Der Pfad des Unheils

GeschichteAbenteuer, Drama / P16
OC (Own Character)
31.01.2016
31.01.2016
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31.01.2016 4.204
 
Diese Geschichte kann als Fortsetzung von „Der dunkle Süden“, aber auch als eigene Geschichte gesehen werden.

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Der Morgen brach an. Suizza war ein großes Land. Ein Land welches voller Städte war. Städte, die man plündern konnte. Siad sah auf die Stadt Luuga. Ihr alter Name war Lugano, doch das wusste heute kaum einer mehr. Allerdings kümmerte ihn der Name dieser Stadt auch reichlich wenig. Viel wichtiger war ihm, welche Reichtümer er dort finden konnte.
Siad sah stolz auf sein Lager. Überall lagerten seine Männer, seine Soldaten. Ihm selbst gehörte natürlich ein Zelt, sowie auch seinen Generälen. Doch die übrigen Barbaren verbrachten die Nacht im Freien. Schließlich sollte jeder sehen, wer der Anführer war.
Zwei Barbaren kamen zu ihm. In ihrer Mitte war eine junge Frau, welche sehr freizügige Kleidung trug, die weitaus mehr Haut zeigte, als tatsächlich verbarg.
„Wer ist das?“ verlangte Siad zu wissen.
„Habt ihr denn nicht nach einem Freudenmädchen verlangt?“ fragte einer der Barbaren.
„Doch. Das ist sie also?“ fragte er.
„Ja, das ist eine. Sollen wir ihre Kleidung durchsuchen?“ fragte der andere Barbar.
„Eine Frau wird wohl kaum eine Gefahr für mich sein.“ meinte der junge Eroberer nur.
Beide Soldaten ließen sie los. Das Mädchen sah Siad an. Sie war wirklich sehr hübsch, mit ihren langen, schwarzen Haaren. Und sie schien noch recht jung zu sein. Sie hatte bestimmt noch nicht zwanzig Winter erlebt, und war kaum jünger als Siad selbst.
„Du gefällst mir.“ sagte Siad, „Du wirst mir viel Freude machen, bevor ich die Stadt angreifen lasse.“
Er trat ins Zelt, und bedeutete ihr, es ihm gleichzutun. Die beiden Männer gingen wieder. Ja, sie war wirklich sehr hübsch.
„Hast du auch einen Namen?“ fragte Siad das junge Mädchen, „Ich bin Siad. Siad der Herrliche. Siad der Eroberer.“
„Man nennt mich Jorka, Herr.“ antwortete das Freudenmädchen, „Wollt Ihr, dass ich jetzt mit einem Werk beginne?“
„Warum sonst hätte ich dich in mein Zelt gelassen?“ gab er zurück.
Sie zog ihre Kleidung aus. Diese bestand tatsächlich nur aus einem großen Tuch, welches ihren Körper umhüllt hatte. Dann warf sie die Kleidung auf Siad, sodass sie ihm die Sicht versperrte.
„Was erdreistest du dich?“ fuhr der junge Eroberer auf.
Jorka war unter dieser Kleidung tatsächlich nackt. Und mit einem Kurzschwert bewaffnet. Während Siad noch ihre Kleidung von sich streifte, stürmte sie vor, und stieß ihr Schwert bis zum Heft in seinen Körper. Siad taumelte noch einige Schritte, dann fiel er tot zu Boden, und tränkte die Erde mit seinem Blut.
Jorka säuberte ihr Schwert an seiner Kleidung. Dann nahm sie wieder ihre Kleidung, oder vielmehr die Kleidung, die sie sich für diesen Auftrag geliehen hatte, und zog sie wieder an.
„Und wieder jemand, der sich für den größten Kriegsherren in ganz Euree hält, und schon durch eine so simple List, besiegt wird.“ murmelte die junge Frau.
Sie wartete noch eine Weile, und verließ das Zelt dann wieder. Kaum war sie nach draußen getreten, standen ihr auch schon die beiden Barbaren gegenüber, die sie hergeleitet hatten.
„Bringt mich zu meinem Horsay.“ verlangte Jorka, „Euer Herr wird wieder zu euch sprechen, wenn er sich angezogen hat.“
Sie befürchtete einen Moment lang, dass die Barbaren ihr Reittier getötet und gegessen hatten. Es war nämlich ebenfalls geliehen, und würde ihr von der Belohnung abgezogen werden. Doch es stand unversehrt an dem Platz, wo sie es angebunden hatte. Jorka schwang sich in den Sattel und ritt los.
Als sie hinter sich einen Tumult hörte, ritt sie schneller. Offenbar war der selbstherrliche Siad soeben gefunden worden.

Luuga lag an einem großen See. In der Stadt war so einiges los, denn hier wurde gerade Handel betrieben. Die Geschäfte waren jedoch von der Armee der Barbaren vor den Toren gestört worden. Inzwischen schien die Armee aber wieder abzuziehen.
Selaria stand auf der Mauer vor der Stadt, und beobachtete die Rückkehr eines Horsays. Jorka war wieder zurückgekehrt. Die Söldnerin war froh. Schließlich hatte ihre Freundin und Kampfgefährtin einen gefährlichen Auftrag übernommen.
„Sie kehrt zurück.“ sagte sie zu Elena, ihrer anderen Freundin und Kampfgefährtin.
„Dann werde ich mal zum König gehen, und unsere Belohnung abholen.“ sagte sie und ging los.
Vor den Toren der Stadt trafen sich die beiden, jungen Frauen. Jorka stieg von dem Horsay ab, und ging auf Selaria zu, als sie sagte: „Der Auftrag ist erledigt. Der Anführer der Barbaren stellt kein Problem mehr dar.“
„Und die Armee der Barbaren scheint auch schon abzuziehen.“ bemerkte Selaria.
Dass das passierte, war etwas, worauf der König gehofft hatte. Es hätte auch sein können, dass die Barbaren einfach einen von ihnen zum neuen Anführer machen, und dennoch Luuga angreifen. Aber die Botschaft, dass selbst der Anführer mitten in seinem Lager, nicht vor einem Angriff des Königs gefeit war, war wohl angekommen.
„Elena besorgt unsere Belohnung.“ sagte Selaria nur, „Dann können wir heute feiern.“

Als der Abend nahte, saßen die drei Söldnerinnen in einer Bar und feierten ausgelassen ihre erfolgreiche Mission. Auch die anderen Menschen waren in guter Stimmung. Immerhin wäre beinahe ihre Stadt angegriffen worden.
Selaria strich sich ihre langen, blonden Haare zurück, und sah sich mit ihren grünen Augen aufmerksam um. Zwanzig Winter hatte sie schon erlebt, und ihre Begleiterinnen waren etwa genauso alt. Sie war froh, dass sie auf die beiden jungen Frauen getroffen war. Selaria war in einer Kultur aufgewachsen, in welcher sie als Frau, nur wenig wert gewesen war. Dass sie sich nun als Söldnerin verdingte, war ein großer Erfolg für sie. Sie hatte schon eine Menge Männer besiegt, die sie aufgrund ihres Geschlechts unterschätzt hatten.
Jorka hatte dem Biir zugesprochen, doch sie trank nicht soviel, als dass sie nicht mehr bei Sinnen gewesen wäre. Denn sie hatte eine ganz besondere Art und Weise, ihre Siege zu feiern. Selaria wusste nicht genau, warum Jorka sich entschieden hatte, eine Söldnerin zu werden. In ihrem Dorf war es üblich, dass die Männer und Frauen Kamauler hielten. Und nach allem was Jorka gelegentlich anmerkte, war ihr dieses Leben zu langweilig erschienen.
Jorka ging auf einen Jungen zu, welcher offensichtlich in diesem Gasthaus arbeitete. Er sah so aus, als hätte er etwa fünfzehn Winter gesehen. Sie machte eine eindeutige Geste in Selarias Richtung und grinste sie anzüglich an.
„Junge, du bist doch einer von denen, die unsere Zimmer hergerichtet haben, oder?“ fragte sie.
„Ja, das stimmt.“ gab der Junge zu.
„Nun, einer von euch war bei der Reinigung sehr nachlässig.“ behauptete Jorka, „Ich habe eine sehr schmutzige Stelle entdeckt, und erwarte nun von dir, dass du sie reinigst.“
„Natürlich, sofort.“ sagte der Junge.
Die beiden gingen die Treppe herauf. Freilich gab es keine schmutzige Stelle in diesem Zimmer. Jorka würde einige Reize spielen lassen, und dann würden sie und der Junge die Nacht in ihrem Bett verbringen... sofern er interessiert war.
„Jorka feiert offenbar ohne Biir weiter.“ bemerkte Elena, welche zu Selaria getreten war.
„Du hast es erkannt.“ antwortete die blonde Söldnerin.
Elena hatte sich zu einem Leben als Söldnerin entschlossen, weil sie sich einmal als wehrhaft erweisen musste, als es darauf ankam. Ihre Eltern hatten sie schon in jungen Jahren gegen ihren Willen mit einem Mann verheiratet, der ihrer Familie mehr Prestige bringen sollte. Denn er gehörte zur Familie des Dorfältesten. Elena hatte sich überaus widerwillig gefügt.
Ihr Ehemann hatte sie jedoch regelmäßig sehr brutal geschlagen, weil sie sich seinem Bett entzog. Und als er dann gewaltsam über sie herfallen wollte, hatte sie sich gewehrt und ihn einen Dolch in den Körper gerammt. Kurz darauf hatte sie ihr Dorf auch schon verlassen, und war auf Selaria und Jorka getroffen.
„Wir sollten beide noch etwas Biir trinken.“ beschloss Selaria.

Am nächsten Morgen

Die drei Söldnerinnen wuschen sich. Dazu hatte das Gasthaus eigens ein großes Bad, in welchem sich die Gäste waschen konnten. Trennungen zwischen Geschlechtern gab es hier aber nicht. Doch jetzt war das Bad nur von den drei Söldnerinnen belegt.
Selaria drehte sich so, dass die beiden anderen, jungen Frauen ihren Körper nicht sehen konnten. Sie kannten ihren Makel schon, dennoch sollten sie ihn nicht häufiger sehen, als wirklich notwendig war. Denn ihr Körper war sehr behaart. Es war längst nicht dicht genug, um ein Fell zu sein, dennoch wuchsen auf ihrer Haut viele, dichte Haare. Über ihren Rücken, ihren Bauch und ihre Brüste. Sogar über ihre Oberarme und Oberschenkel.
„Du brauchst dich nicht zu schämen.“ sagte Jorka ruhig.
„Und warum nicht?“ hielt Selaria entgegen, „Welcher Mann würde mich so denn schön finden?“
„Bestimmt der eine oder andere.“ warf Elena ein.
Doch Jorka ging zu ihr, und sagte: „Es ist doch deutlich wichtiger, dass du dir selbst gefällst. Es spielt keine Rolle, wie du aussiehst. Du bist eine mutige Kämpferin, und du hast uns beiden den Mut gegeben, ebenfalls welche zu sein. Und so furchtbar ist dein Makel doch überhaupt nicht. Du hast lediglich viele, viele Haare. Gewiss gibt es andere, die ebenso wie du sind.“
„Zumindest einen gibt es noch, wenn er nicht getötet worden ist.“ erwiderte Selaria nur.

Einige Jahre vor der Handlung

Es war ein warmer Tag in Greeca. Selaria stand auf einem großen Felsen. Sie drehte sich um, und grinste die anderen Kinder an. Niemand sonst war so mutig wie sie. Keines der Mädchen und sogar keiner von den Jungen. Keiner von den anderen traute sich, so hochzuklettern, wie sie es tat. Noch immer grinsend, kletterte sie von dem hohen Felsen herunter.
„Wir sollten zum See gehen.“ schlug eines der Mädchen vor.
„Eigentlich wollten wir aber schon dort hingehen.“ meinte einer der Jungen.
„Warum gehen wir nicht einfach alle zum See?“ fragte Selaria.
„Das verstößt gegen die Sitten!“ stieß ein anderer Junge empört aus, „Nun denn, geht ihr Mädchen zuerst.“
Natürlich, die Kultur in der Selaria lebte, hatte eine Vielzahl an Regeln, an welche die Menschen sich halten mussten. Eine davon war, dass Jungen und Mädchen nicht mehr zusammen baden durften, wenn sie an der Schwelle standen, zum Mann oder zur Frau zu werden. Eigentlich war es nicht wirklich das Volk von Selaria. Sie und ihr Bruder waren als Kinder in dieses Volk gekommen. Dennoch bestanden die anderen Menschen darauf, dass auch sie sich an ihre Regeln hielten.
Selaria lächelte, als sie an Lajos dachte. Im Grunde wusste sie nicht einmal, ob er wirklich ihr Bruder war. Vielleicht war er auch ihr Cousin. Vielleicht waren sie auch überhaupt nicht miteinander verwandt, sondern hatten einfach nur als Kinder immer zusammen gespielt. Sie hatte etwa vier Winter mehr gesehen als er.
Schließlich hatten die Mädchen den See erreicht. Jede von ihnen entkleidete sich, und sprang ins Wasser. Auch Selaria tat es. Eine Weile spielten die Mädchen im Wasser, dann sah eine von ihnen entsetzt Selaria an. Eine nach der anderen, taten die Mädchen es ihr gleich. Schließlich sprach sie die Frage aus: „Ist etwas nicht in Ordnung?“
„Dein Körper. Etwas geschieht mit deinem Körper.“ sagte eines der Mädchen nur.
„Es heißt, dass das in meinem Alter nicht allzu ungewöhnlich sein dürfte.“ erwiderte das Mädchen nur, und errötete leicht.
„Sieh dir deinen Körper doch an.“ bemerkte ein anderes der Mädchen.
Selaria sah an sich herab. Tatsächlich, über ihren Körper wuchsen Haare. Dort wo die anderen Mädchen keine hatten.
„Ist das denn so furchtbar?“ fragte sie vorsichtig.
„Das wissen wir nicht. Und das ist noch schlimmer.“ erwiderte ein anderes Mädchen nur.
Selaria ging zum Ufer. Plötzlich wichen alle Mädchen vor ihr zurück. Befürchteten sie womöglich, dass bei ihnen dieselben Veränderungen passieren würden, wenn sie zulange in ihrer Nähe waren?

Selaria war zu ihrem Bruder Lajos gelaufen. Dieser wurde allmählich an die Traditionen der Kultur herangeführt. Ihm wurde deutlich gemacht, wie er sich als Mann zu verhalten hätte. Nun war es seine Aufgabe, ein Tier zu erlegen, welches dann gegessen werden sollte. Doch seine Geschicklichkeit bei der Jagd war überaus gering.
Lajos sah ihr eigentlich nicht sehr ähnlich. Im Unterschied zu ihr, hatte er schwarze Haare und blaue Augen. Dennoch hörte er sich neugierig an, was seine Schwester sagte.
„Bei dir also auch.“ murmelte er.
„Bei mir auch?“ fragte Selaria.
Als Antwort zog der Junge nur seine Sandalen aus. Seine Füße sahen ungewöhnlich aus. Drei seiner Zehen wölbten sich vor und liefen verlängert aus. Die beiden anderen Zehen hingegen verkümmerten immer mehr. Außerdem hatte sich auch seine Haut ein wenig verfärbt. An den Unterschenkeln und Füßen war sie nun eine Spur dunkler, als am restlichen Körper.
„Was hat das nur zu bedeuten?“ fragte Selaria entsetzt.
„Das sind die Makel der Dämonen.“ sagte eine neue Stimme, „Die Dämonen, die euer Clan vergöttert hat, haben euch mit diesen Makeln ausgestattet. Wir hatten befürchtet, dass das passieren würde. Dennoch hofften wir, dass die Götter ein Einsehen mit euch haben würden.“
Telmo, der Schamane des Stammes, war unbemerkt zu ihnen getreten.
Neben ihm stand Uldis, der Anführer des Stammes. Offenbar hatte sich bis zu ihnen herumgesprochen, was am See vorgefallen war.
„Was ist denn mit uns beiden los?“ fragte das Mädchen.
Uldis holte aus, und schlug sie nieder. Lajos bückte sich sofort zu seiner Schwester, und half ihr, wieder aufzustehen.
„Du solltest die Regeln inzwischen gelernt haben.“ sagte Uldis nur, „Frauen stehen unter Männern. Wenn ein Mann dich nicht etwas fragt, hast du ihn nicht anzusprechen.“
„Jetzt können wir sie nicht mehr verheiraten. Dabei wollten wir einen jungen Mann für sie auswählen.“ meinte Telmo, „Aber nun wird kein Mann mehr es wollen. Es ist sehr gut möglich, dass die gemeinsame Brut der beiden, auch mit Makeln behaftet sein wird.“
„Ich hatte sowieso nicht vor, zu heiraten.“ erklärte Selaria nur.
Und wieder schlug der Anführer des Dorfes sie nieder.
„Ihre Aufmüpfigkeit konnten wir ihr jedenfalls nicht austreiben.“ bemerkte der Schamane nur.
„Lajos, du wirst heute Abend gebraucht.“ befahl Uldis, „Du bist zur Patrouille eingeteilt, zusammen mit einigen anderen, jungen Kriegern. Heute Abend wirst du dich als echter Krieger erweisen.“

Lajos schlich mit einigen anderen Kriegern der Siedlung durch den Wald. Es waren allesamt junge Männer, in etwa so alt wie er, die sich in ihren ersten Kämpfen beweisen wollten. Jeder Krieger trug kunstvolle Narben auf seinem Körper. Für jeden getöteten Feind, wurde eine Narbe in einem Stammesritual hinzugefügt. Und wer genug Narben hatte, durfte diese dem Anführer des Dorfes zeigen, und sich schließlich eine Frau aussuchen, und sie heiraten. Wirklich gute Kämpfer mit zahlreichen Narben, durften auch zwei oder drei oder sogar mehr Frauen haben.
Lajos fühlte sich dabei unbehaglich. Er selbst hatte noch keine Narben als Zierde, das hatten die meisten Jungen nicht, die ihn begleiteten. Und er schreckte auch davor zurück, tatsächlich jemanden im Kampf töten zu müssen. Wenn er diesen Schritt nicht ging, würde er wohl niemals eine Frau heiraten dürfen, und in Schande leben müssen. Aber war das wirklich so schlimm? Wurde von ihm erwartet, dass er die Frauen die bei ihm lebten, ebenfalls schlug, wenn sie nicht gehorsam waren, oder keine Kinder zur Welt brachten?
„Die andere Patrouille hat etwas gefunden.“ stellte einer der Jungen plötzlich fest.
Sofort kam Bewegung in die ganze Truppe. Die Jungen rannten los zu der Stelle, von wo der Lärm ertönte. Und tatsächlich, da waren andere Krieger aus dem Dorf, ebenfalls kaum älter, als Lajos und seine Begleiter. Vier von ihnen lagen am Boden, offensichtlich waren sie getötet worden. Einige andere waren verletzt. Doch einer von ihnen feierte.
„Ich habe mir meine erste Narbe verdient.“ jubelte der Junge, „Meinen ersten Beweis für einen echten Kampf.“
Und tatsächlich lag noch eine Gestalt tot auf dem Boden. Es war eine Nosfera, die eine schwarze Kutte trug. An einem Baum gelehnt saß ein junges Mädchen, sie hatte vielleicht zwölf Winter gesehen, und weinte.
Die anderen Krieger jubelten dem Jungen zu. Und einer nach dem anderen, sahen sie zu dem Mädchen. Lajos gefiel ganz und gar nicht, wie sie sie ansahen. Das Mädchen weinte, und wich vor ihnen zurück, doch die Krieger hatten sie eingekreist.
„Der zeigen wir, was echte Männer sind.“ grölte der Junge, der eben noch seinen Sieg gefeiert hatte, „Ich bin als erstes dran. Ich bin so gut bestückt wie ein Horsay.“
Während die anderen lachten und zustimmend grölten, widerte die Szene Lajos an. Vier von ihnen waren getötet worden, doch das störte die jungen Krieger überhaupt nicht, stattdessen feierten sie, dass einer von ihnen die Nosfera getötet hatte. Und jetzt wollten sie einem unschuldigen Mädchen etwas so entsetzliches antun?
Der junge Krieger hatte sich zu dem Mädchen herabgebeugt, und zog mit seinen Händen an ihrer Kleidung, wollte diese zerreißen. Das Mädchen weinte und tobte, doch er lachte nur. In diesem Moment traf Lajos eine Entscheidung. Einen Kampfschrei ausstoßend, der eher seine Angst übertönen als echten Mut ausdrücken sollte, stürmte er mit einem gezogenen Schwert vor und schlug dem Jungen beide Hände ab.
Der junge Krieger blickte ungläubig auf seine beiden Armstümpfe, aus denen Blut herausschoss. Lajos stieß sein Schwert tief in den Oberschenkel eines anderen Kriegers und rief dem Mädchen zu: „Schnell, flieh! Lauf weg!“
Nun war es das Mädchen, welches ihn ungläubig ansah. Doch dann rappelte sie sich auf und rannte los. Einen Moment später stürzten sich die anderen Krieger auf Lajos.

Die Zeit der Handlung

Selaria trat vor den König. Sie bemerkte, dass er die Anzahl seiner Wachen inzwischen verdoppelt hatte. Ein leichtes Lächeln schlich sich auf ihren Mund. Offenbar hatte man ihnen nicht zugetraut, dass sie die Mission erfüllen würden. Inzwischen wussten der König und seine Leute jedoch, dass die drei Söldnerinnen Gegner waren, die man besser nicht unterschätzen sollte.
„Ihr habt mich gerufen?“ fragte Selaria, „Gibt es denn unter den Barbaren nun einen anderen Anführer, welcher die Stadt ebenfalls angreifen will? Ich fürchte, so dumm, auf denselben Trick zweimal hereinzufallen, sind selbst die Barbaren nicht. Und zu dritt können wir es keinesfalls mit einer ganzen Armee aufnehmen!“
„Aber nein.“ antwortete König Lurin, „Ich habe einen ganz anderen Auftrag für euch. Es geht um eine Gruppe Aufrührer, welche eine Gefahr für meine Stadt darstellen könnten. Ich wünsche, dass ihr sie aufsucht und vernichtet!“
„Was wird ihnen denn vorgeworfen?“ fragte die Söldnerin nach.
Selaria und ihre beiden Freundinnen waren bei ihren Aufträgen durchaus sehr wählerisch. Sie jagten und töteten nur Menschen, wenn diese für üble Taten verantwortlich waren. Sie hatten schließlich auch moralische Ansprüche. Es war noch nicht sehr lange her, dass ein junger Thronfolger mit einer Frau niederen Ranges geflohen war. Er hatte aus Liebe auf den Thron verzichtet. Doch seine Familie ließ ihn jagen, um ihn zurückzubringen.
Elena, Jorka und Selaria hatten sich damals geweigert, diesen Auftrag anzunehmen. Der junge Mann hatte nichts Unrechtes getan. Im Gegenteil sogar. Nachdem sie herausfanden, wohin er geflohen war, streuten sie Gerüchte darüber aus, er sei in eine andere Richtung geflohen.
„Sie sind im Besitz dämonischer Kräfte.“ erklärte der König, „Sie huldigen einer finsteren Gottheit und haben einen bösartigen Kult gegründet. Und sie entführen und töten Menschen, welche sie zufällig auffinden.“
„Nun denn, ob wir diesen Auftrag annehmen, muss ich zuerst mit meinen Begleiterinnen ausmachen.“ sagte Selaria, „Aber ich bin zuversichtlich, dass wir es tun werden.“
„Ihr bekommt die Belohnung sogar im Voraus, wenn ihr es tut.“ sagte König Lurin, „Ich vertraue auf eure Ehre als Söldnerinnen, dass ihr den Auftrag dann auch erfüllt. Denn er ist sehr gefährlich. Denn die Aufrührer sind mit Orguudoo im Bunde.“

Einige Jahre vor der Handlung

Lajos saß auf dem Boden. Vor ihm waren zwei Felsen, auf denen Uldis der Anführer und Telmo der Schamane saßen. Inzwischen war der nächste Tag angebrochen. Die beiden würden über Lajos zu Gericht sitzen, doch im Grunde war das Urteil bereits klar. Selaria warf einen Blick auf den Jungen. Es war unübersichtlich, dass die anderen Jungen ihn verprügelt hatten.
„Dir wird vorgeworfen, einem anderen Krieger seine Beute streitig gemacht zu haben.“ begann Uldis, „Du hast ihm beide Hände genommen, und einem anderen Krieger eine so schwere Verletzung zugefügt, dass er für eine lange Zeit nicht mehr kämpfen kann. Und obendrein hast du unser Dorf verraten, indem du einer Spionin zur Flucht verholfen hast. Was hast du dazu zu sagen?“
„Das war weder eine Beute, noch eine Spionin.“ erklärte Lajos, „Die anderen wollten ein junges Mädchen schänden, und ich habe das verhindert. Mein Herz sagte mir, dass es falsch war.“
„Was fandest du denn falsch daran? Das ist eine übliche Tradition in unserer Gemeinschaft.“ hielt Telmo entgegen.
„Das macht die Sache nicht besser!“ fuhr Lajos auf, „Schon sooft habe ich Beutezüge gesehen. Immer wenn wir ein Lager der Barbaren finden, werden die Männer dort gnadenlos getötet, und die Frauen und kleinen Kinder in unsere Gemeinschaft verschleppt. Das kann nicht der Wille der Götter sein! Mein Herz würde es nicht zulassen, ein Mädchen zu nehmen, während sie weint, tobt und um sich schlägt. Oder einen Jungen zu versklaven, bloß weil er nicht zu unserer Gemeinschaft gehört. Es ist einfach falsch!“
Der Anführer und der Schamane sahen sich an. Dann stand der Schamane auf, und verkündete das Urteil: „Morgen bei Sonnenaufgang wirst du hingerichtet. Bis dahin bleibst du in der Hütte, die du mit deiner Schwester teilst. Du hast Schande über unsere Gemeinschaft gebracht, auf unsere Kultur gespuckt, und zwei deiner eigenen Leute angegriffen. Keiner wird deine Hütte bewachen, weil du ein Krieger bist und Ehre hast. Du solltest zu den Göttern beten, dass sie dir deinen Frevel vergeben.“
Selaria weinte. Sie wollte nicht, dass Lajos so bestraft wurde, doch sie beide wurden bereits zu ihrer Hütte eskortiert.

Es war schon mitten in der Nacht, als Selaria bemerkte, dass Lajos sie wach schüttelte. Sie drehte sich zu ihrem Bruder um. Zum ersten mal sah er irgendwie entschlossen aus.
„Schwester, ich werde fliehen.“ sagte er, „Ich werde fortlaufen, und woanders mein Leben verbringen. Ich warte nicht auf meine Hinrichtung morgen.“
Lajos erinnerte sich, mit welcher Selbstverständlichkeit der Schamane geglaubt hatte, dass er irgendeine Form von Kriegerehre hatte, geschweige denn, ihn irgendwie respektieren würde. Morgen früh würden sie ihn jedenfalls nicht vorfinden.
„Bist du wahnsinnig?“ fragte Selaria, „Du wirst schon nach kurzer Zeit verhungern. Du kannst nicht einmal jagen.“
„Dann esse ich eben überhaupt kein Fleisch mehr.“ sagte er, „Die Vegaans behaupten, dass sie ebenfalls keine Tiere mehr essen, und verachten alle, die es doch tun.“
„Und was wirst du tun, wenn dich eine gefährliche Bestie angreift?“ fragte das junge Mädchen weiter.
„So schnell weglaufen, wie ich nur kann.“ erwiderte der Junge, „Wenn ich hierbleibe, dann werde ich morgen hingerichtet.“
Selaria umarmte ihren Bruder. Sie wusste nicht, ob sie wirklich Bruder und Schwester waren, doch was zählte schon die Blutsverwandtschaft, wenn man sich nahestand?
„Wenn die Götter uns gewogen sind, sehen wir uns wieder.“ versprach Lajos und verließ die Hütte.

Lajos hatte schon beinahe den Waldrand erreicht, als er doch entdeckt wurde. Ein Speer flog geradewegs an ihm vorbei, und bohrte sich in einen Baum. Zwei andere Jungen hatten ihn verfolgt. Es waren ebenfalls junge Krieger, welche kaum älter waren, als er.
„Wir wussten, dass Ehre dir nichts bedeutet.“ sagte einer von ihnen, „Wir werden dich auf der Stelle töten, und dann deine Schwester schänden.“
„Wir hätten dich schon im Wald töten sollen, als du uns verraten hast.“ meinte der andere Junge.
Lajos wich zurück. Er hatte keine Waffen bei sich. Und er traute es sich auch nicht zu, es mit beiden gleichzeitig aufzunehmen. In diesem Moment flog etwas aus dem Wald und traf einen der Jungen. Er sackte sofort zusammen. Und während sich der andere Junge noch zu ihm umdrehte, wurde auch er von etwas getroffen, und sank ebenfalls zu Boden.
Lajos ging näher zu den beiden Kriegern. Sie waren beide tot, und hatten jeweils ein Messer, welches aus ihren Körpern ragte. Der Greeca hörte Schritte hinter sich, und drehte sich um. Ein junges Mädchen kam aus dem Wald, und ging auf ihn zu. Nun erkannte er sie. Es war das Mädchen, welchem er in der Nacht zuvor geholfen hatte. Lajos wich vor ihr zurück, doch sie lächelte ihn nur an.
„Du brauchst dich nicht vor mir zu fürchten.“ sagte sie, „Du hast mir geholfen, und nun habe ich dir geholfen.“
„Dann kannst du nun deine Messer nehmen, und wieder gehen.“ sagte Lajos.
„Möchtest du das wirklich?“ fragte das Mädchen, „Zu zweit sind unsere Chancen in der Wildnis deutlich größer. Wir können überall hingehen. Beleke, die mich beschützt hat, ist von deinen Leuten getötet worden.“
„Beleke?“ fragte der Junge.
„Die Nosfera.“ antwortete das Mädchen, „Wenn du mir nicht traust, dann kann ich das verstehen. Aber wenn die anderen Krieger dich morgen verfolgen sollten, bist du mit meiner Hilfe, vielleicht schon weit genug entfernt, damit sie dich nicht mehr einholen können. Ich kann mich gut bei Nacht orientieren.“
„Nun denn, für den Moment können wir Verbündete sein.“ beschloss Lajos schließlich.

Am nächsten Morgen erfuhr Selaria, dass Krieger losgeschickt werden sollten, um ihren Bruder zu töten. Er war geflohen, und soll am Waldrand zwei weitere Bewohner der Gemeinschaft angegriffen, und sogar getötet haben. Das Mädchen beschloss, ihren Bruder zu suchen, und gemeinsam mit ihm zu fliehen. Doch zuvor musste sie verhindern, dass man ihn verfolgen würde.
Selaria hatte nur wenige Habseligkeiten. Sie packte sie alle zusammen, und stahl dann noch Fleisch von anderen Dorfbewohnern. Das Mädchen verließ das Dorf und legte mit dem Fleisch eine Spur, welche zum Dorf führen sollte. Nachdem sie eine Weile lang unterwegs gewesen war, warf sie das letzte Fleischstück schließlich vor dem Eingang eines Taratzenbaus. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Taratzen das Fleisch riechen und der Spur ins Dorf folgen würden. Das würde die Krieger hoffentlich lange genug ablenken, als dass sie Lajos verfolgen konnten. Oder sie.
Selaria lief los.
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