Der Tag nach Igura

GeschichteAngst, Schmerz/Trost / P16
Gunji Motomi Nano Shiki
03.02.2016
03.02.2016
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Was denkst du, wenn du in den Spiegel siehst? Du siehst ein selbstständig denkendes Individuum, welches seinen eigenen Stil und seine eigenen charakteristischen Eigenschaften entwickelt hat. Nach einigen Überlegungen scheint dir dein Leben vielleicht eintönig und eine unsichtbare Gerade mit kleinen Nebelwolken zeigt dir den Weg, den du abwandern wirst, um deiner Zukunft in die Arme zu laufen.
Und doch stehst du hier. Du trägst deine Lieblingsjacke, hast die Hände schön warm in den Taschen vergraben, weil du keine Handschuhe hast. Ein Windhauch zieht durch und streichelt deine Wange, ist aber viel zu leicht, als dass er einen Druck gegen dich aufbringen könnte. Um dich herum liegen kleine Steine auf der unebenen Betonstraße, zu seinen Seiten ragen große Häuser empor in den bewölkten Himmel, dessen Licht der Wolken etwas in den Augen wehtut. Vor dir baut sich ein weiter Weg auf, der jedoch in kleinen Gassen endet und du nur mehr Schwärze erkennen kannst. Die Risse in der Straße sehen gewaltig und gefährlich aus, ein bisschen Blut klebt sogar auf dem aufgespaltenen Asphalt. Alles ist in ein langweiliges Grau getränkt und sieht auch nicht sonderlich einladend aus. Besonders die eingeschlagenen Fenster und umgebogenen Straßenlaternen.
Hier und da hörst du Schritte, aber wenn du über deine Schulter blickst, ist da niemand. Nur Leere.
Das einzige Gebäude, das ansatzweise vertrauenswürdig aussieht, ist ein riesiges Hotel auf der rechten Seite. Sein Licht strahlt aus den Fenstern, aber nur aus dem Erdgeschoss, die restlichen Etagen sind dunkel.
Wie spät ist es eigentlich? An welchem Punkt steht die Sonne schon? Wird es bald Nacht?
Wieder kommt dir Wind entgegen und lässt dich eine Gänsehaut erfahren. Das Klima ist nicht wirklich eisig kalt, aber auch nicht warm, eher einfach unangenehm.
Die Türen des Hotels scheinen fest verschlossen, durch die Fenster sieht man ein paar Gestalten drinnen. Ein paar sitzen bei den Tischen, der Rest steht bei der Theke an. Einer der Personen scheint fertig zu sein mit was auch immer er getan hatte, steht auf, geht zum Eingang und drückt die rechte Tür auf. Für einen kurzen Moment hörst du die Stimmen der anderen in dem Hotel, doch dann fällt die Glastür zurück in ihren Rahmen und erneute Stille umgibt dich.
Der Mann entfernt sich langsam, ohne dich anzusehen. Sein Kopf ist bedeckt mit einer Kapuze, sein Körper eingehüllt in einem großen Pullover, den er in Kombination mit schwarzen Jeans trägt. In einer Hand hält er eine Tüte, in der anderen ein Messer.
Seine Schritte hallen noch nach, als er um die Ecke in eine Seitengasse verschwindet. Schon wieder diese Leere. Inwiefern ist sie anders als die Stille in einer einsamen Situation, nachdem jemand einem den Rücken zudreht?
Innerhalb einiger Schritte befindest du dich schon in einer beliebigen Seitengasse. Plötzlich ergreift jemand von der Seite deinen Oberarm, drückt dich gegen die kalte Betonwand und eine scharfe Metallklinge schmiegt sich an deinen Hals. Sie fühlt fast schon angenehm kühl an, doch du weißt, dass es nichts Gutes ist. Du weißt es kann dir schaden, und doch lässt du es zu. Du starrst deinem Gegenüber bestimmt in die Augen mit einem Gemisch aus Emotionen, die teilweise nicht mal du deuten kannst. Was ist los?
Die Schmerzen müssen sich erst vergrößern, denn er drückt bei deinem Oberarm fest zu, damit du realisierst, dass es nicht geht. Du trittst gegen die Person und drückst sie dann weg von dir, ehe du die Flucht ergreifst. Es ist egal, du redest dir ein es wäre egal, und trotzdem schaust du zurück, als du wegläufst. Oder tust du das nur, weil du Angst hast, es holt dich ein?

Du kommst in einer alten Einkaufsstraße zum Stehen. Links und rechts von dir befinden sich kaputte Schilder, herabhängende Türen und eingeschlagene Fenster. Die Atmosphäre einer Einkaufshektik herrscht, aber deine Augen sehen nur den Staub, die Glassplitter und die leeren Räume der Läden. Langsam schreitest du entlang der Betonstraße. Hin und wieder wirfst du doch einen Blick zurück, um zu sehen, ob die Person mit dem Messer dir gefolgt war, aber du bist allein. Freust du dich? Ist es besser so?
Es ist so kalt, so einsam, so leer.
Das nächste, was dir auffällt, als du das Ende der Gasse erreichst, sind Blutspuren auf dem Boden, die aussehen wie Schleifspuren. Nach einer Weile folgst du ihnen. Sie führen dich in eine andere Nebengasse und zu einem zerstörten Haus. Von dort aus hörst du plötzlich ein schmerzerfülltes Stöhnen und einen Krach. Du erschrickst, stellst dich neben das Fenster und lugst hinein. Ein großer Mann lehnt auf dem Boden über einem kleineren, jüngeren, dessen Mund mit einem dreckigen Tuch vollgestopft ist. Er ist nackt. Du kannst nun erkennen, dass der Mann die Arme des Jüngeren festhält und rhythmische Bewegungen mit dem Unterleib des anderen vollführt. Der Kopf des Jüngeren ist rot angelaufen, seine Augen sind mit Panik gefüllt, salzige Tränen rollen seine Wangen hinunter und sein Kehlkopf bewegt sich wild, als würde er nach Luft ringen würde.
Zwei Spieler gehen an dir vorbei und beachten das Schauspiel nicht. Du hingegen reißt dich nach ein paar Sekunden davon los und folgst der Gasse; Hauptsache weg hier!

Obwohl sich die Gegend nicht zu verändern scheint, hast du das Gefühl, die Atmosphäre variiert. Vor dir befinden sich nur ein endlos scheinendes Gassennetz, um dich herum instabile Häuser. Die Sonne scheint nicht durch die Wolken dringen zu können, egal, wie sehr sie es versucht. Dabei fällt dir auf, dass es aber dunkler geworden ist. Durch die Wolkendecke kannst du nicht erahnen, wie spät es ist, aber in demselben Moment tropft dir auch etwas auf die Nase. Die Wolkenschicht verdichtet sich und es dauert keine zwei Minuten, da stehst du in eine heftigen Regen. Sofort siehst du dich nach einem Unterschlupf um, wobei dir sofort der Eingang einer leeren Halle ins Auge springt. Du eilst dort hin und betretest erleichtert das Gebäude. Die grauen Wände umrahmen den riesigen Raum, ganz hinten befindet sich sogar eine Betontreppe, die nach oben führt. Der Regen hallt so stark wider, dass du grade so deine eigenen Schritte hörst, deshalb konntest du auch nicht das metallische Geräusch von weitem hören, das sich nun direkte hinter dir befindet. Du wandst dich um und kannst draußen zwei Gestalten sehen. Eine davon angezogen wie ein Soldat, der andere lediglich eine Kapuzenjacke und enge Jeans. Der Soldat schleift ein Rohr hinter sich am Boden her und verursacht dieses Geräusch, der jünger Aussehende vor ihm erinnert dich an Wolverine mit seinen angeblichen Metallklauen, die von seinen verbunden Handgelenken über seine Handrücken reichen. Die zwei trotteten durch den Regen, als wäre es ihnen egal, dass sie von Kopf bis Fuß nass sein würden. Erst jetzt kommt etwas anderes in dein Blickfeld: als der Soldat in die Mitte deiner Sicht kommt, kannst du einen Körper erkennen, der irgendwie an dem Rohr befestigt ist und mitgeschleift wurde. Du machst zwar einen Schritt nach vorne, in dem Glauben, du könntest sehen, ob der Körper noch lebt, aber im Endeffekt fühlst du dich etwas taub. Diese Männer waren bestimmt gefährlich. Mörder? Serienmörder sogar? Oder echte Soldaten? Was auch sie sind, du hast nicht die Macht, diesem Toten da vorne noch zu helfen, auch wenn er noch leben würde.
Du musst mit ansehen, wie sie den Körper wegschleppen und dann irgendwann in die Ferne verschwinden.

Die nächste Weile verbringst du in dieser Halle, am Boden sitzend lehnst du gegen die Wand. Als der Regen endlich aufhört, weißt du gar nicht, wie viel Zeit vergangen ist. Eine Stunde? Zwei? Drei? Erleichtert, dass du wenigstens nicht mehr feststeckst, trittst du hinaus in die nasse Gasse und siehst dich um. Es tropft von jedem großen Haus, aber sonst scheint die Luft rein zu sein. Du steckst die Hände in die Manteltaschen, da der Regen die Gegend doch etwas kälter gemacht hat. Die Wirtschaft hier ist dir sowieso ein Rätsel. Die Stadt sieht aus, als wäre sie zeitlos. Sogar manche der hier rumstreunenden Menschen sehen wie Geister aus, wie sie gebückt und ständig in Verteidigung an dir vorbeigehen, als wärst du nicht da. Je weiter du dem Gassensystem folgst, desto mehr kommt es dir so vor, als ob diese Stadt keine Verbindungen mehr hätte. Alles ist tot, einsam und grau. Jeder agiert nur nach seinem Vorteil und schließt die Schwachen aus. Ist es verrückt von dir zu denken, dir käme dieses zerrüttete Gesellschaftssystem bekannt vor?
Dir tun schon fast die Füße weh, als du endlich bei einer breiten Straße wieder ankommst. Die Gassen sind an ihren Enden in Schwarz getaucht, sodass du nicht erkennen kannst, ob jemand auf diese Straße zusteuert. Eine flackernde Straßenlampe verlangt nach deiner Aufmerksamkeit und erst jetzt fällt dir auf, wie dunkel es geworden ist. Wie lange du nun wirklich in dieser Halle gewesen bist, dass wohl schon die Sonne untergegangen war?
Du lässt deinen Blick über den Himmel schweifen und fühlst dich schon fast etwas besser, als du den schwachen Umriss eines Mondes entdeckst. Er war wohl gerade bei der Hälft seiner Bahn nach oben in den Himmel.
Als du dich weiter umsiehst erkennst du keine Besonderheiten. Nur Dreck, kaputtes Glas, eingeschlagene Türen und Stille. Es kommt dir so vor, als würde was nicht stimmen, dabei sieht alles so aus wie vorhin auch. Im nächsten Moment bestätigt sich deine Theorie und du kannst schnelle Schritte hören, die von einer der Gassen kommen. Sie werden lauter und schon bald kannst du Silhouetten im Dunkeln erkennen. Fünf Jungen, die aus der Gasse auf die Straße rennen, wie vom Teufel verfolgt, an dir vorbei und um die nächstbeste Ecke. Dann ertönt ein Schrei, der dir eine Gänsehaut verschafft. Das Geräusch von platschendem Wasser folgt daraufhin, wobei du dir fast sicher bist, dass es bestimmt kein Wasser gewesen war.
Deine Augen könnten ihren Blick nicht von der gegenüberliegenden Gasse lassen, aus der vorhin die Junge gerannt waren. Eine große rote Lache bildet sich aus der Schwärze, dann erklingen ruhige Schritte, die bestimmt nicht von einem weiteren Jungen kommen. Wie du erwartet hast, kommt dir plötzlich jemand viel anderes entgegen. Sein schwarzes Haar passt perfekt zu der Lederkleidung, die er trägt, welche wiederrum so gut mit der Gegend harmoniert, dass es einfach nicht wahr sein kann. Ein stechendes Augenpaar starrt dir entgegen, es wirkt rötlich. Wie war das möglich? Ein Genfehler? Du verspannst dich, denn nun kommt eine Schwertscheide in dein Blickfeld, die die Form eines Katanas hat. Der Mann, der auf dich zukommt, zeigt keinerlei Emotionen und scheint es weder eilig zu haben noch seine Zeit verschwenden zu wollen. Je näher er dir kommt, desto unsicherer wirst du. Er sagt nichts, zieht aber auch sein Schwert nicht. Was würde er schon von dir wollen? Du hast nichts, ja nicht einmal Geld befindet sich in deinen Manteltaschen.
„Geh mir aus dem Weg.“
Seine raue Stimme jagt eine Gänsehaut deine Arme hinab. Du fühlst dich wie gelähmt, trittst aber beinah aus Reflex im letzten Moment zurück und erstaunlicherweise passiert dich der Mann ohne dir etwas zu tun. Seine Augen richten sich nach vorne. In der kurzen Sekunde, in der er mit dir in einer Linie verweilt, spürst du eine gewaltige Aura, die dich zu zerreißen droht. Sie schreit nach Herausforderung, aber dir wird klar, dass ein Kampf gegen diesen muskulösen Typen wohl dein letzter Fehler sein würde. Jedermanns Fehler. Rannten die Jungen deshalb von ihm weg?
Bald sind die Schritte verschwunden, doch das Gefühl, er beobachtet dich, verschwindet nicht. Dein Blick fällt auf die Blutlache nur wenige Meter von dir entfernt. Du kannst nur eine Hand darin erkennen, den Rest des Körpers nicht. Du schüttelst den Kopf und reißt dich von der Szenerie los, wendest dich ab. Das war es nicht wert.
Oder doch? Einem Toten zu helfen? Was war dieser Schwarzhaarige? Ein Tyrann? Offensichtlich hatte er den Status „Mörder“ ja schon erreicht und das mit einem sehr niedrigen Tel an Emotion. Was war bloß los mit dieser Stadt? Diesem Umfeld? Dieser Welt?

Schlussendlich kehrst du der Szene dem Rücken. Du gehst nach Osten, jedenfalls denkst du, dass es Osten ist. Die Straße führt dich zu einem kleinen Platz, wo alte weiße Streifen für Autoparkplätze auf dem Betonboden aufgemalt sind. Inmitten der zerstörten kleinen Leiden befindet sich eine lange Bar. Wäre es nicht gerade ein Bar, wärst du vielleicht hineingegangen, aber dieser Gedanke verflüchtigt sich, als jemand aus dem Gebäude tritt. Er besitzt leicht gelocktes, naturrotes Haar und trägt gemütliche Kleidung. Im Gegensatz zu den anderen Menschen hier scheint er angreifbar und leicht zu besiegen, er trägt nicht einmal eine Waffe bei sich. Und trotz der vielen Wege, die er gehen könnte, kommt er auf dich zu. Irgendwie ist er ja schon unheimlich mit den stechend blauen Augen, die dir extrem leer vorkommen. Wo starrte er hin? Es kam dir vor, als ob er dir entgegenblickte, aber nicht in die Augen, sondern in die Seele.
Du kannst dich nicht bewegen, noch den Blick abwenden. Letztendlich bleibt der Rothaarige vor dir Stehen und sieht auf dich hinab. Er hebt eine Hand, ergreift dein Kinn und streicht mit der Fingerkuppe seines Daumens über deinen Kiefer. Du möchtest zwar fragen, was das soll, dich losreißen, aber du schaffst es nicht. Dein Körper wendet sich zur Gänze gegen dich, dabei kennst du diesen Typen doch nicht einmal.
„Ein tiefes Grün…“, murmelte der Rotschopf. Seine Pupillen bewegen sich nicht einmal. „Ein schönes sogar.“
Um ehrlich zu sein verstört dich das ein bisschen. Was will er von dir? Hat das, was er labert, überhaupt mit dir zu tun?
Im Endeffekt lässt er dich wieder los und wendet seinen Blick ab, starrt genau an dir vorbei. „Pass auf dich auf. Grün ist selten.“ Mit diesen Worten geht er an dir vorbei. Du blinzelst ein paar Mal, ehe du dich umdrehst, denn du hast das Gefühl, du hast deine Stimme wieder. Du willst dem Mann nachrufen, aber er ist weg. Wie war das denn möglich?
Unheimlich.
Vielleicht solltest du dir einen Unterschlupf für die Nacht suchen und es ruhen lassen? Es sah nicht so aus, als ob du von irgendjemandem Antworten bekommen würdest. Die Toten konnten dir auch nur zu Vorsicht raten, und Tote lügen nicht.
Du möchtest die Bar passieren, doch schon wieder wird dir ein Strich durch die Rechnung gemacht. Ein wilder Junge rennt heraus; er schein verwirrt oder Schmerzen haben, was du in dem Moment wirklich nicht unterscheiden kannst. Er greift sich an den Kopf, zieht an seinen Haaren und redet mit sich selbst. Noch bevor du fragen kannst, ob er Hilfe braucht, erscheint ein Kampfschrei von etwas weiter weg, der dich aufschreckt. Binnen ein paar Sekunden erscheint dieser Blonde von vor mehreren Stunden wie aus dem Nichts. Mit seinen Wolverine-Klauen zögert er nicht, auf den verwirrten Jungen einzustechen. Dieser wehrt sich zwar, aber es bringt nichts. Er fällt zu Boden, blutet stark und du fühlst dich wie angewurzelt. Er hört auf sich zu bewegen. Der Blonde lacht wie ein Psychopath und tritt dem Jungen gegen den Rücken. Fand er das etwa witzig?
Du weißt nicht, was du tun sollst. Was ging hier vor? Was hatte dieser Junge getan? War er einfach zu schwach gewesen und hatte deshalb sterben müssen? Wirst du das nächste Opfer sein?
Frisches Adrenalin wird durch deine Venen gepumpt. Du ziehst deine Hände aus den Taschen und möchtest sofort weglaufen. Als du dich allerdings umdrehst, steht jemand vor dir. Direkt vor deinem Gesicht befindet sich eine trainierte Brust unter einem Militäroberteil. Du blickst langsam auf; ein schiefes wolfähnliches Grinsen in Kombination mit einem sadistischen Glitzern in einem braunen Augenpaar begrüßen dich, während dein Gegenüber langsam das Metallrohr zu deinem Kopf hebt. „Sieh mal einer an, was wir hier haben. Einen neuen Hund.“


Das nächste Mal, als du die Augen aufmachst, blinzelst du gelblichem Licht entgegen. Deine Sinne kehren zu dir zurück, sodass du die Kopfschmerzen bemerkst. Langsam setzt du dich auf und kreist deine Schultern, die verdammt wehtun, weil du am Boden gelegen hast. Es war fast schon ein Wunder, dass dir nichts passiert ist. Aber jetzt, wo du daran denkst, wirst du langsam paranoid. Du stehst auf, tätschelst etwas Dreck von deinem Mantel und gehst dann schnellen Schrittes an der Bar vorbei. Hinter dir hörst du Schritte. Wo kamen die auf einmal her?
Du wirst schneller.
Es waren nicht der Blonde und der Soldat, oder?
Noch schneller.
Was, wenn sie dich auch töten wollten?
Du rennst, wie vom Teufel verfolgt. Du biegst in Gasse nach Gasse ein und weißt nicht einmal, ob das, was vorher da war, überhaupt noch hinter dir her ist. Die Vorstellung, dass dich jederzeit eine Hand bei der Schulter packen und zurückziehen könnte, lässt dich erschaudern. Du willst einfach nur weg, weg von hier, weg von dem System, weg von der Unwissenheit.
Endlich; da vorne ist eine Straße. Du hältst nicht mal an, um dich um deine Gegend zu kümmern, läufst an den ganzen Häusern vorbei. Dein Herz schlägt schmerzhaft gegen deine Brust und das Blut dröhnt dir in den Ohren. Als du Seitenstechen bekommst, musst du langsamer werden, aber da fällt dir schon auf, dass um dich herum eine Einöde herrscht. Ein paar Meter weiter vorne ist ein riesiger Drahtzaun.
Ein Blick über deine Schulter spendet dir ein Bild von der zerstörten Stadt im weißen Licht der Wolkendecke, ehe du dich wegdrehst und erstmal wieder zu Atem kommen willst. Dein Kopfweh scheint sogar schlimmer zu werden, du schaffst es jedoch, es gut genug zu ignorieren, um weiterzugehen.
Aber selbst an dem Tag, wo du diese Stadt verlässt, weißt du ganz genau, dass sich nichts ändern wird. Dass die Welt weiterarbeitet und sich die Menschen auf ihr weiterhin gegenseitig abschlachten werden. Dass dieses Mordspiel auch noch am nächsten Tag gleich sein wird.
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