Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

War of Olympus

Kurzbeschreibung
CrossoverAbenteuer, Fantasy / P18 / Gen
Hekate Leo Valdez Nico di Angelo OC (Own Character) Thanatos
30.01.2016
25.01.2023
85
225.462
9
Alle Kapitel
33 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
25.01.2023 3.814
 
Kapitel LXXXV - Heimkehr


Eine behagliche, einnehmende Wärme breitete sich in Janes Innerem aus, als Festus den Luftraum über Long Island erreichte; eine Wärme, die nur wohlbekannte Gefilde auszulösen vermochten… die nur ein Zuhause auszulösen vermochte. Weit bevor Camp Half-Bloof überhaupt in Sichtweite kam, geisterte ihr die Frage im Kopf herum, wie sie dort empfangen würden… oder wie sie selbst überhaupt mit der Situation umgehen würde, angesichts der jüngsten Ereignisse in der Wüste.
     Während ihres Richtung Nordosten gerichteten Fluges waren Wind und Umgebung etwas kühler geworden; verglichen mit der hiesigen Luft kam ihr das Gebiet um den Tempel rückblickend wie ein Hochofen vor. Der letzte Auftrag, der sie vergleichbar lange von hier ferngehalten hatte, lag bereits mehrere Jahre zurück; ihr kam es so vor, als sei sie nicht etwa eine Woche unterwegs gewesen, sondern eher mehrere Monate.
     Die Landschaft wurde zunehmend vertrauter, die innere Anspannung, die sie noch wenige Stunden zuvor fest im Griff gehabt hatte, ließ immer mehr nach. Als der im warmen Sonnenschein funkelnde See und die Erdbeerfelder endlich in Sicht kamen, lösten sich auch die letzten, mentalen Reste an nagender Vorsicht einfach auf. Sie waren zuhause.
     Festus landete direkt vor Thalias Fichte, setzte die Büchse der Pandora auf der von Peleus verbrannten und trotz der heilenden Kräfte gewisser Halbblute noch immer nicht ganz nachgewachsenen Grasfläche ab. Die ersten Campbewohner hatten sie bereits gesehen, starrten sie zunächst mit offenen Mündern an, ehe einige vorsichtig näher kamen, andere wiederum davonrannten, um die Kunde von ihrer Rückkehr zu verbreiten.
     Jane stieg von Festus ab, ging langsam ein paar Schritte auf das Camp zu und ließ sich dann fallen. Zunächst lag sie einfach nur da, fühtle das weiche Gras unter sich, atmete die vertraute Luft ein und starrte in den blauen Himmel… dann gestattete sie sich zu ihrer eigenen Überraschung ein kurzes Lächeln; ihr erstes seit den Ereignissen im Tempel. Sie wusste genau, hier waren sie in Sicherheit. Morton und Kratos waren auf der anderen Seite des Landes; und keines der Monster, das dort draußen lauerte, würde bis hierher vorstoßen…
     Knox setzte sich neben sie, versuchte sich ebenfalls an einem Lächeln, das bei ihm allerdings eher gequält als nach irgendeiner möglichen Ausprägung von Erleichterung aussah. Seine Augen waren gerötet, er schien während des Fluges geweint zu haben…
     Ohne sich aufzusetzten oder etwas zu sagen, ergriff sie seine Hand. Seine zuvor sehr angespannte Muskulatur schien sich ein Stückchen zu lockern, seine Gesichtszüge weichten etwas auf. Er schloss kurz die Augen, nahm einen langen Atemzug und nickte dann, wenn auch mehr zur Selbstbestätigung. Sie beide würden diese Situation überstehen, wie alles andere auch.
     Chiron ließ keine fünf Minuten auf sich warten; vermutlich direkt nachdem er Kenntnis von ihrer Rückkehr erhalten hatte, war er aufgebrochen und war – abgesehen von einigen derer, die sie bereits bei ihrer Ankunft gesehen hatten – einer der ersten, die sie begrüßten. Als er Festus und Leo bemerkte, hielt er kurz inne; und zum ersten Mal, seit sie den Zentauren kannte, bemerkte Jane wirklich so etwas wie Überraschung in seinem ansonsten so ruhigen und beherrschten Gesicht.
     Sie trat ihm als erste entgegegen, versuchte ihm mit dem ernstesten, beherrschtesten Gesicht, das sie selbst zustandebrachte, möglichst unmissverständlich klarzumachen, dass jetzt der falsche Zeitpunkt war, um Fragen bezüglich derjenigen zu stellen, die nicht mit zurückgekehrt waren. Zu ihrer Erleichterung schien er verstanden zu haben, wie er mit einem unauffälligen Nicken in ihre Richtung andeutete. Er setzte ein Lächeln auf; genug um ihnen ein gutes Gefühl zu geben, aber nicht so stark, dass es angesichts ihrer Verluste respektlos wirken könnte.
     „Jane. Nico. Knox.“ Der Zentaur betonte jeden ihrer Namen ein wenig anders, sprach sie jedoch alle drei gleichermaßen mit Respekt und Anerkennung aus.
     Und Jane wurde überwältigt von einem neuen Gefühl; der Freude und Zufriedenheit darüber, diesen großartigen Mann, der für sie alle stets wie ein Vater gewesen war, mit Stolz erfüllen zu können.
     „Für das, was ihr vollbracht hat, stünde jedem einzelnen von euch die Unsterblichkeit zu. Ich vermag nicht in Worte zu fassen, wie stolz ich darauf bin, euer Mentor gewesen zu sein. Und Leo…“ Er zog eine Augenbraue hoch und beäugte den Feuernutzer mit gespielter Strenge. „Wir sind hier alle einigermaßen entrüstet, dass du uns nicht einen Brief geschrieben hast!“
     „Jaaa… was das angeht…“, stammelte Leo. „Auf Ogygia ist die Postverbindung nicht ganz so toll…“

Bevor übereifrige Freunde, Verwandten, Bekannte und Unbekannte sie in Beschlag nehmen konnten, geleitete Chiron sie alle vier ins Haupthaus, um in etwas ruhigerem Umfeld Rücksprache halten zu können. Er bot ihnen die beiden im Hauptraum stehenden Sofas als Sitzgelegenheit an, von wo aus, sie einen angenehmen, Zerstreuung bietenden Ausblick auf den See hatten. Die Sonne schien durch das hohe, geöffnete Fenster, wärmte den alten Teppich auf dem Boden und versetzte sie alle in eine derart surreal harmonische Stimmung, dass Jane sich schon fragte, ob das hier ein Traum sein mochte, und ihre eigentlichen Körper nicht immer noch im Tempel der Pandora steckten…
     „Nichts läge mir ferner…“, begann der Zentaur, nachdem er jeden von ihnen mit bedachtem Blick gemustert hatte, „…als einen von euch dazu zu drängen, von etwas berichten, das preiszugeben ihr noch gar nicht bereit seit. Und dazu habe ich auch kein Recht! Erzählt mir nur jenes, über das ihr auch mit mir sprechen wollt!“
     Für etwa eine halbe Minute beherrschte ein zunächst betretenes, angespanntes, dann aber zunehmend sicheres und ruhiges Schweigen den Raum. Chiron drängte zu nichts, stand lediglich mit locker herabhängenden Armen und freundlichem, ermutigenden Gesichtsausdruck vor ihnen und wartete ihre Entscheidung ab.
     Jane selbst war sich zunächst nicht ganz sicher, was und wie viel davon sie ihm jetzt schon erzählen konnte. Er würde angemessen und rücksichtsvoll mit allem umgehen, das sie ihm anvertrauten; daran hatte sie keinen Zweifel, und jeder andere ihrer Gefährten mit hoher Wahrscheinlichkeit ebenfalls nicht. Doch konnte diese Gewissheit den Umstand nicht ganz aushebeln, das zumindest das jüngste dieser einschneidenden Erlebnisse zu frisch und schmerzhaft für sie war, um überhaupt darüber zu sprechen. Und sie war sicher, mit einigen der… früheren Vorfälle ging es Nico, Leo und Aileen, die ihre vor dem Tempel gefallenen Gefährten weitaus länger und besser gekannt hatten, genauso.
     „Ich glaube…“, begann Jane vorsichtig, „…jeder von uns hat andere… Momente dieser Reise, über den er im Moment noch schweigen möchte. Vielleicht… wäre es besser, wenn wir die einzelnen Abschnitte mit dir unter vier Augen besprechen.“
     Sie warf einen raschen Blick über die anderen und entschied, dass sie momentan in stabilerer Verfassung als Knox war; Nico fiel für den Anfang klar weg, und Leo sowie Aileen waren zu Beginn ihrer Reise noch gar nicht dabei gewesen.
     „Ich kann den Anfang übernehmen“, bot sie daher an.
     „Natürlich, wenn es das für euch einfacher macht“, stimmte Chiron umgehend zu.
     Er ging mit ihr in einen der Nebenräume, bedeutete den anderen mit freundlicher, aber bestimmter Geste, zu warten, und schloss die Tür.

„Weißt du, Chiron…“, ergriff Jane wieder das Wort, als sie allein waren. „Das alles kommt mir soviel länger vor. Wir waren gerade mal eine Woche unterwegs, für mich hat es sich mindestens wie ein Monat angefühlt. Oder sogar mehrere davon.“
     „Du musst bedenken, Jane; diese eine Woche – so kurz sie nach gemeiner Zeitrechnung auch gewesen sein mag – war ein enorm wichtiger Abschnitt. Auch für viele andere, die sich darüber noch nichtmal im Klaren sind, aber besonders für dich. Und bedeutende Zeiten – im Guten wie im Schlechten – beanspruchen einen größeren Platz ins unserem Geiste.“
     Sie verzog das Gesicht. „Ich wünschte wirklich, einen Großteil der letzten Woche direkt wieder aus meinem Geist löschen zu können…“
     „Auch negative Erlebnisse zeichnen uns aus, helfen uns beim Wachsen…“
     „Bitte Chiron.“ Jane spürte den bitteren Kloß, der sich in ihrem Hals nach oben kämpfte, die Tränen, die nach außen drängten. „Nicht jetzt.“
     Er senkte den Kopf und hob beruhigend die Hände. „Natürlich. Bitte verzeih mir.“
     Jane nickte langsam, kämpfte ihre Gefühle kurzerhand zurück in ihr Inneres und entspannte ihren Körper wieder.
     „Geht es wieder?“
     „Ja… ja, geht es. Also… ich glaube, wir waren hier, damit ich dir vom Beginn unserer Reise erzähle.“
     „In etwa so hatte ich das auch in Erinnerung…“
     „Gut, dass du das auch so siehst. Wir sind mit einem gestohlenen Auto – nicht meine Idee! – aus New York aufgebrochen und haben den ersten Tag mit einem Scharmützel gegen eine Gruppe Lamien beendet. Hatten wohl die Tankstelle übernommen, an der wir halten musste. Und am nächsten Tag machten wir eine sehr… beunruhigende Entdeckung.“
     „Beunruhigende Entdeckung? Etwas, das… noch immer relevant für uns ist?“
     „Kann man so sagen, denke ich. Wir haben herausgefunden, dass… Morton noch eine Schwester hat. Komplett wahnsinnig und mindestens genauso gefährlich wie er…“
     Chiron nickte. „Fürwahr eine beunrihigende Entdeckung. Du klangst, als seid ihr ihr persönlich begegnet.“
     Sie knirschte mit den Zähnen. „Mehr als nur einmal. Und jede einzelne Begegnung mit ihr war eine zuviel!“
     „Ich kann mir denken, weshalb… du brauchst das nicht näher auszuführen, wenndir nicht wohl dabei ist…“
     „Ich denke… darüber kann ich noch sprechen“, stellte Jane klar. „Ihr Name ist Raven, und… sie ist nicht allein gereist. Nova und Leander waren bei ihr.“
     Der Zentaur senkte den Kopf, wirkte bedauernd, traurig. „Ich… bedauere zutiefst, dass ich den beiden kein besserer Lehrer sein konnte. Sie waren schwierige Fälle, sehr zurückgezogen und haben nicht wirklich über sich gesprochen. Vielleicht hätte ich ihnen mehr Aufmerksamkeit…“
     „Chiron, nein! Du hast immer dein Bestes gegeben, für jeden hier da zu sein; was wir daraus machen, ins unsere Sache! Es war ihre freie Entscheidung, mit Morton mitzugehen und danach seine Schwester zu begleiten; daran hätte niemand etwas ändern können!“
     Chiron seufzte. „Danke, Jane… es ist nie einfach für einen Lehrer, zu erfahren, wenn einer seiner Schüler einen derartigen Pfad eingeschlagen hat.“
     „Glaubst du…“, setzte Jane vorsichtig an, „…wir könnten sie noch retten? Ich bin einmal dazu gekommen, mit ihm zu sprechen; da wirkte er nicht ganz so sicher in dem, was er da gerade tat.“
     Er strich sich über das Kinn. „Aus einer solchen Situation kann ein Mensch sich meist nur selbst retten. Aber vielleicht kannst du ihnen im richtigen Moment einen Anstoß dazu geben… ich kannte schon andere Halbblute, die einen ähnlichen Pfad eingeschlagen und irgendwann doch wieder zu uns zurückgefunden haben…“
     Sie biss sich auf die Lippe. „Ich hoffe es… aber wir kommen vom Thema ab, kann das sein?“
     „Ja… ja, das kann es.“
     „Dann kommt jetzt der… unangenehme Teil.“ Sie kratzte sich nervös am Hinterkopf. „Raven… ist der Hauptgrund dafür, dass wir nur noch so wenige sind.“
     Ein Beben durchlief Chirons sonst so ruhige, selbstbeherrschte Haltung. „Ich… verstehe. Möchtest… oder kannst du das näher ausführen?“
     Langsam, aber unaufhaltsam begannen die Szenen wieder in ihrem Geiste abzulaufen. Wie dieses Ungeheuer mit einem Lächeln Reyna in zwei Hälften zerteilt, Piper die Glassscherbe in den Hals gerammt, Jason die Sichel durch den Leib gebohrt und Thalia die Kehle aufgeschlitzt hatte…
     „Reyna, Piper, Jason… und auch Thalia“, brachte sie hervor. „Aber frag jetzt bitte nicht, was genau sie da angestellt hat!“
     Der Zentaur schloss kurz die Augen, atmete einmal durch und nickte dann. „Nein, selbstverständlich nicht.“
     „Danke… die Jägerinnen haben uns den Weg zu Hekate gezeigt; ist nur eine von ihnen noch übrig… sie heißt Aileen; ich hoffe, wir können ihr helfen…“ Jane unterbrach den Gedanken rasch wieder. „Jedenfalls haben wir kurz davor noch Leo getroffen; er hat uns wahrscheinlich allen das Leben gerettet. Und zum Schluss haben wir dann auch den Tempel gefunden… wäre aber besser, wenn dir Leo oder Nico davon erzählt.“

Für einige Minuten saß Jane gemeinsam mit Knox und Aileen auf dem alten, aber noch immer überaus bequemen Sofa; Leo und Nico hatten beschlossen, Chiron den Abschnitt über den Tempel gemeinsam zu berichten. Keiner von ihnen sagte währenddessen auch nur ein Wort; sie saßen einfach nur da und konnten sich erst jetzt, in einem Moment der Ruhe daran gewöhnen, dass sie nun wirklich in Sicherheit waren. Keine Raven, die sie überfallen könnte, keine Monster und auch ganz gewiss keine tödlichen Fallen.
     Nachdem ebenjene Minuten – die ruhigsten und angenehmsten seit langem – verstrichen waren, kehrte Chiron mit Nico und Leo in den Raum zurück, und die beiden nahmen auf dem anderen Sofa Platz.
     Chiron bedachte sie alle mit einem respektvollen, beinahe ehrfürchtigen, aber dennoch zutiefst mitfühlenden Blick. Und Jane wusste, er kannte nun die ganze Wahrheit.
     „Im Namen von Camp Half-Blood, dem Olymp und all jenen Teilen der Welt, die hätten zerstört werden können, möchte ich euch tiefen, aufrichtigen Dank aussprechen, für alles, was ihr getan und auf euch genommen habt.“ Seine Stimme war nicht feierlich, nicht geschwollen wie zu ihrem Abschied; sie war so warm und ruhig wie in ihrem Gespräch im Nebenraum. „Ich bin überzeugt, niemand hätte diese Aufgabe besser erfüllt als ihr… oder überhaupt eine Chance gehabt, das zu vollbringen, was ihr vollbracht habt. Und nun… erholt euch. Tauscht euch mit euren Freunden hier im Camp aus, wenn ihr mögt. Ihr habt euch eine allumfassende Pause mehr als verdient. Heute Abend auf der Versammlung sehen wir uns wieder, wenn ihr euch bis dahin ausgeruht genug fühlt.“
     Knox zögerte kurz, hob dann einen Arm. „Könnte ich vielleicht noch kurz mit dir reden, Chiron?“

Nahezu das gesamte Camp hatte sich inzwischen vor dem Haupthaus versammelt, teils aus purer Neugier, teils aber auch aus wirklicher Anteilnahme oder Sorge darum, wie es ihnen in der letzten Woche ergangen war. Im Normalfall fühlte Jane sich in größeren Mengen sogar ausgesprochen wohl, nur war ihre gegenwärtige Situation kein Normalfall, und die nach eigenem Empfinden zahllosen Halbgötter um sie herum ungewohnt überfordernd.
     „Macht es euch etwas aus, noch bis heute Abend zu warten?“, formulierte sie ihr Anliegen zwar als Frage, doch in sehr bestimmendem Tonfall. „Wir haben eine laaaange Reise hinter uns und brauchen jetzt sehr dringend ein wenig Ruhe; das geht in Ordnung für euch alle?“
     Ohne eine Antwort von der zu weiten Teilen verblüfften Menge abzuwarten, drängelte sie sich durch die versammelten Halbgötter, ließ auch die letzten von ihnen nach einer halben Minute hinter sich und eilte in Richtung des Sees. Knox war noch im Gespräch mit Chiron – sie konnte sich nur allzu gut denken, warum –, Nico, Leo und Aileen würden ihr möglicherweise folgen. Möglicherweise aber auch nicht.
     „Kann das wirklich sein?“, vernahm sie eine wohlbekannte Stimme über sich in einem der Bäume. „Unsere Lieblingsschwester ist zurück und hat die Truhe der Macht mitgebracht?“
     „Hmm, ich weiß nicht, lieber Bruder… sie sieht so anders aus, so viel… erwachsener. Kann das wirklich noch unsere Jane sein?“
     Obwohl ihr nicht so ganz danach war, schaffte sie es nicht, das beinahe automatisch aufkommende Grinsen vollends zu unterdrücken. „Ich mag zwar nur noch ein Auge haben, verehrte Brüder…“, sagte sie und gestikulierte dabei grob in die Richtung, aus der sie die Stimmen vermutete, „…aber immernoch beide Ohren! Also überlegt euch gut, was ihr als nächstes sagt; ich werde es wahrscheinlich hören! Und die Behauptung, ich sei erwachsen geworden, verbitte ich mir!“
     Ohne weitere Worte kletterten die Stolls – zu Janes Vergnügen nicht, ohne auf halber Höhe beinahe abzurutschen – den Baum hinunter, traten zu ihr und umarmten sie nacheinander. Sie erklommen gemeinsam denselben Baum, auf dem sie auch vor Janes Aufbruch schon gesessen hatten, und beobachteten, wie ein Teil der Camper langsam wieder zu seinem Alltag zurückkehrte.
     „Also…“, begann Travis, scheinbar unschlüssig, was genau er eigentlich sagen wollte. „Wie genau ist das passiert?“
     „Was passiert?“
     „Na… das passiert…“ Er machte eine Geste in Richtung seines rechten Auges.
     „Ah… das passiert.“ Sie dachte kurz an den kalten, verschneiten Morgen in der morschen Berghütte zurück und zuckte bei der Erinnerung an das Gefühl zusammen, wie das gebrochene, alte Glas ihr Gesicht durchstoch. „Zu lange nicht geschlafen und zu müde geworden, würde ich sagen. Zudem war Leander beunrhigend gut darin, mit Glasscherben zu werden.“
     Connor horchte auf. „Moment… Leander war das? Der Leander, der außerhalb der Trainingszeiten nichts zustandegebracht hat, als allein irgendwo im Wald rumzuhängen und… was auch immer er da gemacht hat.“
     Jane runzelte die Stirn. „Ihr beide wart doch dabei, als Morton sich das Vlies geholt hat, oder?“
     „Ja, nur… es ist immernoch ziemlich schwer zu fassen, dass jemand mit so wenig… Eigenantrieb plötzlich zu solchen Taten fähig ist…“
     „Ich… habe kurz davor mit ihm gesprochen und bin mir noch immer nicht sicher, inwieweit er wirklich aus Eigenantrieb gehandelt hat. Es schien eher, als würde er einfach nicht wissen, was er sonst hätte tun sollen, versteht ihr? Niemand hat ihm einen Platz in der Welt gegeben… bis er auf Morton getroffen ist, vermute ich.“
     „Es ist… schwer, auf Menschen wie Leander zuzugehen“, befand Travis. „Wenn sie es gar nicht wollen…“
     „Aber haben wir es je versucht?“, unterbrach Jane. „Ich denke nicht. Als ich in dieser Hütte mit ihm gesprochen habe, HAT er über das, was ich sagte, nachgedacht, da bin ich mir sicher!“
     „Und… was hast du ihm gesagt?“
     „Wir sind keine Sklaven der Götter, das habe ich ihm gesagt! Wir kämpfen nicht für den Olymp, sonder unsere Freunde und unser Zuhause!“
     „Sklaven der Götter…“ Travis starrte nachdenklich in die Ferne. „Das erinnert mich an die Art und Weise, auf die Luke damals dachte.“
     „Möglich. Dafür kannte ich ihn nicht gut genug, glaube ich.“
     „Jane… was ist das für ein Gefühl?“, fragte Connor, anscheinend bemüht, das Thema zu wechseln. „Die Welt gerettet… oder zumindest ein ganzes Stück sicherer gemacht zu haben?“
     Abermals musste sie vor ihrer Antwort überlegen…
     „Kann ich noch nicht sagen“, antwortete sie schließlich. „Ich denke, im Augenblick… bin ich einfach nur froh, wieder zuhause zu sein!“

„Wie glaubst du, geht es jetzt weiter?“, fragte Knox.
     Sie saßen zu zweit im Licht der sinkenden Nachmittagssonne am Ufer des Sees, hinter sich die Rufe anderer Halbgötter sowie das Klirren aufeinanderprallender Trainingsschwerter, vor sich die glitzernde Wasserfläche.
     „Geht was weiter?“
     „Naja… Morton, Raven, Kratos. Glaubst du, dass sie einfach aufgeben und wieder verschwinden? Dass wir es überstanden haben?“
     „Hmm…“ Eine ganze Weile starrte sie wortlos auf den See und das umliegende, fruchtbare, wunderbare Land… und kam zu dem Schluss, dass die plötzliche, vollkommene Idylle ohne jegliche, übriggebliebenen Sorgen ein Stück zu surreal wirkte, um vollends wahr zu sein.
     „Also Knox… ohne einen von den dreien jetzt näher zu kennen – will ich auch gar nicht – wirkten sie alle ein wenig zu selbstsicher und von ihrem Vorhaben überzeugt, um aufzugeben, nur weil wir die Büchse zuerst bekommen haben.“
     „Dann glaubst du also… sie werden versuchen, das Ruder doch noch herumzureißen? Uns die Büchse wieder abnehmen oder den Olymp auf irgendeine, abgedrehte Weise ohne sie zerstören?“
     „Ich habe nicht die leiseste Ahnung“, gab sie zu. „Aber ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass wir nicht noch von ihnen hören werden.“
     Für einige Minuten schwiegen sie, malten sich jeweils ihre eigenen Versionen der unmittelbaren und weiter entfernten Zukunft aus. Janes eigene war wirr, ungenau. Unmöglich, vorherzusehen, was als nächstes geschehen mochte. Aber was es auch sein sollte, sie würde es annehmen, wie es kam, und so geschmeidig damit umgehen, wie es ihr möglich war.
     „Hör zu Knox…“, sprach sie schließlich. „Du weißt, wie sehr ich es hasse, andere nachzuplappern, aber… es war nicht deine Schuld!“
     Er seufzte. Nähere Ausführungen waren nicht nötig, um zu wissen, worauf sie anspielte.
     „Dasselbe hat Chiron mir auch gesagt…“, antwortete er leise. „Aber trotzdem… ich hätte mehr tun müssen!“
     „Was denn?“, fragte Jane nur.
     „Naja, zum Beispiel…“ Er runzelte angestrengt die Stirn. „Verdammt, ich hätte einfach früher schwimmen lernen müssen, dann…“
     „Hast du aber nicht! Und daran konntest du in diesem Moment auch nichts dran ändern, Holzfäller!“
     Knox atmete tief durch. „Verdammt noch eins… nein, konnte ich wirklich nicht.“
     Er schloss die Augen, Tränen sickerten unter seinen Lidern hervor. „Es ist schon seltsam, findest du nicht? Als Alaina sagte, sie würde unterwegs auf uns aufpassen müssen… ich war doch tatsächlich so überheblich, zu denken, es wäre andersherum!“
     Jane lächelte und legte die Hand auf seinen Arm. „Es war weit häufiger sie, die uns gerettet hat, als umgekehrt. Aber… sie war auch die Stärkste von uns allen, da müssen wir uns dafür nicht schämen, denke ich!“
     Er nickte. „Die Stärkste von allen… das war sie. Daran gibt es keinen Zweifel. Ohne sie wäre keiner von uns…“
     Ein lauter werdendes, dumpfes Grollen unterbrach sie; die Erde begann zu beben, erst kaum merklich, dann immer stärker…
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast