Von Mimiky, dem Gesichtslosen

KurzgeschichteAllgemein / P12
26.01.2016
26.01.2016
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Gewidmet ist diese kleine Mär’ meinem Vater

Inspiriert wurde sie durch „Der Name des Windes“ von Patrick Rothfuss


Es war einmal vor langer Zeit ein junger Mann von niederem Adel. Er war der Jüngste seines Hauses und auch wenn er charmant, intelligent und stark war, so waren seine älteren Brüder erfolgreicher als er in der Politik, der Wissenschaft, im Gefecht und nicht zuletzt bei den Damen. Am hohen Hofe wurde auf ihn herab gesehen, ob seines geringeren Standes, von seiner Familie wurde er wegen seiner Talentlosigkeit getadelt und das gemeine Volk wollte mit einem Aristokraten, wie er es war, nichts zu tun haben.
So gab es nirgends einen Platz für ihn und er suchte sein Glück immer öfter im Schauspiel. Bald hatte er sich dieser Kunst mit Leib und Seele verschrieben. Er schlüpfte in eine Vielzahl von Rollen und spielte vor jedermann phantastische Leben nach, die nicht die seinen waren; mal vor den Adelsleuten, mal vor Arbeitern, Akademikern, Soldaten und auch vor seiner Familie, ohne dass sie in ihm einen Blutsverwandten erkannten. Es wussten nur eine Handvoll Menschen von seinem Treiben und noch weniger interessierte es.
Für den jungen Adelsmann war sein Leben nun zweigeteilt: Das erdrückende Leben, in welches er hinein geboren worden war, in welchem er ein Versager geschimpft wurde, und das grenzenlose Spiel, welches er für sich entdeckt hatte, das er meisterlich beherrschte und in dem man ihm Anerkennung und Respekt zollte, während er eine Abenteuerlichkeit nach der anderen bestritt. Stets wünschte er, Ersteres für immer zu überwinden und das Zweite ganz sein Eigen nennen zu können.
In diesem Sehnen verbrachte er Jahr um Jahr, bis er eines Tages eine gute Fee traf. Sie hatte sich, wie sie es zu tun pflegte, in Gestalt eines alten Weibes unter die Bürger dieses Landes gemischt. So wurde sie an jenem Tage Zeuge einer unentgeltlichen Aufführung auf dem Marktplatz, in welcher der junge Schauspielmeister dem Publikum all sein Können präsentierte. Gerührt ob dieser Leidenschaft und dieses Vermögens und betrübt ob seines Leidens, beschloss sie, ihm ein Geschenk zu machen.
Nachdem der letze Zuschauer gegangen war, die übrigen Darsteller die Bühne geräumt hatten und der junge Mann alleine da saß und nicht zurückkehren wollte in sein andres Leben, offenbarte sie sich ihm.Verwundert, doch nicht ungläubig hörte er ihr zu und geriet ins Staunen, als sie ihm eine vom Alter gezeichnete Theatermaske überreichte. Sie erklärte ihm, dass dies eine verwunschene Maske sei, perfekt in vielerlei Hinsicht, da sie ihrem Träger nicht nur die Gestalt der Figur, die er darstellen wollte, sondern auch deren Fähigkeiten verlieh. Ganz gleich ob er eine Theaterfigur mimte oder einen leibhaftigen Menschen imitieren wollte, in jedem weltlichen Sinne würde er zu dieser Person.
Der junge Adlige konnte sein Glück kaum fassen. Begeistert riss er der Alten die verheißungsvolle Maske aus den Händen, bedankte sich überschwänglich — und rannte los, um sie sogleich zu erproben. Ach, hätte er doch noch einen Moment gewartet, hätte er seine Freude doch Zügeln können, denn die gute Fee hatte noch nicht zu Ende gesprochen. Und so ging der Ruf der Barmherzigen verloren und erreichte ihn nimmer mehr: „Doch vergiss nie über all dein Spiel und all deine Illusionen, wer du wirklich bist, denn sonst wirst du weniger als ein Schauspieler, weniger als ein Mensch werden.“
Somit ohne Scheu und Skrupel wechselte der Mime sein Gesicht so oft wie manch ein Weib ihr Kleid: Als mysteriöser Fremder vertrieb er umherstreifende Banditen von den Feldern und aus den Wäldern; als tapferer Bauernsohn stürzte er den Tyrannen, der derzeit das Volk unterdrückte; als ruhmreicher Feldherr nahm er alsbald ganze Königreiche ein. Der Weise schuf reines Gold aus schnödem Eisen, der Mystiker enthüllte das Geheimnis ewigen Lebens, der charmante Barde verführte Frau um Frau und als alter Mann wies er so manchen Anderen ihren Weg zum Heldentum.
Es verging so manche Epoche und bald war sein alter Name in Vergessenheit geraten und er nannte sich voller verblendetem Stolz Mimiky, den Mann mit den eintausend Gesichtern. Doch eines Tages, als sein Vaterland untergegangen, seine Sippe ausgestorben und auch das letzte Zeugnis seiner Existenz von Zeit und Eitelkeit ausgelöscht worden war, verliebte er sich in eine schöne Bauerstochter. Sie war so wunderschön wie die Sommersonne, welche des Morgens die Ähren in goldenes Licht taucht, so munter wie ein plätscherndes Bächlein am ersten Frühlingstage, so sanftmütig wie der Mantel aus weichem Schnee, in den sich die Welt zur Weihnachtszeit kleidet und so anmutig, wie es eine weiße Schwanenfeder im launischen Herbstwind nicht sein könnte.
Sein einz’ges Unglück: Seine Ersehnte war bereits einem and’rem versprochen. Doch jenes bemitleidenswerte Offziersbalg fiel schnell unter dem Messer des heimlichen Attentäters, nur gab es weder Zeremonie, Grab oder Leiche und keine Menschenseele vermisste ihn, denn an seine Stelle trat Mimiky, um in der Gestalt des Verstorbenen seine Angebetete zu ehelichen.
Viele glückliche Jahre vergingen wie im Traum, doch immer mehr entpuppte sich dieser für Mimiky als Alptraum. Denn es war nicht er, den die Schöne geheiratet hatte; es war nicht er, den sie anlächelte, nicht er, an den sie sich schmiegte, den sie küsste, mit dem sie ihre Geheimnisse teilte, dem sie ihr Herz ausschüttete. Es war nicht er, mit dem sie die Nacht verbrachte, es war nicht er, den sie liebte — Er war nicht der, den sie liebte.
Sie hatte ihr Leben an der Seite des Soldatensohns, ihrem Verlobten, verbracht, in dessen Haut nun Mimikry steckte, doch ihn selbst kannte sie nicht einmal. Es quälte ihn mehr und mehr, bis es unerträglich wurde. Er versuchte es ihr zu erklären, zu gestehen, wer er in Wirklichkeit war, was er getan hatte, doch sie lachte ihn nur aus, hielt das ganze für einen dummen Spaß. Sie konnte sich unmöglich vorstellen, dass der Mann, den sie geheiratet hatte, jemand anderes sei als jener, dem sie von Kindesbein an versprochen war, so mächtig war die Magie der Maske.
Alle Bemühungen Mimiky’s halfen nichts. Seine Beteuerungen, sein Flehen. Selbst als er ihr seine andere Rollen zeigte, erkannte sie ihn nicht in ihnen und hielt weiterhin alles für einen schlechten Scherz. Spöttisch sprach sie zu ihm, wenn er eine solche Maske an hätte, sollte er sie doch abnehmen, damit sie ihm in sein wahres Gesicht schauen könne.
Und so — Oh weh! — griff sich Mimiky in’s Gesicht, entfernte die Maske und zerfiel sofort zu Staub. Denn sein wahres Gesicht hatte er schon längst vergessen und verloren.


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Und die Moral von der Geschicht’:
Sich verstellen lohnt sich nicht!
(Und: Wer Doppler nicht liebhat, der ist nicht ganz dicht.)
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