogar auf normaloptischem Wege erkennbar, aber auch für die Hyperorter stellten sie flammende Fanale dar. Sie verströmten ungeheure, verschlüsselte Datenmengen und schienen sie in beinahe Nullzeit untereinander auszutauschen. SENECA hatte eine Sequenz von weniger als einer Millisekunde aufgezeichnet und brauchte sieben Stunden, nur um eine oberflächliche Analyse durchzuführen. Das Fazit war, das keine verwertbaren Informationen aus den unzähligen Billionen Exabytes zu extrahieren waren. SENECA stellte die Hypothese auf, das die gleißenden Zentren das Endprodukt einer galaktischen Evolution waren – ungeheuer hochentwickelte, uralte Zivilisationen, zu Geistwesen wie ES verschmolzen und in einem metaphysisch anmutenden Austausch von multidimensionalen Gedankengängen verwickelt. Oder anders ausgedrückt: Götter in einer äonenalten Diskussionsrunde.
Woanders wurden Mitglieder mehrerer benachbarter Galaxienhaufen, der Lokalen Gruppe vergleichbarer Ansammlungen, von enormen Erschütterungen der Raumzeit zerrüttet. Die Gewalten, die dort freigesetzt wurden, glichen Intervallkanonen, jedoch millionenfach stärker und in ihrer Auswirkung von interstellaren Ausmaßen. Ein gigantischer Krieg, der binnen Sekunden einen ganzen Kugelsternhaufen zerfetzte... Rhodan schauderte, als er das bedachte, und gab Anweisung, dieses Gebiet auf jeden Fall zu meiden.
Drittens entdeckte man eine gewaltige Kugel-Galaxis, größer als M87, in der ein intensives Hyperkomrauschen vernehmbar war – ein dichtes, hochentwickeltes Kommunikationsnetzwerk, das offenbar von Billionen zugleich genutzt wurde. Die SOL suchte die Galaxis namens Andraghom auf und nahm Kontakt zu den Zivilisationen auf, doch niemand konnte den Terranern auf ihrer Suche nach der heimatlichen Milchstraße helfen. Man riet ihnen, mindestens fünfzig Milliarden Lichtjahre weiter zu reisen, denn soweit wären diese Bereiche des Universums ihnen bekannt. Man übermittelte SENECA sogar eine Universalkarte, in der nicht weniger als zwölf Millionen Galaxien eingezeichnet waren. Einige von ihnen hatte die SOL in den letzten Monaten sogar schon besucht, doch ohne eine hilfreiche Spur nach Hause zu finden.
Jetzt war die SOL, weit von der Hochzivilisation von Andraghom entfernt, auf eine Galaxis gestoßen, die im ansonsten überraschend genauen Katalog nicht verzeichnet war. Und das hatte einen guten Grund: sie war von außen nicht sichtbar. In mehreren zehntausend Lichtjahren Distanz umgab ein mysteriöses Kraftfeld die Sterneninsel, die sie von außen unsichtbar machte. Es war ein ungeheurer Deflektorschirm, den die SOL mühelos durchfliegen konnte. Dahinter leuchteten die Sterne, doch dafür war nun das ganze restliche Universum verdunkelt. Für den Rest des Universums existierte diese Galaxis nicht, und für die Bewohner dieser Milchstraße gab es nichts sonst im dunklen Kosmos als ihre eigene Sterneninsel.
Die SOL durchkreuzte die galaktische Ebene der kleinen Balkenspirale und setzte alle paar tausend Lichtjahre einen Kreuzer, eine Korvette oder eine Space Jet aus. Bei einem zweiten Durchflug der früheren Route, etwa eine Woche später, sollten die Beiboote wieder aufgenommen werden. Es war eine der einfachsten Methoden, rasch eine Galaxis zu durchsuchen, wenn man es nicht allzu genau mit der Erkundung trieb. Sie suchten eine hochentwickelte Kultur; etwas, das dem Solaren Imperium vergleichbar war. Doch die Sterne dieser Galaxis waren stumm, und die Planeten wiesen zwar alle möglichen Arten von Leben auf, doch keine Intelligenz. Etwas schien die Bildung von intelligenten Lebensformen zu unterdrücken, und vielleicht hing dies mit dem Dunkelschirm zusammen.
Saedelaere fühlte, je länger er durch die unbelebten Sterne reiste, ein immer stärkeres Gefühl des Grauens in sich aufsteigen. Etwas war furchtbar falsch in dieser Galaxis...
„Geht es Ihnen nicht gut?“ fragte Kasom besorgt. „Unter Ihrer Maske leuchtet es heftiger als sonst.“
Saedelaere blickte wieder in eine spiegelnde Fläche. Tatsächlich stachen mehr und stärkere Lichtblitze hervor, als üblich. Ohnehin fühlte sich das Cappinfragment seit einigen Stunden unwohl und sandte leichten Schmerz aus. „Ich weiß nicht“, sagte er langsam. „Ich habe ein schlechtes Gefühl, Oberst Kasom. Ist etwas ungewöhnliches in der Nähe?“
„Kein Raumschiff und kein ungewöhnliches Hyperphänomen, das für die Regung Ihres Parasiten verantwortlich wäre...“ murmelte der Ertruser, der die Flugkontrollen der Space Jet immer im Auge behielt. „Hm, etwas ist allerdings merkwürdig. Wir haben antriebslos eine leichte Kursänderung erfahren. Da gibt es einen gewissen Gravitationseinfluss. Ich berechne den Ausgang und die Stärke.“
„Es ist nahe“, brachte Saedelaere heraus, während ein wütendes Stechen vom Cappinfragment ausstrahlte und sich bis in sein Rückenmark fortzupflanzen schien. Er fingerte an einer Gürteltasche herum und brachte ein Injektionspflaster am Hals an. Sofort schoss der dosierte Wirkstoff in die Blutbahn und vermochte zumindest seine physische Empfindung zu dämpfen. Ganz anders sah es dagegen mit dem Einfluss des verdammten Dinges in seinem Gesicht auf sein Bewusstsein aus – bei dem Transmitterunfall hatten sich nicht nur materielle Bestandteile des unglückseligen Cappins mit seinem Körper verbunden, sondern es kam zu einer Art Überkreuzung beider ÜBSEF-Konstanten. Die paraphysikalischen Seelen zweier unterschiedlicher Intelligenzen waren nun verbunden – auf Gedeih und Verderb.
Wahrscheinlich litt das, was von dem Cappin übrig war, ebenfalls unter der Verschmelzung, doch Saedelaere war dies reichlich egal in solchen Situationen.
„Stimmt“, sagte Kasom nach ein paar Sekunden. „Etwas zieht uns in einer Entfernung von wenigen hundert Kilometern an. Ich kann zwar eine Masse erkennen, aber die Orter zeigen kein Objekt an.“
„Im Hyperraum verborgen?“ schlug Saedelaere vor.
„Unwahrscheinlich – der Hypertaster würde es erkennen. Nein, das ist... dunkle Materie!“
„Das Fragment ist offenbar dagegen allergisch“, meinte Saedelaere in einem Anflug von Galgenhumor.
„Ich habe noch nie so eine Ansammlung von DM gesehen. Das ist ein dichter Strom, der mit relativistischer Geschwindigkeit ins nächste Sonnensystem rast. Und er kommt aus einem anderen, das ein paar Lichtjahre entfernt ist.“
„Welch merkwürdiger Zufall.“
„Wenn es einer ist... der Strom reicht noch zig Lichtjahre weiter und scheint sich um mehrere andere Sterne herumzuschlängeln. Und er kreuzt eine innere Planetenumlaufbahn. Nein, er schießt sogar quer durch einen erdähnlichen Planeten hindurch!“
„Was bedeutet das für den Planeten?“ fragte Saedelaere. Er presste beide Hände gegen die Maske, als wolle er sie dadurch festhalten; dabei hätte er sie sich am liebsten heruntergerissen und auf das tobende Cappinfragment eingeschlagen.
„Vielleicht ist es der Grund dafür, das nirgendwo intelligentes Leben entstanden ist“, spekulierte Kasom. „Aber es ist seltsam; der Strom verfehlt kein System. Er wird bestimmt irgendwie gelenkt. Es steckt Absicht dahinter!“
„Eine Macht, die alles intelligente Leben in ihrer Galaxis vereitelt“, sagte Saedelaere. „Warum? Eifersucht oder Furcht?“
„Mich würde eher interessieren, wie dunkle Materie darauf einwirkt“, erwiderte der Ertruser. „Wir sollten dem Strom folgen und sehen, was er auf dem Planeten bewirkt.“
„Einverstanden.“

Der Planet war etwas kleiner als die Erde, hatte aber eine höhere Dichte und daher fast genau Normgravitation. Der Strom der dunklen Materie wurde von dem Schwerefeld geradezu angezogen und tanzte in spiralförmigen bahnen über die Oberfläche. Innerhalb weniger Stunden durchdrang der geisterhafte Schauer von Neutrinos und anderen, exotischeren Partikeln praktisch jeden Ort.
„Etwas geschieht dort unten“, stellte Saedelaere fest. Aus einigen tausend Kilometern Distanz war der unheimliche Strom erträglicher für das Cappinfragment. Kasom wagte nicht, auf dem Planeten zu landen, sondern umrundete ihn lediglich in großer Entfernung.
„Es gibt irgendeine Wechselwirkung, die eigentlich nicht stattfinden dürfte“, fuhr er nach einigen Messungen mit den Ortern fort. „Die dunkle und die normale Materie beeinflussen einander. Das wäre jedoch bestenfalls durch eine vermittelnde dritte Materieart möglich.“
„Meine Kenntnisse in diesem Bereich sind gelinde gesagt bescheiden“, sagte Kasom. „Aber soviel ich weiß, gibt es keine dritte Materieform; abgesehen von Antimaterie natürlich.“
„Das ist etwas, was diese Galaxis dann vom übrigen Universum unterscheidet“, meinte Saedelaere. „Hier gibt es diese dritte Form wohl doch... Na schön, ich kann einige merkwürdige Kernreaktionen auffangen. Es wird eine schwache Hyperstrahlung freigesetzt, die mir Schmerzen bereitet, weil ich empfänglich dafür bin. Intelligenz ist mit ÜBSEF-Konstanten verbunden, woraus folgt: meine mit dem Cappinrest verschmolzene ÜBSEF-Konstante reagiert empfindlicher auf diese Emission als jede andere. Ich unterstelle jetzt, das diese Störstrahlung bei nichtintelligenten Lebensformen die Bildung eines Urbewusstseines und einer paraphysikalischen Seele verhindert. Es kann kein Zufall sein, das dies mit dieser Drittmaterie zusammenhängt. Ich glaube, jemand nutzt die physikalische Besonderheit dieser Galaxis zu seinem Vorteil aus.“
„Wenn wir den Strom zurückverfolgen, kommen wir zur Quelle des Unheils“, sagte Kasom. „Und können den Verantwortlichen zur Rede stellen.“
„Das ist etwas, was mir Angst einjagt. Diese Galaxis muss seit vielen hundert Jahrmillionen bereits unter dem Dunkelschirm verborgen sein, und vielleicht ist der Intelligenz-Verhinderer schon ebenso lange aktiv. Bedenkt man, welche Mächte in diesem Bereich des Universums tätig sind... Welch allmächtiges Monstrum kommt da zum Vorschein?“
„Wir sind vielleicht nicht imstande, uns dagegen zu wehren“, stimmte Kasom nachdenklich zu. „Zumindest jedoch kann der Strom uns nichts anhaben – die SOL und unsere Beiboote enthalten diese Drittform der Materie nicht. Zumindest kann diese Macht uns nicht das Licht auspusten.“
„Fliegen wir zur SOL zurück und entscheiden dort, was zu tun ist.“

Auch andere hatten merkwürdige Beobachtungen in Zusammenhang mit dunklen Materieströmen gemacht. Sie gingen offenbar von Schwarzen Löchern und Neutronensternen aus, die über die ganze Galaxis verteilt waren, und wurden ihrerseits von mächtigeren Strömen gespeist, die aus einer großen Staubwolke entsprangen. Die SOL näherte sich dieser Materieansammlung vorsichtig bis auf wenige Lichtjahre.
Die Wolke war mehr als dreißig Lichtjahre groß und sehr unregelmäßig geformt. Es gab deutlich erkennbare Strömungen in ihr, doch verhielten sie sich eigenartig. Zum Beispiel stiegen riesige ballonartige Ansammlungen von komplexen organischen Molekülen aus der Tiefe der Wolke auf und blähten sich auf bis zu einige Lichtmonate auf, um dann jedoch zu verharren, als hätte etwas oder jemand die Expansion aufgehalten.
„Die konventionelle Materie in dieser Wolke hat eine Masse von etwa sechshundert Sonnenmassen“, stellte Geoffry Abel Waringer fest. „Die Dunkle Materie allerdings kommt auf mehr als hunderttausend Sonnemassen. Und sie ist sehr aktiv; dort drinnen werden ganze Sonnenmassen mit hohen Geschwindigkeiten herumbewegt. Außerdem gibt es diese merkwürdige Drittmaterie ebenfalls in großer Menge, wobei sie sich nicht genau messen lässt. Vermutlich aber mindestens mehrere Sonnenmassen. Die schädliche Strahlung ist minimal, aber das bedeutet nicht, das uns nicht jemand mit einem enormen Schauer überfluten könnte. Ich bezweifle, das die, äh, Anti-ÜBSEF-Strahlung von unseren Paratronschirmen abgehalten werden kann.“
„Also ist diese Zone potentiell tödlich für uns?“ vergewisserte sich Rhodan. „Aber wer oder was ist dann im Innern? Eine intelligente Lebensform könnte dort nicht überleben.“
„Keine herkömmliche... Vielleicht handelt es sich auch nicht um ein Lebewesen, sondern um einen Mechanismus, der sich der Dunklen und Drittmaterie als Waffe bedient.“
„Wer hätte ein Interesse daran, eine ganze Galaxis über Äonen hinweg in diesem Zustand zu halten?“ fragte Rhodan. „Das ist... monströs. Es gliche einer galaxisweiten Ausrottung, gäbe es auch nur ein paar raumfahrende Intelligenzen in dieser Galaxis. Aber sie konnten sich noch nicht einmal entwickeln!“
„Ich bin der Ansicht, das es sich um eine Lebensform auf tierischem Niveau handelt“, ließ sich SENECA plötzlich vernehmen. „Eine Lebensform auf Basis von interagierender Dunkler Materie. Es erzeugt durch metabolische Prozesse diese Drittmaterie und sättigt Neutrinoströme mit ihnen, um alle Himmelskörper in dieser Galaxis zu bestreichen. Ich vermute sogar, das jene Ströme bis zu einem gewissen Grad als Gliedmaßen des Tieres anzusehen sind. Sie scheinen sich unter Zuhilfenahme intensiver Schwerefelder zu verlagern, unterliegen aber auch einer gewissen bewussten Kontrolle. Bewusst auf instinktivem, reaktivem Niveau der Kreatur. Die Reaktion der von ihm erzeugten Anti-ÜBSEF-Strahlung auf intelligente Bewusstseine deutet auf eine grundlegende, physikalisch bedingte Unverträglichkeit seines Metabolismus hin.“
„Du meinst, das Ding ist allergisch gegen intelligente Lebensformen?“ fragte Rhodan mit deutlichem Unglauben in der Stimme.
„Es ist eine Hypothese“, antwortete SENECA, ohne sich wirklich zu verteidigen. „Das Dunkle Materie-Tier hat gegen den schädigenden ÜBSEF-Einfluss in der es umgebenden Galaxis einen Abwehrmechanismus entwickelt und wahrscheinlich damals, als es diesen zum ersten Mal einsetzte, tatsächlich einen galaktischen Genozid verursacht.“
„Dann sollten wir etwas gegen dieses Ungeheuer unternehmen!“ schrillte Gucky empört.
„Welchen Sinn hätte es, dieses Wesen zu vernichten?“ hielt Icho Tolot dagegen. „Diese Galaxis wurde vor mehr als einer halben Milliarde Jahre abgedunkelt – zweifellos, um das Tier zu isolieren. Zum Schutz des Universums vor ihm, und zu seinem eigenen Schutz vor möglichen extragalaktischen Besuchern wie uns. Jemand hat es schützen wollen, denn ich vermag keinen unmittelbaren Zusammenhang zwischen dem geschilderten Metabolismus des Tieres und dem weit entfernten Deflektorfeld zu erkennen.“
„Das ist wahr“, stimmte Rhodan nachdenklich zu. „Jemand, dem unsere bisherigen Erkenntnisse zugänglich waren, muss dennoch der Meinung gewesen sein, das Wesen habe ein Recht auf Leben. Trotz des Genozids, den es begangen hat.“
„Ein Tier ist nicht verantwortlich für eine Tat, die es aus Instinkten heraus begangen hat“, unterstrich SENECA kühl. „Es zu töten, weil es aus einem Instinkt heraus einen Selbstschutz-Mechanismus entwickelte, der das eigene Überleben sichert, kann nicht verwerflich sein. Ansonsten hätte man allein auf Terra Hunderttausende Tier- und Pflanzenarten aus keinem anderen Grund ausrotten müssen, weil sie Gifte bilden, Stacheln besitzen oder aus Hunger töten.“
„Das hier ist aber ein verdammt großes Tier, und es hat eine ganze Galaxis auf dem Gewissen!“ rief Gucky wütend.
„Das ist eine halbe Milliarde Jahre her, vielleicht sogar noch viel länger“, erwiderte Rhodan. „Wir haben uns hier viele Planeten angesehen – das gewöhnliche Leben wird von den Strömen nicht beeinflusst. Die Evolution hat Millionen Welten hervorgebracht, deren einzige Gemeinsamkeit ist, das sie seit einer kleinen Ewigkeit keine Intelligenz hervorzubringen imstande waren. Aber wir haben auch Galaxien gefunden, in denen ohne ein ‚Ungeheuer’ die Entwicklung von intelligentem Leben nur sehr sporadisch, träge und vereinzelt vonstatten ging... Ich denke, wir sollten das Wesen unbeeinflusst lassen und unseren Weg fortsetzen.“
„Und wenn es sich nach anderen Galaxien ausdehnt?“ fragte Gucky scharf.
„Diese Galaxis ist sehr isoliert“, erklärte SENECA. „Es gibt nur wenige andere Sterneninseln in relativer Nähe, und sie sind dennoch viele Millionen Lichtjahre entfernt... In fünfhundert Millionen Jahren hat sich diese Kreatur nicht über die Grenzen seiner Galaxis hinaus ausgestreckt. Das ist kein Wunder: es benutzt intensive Schwerefelder, um seine Tentakel auszudehnen. Jenseits der Grenzen dieser kleinen Galaxis gibt es praktisch keine Sterne – für das Tier ist es kalter, toter Leerraum, den es nicht besiedeln kann. Ich behaupte, das es unmöglich ist, das dieses Tier jemals den Schutz des galaktischen Deflektorschirmes überschreiten wird. Seine Natur verwehrt ihm das übrige Universum.“
„Das sehe ich ebenso“, unterstrich Tolot diese Aussage. Der Haluter hatte in den letzten Minuten die Situation unabhängig von der riesigen Hyperinpotronik analysiert. „Es stellt keine Gefahr für andere dar. Es scheint ohnehin auf diese ungewöhnliche Staubwolke beschränkt zu sein – sein Leib besteht aus hunderttausend Sonnemassen Dunkler Materie. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es sich aus seiner eigenen Schwerkraftsenke befreien sollte. Es sitzt auf dem Grunde eines durch seine eigene Masse gebildeten Gravitationsschachtes fest. Nur eine kosmische Katastrophe wie eine galaktische Kollision wäre imstande, das Tier aus seiner jetzigen Position zu lösen. Und selbst dann wäre es wahrscheinlicher, das die freiwerdenden Kräfte es zerreißen, also töten würden. Es ist in sich selbst gefangen.“
„Das entscheidet es“, beschloss Rhodan nach einem Blick in die Runde. „Mögen wir auch einige Zweifler unter uns haben – ohne triftigen Grund sehe ich nicht ein, warum wir ‚etwas unternehmen’ sollten, Gucky. Egal, was es vor hundert Jahrmillionen getan hat, und was auch immer in ferner Zukunft noch kommen mag – jetzt sehe ich keine Gefahr für das Universum. Vor langer Zeit haben andere Intelligenzen, so wie wir jetzt, bereits einmal über das Tier zu Gericht gesessen und sind zu einem ähnlichen Ergebnis gekommen. Mehr noch: sie beschlossen es sogar zu schützen. Sie haben mit dem galaktischen Deflektorschirm bewiesen, das sie uns weit überlegen waren, und ich wage nicht an ihrer Weisheit in dieser Frage zu zweifeln. Wir lassen dieses ungewöhnliche Lebewesen in seiner jetzigen Form existieren und verlassen diese Galaxis.“
„Ich glaube ohnehin nicht, das wir mit Bordmitteln etwas gegen dieses Monstrum ausrichten könnten“, meinte Waringer. „Wir haben keine Waffen, die gegen dunkle Materie etwas ausrichten. Da ist das erste Mal, das eine solche Eventualität überhaupt auftritt. Vielleicht könnten wir mit Arkonbomben und einem improvisierten Hyperinmestron die normalmaterielle Staubwolke vernichten, aber inwieweit dies das Tier schädigt...“ Er zuckte ratlos mit den Schultern. „Wahrscheinlich nährt es das Monstrum nur; die nuklearen Prozesse würden ungeheure Mengen Neutrinos freisetzen. Nach allem, was wir wissen, könnten diese Atemluft oder Trinkwasser für das Tier sein.“
„Wir wüssten also noch nicht einmal, wo wir ansetzen sollen, wenn wir es umbringen müssten“, sagte Gucky. „Ein tolles Schiff haben wir da. Können uns nicht mal gegen ein Weltraumungeheuer wehren!“
„Es besteht kein Grund, uns zu wehren“, gab Rhodan scharf zurück. „Wir wurden von dem Wesen bislang noch nicht einmal wahrgenommen. Wir sind zu klein, als das es uns bemerken könnte – und selbst wenn, würde seine Reaktionsgeschwindigkeit sich eher nach Jahren als nach Sekunden bemessen.“
„Ganz meine Meinung, Sir“, fügte SENECA hinzu.
„Außerdem“, fügte Rhodan hinzu. „Handelt es sich trotz allem um ein Lebewesen. Wir können uns nicht anmaßen, eine bizarre Lebensform auszulöschen, nur weil sie mit unseren konventionellen Begriffen von Leben nicht... kompatibel ist. Ich dachte, gerade du, Gucky, würdest dies am ehesten einsehen.“
„Schon gut, überredet“, wiegelte der Mausbiber verlegen ab. „’Leben und leben lassen!’, lautet meine Devise! Und natürlich ‚Karotten für alle, aber besonders für mich!’“




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