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Schockwelle

GeschichteDrama, Familie / P12 / Gen
Daniel "Danny" Reagan Erin Reagan Francis "Frank" Reagan Jameson "Jamie" Reagan
28.01.2016
04.03.2016
3
5.550
10
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28.01.2016 1.260
 
„Zentrale an 13-Charlie. Wir haben einen 10-10 S in der Theatre Alley Ecke Ann Street.“
Seufzend lässt Sergeant Renzulli den Hotdog sinken, den er soeben genüsslich verspeisen wollte.
„13-Charlie ist auf dem Weg“, antwortet er und wirft schweren Herzens den Hotdog in die nächste Mülltonne, bevor er sich auf den Weg zurück zum Streifenwagen macht. In diesem sitzt auf dem Beifahrersitz Jamie, der gedankenverloren die Menschen um sich herum beobachtet. Als der Sergeant die Fahrertür öffnet, wendet er sich um.
„Schon aufgegessen?“, fragt er überrascht.
Augenblicklich bereut Jamie die Frage. Der Blick, den ihm sein Training Officer zuwirft, lässt ihn unwillkürlich auf seinem Sitz zusammenschrumpfen.
„Nein, Harvard. Auf der Theatre Alley wurden Schüsse abgefeuert.“
Mit diesen Worten zieht Renzulli aus der Parklücke und gliedert sich in den dichten Verkehr ein.

Wenige Minuten später kommen sie an der, nur wenige Blocks entfernten, Straße an. Diese ist menschenleer, nur einige Mülltonnen stehen verlassen an den Hauswänden. Auf der Straße, die am anderen Ende der Seitengasse liegt, herrscht der übliche Trubel von New York. Der Sergeant biegt in die Gasse, bringt den Wagen zum Halten und die beiden Polizisten steigen aus.
„Also hier ist schon einmal nichts zu sehen“, stellt Renzulli das Offensichtliche fest.
Er und Jamie gehen die kleine Seitenstraße bis zum anderen Ende ab. Gründlich untersuchen sie jeden Winkel und jede Nische. Allerdings entdecken sie nichts Verdächtiges, weshalb sie zu ihrem Wagen zurück gehen. Jamie lehnt sich auf das Dach des Wagens und schaut Renzulli an, während jener die Menschen auf der angrenzenden Ann Street beobachtet.
„Wir sollten die Passanten befragen“, schlägt Jamie vor. „In der Nähe sind drei Restaurants, vielleicht hat einer der Gäste etwas mitbekommen.“
Renzulli nickt und begibt sich auf die Hauptstraße. Jamie macht sich auf den Weg ihm zu folgen, als die Welt um ihn herum plötzlich in Hitze und ohrenbetäubenden Lärm explodiert.

Als ihn die Druckwelle erreicht, ist Renzulli gerade dabei um die Ecke des Hauses zu biegen. Die Wucht der Explosion schleudert ihn einige Meter durch die Luft, bevor er auf der Straße aufkommt. Der harte Aufprall nimmt ihm den Atem und er spürt, wie sein Brustkorb zusammengedrückt wird. Direkt neben seinem Kopf kommt ein Auto mit quietschenden Reifen zum Stehen.
Stöhnend rollt sich Renzulli auf den Rücken. Mühevoll versucht er wieder zu Atem zu kommen, nachdem er soeben die ungewollte Bekanntschaft mit dem Asphalt gemacht hat. Seine Sicht ist verschwommen und er blinzelt so lange, bis er die Hauswände und den blauen Himmel über sich sehen kann. Mühsam versucht er zu ordnen, was gerade eben passiert ist. Als sich seine Atmung stabilisiert hat und er das Gefühl hat, sich bewegen zu können, ohne ohnmächtig umzufallen, rollt er sich auf den Bauch. Er stützt sich in den Vierfüßerstand, hebt dann ein Knie an die Brust und beginnt dieses durchzudrücken. Renzulli hätte niemals gedacht, dass Aufstehen so schwer und schmerzhaft sein kann. Nach langen Momenten der Qual steht er schließlich. Geschafft atmet er aus und durch die erhöhte Position, erkennt er nun das gesamte Ausmaß der Explosion, welche ihn vor wenigen Minuten zu Boden warf.
Die Seitenstraße und sogar Teile der Hauptstraße sind von Müll bedeckt. Die Abfälle brennen oder schwelen, ihre Rauchfahnen den Tag verdunkelnd. Der Streifenwagen hat sich durch die Wucht der Explosion quergestellt, sodass der Sergeant die dahinter liegende Straße nicht einsehen kann. Geschockt lässt er seinen Blick über die Trümmer gleiten und sucht dabei nach seinem Schützling. Er muss allerdings feststellen, dass er ihn nirgendwo entdecken kann.
„Reagan!“, ruft er, doch statt einer Antwort hört er nur das leise Klingeln in seinen Ohren, welches die Explosion ausgelöst hat.
Renzulli wagt seinen ersten wackeligen Schritt in das Trümmerfeld. Beißend schlägt ihm der Rauch entgegen. Der Dampf brennt in seinen Augen und Renzulli kneift die Lider zusammen. Hinter sich hört er Leute verängstigt schreien, doch er hat keine Zeit, um sie zu beruhigen. Zuerst muss er Jamie finden. Mit zittrigen Knien nähert er sich dem Streifenwagen. Ein Knirschen unter seinem Schuh lässt ihn inne halten. Er hebt den Fuß und erkennt den Verursacher des Geräusches. Überall auf dem Boden um das Auto herum liegen Glasscherben. Durch die Wucht der Druckwelle wurden die Fenster aus ihren Fassungen gerissen und in einem Scherbenregen über dem Boden verteilt. Aus der Nähe erkennt er, dass die einst weiß-blaue Farbe des Streifenwagens auf der einen Seite nicht mehr wiederzuerkennen ist. Stattdessen ist das Auto schwarz und die komplette Breitseite ist eingedrückt. Voller Angst, was ihn hinter dem Wagen erwartet, setzt Renzulli seinen Weg fort. Das Erste, was er sieht, sind zwei schwarze Schuhe. Danach fällt sein Blick auf zwei schwarzblaue Hosenbeine, die in einem ebenso dunkelblauen Hemd enden. Voller Furcht wandert der Blick des Sergeants höher, bis er am Gesicht von Jamie Reagan hängen bleibt. Dieses ist vollkommen entspannt. Es wirkt fast so, als würde Jamie schlafen, doch das Blut und die Schnitte strafen diesem Eindruck Lügen.
„Jamie“, haucht Renzulli beinahe atemlos.
So schnell er kann, rennt er auf den jüngeren Polizisten zu und lässt sich neben ihn fallen. Der Stoff von Jamies Uniform kokelt leicht und der rechte Ärmel steht noch immer in Flammen. Schnell schlägt Renzulli dieses aus. In diesem Moment fällt ihm sein Funkgerät wieder ein und Renzulli hätte sich aufgrund seiner eigenen Vergesslichkeit gerne selbst geschlagen.
„Zentrale, hier ist Sergeant Renzulli. Wir haben einen 10-13. Es gab eine Explosion bei der Theatre Alley.“
Renzulli wartet gar nicht erst auf eine Antwort. Augenblicklich widmet er sich wieder Jamie zu. Er hält seine Wange über das Gesicht seines Schützlings und wartet auf ein Lebenszeichen von ihm. Nach gefühltem endlos langen Warten, spürt er den zarten Hauch eines Atems, schwach und unregelmäßig, aber vorhanden. Erleichtert atmet Renzulli aus. Als er sich sicher ist, dass Jamie noch lebt, sucht er mit kritischen Augen nach weiteren Verletzungen. Außer den Schnittwunden im Gesicht zieren noch weitere Schnitte seine, von der Kleidung unbedeckte, Haut. Die Haut seines rechten Armes ist rot und auch im Gesicht weist Jamie Spuren von Verbrennungen auf. Renzulli hofft, dass diese nicht schwerwiegend sind. Doch das Schlimmste sind die Splitter des Containers, die, zum größten Teil, in Jamies Torso stecken. Ein besonders großes Exemplar ragt aus dessen Brust, direkt über dem Herzen. Renzulli macht sich daran die Blutungen zu stoppen, ihm wird jedoch alsbald klar, dass er absolut keine Ahnung hat, wo er anfangen soll. Erleichtert blickt er auf, als er das Heulen der Sirenen durch die Straßenschluchten von New York hallen hört.
„Halte durch Reagan. Deine Rettung naht.“
Wenige Sekunden später hält besagte Rettung an der Straßeneinfahrt. Sofort springen die Sanitäter aus dem Wagen und kommen mit ihren großen Notfalltaschen auf die beiden Polizisten zu gerannt.
„Was ist passiert?“, fragt der Eine, kaum dass er angekommen ist.
„Es gab eine Explosion. Er hat mehrere Schrapnellsplitter abbekommen, der Gefährlichste ist der in seiner rechten Brust. Seine Atmung und sein Puls sind schwach und unregelmäßig.“
Während der Sergeant den Rettungshelfern von seinen Beobachtungen erzählt, knien die beiden neben Jamie nieder und machen sich selbst ein Bild von dessen Verletzungen.
Die nächsten Minuten sind für Renzulli nicht wirklich greifbar. Alles verschwimmt vor seinem inneren Auge und das, was klar ist, ist zu schrecklich, um es sich erneut ins Gedächtnis zu rufen. Nur ab und an bekommt er Fetzen von dem mit, was um ihn herum geschieht. Die Sanitäter, wie sie Jamies Wunden versorgen und ihn transportfähig machen. Wie er neben Jamie im Krankenwagen sitzt und seine Hand hält. Wie die Maschine, die seine Vitalfunktionen überwacht, plötzlich laut anfängt zu piepen. Und wie Jamies Atmung und Herzschlag aussetzen und Panik in dem Wagen ausbricht.
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