Aus einem Engel wurde ein Teufel

von Nadine24
KurzgeschichteAllgemein / P12
29.01.2016
29.01.2016
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Es fühlt sich an wie fliegen...

Ich breite die Arme aus und versuche mit den Flügeln zu schlagen, doch es gibt keine Flügel mehr an meinem Körper. Ich hatte sie schon vor langer Zeit verloren.

Über mir sehe ich noch immer das Gesicht. Diese grauen Augen, die mich anstarren als ob ich ein Monster wäre. Vielleicht bin ich ein Monster. In ihren Augen bin ich mit großer Wahrscheinlichkeit ein Monster. Doch in meinen ist sie es. Und was soll ich auch tun? Rache fordert ihren Tribut und ich war und bin bereit ihn zu zahlen.

So hätte jeder aus meiner Familie gehandelt. Jeder. Angesichts der Schmach und der Schande, die man über uns brachte, war das auch nur angemessen so. Und angesichts der Trauer und Verzweiflung.

Viele haben mich gefragt, warum ich das Mädchen getötet hatte. Das Mädchen, dass ich einst liebte. Meine Kollegen, die ich niemals Kollegen nannte. Mein Boss, der für mich nicht einmal ansatzweise ein Boss war. Meine Antwort war immer dieselbe. Auch wenn ich sie nicht laut sagte, ich dachte es mir.

Rache.

Ich wollte Rache. Ich wollte nur noch Rache und die sollte ich auch bekommen. Zu mindestens für eine kurze Zeit. Für meinen Geschmack nicht lange genug, doch sie war da und ich konnte sie spüren.

Ich konnte das Leid der anderen spüren, die Trauer, über die ich nur lachen konnte. Es war nichts, wenn man es mit dem verglich, was ich alles schon erleiden musste. Alles wurde mir genommen, doch war und bin ich niemals in die Versuchung geraten deshalb aufzugeben.

Wahrscheinlich würden mich andere Leute verrückt nennen. Dieses Mädchen mit den grauen Augen über mir, dieses Mädchen, dass ich anstarre, während ich falle. Das Mädchen, wegen dem ich gerade kurz vor dem Tod stehe.

Nichts außer ein Wunder kann mich jetzt noch retten. Nichts. Nur meine Flügel, die einem Wunder gleichkämen.

Doch meine Flügel sind verschwunden. Ich habe sie abgegeben, in der Hoffnung auf Rache. Aus einem Engel wurde ein Teufel. Aus einem Jungen wurde ein Mann. Doch jetzt gerade werde ich wieder zu einem kleinen Kind.

Unwichtig und bedeutungslos falle ich und keiner macht sich die Mühe mir die Flügel zurück zugeben. Keiner macht sich die Mühe mir zu verzeihen und mir zu helfen.

Doch das ist nicht schlimm. Ich selbst habe ihnen nicht verziehen. Ich würde es nie tun. Es ist nicht schlimm, denn ich habe das Mädchen getötet und meine Flügel selbst angegeben. Aus Flügeln wurden Hörner.

Lange bleibt mir nicht mehr, um darüber nachzudenken. Der Tod kommt näher. Der Boden unter mir fliegt auf mich zu. Doch immer noch habe ich keine Flügel, um mich aus dieser Situation zu befreien. Ich werde hier und jetzt als Mörder sterben.

Es ist das Schicksal, dass ich mir ausgesucht habe. Jeder Täter wird einmal selbst zum Opfer und das wusste ich. Ich wusste, dass ich früher oder später mein Leben dafür geben würde. Doch aufgehalten hat es mich nicht.

Der Schmerz anderer, die mir meinen zugefügt haben, ist wie ein Heilmittel. Es macht mich stärker, macht mich in meiner Sache sicherer. Es waren diese Menschen, die mich zerstörten und es war ihre Schuld, wenn ich das selbe mit ihnen machen wollte.

Es war ihre Schuld, ihre Schuld alleine, und wenn sie glaubten, dass ihre Familie dafür nicht bezahlen würde, dann hätten sie sich aber ziemlich vertan. Denn jeder sollte für sein Tun die Konsequenzen tragen.

Ich tue dies gerade in diesem Moment. Ich stehe kurz vor meinem Tod. Doch ich hatte es selbst so gewählt und ich würde ganz sicher nicht jetzt bereuen, was ich getan hatte. Das würde ich nie bereuen.

Ich hatte es geplant, ich hatte es mir ausgemalt und ich hatte mir vorgenommen es bis zum letzten Atemzug durchzuführen. Ich war geduldig gewesen, ich war immer auf der Hut und ich hatte mich verstellt. Ich hatte meine eigenes Ich aufgegeben, um diesen Monstern das zu geben, was sie verdienten.

Und obwohl ich meinen Auftrag, meinen Plan, noch nicht erledigt hatte, konnte ich keine größere Befriedigung als das Gefühl empfinden, dass sich jetzt gerade in meinem Körper ausbreitete.

Denn wenn ich eins gewollt hatte, dann war es Rache.

Und die hatte ich bekommen.
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