Schneespiele

von Shizana
KurzgeschichteHumor, Familie / P6
Chutaro Kumo Shirasu Kinjo Soramaru Kumo Tenka Kumo
04.02.2016
04.02.2016
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Graue Wolken. Wie immer. Seit Wochen, Monaten, Jahren. Würde es je anders sein?

Soramaru hob seinen Blick in Richtung weiten Horizont. Obwohl die Jahreszeit inzwischen gewechselt war, hatte sich nichts verändert. Genauso wie im letzten Jahr, dem vorletzten Jahr und dem Jahr davor. Der Regen war einem unnachgiebigen Schneefall gewichen. Die Temperaturen waren ins Fröstliche gesunken. Das war auch schon alles, was sich von dem letzten Monat unterschied.

Ob Winter oder Sommer, immerzu diese Wolken. Sie hingen dort, als seien sie das Einzige, das auf ewig beständig war. Verdeckten den Horizont, ohne die kleinste Lücke. Stimmte es, dass der Himmel im Wahrheit blaue Farbe trug? Wie weit mochten diese Wolken ziehen? Wie viel bekamen sie von dem zu sehen, was die Welt, das Leben ausmachte?

Er seufzte. Nur ein einziges Mal, lang und schwer. Dann trat er hinaus auf den weißbedeckten Hof, seine Hand an den Zwillingsschwertern der Familie Kumo. Unter seinen Sohlen knirschte der Schnee.



Das Geräusch von zischenden Schwerthieben erfüllte die Luft. Wieder und wieder schnitten sie ins Nichts, unermüdlich. So ging es schon seit Stunden.

Chuutarou beobachtete ihn schon einige Zeit. Hier saß er auf dem kühlen Holz der Veranda und ließ die Beine baumeln. Gerokichi, der kleine Waschbärhund, lag auf seinem Schoß eingerollt und nutzte die Ruhe für ein Schläfchen. Chuutarou wäre es anders lieber gewesen. Zu gern hätte er seinen Bruder bei seinem Training unterstützt oder etwas mit ihm unternommen. Doch was er auch versuchte, Soramaru ließ sich nicht von seinem Fokus lösen. Inzwischen hatte er es aufgegeben.

„Chuutarou“, erklang eine milde Stimme hinter ihm. „Was ist los? Du wirkst traurig.“

Der Junge drehte seinen Kopf und sah auf. Shirasu, der gute Freund ihrer Familie und irgendwie Teil von ihr, war zu ihm auf die Veranda getreten. In seinen Händen hielt er ein Tablett mit einem dampfenden Kessel und mehreren Tonbechern darauf. Vermutlich war es Zeit für ihren Tee, der in diesen kalten Tagen besonders wichtig war. Shirasu gab stets Acht, dass die Brüder ihn zu festen Zeiten zu sich nahmen, um sich warmzuhalten.

„Shiro-nii“, wimmerte er zu ihm auf. Bevor er mehr sagen konnte, hatte sich der Diener selbst ein Bild über die Lage gemacht.

„Soramaru ist noch im Training? Wie lange geht das schon so?“

„Ich weiß nicht, sir“, sagte er kleinlaut. Er sah zurück zu der Stelle, wo sein älterer Bruder Schritte und Hiebe in einer festen Abfolge durchführte. „Er trainiert schon die ganze Zeit, sir. Seit ich hier bin, beachtet er mich nicht, sir. Sora-nii …“

„Wieso hilfst du ihm nicht bei seinem Training?“ Shirasu begab sich an die Seite des Jungen und setzte sich zu ihm. Auf einem der bereitliegenden Kissen ließ er sich nieder und stellte das Tablett vor sich ab. Nur kurz sah er dem Tanuki nach, der mit seiner Nähe augenblicklich die Flucht ergriff. Wie es schien, konnte das Tier ihn nach all den Jahren noch immer nicht leiden.

Chuutarou derweil schüttelte den Kopf. „Sora-nii will das nicht, sir. Ich habe ihn gefragt, aber er sagt, dass ich ihm nicht helfen kann, sir. Er kann sich besser konzentrieren, wenn er allein trainiert, sir.“

„Vermutlich hat er Angst, dass er dich verletzen könnte. Du bist noch jung und ihm fehlt die Erfahrung.“

„Aber Ten-nii trainiert mich auch, sir! Er sagt, ich bin alt genug, sir.“

Shirasu schenkte dem Jungen ein sanftmütiges Lächeln. Mit dem Hinweis, dass er vorsichtig sein solle, reichte er ihm einen Becher des dampfenden Tees. Für den Moment brachte es Chuutarou auf andere Gedanken und ließ ihn über das ganze Gesicht strahlen.

„Soramaru“, rief er nach dem anderen Jungen aus. „Ich habe uns Tee gemacht. Möchtest du keine Pause einlegen?“

Er erhielt keine Antwort. Soramaru musste so in seinem Training vertieft sein, dass er alles andere um sich herum ausblendete.

Er seufzte geschlagen. „Nicht, hm? Wenn der Junge so weitermacht, wird er noch krank.“

„Shirasu!“, schallte es hinter ihnen durch das gesamte Haus. „Ich bin wieder zu Hause! Wo ist der Sake hin? Haben wir keinen mehr?“

„Ten-nii!“ Instant, kaum dass die Stimme erklungen war, war Chuutarou auf seine Beine gesprungen. Weit musste er nicht gehen, bis er dem Familienoberhaupt begegnete. Voller Euphorie sprang er seinem großen Bruder in die Arme. „Ten-nii! Willkommen zurück!“

„Willkommen zurück, Tenka“, begrüßte auch Shirasu den Freund. Er drehte lediglich den Kopf, um zu ihm aufzusehen, verblieb jedoch in seiner sitzenden Haltung. „Du warst länger weg, als erwartet. Gab es Komplikationen?“

„Ah, naja … Sagen wir, es gab da einen kleinen Patzer, der erst wieder ausgebügelt werden musste.“

Shirasu schmunzelte zu ihm hoch. „Oh, tatsächlich? Der große Tenka macht also tatsächlich auch mal einen Fehler?“

Das habe ich nun nicht gesagt.“

Derweil setzte Tenka den kleinen Bruder zurück auf dem Holzboden ab und ging mit ihm in die Hocke. Mit einem breiten Grinsen im Gesicht strich er dem Jungen über den Kopf und zerzauste ihm das schwarze Haar. Zur Belohnung erntete er ein glucksendes Kichern, das wie Musik in seinen Ohren klang.

„Hier“, machte sich Shirasu bemerkbar und reichte einen dampfenden Tonbecher an Tenka in die Höhe.

„Sake?“

„Tee.“

Ein unzufriedenes Grummeln und die grimmig verzogene Mimik verdeutlichten Tenkas Enttäuschung. Eher widerwillig nahm er den Becher entgegen, wissend, dass er Shirasu vorher nicht bereden konnte. Wenn er nur in diesem einen Punkt brav war, standen ihm später andere Türen offen.

„Du weißt, ich zweifle deine Entscheidungen für gewöhnlich nicht an“, eröffnete Shirasu das Gespräch, nachdem er selbst einen Schluck von seinem Tee genommen hatte, „aber findest du nicht, dass du dieses Mal einen Schritt übersprungen bist?“

„Wie meinst du das?“

„Seit du Soramaru das Familienschwert übergeben hast, verbringt er ausschließlich Zeit mit seinem Training“, erklärte er. Dies war der entscheidende Anstoß, dass auch Tenka auf den Jungen im Hof aufmerksam wurde. „Ich schätze, mit der Ehre hat er eine schwere Bürde übernommen. Er denkt vermutlich, dass er jetzt schnell zu dir aufholen muss. Vielleicht war es zu früh? Er ist erst fünfzehn.“

„Sora-nii spielt nicht mehr mit mir …“

Was?!

„Wenn er nicht auf sich Acht gibt, übernimmt er sich noch“, ergänzte Shirasu seine Ansicht und besah Tenka mit einem prüfenden Blick.

Dieser war ganz verdattert. Wie vom Blitz getroffen, die Kinnlade gen Erdboden gesunken, stand er da und starrte Löcher in die Luft. Es war einer dieser Momente, in denen niemand wusste, was in dem Oberhaupt vor sich ging. Nicht einmal Shirasu, der für gewöhnlich ein gutes Gespür dafür besaß, sein Gegenüber zu durchleuchten.

„Das kann er mir doch nicht antun!“, brach er mit einem Mal aus und schlug sich beide Hände an den Kopf. „Mein kleiner Soramaru, so kann er mir doch nicht das Herz brechen! Was tut er seinem großen Bruder nur an?!“

„Tenka …“ Shirasu war ohne Worte. Schließlich seufzte er, wobei er die Schultern sacken ließ. „Übertreibst du es nicht? Ich sagte ja nicht, dass er stirbt –“

„Das ist schlimm, ganz schlimm! Ein Desaster, eine Katastrophe!“ So hätte er vermutlich lange fortfahren können. Stattdessen ließ er sich neben Shirasu auf die Knie fallen und rüttelte den Freund heftig an den Schultern. „Hast du nicht gehört? Soramaru spielt nicht mehr mit mir! Mein kleiner Bruder denkt, er wird erwachsen!“

Das ist es, was dich bekümmert?“

„Was soll das heißen? Wir müssen das verhindern! Ich kann das nicht zulassen!“

„Hey, lass das. Willst du, dass ich mich zur Wehr setze?“

„Chuutarou!“

„Aye, sir!“

„Wir beide werden Soramaru retten! Wir werden nicht zulassen, dass er seine Familie vergisst! Bist du mit mir?“

„Aye, sir!“ Der Junge strahlte über das ganze Gesicht, als er eine steife Haltung einnahm und vor seinem großen Bruder salutierte.

„Gut.“ Damit richtete Tenka sich auf. Sein Blick ruhte auf Soramaru, der weiterhin Gefangener seiner Konzentration war. „Wart’s nur ab“, sprach er leise zu sich selbst. Ein überzeugtes Grinsen dominierte sein Gesicht. „Wenn du nicht mit mir spielen willst, dann spielt dein großer Bruder eben mit dir.“

„Sei nicht so hart zu ihm“, hielt Shirasu ihn noch an. In dem Moment hatte sich Tenka schon zurückgekauert und machte einen Satz nach vorn.

Mit dem nächsten Hieb, den Soramaru machte, landete Tenka direkt vor seinen Füßen. Seinen Schlag parierte er leichthändig mit dem Fächer, welchen er im Sprung gezogen hatte. Die Wucht des unerwarteten Widerstands prallte auf Soramaru zurück, was es seinem Bruder leicht machte, ihn zu entwaffnen. In einer einfachen Handbewegung löste er das Schwert aus Soramarus Griff und schickte es auf einen rotierenden Freiflug. Kurz darauf gelangte es auf den Boden der Tatsachen zurück und tauchte ab unter die weiße Decke, weit hinter dem Standpunkt seines jungen Besitzers.

„Yo.“

„Aniki!“

Soramaru hatte die Augen vor Überraschung weit aufgerissen. Sein Atem ging schwer von der Erschöpfung, die sein andauerndes Training mit sich gebracht hatte. Im Kontrast stand ihm sein großer Bruder gegenüber, fit und ausgeruht, als sei er gerade erst von seinem Futon gestiegen.

„Was ist los, Soramaru?“, neckte Tenka in seine Richtung, wobei er sich in eine aufrechte Haltung begab. „Nennst du das einen Schlag? Ich hätte etwas mehr Kraft aus deinen zarten Ärmchen erwartet.“

Der Spruch saß. Soramaru beantwortete ihn mit einem Zähneknirschen, sein Gesicht wurde ernst.

„Aniki! Trainier mit mir!“

„Huh? Training?“ Tenka blinzelte mehrere Male. „Wie? Jetzt gleich? Oh, nein, nein. Dein Aniki hat heute schon schwer geschuftet. Jetzt noch ein Training, das wäre viel zu viel Aufwand für einen Tag.“ Ablehnend winkte er ab. Seinem müden Gesicht war abzuerkennen, dass ihn der Gedanke ganz und gar nicht frohlockte.

„Ich muss stärker werden.“

„Wo willst du denn stärker werden?“, gab er zurück. Ein Schmunzeln folgte. „Denkst du, du kannst dich schon als stark bezeichnen? Ich will dir deine Hoffnung ja nicht nehmen, Soramaru, aber das bezweifle ich stark.“

„Du …! Gib mir eine Chance und ich beweise es dir!“

„Also eigentlich habe ich darauf jetzt gar keine Lust.“ Unschlüssig, was er tun sollte, kratzte er sich am Kopf. Dann kam ihm eine Idee. „Na schön, wie wäre es damit? Ich gebe dir einen Schlag. Nur einen Einzigen.“

„Ist mir recht.“

„Was tust du, wenn du den versemmelst?“

„Ich werde dich nicht weiter belästigen.“

„Schön, schön. Und solltest du ihn setzen, verspreche ich dir ein Extratraining, bis du vor Erschöpfung ein Schneebad nimmst.“

„Abgemacht.“

„Gut. Dann komm her!“

Das ließ er sich nicht zweimal sagen. Auf das Kommando ging Soramaru in Angriffsstellung und preschte nach vorn. Aus einer geschützten Haltung schob er das zurückgezogene Schwert nach vorn, den Fokus auf den Kehlkopf seines Gegners gerichtet. Sein Timing stimmte, doch Tenka war schneller. Mit nur einem Rückfallschritt glitt er aus der Bahn, hob den Arm und holte zum finalen Gegenschlag aus. In einem Moment war alles vorbei, als er Soramaru mit der Wucht seines geschlossenen Fächers zu Boden schickte.

„Vorbei“, triumphierte Tenka unverhohlen. Aus dem Handgelenk schlug er seinen Fächer auf und fächelte sich zufrieden zu. „Nimm’s nicht so tragisch, Soramaru. Du bist eben noch einhundert Trilliarden Jahre zu früh dran, um dich gegen mich zu messen. So, und nun lasst uns spielen! Spielen, spielen, spielen~“

„Mist …“

Auf wackeligen Händen und Knien kämpfte sich Soramaru aus dem Schnee hoch. Die Kälte stach ihn in Gesicht und Hand. Sie kroch ihm bis unter die Kleider, wo er zum Liegen gekommen war. Doch viel schlimmer als das oder die Erschöpfung, die seine Muskeln beben ließ, war die Erkenntnis über sein Versagen. Sein Bruder hatte recht: Er war noch längst nicht soweit, um gegen ihn zu bestehen. Er war noch fernab, um in seine Fußstapfen treten zu können, die viel zu groß waren. Umso wichtiger war es, dass er weitertrainierte. Er durfte nicht nachlassen, wenn er eines Tages jemand sein wollte, der den Namen Kumo und die Familienschwerter würdig war. Er würde sich beweisen, das schwor er sich hoch und heilig.

„Ten-nii! Sora-nii!“

„Ah, Chuutarou!“ Breit grinsend drehte sich Tenka herum. Von der Veranda hörte er die stapfenden Schritte, als ihr Jüngster eilig zu ihnen hüpfte.

„Das war so cool, sir! Sora-nii ist so schnell und Ten-nii ist so stark, sir. Ich möchte genauso werden wie ihr!“

„Und das wirst du“, nahm er den Kleinen in Empfang, indem er zu ihm in die Hocke ging. Voller Zuversicht legte er ihm die Hände auf die Schultern und grinste ihm ins Gesicht. „Aber lass dir ruhig Zeit damit. Ich will noch in Ruhe sehen, wie ihr beiden aufwachst. Trainiere immer schön fleißig, so wie Soramaru, dann wirst du ganz schnell stark werden. Und eines Tages werdet ihr sogar stärker sein als ich.“

Soramaru warf seinen Brüdern einen Blick über die Schulter zu. Was Tenka ihrem Jüngsten versprach, bezweifelte er. Er trainierte jeden Tag, seit er ein Holzschwert in den Händen halten konnte. Noch mehr, seit er erkannt hatte, welche Last sein Bruder für die beiden Jüngeren stemmte. Und trotzdem gelang es ihm nicht, im Duell nur eine Minute gegen ihn zu bestehen. In den vielen Trainings, die sie gemeinsam absolviert hatten, hatte er keinen einzigen Schlag gegen ihn erringen können. Wie sollte er so stärker werden, geschweige denn stärker als ihr Bruder?

„Aber jetzt wird erst einmal gespielt. Ne, Chuutarou? Was fällt dir ein, wenn du dich hier umsiehst?“

Chuutarou ließ seinen Blick durch die Gegend wandern. Viel gab der Hof zu dieser Jahreszeit nicht her: eine Trainingspuppe, einen Ball, zugeschneite Bäume und Sträucher, vereinzelte Berge von Shirasus vergeblichen Schneeschippbemühungen, Schnee, Schnee …

„Wir könnten eine Schneefigur bauen, sir“, schlug er vor.

„Eine Schneefigur, hm? Das ist eine gute Idee!“

„Noch eine?“, beteiligte sich Soramaru von der Seite. Noch nicht lange zurück auf den Beinen, klopfte er sich den restlichen Schnee von der Kleidung. „Reicht denn nicht schon der Riesen-Gerokichi, der seit einer Woche alle Besucher am Schrein erschreckt? Und der misslungene Mini-Aniki, der danebensteht?“

„Hm, da hast du natürlich recht. Moment! Was heißt hier misslungen? Dabei habe ich mir solche Mühe gegeben …“

„Sora-nii“, eilte Chuutarou an ihn heran, „hast du eine andere Idee, sir? Etwas, das wir alle zusammen machen können, sir?“

„Was auch immer ihr macht, ich mache nicht mit.“

„Was? Aber wieso denn nicht, sir?“

„Ich habe keine Zeit. Ich muss trainieren.“

„Aber … du trainierst doch jedes Mal.“

Soramaru blickte auf seinen kleinen Bruder. Die Art, wie er traurig dreinschaute, bekümmerte ihn. Er hatte ja recht mit dem, was er sagte. Chuutarou musste sich ungerecht behandelt fühlen, das war ihm bewusst. Aber wer übernahm die Verantwortung, wenn ihr großer Bruder nicht da war? Wer unterstützte ihn, wenn er eine Pause brauchte? Ihr Bruder konnte nicht immer für sie stark sein, eines Tages würde auch Chuutarou das einsehen. Eines Tages, wenn er älter war und an seiner Stelle stand.

„Hey, ich hab’s!“

Tenkas euphorischer Ruf erregte die Aufmerksamkeit der beiden Brüder. In dem Moment, als sie zu ihm aufsahen, warf er sich rücklings in den Schnee und kicherte kindlich.

„Ich nenne es: Tenka-samas großartige Schnee-Körpermalkunst! Ratet, was es wird!“

Sobald er das gesagt hatte, begann er liegend mit Armen und Beinen im Schnee zu wischen. Die Bewegung, die er mehrmals wiederholte, erinnerte an die übliche Hampelmannsfigur. Schließlich machte er einen Schwung auf die Beine und sprang zwei Schritte zurück, um den Blick auf sein Werk freizugeben. „Na, was ist es?“

Neugierig traten die beiden Brüder heran.

„Hm … Ein idiotischer Aniki, der wie ein Fisch auf dem Trockenen im Schnee zappelt?“

„Ah! Ich weiß es, ich weiß es, sir!“, rief Chuutarou aufgeregt und hüpfte dabei. „Ein Schmetterling, sir! Sieht es nicht aus wie ein Schmetterling?“

„Sehr gut, Chuutarou!“ Tenka grinste über das ganze Gesicht und hielt seinen Daumen dem Jüngsten hin. „Ein Schmetterling, gut erkannt. Und was ist das?“

Auf der Stelle, wo er sich gerade befand, ging er in den Sitz. Mit einigen Griffen richtete er seine Kleidung über dem Schnee aus, bevor er sich zu drehen begann. Die Stoffe zogen nachziehend ihre Bahnen, ebenso wie seine Hände, mit welchen er nach jedem Greifen die Linie nachzog. Dies tat er über drei Runden, bevor er sich erhob und abermals zur Seite wegsprang.

„Tadah! Und, was ist es diesmal?“

„Ehrlich, Aniki, ich weiß nicht –“

„Ah, ich weiß!“ Chuutarou blühte in dem Spiel richtig auf. Mit ausgestrecktem Arm wurde er zum Flummi, der stetig auf und ab sprang. „Es ist eine Rose, sir!“

„Eine Rose, hm? Ja, ganz genau! Genau das wollte ich auch darstellen.“

„Wo bitte sieht das aus wie eine Rose?“

„Na, schau doch hin!“

„Schau doch hin, sir!“

Soramaru stieß ein schweres Seufzen aus. „Ihr zwei schafft mich …“

„Ich auch, ich auch, sir!“

Damit ließ sich Chuutarou als Nächstes in den Schnee fallen. Während er auf dem Rücken lag, überlegte er, welche Figur er zeichnen wollte. Dann, als er sich entschieden hatte, rollte er sich auf die linke Seite. Dort streckte er beide Arme nebeneinander im 45°-Winkel auf Höhe seines Kopfes aus, was er auf der rechten Seite wiederholte. Als er zurück auf dem Rücken war, sprang er hoch und tat zwei Hüpfer zur Seite.

„Ratet, ratet!“

Soramaru starrte angestrengt auf den Abdruck im Schnee, doch wie er es auch drehte, ihm setzte sich kein Bild zusammen. Vielleicht war er inzwischen zu alt für diese Art von Spiele?

„Es ist eine Krone!“

Und sein Aniki ein Kindskopf. Aber ja, eine Krone könnte es vermutlich sein.

„Nicht ganz, sir.“ Chuutarou schüttelte den Kopf. „Soll ich es verraten?“

„Ach komm schon, Chuutarou. Gib uns einen Tipp“, quengelte Tenka.

„Na schön.“ Er grinste breit und ließ ein Kichern hören. Indem er den Arm ausstreckte, deutete er auf die Scheinrose, die Tenka im Schnee hinterlassen hatte. „Es hat mit Ten-niis Bild zu tun“, erklärte er geheimnisvoll.

„Hm, mit einer Rose. Rose, Rose … Blume … Blume mit Krone. Blume mit Zacken.“ Tenka ging alle Möglichkeiten durch, die ihm einfielen. So ging es noch einige Zeit, bis er eine Erleuchtung hatte und prompt mit der Faust auf die flache Hand schlug. „Ah, ich hab’s! Es ist eine Tulpe, nicht wahr?“

„Aye, sir! Ten-nii hat’s erraten, sir!“

„Eine Tulpe?“ Zweifelnd betrachtete Soramaru das Bild erneut. Am Ende tat er es schulterzuckend und mit einem weiteren Seufzen ab. „Sind wir wirklich blutsverwandt? Ihr seid alle beide Idiotenbrüder.“

„Also ich bin dafür, dass Soramaru jetzt an der Reihe ist“, grinste Tenka breit.

„Oh ja! Sora-nii, Sora-nii! Jetzt bist du dran, sir!“

„Vergesst es! Ich werde ganz sicher nicht –“

Kumo-Bombe!

Ehe sich Soramaru versah, fand er sich im kühlen Schnee wieder. Über ihm lag das Gewicht seines großen Bruders und drückte ihn gen Boden. Er war ihn einfach angesprungen, ohne jeden Rückhalt. Soramaru hätte noch so vorbereitet sein können, es hätte nichts genützt.

„Aniki! Geh von mir runter!“

Kumo-Bombe, sir!

„Chuutarou! L-lass … Mach da nicht noch mit!“

„Hehe. Bin gespannt, was am Ende herauskommt.“

Da half alles Stemmen und Trampeln nichts. Gegen zwei Brüder kam er nicht an. Gefangen in Tenkas eisernem Griff war jede Aussicht auf Gegenwehr hoffnungslos. Der Großteil seines Körpers lag unter den beiden Brüdern begraben. Wie viel davon allein Tenkas und wie viel Chuutarous Verdienst war, wusste Soramaru nicht zu sagen.

Kumo-Lawine!

Tenka drückte die beiden Brüder so fest er konnte an sich. Dann begann er sich zu rollen, die beiden Jüngeren spielend mit sich ziehend. Die Luft wurde erfüllt von lautem Protest und Jubel, bis man bald nichts anderes mehr hörte als das Chaos, welches sich im Hof zutrug.

„Tenka, Soramaru, Chuutarou! Übertreibt es bitte nicht wieder, ja? Was wird mit eurem Tee?“

Keiner der drei Brüder reagierte. Shirasus Worte blieben ungehört.

„Oh Mann, oh Mann“, seufzte er leise und lächelte. „Hoffen wir, dass die drei sich keine Erkältung bei dem ganzen Spaß einfangen.“

Aus der dichten Wolkendecke setzte neuer Schneefall ein. Der sanfte Riesel legte sich auf die drei Brüder, die zu einem einzigen Haufen gebündelt waren. Über und über von Schnee bedeckt, schallte ihr Lachen laut und frei. Hinauf zum trüben Wolkenhimmel.



Am nächsten Tag lagen die drei Brüder nebeneinander auf ihren Futons aufgebahrt. Mit triefenden Nasen, geröteten Wangen und einer doppelten Schicht Heizdecken. Der Doktor hatte es mit seinen Patienten leicht: alle drei wiesen dieselben Symptome auf.

„Ihr drei habt strengste Bettruhe“, verordnete er und schloss den Instrumentenkoffer. „Vor allem du, Tenka. Halte dich daran. Bleibt liegen und haltet euch warm. Je mehr ihr euch schont, umso eher seid ihr genesen.“

„Wieso muss er mich extra belehren?“

„Weil es deine dumme Idee war. Und weil du dich nie an seine Anweisungen hältst“, gab Soramaru auf das Gejammer des Ältesten zurück. Gern würde er ihn mehr belehren, doch im Augenblick fühlte er sich zu schwach dafür.

„Am Ende war es nur eine einfache Lawinenspur. Soramaru, du bist kein großer Künstler.“ Allein das Sprechen genügte Tenka zur Anstrengung. Erschöpft stöhnte er auf. „Aber es hat Spaß gemacht. Wir sollten das wiederholen.“

„Merkst du es noch? Wir liegen alle krank im Bett“, klagte Soramaru ihn an.

„Also ich find’s schön.“ Chuutarous Worte waren kaum mehr als ein Flüstern. Trotz der Schwäche klang es zufrieden. „Zusammen mit Ten-nii und Sora-nii … Das ist immer schön, sir.“

„Chuutarou … Wenn ich wieder fit bin, erinnert mich daran, dass ich euch ganz fest drücke.“

„Das tust du doch sowieso.“

„Soramaru, wieso bist du so gemein zu mir? Hast du deinen Aniki gar nicht mehr lieb?“

„Sei jetzt still und schlaf.“

„Aber, Soramaruuu …“

„Bleib liegen! Dummer Aniki.“
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