The Maiden Thief

von Glimmer
KurzgeschichteRomanze / P12
OC (Own Character) Sir Guy of Gisborne Vaisey der Sheriff of Nottingham
26.01.2016
05.02.2016
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The Maiden Thief

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Fang mich



Nebel verlor sich im Dickicht und der Geruch nach Moder und Erde hing in der Luft. Faules Laub raschelte unter den Hufen der Pferde und die gewundene Straße führte sie tiefer in den Wald hinein. Guy schwitzte unter seiner Lederrüstung, obwohl feuchte Kälte die Luft schwer werden ließ. Grabesluft, schoss es ihm ungewollt durch den Kopf und er presste die Lippen zusammen. Die beklemmende Stille, die über den Bäumen lag, machte ihn nervös, und er hasste dieses Gefühl. Etwas schien in den Schatten zu lauern, etwas, das keiner nennen wollte. Jedes Knacken, jeder Vogelruf ließ seine Soldaten unruhig in ihren Sätteln umherrutschen und die Augen unter den Helmen huschten beständig durchs Dickicht. Sie wussten, sie waren nicht allein. Man war niemals allein im Sherwood Forrest.

Nicht heute!, dachte Guy mit grimmiger Entschlossenheit und ließ seinen finsteren Blick wachsam über den Wegrand gleiten. Griffbereit ruhte seine Hand auf dem Knauf seines Schwertes. Seine Kiefermuskeln spannten sich an, als er an die unzähligen Schmähungen des Sheriffs dachte, die an seinem Stolz nagten, wie Ratten, die er nicht totschlagen konnte. All die Fehlschläge, Hood zu fassen, all die unzähligen Male, die diese Pest ihn lächerlich gemacht hatte. Nein, nicht heute!

Und doch atmete er unwillkürlich auf, als drei markant geformte, moosbewachsene Felsen vor ihnen aus dem Nebel auftauchten. Er gebot seinen Männern mit einer Handbewegung, zu halten und stieg ab. Der Medicus des Sheriffs irrte sich besser nicht, was diese Stelle betraf. Männer hatten in letzter Zeit schon wegen weniger ihren Kopf verloren. Schon seit Wochen terrorisierte der Sheriff das Schloss mit einem furchtbaren Husten, seine Launen schlimmer und unberechenbarer denn je. Guy verzog verächtlich einen Mundwinkel. Er konnte es kaum erwarten, wenn Vaisey endlich wieder zu seiner gewöhnlichen Unausstehlichkeit zurückkehrte. Es machte auch ihn launisch und er hasste es, wenn er die Beherrschung verlor.

Irgendwo über ihnen hörte er das Kreischen eines Raubvogels. Ein gefiederter Schatten huschte über ihn hinweg. Guys Augen verengten sich misstrauisch und er versuchte den Nebel zu durchdringen. Doch der Vogel war verschwunden. Guys Schritte wurden vom feuchten Gras gedämpft, sein Blick war starr auf den Felsen vor ihm gerichtet. Das dunkle Rot der Pflanze, stach so deutlich davon ab, er erkannte sie sofort. Auch die gezackten Blätter glichen der Abbildung des Medicus. Er würde sie pflücken, zum Schloss bringen, wo man sie zu einer Heilsalbe verarbeiten würde und der Sheriff würde endlich einmal zufrieden mit ihm sein müssen.
Keine Schönheit lag in der verwilderten Gestalt der Pflanze – mehr Kraut als Blume. Ihre Seltenheit hatte sie an diesen Ort gezwungen und doch war Seltenheit kein Garant für Erfolg. In diesem Fall tat sie jedoch besser ihren Dienst, dachte er nüchtern und zückte seinen schmalen, gekrümmten Dolch.
Doch er kam nicht mehr dazu ihn zu benutzen. Noch bevor er den dumpfen Aufprall hörte, schnellte Guys Kopf alarmiert nach oben.
Eine Kapuze, ein Umhang – ein Stiefel traf ihn hart am Kinn und ließ ihn zurückstürzen. Im Bruchteil einer Sekunde, war die Gestalt vom Felsen an ihm vorbei gesprungen – in der Hand die wertvolle Pflanze.
Hastig tastete Guy das Gras ab. Wo war sein Dolch? Er bekam den Griff zu fassen, sprang auf, drehte sich um und warf, noch bevor er vollends auf den Beinen war. Der Dieb stolperte, fing sich wieder und sah hastig nach links und rechts, nur um sich von Guys Soldaten umzingelt zu sehen. Wut hatte Guy sein Ziel verfehlen lassen. Der Dolch hatte sich zwischen Nacken und Schulter des Diebes im Stoff seiner Kapuze verfangen. Wäre es nach Guy gegangen, der Dolch hätte in seinem Rücken gesteckt. Guy zückte sein Schwert und schritt lauernd auf die kapuzenverhüllte Gestalt zu. Mit der anderen Hand fuhr er sich verbittert übers Kinn, dort wo ihn der Stiefel erwischt hatte. Er würde Hood zahlen lassen! Dieses Mal hatte er ihn, dieses Mal würde er nicht davonkommen!
Ein siegessicheres Lächeln legte sich um seinen Mund. Selbst ein Fuchs lief einmal in die Falle! Zwei Schritte vor der Gestalt hielt er inne, ließ das Schwert sinken und genoss das Gefühl der Überlegenheit, das ihm die Soldaten um ihn herum verliehen. Der Dieb sah zu Boden, versuchte, seinem Blick auszuweichen.
Und das Lächeln entglitt Guy. Misstrauen machte sich in seinem Innerem breit. Das war nicht typisch für ihn! Nicht für Hood! Er, der keine Konfrontation scheute, keine Gelegenheit ausließ, ihm ins Gesicht zu lachen.
Guy trat noch einen Schritt näher. Der Dieb versuchte auszuweichen, sah sich hastig um. Doch aus dem Kreis gab es kein Entkommen.
Wut kroch Guy die Kehle hinauf, spürte, wie ihm sein Triumph zwischen den Fingern zerrann. Nein, so viel war sicher: Das war nicht Hood. Sich der Waffen seiner Soldaten bewusst, steckte er grimmig das Schwert weg. Ungeduldige Neugier machte sich in ihm breit. Wann hatte eigentlich jeder zweite Tagedieb in Nottingham beschlossen, dem Gesetz so offen in die Quere zu kommen? Und seit wann zeigten ihm Hoods Leute nicht ihr Gesicht, zu stolz um vorsichtig zu sein?

„Wer bist du?“, raunte er leise „Zeig mir dein Gesicht!“ Er war ihm so nah, er konnte ihn ängstlich atmen hören. Guy griff nach seinem Dolch im Stoff des fremden Umhangs. Beinahe liebkosend strich er mit der Klinge über den Stoff zu seiner Kehle, seine Augen stürzten sich auf jede potenzielle Angstreaktion.

„Wo ist dein Anführer, hm? Ist sich Robin Hood mittlerweile zu Schade, um mich persönlich zu bestehlen?“
Der Dieb schwieg verbissen. Mit der hungrigen Präzision eines Panthers streifte Guy ihm schließlich die Kapuze ab.
Wilde, rote Locken quollen darunter hervor und blaue Augen starrten ihn schreckgeweitet an. Guy stand da, wie vom Donner gerührt.
Sein Dieb war eine Frau.
Guy starrte sie einen Moment lang ungläubig an und dann kroch die dämmernde Erkenntnis schamerfüllter Wut in ihm hoch. Sein Kiefer schmerzte immer noch von ihrem Tritt. Grimmig ließ er seine Augen über ihre schmale Gestalt gleiten. Sie war so ungewöhnlich, wie die gestohlene Pflanze in ihrer Hand. Beiläufig registrierte er, dass sie die Kleidung eines Jägers trug – Beinkleider, Stiefel und Handschuhe aus Leder, Leinenhemd, Umhang. Nichts, was eine Frau kleiden sollte. Sie sollte zuhause sitzen und die Strümpfe ihres Ehemanns stopfen, das Haar züchtig unter einer Haube.
Ihre blauen Augen huschten über sein Gesicht, er sah, dass sie versuchte, ihre Furcht zu verstecken. Die Strafe für Diebe war hart. Gesetz war Gesetz.
Guy umklammerte seinen Dolch fester und in diesem Moment kreischte der Raubvogel erneut. Und der Blick in den Augen des Mädchens veränderte sich. Sie war nicht länger furchtsam. Er las Gewissheit darin. Guys Kopf schnellte abermals hoch, als ein gefiederter Schatten aus dem Nebel herabstieß. Es war ein Jagdfalke. Er machte sich innerlich auf scharfe Krallen gefasst, doch der Vogel hatte es nicht auf ihn abgesehen. Stattdessen stürzte er sich auf einen seiner Soldaten. Noch bevor Guy begriff, war das Mädchen herumgeschnellt und an dem Mann, der versuchte, sich den Vogel vom Leib zu halten, vorbei aus dem Kreis gesprungen.

„Halt!“, brüllte Guy und einige Meter vor dem Rand der Lichtung blieb sie stehen und wandte den Kopf. Ihr Mund verzog sich zu einem herausfordernden Grinsen und ihre blauen Augen funkelten ihn an. Fang mich doch!, schienen sie zu lachen. Für einen Moment noch sah sie ihn an – und dann schnellte sie mit einem Mal zwischen die Bäume davon, wie ein Pfeil. Beinahe sofort ließ der Falke von seinem Soldaten ab und verschwand mit einem triumphierenden Kreischen im Nebel.

„Schnappt sie!“, brüllte Guy, lief zurück zu seinem Pferd und schwang sich in den Sattel. Unbarmherzig gab er seinem Rappen die Sporen. Sie wollte also spielen? Er würde ihr zeigen, was Dummheit kosten konnte! Hätte er Bogenschützen dabeigehabt, hätte ein Pfeil längst ihren Rücken geziert und ihr Vogel wäre im feuchten Gras verreckt! Aber so machten sie es eben auf die altmodische Art. Ihr rotes Haar tanzten zwischen den dicht stehenden Bäumen hindurch, fingen seine Augen durch den Nebel ein wie ein Netz. Fuchsjagden waren eine beliebte Sportart unter den Adeligen Südenglands, vielleicht sollte er diese vielgepriesene Mode einmal selbst testen?
Trotz des steilen Geländes trieb Guy seinen Rappen unbarmherzig an. Blätter stoben auf, als er mit donnernden Hufen vorüber flog, sein schwarzer Mantel bauschte sich unheilverkündend hinter ihm. Eine fiebrige Erregung hatte ihn gepackt, ließ ihn unter seiner Rüstung zittern.
Und dann war sie plötzlich nicht länger vor ihnen und die Hufe seines Pferdes gruben sich heftig in den Boden. Keuchend ließ er seine Augen über die Lichtung gleiten, während sich seine Männer hinter ihm sammelten. Eine Felswand ragte vor ihnen auf, ihre Ausläufer erstreckten sich nach links und rechts. Ein Vorbeikommen war unmöglich. Ihre Jagd war zu Ende – von dem Mädchen keine Spur. Die Heilpflanze war mit ihr verschwunden.
Kalte Wut gepaart mit Unglauben blitzte in seinen Augen auf. Fieberhaft suchte er die Felswand ab, zwang sich zur Ruhe. Noch war nichts verloren, sie konnte nicht weit sein. Ihm war heiß, viel zu heiß und er konnte den Schweiß seines Pferdes riechen.  

„Wir wollen nur was du bei dir trägst. Komm heraus und dir geschieht nichts!“, rief er und versuchte seiner Stimme einen vertrauenerweckenden Klang zu geben. Er wusste sie war ganz nah, konnte es deutlich spüren. Angespannt hielt er inne, lauschte auf das kleinste Geräusch.

„Vertrau mir! Ich bin der Lord of Locksley.“, versuchte er es noch einmal in schmeichelndem Tonfall. Doch die Lichtung blieb still. Wo versteckte sie sich?

„Sagt mir, Lord of Locksley, sind die Köpfe Eurer Soldaten genauso leer wie Eure Worte?“, erklang da eine Stimme und sein schwarzes Haar fiel ihm in die Stirn als sein Kopf zum dritten Mal an diesem Tag ruckartig nach oben zuckte. Feindselig starrte er die Gestalt an, die auf der Felskante saß und gelassen die Beine baumeln ließ. Sein Pferd tänzelte unruhig unter ihm.

„Komm herunter!“, sagte er noch einmal beschwörend, versuchte seine Wut über ihre Dreistigkeit zu zügeln, hinter seiner kalten Fassade zu verstecken. Doch die Drohung in seiner Stimme war unüberhörbar.  

„Ihr könnt ja heraufkommen!“, rief sie mit hochgezogenen Augenbrauen zurück. Finster starrte er zu ihr hinauf. Sah, wie sich die Sonne in ihrem Haar verfing. Zorn zuckte in ihm hoch, darüber, wie leicht sich seine Gedanken ablenken ließen. Er wurde einem Mädchen nicht Herr und jeder einzelne seiner Soldaten war ihr Zeuge.

„Das gehört jetzt wohl mir!“ rief sie mit einem schalkhaften Funkeln in den Augen und hielt das Kraut provozierend über den Abgrund, als legte sie es darauf an, ihn noch mehr zu reizen.

„Her damit!“, rief er warnend und seine tiefe Stimme wurde von der Felswand zurückgeworfen. Doch sie schien in voller Fahrt zu sein.

„Was tut Ihr, frage ich mich, wenn ich Eurer höflichen Bitte nicht nachkomme, Lord of Locksley?“, grinste sie herunter. Guy war mit seiner Geduld am Ende.

„Gib es mir, oder meine Soldaten schießen dich herunter!“, brüllte er.
Sie verstaute das Heilkraut seelenruhig in einem Lederbeutel an ihrem Gürtel. Sie hatte wohl gesehen, dass seine Soldaten weder Pfeile noch Bogen dabeihatten.

„Ich gebe Euch einen Rat, Lord of Locksley!“, meinte sie. „Beim nächsten Mal, nehmt ein schnelleres Pferd!“
Guy presste die Kiefer aufeinander. Hätte er gewusst, wie sie da hinauf gekommen war, er hätte ihr für ihre Dreistigkeit eigenhändig den Hals umgedreht, doch in Ermangelung dieser Alternative musste er sich damit begnügen, ihr einen erbitterten Blick zuzuwerfen und mit malmenden Kiefern hinaufzustarren, während er sein Pferd lauernd vor der Wand auf und abgehen ließ.
Doch das Mädchen hob nur spitzbübisch grinsend die Hand und winkte ihm mit ihren Fingern zu, wie bei einer kindlichen Abschiedsgeste. Sie beide wussten, dass sie gewonnen hatte. Sein Mund verzog sich wütend, während er sein Pferd wendete. Es blieb ihm nichts Anderes übrig. Der Wald verschluckte seine Soldaten wie ein hungriges, grünes Tier.
Am Waldrand hielt er inne, warf einen Blick zurück auf die Frauengestalt oben an der Felskante. Ein neugieriger Ausdruck war in ihre Augen getreten, die unverwandt auf ihn gerichtet waren. Kalt und stechend traf sie sein Blick. Er würde sie schon noch kriegen, der Sheriff hatte schon Leute wegen weniger gehängt. Sie zog sich mit einer Hand die Kapuze über den Kopf, verbarg ihre leuchtend roten Locken vor seinem Blick.
Verstecke dich nur, Diebin! Ich kriege dich schon noch!
Nein, er war kein Mann der Spott leicht verzieh. Das hier würde ein Nachspiel haben, darauf konnte sie Gift nehmen!
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