Der Topf wird kalt

von Alona
KurzgeschichteHumor / P6
26.01.2016
26.01.2016
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Der klappernde Deckel des Topfes lenkte Yorks Blick immer wieder auf den Beifahrersitz.
„Was denkst du, Zach?“, murmelte er dabei. „Wackelt er von allein oder wegen der unruhigen Fahrt?“
Unter anderen Umständen war diese Strecke geradezu malerisch, sie führte direkt am Lake Knowledge vorbei, der glitzernd in der Sonne lag und zum Angeln und Verweilen einlud. Normalerweise ging er dieser Einladung nur zu gern nach, besonders wenn es bei der Untersuchung des Falls gerade keine neuen Spuren gab („Zach, wir sollten hier unbedingt Urlaub machen, wenn das alles vorbei ist.“) aber in diesem Moment drückte er das Gaspedal durch, um Sigourney nach Hause zu fahren. Sie war wieder einmal mit ihrem Topf weit abseits in einem anderen Teil der Stadt gelandet – und York war wohl der einzige, der verrückt genug war, sie noch zu fahren. Im Grunde konnte er es verstehen, denn Sigourneys ständiges Geplapper konnte einem wirklich den letzten Nerv rauben – besonders wenn sie einen nach einem Beinahe-Zusammenstoß mit einem Truck fragte, ob man wirklich so vorsichtig fahren müsse.
„Sehen Sie denn nicht, dass der Topf kalt wird?!“, beklagte sie sich gleich im Anschluss, während das Auto sich gerade für eine Sekunde wegen einer Bodenwelle in der Luft befand.
Die Stadtbewohner mochten das inzwischen als nervig empfinden, sie hatten allesamt Besseres zu tun, aber York wurde von einer Neugier geleitet, die es ihm verbot, sie einfach zu ignorieren, wann immer er Sigourney am Straßenrand sah.
Was war nur in diesem Topf? Warum durfte er nicht kalt werden? Und warum machte Sigourney ein solches Geheimnis daraus?
Es gab unzählige Antwortmöglichkeiten, die ihm allesamt nicht weiterhalfen, solange er nichts Definitives wusste. Aber er weigerte sich zu glauben, dass Sigourney einfach nur nicht mehr ganz bei sich war, so wie es nicht selten aussah, wenn man bedachte, dass sie stets nur mit einem Schuh durch die Gegend lief. Aber das verstärkte nur seinen Gedanken, dass etwas mit der ganzen Stadt nicht in Ordnung war.
„Leute vom Land sind wirklich eigenartig, denkst du nicht auch, Zach?“
Sigourney widmete seinem kleinen Selbstgespräch keine Aufmerksamkeit, ihre Beine begannen wieder unruhig zu hibbeln. „Das ist nicht gut! Er verliert immer mehr seiner Wärme!“
Die anderen Stadtbewohner dürften inzwischen das Interesse an dem Inhalt von Sigourneys Topf verloren haben oder es war nie vorhanden gewesen. Er verstand nicht, wie man so wenig neugierig sein konnte, besonders in einer kleinen Stadt wie Greenvale, in der sonst nichts weiter Spannendes geschah – abgesehen von einer Mordserie, die aber auch nicht ständig vorkam.
„Wir sind gleich da, Sigourney“, beruhigte York sie. Oder zumindest versuchte er es.
Sie schien ihm aber nicht im Mindesten zuzuhören. „Bei diesem Schneckentempo wird er kalt sein, bevor wir ankommen!“
Er warf einen kurzen Seitenblick zu Sigourney und erinnerte sich dabei daran, dass Polly ihm erzählt hatte, in ihrer Jugend sei diese verrückte Topflady die schönste Frau Greenvales gewesen, mit unzähligen Verehrern. Von beidem war heute nichts mehr übrig, aber manchmal, besonders wenn sie sich solche Sorgen um den Topf machte und in leidenschaftliches Wüten über die Fahrzeit ausbrach („Warum sind wir noch nicht da?! Beeilung, treten Sie aufs Gas!“), glaubte York, einen Schimmer dieser einstmaligen Schönheit erkennen zu können. Vielleicht fuhr er sie deswegen so gern herum, während jeder andere von ihrem Verhalten bereits genervt und angeödet wäre.
York ignorierte das hupende Auto, als er mit quietschenden Reifen links einbog und damit dem anderen Fahrer die Vorfahrt nahm. Glücklicherweise hielten sich alle anderen in Greenvale an die Verkehrsregeln, so dass es nicht weiter ins Gewicht fiel, wenn er es nicht tat („Wie vielen Unfällen sind wir dadurch schon entkommen, Zach?“). Im Notfall könnte er sich ohnehin mit seiner FBI-Marke herausreden. Die Menschen waren seltsam gehorsam, sobald die autoritäre Macht ins Spiel kam. Ihn störte das allerdings nicht im Mindesten, erlaubte ihm das doch allerlei Freiheiten, die er – unter anderem – für die Ermittlungen nutzte.
Noch einmal bog er links ein, in das kleine Viertel, in dem Sigourney wohnte. Teuer aussehende Häuser, die der oberen Mittelschicht vorbehalten waren, standen hier, gemeinsam mit allerlei Bäumen und Büschen, die ebendiese Häuser fast schon hinter sich versteckten. Es war eine angenehm ruhige Gegend, in der man seine Kinder großzog, weil man sich keine Sorgen machen musste, dass sie überfahren oder entführt wurden – außer vielleicht bei Regen.
Die Ruhe wurde lediglich von York gestört, wenn er, wie auch an diesem Tag, den Wagen mit quietschenden Reifen in Sigourneys Auffahrt halten ließ. Wieder einmal lag ihr zweiter Schuh auch dort. „Warum verliert sie ihn immer an derselben Stelle, Zach?“
Nachdem er Sigourney, die sich immer noch an ihren Topf klammerte, aus dem Wagen geholfen hatte, atmete sie erleichtert auf. „Dank Ihnen ist mein Topf noch warm.“
Der Deckel rührte sich nicht mehr, vielleicht hatte er wirklich nur wegen der unebenen Straße und der hohen Geschwindigkeit gewackelt. Dann konnte man wohl ausschließen, dass es sich um etwas Lebendes handelte. Dabei wäre das eine interessante Theorie dafür gewesen, dass er nicht kalt werden durfte.
Nachdem er sich nun derart geirrt hatte – jedenfalls wirkte es so – tippte er mit der linken Hand nachdenklich auf seiner Brust. „Wollen Sie mir immer noch nicht verraten, was sich in dem Topf befindet?“
Sigourney senkte ihre Stimme zu einem mysteriösen Raunen: „Das ist ein Geheimnis zwischen dem Topf und mir. Sie müssen ihn verstehen lernen, damit der Topf Ihnen antwortet.“
„Dann habe ich noch nicht genug Zeit mit ihm verbracht?“
Bedauernd schüttelte sie mit dem Kopf. „Wenn Sie das fragen müssen, noch lange nicht.“
„Sieht ganz danach aus.“ Er hörte mit dem Tippen auf und hob dafür den Zeigefinger der linken Hand. „Nun, dann werde ich noch ein wenig mehr Zeit mit ihm verbringen, um ihn besser kennenzulernen.“
Wie lang auch immer das noch dauern durfte.
„Und vergessen Sie nicht ...“ Sigourney beugte sich ein wenig vor und senkte die Stimme zu einem verschwörerischen Flüstern, als dürfe der Topf keinesfalls wissen, worüber gerade gesprochen wurde. „Der Topf weiß alles.“
Sie schien wirklich das Gefäß zu meinen und nichts, was sich im Inneren befand.
„Das werde ich nicht vergessen, Sigourney.“
Mit erleichterter Miene stellte sie sich wieder aufrecht hin. Doch es blieb keine Zeit, um eine ruhige Sigourney zu genießen, da sie plötzlich wieder begann, nervös von einem Fuß auf den anderen zu hüpfen. „Oh nein! Warum mussten Sie so lange reden?! Der Topf wird kalt!“
Damit fuhr sie eilig herum und verschwand überraschend schnell im Haus. York blieb nicht einmal die Zeit, sich zu verabschieden. Stattdessen griff er sich an die Schläfe. „Das war wieder aufregend, was, Zach?“
Er seufzte leise, als jede Antwort ausblieb, da Zach das vermutlich anders sah. „Wollen wir dann etwas Entspannenderes machen? Wie wäre es zum Beispiel mit Angeln?“
Dem stimmte Zach mit Freuden zu, so dass York keinerlei Problem darin sah, sich abzuwenden und zum Auto zurückzukehren. Bis es eine neue Spur gab, könnte er die Zeit weiterhin genießen – und er hatte vor, das auch sehr ausgiebig zu tun.