Der Geist in der Leere

GeschichteSci-Fi / P12
04.02.2016
04.02.2016
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Der Geist in der Leere

     Aus den SOL-Chroniken, Eintrag 1791: 4. März 3556
Er hatte längst aufgehört, über die ungeheuren Entfernungen nachzudenken, die sie zurücklegten. Vor über tausend Jahren war ihnen die Strecke nach Andromeda wie eine Unendlichkeit vorgekommen, doch nun legte die SOL mit ihren Dimesaxtatriebwerken diese Entfernung innerhalb weniger Stunden zurück.
Das Universum war gigantisch. Einer Schätzung zufolge lagen zwischen dem Mahlstrom der Sterne und der heimatlichen Milchstraße mehrere hundert Milliarden Lichtjahre. Das Universum war nicht alt genug, als daß das Licht diese Distanz hätte zurücklegen können. Die inflationäre Ausdehnung des Alls unmittelbar nach dem Urknall hatte gigantische Räume geschaffen, in denen sich das von der Erde aus sichtbare Stückchen Universum – eine Kugel von vierzehn Milliarden Lichtjahren – wie eine Luftblase in einem Meer ausmachte.
Das Problem, die Heimat zu finden, war nicht, eine der zahllosen Galaxien als eine der im Solaren Galaxienkatalog registrierten zu identifizieren, sondern überhaupt erstmal in Sichtweite eines bekannten Objektes zu gelangen. Und so sprang die SOL über Entfernungen durch den Kosmos, die man sich nicht mehr vorstellen konnte. Selbst ein Geoffry Abel Waringer bekam, wie er einmal zugab, beim bloßen Gedanken an die bislang zurückgelegten Flugstrecken, Kopfschmerzen.
Perry Rhodan starrte das neue Muster aus Lichtpunkten und Flecken an, das über die Bildschirmgalerien ausgebreitet war. Dies war keiner der universalen Leerräume, in denen geringfügig abweichende Ausgangsbedingungen unmittelbar nach dem Urknall, aber noch kurz vor der inflationären Expansion zu einem von zwei Extremen geführt hatten – supragalaktische Schwarze Löcher oder einem Quasi-Vakuum über Gigaparsek hinweg. Hier gab es jenes seltsame Gleichgewicht von Gravitation und Expansion, das es der Materie erlaubt hatte, sich zusammenzuklumpen und Galaxien, Sterne und Planeten zu bilden. Und wo es Himmelskörper gab, waren Leben und Intelligenz nicht fern.
„Wir haben eine Position zwischen zwei Superclustern bezogen“, wurde aus der Astrogationszentrale durchgegeben. „Im Umkreis von hundert Megaparsek ist keine größere Massenkonzentration zu entdecken. Der nähere Supercluster besteht aus schätzungsweise zwei Millionen Galaxien mit einer durchschnittlichen Masse von eins Komma vier Milchstraßen. Der andere ist ausgedehnter, hat aber zwanzig Prozent weniger Galaxien mit einer etwas geringeren Durchschnittsmasse.“
„Ist eine bekannte Struktur in den Datenspeichern?“ fragte Rhodan.
„Wir arbeiten daran, Sir“, kam die Antwort. „Das Muster der Quasare wird gerade von SENECA analysiert. Es gibt mehrere Übereinstimmungen mit registrierten Objekten, aber keine signifikante Häufung identischer Parameter.“
„Heißt: Ähnlichkeiten könnten Zufall sein“, fügte Gucky missmutig hinzu. Er lümmelte gelangweilt neben Rhodan in einem epsalischen Kontursessel herum und saugte irgendeinen Gemüsesaft durch einen Strohhalm. „Das geht mir allmählich auf die Nerven“, sagte der Ilt nach einer kleinen Pause. „Wie groß ist dieses Universum eigentlich?“
„Zehn hoch neunzehn bis zehn hoch dreiundzwanzig Parsek“, antwortete Waringer, der über einem riesigen Tisch gebeugt stand und in altertümlichen Papieren wühlte. Er war unablässig mit Berechnungen beschäftigt und hatte seine persönlichen Archivunterlagen wieder hervorgekramt. Einiges davon datierte ins beginnende 25. Jahrhundert. „Das bedeutet, wir könnten möglicherweise eine Billion Jahre auf der Suche sein und hätten trotzdem erst den millionsten Teil abgesucht. Jedenfalls bei konventionellen optischen Methoden. Zum Glück stehen uns bessere Verfahren zur Verfügung.“
„Wir haben eine ungefähre Richtung“, sagte Rhodan. „Und wir unterstellen, das wir nicht durch das halbe Meta-Universum davon geschleudert wurden. Wenn wir Glück haben, finden wir in den nächsten Jahren bereits nach Hause.“
„Bis dahin ist meine marsianische Karottenplantage bestimmt eingegangen“, knurrte Gucky.
„Wenn dein Verwalter es trotz der larischen Diktatur geschafft hat, deine Privatzucht bis jetzt zu erhalten, werden ihm ein paar weitere Jahre auch nichts mehr ausmachen“, meinte Waringer.
„Du hast ja keine Ahnung“, erwiderte Gucky. „Es ist eine Robotfarm mit einem Wartungsintervall von genau hundert Jahren. Nächsten Monat schalten sich die ganzen Anlagen ab, wenn ich sie nicht neu programmiere. Also beeil dich, Wunderknabe!“
„Ich tu mein Bestes, Kleiner“, versprach Waringer mit einem müden Lächeln. „Aber – ins Sol-System zu finden, ist nur der kleinere Teil der Schwierigkeiten. Wahrscheinlich ist die Milchstraße immer noch vom Konzil besetzt.“
„Pah“, machte Gucky mit einer wegwerfenden Geste. „Wir sind mit den MdI, den Uleb und den Cappins fertig geworden. Die Laren sind bloß noch so eine intergalaktische Gaunerbande, die wir mit Schimpf und Schande davonjagen werden. Wenn Atlan das nicht sogar schon gemacht hat!“
„Das wäre wünschenswert“, kommentierte Rhodan, der das nicht ganz so zuversichtlich sah. Er wollte noch etwas hinzufügen, als sich SENECA über den Interkom zuschaltete.
„Die vorläufige Auswertung der beobachtbaren Quasare ist beendet. Es gibt keine Übereinstimmungen. Dieser Abschnitt des Meta-Universums ist nicht mit jenem identisch, in dem die Milchstraße liegt. Ich empfehle einen weiteren Sprung über zehn Gigaparsek Richtung Grün-eins-acht-B.“
„Wie viele Etappen haben wir so in den letzten Wochen hinter uns gebracht? Zwölf?“ fragte Rhodan.
„Dies war der vierzehnte seit unserem letzten Aufenthalt in der Galaxis...“
„Gibt es irgendein Sonnensystem in der Nähe?“ unterbrach Rhodan. „Einen Planeten, den wir uns ansehen können? Wir brauchen ein wenig Erholung von der ganzen Springerei.“
„Es ist interessant, das Sie darauf zu sprechen kommen, Sir“, sagte SENECA nach einem unmerklichen Zögern. „Ich habe hier eine ungewöhnliche Ortung – eine Art Peilsignal.“
„Wir haben nichts empfangen“, meldete sich die Funk- und Ortungszentrale. „Das Hyperspektrum ist so klar und sauber wie Trinkwasser.“
„Es ist ein normales Radiosignal“, erwiderte die Hyperinpotronik. „Sehr langwellige Frequenz, weit unterhalb des gebräuchlichen Bandes. Ein zwanzigstel Hertz.“
„Was ist das denn?“ fragte Rhodan. „So etwas habe ich noch nie gehört... Kann man das überhaupt noch als Funkwelle bezeichnen?“
„Jedenfalls kommt es in geringer Intensität von einer nicht sichtbaren Quelle in Rot-sechs-vier-L. Die Distanz ist nur ungenau bestimmbar... Ich schätze zwanzig Millionen Lichtjahre.“
„Du schätzt?“ pfiff Gucky empört. „Was für ein miserabler Taschenrechner bist du denn?“
„Genauer gesagt, ermittle ich eine ungefähre Entfernung von neunzehn Komma sechs acht Millionen Lichtjahre bei einer Ungenauigkeit von vierhundertsechzehntausend. Das Signal ist sehr... interessant. Der Sender scheint ein diffuses Feld zu sein, das etwa die Ausdehnung einer Galaxis hat, jedoch kann ich in diesem Gebiet keine nennenswerte Masse feststellen. Aufgrund der besonderen Eigenschaften des Radiofeldes ist die Reichweite des Signals, trotz der relativen Schwäche, enorm hoch. Unter günstigen Umständen wäre es noch in einer Entfernung von mehreren Milliarden Lichtjahren vom Hintergrundrauschen zu unterscheiden.“
„Zwanzig Millionen Lichtjahre... Das heißt, der Sender ging vor mindestens zwanzig Jahrmillionen in Betrieb. Handelt es sich um Kommunikation? Eine Botschaft oder so etwas?“
„Es ist ein abstraktes Signal. Ich habe jetzt mehrere Stunden aufgezeichnet und erkenne einen simplen binären Code. Jemand sendet Primzahlen in Potenzen auf der Basis der Zahl sechzehn und ist schon ziemlich weit fortgeschritten in der Reihe... Wenn der Sender bei Eins anfing, ist er schon seit neunzig Millionen Jahren in Betrieb. Mittlerweile haben die Signale bereits die beiden Supercluster erreicht, allerdings ist es unwahrscheinlich, das dort jemand darauf achtet. Bereits in einem Halo sind die interstellaren Störgeräusche in diesem Frequenzbereich so stark, das selbst ich Schwierigkeiten hätte, sie herauszufiltern.“
„Sechzehner-Potenzen und Primzahlen...“ echote Waringer und kratzte sich grübelnd am Kopf. „Fast jede intelligente Spezies entwickelt ein Zählsystem auf der Grundlage ihrer Fingerzahl. Die Haluter haben Hände mit jeweils sechs Fingern und demzufolge logischerweise ein Duodezimalsystem entwickelt. Natürlich haben sie eigentlich 24 Finger... Die Blues benutzen ein vierzehner-System.“
„Die Akonen haben zehn Finger, verwenden aber ebenso wie die Tefroder das Duodezimalsystem“, warf Gucky besserwisserisch ein.
„Weil die Lemurer es einführten und sie nicht mit Fingern, sondern Fingergliedern rechneten“, erklärte Waringer gelassen. Er hob die Hand vor die Augen des Mausbibers. „Vier Finger mit jeweils drei Gliedern; das macht zwölf. Den Daumen benutzten sie als Marker, um sich eine Ziffer zu merken. Das lemurische Volk kannte eine Fingerzählweise, die aus einer Hand einen einfachen Rechenschieber machte.“
„Ich bevorzuge einen Taschenrechner“, erwiderte der Ilt. „Oder, falls ich keinen habe, die Gedanken eines schnellen Kopfrechners wie dir! Wie viel ist neunzehn mal dreizehn? – 247, gell?“
„Schnüffler“, murmelte Waringer. „Aber worauf ich hinaus wollte: Sechzehn ist eine binäre ganze Zahl – zwei hoch vier. Oder halt zwei hoch zwei hoch zwei, und zwar in beiden denkbaren Lesweisen: Vier hoch zwei und zwei hoch vier ist jeweils sechzehn. Es ist eine sehr gute Zahl, wenn es um einfache mathematische Kommunikation geht. Und Primzahlenreihen sind völlig unnatürlich; es gibt nichts im Universum, das auf natürliche Weise eine Folge verschiedener Primzahlen erzeugt, schon gar nicht aufeinanderfolgende... Außer der Intelligenz, heißt das. Woraus folgt: selbst ein intelligentes Wesen, das nie zuvor mit einem anderen intelligenten Wesen Kontakt hatte und vielleicht auch nicht wusste, das es außer ihm weitere Intelligenzen im Universum gibt – selbst solch ein Geschöpf würde durch einfache logische Überlegungen bei der Analyse des Funksignals erkennen müssen, das es von einer anderen Intelligenz geschickt wurde.“
„Eine unverkennbare Botschaft“, nickte Rhodan. „Ich erinnere mich vage an etwas aus meiner Jugendzeit. Ich meine die Jahre, bevor ich zum Mond flog. Ein Wissenschaftler hat ähnliche Überlegungen angestellt, als es darum ging, die Streitfrage zu schlichten, ob es intelligente Wesen im All gibt, und wie man sich ihnen verständlich machen könnte. Primzahlen schicken, war einer seiner Vorschläge.“
„Carl Sagan, ja... Er soll verrückt geworden sein, als die Arkoniden alle seine Überlegungen hinfällig machten“, sagte Waringer.
„Er versuchte sein SETI-Projekt durchzuboxen, als wir die STARDUST bauten“, erinnerte sich Rhodan. „Ein riesiges Radioteleskop mit einem angeschlossenen Richtfunksender für interstellare Kommunikation. Aber die beantragten Finanzmittel wurden uns zugeschlagen. Er war ziemlich sauer, als wir mit Crest und Thora vom Mond zurückkamen... Aber soviel ich weiß, kam er in den Achtzigern nach Terrania und bekam sogar eine Zelldusche. Er gehörte jedenfalls zu den Ausbildern für die Explorer-Raumfahrer und arbeitete Erstkontakt-Prozeduren aus.“
„Und dann wurde er wahnsinnig“, nickte Waringer. „Etwa zu der Zeit, als es gegen die Posbis zur Sache ging. Er hat sich an ihrem Symbolkode die intellektuellen Zähne ausgebissen. Kurz vor seinem Zusammenbruch schrieb er in sein Notizbuch, man müsse irre werden, ehe man die Posbi-Logik verstehen könne.“
„Klingt nach einem modernen wissenschaftlichen Mythos“, fuhr Gucky dazwischen. „So wie die Sache mit dem alten Kalup, der als Geist in der Akademie der Hyperwissenschaften spuken soll.“
„Ich habe ihn gesehen“, behauptete Waringer lächelnd.
„Ich auch“, erwiderte Gucky. „Jahrelang. Als er noch lebte!“
„Wenn ich die Diskussion unterbrechen dürfte?“ ließ sich SENECA höflich vernehmen. „Den Ausführungen ist nichts hinzuzufügen, außer, das ich der Ansicht bin, das es sich bei dem Sender um eine automatische Einrichtung handelt. Gerade die lange Betriebsdauer lässt kaum einen anderen Schluss zu als den, das es sich um robotische Mechanismen handelt. Ein sich selbst wartender robuster Sender. Ob eine Intelligenz dahintersteckt, ist mittlerweile – nach neunzig Jahrmillionen – fraglich.“
„Und in den letzten zwanzig Millionen Jahren könnte der Sender nicht nur versagt haben, sondern spurlos vernichtet worden sein. Vielleicht ist das der Grund, warum im Sendegebiet nichts zu orten ist“, spekulierte Waringer.
„Ich frage mich...“ murmelte Rhodan. Er kniff nachdenklich die Augen zusammen. „Ist das Signal rotverschoben?“
„Zeitdehnung!“ rief Waringer aus und schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn. „Der Sender bewegt sich mit Lichtgeschwindigkeit von uns weg, deshalb ist die Frequenz extrem langwellig.“
„Ein interessanter Gedanke“, sagte SENECA. „Aber nicht zutreffend. Die Begründung ist statistischer Natur: wir müssten uns sehr zufälligerweise exakt in entgegengesetzter Flugrichtung des lichtschnellen Senders befinden - was ich in Anbetracht der hohen Entfernung als vernachlässigbar geringe Chance errechnet habe. Etwa zehn hoch sechzehn zu eins. Der Sender ist demgegenüber mit mehr als neunzigprozentiger Wahrscheinlichkeit gegenüber dem übrigen Universum in relativer Ruhelage oder bestenfalls in geringer Bewegung, maximal jedoch nicht mehr als fünfhundert Sekundenkilometer. Ich bitte Sie zu bedenken, das der Sender ein Feld mit einer Ausdehnung von mehreren hunderttausend Lichtjahren ist. Als Ausgangspunkt könnte ein intensiver Magnetar gelten, eventuell aber auch ein kleines Schwarzes Loch. Die Binärcodes sind sozusagen aufgeprägt.“
„Kann ein Magnetar hundert Millionen Jahre lang in solcher Intensität Radiostrahlung emittieren?“ fragte Rhodan und blickte Waringer an.
„Was ist ein Magnetar?“ quengelte Gucky.
„Eine Art Neutronenstern“, antwortete Waringer. „Ich kann dir eine meiner Klausuren überlassen, die ich während des Studiums schrieb und spezifische Hyperphänomene auf Kollapsaren von eins Komma sechs bis eins Komma neun Sonnenmassen behandeln. Es ist wirklich sehr interessant!“
„Gibt es Abbildungen?“
„Ein paar“, nickte Waringer. Er kramte in seinen alten Unterlagen und zog einen Schnellhefter hervor. „Und eine ganze Menge fortgeschrittene Formelmathematik.“
„Später“, winkte Gucky ab. „Ich weiß, was ein Neutronenstern ist; das reicht mir. Die Dinger sind unheimlich – nichts, das so klein ist, sollte so schwer werden dürfen!“
Waringer warf ihm einen intensiven Blick zu. „Wirklich?“ meinte er anzüglich.
Gucky sprang aus dem Sessel und ging gemächlich um Waringer herum. „Kannst du eigentlich fliegen?“ wollte er wissen und musterte ihn interessiert. „Bully konnte es nicht besonders gut, und ich frage mich...“
„Es reicht, Kleiner“, mahnte Rhodan. „Ein ungewöhnlicher stellarer Himmelskörper, der von einer Intelligenz manipuliert wurde, um eine sich steigernde Reihe von Primzahlen zu senden, auf einer Frequenz, die nur im intergalaktischen Leerraum problemlos zu empfangen ist. Merkwürdig – wenn ein intelligentes Wesen einen Kontakt sucht, müsste es nicht eine Frequenz wählen, die auch im Innern einer dichten Galaxis empfangen werden kann?“
„Eigentlich schon“, meinte Waringer. „Es sei denn, dem Sender stehen keine anderen Methoden zur Verfügung. Oder... das Wesen ist von einer Art, das es nicht glaubt, in den Galaxien könne eine andere Intelligenz existieren.“
„Sterne und Planeten als Hindernis... Materie. Masse? Gravitation!“ Rhodan schnippte mit den Fingern. „Ein Magnetar ist zwar ein intensives Massezentrum, aber hunderttausend Lichtjahre entfernt wäre praktisch keine nennenswerte Schwerkraft mehr vorhanden. Das Wesen, das den Sender einrichtete, lebt im Leerraum. Vielleicht ist es nur ein lebendiges, denkendes Energiefeld.“
„Das wird mir zuviel“, beklagte sich Gucky. „Einem Magnetfeld kann ich nicht ins Hirn blicken, weil es keines hat! Ihr spinnt euch was zurecht... Warum fliegen wir nicht hin und schauen nach?“
„Weil unsere Anwesenheit einen zerstörerischen Einfluss haben könnte“, erwiderte Rhodan ernst. „Wenn das Wesen so empfindlich auf nahe Massen reagiert – möglicherweise sogar Schaden nimmt! – könnten wir mit unserem riesigen Schiff es vielleicht sogar umbringen. Allein dadurch, das wir ihm uns auf ein paar Lichtstunden nähern; von den Verzerrungen des Raumzeitkontinuums durch unser Überlichtmanöver ganz zu schweigen!“
„Und wenn wir mit der SOL bloß auf ein paar tausend Lichtjahre herangehen und dann ein Beiboot einsetzen?“ fragte Gucky. „Ich könnte einen telepathischen Kontakt versuchen – nur um die Frage zu klären, ob dort etwas Denkendes überhaupt existiert.“
„Alles deutet darauf hin, das es sich um ein diffuses Feld handelt, das den Magnetar in Hunderttausenden Lichtjahren Entfernung umgibt“, wandte SENECA ein. „Und zwar in jeder Richtung. Es enthält jedoch keine Hyperkomponente, was bedeutet: seine Denkprozesse sind bestenfalls lichtschnell, sein Körper jedoch über Hunderttausende Lichtjahre verteilt. Ein einfacher Gedankengang, der ausreicht, um uns auch nur wahrzunehmen, würde vielleicht eine Million Jahre beanspruchen. Doch selbst, wenn das ‚Gehirn’ des Wesens viel kleiner ist, könnte ein Gedankenaustausch immer noch viele Jahre dauern. - Natürlich haben wir theoretisch so viel Zeit zur Verfügung“, fügte die Künstliche Intelligenz nach einem kurzen Schweigen hinzu.
„Es sieht nicht so aus, als könnten wir uns diesem Geschöpf mitteilen“, stellte Rhodan nach einer Denkpause fest. „Dennoch widerstrebt es mir, weiterzufliegen, ohne ihm zu antworten. Es ist vielleicht eines der einsamsten Lebensformen im Universum – isoliert über hundert Millionen Lichtjahre weite Abgründe von jedem anderen intelligenten Wesen, zudem unfähig, mit normalen Lebensformen wie uns zu kommunizieren... Nur ein ES vergleichbares Geistwesen wäre potentiell imstande, sich mit ihm zu verständigen.“
„Wir können ES eine Nachricht zukommen lassen, wenn wir zuhause sind“, schlug Gucky vor. Waringer knurrte ein ärgerliches „Witzbold!“.
„Nein“, sagte Rhodan. „Wir antworten diesem Wesen, und zwar so, das es uns verstehen kann. Wir setzen eine Sonde aus, die einen Funkstrahl auf das Wesen richtet und sich mit höchstmöglicher Geschwindigkeit von ihm fortbewegt. Auf diese Weise schlagen wir zwei Fliegen mit einer Klappe: die Sonde sendet im extrem niedrigen Frequenzband und tritt in den Bereich starker Zeitdehnung ein. Wir verfassen eine für dieses Geschöpf verständliche Botschaft und teilen ihm mit, wie vielfältig die Lebensformen und Erscheinungsformen von Intelligenz und Bewusstsein sind. Vielleicht kann es seinen Ruf so verändern, das er auch in den Galaxien empfangen werden kann.“
„Die Sonde würde für einen vergleichsweise stillstehenden Beobachter anstelle von Jahren also Tausende oder gar Millionen von Jahre lang senden“, nickte Waringer verstehend. „Also innerhalb des Zeitrahmens der Denkprozesse dieses Wesens. Es würde die Antwort in seinem eigenen zeitlichen Bezugsrahmen verstehen können. Aber... unsere Nachricht wäre zwanzig Millionen Jahre lang unterwegs. Wir werden niemals eine Antwort erhalten können.“
„Man kann nicht alles haben“, sagte Rhodan.
„Theoretisches spekulierendes Geschwafel“, murrte Gucky. „Und wenn ihr euch irrt?“
„Wenn wir recht haben, ist es für das Wesen mit tödlicher Gefahr verbunden, wenn wir hinfliegen und nachschauen“, erwiderte Rhodan. „Dieses Risiko kann ich nicht verantworten. Soll ich der Befriedigung unserer Neugier zuliebe einen Mord begehen? Wir würden den größten Leichnam aller Zeiten exhumieren – wenn wir dazu überhaupt imstande wären. Ein intelligentes Magnetfeld, mein Gott... Nein, wir tun, was ich gesagt habe. Wenn wir uns irren, so haben wir ein ungelöstes Rätsel zurückgelassen, doch das ist mir lieber, als es auf Kosten dieses Fremdwesens zu lösen. Verstehst du?“
„Ja“, gab Gucky widerwillig zu. „Es ist nur... Ich fühle mich reichlich nutzlos. Das wäre eine prima Gelegenheit, ein bisschen Bewegung zu bekommen und meine Fähigkeiten auszuspielen.“
„Ich verstehe dich, Kleiner“, sagte Rhodan. „Ich würde auch lieber eine Abwechslung vom Bordalltagstrott erleben. Aber... dafür werde ich niemanden gefährden!“
„Ist klar, Chef“, seufzte der Mausbiber. „Dann richtet dem großen Geist dort draußen zumindest Grüße von mir aus, ja?“



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