Das Leben und ich

von lissy16
GeschichteDrama, Romanze / P16
28.01.2016
14.01.2020
21
32328
1
Alle Kapitel
3 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
Mal wieder war die Zukunft so nahe gewesen. Sie war so greifbar nah, dass ich sie fast spüren konnte. Doch sie entglitt mir, wie so oft. Ich hatte das Gefühl mich verloren zu haben. Ich hatte keine weisen Ratschläge mehr für mich. Ich habe keine Kraft und keinen Mut mehr. Was brachte mir der Wille zum leben, wenn nichts lebenswert war. Ich erinnere mich daran das Adam immer zu mir sagte, dass das Leben schön sei. Schön...das ich nicht lache. Schön war etwas komplett anderes.

Nun saß ich schon wieder sechs Monate später beim Arzt. Ließ mich nochmal wegen der Schusswunde am Bauch durchchecken. Die Augenscheinlich super verheilt ist. Nur eine kleine Narbe war zu sehen.
Die letzten Monate war ich vollkommen leer gewesen. Ich sah die Welt wie durch einen Schleier und meine Gedanken kreisten um ein und dieselbe Sache. Ich analysierte alles, von vorne bis hinten, bis ich wieder zu dem ein und demselben Entschluss kam. Ethan hatte mich nie geliebt. Er hatte mich an einen Mörder ausgeliefert. Er war skrupellos und verdiente meine Gedanken nicht. Doch leider war ich nicht gerade klug, denn eine klitzekleine Hoffnung, dass doch nicht alles Erstunken und erlogen war, keimte jedes Mal in meinen Hassgedanken auf.

„Ich denke wir sind fertig“
Ich war so in Gedanken versunken gewesen, dass ich gar nicht merkte, dass der Arzt schon längst fertig gewesen war. Ich nickte ihm dankbar zu, verabschiedete mich und verließ den Raum.

Ich war immer noch in Schottland. Dies war das einzig gute in meinem Leben. Natürlich wurden meine Eltern informiert. Ich überzeugte sie dennoch, dass ich hier in Schottland bleiben konnte. Sie waren verantwortungslos, das waren sie schon immer, aber dennoch war es nie zu meinem Nachteil. Na ja außer einmal...
Ich verabschiedete mich von meinem Arzt, der mich schon seit einer Weile betreute und tja was soll ich sagen, meine Gedanken streiften wieder zu Ethan über. Mein letzter Arzt.
Wenigstens bin ich vor einer Woche achtzehn geworden und konnte mir eine kleine Einzimmerwohnung Mieten.
Die Mieterin wusste zwar, dass ich noch keine 21 war, aber meine Eltern sprachen mit ihr und sie willigte ein, dass ich in der Wohnung wohnen durfte. Um das alles aber noch bezahlen zu können, habe ich sogar einen Job im Gasthaus bekommen. Ich darf die Zimmer herrichten und abends kellnern.
Das gute war, Essen, Geld für die Wohnung und wenn nötig andere Sachen bekam ich dort ebenfalls. Ich hatte mir ein kleines Leben hier aufgebaut und fühlte mich endlich frei. Und genau das hielt mich am leben. Suche das lebenswerte und halte es fest, denn man weiß nie wann man es verliert. Ein Mantra das mich schon eine Weile begleitet.

Verloren hatte ich ja schon einiges und leider bestimmte die Dunkelheit mein Leben. Das muss aber nicht so bleiben. Ich will das nicht. So musste es nicht sein.

Als ich am Haus Benleva ankam, fing es wieder an zu regnen und ich beeilte mich ins Innere des Hauses zu kommen. Mittlerweile war es früher Abend und ich ging mich zum Kellnern umziehen. Ich ging zu meinem Spinnt und entdeckte Will.
„Nah Kitty wie geht’s?“
Ich lachte, er nannte mich Kitty seit unserer ersten Begegnung. Ich war ziemlich abweisend und Naja kratzbürstig gewesen. Ich verstand, warum er mir diesen Namen verpasste. Jedoch kam er nicht ungestraft davon.
„Nah Kater, wie geht es dir denn so?“
Jetzt lachte auch er und klopfte mir auf die Schulter.
„Ganz gut Kitty. Das einzige, was mir schlechte Laune bereitet sind die vielen Gäste. Viele sind jetzt schon angetrunken. Das wird lustig heute Kitty“
Mein Lächeln rutschte eine Etage tiefer. Na toll...das heißt viele zerbrochene Gläser. Eklige Typen, die mich anmachten und jede menge Menschen, die nur Blödsinn in der Birne haben. Stichwort Prügelei.
„Das klingt ja super. Ich würde sagen auf in den Krieg Kater“
Er lächelte mich aufmunternd an und ging durch die alte Schwingtür. Ich selber guckte erstmals durch das kleine Fenster und begutachtete die Lage. Es waren tatsächlich schon viele da und die Stimmung war ausgelassen. Tja fragt sich nur wie lange noch.
Ich atmete nochmal tief durch und ging ebenfalls durch die Schwingtür.

Will war schon fleißig an Getränke auffüllen und ich schritt ihm sofort zu tat. Seit vier Monaten waren wir ein eingespieltes Team und erledigten unsere Arbeit im Schlaf. Will war von Anfang an nett zu mir. Er zauberte jedes Mal ein Lächeln in mein Gesicht, wenn sich mein Kopf schon längst verabschiedet hatte und er unterstütze mich, wo er konnte. Ich kann sogar fast sagen, dass er der erste richtige beste Freund ist, den ich in meinem Leben habe. Er ist ein Lichtblick und in gewisser Weise auch ein Stück Hoffnung, dass das Leben doch nicht so Scheiße ist, wie es sich in den letzten Jahren zeigte.

In meinen Gedanken versunken vergaß ich, dass ich gerade am Einschenken war und das Glas lief über.
„Mist Mist!“
Schnell holte ich einen Lappen und versprach dem Kunden schnell ein neues Getränk zu machen.
„Hey Kitty alles gut?“
Will schaute mich mit seinen blauen Augen an und fuhr sich durch seine schwarzen, strubbligen haare. Für die meisten schien er wahrscheinlich sehr attraktiv zu sein, doch irgendwie war ich dagegen immun. Denn ich fühlte in der Hinsicht gar nichts. Ethan hatte mich für mein ganzes Leben geschädigt. Verdammt hör auf an ihn zu denken.
Ich zwang mich zu lächeln und sagte:“Na klar, kennst mich doch Kater. War nur in Gedanken“
Er runzelte seine Stirn, schaute mich noch zwei Sekunden an und fuhr dann weiter mit seinen Bestellungen fort.
Ich machte meine Bestellungen fertig und beschloss ein wenig Gläser abzuräumen, die nicht wieder am Tresen gelandet sind.
Ich ging zum erstem Stehtisch und räumte die Gläser ab. Ein schmieriger Typ ließ mich nicht gehen, als ich mit dem Tisch fertig war.
„Nahh kleine willst du mir und dir nicht einen Drink bringen?“
Ich schaute ihn abweisend, gleichzeitig höflich an und sagte:“Nein danke, ich werde meine Arbeit jetzt fortsetzen und wenn sie einen Drink möchten, holen sie sich diesen an der Bar. Ich bin keine Bedienung“
Er rümpfte die Nase und sah mir kalt in die Augen. Man sah gut, dass er schon ziemlich betrunken war. Deswegen wartete ich gar nicht seine Antwort ab und wollte an ihm vorbeigehen. Doch er hielt mich am Arm fest und das ganze Tablett fiel zu Boden. Gedankenfetzen von Nick und dem Schuss zuckten durch meinen Kopf. Ich fiel auf die Knie und hielt meine rechte Hand an der längst verheilten Schusswunde. Zitternd machte ich mich zu einer Kugel und wünschte, dass die Phantomschmerzen aufhörten. Als ich anfing vorschmerzen zu schreien, wurde alles schwarz und ich fiel...viel weiter als ich wollte.

„Joy Joy... komm schon Kitty wach auf„
Hört das jemals auf. Hört es jemals auf, dass ich zu schwach für alles bin. Hört es auf das ich in diesem sterilem Raum aufwache, neue Hoffnung schöpfe und am Ende doch wieder hier drinnen zu landen.
Erschöpft öffnete ich die Augen und Will schaut mich verzweifelt an. Leider muss ich zugeben, dass dies jetzt schon das zweite Mal passiert ist und ich diesmal nicht drum herumkommen werde psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen.
„Kitty du weißt ganz genau jetzt ist Schluss mit lustig“
Es lag so ein ernst in seiner Stimme, dass egal was ich gesagt hätte, ihn nicht interessiert hätte.
Ich seufzte und nickte langsam.
„Ich weiß“

6 Woche später:

Ich war zum Psychologen gegangen und begann eine intensive Therapie. Nach drei Wochen hörte ich auf mich dagegen zu wehren und nach fünf Wochen fing ich an meine Sichtweisen auf das ganze zu überdenken.
In der sechsten Woche stellte ich zum erstem Mal fest, dass sich etwas verändert hatte. Ich zuckte lediglich zusammen, wenn ein Glas zerbrach und wenn jemand schreite, war ich erst erstarrt, aber fand schnell in meinen Rhythmus zurück.
Will stand mir immer zur tat, wo er nur konnte und wir entwickelten Methoden die mich beruhigten, wenn mir die Situation zu viel wurde.
Ich erkannte das eine Therapie etwas völlig normales war und wenn man sich darauf einlässt, auch helfen kann. Früher habe ich mich dagegen gewehrt. Ich wollte nicht verrückt sein. Dabei war ich nicht verrückt gewesen, sondern nur am Ende meiner Kräfte. Es war nichts Verwerfliches nach Hilfe zu bitte und sie anzunehmen. Genau das musste ich lernen, um endlich der Mensch zu werden, der mein Leben aushält.
Vielleicht war ich nicht vollkommen geheilt und vielleicht würde ich das auch nie sein. Aber das ist okay, solange ich lerne damit zu leben und auf meine Weise glücklich zu werden.

Ich konnte tatsächlich sagen, dass es mir gut ging, vielleicht nicht wundervoll, aber auf jeden Fall gut. Ich habe meine Stärke, meinen Willen und meine Hoffnung wieder gefunden und egal was noch auf mich zu kommen mag, ich nehme es an und kämpfe.
Mittlerweile war es spät in der Nacht und ich war auf den Weg nachhause. Manche Laternen flackerten und die Straße wurde nur spärlich beleuchtet. Der Wind pfiff um mich herum und ich spürte das ein Gewitter aufzog. Meine Schritte wurden schneller, ich hatte keine Lust pitschnass anzukommen. An meiner Tür angekommen, suchte ich der Tasche meinen Schlüssel. Ich fand ihn, aber so tollpatschig wie ich war, fiel er auf den Boden. Genervt beugte ich mich nach dem Schlüssel. Als ich gerade den Schlüssel aufhob, schoben sich mir zwei schwarze Schuhe ins Blickfeld. Entschuldigend wollte ich mich aufrichten, doch dann stockte mir der Atem.
Das konnte nicht sein. Verdammt das war unmöglich.
Review schreiben