Das Gespür des Allan D. Mercant

GeschichteKrimi, Sci-Fi / P12
04.02.2016
04.02.2016
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Das Gespür des Allan D. Mercant

Von Don Redhorse

Als er von Jack Quincy geweckt wurde, fühlte sich sein ganzer Körper an, als hätte man ihn durch eine Mangel gedreht. Allan D. Mercant stöhnte und massierte seinen steifen Hals, wobei er auf die Uhr am Armaturenbrett schaute. „Mein Gott, es ist schon fünf“, murmelte er. „Wie sieht es aus, Jack?“

„Vor zehn Minuten ist der erste Lastwagen gekommen. Acht Tonnen Stahl, wenn ich mich nicht irre“, erzählte Quincy. „Die sind schon wieder zugange im Lagerhaus. Hoover sollte eine Razzia anordnen, statt uns hier draußen hängen zu lassen, wenn du mich fragst.“

„Verdammt, ist das kalt. Ich hoffe, unsere Ablösung bringt Kaffee mit“, sagte Mercant. Er war einundzwanzig Jahre alt und hatte gerade beim FBI angefangen. Es war der Winter des Jahres neunzehnhundertneununddreißig, und während das Dritte Reich in Europa seine Vormachtstellung mit brutalen Methoden ausbaute, schickte es Agenten und Spione in die USA, die dem FBI Kopfzerbrechen bereiteten. Mercant war als junger Polizist zufällig über einen Industriespion gestolpert, der gerade in einem Anwaltsbüro hinterlegte Patentschriften zu stehlen versuchte, hatte ihn sich an der Hintertür geschnappt und ihn bei staunenden Vorgesetzten abgeliefert. Er fertigte einen beeindruckenden Bericht an, in dem er viel von Ermittlungen in seiner Freizeit, einem Informanten und gehörigem Glück fabulierte – und der von A bis Z nahezu erlogen war. Einzig eines stimmte: er hatte Glück gehabt. Obwohl er seinem Partner, dem erfahrenen Agenten Jack Quincy inzwischen gestanden hatte, das er fast wie von einer inneren Stimme geleitet zum Bürogebäude gegangen war während eines nächtlichen Streifenganges. Dort hatte er mit fast schlafwandlerischer Sicherheit anhand der Einbruchsspuren an einer Hintertür erkannt, was Sache war – und war einem Schmerzensschrei gefolgt, der ihn zum Büro der Kanzlei führte.

Der Spion war ein nicht ganz unbekannter Gauner gewesen, der sich im Dunkeln den Kopf angeschlagen hatte, als er verschwinden wollte. Er lief Mercant in die Arme und ließ beim Zusammenprall die Patentschriften und versiegelten Pläne und Blaupausen fallen. Mercant wusste im gleichen Moment, wie der Gauner ihn angriff, was hier geschehen war; fast so, als hätte der Kerl ihm bereits alles erzählt. Und später, nach langen Verhören und einem abschließenden Geständnis, fühlte Mercant einen kalten Schauer über den Rücken rieseln – denn das, was er sich anfangs nur einzubilden schien, hatte sich als Wahrheit herausgestellt.

Er wusste nicht, wie er sich das alles aus den wenigen Indizien zusammengereimt hatte, aber es hatte ihn erschreckt und zugleich in ihm den Wunsch geweckt, mehr als nur ein kleiner Polizist zu werden. Der Ermittlungserfolg hatte dem Zwanzigjährigen beim FBI praktisch alle Türen geöffnet, und nach der regulären Ausbildung von drei Monaten war er Jack Quincy zugeteilt worden, um nun praktische Erfahrungen zu sammeln.

Seither saß er Nacht für Nacht in einem Ford und fror sich in der Novemberkälte den Arsch ab, während er ein abgelegenes Areal am Hafen observierte, wo in einer Lagerhalle offenbar etwas gebaut wurde, für das enorme Mengen Stahlplatten nötig waren.

Das FBI hatte aus verschiedenen Quellen, meist durch Zufall, von seltsamen Aufträgen an mittelgroße Stahlwalzwerke und ähnliche Maschinenbaufabriken erfahren. Gemeinsam war allen, das der Auftraggeber jeweils einer von drei Männern war, die ausschließlich Bar und im Voraus bezahlten; und das die bestellten Teile – mal große, dickwandige Tanks, mal Pumpen oder elektrische Generatoren, oft aber nur mechanische und elektrische Einzelteile größerer Maschinen – zu Adressen geliefert wurden, bei denen es sich fast immer um leerstehende Lager- und Fabrikhallen handelte. Dort wurde das Material von Speditionslieferwagen oder unabhängigen Lastwagenfahrern abgeholt und zum Hafengelände gekarrt, wo es in einer alten Lagerhalle verschwand.

Mercant hatte einen der drei Auftraggeber einmal verfolgt und war, wie er glaubte, tatsächlich nicht bemerkt worden. Er war ein mittelgroßer, unauffälliger Mann; eigentlich zu schmächtig für die New Yorker Polizei, wo stiernackige Iren die vorherrschende Spezies darzustellen schienen. Quincy entsprach selbst diesem Bild und war, ironischerweise, zu Dreivierteln Franzose, der nur einen Großvater väterlicherseits aus Irland hatte. Abgesehen davon war er ursprünglich Buchhalter und hatte für das FBI angefangen, als man sich die Finanzunterlagen bekannter Mafiagrößen vornahm, was bis vor ein paar Jahren das einzige sichere Mittel war, ihnen beizukommen. Quincys Analyse doppelter Buchführungen hatte eine halbe „Familie“ in New Jersey in den Knast gebracht.

Der Auftraggeber – es handelte sich um einen großgewachsenen, weißhaarigen Mann von kräftigem Wuchs - hatte mit hundertzwanzigtausend druckfrisch wirkenden Dollar eine Bestellung bei Ferromagnetics Ltd in Queens aufgegeben und zwei Wochen später mehrere LKW’s voller Induktoren, Magnetfeldröhren und ähnlich komplizierter Technik zu einem vorübergehend angemieteten Lager mit angeschlossenem Büro an der Nordspitze Manhattans geliefert bekommen.

Quincy hatte das Geld untersucht, weil er auf Falschgeld tippte, aber selbst bessere Experten als er hatten die Echtheit der Banknoten bestätigt. Wegen der Leichtigkeit, mit der früher Dollarnoten zu fälschen waren, hatte man zwischenzeitlich fälschungssichere Scheine entwickelt, die mit mikroskopisch kleinen Merkmalen, die nur Fachleute unter einer Lupe erkannten, als echt zu erkennen waren. Seither flogen Blütenhersteller fast sofort auf.

Die Geldbündel waren echt - daran bestand kein Zweifel, bis auf den Umstand, dass Mercant mit unbestechlicher Logik darauf hinwies, dass dies auch bedeuten konnte, das eine Fälscherbande es geschafft hatte, die Merkmale zu entdecken und nachzumachen.

Es gab nicht viele Fälscher, die zu so einer Leistung imstande waren, und sie saßen fast alle hinter Gittern oder waren unerreichbar für die amerikanische Justiz. Womit der Verdacht greifbar wurde, dass eine „ausländische Macht“ Falschgeld in großem Stil in Umlauf brachte und damit ein geheimnisvolles Projekt finanzierte. Mittlerweile waren rund neun Millionen Dollar damit umgesetzt worden, und Mercant brannte darauf, die Hintergründe zu erfahren. Er hatte auf sein Gespür gehofft, aber das ließ ihn in diesem Fall wohl im Stich. Tatsächlich fühlte er sich so ratlos wie nie zuvor in seinem Leben. Es schien, als sei eine leise, beratende Stimme in seinem Innern plötzlich verstummt.

„Es ist nicht gesetzlich verboten, große Geldgeschäfte in Bar abzuwickeln“, grummelte Quincy. „Aber es gehört verdammt noch mal untersagt, bei dieser Scheißkälte in einem Wagen sitzen zu müssen.“ Er hatte sich in einen dicken, schwarzen Wollmantel gewickelt, in dem er wie der berüchtigte „Schwarze Mann“ wirkte. Mercant war ähnlich eingepackt und fror dennoch erbärmlich.

„Manners und Frey kommen um sechs, wenn die Schicht der Dockarbeiter anfängt. Bis dahin vertrete ich mir mal die Beine“, sagte Mercant.

„Pass auf, dass dir die Stange Wasser nicht anfriert“, lästerte Quincy.

Mercant schlug die Beifahrertür hinter sich zu und achtete darauf, nicht in die vereinzelten Lichtinseln der Laternen zu treten, als er mit einer Patrouille am Areal entlang begann. Früher gab es nur eine etwa anderthalb Meter hohe Mauer, die das drei Hektar große Grundstück umgab; später hatte jemand einen Zaun angebaut, der dreieinhalb Meter Höhe erreichte. Die neuen Betreiber der Halle, die sich am Rand der Kaimauer duckte, hatten obenauf eine Rolle Stacheldraht angebracht und weitere Drähte und Schnüre gespannt, deren Sinn Mercant sich denken konnte: Es musste sich um elektrische Alarmanlagen und vielleicht sogar Hochspannungsdrähte handeln, um Eindringlingen das Überklettern zu erschweren.

Die Mauer war fast vierhundert Meter lang und ging auf der rechten Seite in die Rückwand einer unaufhörlich stinkenden Fischfabrik über, während sie links nach einem scharfen Knick und durchbrochen vom einzigen Tor schließlich am Kai endete. Sie ragte zwei Meter über die Kante hinaus und war mit eisernen Spitzen beschlagen, so dass man schon verrückt sein musste, um es zu riskieren, dort herum zu klettern. Voriges Jahr hatte man bei einer vergleichbaren Anlage einen nächtlichen Einbrecher in aller Herrgottsfrühe aufgespießt vorgefunden. Er lebte noch, starb aber in der Untersuchungshaft an einer üblen Blutvergiftung. Mercant hatte es in der Times gelesen und sich gewundert, wie jemand so dumm sein konnte, sich um diese Spieße herumschwingen zu wollen, nur um dann doch in sie hineinfallen zu müssen.

Mercant hielt Abstand zur Mauer, schlenderte meistens auf der anderen Straßenseite dahin und hielt sich wiederum dort von den Mauern anderer Gebäude fern. Manchmal fuhr ein früher Lieferwagen heran. In der Fischfabrik hatte man die ganze Nacht über Konserven gepresst und verlud sie nun mit wachsendem Lärm auf Lastwagen. Frühe Arbeiter gingen zu ihren Jobs, andere machten Schluss nach einer Nachtschicht und machten sich auf den Heimweg oder, vermutlich häufiger, den Weg in eine Kneipe.

Mercant war ein kleiner, dunkler Schatten, den kaum jemand wahrnahm. Wenn man ihn aus der Nähe sah, hielt man ihn wahrscheinlich für einen Lohnbuchhalter, einen Sekretär oder sonst einen Schreibstubenangestellten. Vor einigen Tagen hatte er einen kleinen Versuch angestellt und einer Gruppe Lagerarbeiter zugenickt, als sie an ihm vorübergingen. Einer nickte zurück und sagte „Morgen, Mister Michaels.“ Er hatte ihn offenbar mit einem ähnlich unscheinbaren Mann verwechselt.

Mercant wusste seine Allerweltserscheinung zu schätzen. Kaum jemand würde ernsthaft vermuten, dass er ein schneller, kräftiger Kämpfer sein konnte, hervorragend mit der Pistole schießen konnte und seit Kindesbeinen an mit einem Messer geübt hatte, um es mit Straßenschlägern in seinem Viertel aufnehmen zu können, wenn es hart auf hart ging. Mercant lächelte freundlich und nutzte sein harmloses Aussehen gnadenlos, um sein Gegenüber in einem falschen Gefühl von Sicherheit und Überlegenheit zu wiegen.

Seine eigentliche Waffe aber war, neben seinem unheimlichen, nahezu übersinnlichen Gespür, seine Intelligenz. Seine Kombinationsgabe hatte seinen Ausbildern beim FBI Bewunderung abgerungen; und hinter vorgehaltener Hand hatten sie ihn als „Sherlock Holmes“ bezeichnet – mal spöttisch, mal ehrlich.

Dieser Fall rang Mercant nun allmählich seine Nervenstärke ab. Er wollte ums Verrecken wissen, was hinter den Mauern der alten Lagerhalle vorging. Und er glaubte, seine Chance entdeckt zu haben.

Die Lagerhalle grenzte nicht zufällig an die Fischkonservenfabrik. Früher hatte es sich um einen riesigen Fischmarkt gehandelt, der allmählich in die Fabrik umgewandelt wurde. Seit man Kühlhäuser betrieb, brauchte man auch keine gewaltigen Eislieferungen von einer Fabrik mehr anzunehmen, und man hatte das gesamte Firmengelände verkleinert. Die große Lagerhalle mit einem alten Pier, an dem Fischtrawler anlegten, um ihre Ladung zu löschen, hatte früher dazu gedient, um die Fänge zu sichten, schlechten Fisch sofort auszusortieren und den Rest nach Sorte und Güte getrennt weiter zu leiten. In der heutigen Fabrik hatte man die Ware an Zwischenhändler für den Großmarkt verkauft.

Früher verband eine hölzerne Überdachung beide Gebäude. Nach der Aufteilung hatte man sie abgerissen, aber... Beide Gebäude hatten immer noch Zugänge an den einander zugewandten Wänden. Und die Rückwand der Fischfabrik war zugleich die Begrenzung des Nachbargeländes.

Mercant fragte sich, ob die geheimnisvollen Auftraggeber dies wussten. Vielleicht maßen sie dem keine Bedeutung bei. Mercant jedoch hatte in den vergangenen Tagen einen kleinen Plan ausgearbeitet, von dem er sicher war, dass er nicht genehmigt würde. Also teilte er niemandem seine Absicht mit.

Die geheimnisvollen Auftraggeber hatten anscheinend niemanden dazu eingeteilt, Wache zu stehen oder auch nur aus der Ferne, zum Beispiel durch Fenster der Lagerhalle, zu beobachten. Falls doch, würden diese Mercant inzwischen für einen Angestellten in einer der benachbarten Firmen halten, der in aller Herrgottsfrühe zum Dienst erschien. Mercant hatte darauf geachtet, immer zur selben Zeit seinen „Spaziergang“ zu machen. Jeder Versuch, besonders unauffällig zu sein, sich zu verbergen und Begegnungen zu vermeiden, hätte Verdacht erregt. Es war wichtig, dass man bemerkt und sofort wieder vergessen wurde – das war das eigentliche Geheimnis einer guten Tarnung.

Er vergewisserte sich, dass er seine Pistole geladen und gesichert hatte. In einer Tasche hatte er seinen FBI-Ausweis, in einer anderen einen Presseausweis. Diesen würde er im Zweifelsfall zuerst vorweisen und behaupten, einem Korruptionsskandal in der Hafenmeisterei nachzugehen und sich verlaufen zu haben, als er in der Fischfabrik nach einem bestimmten Büro gesucht hatte. Sich als Agent zu erkennen zu geben, wäre zum jetzigen Zeitpunkt nicht nur falsch, sondern sogar schädlich für die Ermittlungen gewesen.

Jedenfalls sah er mehr nach einem Reporter als nach einem Agenten aus, fand er nicht ganz zu Unrecht.

Er schloss sich einer Gruppe Frauen an, die in der Fischfabrik mit der Etikettierung zu tun hatten – eine beschwerte sich darüber, dass ihre Leimmaschine nicht richtig funktionierte und ein „Fat Joe Perkins“ sich weigerte, sie zu reparieren, wenn sie nicht mit ihm ausginge – und lüpfte seinen Hut, als er sie am Personaltor der Fabrik eingeholt hatte. „Guten Morgen“, wünschte er. „Gladys Beckinson, nicht wahr? Ich habe von Ihren Schwierigkeiten mit Joe Perkins gehört. Soll ich mal mit ihm sprechen? Morgen, Tom“, grüßte er den Mann, der ihn verdutzt ansah.

„Ah, Mister Michaels? Sie sind doch in Urlaub, habe ich gedacht“, sagte der.

„Hab was vergessen mitzunehmen. Immer nur Zahlen im Kopf, da haben es andere Dinge manchmal schwer.“ Mercant wusste, dass man ihn nicht genau erkennen konnte, weil es zu dunkel war. Außerdem war es zu früh: eine Menge der Leute, die um sechs Uhr mit der Schicht anfingen, waren noch im Halbschlaf. Die Kälte tat ihr übriges, um sie träge zu machen. Er achtete darauf, den Mantelkragen hochgeschlagen zu lassen und hatte den Hut so gezogen, das er das Gesicht mehr verdeckte als freigab. „Nun, Miss Beckinson?“ fragte er.

„Äh, ja, natürlich. Das wäre sehr nett von Ihnen, Mister Michaels“, erwiderte die Frau. Eine Kollegin stieß sie an, flüsterte etwas und kicherte.

„Ich geh nur mal schnell rein, Tom, okay?“ fragte Mercant und ging schon durch.

„Klar, Mister Michaels.“

„Vielen Dank, Mister Michaels“, rief ihm Gladys nach. Zwei Kolleginnen echoten kichernd „Vielen Dank, Mister Michaels.“ „Haltet die Schnäbel, ihr dummen Hühner“, zischte Gladys.

Mercant grinste. Das ging fast schon zu leicht, dachte er. Als hätte er wieder genau gewusst, was er zu tun und zu sagen hätte, um dem zu entsprechen, was die Menschen von ihrem „Mister Michaels“ erwarteten.

Sein Gespür. Da war es wieder, nach langen, dunklen Wochen. Mercant ballte triumphierend eine Faust in der Manteltasche. Es kam halt nur darauf an, die richtige Wortwahl zu treffen; und auf Kleinigkeiten im verhalten. Eine Geste, ein Blick und vielleicht ein „Äh“ oder „Hm“ an der richtigen Stelle.

Aber woher, zum Teufel, wusste er, das der Pförtner „Tom“ hieß? Das ließ ihn beinahe stolpern, als er eine kleine eiserne Außentreppe hochging. Er schob den Gedanken beiseite und öffnete den wenig benutzten Seiteneingang der Fabrik.

Dahinter war es feucht und dunkel. Fischgestank und der Geruch nach Motorenöl und Kühlmittel mischte sich zu einer beinahe greifbaren Wolke – zu einem Teil der Luft, den man schneiden, einpacken und mit der Post verschicken konnte. Mercant hielt unwillkürlich die Luft an, dann stieß er sie langsam aus und ging weiter.

Treppen, Korridore und Seitengänge. Hier und da gab es kleine Magazine für Werkzeug, Reinigungsmittel und Arbeitskleidung. Im zweiten Stock hatten die Vorarbeiter einen Verschlag, in dem sie ihre Unterlagen aufbewahrten, Kaffee tranken und rauchten – obwohl das im ganzen Gebäude verboten war – und manchmal auch pokerten. Mercant konnte die letzte Spielrunde praktisch durch die geschlossene Tür hindurch riechen: es war eine ganze Menge Alkohol geflossen während einer öden Nachtschicht.

Der größte Teil der Halle war ein Durcheinander von Maschinen, die in einem undurchschaubaren Muster angeordnet waren, um portionierten Fisch an der einen Seite zu schlucken und am anderen Ende als ovale Blechdose auszustoßen. Überall waren Männer und Frauen damit beschäftigt, Hebel zu ziehen, kistenweise Dosen herumzuschieben, Papierfahnen abzurollen und aufzukleben und noch eine Menge mehr zu tun. Mercant staunte ehrlich darüber, wie kompliziert etwas so einfach Scheinendes wie das Herstellen einer simplen Dose Fisch sein konnte. Nach einigen Minuten hatte er das Durcheinander durchschaut und fand, das es durchaus organisiert war – bloß nicht besonders effizient. Maschinen, die man direkt nebeneinander hätte einrichten müssen, waren durch andere Geräte getrennt, so dass zusätzliche Leute Material herumtragen mussten. Die Mechanisierung war schrittweise erfolgt: die ersten Maschinen waren dort aufgebaut worden, wo Platz war oder wo sie unmittelbar gebraucht wurden. Später hatte man zu rationalisieren versucht und sich damit abfinden müssen, dass bereits zu Beginn der Fabrikation Fehler beim Aufstellen der Maschinen gemacht wurde. Das hätte man nur korrigieren können, wenn man die gesamte Maschinenhalle neu eingerichtet hätte, was aber zu teuer und zu umständlich gewesen wäre.

Grob geschätzt hätte man wahrscheinlich jeden dritten Arbeiter entlassen können, wenn man die Maschinen anders aufgebaut hätte; und zugleich wäre die Produktion schneller und billiger erfolgt. Mercant hatte für einen Moment das Bild einer modernisierten Halle vor Augen, einer Halle voll glänzenden Edelstahls, mit gekühlten Behältern, enorm viel elektrischen Anlagen und einem Minimum an Arbeitern in Schutzkleidung. Die Vision war fast sofort wieder weg, und er war reichlich irritiert von ihr – was ging das ihn an?

Er machte einige Umwege, um niemandem zu begegnen, und rechnete es seinem Gespür an, das dies auch gelang. Dann erreichte er die Rückwand der Fabrikhalle, wo ein Kühllager eingerichtet worden war. Die Kühlmaschine war gasbetrieben und erzeugte, paradoxerweise, jede Menge Wärme, die diesen Bereich zu einem beliebten Pausenraum für die Arbeiter machte. Da gerade die Schichten wechselten, war gerade niemand da; wie er gehofft hatte. Mercant sah bloß einen riesigen Kerl in Latzhosen auf einem Stuhl sitzen, der in ein Frühstück vertieft war.

Merkwürdig – irgendetwas an ihm vermittelte Mercant den Eindruck, es könne sich um jenen „Fat Joe Perkins“ handeln.

Mercant grinste und trat so vor ihn, das ihn hinterrücks eine Lampe beschien und sein Schatten auf den Mechaniker fiel. So würde er Mercant kaum wirklich erkennen können.

„He, du stehst mir in der Sonne“, maulte der Mann.

„Mister Perkins? Ich bin Michaels“, sagte Mercant und gab sich einen geschäftstüchtigen Unterton. „Ich habe gehört, dass es Probleme mit der Etikettenmaschine gibt. Kümmern Sie sich darum, und zwar bis zur Mittagspause, verstanden?“

„Was? Ja, okay, Michaels. Kein Grund, mich anzupfeifen. Wollte ich heute schon machen, okay? He, hat mich diese dumme Kuh etwa...“

„Miss Gladys Beckinson?“ fragte Mercant und gab seiner Stimme einen gewissen warmen Unterton. „Sie erwähnte bei unserem Gespräch diese Probleme, ja. Was wollten Sie sagen, Perkins?“ erkundigte sich Mercant mit härterem Tonfall.

„Hm, nichts, entschuldigen Sie, Sir“, murmelte der Mann. „Ich kümmere mich sofort darum, Mister Michaels. Nichts für ungut.“

„Nichts für ungut“, wiederholte Mercant. Er fixierte Perkins, der gerade herzhaft in ein Sandwich beißen wollte. Mit offenstehender Kinnlade erwiderte Perkins den Blick. Ein Lichtreflex spiegelte sich in Mercants randloser Brille. Etwas in Perkins machte Klick, das wusste Mercant jetzt ganz genau; als hätte er hineinschauen und es beobachten können. Perkins legte das Sandwich beiseite und sprang auf, um nach einem gemurmelten Gruß davon zu eilen.

Mercant stieß einen erleichterten Laut aus. Dann wandte er sich dem Kühlhaus zu.

Es war, wie er schon gedacht hatte: das Kühlhaus war direkt an die Stelle des früheren Zugangs gebaut worden. Das bedeutete, die vergitterte Öffnung, die drei Meter über dem Boden lag, gehörte zur Kühlanlage. Vermutlich wurde dort im Sommer die Abwärme ausgestoßen. Jetzt, wo es eiskalt war, lief die Anlage nur schwach.

Mercant drückte sich gegen die Mauer der Fabrikhalle: das Kühlhaus war ein eigener Kasten, der einen halben Meter von der Wand abgerückt war. Dahinter lag nach all den Jahren inzwischen ganz schön viel Dreck, aber man konnte erkennen, wo das Tor zugemauert worden war. Und tatsächlich – dort gab es das meterstarke Abluftrohr. Mercant verfolgte seinen Verlauf mit dem Blick, dann stellte er eine Leiter gegen das Kühlhaus und kletterte oben drauf. Der isolierte Block war fast vier Meter hoch: das Rohr der Kühlanlage machte einen Knick, ehe es in der Außenwand verschwand. Mercant zerrte daran und konnte es schließlich lösen. Die Bleche waren lediglich zusammengeschoben worden. Mercant kletterte in die Maueröffnung, was nicht ganz einfach war wegen des Höhenunterschiedes, und kroch auf Händen und Knien weiter. Er war klein genug, das er sich umdrehen und das Rohr wieder zurechtrücken konnte, dann machte er sich am Außengitter zu schaffen. Die Halterung war bereits völlig verrostet, so dass er es sogar festhalten musste, denn nach einigem Rütteln und Zerren löste es sich ganz heraus.

Er hängte es außen an ein hervor ragendes Stück Holz – dort hatte früher das Verbindungsdach angesetzt – und ließ sich dann hinausgleiten. Er hoffte, das unter ihm nichts auf dem Boden lag, an dem er sich verletzen konnte, und ließ sich schließlich fallen, als er nur nach an den Fingern am Rohrende hing. Etwas mehr als einen Meter tiefer zu fallen, klingt nicht nach viel – zur stockdunklen Morgenstunde war es eine echte Mutprobe.

Er landete sicher und duckte sich sofort zu einem reglosen, dunklen Klumpen. Die nächste Lichtquelle war so weit weg, dass er kaum die Hand vor Augen sehen konnte. Es war Neumond im November – konnte es eine dunklere Stunde geben, obwohl bald Sonnenaufgang sein musste?

Mercant wartete eine halbe Minute, ob sich was rührte, doch nichts geschah. Sein Eindringen blieb unbemerkt. Er grinste und schlich sich zur Rückwand der Lagerhalle. Dort hatte man das Tor lediglich zugenagelt, und es gab in der rechten Hälfte eine eingelassene Pforte für Menschen.

Mercant zündete ein Streichholz an und hielt es vor die Tür. Sie sah unverschlossen aus, und es gab keine verdächtigen Drähte, die Alarm auslösen mochten. Die Vorsicht der geheimnisvollen Unbekannten hatte nicht bis hierhin gereicht. Mercant drückte vorsichtig gegen die Tür und konnte sie mit einem leichten Rucken langsam aufmachen. Die Angeln knarrten, aber aus dem Innern der Halle drangen Arbeitsgeräusche, die das überdeckten.

Werkzeugmaschinen, Motoren und elektrisches Brummen vermengten sich zur charakteristischen Geräuschkulisse einer modernen Fabrikhalle. Mercant versuchte, ein wesentliches Element herauszuhören, doch vergeblich – Stimmen fehlten. Normalerweise brüllten und schrien sich Arbeiter ständig etwas zu: Anweisungen, Fragen und Antworten, Scherze und Flüche sowie Unterhaltungen gewöhnlicher Art, die lautstark geführt wurden.

Mercant quetschte sich durch den engen Türspalt und fand sich in einem Magazin wieder, in dem eine beeindruckende Menge unterschiedlichster Werkzeuge aufbewahrt wurden. Er wunderte sich nicht, das er vieles davon nicht kannte, doch erwachte sein Interesse sofort, als er chromblitzende Geräte mit Starkstromkabelanschlüssen entdeckte, die trotz ihrer unhandlichen Größe mit Handgriffen ausgestattet waren, als sollte ein Mensch sie führen. Mercant hob ein fast anderthalb Meter langes Gerät an, das aus einem gerundeten Gehäuse bestand, aus dem ein kompliziert wirkender Greifer mit mehreren Gelenken ragte. Reihen mit Druck- und Drehschaltern erweckten einen hochmodernen Eindruck. Mercant wuchtete das ganze Ding herum, denn es wog sicher an die dreißig Kilogramm, und hielt es ins Licht einer trüben Deckenlampe, um Aufschriften und Skalen zu lesen. Er hatte auf seinen Patrouillengängen durch einige New Yorker Straßenzüge die Schriftsprachen von fast allen denkbaren Emigranten sehen können: kyrillisch, griechisch, türkisch, chinesisch und ähnliche. Es gab ganze Straßen, in denen man sich in einem ganz anderen Land wähnte: kleine, abgeschiedene Viertel voller jüdischer Flüchtlinge aus Europa, russischer Einwanderer, die vor den Kommunisten flohen, oder Polen und Tschechen, die ihre Heimat verließen, weil sie einen Krieg mit dem Dritten Reich fürchteten.

Die Zeichen oder Ziffern auf den Geräten stellten ihn vor ein Rätsel. Sie wirkten stark abstrahiert, zugleich voll fremdartiger Symbolik. Er konnte kaum Ähnlichkeiten mit dem römischen Alphabet erkennen, das die Grundlage aller westlichen Schriftarten bildete, und noch weniger mit den geschwungenen und geschnörkelten Schriften des Orients oder Indiens.

Das Gerät war auch viel zu schwer, um auf Dauer von einem noch so kräftigen Arbeiter benutzt zu werden. Auch ließ sich sein Zweck nicht ergründen. Mercant hatte keine Ahnung, was er von dem futuristisch anmutenden Ding halten sollte, und legte es sorgfältig zurück.

Irgendwo brummten Generatoren und Transformatoren. Hier wurde ungeheuer viel Elektrizität verbraucht. Mercant ging den Geräuschen nach und fand in einem von einem mehrfachen Maschendrahtzaun gesicherten Bereich der Halle ein regelrechtes Umspannwerk vor. Direkt daneben ragte ein merkwürdiger, konischer Klotz empor, der mit massiv wirkenden Blechen verkleidet war. Darin dröhnte es dumpf und gleichförmig. Zwei gestalten in unförmigen Schutzanzügen, die vage an die Uniformen der Berufsfeuerwehr erinnerten, hantierten dort an einer Art massiven Ofenklappe. Als sie aufging, strömte blendendes Licht heraus und riss die restliche Halle aus dem schummrigen Zwielicht.

Mercant wandte geblendet die Augen ab und riss den Arm vors Gesicht. Als er heftig zwinkernd hervorlugte, sah er undeutlich, wie die Gestalten etwas aus dem Block herauszogen und beiseite auf einem Gestell ablegten. Dann schoben sie etwas anderes durch die Öffnung in die Quelle des gleißenden Lichtes und schlossen die Klappe mit einem Ruck, dass es donnerte. Nachdem die intensive Lichtflut erloschen war, schien Mercant für einige Sekunden in tiefster Nacht zu stehen. Dann nahm er orangefarbenes Glühen wahr.

Die Männer hatten einen zwei Meter langen Stab aus dem Block genommen. Dieser war rotglühend und strahlte eine vernehmliche Hitze aus. Die Luft über ihm waberte und stieg als wirbelnde Säule empor. In einigen Metern Höhe allerdings hörte dies auf.

Beide Männer hielten den glühenden Stab, der vielleicht aus heißem Stahl bestehen mochte, mit mächtigen Greifzangen fest und trugen ihn eine kurze Strecke, bis sie ihn auf einem großen Block aus Beton in eine passgenaue Vertiefung legten. Dann ließen sie mit einem motorisierten Flaschenzug einen gleichartigen Block darauf herab, nachdem sie die Fläche des unteren Klotzes mit Zement beschmiert hatten.

Der Klotz wurde auf einem niedrigen Wagen zur Seite gerollt und fortan ignoriert. Die Männer traten von dem ganzen Arbeitsbereich fort und stellten sich auf eine mit gelbschwarzen Linien umrandete Fläche. Dort senkte sich ein Trichter von der Decke herab, bis er fast ihre Köpfe berührte, und sprühte sie mit einem gelben Schaum ein.

Etwas Erstaunliches geschah! Der Schaum quoll um die Männer herum, überschritt aber nicht die Grenzlinien, sondern türmte sich wie in einem gläsernen Behälter meterhoch auf, bis die Männer völlig darunter verschwunden waren. Eine halbe Minute verging, dann zerbröckelte der erstarrte Schaum rasch zu einem orangegrauen Pulver, das durch eine Bodenöffnung ablief. Die Männer halfen mit einem Besen nach, staubten sich mit Handfegern gründlich ab und wurden anschließend von einem dröhnenden Gebläse mit heftigem Wind überschüttet. Letzte Reste des Staubes verschwanden durch das Bodengitter, das sich dann lamellenartig wieder verschloss. Der Trichter wurde hochgezogen und verschwand im Halbdunkel unter der Decke.

Die Gestalten verließen das etwa zwei Quadratmeter große Geviert immer noch nicht, sondern schälten sich aus ihrer Schutzkleidung. Zwei stämmige, dunkelhäutige Männer kamen zum Vorschein. Im schlechten Licht waren ihre Gesichtszüge kaum zu erkennen, doch als sie schließlich vortraten und in den Bereich einer hellen Deckenleuchte kamen, welche einen Werktisch und mehrere vereinzelt stehende Schränke in eine Lichtinsel rückte, musste Mercant stark an sich halten, um nicht vor Überraschung einen verräterischen Laut auszustoßen.

Die Männer wirkten wie... Iren? Sie hatten europäisch anmutende, dennoch leicht verfremdete Züge. Sie waren beide etwa eins fünfundsechzig groß, hatten jedoch breite Schultern, mächtige Brustkästen und wirkten auch ansonsten wie Schwerarbeiter oder auch Ringer und Gewichtheber. Sie mochten etwa hundert bis hundertzehn Kilo wiegen und machten ganz den Eindruck, als könnten sie mit jeder Hand noch mal so viel Gewicht halten. Sie bewegten sich leichtfüßig und beschwingt, als trügen sie unter anderen Umständen größere Lasten. Das Schleppen der glühenden Stange, die sicher nicht weniger als eine halbe Tonne wiegen konnte, schien sie nicht wirklich angestrengt zu haben.

Sie hatten eine blaue Hautfarbe. Auf den ersten Blick mochte man glauben, sich wegen des schlechten Lichts getäuscht zu haben. Im Dämmerlicht hätte man ihnen eine starke Hautbräunung oder jenen typischen Farbton zugestehen können, der den Bewohnern Nordafrikas eigen war. Im hellen Schein der elektrischen Bogenlampe, als sie sich über auf dem Tisch liegende Pläne beugten und etwas zu besprachen begannen, glänzte die Haut jedoch tiefblau, fast kobaltfarben. Es war keine oberflächliche Färbung wie bei einem Makeup, sondern kam aus einer tieferen Hautschicht. Diese Männer hatten, bei Gott, eine wirklich blaue Haut.

Es gab keine blauen Menschen. Es gab, wie Mercant erkannt hatte, auch keine wirklich weißen, gelben, roten oder schwarzen Leute. Die Chinesen und Japaner, die er gesehen hatte, hatten jedenfalls keine wirklich andere Hautfarbe gehabt als er selbst. Indianer mochten als „Roter Mann“ bezeichnet werden, doch waren sie eher bronzefarben oder gebräunt. Und selbst der dunkelste Schwarze oder Farbige, den er je gesehen hatte, war weit davon entfernt, kohlrabenschwarz zu sein. Im Großen und Ganzen bewegte sich die ganzen Hautfarben auf einer einzigen Skala, die bei hellem Rosa anfing und bei einem kräftigen Braun endete.

Wie auch immer: Niemals hatte Mercant gehört, es gäbe Blaue; und selbst wenn, hätte er vermutet, dass es sich um außergewöhnlich blasse Leute handeln musste, durch deren Haut die Venen hervorstachen. Diese beiden Kerle jedoch – sie waren so verdammt blau wie ein wolkenloser Sommerhimmel. Als einer lachte, weil der andere eine offenbar witzige Bemerkung gemacht hatte, konnte Mercant für einen Sekundenbruchteil eine tiefblaue Zunge erkennen. Die Lippen waren schon fast ungesund violett.

„Blaues Blut“, murmelte er erschüttert. „Sie müssen blaues Blut haben. Wie heißt das Zeug, das Blut rot färbt – Hämoglobin? Es ist wegen des Eisengehaltes rot. Wenn die beiden Burschen blaues Hämoglobin haben, dann... Kobalt? Aluminium? Verdammt, was sind das für Leute?“ flüsterte er und fasste sich ungläubig an die Stirn.

Einer der blauen Männer schaute irritiert auf und sah sich um. Er rief etwas, das Mercant nicht verstehen konnte – er wusste nicht einmal, welche Sprache es sein könnte. Er duckte sich hinter gestapelte Stahlfässer, die laut Aufschrift verschiedene Säuren und andere Chemikalien enthielten. Mercant merkte sich einige der Begriffe und war beunruhigt über die vielen Gefahrenhinweise: Totenköpfe, Explosionszeichen, Säurewarnungen. Einige der Bestandteile kannte er, andere nicht. Er fragte sich, ob hier Sprengstoff hergestellt wurde.

Er schlich rasch beiseite, wich weiteren Lichtinseln aus und konnte vereinzelte Personen erkennen, die mit klobigen Werkzeugen hantierten. Sie arbeiteten häufig im Dunkeln oder nur im Schein von Helmlampen. Überall ragten große Maschinen auf, an denen Werkstücke gefräst, gepresst oder gebohrt wurden. Im Hintergrund der Halle wölbten sich Stahlbleche zu gewaltigen Formen auf, die an Schienen von der Decke hingen und langsam transportiert wurden. Woanders wurden Stahlträger zu bizarren Gestellen zusammengeschweißt und dann ebenfalls abtransportiert. An den meisten Maschinen arbeiteten nur einzelne Personen. In den Stahlträgerkonstruktionen kletterten dagegen ganze Gruppen herum, schweißten, nieteten und hämmerten herum und brachten undefinierbare Dinge an.

Alle Aktivitäten fanden in einem langgestreckten U statt, das einen an der Längsseite der Halle befindlichen Bereich aussparte. Dort ragte etwas auf, das Mercant irritiert zuerst für einen Flugzeughangar hielt. Es handelte sich um eine abgerundete, liegende Halbwalze von siebzig Metern Länge und dreißig Metern Breite. Sie stieß fast an der Decke an, so hoch ragte sie auf. Seitlich jedoch gingen Streben und Bleche schräg von der gekrümmten Wandung ab. Sie  hatten zueinander einen Winkel von hundertzwanzig Grad, schätzte Mercant. Er ging zwischen gelagerten Kisten und aufgestapelten Ballen aus Gummimatten hindurch, wich zwei Arbeitern aus, die gerade zwischen nebeneinander aufgebockten Tanks hindurchgingen, und fand einen neuen Beobachtungsplatz, als er auf ein Schwerlastlager kletterte. Er hatte nun einen deutlich schrägeren Blickwinkel auf das, was er zuerst für einen Hangar gehalten hatte.

Das eine Ende war halbkugelförmig gerundet, das stimmte. Das andere Ende schien wie abgeschnitten zu enden. Dort ragten auch die beiden Konstruktionen heraus. Mercant überlegte, ob es Antennen sein konnten, oder Halterungen für Beobachtungsstände. Doch welchen Sinn machte es, sie derart schief anzubringen?

Dann machte etwas Klick in ihm. Seine Art, das Ganze zu sehen, veränderte sich wie bei einem Vexierbild.

Ein Hangar? Oh ja, die ganze Halle war ein Hangar, oder besser gesagt ein Dock. Irgendwie hatten sie eine große Grube ausgehoben und den Abraum vermutlich im Hafenbecken versenkt. In dieser Grube lagerte ein mächtiges Objekt, siebzig Meter lang, dreißig Meter im Durchmesser. Es hatte zwei – nein, drei, das war er plötzlich sicher! – Heckflossen.

„Die bauen ein verdammtes Luftschiff!“ stieß er hervor. Dann jedoch schüttelte er den Kopf. Die ungeheuren Mengen Stahl, die sie hier verwendeten, machten es unmöglich, das sich dieses Ding jemals wie ein Luftschiff schwerelos erheben würde. Für ein Schiff jedoch war es zu glatt. Jedenfalls, wie ihm siedend heiß klar wurde, für ein gewöhnliches Überwasserschiff.

Dies jedoch war zweifellos ein U-Boot. Und was für eines; vielleicht das größte, das es auf der Welt gab. Es gab längere – in einer Wochenschau hatte Mercant von Transport-U-Booten der Marine gehört, mit denen im Falle einer Seeblockade abgeschnittene Streitkräfte versorgt werden sollten – doch waren herkömmliche Unterseeboote langgestreckt und schlank. Mit seinem Rumpfdurchmesser von dreißig Metern hatte dieses deutlich mehr Volumen als jedes andere U-Boot.

Sie würden die Baugrube nur mit Wasser zu füllen brauchen, dann einen Durchbruch nach draußen schaffen müssen und würden sich mit diesem revolutionär neuen Gefährt davonmachen. Es wirkte wie ein Prototyp, und vielleicht war es das auch.

Es gab nur eine Erklärung: während in einer Marinewerft ein neuartiges U-Boot gebaut wurde, hatten Spione hier eine exakte Replik angefertigt. Sie brauchten gar nicht erst langwierig zu versuchen, die Pläne herauszuschmuggeln oder gar den Prototypen zu stehlen – bestenfalls würden sie ihn sabotieren. In einer unvergleichlichen Aktion hatten sie jedoch einen eigenen Prototypen gebaut, mit dem sie nach getaner Arbeit fliehen würden. Und vermutlich waren Versuche, sie unterwegs aufzuhalten, zum Scheitern verurteilt – dieses U-Boot konnte nur eine besonders wirkungsvolle Kriegswaffe sein; allem überlegen, was die U.S. Marine aufzubieten hatte.

Mercant wünschte sich sehnlichst einen Fotoapparat herbei. Selbst wenn die Aufnahmen wegen der schlechten Lichtverhältnisse verschwommen waren, hätten sie ungemein wertvolle Beweise dargestellt. Aber wer hatte so etwas ahnen können? Er selbst hatte keine Vorstellung gehabt, was ihn hier erwartete.

Er beobachtete das Treiben noch eine kurze Weile, ehe er sich an den Rückzug machen wollte. Von Laufkränen unter der Decke wurden Einzelteile ins Innere des Rumpfes abgesenkt. Einiges erkannte er: elektrische Generatoren, Dieselmotoren und Transformatoren. Sie wirkten im Vergleich zum gewaltigen Rumpf winzig, obwohl sie teilweise so groß waren, dass sie einzeln auf großen Lastwagen angeschafft wurden. Vieles konnte er aber auch nicht erkennen. Hier wurden Aggregate aus vertraut wirkenden, gewissermaßen alltäglichen Geräten zusammengebaut, die in ihrem Gesamteindruck bizarr und irgendwie sogar futuristisch wirkten. In mehreren von Flaschenzügen getragenen Halterungen hing schon die ganze Zeit ein fast hausgroßer Maschinenblock über dem Heckbereich. Aus ihm ragten Spiralen, Spulen und massive Bündel von Kabeln und Röhren. Mehrere Männer kletterten in dem Gewirr herum – an ihrem Vergleichsmaßstab war zu erahnen, das der Klotz aus seltsamer Technik etwa fünfzehn Meter groß war – und werkelten mit ihren übergroßen Werkzeugen herum.

Er hatte genug gesehen. Mercant wollte sich gerade abwenden, als einer der Monteure abstürzte. Er stürzte schwer auf die gekrümmte Rumpfwand, rutschte rasch abwärts und schlug hart auf dem betonierten Boden auf. Das Werkzeug folgte ihm, nachdem es sekundenlang an einen Stromkabel gehangen hatte und sich dann löste, und fiel genau auf den Unglücklichen drauf.

Es gab einen dumpfen, metallischen Klang. Mercant erstarrte und war entsetzt. Zugleich wunderte er sich, warum der Mann keinen Laut ausgestoßen hatte. Hätte man von einem solchen Unfall nicht erwartet, dass der Abstürzende gellend schrie?

Schlimmer noch: niemand eilte ihm zu Hilfe. Dafür geschah etwas Unfassbares. Nach etwa einer Minute rappelte sich der Mann auf, hob das Werkzeug auf und begann davon zu humpeln. Er kam in Mercants Richtung, stolperte in eine abgetrennte Werkstatt und setzte sich dort auf eine Bank, als mache er nur Pause.

Dort gab es helles Licht. Es spiegelte sich auf glänzendem, verbeulten Metall wieder, das den Arbeiter wie eine Rüstung umgab. Mercant konnte seinen Augen kaum trauen. Der Mann war riesig, wie er nun aus der Nähe erkennen konnte – sicher mehr als zwei Meter groß. Arme und Beine wirkten widersprüchlich dünn, und auch in der Leibesmitte wirkte er zu schmal. Die Rüstung musste dem Träger stellenweise ein gutes Stück zu eng, woanders wiederum viel zu weit sein.

Auf der Brustseite war er mit ähnlichen Schriftsymbolen bedeckt, wie Mercant sie auf dem Werkzeug gesehen hatte. Hinter ihm auf der Wand, wo Steckdosen und Rohrverschlüsse herausragten, waren dieselben Zeichen aufgemalt. Hieß das, jeder Arbeiter hatte seine eigene Schutzrüstung und seinen eigenen Platz? Merkwürdig...

Die beiden Blauhäutigen kamen heran. Sie nahmen das Unfallopfer in Augenschein, berieten sich leise und begannen dann damit, den Brustharnisch zu öffnen. Einer befestigte ein Bündel Kabel und Schläuche im Nacken des Arbeiters und schloss sie an der Wand an. Der andere löste einen Großteil des Brustbleches und stellte es beiseite.

Mercant erlitt den nächsten Schock. Er hätte darin einen verletzten vermutet, doch tatsächlich enthielt die Rüstung ein fremdartiges Gewirr von Leitungen, Gestängen, rotierenden, pumpenden und kreiselnden Dingen. Es wirkte wie ein unsagbar komplexes Uhrwerk, durchsetzt mit viel Elektrik und Hydraulik. Überall sprühten Funken, leckten Schläuche und tropfte es aus kleinen Behältern.

Das war kein Mensch. Es war eine Maschine. Ein, wie man es seit ein paar Jahren ausdrückte, sogenannter Roboter. Mercants Lieblingsfilm in seiner Jugend war Fritz Langs „Metropolis“; er hatte ihn sicher ein Dutzend Mal gesehen. Die Lebendigwerdung einer Maschinenfrau hatte zum Erschreckendsten gehört, das er bis damals sah, und noch heute erinnerte er sich mit einem leisen Schaudern daran. Er hatte sich vorzustellen versucht, wie ein solcher Roboter wirklich sein würde und hatte es nicht geschafft. Etwas Lebloses, Totes hätte er angenommen. Etwas, das sich starr und unförmig bewegte, wie Frankensteins Monster oder ein Untoter in den Filmen jüngeren Datums. Diese Maschinenmenschen jedoch bewegten sich schnell, sicher und präzise. Sie machten einen zielstrebigen Eindruck, hatten geschickte Hände und waren dennoch, wie zum Hohn, mindestens so groß, stark und furchterregend wie ihre Filmvorbilder. Mercant fühlte einen irrationalen Reiz zu lachen. Er fragte sich, ob er vielleicht verrückt geworden war und sich dies alles nun bloß einbildete?

Hatte ihn sein geheimnisvolles Gespür, das ihn wochenlang im Stich gelassen hatte, nun zu einem sabbernden, halluzinierenden Irren gemacht? War er, statt vielleicht übersinnlich veranlagt zu sein (wie er insgeheim manchmal befürchtete), in Wirklichkeit ein psychisch Kranker, den man einsperren musste?

Nein. Mercant brachte seine Gefühle unter Kontrolle und unterdrückte jeden Zweifel. Er war Polizist und FBI-Agent. Man hatte ihm Rationalität, Intelligenz und Kombinatorik bescheinigt; all dies widersprach der These, er sei verrückt geworden. Was auch immer er hier beobachtete – es passierte tatsächlich. Blauhäutige Männer bauten mit Hilfe von Robotern ein riesiges Unterseeboot.

Mein Gott, was für eine Geschichte! Konnten sie Nazispione sein, oder hatte sie jemand anderer geschickt? Japan, China, Russland – es gab wahrlich genug Länder, die den USA nicht wohlgesonnen und zu einer großangelegten Operation imstande waren. Aber, dachte Mercant plötzlich – wenn eine ausländische Macht so weit fortgeschritten war, Maschinenmenschen zu bauen, musste jedes amerikanische Geheimprojekt daneben nicht rückständig wirken?

Weiter kam er in seinen Überlegungen nicht, denn um eine Reihe stampfender Werkmaschinen herum kamen drei unverkennbare Gestalten geschlendert. Mercant hatte einen von ihnen einen ganzen Tag lang beschattet und erkannte ihn an seinem Gebaren selbst aus großer Entfernung wieder. Der Mann verhielt sich wie ein deutscher Offizier mit seinen raschen, energischen Gesten und dem zielstrebigen Schritt. Er redete in einer unbekannten Sprache – einer anderen als die der Blauhäutigen, wenn Mercant sich nicht irrte – auf seine beiden Begleiter ein, die ihm wie Geschwister glichen. Alle drei waren etwa einen Meter neunzig groß, sehr schlank und zugleich sehr durchtrainiert wirkend. Anstelle der Geschäftsanzüge, die sie draußen trugen, kleideten sie sich hier in enge, blausilbrig glänzende Overalls. Der Anführer der drei hatte ein halblanges Cape um die Schultern gebunden, das über einen zu Spitzen auslaufenden Stehkragen verfügte. Der Rand des purpurnen Tuchs war mit glitzernden Steinen und szintillierenden Stickereien bedeckt, was es zugleich enorm kostbar und sehr fremdartig wirken ließ.

Die anderen beiden hatten gleichartige uniformartige Kleidungsstücke an. Der jüngere der beiden offenbar Untergebenen trug einen breiten Gürtel, der an Hosenträgern hing und über Taschen und Schlaufen verfügte, in denen merkwürdiges Zeug steckte. Dazu zählte auch ein besonders anachronistisches Stück, nämlich ein Kurzschwert. Mercant erinnerte sich aus der Schulzeit daran, dass die alten Römer diese etwa siebzig Zentimeter lange Waffe Gladius nannten und es sich – neben dem Speer, der Pilum genannt wurde – um jene Waffe handelte, der die Legionäre ihre Überlegenheit verdankten: sie war zu einer Zeit, als bestenfalls Kupfer und Bronze für Waffen verwendet wurde, bereits aus bestem Eisen geschmiedet und daher imstande, feindliche Rüstungen, Schilde und Waffen mit schnellen, kraftvoll geführten Hieben in Stücke zu schlagen.

Der dritte im Bund war ein älterer Mann mit Halbglatze. Der Haarkranz endete in schulterlangen Zöpfen, die mit Goldfäden gewickelt waren. Der Mann hatte, soweit Mercant wusste, außerhalb der Halle nie seinen Hut abgenommen oder auch nur zum Gruß gelüftet, wie es die Höflichkeit verlangt hätte. Bei dieser Frisur konnte er das gut verstehen – selbst extravagante Damen hätten sich so nicht in der Öffentlichkeit gezeigt.

Auf der hohen Stirn trug er eine dreieckige Kappe aus metallisch schimmerndem Gewebe, auf das ein eigentümlich hervorgehoben wirkendes Symbol, das ein Dreieck und mehrere unterschiedlich große Kreise darstellte, zu erkennen war. Es machte den Eindruck eines Ehrenzeichens oder Rangabzeichens, vielleicht sogar so etwas wie eines Diadems. Der Alte machte einen gelasseneren Eindruck als seine beiden Begleiter und schritt gemesseneren Schrittes einher, während die jüngeren Männer unbewusst im Gleichschritt marschierten.

Das Trio machte einen so ungewöhnlichen, geradezu fantastischen Eindruck, dass man an eine Theateraufführung oder einen Filmauftritt denken konnte. Mercant stellte sich vor, wie New Yorks Straßenvolk sie schallend auslachen würde, wenn sie in diesem Aufzug durch Manhattan liefen. Hier, umgeben von all den utopisch wirkenden Dingen, den Maschinenmenschen und Blauhäutigen, machten sie einen ganz anderen Eindruck. Sie wirkten auf eine schwer zu beschreibende Weise... europäisch? Mercant fand den spontan in ihm auftauchenden Eindruck zuerst lächerlich, verfolgte den Gedankensprung aber konsequent zu Ende.

Aristokratisch wie ein englischer Lord, militärisch arrogant wie deutsche Offiziere, kultiviert wie Franzosen und Italiener aufgrund ihrer alten Geschichte – und noch mehr. Und zugleich – völlig anders.

Mercant vergaß fast zu atmen, als er, immer noch meterhoch auf einem Schwerlastregal liegend, die drei an Albinos erinnernden Männer beobachtete. Sie näherten sich zielstrebig der Werkstatt. Als die Blauhäutige sie bemerkten, nahmen sie Haltung an und schlugen sich mit der rechten Faust auf die linke Brust. Die anderen erwiderten die Geste eher beiläufig, wie Stabsoffiziere weit unter sich stehende Soldaten grüßte. Einer der Blauhäutigen erstattete Bericht und verwendete die Sprache des Trios, wie man an bestimmten häufig verwendeten Silben erkennen konnte. Die Blauhäutigen hatte andere Vokalzusammenstellungen bevorzugt. Außerdem stotterte der Mann während seines Berichtes und suchte mehrmals sichtlich nach Worten. Schließlich wurde er von dem Anführer unterbrochen, indem dieser eine zackige, wegwerfende Handbewegung machte und etwas erwiderte, das gelangweilt klang, als hätte man seine kostbare Zeit mit einer Nebensächlichkeit vergeudet. Die Blauhäutigen wandten sich sofort dem Roboter zu und entfernten die in der Wand mündenden Anschlüsse. Dann hievten sie den reglosen Koloss – wenn er aus Metall bestand, musste er mindestens eine halbe bis Dreiviertel Tonne wiegen! – hoch und trugen ihn weg.

Das Trio unterhielt sich angeregt. Der Alte holte aus einer Seitentasche ein buchgroßes Gerät hervor, fummelte daran herum und zeigte es den anderen. Dabei sprach er schnell und sichtlich erregt auf den Anführer ein, als wolle er ihn von etwas überzeugen. Dieser nickte schließlich, deutete irgendwohin und brüllte einen Befehl, woraufhin mehrere andere Blauhäutige angerannt kamen. Sie scharten sich um das Trio, erhielten Anweisungen, wobei man auch ihnen das Gerät zeigte, und liefen dann geschäftig in verschiedene Richtungen davon.

Mehr und mehr Blauhäutige tauchten auf. Mercant vermutete, dass die beiden, die er zuerst gesehen hatte, nur eine Art Nachtschicht dargestellt hatten. Vielleicht hatten sie eine sehr wichtige Tätigkeit erst abschließen müssen, was nur in der Nacht zu tun war. Die übrigen traten nun erst ihren Dienst an. Im Hintergrund, wo der mit gleißender Hitze gefüllte Konus stand, machten sich mehrere Blauhäutige in den unförmigen Schutzanzügen an etwas zu schaffen. Dampf wallte auf und erfüllte den Raum um den Block herum – und nur diesen. Aus der Entfernung konnte Mercant deutlich erkennen, das er wie unter einer großen, gläsernen Glocke eingeschlossen war. Funken sprühten über deren Oberfläche, wellenförmige Erscheinungen liefen darum herum und bildeten hier und da seifenblasenbunte Schlieren. Dann, als die Dampfmenge abgezogen war, beruhigten sich diese Phänomene und verschwanden schließlich.

Der Arbeitslärm nahm sprunghaft zu, als etwa dreißig Blauhäutige mit ihren Tätigkeiten beschäftigt waren. In einer anderen Ecke der Halle hatte eine bislang untätige Maschine im Halbdunkeln aufgeragt. Nun erwachte sie regelrecht zum Leben: Elektrische Blitze sausten über nackte Stromleiter, bildeten Lichtbögen zwischen keramischen Spulen und samtschwarzen Metallkugeln, die in einer verwirrenden Anordnung zusammengefügt waren. Gewaltige Vakuumröhren glühten in bläulichem Feuer. Dann begannen um den mittleren Bereich herum positionierte Generatoren lautstark zu rotieren, steigerten ihre Umdrehungen zu einem kreischenden, rasenden Tempo und begannen dabei eine leuchtende Aureole zu erzeugen, die wabernd zusammenflossen und schließlich die ganze, dreißig Meter messende Anlage umspannte.

Das waren, konnten nur Energiekraftfelder sein. Hier wurde Technik benutzt, die man bestenfalls aus Technikfabeln, utopischen Filmen und Comicgeschichten kannte; dort jedoch, zugegeben, nicht aus der leeren Luft erfunden wurde, sondern von moderner Wissenschaft angeregt waren.

Nur wenig war über die Arbeiten der größten Physiker der Gegenwart bereits verstanden worden. Atomenergie war ein beliebtes Schlagwort, besonders wenn es darum ging, jemanden zu diffamieren. Geheimnisvolle Strahlungen, die durch meterstarke Ziegelmauern reichte und empfindliche Filme augenblicklich schwärzte; elektrische und magnetische Wirkungen, die nahe legten, das eine Art moderner Zauberspuk möglich war, produziert von Starkstrom und Induktoren.

Und, unverständlicher und rätselhafter, die Erkenntnisse der Relativitäts- und Quantentheorien. Konnte das alles hier aus diesen besonders kryptischen Formelgebilden abgeleitet werden? Unsichtbare Kraftfelder, Roboter und gleißend greller Stahl, der unter besonderen Sicherheitsbedingungen bewegt wurde, als sei er giftig oder explosiv...

Mercant presste die Hände gegen die Schläfen. Er hatte Kopfschmerzen und fühlte sich orientierungslos – ein Gefühl, das ihm in den letzten Wochen vertraut geworden war und nun schier übermächtig zu werden drohte. Er rollte sich, heftig mit weit geöffnetem Mund atmend, auf den Rücken und sah übers ich die von starken Lampen aus der Dunkelheit gerissenen Geräte, die bis unter das Dach gepackt waren. Er kam sich vor wie Charlie Chaplin in „Moderne Zeiten“, wo der Komiker ins Zahnradgetriebe einer riesigen Fabrikmaschinerie geraten war.

Das Bohren und Pochen in seinem Kopf wurde stärker. Plötzlich hörte er neben sich Geräusche und sah den Kopf des alten Mannes auftauchen. Er musste auf einem Gerüst stehen und blickte Mercant stirnrunzelnd an. Dabei richtete er ein spindelförmiges Gerät auf den FBI-Agenten.

„Erstaunlich“, sagte der Alte schließlich in typisch britischem Oberschichten-Englisch. Der Tonfall war der eines adligen Akademikers während einer abstrakten Debatte. „Der Spion ist zurückgekehrt. Was hat Sie dazu veranlasst, Mister Mercant? Der Hypnoblock hätte Sie davon abhalten müssen, einen weiteren nutzlosen Versuch zu unternehmen. Hm... Sie reagieren offenkundig auf etwas in der näheren Umgebung. Möglicherweise auf die ultrahochfrequente Hyperstrahlung des Zaltrit-Transformers zur Herstellung höherwertigen Hyperkristalls? Bemerkenswert – das bedeutet, dass Sie über latent vorhandene Parafähigkeiten verfügen müssten. Faszinierend! Das muss ich näher untersuchen.“

Mercant griff ächzend in seine Tasche. Eigentlich wollte er den Presseausweis vorzeigen, doch stattdessen hatte er plötzlich den Pistolengriff zwischen den Fingern. Er spürte, wie ihm die Sinne zu schwinden drohten und kämpfte verbissen gegen den sich verengenden Tunnelblick an, der in einer Ohnmacht enden musste. Vergebens – er richtete die Mündung ungefähr in Richtung des Alten, zitterte jedoch so stark und hatte keine Kraft, den Abzug durchzudrücken. Der Alte lächelte flüchtig, entwand ihm die Pistole und sicherte sie nach einem kurzen, prüfenden Blick, als wolle er die Funktionalität der Waffe erkennen.

„Barbarisches Tötungsinstrument“, kommentierte er und warf die Pistole hinunter. Mercants letzter Gedanke war, dass jemand sie gefangen hatte, denn er hörte keinen Aufprall. Dann gab er der schwarzen Woge nach und verlor das Bewusstsein.



„Ein resistentes Bewusstsein auf einer primitiven Welt? Das ist ja lachhaft!“ behauptete Mantakor da Kentigmilan. „Ihr erster Versuch einer Hypnoblockade war offenbar dilettantisch, Laktrote.“

„Dor’athor, ich verwahre mich gegen diese Schmähung!“ erwiderte Emigthan. „Ich habe eine Reihe von Tests gemacht, indem ich die Stärke spezifischer Frequenzen des Zaltrit-Transformers variierte und die neuralen Aktivitäten des Spions dabei aufzeichnete. Es besteht kein Zweifel, das Mercant eine mäßige Parafähigkeit besitzt. Das provisorische Psi-Engramm seines Bewusstseins – in Ermangelung eines Individualtasters und einer positronischen Auswertung natürlich nur annäherungsweise gelungen! – weist auf schwache telepathische Kräfte hin. Ich glaube nicht, das er auch nur die Gedanken eines gewöhnlichen Menschen dieser Welt exakt empfangen kann, aber – er wird zweifellos ein bemerkenswertes Gespür dafür haben, was sein Gegenüber denkt und fühlt.“

„Das heißt, er hat uns ausspioniert? Unsere Gedanken zu lesen versucht?“ fragte der Orbton Yax ogh’Qardat erregt.

„Nicht einmal versucht, denn er ist sich seiner Fähigkeit nicht bewusst. Ich habe ihn unter dem Dauereinfluss des Psychostrahlers befragt, und er ist sich seines Gespürs zwar bewusst, doch nicht wirklich sicher. Außerdem – Sie beide sind mentalstabilisiert, und ich verfüge dank der Ark Summia über einen stabilen Monoschirm. Mein Logiksektor weist mich übrigens daraufhin, dass es unwahrscheinlich ist, dass er bei Angehörigen einer völlig anderen intelligenten Spezies wie bei uns Arkoniden oder den ferronischen Söldnern den Gedankeninhalt erkennen könnte, selbst wenn er ihn erfasste. Dazu fehlt es ihm an der nötigen Erfahrung und Ausbildung.“

„Dieser Mann ist gefährlich. Wir sollten ihn töten“, sagte Mantakor. „Ein Mutant könnte unsere Pläne durchkreuzen.“

„Machen Sie sich nicht lächerlich“, gab Emigthan zurück. „Ich habe einen auf sein Bewusstsein angepasstes Hypnoblockadeprogramm vorbereitet, das nur noch eingegeben werden muss. Der Indoktrinator ist eine sichere Methode, auch wenn sie zeitaufwändiger ist als der Psychostrahler. Jedenfalls werde ich weder das Risiko eingehen, den Mann mit einem weiteren unzuverlässigen Hypnoblock laufen zu lassen, noch seine Ermordung akzeptieren.“

„Wenn wir einen Spion töten, kommen zehn zu seiner Beerdigung“, stimmte Yax zu. „Hoffen wir, dass seine Leute ihn noch nicht vermissen.“

„Wie lange dauert die Behandlung mit dem Indoktrinator?“

„Ich brauche etwa zehn Tontas zur Anpassung des Gerätes und weitere zwei, um es auf ihn abzustimmen. Der Block selbst ist in wenigen Zentitontas eingegeben.“

„Gut, machen Sie es so. Und finden Sie heraus, wie er den Sicherheitszaun umgehen konnte!“

„Das habe ich bereits mit Hilfe des Infrarotspürers“, antwortete Yax. „Er hat sich über eine Entlüftung des Nachbargebäudes eingeschlichen.“

„Dieses stinkende Loch von einer Nahrungsverarbeitungsanlage? Diese unhygienische Widerwärtigkeit? Ich hoffe, diese Spezies holt sich von den Produkten eine Vergiftung! She’Huhan, wir müssen von diesem grässlichen Planeten herunter“, rief Mantakor erbittert aus. „Die Welt des Ewigen Lebens ist zum Greifen nah – sie muss in diesem Sektor sein. Wie konnten uns die Hinweise im Ferrolsystem nur zu diesem Barbarenplaneten führen? Und wie kann es sein, das wir von einer arkonidischen Drohne aus der Zeit der Methankriege abgeschossen werden?“

„Der legendäre Unsterbliche muss einen reichlich unkonventionellen Sinn für Humor haben“, erwiderte Emigthan. „Und ich habe keinen Zweifel, dass dieser Planet eine gewisse Bedeutung hat. Er ist in den alten Katalogen als Larsaf III verzeichnet. Das Imperium hatte einst ein Interesse an diesem System, und das sicher nicht grundlos. Bedenken Sie, dass gerade zur Zeit des Usurpators Orbanaschol dem Dritten, der bekanntlich von der Suche nach der Welt des Ewigen Lebens geradezu besessen war, dieser Raumsektor eine gewisse Bedeutung erlangte durch den Kampf gegen geheimnisvolle Wesen aus einem fremdartigen Kontinuum. Es gibt Zusammenhänge, die wir noch nicht erkennen können, aber sie existieren fraglos.“

„Alles wird sich aufklären, wenn wir die Welt des Ewigen Lebens erreicht haben. Der Unsterbliche lässt uns teilhaben an seiner Macht und Langlebigkeit, und dann können wir hierher zurückkehren und weitere Erkundungen machen“, sagte Yax mit geradezu religiöser Überzeugung.

„Ich würde erst Ferrol aufsuchen“, sagte Emigthan kopfwiegend. „Diese Materietransmitter sind eine Technologie, die wir dem Imperium sichern müssen. Mit ihrer Hilfe...“

„Wenn überhaupt“, unterbrach Mantakor. „Kehren wir mit einer ganzen Flotte nach Ferrol zurück und besetzen das gesamte System, um es als mein Lehen dem Tai Ark’Tussan einzugliedern. Und was diese Primitivwelt angeht – sobald ich mit diesem Machwerk von einem provisorischen Raumschiff den Orbit erreicht habe, werde ich den nächstgelegenen Robotstützpunkt anweisen, eine verdammte Arkonbombe über diesem New York abzuwerfen.“

„Nur, weil Ihnen der Planet... stinkt?“ fragte Emigthan spöttisch. „Welch eine Verschwendung für so eine teure Waffe. Es wäre angemessener, nach dem arkonidischen Stützpunkt zu suchen, den es hier vor zehntausend Jahren gegeben haben muss. Vielleicht befindet er sich nicht auf Larsaf III selbst, sondern auf einem der Nachbarplaneten?“

„Ein alter Stützpunkt ist nichts“, sagte Yax wegwerfend.

„Und wenn es noch funktionierende Raumschiffe dort gibt? Wir müssten nicht warten, bis uns ein Robotschiff des Imperiums abholt, sondern könnten...“

„Wir bleiben beim besprochenen Plan. Wir bauen das Schiff fertig, fliegen aus dem System heraus und springen mit dem provisorischen Transitionstriebwerk zur letzten bekannten Position eines Arkonschiffes. Selbst wenn wir keines antreffen, wird der Sprungschock das Interesse der Flotte wecken, so dass sie nachsehen werden“, unterbrach der Kommandant.

„Zu Befehl, Dor’athor“, sagte Yax.

„Hoffentlich wecken wir wirklich jemandes Neugier“, murmelte Emigthan versonnen.

Er brauchte nicht darauf hinzuweisen, dass es durchaus wahrscheinlich war, das gelangweilte, degenerierte Verantwortliche in der Arkonflotte mehr daran interessiert sein konnten, neue Fiktivspiele auszuprobieren, als einem bruchstückhaften Notruf und einem rätselhaften Hyperschock nachzugehen.



Geradezu widerwillig erwachte Allan D. Mercant aus der Bewusstlosigkeit. Seine Kopfschmerzen waren wie eine Erinnerung an schlimmere Qualen, die er in Abwesenheit bewussten Denkens erlitten haben mochte. Als er seinen Schädel betastete, spürte er schmerzhafte Druckstellen über der Stirn.

Er war nicht gefesselt, aber in einem kleinen Raum ohne Fenster eingeschlossen. Er untersuchte sein Gefängnis sorgfältig und fand plötzlich eine eigenartige, in einen Ziegelstein gekratzte Nachricht: das Datum vom letzten Dienstag und seine Initialen.

Er war schon einmal hier gewesen, hatte es jedoch vergessen. Oder war gemacht worden, dass er es vergaß? Etwas war offenbar geschehen, dass seine Erinnerungsblockade aufgehoben hatte. Möglicherweise hatte er bei seinem ersten Besuch hier eine Droge verabreicht bekommen, deren Wirksamkeit durch das schockierende Erlebnis des zweiten Besuchs aufgelöst wurde.

Er wusste, dass er nicht entkommen konnte, denn er hatte dies schon in mehrstündiger Gefangenschaft beim ersten Mal nicht vermocht. Dumpf kehrten Fragmente der Geschehnisse zurück – schon in der Nacht hatte er sich durch eine Zaunlücke geschlichen, war in die Halle eingedrungen und dort von einem Blauhäutigen erwischt worden. Der hatte ihn sichtlich ratlos festgehalten und in der Kammer eingesperrt – erst im Verlauf des frühen Nachmittags hatte ihn einer der Arkoniden dort herausgeholt, befragt und ihn dann irgendwie dazu gebracht, alles zu vergessen.

Hypnose wäre eine Erklärung, ja. Mercant dachte darüber nach, und über seine Kopfschmerzen. Waren sie, wie der Alte gesagt hatte, von der geheimnisvollen Maschine verursacht worden? Konnte Radioaktivität oder eine ähnlich mysteriöse Strahlung das bewirkt haben? Mercant wusste es nicht – vielleicht wusste kein Mensch dies.

Er war sicher, dass die Fremden keine Menschen waren. Es waren menschenähnliche, jedoch außerirdische Wesen – der Alte hatte dies freimütig beim ersten Zusammentreffen erklärt, und auch, das Ferronen und Arkoniden gänzlich verschiedenen Ursprungs seien. Mehr noch: sie waren die einzigen Überlebende eines riesigen Raumschiffs, das über dem Atlantischen Ozean abgestürzt war. Das war bereits Jahre her, und die Arkoniden und Ferronen hatten mit Mühe in langjähriger Arbeit aus dem Wrack die wenigen funktionsfähigen Geräte geborgen, die sie nun verwandten, ein neues Raumschiff zu bauen. Eines, das viel primitiver sei, aber seinen Zweck erfüllen würde: die Außerirdischen wieder ins All zu schicken.

Mercant dachte fieberhaft nach. Er hatte keinen Zweifel, dass man ihn wieder kaltstellen würde; besser als zuvor. So gut, das er vermutlich jedes Interesse an den Ermittlungen verlöre und sich sogar aus der FBI-Arbeit zurückzöge. Er würde möglicherweise sogar falsche Spuren legen, um seine Kollegen zu täuschen und den ganzen Fall zusammenbrechen lassen. Das durfte nicht geschehen!

Er tastete die Wände ab, fand aber keinen Ausweg. Ihm blieb nur eines zu hoffen: einen unvorsichtigen Moment abzupassen, wenn sie ihn holen kamen, um ihn vergessen zu lassen. Das, so erinnerte er sich vage, würde wohl noch ein paar Stunden dauern.

Er versuchte sich so viele der wiedergekehrten Informationen einzuprägen, wie es ging. Er begann, alles in seinem Notizblock auf zu schreiben, versteckte die Zettel in einem Schuh und fertigte zwei weitere Niederschriften an, um sie sich unters Hemd zu stecken und im Hutfutter zu verstecken. Er hatte wenig Hoffnung, dass er auch nur eine Version unbemerkt hinausschmuggeln mochte. In der Hypnose konnten sie ihn einfach nur fragen, ob er Aufzeichnungen verbarg, und er würde sie wahrscheinlich freudig verraten und selbst vernichten. Dennoch war es einen Versuch wert.

Er studierte das aufgeschriebene intensiv ein mit Hilfe von Erinnerungstechniken, die ein Psychologe des FBI ihm beigebracht hatte. Nach einigen Dutzend Wiederholungen glaubte er, sogar im Schlaf wiedergeben zu können, was er gesehen und gehört hatte – und doch bliebe Zweifel, ob dies funktionieren konnte. War er imstande, diese unglaublich hochentwickelten Wesen auszutricksen? Oder lachten sie ihn heimlich nur aus, so wie ein Zoowärter das heimlichtuerische Gehabe eines Schimpansen amüsierte, der Futter zu klauen versuchte und dazu ein dümmliches Ablenkungsmanöver unternahm?

Diese Arkoniden – sie hatten die Ferronen gewissermaßen unterwegs aufgesammelt, als sie deren Heimat heimlich aufgesucht hatten, um wichtige Forschungen durchzuführen. Mercant hätte seinen rechten Arm dafür gegeben, zu erfahren, was der Forschungsgegenstand von die Sterne bereisenden Leuten sein konnte. Und warum sie auf dem Weg zu ihrem Ziel die Erde besuchten. Was konnte hier sein, das so mächtigen und vielleicht allwissenden Wesen lohnend schien? Nicht die Menschen, das stand fest. Der eine, der Anführer hasste die Erde und verachtete die Menschen. Dem jüngeren Offizier waren sie gleichgültig, denn für ihn zählte nur das ferne Ziel ihrer Forschungsreise. Und der Alte war ein kühler Wissenschaftler, für den sich auf der Erde bestenfalls einige interessante Untersuchungen durchführen ließen, um persönliche, ansonsten aber eher unwichtige Neugierde zu befriedigen.

Mercant riss die Augen auf, als er so weit in seinen Überlegungen gediehen war. Da war es – sein Gespür. Das unheimliche, übersinnliche Wissen, das ihm wie von einer inneren Stimme eingeflüstert wurde; nur das er selbst diese innere Stimme war. Er rief sich das Bild des Alten vor Augen, konzentrierte sich auf ihn und versuchte sich vorzustellen, was in ihm vorgehen mochte. Kein Mensch, sicher nicht, aber dennoch – ein leiser Widerhall war dort; ein fernes, unscharfes Echo. Nichts Konkretes, aber genug, um zu wissen: Emigthan bedauerte ihn, Mercant. Er bedauerte, die halbtelepathische Fähigkeit unterbinden zu müssen, ihn mit einem Erinnerungsblock zu belegen und zurücklassen zu müssen, denn eigentlich war der Barbar mit der Kraft, Gedanken lesen zu können, eine Sensation. Mehr noch – es bedeutete, dass Menschen und Arkoniden einander näher standen, als zum Beispiel Ferronen und Arkoniden.

Mercant stöhnte, als er aus der leichten Trance erwachte, in die ihn sein Versuch versetzt hatte. Er sah auf die Uhr und war erleichtert, dass er nur eine halbe Stunde weggetreten war. Das Ergebnis seiner Anstrengungen war erschreckend – er hätte niemals angenommen, sein Gespür so weit entwickeln zu können. Er war weit davon entfernt, jemandes Gedanken wie ein offenes Buch, einen niedergeschriebenen Text lesen zu können; aber Ahnungen, ungefähre Eindrücke und ein bruchstückhaftes Erkennen waren auch nicht zu verachten. Schon gar nicht bei einem nichtmenschlichen Wesen aus dem Weltraum!

Mercant grinste. Emigthan hatte Unrecht – er konnte ihn vage erfassen, wie eine unscharfe, verblichene Fotografie. Auch andere konnte er nun, wo er einen Durchbruch bei der Verwendung seiner übersinnlichen Gabe erzielt hatte, wahrnehmen. Da waren zwei weitere undeutliche Eindrücke; Mantakor und Yax. Sie befassten sich mit dem Einbau des Herzstücks ihres Raumschiffes, jenes mysteriösen Transitionstriebwerkes. Die meisten der blauhäutigen Ferronen waren ebenfalls dort beschäftigt. Nur eine Handvoll ruhten sich von der nächtlichen Arbeit an etwas aus, das in den Träumen eines Mannes ein furchterregendes Ungeheuer war, das eine ganze Welt mit unlöschbarem Feuer überzog. Das Entsetzen unkontrolliert freigesetzter Atomenergie beherrschte den Schlaf des Reaktortechnikers, dessen Tätigkeit Mercant beobachtet hatte – geschützt von einem Kraftfeld vor der mörderischen Strahlung im Bereich des behelfsmäßigen Reaktors.

Mercant versuchte sich auch dies alles einzuprägen, wusste jedoch, das dazu keine Zeit blieb. Er suchte nach einem hilfreichen Gedanken, einer Idee... Und fand sie. Wenige Meter entfernt saß ein Wächter, der auf ihn aufpasste.

Mercant trommelte gegen die Tür. „Feuer! Feuer! Es brennt!“ schrie er. „Hilfe, holt mich hier raus!“ Er warf sich kraftvoll gegen die Tür, trat dann zurück und legte sich zusammengekrümmt auf den Boden.

Fast sofort danach wurde die Tür aufgestoßen, und der Wärter stand verblüfft in der Öffnung. Er richtete eine Strahlenwaffe auf Mercant, wusste dann jedoch nicht weiter.

Den Ferronen fehlte es am Wissen um irdische Sprachen. Er redete auf Mercant ein, stieß ihn mit der Fußspitze an und tastete dann vorsichtig nach dessen Puls am Hals.

Mercant regte sich nicht. Er schlenkerte mit den Armen, als der Ferrone ihn herumdrehte, und machte ganz den Eindruck eines Komatösen, der im Sterben lag. Der Ferrone packte ihn schließlich am Kragen und zog ihn heraus, wo er dem Tonfall nach zu schließen um Hilfe rief.

Mercant wartete jenen erhofften günstigen Moment ab, stieß ein Bein in die Luft und traf das Kinn des Blauen zielsicher mit aller Kraft. Der Kerl sackte zusammen, ohne einen weiteren Laut von sich zu geben. Mercant packte die Strahlenpistole, hörte jemanden herbeilaufen und drückte instinktiv ab.

Er wusste nicht, was er erwartet hatte; vielleicht einen Feuerstrahl wie in einem Flash Gordon-Film, oder einen elektrischen Blitzschlag. Stattdessen summte die Waffe nur, und der heranstürmende Ferrone sackte einfach zusammen. Mercant war erstaunt, betastete den Getroffenen und stellte fest, dass er noch lebte, jedoch in tiefer Bewusstlosigkeit war. Sicherheitshalber verpasste er auch dem Wärter, der sich gerade rührte, eine Ladung.

Er rannte los, wich zwei heranstapfenden Robotern aus, die ihn jedoch ignorierten, und versuchte durch eine Tür zu gelangen, die allerdings verschlossen war. Weiter hetzte er, zwischen summenden Aggregaten, die vor Energie zu vibrieren schienen, und unter glühenden, gläsern wirkenden Leitungen, die diese Maschinen mit anderen, genauso geheimnisvoll wirkenden Anlagen verbanden.

Jemand brüllte etwas. Es war ein kurzes, harsches Wort, das Mercant zwar nicht kannte, aber nur „Alarm!“ oder „Halt!“ bedeuten konnte. Sekunden später schlug knisternd ein greller Blitz neben ihm in der Ziegelsteinmauer ein und sprengte ein kopfgroßes Loch hinein.

„Bleiben Sie stehen!“ schrie einer der Arkoniden. Er rannte schräg auf Mercant zu und zielte mit einer Waffe mit spiralgewundenem Lauf, in dem es drohend glühte. „Weg mit dem Narkosestrahler! Sie haben eine Millitonta Zeit, Mercant.“

„Was ist eine Millitonta, verdammt noch mal?“ schrie Mercant. Das schien den anderem – Yax – zu überraschen, denn er hob verblüfft den Kopf und vernachlässigte das Zielen. Die Mündung rutschte einen Fingerbreit tiefer.

Mercant täuschte einen Ausfallschritt an, ließ sich sofort zur anderen Seite zurückfallen und spürte, wie knapp über ihm ein heißer Luftschwall die nächste Entladung begleitete. Pure Hitzeenergie schlug in den Boden einige Meter hinter ihm ein und ließ den Beton platzen. Mercant lag auf der linken Seite und hatte eine unmögliche Schussposition, war aber einer der besten Pistolenschützen des FBI. Der Narkosestrahler summte zornig wie eine Hornisse.

Yax jedoch hatte sich sehr schnell von seiner Überraschung erholt. Er versuchte erst gar nicht, einen weiteren Schuss aus dem Impulsstrahler abzugeben, sondern stieß sich mit einem Fußtritt von einem Maschinensockel ab. Er sprang reaktionsschnell in eine unvorhergesehene Richtung, nämlich schräg nach oben, und landete einen Moment später hinter einer Reihe von Kisten, aus denen Stroh als Dämmstoff quoll.

Mercant rollte sich zur Seite, versuchte Deckung zu finden und sprang auf, als ein weiterer Energiestrahl an ihm vorbei zischte. Etwas begann charakteristisch zu stinken; er starrte auf seinen Ärmel und sah den Mantelstoff schmoren. Die Strahlenwaffe des Arkoniden erzeugte so starke Streuhitze, das man allein damit bereits einen ordentlichen Brand legen konnte. Mercant rannte los, nutzte seine kleine, schlanke Gestalt und seine Gewandtheit aus und tauchte unter niedrig aufgebockten Stahlteilen für eine mächtige Maschine hindurch. Einiges von dem, was hier stand, hätte zu einem gewaltigen, vieltausend PS starken Schiffdieselmotor gehören können. Vermutlich sollte der mächtige Motor Betriebsstrom für die arkonidischen Geräte an Bord des Raumschiffes liefern. Mercant hoffte, das sich Yax mit dem Schießen zurückhalten würde, solange er zwischen den Komponenten untertauchte.

Yax schrie auf Arkonidisch Befehle, und von überall her rannten Ferronen herbei. Einige trugen die überschweren Werkzeuge und schleppten Starkstromkabel hinter sich her. Mercant fragte sich nur kurz, was die mit den Geräten vorhatten, denn drei oder vier Monteure schalteten sie ein und erzeugten sonnengrelle Lichtbogen, mit denen man Panzerstahl schmelzen oder schweißen konnte. Damit wollten sie Mercant in die Enge treiben.

Stechender Ozongeruch stieg ihm in die Nase. Er suchte im Labyrinth der Halle Auswege und wusste, dass sie ihn bald erwischen mussten, wenn kein Wunder geschah. Es gab nur zwei Ausgänge: das große Tor, durch das die Lastwagen entladen wurden, und der Hinterausgang. Beide waren ihm verwehrt.

Mercant wurde in Richtung des Raumschiffs abgedrängt. Das konnte nicht zufällig geschehen. Dort war er vor der gewaltigen Krümmung des Stahlrumpfes ohne Deckung, und wahrscheinlich konnte Yax ihn mit dem mörderischen Strahler dort beschießen, ohne größere Zerstörungen zu befürchten. Wie ließ sich das zu seinem Vorteil wenden? Mercant überlegte fieberhaft, während er zwischen Containern voller Schrott und anderer Abfälle hindurchrannte.

Für einen Moment war er außer Sicht der Verfolger. Er blieb stehen, sah sich rasch um und zog sich dann über die Kante in einen Container, der eine Menge zerstörter oder ungenügender Werkstücke von nahen Drehbänken enthielt. Entweder war der Ausschuss ungeheuer groß, oder die Arkoniden hatten viel höhere Qualitätsanforderungen, als man sich vorstellen konnte. Mercant versuchte, im Wust der stählernen Teile lautlos zu landen, sagte sich dann aber, das der Lärm der nahen Fräsmaschinen seine Geräusche überdeckte.

Stimmen wurden laut. Mehrere Verfolger glaubten, ihn hier in die Enge getrieben zu haben und waren hörbar erstaunt, dass sie ihn nicht gefangen hatten. Sie fragten sicher, wo er abgeblieben war. Mercant hoffte, sie würden nicht in die Container schauen.

Über ihm schwenkte ein Flaschenzug aus und senkte einen Behälter mit weiteren Abfallstücken über den Container. Mercant kauerte sich in eine Ecke und wartete, bis der metergroße Eimer neben ihm herabgesenkt wurde und automatisch ausgeleert wurde. Im günstigsten Augenblick stieg er in den Behälter und duckte sich. Er hatte kaum genug Platz, fand er, aber anscheinend bemerkte niemand seine ungewöhnliche Flucht.

Als er über den Rand lugte, sah er, dass die Ferronen und Yax gerade mit dem Durchsuchen der Container und einiger Schlupfwinkel, die er nicht bemerkt hatte, begonnen hatten. Yax stieß einen zornigen Schrei aus, als er einsehen musste, das Mercant entkommen war. Dem Abfallkübel, der unter die Decke hochgezogen wurde und entlang einer Schiene allmählich zur Wand gelangte, schenkte niemand Beachtung. Vielleicht war es für einen hochentwickelten Arkoniden einfach undenkbar, dass sich jemand im Müll versteckte, um zu fliehen?

Mercant spürte, wie der Behälter irgendwo anstieß. Er umklammerte den Narkosestrahler fester und wollte soeben schauen, wo er angekommen war, als das unverkennbare Haupt Emigthans sichtbar wurde.

Mercant schoss  sofort, aber nichts geschah. Emigthan lächelte beinahe nachsichtig, dann tippte er die Kante des Behälters an. Etwas, das seine Hand umgab, sprühte Funken; für einen Augenblick wurde eine seifenblasenartige Hülle sichtbar, die den Mann ganz zu umgeben schien.

„Das nennt man einen Individualschutzschirm“, erklärte Emigthan. „Er ist undurchdringlich für spezielle elektromagnetische Strahlungen wie die einer Narkosewaffe. Kommen Sie da raus, Mercant; ich möchte Sie nicht betäuben und von einem Söldner tragen lassen. Sein haben in den letzten Minuten eine Menge Leute hier sehr verärgert“, fügte er hinzu.

Mercant schloss die Augen und war für eine Sekunde versucht, wirklich aufzugeben.

„Der Kommandant wird kein Risiko mehr eingehen und Sie töten wollen“, fuhr Emigthan fort. „Aus rationalen Gründen natürlich. Yax dagegen ist persönlich beleidigt durch Ihre Handlungsweise. Sie haben einen der fähigsten Orbtonen des Imperiums geradezu unfähig aussehen lassen. Was mich angeht... Ich würde Ihren Verlust bedauern. Sie sind interessant, und ich hoffe, Sie zu einem späteren Zeitpunkt untersuchen zu können. Wenn wir zurückkehren, wird dieser Planet ein Teil des Tai Ark’Tussan werden, und Sie – mit Ihrer Gabe – haben gute Aussichten. Personen mit Parafähigkeiten können es weit bringen im Imperium, selbst Nichtarkoniden und sogar welche von einer Primitivwelt wie dieser. Im Geheimdienst seiner Erhabenheit wäre Ihnen ein Cel’Athor-Rang in absehbarer Zeit sicher.“

„Ich bin kein Verräter“, stieß Mercant erbittert hervor. „Was immer Sie mit mir vorhaben – Ich werde mich wehren und Ihre Pläne vereiteln!“

„Sie wissen gar nicht, welche Möglichkeiten Sie ablehnen; und ich ignoriere Ihre jetzige Haltung. Irgendwann einmal werden Sie es besser wissen als jetzt“, erwiderte Emigthan achselzuckend. „Kommen Sie jetzt da raus?“ Er richtete eine Waffe auf Mercant. „Eine Paralyse ist ziemlich unangenehm“, erklärte er. „Sie bleiben wahrscheinlich bei Bewusstsein, sind jedoch völlig gelähmt. Klingt die Paralyse ab, kann das schmerzhafte Nebenwirkungen haben. Und Sie wären bis dahin gezwungen, die Indoktrinatorsitzung bei wachem Verstand zu erleben.“

Mercant entschied sich und kletterte vorsichtig aus dem Behälter. Emigthan tastete an seinen Gürtel und veränderte die Stellung eines Schalters, dann nahm er Mercant den Narkosestrahler ab. Er hatte dazu also den Individualschutzschirm ausschalten müssen. Mercant reagierte sofort und rammte dem Arkoniden den Ellenbogen ins Gesicht. Dem Alten entfielen beide Waffen.

Als sich Mercant nach einer bückte, sah er ein Paar Stiefel. Etwas glitt mit metallischem Schaben neben seinem Ohr.

„Das hat jetzt ein Ende, elender Barbar.“ Dann explodierte Mercants Bewusstsein in einem bunten Kaleidoskop voller Schmerzen.



„Halten Sie ein, Dor’athor!“ schrie Emigthan, der sich die blutende Nase haltend darum kämpfte, auf den Beinen zu bleiben.

Mantakor hatte mit dem Dagorschwert ausgeholt, um den niedergeschlagenen Spion zu töten. Nun verharrte er in dieser Position und sah den Wissenschaftler unwillig an. „Der Primitivling hat schon vor acht Pragos zu viel Ärger verursacht. Heute ist das Maß voll!“

„Sein Tod wird zu viel Aufruhr verursachen! Und selbst ein verschwundener Agent wird seine Organisation dazu bewegen, unser Versteck zu stürmen.“

„Und wenn schon“, sagte Mantakor kalt. „Wir haben einen Schutzschirmgenerator zum Laufen gebracht und können die ganze Umgebung unter einem Feld absichern, das für jede Waffe der Barbaren undurchdringlich ist.“

„Uns fehlen noch wichtige Komponenten“, sagte Emigthan eindringlich. „Sollen wir uns auf einen Krieg einlassen und alles mit Gewalt nehmen, was diese Leute uns für buntes Papier, das wir tonnenweise anfertigen können, hierher liefern?“

Mantakor atmete tief durch, dann steckte er das Schwert wieder ein. „Sie haben Recht. Na schön, löschen Sie sein Gedächtnis aus und blockieren Sie seine Paragabe. Aber, Laktrote – wenn er uns noch einmal in die Quere kommt, wird er ohne weitere Diskussion getötet. Wenn Sie also diesen Barbaren nach Ihrer geplanten Rückkehr studieren wollen, sorgen Sie dafür, das er dann noch lebt.“

„Verstanden, Kommandant“, sagte Emigthan bedrückt.

Mantakor wandte sich zu den unter ihm zusammengelaufenen Ferronen, zwischen denen Yax, von geradezu heiligem Zorn erfüllt, sich zu einer Treppe durchdrängte.

„Zurück an die Arbeit. Und Sie, Yax, bewachen mir den Wilden so gut, als bestünde er aus Hyperkristallen. Eine weitere Flucht kostet Sie Ihren Rang, Thos’athor.“

Yax erstarrte, als er die angedrohte Degradierung vernahm. Dann zog er sein eigenes Schwert, riss den bewusstlosen Mercant am Kragen hoch und schleppte ihn eigenhändig davon.



Ein letztes Mal kam er zu Bewusstsein, als sie die Hypnohaube des Indoktrinators über seinen Kopf stülpten.

„Nein“, flüsterte er. „Lassen Sie das, ich bitte Sie... Mein Gespür ist alles, was ich habe...“

„Ich weiß“, gab Emigthan offen zu. Er sah sich nach dem fanatisch dreinschauenden, vor Zorn brodelnden Yax um, dann beugte er sich zu Mercant und flüsterte. „Ich entschuldige mich für das, zu dem ich nun gezwungen bin. Hätte ich einen höheren Rang als nur der eines einfachen Laktrotes, würde ich es wagen, mich dem Dor’athor entgegen zu stellen. Unsere Mission ist wichtiger, als Sie ahnen können, Mercant. Vielleicht hängt das Schicksal der ganzen Galaxis langfristig davon ab, ob wir Erfolg haben werden. Diese... Episode, in der Sie eine unvorhergesehene Hauptrolle spielen, ist bestenfalls lästig für uns, schlimmstenfalls bedeutet Sie unser Scheitern. Versuchen Sie zu verstehen, dass ich einen Kompromiss zwischen dem, was uns dient, und dem, was Ihnen den wenigsten Schaden zufügt, zu treffen habe.“

„Und meine Löschung ist dieser Kompromiss?“ fragte Mercant heiser. Er verdrehte die Augen, um die Indoktrinatoranlage zu sehen.

Emigthan presste die Lippen zusammen, bis sie einen blutleeren Strich bildeten. „Ich werde Ihre Paragabe blockieren, jedoch nicht auf Dauer. Sie werden ein paar Monate oder Jahre benötigen, bis Sie Ihr Gespür wiederfinden. Das ist lange genug; bis dahin sind wir hier fertig und verschwunden.“

„Dieses Imperium, von dem Sie geredet haben“, sagte Mercant. „Wie ist es? Wie die USA, oder eher wie das Dritte Reich?“

Emigthan verhielt verwundert einige Sekunden in seiner Tätigkeit. Dann lächelte er. „Rom“, sagte er. „Nach allem, was ich über die früheren Kulturen Ihrer Heimatwelt erfahren habe, sind wir wie Rom. Im Guten wie im Schlechten.“

„Und was wird überwiegen, wenn Sie mit Ihrer arkonidischen Flotte zurückkehren? Das Gute oder das Schlechte? Die Zivilisation, oder die Vernichtung?“

„Wenn wir Erfolg haben auf unserer Suche... Dann wird Ihre Welt davon ungemein profitieren, selbst wenn sie nur eine winzige Randerscheinung des Tai Ark’Tussan darstellt. Ihre Kinder und Enkel, Mercant, könnten in der Flotte dienen, andere Planetensysteme besuchen und sogar besiedeln. Der Handel und Informationsaustausch zwischen zehntausend bewohnten Welten und hunderten Intelligenzwesen wird diese Erde in eine Ära katapultieren, die Sie sich nicht vorstellen können. Es wird sein, als hätte man Neandertalern Zugang zu Universitäten, Elektrizität und Krankenhäusern ermöglicht; und das wäre nur ein Anfang...“

„Sie malen mir da eine Zukunft in leuchtenden Farben aus – aber wenn ich bedenke, dass Männer wie Mantakor und Yax das Sagen haben in Ihrem glorreichen Imperium.“

„Sie sind nur wenige. Wenn wir Erfolg haben, wird sich vieles ändern, vieles wird besser werden. – Mercant?“

„Fangen Sie an. Bringen wir es hinter uns!“ rief Mercant erbittert aus. „Ich werde mich ohnehin an nichts mehr erinnern, wenn das vorüber ist, oder? All Ihr Gerede dient nur dazu, Ihr Gewissen zu beruhigen. Was wollen Sie – Absolution von Ihrem Opfer?“

Emigthan richtete sich abrupt steif auf und starrte mit geradezu entsetztem Gesichtsausdruck auf Mercant hinab. Dann sank er wie der alte Mann, der er war, in sich zusammen. „Vielleicht haben Sie sogar recht“, antwortete er bedrückt. „Seltsam, Mercant. Irgendwie mag ich Sie. Wir waren einmal wie ihr, vor sehr langer Zeit. Ich ahne, das wir vieles aufgegeben haben, das uns nun fehlt.“

„Sie sind wirklich zu bedauern, Emigthan“, spottete Mercant.

„Hören Sie auf, sich mit dem Primitiven zu unterhalten, Laktrote!“ rief Yax dazwischen. „Bevor wir starten, können Sie sich ein paar Haustiere organisieren, die Sie während des Fluges studieren können. Löschen Sie den Barbaren!“

Emigthan drückte eine Schaltplatte herunter, und Mercants Bewusstsein schwand. Im letzten Moment fühlte er, überraschenderweise, beinahe Erleichterung darüber, dass er alles vergessen würde.

Vielleicht war es ja nicht für immer.



Manners und Frey waren nahezu identisch aussehende Ermittler des FBI der ersten Stunde, beide Mitte Vierzig und seit fünfzehn Jahren befreundet. Sie entdeckten die kleine, schmächtige Gestalt fast gleichzeitig.

„Mein Gott, das ist doch Mercant, oder?“

„Na, der wird mächtig Ärger kriegen.“

„Der Boss mag Alleingänge nämlich überhaupt nicht.“

„Der Junge war sowieso fällig, wenn du mich fragst.“

„Bildet sich mächtig was auf seinen kleinen Nazispion ein.“

„Und lässt den alten Jack einfach hier hängen.“

Mercant war noch einige Meter entfernt, als jemand gegen die Seitenscheibe klopfte. Manners schob einen Teil des Fensters zurück und streckte die Nase in die eisige Luft hinaus. „Ja? Kann ich Ihnen helfen, Mister?“ fragte er.

Der Mann war groß, dünn und alt. „Ich möchte Sie gerne etwas fragen“, sagte Emigthan. „Nämlich ob Allan D. Mercant nicht bereits heute Morgen, kurz nachdem Sie eintrafen, von seinem Rundgang zurückkam? Kurz nachdem Sie Jack Quincy abgelöst hatten?“

Manners und Frey sahen sich einen Moment lang irritiert an, dann trat der abstumpfte Ausdruck eines typischen, von einem Psychostrahler beeinflussten Menschen in ihre Gesichter.

„Ja, natürlich“, antwortete Manners.

„Und Sie haben nicht etwa erst jetzt um sechzehn Uhr gesehen?“

„Nein, Sir“, erwiderte Frey.

„Und mich haben Sie auch nicht getroffen. Außerdem ist Ihnen nichts Besonderes heute aufgefallen.“

„Keine besonderen Vorkommnisse.“

„Genau“, sagte Emigthan nickend. Er winkte Mercant heran, der sich wie ein Schlafwandler näherte. „Setzen Sie sich hinten hinein. In zwei Tontas – nein, zwei Stunden lösen Sie wie gewohnt Ihre Kollegen zusammen mit Jack Quincy ab.“

„Ja.“ Mercant tat wie geheißen und setzte sich still und reglos in den Fond.



„Verdammt noch mal, Junge“, fluchte Quincy. „Deine Alleingänge machen mir echt Sorgen. Letzte Woche warst du für zwei Stunden weg, heute verschwindest du einfach... Kannst du mir mal sagen, was ich dem Chef sagen soll, wenn du einfach deinen Posten verlässt?“

„Entschuldige, Jack. Ich weiß auch nicht, was in mich gefahren ist. Ich hatte einfach die Schnauze voll davon, in dieser Karre zu sitzen“, versuchte Mercant zu erklären, was in ihm vorgegangen war.

„Das geht mir genauso, aber ich haue nicht ab, ehe die Kollegen uns ablösen. Der Chef hat mich gefragt, warum du nicht mit zurück ins Büro gekommen bist, und ich habe ihm erzählt, das du einen deiner geheimnisvollen Informanten aufsuchen wolltest. Lass dir bloß eine glaubwürdige Geschichte einfallen, wenn du morgen früh den Bericht schreibst!“

„Keine Sorge, Jack“, seufzte Mercant. „Und Danke für die kleine Notlüge.“

„Lass es nur das letzte Mal sein. Deine Karriere könnte den Bach runtergehen, ehe sie angefangen hat!“ Quincy zündete sich eine Zigarette an und paffte den Qualm zur Seite, weg von seinem jungen Partner. „Und, war sie hübsch?“

„Wer?“ fragte Mercant verblüfft.

„Na, die Kleine, mit der du am Tor von der Fischfabrik geflirtet hast. Deshalb bist du doch raus, oder? Alter Schwerenöter“, lästerte Jack Quincy und grinste breit.

„Ich habe keine Ahnung, was du meinst, Jack“, sagte Mercant. „Ich glaube, diese langen Observationen sind nichts mehr für so einen alten Herrn wie dich.“

Quincy lachte schallend und schlug Mercant auf die Schulter. „Na, dann behalt alles für dich, du Spürhund.“